Der Prophet Daniel und die Zeiten der Nationen

Daniel 9

In diesem Kapitel tritt Daniel in einer neuen Art und Weise vor uns. Bisher haben wir gesehen, wie er göttliche und prophetische Botschaften empfangen hat, doch jetzt sehen wir, wie er die Gedanken Gottes versteht, indem er die Schriften liest und für Gottes auserwähltes Volk Fürbitte tut.

Wie viel Zeit zwischen diesem und den vorangegangenen Kapiteln liegt, können wir nicht sagen, da wir die Dauer der Regierungszeit Belsazars nicht wissen. Belsazar hatte infolge seiner Gesetzlosigkeit sein Leben durch das gerechte Gericht Gottes verwirkt, und „Darius', der Sohn Ahasveros', aus dem Geschlecht der Meder“, war König über das Reich der Chaldäer geworden. In seinem ersten Regierungsjahr fanden die Ereignisse dieses Kapitels statt (Verse 1 und 2).

Zwei entscheidende Merkmale kennzeichnen Daniel:

  1. Eine ernsthafte Liebe für den Ort, an dem Gottes Ehre wohnte, und
  2. eine nie endende Zuneigung zu Gottes Volk.

Er könnte tatsächlich das Sprachrohr seiner Mitgefangenen in dem bekannten Psalm 137 sein, dessen Autor unbekannt ist: „Wenn ich dich vergesse, Jerusalem, so vergesse mich meine Rechte! Es klebe meine Zunge an meinem Gaumen, wenn ich mich nicht an dich erinnere, wenn ich Jerusalem nicht erhebe über die höchste meiner Freuden!“ (Psalm 137,5.6). Zweifellos war es die Liebe zu Jerusalem, die ihn zu den Schriften des Jeremia führte. Dort erfuhr er, wie lange die Stadt noch verwüstet bleiben sollte. Das Ergebnis seiner Beschäftigung stellt er in Vers 2 vor: „Ich, Daniel, ...“ verstand „in den Schriften die Zahl der Jahre, bezüglich derer das Wort des Herrn an den Propheten Jeremia ergangen war, dass nämlich 70 Jahre für die Verwüstung Jerusalems vollendet werden sollten“ (siehe auch Jeremia 25,11 und 29,10).

Die Auswirkungen dieser Entdeckung führten Daniel in seiner unermüdlichen Liebe für sein Volk dazu, sich mit ihrem Zustand zu identifizieren, ihre Sünden zu bekennen und um Vergebung und Wiederherstellung zu bitten. Er wusste, dass in ihren Herzen zuerst ein Werk getan werden musste, um sie zur Rückkehr in ihr eigenes Land und ihre Stadt zu berechtigen. Nur wo im Herzen göttliche Zuneigung zum Volk Gottes vorhanden ist – wovon auch Mose und Paulus sowie Daniel und Esra bemerkenswerte Beispiele sind –, kann Fürbitte um ihretwillen wirksam werden. Zeigt nicht gerade die vorliegende Betrachtung das dringende Bedürfnis nach Fürsprechern, nach geistlichen Männern und Frauen, die göttlich unterwiesen und mit dem Heiligen Geist erfüllt sind, die wie Epaphras allezeit im Gebet für die Gläubigen ringen? Und wenn wir selbst auch aus Mangel an Eifer und Liebe für sein Volk keine Fürsprecher sein können, so sollten wir wenigstens dafür beten, dass auf der ganzen Welt solche in der Versammlung Gottes erweckt werden mögen.

Bevor wir uns mit dem Gebet Daniels beschäftigen, mag es hilfreich sein, zunächst das zu betrachten, was auch schon woanders zum Ausdruck kommt: dass die Fürbitte des Propheten eines von drei Mitteln ist, die Gott benutzt, damit sein Wille in Bezug auf Jerusalem sich erfüllt. Jeremia war damit beauftragt worden, ihre 70 Jahre andauernde Verwüstung aufgrund ihrer Übertretungen zu prophezeien. Daniel wurde durch den Geist Gottes dazu angeregt, für ihre Wiederherstellung zu beten, und letztendlich wurde Kores, „damit das Wort des Herrn aus dem Mund Jeremias erfüllt würde“, dazu erweckt, einen Ruf zum Wiederaufbau des Tempels ergehen zu lassen (Esra 1). Gott muss alle Ehre für sein Tun zukommen. Er wird es nicht zulassen, dass sich einer seiner Knechte mit etwas schmückt, was durch Gottes Kraft ausgeführt wurde.

Es wird nicht notwendig sein, mehr als ein paar kurze Bemerkungen zu diesem Gebet zu machen. Der Zweck, der Charakter und der Inhalt sind einfach zu verstehen. Es sollte jedoch bedacht werden, dass Daniels Seelenzustand in Übereinstimmung mit seinem Bekenntnis und seinen Gebeten war. Er sagt: „Und ich richtete mein Angesicht zu Gott, dem Herrn, um ihn mit Gebet und Flehen zu suchen, in Fasten und Sacktuch und Asche“ (Vers 3). Nur wenn wir uns selbst völlig vor Gott demütigen, können wir uns für sein Volk demütigen. Wir müssen uns durch die Gnade und die Kraft des Heiligen Geistes moralisch in die Umstände derer hineinversetzen, deren Anliegen wir vor Gott bringen wollen. Der Zustand des Volkes verlangte nach Gebet und Flehen mit Fasten, Sacktuch und Asche. Da der Prophet, als einer von ihnen, ihren Zustand kannte, nahm er die gebührende Haltung in der Gegenwart Gottes ein. Der Herr selbst war das vollkommene Beispiel für ein solches Handeln, als Er in den Psalmen die Sünden seines Volkes bekannte (wie zum Beispiel in Psalm 69,5). Wirklich nichts zeigt den Geist des Christus so deutlich, wie die völlige Einsmachung mit dem kummervollen Zustand des Volkes Gottes aufgrund seiner Sünden. Auf diese Weise können Gläubige die Last des anderen tragen und das Gebot dessen erfüllen, welcher der große Lastenträger war.

