Der Prophet Daniel und seine Botschaft
alter Titel: Notizen zum Buch Daniel

Kapitel 12 - Das Handeln Gottes mit seinem Volk am Ende der Tage

Der Prophet Daniel und seine Botschaft

Das Schlusskapitel des Propheten Daniel zeigt uns das Handeln Gottes mit dem treuen Überrest der Juden in der letzten Zeit der großen Drangsal, d. h. unmittelbar vor dem Kommen des Messias in Macht und Herrlichkeit. Die ersten Verse schließen unmittelbar an die Kapitel 10 und 11 an, die – wie wir gesehen haben – eine Einheit bilden. Diese Verse bilden in einem gewissen Sinn den Höhepunkt dessen, was Daniel gesehen hat. Es geht jetzt nicht mehr um Nationen und Königreiche auf der Erde, sondern am Ende spricht Gott nur noch von seinem Volk, und besonders von dem Überrest dieses Volkes, der am Ende gerettet wird. Schließlich geht es in den letzten Versen um das Ende Daniels selbst.

Dabei fällt auf, dass das Buch Daniel nicht – wie andere Passagen in den Psalmen und Propheten – von dem spricht, was nach der großen Drangsal für das Volk Israel kommt. Die Herrlichkeit des Friedensreiches ist hier kein Thema. Daniel spricht ausführlich von dem, was diesem Reich vorausgeht. Er beschäftigt sich mit den vier Weltreichen und wie es seinem Volk in dieser Zeit und besonders am Ende ergeht. Sein Thema sind die „Zeiten der Nationen“ und nicht, was danach kommt. Mit dem Ende des vierten Weltreiches endet sozusagen der „Horizont“ dieses prophetischen Buches. Es gibt wohl einige wenige Hinweise, aber keine Beschreibung des Reiches selbst. Wir erkennen, wie jeder Schreiber in der Bibel eine bestimmte Aufgabe hat und im Allgemeinen dabei bleibt.

Das Kapitel lässt sich wie folgt einteilen:

  • Verse 1–3: Die Zeit der großen Drangsal und die Rettung Israels
  • Vers 4: Das versiegelte Buch
  • Verse 5–10: Der in Leinen gekleidete Mann beantwortet Fragen
  • Verse 11–12: Vom Glück des Ausharrens
  • Vers 14: Epilog – das Ende Daniels

Es ist wichtig zu beachten, dass es in diesem Kapitel um die „Zeit des Endes“ und um Israel bzw. den Überrest der Juden geht. Einzelne Ausleger haben versucht, die Kirche (Versammlung) in diesem Kapitel zu sehen. Das führt unweigerlich zu Fehlinterpretationen. Es ist wahr, dass wir heute schon in einer „Endzeit“ leben. Dennoch hat diese Endzeit einen anderen Charakter als die „Zeit des Endes“, von der hier die Rede ist.

Verse 1–3: Die Zeit der großen Drangsal und die Rettung Israels

In jener Zeit

Der Ausdruck „in jener Zeit“ zeigt deutlich die Verbindung zum Ende von Kapitel 11. Das Wort „Zeit“ kommt in Vers 1 viermal vor. Es ist genau jene Zeit, in der der eigenwillige König (der Antichrist) in Jerusalem regiert und der König des Nordens das Land überschwemmt. Es ist die „Zeit der Drangsal“ für die Juden, und besonders für den gläubigen Überrest. Wir befinden uns also am Ende der letzten Jahrwoche Daniels, über die wir hier weitere Details erfahren. Diese Zeit beginnt mit dem Aufstellen des Gräuels im Tempel (siehe Dan 9,27; 12,11). Sie endet mit dem Kommen des Messias zu Rettung des Überrestes.

Der Ausdruck „Kinder deines Volkes“ zeigt klar, dass es speziell und ausschließlich um das irdische Volk Gottes geht. Zwar werden andere Nationen ebenfalls von der Drangsal betroffen sein, aber darum geht es hier nicht. Das Wort „Volk“ und „dein Volk“ kommt in Kapitel 9 mehrfach vor (Kap 9,15.16.19.24) und bezieht sich immer auf das Volk der Juden. An keiner Stelle beschreibt es das himmlische Volk Gottes, wie wir es im Neuen Testament finden. Das ist in diesem Vers nicht anders: Es geht um das Volk Israel, das Daniel so liebte und mit dem er sich verbunden wusste.