Die beiden herausragenden Eigenschaften des Gebetes Daniels sind das Bekenntnis und die Rechtfertigung Gottes in seinem Handeln mit seinem Volk. Die Basis zur Rechtfertigung Gottes legt er in Vers 4, wo er sich an Gott selbst wendet und sagt: „Ach, Herr1, du großer und furchtbarer Gott, der den Bund und die Güte denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote halten!“ Gott konnte beim Bewahren dieses Bundes mit seinem Volk keinen Fehler machen. Folglich musste das Verhalten des Volkes der Grund für die Züchtigung sein, die über sie kam, und auf dieses sündige Verhalten geht Daniel nun genauer ein. „Wir“, sagt er, „haben gesündigt und verkehrt und gottlos gehandelt, und wir haben uns empört und sind von deinen Geboten und von deinen Rechten abgewichen“ (Vers 5). Daniel beschönigt nichts. Er versucht auch nicht das Ausmaß der Schuld seines Volkes abzuschwächen, sondern er bringt – auf unterschiedliche Weise – ein volles Bekenntnis ihrer vielfältigen Übertretungen zum Ausdruck. Dadurch, dass sie sich weigerten, auf die Propheten zu hören, die Gott in seiner Langmut und Barmherzigkeit ihren Königen, ihren Fürsten, ihren Vätern und dem ganzen Volk gesandt hatte, verschlimmerten sie ihre Sünden nur noch mehr (Vers 6). Die Schuld lastete gleichermaßen auf allen Schichten des Volkes. Daniel stellt als Konsequenz fest, dass dem Herrn die Gerechtigkeit in seinen Wegen mit seinem Volk zusteht, während das Teil „der Männer von Juda und der Bewohner von Jerusalem, und des ganzen Israel, der Nahen und der Fernen, in allen Ländern, wohin du sie vertrieben hast wegen ihrer Treulosigkeit, die sie gegen dich begangen haben“, Beschämung des Angesichts ist (Vers 7).

Dieses detaillierte Bekennen vor Gott, indem man nichts als bereits gewährt oder bekannt voraussetzt, ist auch uns zu empfehlen. Es ist ein unfehlbares Zeichen eines aufrichtigen Herzens und der Lauterkeit der Seele vor Gott und damit eines Werkes des Heiligen Geistes in Herz und Gewissen. Wenn auch – so wie Daniel es erneut bekennt – das Angesicht jeder Schicht oder Klasse im Volk Gottes wegen ihrer Sünden beschämt ist, so fährt er doch damit fort, dass dem Herrn „die Erbarmungen und die Vergebungen“ sind, „denn wir haben uns gegen ihn empört“ (Vers 9). Sie haben seiner Stimme durch die Propheten nicht gehorcht. Ganz Israel hat das Gesetz des Herrn, ihres Gottes, verachtet und ist deswegen unter den Fluch und die Strafe ihrer Sünden gekommen, wie es im Gesetz Moses aufgeschrieben wurde (Verse 9–11). Mit diesem einen Satz: „... des Herrn, unseres Gottes, sind die Erbarmungen und die Vergebungen“ hatte Daniel das einzige Fundament ergriffen, auf das er sich in seiner Fürbitte stellen konnte. Hätte er nur das Gesetz gekannt, hätte er nicht darauf hoffen können, erhört zu werden Aber er kannte den Herrn, seinen Gott, auch im Blick auf den Reichtum seiner Gnade, in der Er bereits sowohl Mose (2. Mose 34,6.7) als auch David und Salomo in 1. Chr 21 und 2. Chr 6,36–39 in Verbindung mit dem Bau des Tempels auf dem Berg Zion offenbart wurde. Daher richtet sich der Prophet hier an Gott, dessen Gnade bekannt ist. Und nur das Bewusstsein dieser Gnade ermöglicht es dem Herzen, sich in der Gegenwart Gottes seiner Sünden und Sorgen zu entledigen.

Daniel verbirgt und beschönigt auch im weiteren Verlauf seines Gebets nichts. Während Gott nur sein eigenes Wort erfüllte, indem Er so ein großes Unheil über sein Volk brachte (und es gab niemals ein größeres Unglück unter dem Himmel als das, welches über Jerusalem gekommen war), und während das Unglück ganz genauso über sie kam, wie es im Gesetz Moses aufgeschrieben war, „flehten“ sie trotzdem „den Herrn, unseren Gott, nicht an, dass wir von unseren Ungerechtigkeiten umgekehrt wären und Einsicht erlangt hätten für deine Wahrheit“ (Vers 13). Das Ergebnis von all diesem bösen Verhalten stand nun fest: „Und so hat der Herr über das Unglück gewacht und es über uns kommen lassen. Denn der Herr, unser Gott, ist gerecht in allen seinen Taten, die er getan hat; aber wir haben seiner Stimme nicht gehorcht“ (Vers 14). Im Folgenden zeigt er, dass es ihre Schuld noch weiter verschärfte, dass sie gegen den gesündigt und gottlos gehandelt hatten, der sie mit mächtiger Hand aus dem Land Ägypten erlöst und ihnen einen Namen gemacht hatte. Daniel begibt sich auf den absoluten Tiefpunkt und besieht alle Sünden seines Volkes im Licht der Heiligkeit Gottes. Dadurch rechtfertigt er Ihn und anerkennt, dass das Gericht, welches über Jerusalem, Juda, Israel, Könige, Fürsten und das ganze Volk kam, nichts anderes als ihre gerechte Strafe war. Daher ist dies ein vorbildliches Bekenntnis für alle Zeiten, egal ob für Gläubige oder Sünder, wobei man bedenken sollte, dass uns mehr von der Gnade offenbart wurde (vergleiche 1. Johannes 2,1.2 sowie 1. Johannes 1,9). Aber wenn uns mehr bekannt ist, so sollte dies ein zusätzlicher Ansporn sein, gründlich und offenherzig zu bekennen.

Nachdem Daniel die Sünden und Ungerechtigkeiten seines Volkes bekannt hat, bittet er auf bemerkenswerte Weise. Daniel hatte die Gerechtigkeit Gottes in der Züchtigung seines Volkes völlig anerkannt. Jetzt wendet er sich an den Herrn in all seiner Gerechtigkeit, dass Er doch seinen Ärger und seinen Zorn von seiner Stadt Jerusalem, seinem heiligen Berg, abwende. Außerdem bringt Daniel vor den Herrn, dass Jerusalem und das Volk des Herrn durch ihre Sünden und Ungerechtigkeiten „allen denen zum Hohn geworden“ sind, die sie umgaben (Vers 16). Der Prophet war berechtigt, an die Gerechtigkeit Gottes zu appellieren, denn der Herr hatte seinen Namen in den Tempel, den Salomo gebaut hatte, gesetzt. Er hatte darüber hinaus Salomos Gebet bei der Einweihung des Tempels anerkannt, und Er hatte sich verpflichtet, die Gebete seines Volkes zu hören, wenn sie sich aufgrund ihrer Sünden vor Ihm demütigten (vergleiche auch 5. Mose 30). Daniel stützt sich in seiner Bitte also auf all das, was der Herr dem Volk Israel offenbart hatte, und auf seine Treue seinem eigenen Wort gegenüber. Nichts gibt der Seele mehr Mut als das Verständnis der Gerechtigkeit Gottes, und nichts macht sie in der Gegenwart Gottes so freimütig. Es ist auch bewegend, wie Daniel den Begriff „Dein Volk“ verwendet. Tatsächlich hatte Gott Israel „Lo-ammi“ („Nicht-mein-Volk“) genannt, aber der Glaube würde die Beziehung wieder herstellen und vermeidet daher den Ausdruck der Verwerfung.

Als nächstes steht das Heiligtum in all seiner Zerstörung vor uns. Die Haltung in Daniels Gebet und Flehen, dass Gott sein Angesicht „um des Herrn willen“ wieder über seinem Heiligtum leuchten lassen sollte, ist eine Haltung der Fürbitte, die nicht abgelehnt werden kann. Im folgenden Vers 18 ist der Gegenstand seines Anliegens „unsere Verwüstungen und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist“, was ihn zu einer weiteren Bitte drängt: „Denn nicht um unserer Gerechtigkeiten willen legen wir unser Flehen vor dir nieder, sondern um deiner vielen Erbarmungen willen“ (Vers 18). Dies sind die drei Punkte, die Daniel vor den Herrn bringt: seine Gerechtigkeit, um seiner selbst willen, und seine Erbarmungen. Als er diese in der Gegenwart Gottes vorgelegt hat, sammelt er all seine Wünsche und schüttet sie in einem letzten ernsthaften Flehen vor Ihm aus: „Herr, höre! Herr, vergib! Herr, merke auf und handle; zögere nicht, um deiner selbst willen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk sind nach deinem Namen genannt“ (Vers 19). Hierin liegt das Geheimnis seiner Kraft. Er war am meisten besorgt um den Namen des Herrn und appelliert an sein Interesse an seinem Heiligtum, seiner Stadt und seinem Volk. Er erbittet nicht eine einzige Sache für sich selbst oder seine Mitstreiter in der Gefangenschaft, sondern sein Flehen richtet sich mit seinem ganzen Herzen auf die Ehre und den Namen Gottes sowie die Interessen Gottes auf der Erde. Es ist daher ein Gebet, das gerade von solchen oft betrachtet werden sollte, die wünschen, in Gemeinschaft zu sein mit dem Herzen Gottes, das mit dem traurigen Zustand seiner Versammlung in der Welt beschäftigt ist.

Noch bevor Daniel sein Flehen beendet, hat er die Antwort bereits empfangen, indem ihm die Gedanken Gottes in Bezug auf seinen Gebetsgegenstand offenbart werden. Er sagt: „Während ich noch redete und betete und meine Sünde und die Sünde meines Volkes Israel bekannte und mein Flehen vor dem Herrn, meinem Gott, für den heiligen Berg meines Gottes niederlegte, während ich noch redete im Gebet, da kam der Mann Gabriel, den ich im Anfang, als ich ganz ermattet war, im Gesicht gesehen hatte, zu mir her zur Zeit des Abendopfers“ (Verse 20 und 21). Hierzu sollen vor der weiteren Betrachtung zwei Bemerkungen gemacht werden. Erstens sollten wir uns erneut daran erinnern, dass Gottes Ohren immer offen sind für die Gebete seines Volkes. Johannes schreibt: „Um was irgend ihr bitten werdet in meinem Namen, das werde ich tun“ (Johannes 14,13), und so war es in diesem Fall. Daniel war ein Mann nach den Gedanken Gottes, und Ihm gefiel das Flehen seines Knechtes. Jedes Wort, dass vor Ihm aufstieg, war ein süßer Wohlgeruch, denn in Wahrheit waren es seine eigenen Wünsche, die in das Herz seines Knechtes gelegt wurden. Zweitens erschien Gabriel zur Zeit des Abendopfers und „berührte“ Daniel. Das Abendopfer war ein beständiges Brandopfer – dazu bestimmt, morgens und abends kontinuierlich zu brennen. Da der Tempel zerstört war, konnte es nicht länger dargebracht werden, aber Daniel war in dieser Gesinnung vor Gott: Er machte sich im Geist eins mit dem süßen Wohlgeruch des Opfers, worauf sich seine Annahme bei Gott und die Wirksamkeit seines Gebets gründete (vergleiche auch 1. Samuel 7,9.10 sowie 2. Könige 3,20). So ist es auch bei unseren Gebeten heute, wenn wir uns, durch Glauben und in der Kraft des Heiligen Geistes, völlig auf das stützen, was Christus ist, und auf den Wert seines Opfers vor Gott.

Als Gabriel zu ihm kam, gab er Daniel in Vers 22 zuerst Verständnis und sprach dann zu ihm: „Im Anfang deines Flehens ist ein Wort ausgegangen, und ich bin gekommen, um es dir kundzutun; denn du bist ein Vielgeliebter. So höre aufmerksam auf das Wort und verstehe das Gesicht“ (Vers 23). Die Offenbarung, die er empfangen würde, setzte göttliche Einsicht voraus, um sie zu verstehen, und daher übermittelt Gott seinem Knecht diese zuerst durch Gabriel. Außerdem lässt Er Daniel wissen, dass Er das Verlangen seines Herzens gesehen hat und bereits zu Beginn des Flehens den Befehl zu Gabriels Auftrag gegeben hat. In seiner kostbaren Gnade wird Er ihm auch mitteilen, dass er ein Vielgeliebter war, um Daniels Herz zu ermutigen – vielgeliebt, wie der Jünger, den Jesus liebte, der vertraut war mit den Gedanken und Gefühlen des Herrn und dadurch befähigt, Mitteilungen göttlicher Geheimnisse zu empfangen. Es ist wahr, dass der Herr uns seine Gedanken völliger eröffnen kann, je näher wir bei Ihm sind. Daher fügt Gabriel hinzu: „So höre aufmerksam auf das Wort und verstehe das Gesicht.“ Die Voraussetzungen – göttliche Einsicht und ein Herz in Einklang mit Gott – waren erfüllt, und so war Daniel durch Gnade befähigt, das Gesicht zu verstehen, das ihm offenbart werden sollte.

Das führt uns zum schwierigsten Abschnitt des Buches, oder zumindest zu einem durch Spekulationen und Widersprüche verkomplizierten Gegenstand: den 70 Jahrwochen.

Einige vorbereitende Beobachtungen helfen uns bei ihrer Betrachtung. Es ist von äußerster Wichtigkeit zu bedenken, dass die Offenbarung des Willen Gottes weit in die Zeit vor das Gebet des Propheten zurückreicht. Jeremia hatte gesagt: „Denn so spricht der Herr: Sobald siebzig Jahre für Babel voll sind, werde ich mich euer annehmen und mein gutes Wort an euch erfüllen, euch an diesen Ort zurückzubringen“ (Jeremia 29,10; siehe auch Jeremia 25,11–14). Diese Schriften hatte Daniel entdeckt, und darauf gründete sich seine Fürbitte, wodurch er, da er die Einsicht Gottes besaß, zum Mittler wurde. Deswegen geht er auch nicht – wie oft angemerkt – zurück auf den bedingungslosen Bund Gottes mit den Patriarchen, der die Grundlage dafür ist, dass Gott durch den Wert des Todes des Christus letztendlich sein Volk unter dem Segen der Regierung des Christus im Land wiederherstellen wird (siehe 3. Mose 26,40–45). Nein, Daniel bezieht sich auf das, was Gott über sich selbst offenbart und was Er Mose in 2. Mose 34 versprochen hatte.2 Was Daniel in seinem Flehen wünschte, war die Erfüllung der Verheißung durch Jeremia, und durch den Geist Gottes geleitet, befand er sich in der Gegenwart Gottes auf der richtigen Grundlage dafür. Aber in der Mitteilung durch Gabriel wird ihm offenbart, dass Gott sogar noch größere Gedanken des Segens für sein Volk hatte, welche am Ende der siebzig Wochen erfüllt werden sollten.

Außerdem sollte beachtet werden, dass diese Offenbarung ausschließlich Juden und Jerusalem betrifft. Es ist wirklich merkwürdig, dass es notwendig ist, hierauf zu bestehen, wenn man die verwendete Sprache bedenkt. Und doch neigen manche Ausleger hartnäckig dazu, die Schriften – welche die zukünftige Wiederherstellung der auserwählten Nation vorstellen – durch Vergeistlichung wegzuerklären, so dass es notwendig wird, ihre offenkundige Bedeutung zu bestätigen und festzuhalten. Gabriel erwähnt also vor Daniel „dein Volk“ und „deine heilige Stadt“. Selbst ein Kind, wenn es die Grundlagen des Neuen Testaments kennt, versteht, dass Christen keine heilige Stadt auf der Erde haben. Und sollte behauptet werden, dass es sich hier um die himmlische Stadt, das neue Jerusalem handle, so sollte hinterfragt werden, wann ihre Mauern denn zerstört wurden, so dass sie wiederaufgebaut werden müssten? Nein, die Stadt, für die hier gebetet wird, ist die, von der Gabriel spricht, wie aus Vers 25 hervorgeht, und daraus folgend ist Daniels Volk das der Juden und die Stadt das irdische Jerusalem. Es ist außerdem bemerkenswert, dass, obwohl Daniel zum Herrn von „dein Volk“ und „deiner Stadt“ Jerusalem redet, Gabriel Daniel gegenüber von „dein Volk“ und „deiner Stadt“ spricht (vgl. auch 2. Mose 32 bis 34). Durch die Sünden des Volkes Israel wurde die Verbindung mit dem Herrn gebrochen und der Name Lo-ammi (Nicht-mein-Volk) wurde – wie bereits gesehen – für sie verwendet. Von dieser Zeit an bis zur Erscheinung des Christus und der Wiederherstellung seines Volkes wird die Bezeichnung „Mein-Volk“ nie wieder benutzt.3

Ein weiterer Ausdruck, der geklärt werden muss, ist die Bedeutung der „Wochen“ bei den siebzig Wochen. Durch die Ähnlichkeit mit dem Wort „Wochen“ in seiner alltäglichen Benutzung kann unterstellt werden, dass es sich um eine Zeitperiode von sieben Tagen handelt, und es hat Ausleger gegeben, die auf dieser Theorie bestanden haben. Die Antwort ist einfach und unwiderlegbar. Der Zeitpunkt des Beginns der siebzig Wochen ist mit der höchsten Genauigkeit vorgelegt (Vers 25), und gab es beginnend von diesem Zeitpunkt – wenn man annimmt, dass es sich um siebzig Wochen von Tagen handelt – irgendeine Erfüllung einer Vorhersage in der genannten Zeitperiode? Nein. Gab es bisher überhaupt eine Erfüllung der Offenbarungen Gabriels? Wenn nicht, so ist es für solche, die an die völlige Inspiration der Schrift glauben, zweifelsfrei bewiesen, dass „Wochen“ in diesem Abschnitt keine Wochen von Tagen sind. Das folgende Zitat von jemandem, dessen Kenntnis der hebräischen Sprache außer Frage steht, mag hilfreich zum Verständnis dieses Ausdrucks sein. Er sagt: „Das Wort selbst meint grundsätzlich etwas in sieben Teile Geteiltes oder aus sieben Teilen Bestehendes.“ Und weiter: „Daniel hatte Nachforschungen über siebzig Jahre der Gefangenschaft in Babylon unternommen. Die Antwort spricht auch von siebzig Perioden, die [...] Wochen genannt werden. Das Wort bedeutet nicht zwingend sieben Tage, sondern eine Periode von sieben Teilen. Natürlich wird sie im Sprachgebrauch öfter als alles andere für eine Woche von sieben Tagen gebraucht, weil nichts anderes so häufig gebraucht wird wie eine Woche von Tagen. Die Hebräer benutzten eine Siebener-Skala für Zeiten, so wie wir normalerweise mit Zehner-Zahlen rechnen würden. Die Sabbat-Jahre, die Jubeljahre – alles war darauf ausgerichtet. Was hier damit gemeint ist, sollte von dem Gegenstand des Gebets Daniels abgeleitet werden. In seinem Gebet geht es um Jahre, ihm wird mit Zeiträumen von sieben Jahren geantwortet, das ist quasi ein Aufgreifen der Sabbat-Jahre.“4

Nachdem geklärt wurde, dass die Wochen in dieser Schriftstelle Perioden von sieben Jahren darstellen, sollte unsere weitere Betrachtung den Zeitpunkt ihres Beginns betreffen. Gabriel stellt diesen als „vom Ausgehen des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen“ (Vers 25), fest. Im Buch Esra haben wir einen Beschluss von Kores und einen weiteren von Artasasta im siebten Jahr seiner Regierung, doch beide betreffen das Haus Gottes in Jerusalem und entsprechen damit nicht der Formulierung, die Gabriel verwendet. Wenn wir Nehemia betrachten, finden wir, dass er „im zwanzigsten Jahr des Königs Artasasta“ (Nehemia 2,1) Briefe erwähnt, die ihm als Antwort auf sein Bitten erlaubten, nach Juda, der Stadt der Grabstätte seiner Väter, zu gehen, um die Stadt zu bauen (Nehemia 2). Wir sehen hier also den Zeitpunkt, auf den Gabriel sich bezieht. Da es in der Schrift keinen anderen solchen Befehl zur Wiederherstellung und Wiedererbauung Jerusalems gibt, ist zweifelsfrei dieser Zeitpunkt gemeint.

Eine weitere Frage kommt auf, ob das Jahr dieses Befehls in der Weltgeschichte ermittelt werden kann. Ohne zu sehr ins Detail dieser Untersuchung zu gehen – welche einfach zu verfolgen ist, wenn dies gewünscht ist – kann man sagen, dass das zwanzigste Jahr Artasastas ziemlich genau mit dem Jahr 454 oder 4555 vor Christus übereinstimmt. Die Anwendung dieses Zeitpunkts wird bei der Betrachtung einiger Teile von Gabriels Aussagen noch gesehen werden.

In Vers 24 haben wir die Aussage, dass siebzig Wochen (490 Jahre) „über dein Volk und über deine heilige Stadt bestimmt“ sind, „um die Übertretung zum Abschluss zu bringen und den Sünden ein Ende zu machen und die Ungerechtigkeit zu sühnen und eine ewige Gerechtigkeit einzuführen und Gesicht und Propheten zu versiegeln und ein Allerheiligstes zu salben.“ Alle diese Ausdrücke deuten klar auf die gesegnete Wiederherstellung von Daniels Volk und Stadt hin. Die Übertretung, deretwegen sie zerstreut wurden, wird beendet sein, Jerusalems Ungerechtigkeit wird vergeben sein, nachdem „sie von der Hand des Herrn Zweifaches empfangen hat für alle ihre Sünden“ (Jesaja 40,2). Ewige Gerechtigkeit, Gottes Gerechtigkeit, wird eingeführt (Jesaja 51,4–8), Gesichte und Prophezeiungen werden für immer aufhören (siehe Sacharja 13), und das Allerheiligste wird wieder abgesondert und geheiligt sein – in Übereinstimmung mit den Anforderungen der Herrlichkeit dessen, der dann wieder dort wohnen wird (siehe 2. Mose 40,9).

Im folgenden Vers 25 wird die Periode der siebzig Wochen aufgeteilt: „So wisse denn und verstehe: Vom Ausgehen des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, bis auf den Messias, den Fürsten, sind 7 Wochen und 62 Wochen. Straßen und Gräben werden wiederhergestellt und gebaut werden, und zwar in Drangsal der Zeiten.“ Die siebzig Wochen werden also aufgeteilt in 7 Wochen, 62 Wochen und 1 Woche. Der erste Teil umfasst zweifellos die Periode, in der Jerusalem und die Mauer wieder aufgebaut wurden, denn das Ende des Verses spricht eindrucksvoll von Zeiten der Drangsal, in denen dies stattfand. Im Buch Nehemia werden einige Hindernisse und Widerstände erwähnt, denen Nehemia und seine Baumeister begegnen mussten.

Als nächstes haben wir die 62 Wochen vor uns, die bis an den Messias, den Fürsten, heranreichen. Wenn man die 49 Jahre, in denen die Stadt wiederaufgebaut wurde, dazu rechnet, bedeutet dies, dass es noch 483 Jahre bis zum Christus sein würden. Es sollte unbedingt bedacht werden, dass diese Formulierung sehr allgemein gehalten ist und weder die Geburt des Christus, noch seine Salbung für seinen Auftrag, noch seinen Tod spezifisch bestimmt. Sie sagt einfach „bis auf“ den Messias, den Fürsten. Manche, die den Befehl zur Wiedererbauung und Wiederherstellung Jerusalems im Jahr 454 oder 455 vor Christus festlegen, rechnen, dass die in den 69 Wochen enthaltenen 483 Jahre mit dem Tod des Christus enden.6 Wir wissen, dass das jüdische Volk – wäre Er angenommen worden – sofort zu einem Königtum errichtet worden wäre. Selbst wenn Er nach der Kreuzigung durch die Nationen angenommen worden wäre, so wäre aus der Gegenwart des Herrn die Zeit der Erquickung, die Petrus beschreibt, gekommen und Gott hätte Jesus Christus zu seinem Volk gesandt (Apostelgeschichte 3,9–21). Aber Gott wusste alles im Voraus und sagt deswegen, nachdem Er die 62 Wochen erwähnt: „Nach den 62 Wochen wird der Messias weggetan werden und nichts haben“ (Vers 26). Es sollte bedacht werden, dass nicht gesagt wird, dass dies sofort danach passieren wird, sondern einfach „nach“, was zweifellos Raum für den Dienst des Herrn lässt, der eine halbe Woche von Jahren dauerte.

Wie es auch sei, die Dinge, die hier erwähnt werden, sind von Gott gegeben und deswegen unumstritten. Das heißt, dass die 62 Wochen von der Wiedererbauung Jerusalems bis zum Christus gelten und dass Er „nach“ dem Ablauf dieser Zeitperiode verworfen und weggetan und nichts haben würde, denn das Königreich und seine Herrlichkeit waren als Konsequenz darauf zeitlich verschoben – und in Verbindung damit auch die Erfüllung des letzten Teils der siebzig Wochen. Dies wird im Laufe der Betrachtung noch genauer bedacht werden.

In Verbindung damit, dass der Messias weggetan sein wird, wird gesagt: „Und das Volk des kommenden Fürsten wird die Stadt und das Heiligtum zerstören, und das Ende davon wird durch die überströmende Flut sein; und bis ans Ende: Krieg, Festbeschlossenes von Verwüstungen“ (Vers 26). Wenn wir diese Schriftstelle und ihre Bedeutung verstehen wollen, müssen wir mit größter Aufmerksamkeit die genauen Worte beachten, die verwendet werden. Es mag hilfreich sein, wenn wir uns ein oder zwei Fakten ins Gedächtnis rufen. Wir haben in den vorherigen Kapiteln bereits gesehen, dass das vierte Königreich – welches auf das Griechische Reich folgt und die Zeit der Nationen erfüllen wird – Rom ist. Wir haben auch gesehen, dass dieses Reich keinen irdischen Nachfolger haben wird, sondern dass es in der Tat durch das Königreich des Sohnes des Menschen abgelöst werden wird. Dann wird das westliche Römische Reich entsprechend den Lehren der Schriften wieder auferweckt werden, auch wenn es für Außenstehende so aussieht, als wäre es für immer Vergangenheit (siehe Offenbarung 13 und 17). Es wird die Form von zehn Königreichen annehmen, vereint unter einem kaiserlichen Haupt, dem kleinen Horn aus Daniel 7 oder dem ersten Tier aus Offenbarung 13. Darüber hinaus kam der Herr Jesus in der Zeit des vierten Reiches auf diese Erde, und es war ein römisches Gericht mit Pilatus als Richter, welches Ihn zum Tod am Kreuz verurteilte. Diese Tatsache ist in der Geschichte bekannt und in den Schriften bezeugt. Diese Dinge haben höchste Bedeutung für die Aussagen unserer Schriftstelle.

Er wird nicht gesagt, dass der „kommende Fürst“ die Stadt und das Heiligtum zerstören wird, sondern dass „das Volk des kommenden Fürsten“ dies tun wird. Mit anderen Worten ausgedrückt, handelt es sich bei dem „kommenden Fürsten“ um einen zukünftigen Fürsten – das kaiserliche Haupt des wiederauferstandenen Römischen Reiches der letzten Tage, wie wir im nächsten Vers sehen werden. Das „Volk“ wird mit ihm identifiziert. Es sind Römer, die aus dem gleichen Reich kommen, das noch einmal wieder erscheinen wird und wovon dieser Fürst Oberhaupt und Anführer sein wird. In diesem Abschnitt sehen wir die Zerstörung Jerusalems durch die Römer als Gericht Gottes über die Juden wegen der Kreuzigung ihres Messias und seiner Ablehnung nach seinem Tod. Unser Herr selbst sprach häufig von diesem traurigen Ereignis. Er verknüpfte es immer mit seiner Verwerfung (siehe Mt 22,7; Lk 19,41–44 etc.). Der schreckliche Charakter dieses Gerichtes wird in den abschließenden Worten dieses Verses ausgedrückt: „... und das Ende davon wird durch die überströmende Flut sein.“ Und „bis ans Ende“ wird es Kriege geben, um den Willen Gottes durch die Verwüstung der heiligen Stadt zu erfüllen, denn der Herr selbst hat gesagt: „Und sie (die Juden) werden fallen durch die Schärfe des Schwertes und gefangen weggeführt werden unter alle Nationen; und Jerusalem wird von den Nationen zertreten werden, bis die Zeiten der Nationen erfüllt sind“ (Lk 21,24; siehe auch Off 11,2).

Es scheint nun offensichtlich, warum die letzte der 70 Wochen von den 62 Wochen getrennt ist. In der einen Woche (7 Jahre), in der Christus auf die Erde kam, nahmen die siebzig Wochen, von denen Gabriel sprach, ihren Lauf, und wenn die Juden Jesus von Nazareth als ihren Messias angenommen hätten, hätte Er sofort sein Königreich aufgerichtet und damit alle Segnungen, die in Vers 24 damit verbunden werden. Doch sie erkannten die Zeit ihrer Heimsuchung nicht. Als Konsequenz darauf wurden die siebzig Wochen unterbrochen. Gott zählt die Zeit nicht weiter, in der sich sein ehemaliges irdisches Volk außerhalb des Erbes aufhält und über den Erdboden zerstreut ist. Es gibt also sozusagen eine Lücke in der jüdischen Geschichte, einen Zeitabschnitt, in dem dieses Volk keine anerkannte Beziehung zu Gott hat, obwohl weiter über sie gewacht wird.7 Aber, und sein Name sei gepriesen, „durch ihren Fall ist den Nationen das Heil geworden, um sie zur Eifersucht zu reizen“ (Römer 11,11). Es gefiel Gott in dem Reichtum seiner Weisheit und seiner Erkenntnis, diesen Zwischenraum dafür zu benutzen, seinen ewigen Ratschluss in Christus im Blick auf die Heiligen zu entfalten, die in Christus zu seinen Erben verbunden werden und seinen Leib und seine Braut bilden. Es ist genau dieser Zeitabschnitt, der außerhalb der Zeitrechnung liegt, welcher die Zeit der Kirche, Gemeinde oder Versammlung bildet. Wenn dieser – zu einem dem Herrn angemessenen Zeitpunkt – endet, wird Gott sich wieder für die Segnungen seines auserwählten irdischen Volkes einsetzen. Dann werden sie mit überströmenden Herzen singen: „Preist den Herrn, denn er ist gut, denn seine Güte währt ewig! So sollen die Erlösten des Herrn sagen, die er aus der Hand des Bedrängers erlöst hat und die er gesammelt hat aus den Ländern, von Osten und von Westen, von Norden und vom Meer“ (Psalm 107,1–3).

Auch zwischen Vers 26 und 27 wird ein gewaltiger Zeitabschnitt eingeschoben. Vers 26 bezieht sich auf den Tod des Christus und das Gericht Gottes über Jerusalem gute dreißig Jahre danach, während Vers 27 zu einer Zeit übergeht, in welcher die der Kirche, Gemeinde oder Versammlung abgeschlossen ist und die Juden wieder in ihrem Land wohnen werden, wenn auch im Unglauben. Wenn jemand diese Interpretation als weit hergeholt betrachtet, sollte er bedenken, dass solche Umstände in den prophetischen Schriften sehr üblich sind. Zum Beispiel sagt Petrus, wenn er Psalm 34,17 zitiert: „Das Angesicht des Herrn ist gegen die, die Böses tun“, aber er fügt nicht den zweiten Teil hinzu: „... um ihr Gedächtnis von der Erde auszurotten“, denn obwohl es nach wie vor wahr ist, dass sein Angesicht gegen solche ist, die Böses tun, wird Er sie nicht von der Erde ausrotten, bis das Königreich des Christus aufgerichtet ist, da Gott nun durch Gnade handelt. In anderen Worten ausgedrückt muss die gegenwärtige Haushaltung, die Zeit der Gnade, zwischen die zwei Teile des gleichen Verses eingeschoben werden.8

Wir können nun mit dem ersten Teil von Vers 27 fortfahren: „Und er wird einen festen Bund mit den Vielen schließen für eine Woche.“ Als erstes muss die Frage geklärt werden, wer diese Person ist, die einen Bund mit den Vielen schließt. Durch die Übersetzung der Worte „den Bund(mit Artikel) haben einige voreilig angenommen, dass es sich um Christus selbst handelt, und haben dabei versäumt zu bemerken, dass der erwähnte Bund nur sieben Jahre dauern wird. Heute stimmen alle Seiten überein, dass der Ursprungstext mit „einen Bund“ übersetzt werden sollte, was sofort deutlich macht, dass es sich nicht um den Messias handeln kann. Und tatsächlich bezieht sich das Pronomen „er“ auf den kommenden Fürsten. Diese Bemerkung bezieht sich auf ihn. Das bedeutet, dass das zukünftige Haupt des wiederbelebten Römischen Reiches einen Bund mit „den Vielen“ schließen wird, die den Großteil der Juden darstellen, die sich zu diesem Zeitpunkt wieder in ihrem Land aufhalten werden, denn die Erwähnung des Schlacht- und Speisopfers zeigt klar, dass es sich zweifellos um Jerusalem und den wiedererbauten Tempel handelt. Dieser Fürst wird sich mit allen Juden – ausgenommen dem göttlichen Überrest – verbünden, wobei er vorgibt, sich ihrer Sache anzunehmen und sie vor ihren Widersachern zu beschützen. Es sollte wohl bedacht werden, dass die Dauer dieses Bundes mit den ungläubigen Juden eine Woche beträgt – das entspricht, wie wir meinen, der siebzigsten Woche. Der Glaube mag in der ersten Hälfte dieser letzten Woche das Evangelium des Herrn auf der Erde annehmen, und zu Beginn der zweiten Hälfte wird der Fürst diesen Bund brechen, doch für den Unglauben ist die siebzigste Woche die Woche, für die dieser Bund abgeschlossen wird. Auch andere Schriftstellen weisen auf diesen Bund hin. In Jesaja 28,14 und 15 lesen wir: „Darum hört das Wort des Herrn, ihr Spötter, Beherrscher dieses Volkes, das in Jerusalem ist! Denn ihr sprecht: Wir haben einen Bund mit dem Tod geschlossen und einen Vertrag mit dem Scheol gemacht: Wenn die überflutende Geißel hindurchfährt, wird sie an uns nicht kommen; denn wir haben die Lüge zu unserer Zuflucht gemacht und in der Falschheit uns geborgen.“ Es scheint die Furcht vor einem anderen Widersacher – der „überflutenden Geißel“ (die niemand Geringeres ist als der Assyrer oder König des Nordens) – zu sein, welche die „Spötter“ direkt in die Arme des kaiserlichen Haupts über das Römische Reich treiben wird. Zusätzlich muss auch bedacht werden, dass zu diesem Zeitpunkt der Antichrist seinen Thron und seine Herrschaft in Jerusalem haben wird und dass er, der „Prophet“, als der falsche Prophet für das Römische Reich agiert (Offenbarung 13), wie wir noch in Daniel 11 sehen werden. Sie werden also in Angst vor ihrem furchtbaren Widersacher, dem Assyrer, durch den Antichrist dahin geführt werden, die angebotene Allianz mit dem Haupt des Römischen Reiches anzunehmen.

Zu Beginn wird es, wie wir in Jesaja gesehen haben, viel versprechend aussehen. Die Juden werden irrigerweise annehmen, sich vor allen möglichen Gefahren abgesichert zu haben. Nachdem sie Gott ausgeschlossen haben, werden sie sich an den mächtigsten Herrscher der Welt wenden. Vor wem sollten sie sich also fürchten? Aber genau derjenige, dem sie vertrauen, wird ihr Feind, denn entgegen dem eigenen Bund wird er „zur Hälfte der Woche“ (das ist nach Ablauf von dreieinhalb Jahren) „Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen“. Er geht sogar noch weiter,9 denn „wegen der Beschirmung10 der Gräuel wird ein Verwüster kommen, und zwar bis Vernichtung und Festbeschlossenes über das Verwüstete ausgegossen werden“ (Vers 27). Ohne die Kompliziertheit dieser zugegebenermaßen schwierigen Schriftstelle kaschieren zu wollen, können wir annehmen, dass die allgemeine Bedeutung durch andere Schriftstellen, die Licht auf sie werfen, gut erklärt ist.

Der römische Fürst wird nicht nur dafür sorgen, dass die täglichen Opfer aufhören werden. Zusätzlich zu einem vom Antichrist aufgestellten Bild von ihm, das durch den Antichrist auch mit übernatürlichen Kräften ausgestattet werden wird (Offenbarung 13), wird der Antichrist, so wie Gott im Tempel Gottes sitzt, sich selbst als Gott darstellen. Das lernen wir aus 2. Thessalonicher 2,11. Der Herr selbst bezieht sich in Matthäus 24 auf diese schreckliche Tatsache, wenn Er von dem „Gräuel der Verwüstung“, den Daniel, der Prophet, erwähnt, spricht. Nach Daniel 12,11 wird er an heiligem Ort aufgestellt werden.

Die Situation wird dann folgendermaßen sein: Die Juden werden zu dieser Zeit in ihr Land zurückgekehrt sein und den Tempel wieder aufgebaut und den Tempeldienst wieder eingerichtet haben, obwohl der Großteil dies im Unglauben tun wird. Der Antichrist wird, entsprechend der Voraussage des Herrn, in seinem eigenen Namen gekommen sein und von ihnen als ihr König angenommen werden. Wenn sie von der Macht des Assyrers bedroht werden, werden sie unter der Führung des Antichrists in einen Bund mit dem Haupt des westlichen Reiches einwilligen und eine Allianz mit ihm schließen. Dieser Fürst wird, wie wir gesehen haben, seinen Bund brechen. „Zur Hälfte der Woche“ wird der Tempeldienst abgeschafft werden. Mit waghalsiger Gotteslästerung wird vom Antichrist als seinem Prophet ein Bild dieses Fürsten im Allerheiligsten aufgerichtet werden, und er wird göttliche Verehrung für sich selbst statt für den Herrn fordern.

Wir wiederholen diese Dinge, denn von diesem Standpunkt aus beginnt mit der Aufrichtung des Gräuels der Verwüstung die letzte Hälfte der siebzigsten Woche. Dies ist der Beginn der „Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit“ in Daniel 7,25 und der 42 Monate oder der 1260 Tage aus der Offenbarung, die dreieinhalb Jahre ausmachen – die letzte Hälfte der siebzigsten Woche. Von dieser Zeitperiode spricht unser gepriesener Herr in Matthäus 24,21 und 22 als von einer Zeit beispiellosen Kummers: „Denn dann wird große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird. Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Fleisch errettet werden; aber um der Auserwählten willen werden jene Tage verkürzt werden.“ Während dieser Zeit werden die Posaunengerichte ausgeübt, und die „Schalen, voll des Grimmes Gottes“ (Off 15,7), werden über der Erde ausgeschüttet. In dem vorliegenden Vers in Daniel sehen wir den Hinweis, dass diese Gerichte Jerusalem und die Juden betreffen.

Zuerst wird gesagt: „Und wegen der Beschirmung der Gräuel wird ein Verwüster kommen.“ Der Verwüster hier ist zweifellos die „überflutende Geißel“ aus Jesaja 28,15. Die Juden werden, wie wir bereits gesehen haben, vom Antichrist verführt, einen Bund mit dem Haupt des Römischen Reiches schließen, um sich vor ihrem nördlichen Widersacher zu schützen, und die „Spötter“, die „Beherrscher dieses Volkes“ (Jesaja 28,14), rühmen sich ihrer Sicherheit. Aber der Prophet sagt weiter: „Und euer Bund mit dem Tod wird zunichte werden, und euer Vertrag mit dem Scheol nicht bestehen: Wenn die überflutende Geißel hindurchfährt, so werdet ihr von ihr zertreten werden“ (Jesaja 28,18; siehe auch Verse 19–22). Tatsächlich benutzt Gott den Assyrer als Rute, um die schuldigen Menschen zu zerbrechen. Sie sind in zweifacher Weise schuldig: dadurch, dass sie Christus abgelehnt und dadurch, dass sie sich wieder dem Götzendienst zugewandt haben, nachdem das Haus „ausgekehrt und geschmückt“ worden ist.

Es geht sogar noch weiter: „... bis Vernichtung und Festbeschlossenes über das Verwüstete ausgegossen werden.“11. Mit der „überflutenden Geißel“ beginnend, werden die Juden zum Gegenstand unaufhörlichen Gerichts werden. Jerusalem wird dem Zorn ihrer Unterdrücker überlassen werden. Jemand sagte, dass „Vertilgung“, die „fest beschlossen“ ist, immer für das letzte Gericht über die Juden verwendet wird (vergleiche Jesaja 10,22 und 28,22). Weil diese Dinge noch am Schluss des Buches Daniel vor uns kommen werden, wird hier eine weitere Betrachtung zurückgestellt. Es soll nur erwähnt werden, dass am Ende dieser Nacht der Drangsal ihr Messias erscheinen wird. „Und er wird auf diesem Berg den Schleier vernichten, der alle Völker verschleiert, und die Decke, die über alle Nationen gedeckt ist. Den Tod verschlingt er für immer; und der Herr, Herr, wird die Tränen von jedem Angesicht abwischen, und die Schmach seines Volkes wird er wegnehmen von der ganzen Erde. Denn der Herr hat geredet“ (Jesaja 25,7.8).

Fußnoten

  • 1 Der Leser beachte den Wechsel von „Der Herr, mein Gott“ in der ersten Zeile des Verses zu „Adonai“ in der dritten Zeile.
  • 2 In 2. Mose 32 beruft sich Mose auf die Verheißung, die Abraham, Isaak und Jakob empfangen hatten, als Gott kurz davor stand, sein Volk endgültig zu verwerfen und Mose an ihrer Stelle zu einer Nation gemacht werden sollte.
  • 3 Demzufolge wird diese Bezeichnung auch in Esra und Nehemia nie gefunden, aber wenn der Herr erneut nach Zion zurückkehrt, wird Er sie wieder aufgreifen (siehe auch Sacharja 8,7.8; Sacharja 13,9; Hosea 2,23).
  • 4 S. P. Tregelles, LL.D.
  • 5 Anm. der Redaktion: Neuere Forschungen gehen mittlerweile von dem Jahr 445 v. Chr. aus. Ebenfalls gibt es Berechnungen, die das „prophetische Jahr“ mit 360 Tagen ansetzen. Die 100% präzise Jahresangabe lässt sich aus der Geschichte bislang nicht herleiten. Der Leser kann trotz derzeit noch mangelnder jahrgenauer Bestätigung durch die Geschichtsschreibung erkennen, dass der Bibeltext in seiner Voraussage präzise und richtig ist. (Siehe auch die nächste Anmerkung.)
  • 6 Diese Berechnung nimmt das Jahr 4 vor Christus als Geburt des Christus und demzufolge 29 nach Christus für seine Kreuzigung an, was heute allgemein anerkannt ist. Doch durch diesen Versuch der rechnerischen Genauigkeit ist nichts gewonnen. Weil der Messias von seinem Volk abgelehnt werden würde, wie es vorhergesagt ist, bleiben wir bei der Ansicht, dass die Formulierung „bis auf den Messias, den Fürsten,“ unbestimmt ist. Es sollte außerdem erwähnt werden, dass manche, die nach Ende der 69 Wochen die Geburt des Christus sehen, die erste Hälfte der siebzigsten Woche im Dienst von Johannes dem Täufer und ihre zweite Hälfte im Dienst des Herrn als erfüllt betrachten, aber das scheint durch die Verwerfung des Christus überholt. Für diese Meinung sehen wir kein schriftgemäßes Fundament, denn der Dienst von Johannes kann in keiner Weise auf 3,5 Jahre erweitert werden. Eine andere Sichtweise, zu der mehr zu sagen ist, nimmt an, dass der Dienst des Herrn die erste Hälfte der siebzigsten Woche einnimmt, und demzufolge nur noch die zweite Hälfte zu erfüllen ist. In Verbindung mit den Versen 26 und 27 wird auf diese Sichtweise noch genauer eingegangen werden.
  • 7 Während dieser Zeit wird der Bund zwischen Gott und Israel durch den Glauben des Überrestes, der im ersten Teil dieses Buches durch Daniel und seine Freunde beispielhaft dargestellt wird, aufrechterhalten.
  • 8 Eine weitere beachtenswerte Darstellung des gleichen Gedankens kann der Leser finden, wenn er Lukas 4,18 und 19 mit der korrespondierenden Stelle (Jesaja 61,1ff.) vergleicht. Er wird sehen, dass der Herr nicht die Worte „und den Tag der Rache unseres Gottes“ zitiert, denn dieser wird nicht kommen, bis „das angenehme Jahr des Herrn“ – was die ganze Zeit der Gnade beinhaltet – zu Ende ist.
  • 9 Wir folgen hier dem, was fähige Bibelausleger als wahre Bedeutung des Folgenden ansehen.
  • 10 Die wörtliche Übersetzung für „Beschirmung“ ist „Flügel“, aber jeder Bibelleser weiß, dass „Flügel“ durchgehend ein Symbol für Schutz sind.
  • 11 Es gab viele Überlegungen darüber, ob das Wort „Verwüstete“ nicht als „Verwüster“ übersetzt werden sollte. Zugegebenermaßen sind beide Bedeutungen vertretbar, aber die vorliegende ist häufiger verbreitet. Welche Übersetzung auch angenommen wird, so bleibt die Auslegung doch größtenteils gleich, wenn man annimmt, dass – wenn „Verwüstete“ bleibt – Jerusalem gemeint ist, wogegen ihr Widersacher gemeint ist, wenn man „Verwüster“ bevorzugt. In beiden Fällen ist die Bedeutung, dass in der erwähnten Zeit ansteigendes Gericht, „Vernichtung und Festbeschlossenes“, ausgegossen werden.
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