Michael, der große Fürst

In jener Zeit wird der Engelfürst Michael für dieses Volk aufstehen. Wir haben Michael bereits in Kapitel 10 näher kennengelernt (vgl. die Anmerkungen zu den Versen 13 und 21). Michael ist ein gewaltiger Engelfürst – der einzige Engel, der Erzengel genannt wird –, der sich speziell um die Belange der Juden kümmert.1

Im Neuen Testament wird Michael zweimal erwähnt. Beide Male streitet er mit dem Teufel. In Judas 9 geht es um den Leib Moses. Im Zusammenhang von Daniel 12 ist die Stelle aus Offenbarung 12,3–13 aufschlussreich. Es heißt dort, dass Michael „aufsteht“, d. h. er erhebt sich, um zu handeln. Was er tut, lesen wir in Offenbarung 12. Dort sehen wir zuerst, dass ein großer, feuerroter Drache (ein Hinweis auf den Teufel) bemüht ist, zunächst den männlichen Sohn einer Frau zu verfolgen (ein Hinweis auf den Messias). Nachdem das Kind zu Gott entrückt wurde (ein Hinweis auf die Himmelfahrt des Herrn Jesus), verfolgt der Drache die Frau (ein Hinweis auf die Juden, aus denen der Messias geboren wurde). Die Frau flieht in die Wüste und wird dort von Gott selbst bewahrt und 1.260 Tage lang ernährt (ein Hinweis auf die 3 ½ Jahre der großen Drangsal für die Juden). Danach heißt es: „Und es entstand ein Kampf in dem Himmel: Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel; und er gewann nicht die Oberhand, auch wurde ihre Stätte nicht mehr in dem Himmel gefunden. Und es wurde geworfen der große Drache, die alte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen wurde er auf die Erde, und seine Engel wurden mit ihm hinabgeworfen ... Wehe der Erde und dem Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen und hat große Wut, da er weiß, dass er wenig Zeit hat“ (Off 12,7–12). Dieses Ereignis findet offensichtlich zur Hälfte der letzten Jahrwoche aus Daniel 9 statt. Die Tatsache, dass der Teufel auf die Erde geworfen wird, macht ihn besonders wütend, und diese Wut lässt er an dem gläubigen Überrest der Juden aus. Seine Instrumente sind dabei die beiden Tiere aus Offenbarung 13 – der römische Weltherrscher und der Antichrist. Die „große Drangsal“ beginnt.

Verfolgung von Gläubigen hat es immer schon gegeben. Es gab sie im Alten Testament, im Neuen Testament, und es wird sie in der Zeit des christlichen Bekenntnisses auf dieser Erde geben. Doch was dann passiert, wird alles, was vorher geschehen ist, in den Schatten stellen. Es wird „eine Zeit der Drangsal sein, wie sich nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht“. Das ist in Übereinstimmung mit den Worten des Herrn Jesus: „Dann wird große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird. Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Fleisch errettet werden“ (Mt 24,21.22; vgl. Mk 13,19).

Während dieser Zeit wird offensichtlich Gott besonders den Erzengel Michael benutzen, um den gläubigen Überrest zu unterstützen. In welcher Form das genau geschieht, wird nicht gesagt. Wir haben schon in Kapitel 10 gefunden, wie die unsichtbaren Mächte im Hintergrund die Geschehnisse auf dieser Erde steuern und beeinflussen – zum Schlechten wie zum Guten. Michael ist hier zugunsten des Überrestes eine unsichtbare Macht im Hintergrund. Es ist eine Zeit, in der Gott nicht direkt, sondern indirekt regiert. Wie Er das tut, können wir nicht immer klar erkennen, aber Er tut es.2 Das gilt für uns ebenfalls. Alle Dinge dienen zum Guten mit (Röm 8,28). Erst im kommenden Reich wird seine Regierung direkt und klar erkennbar sein.

Es ist denkbar, dass Michael den Überrest nicht nur während der großen Drangsal unterstützt, sondern dass er ebenfalls aufsteht, um den Ratschluss Gottes in Bezug auf die Rettung und Befreiung Israels einzuleiten. Die Rettung selbst erfolgt am Ende dieser Zeit durch den Messias selbst. Dennoch scheint es so, dass Michael an dem Wechsel der Zeit beteiligt ist, denn genau in „jener Zeit“, wo er aufsteht, wird das Volk am Ende gerettet werden. Die Rettung selbst erfolgt durch den Herrn. Dennoch zielen die Aktivitäten Michaels in dieselbe Richtung.

Eine Zeit der Drangsal

Die Drangsal, von der hier die Rede ist, ist eine Drangsal für Daniels Volk. Es ist keine Drangsal für die „Kirche“ oder die Gläubigen der Haushaltung der Gnade. Es ist ein großer Irrtum zu lehren, dass die Gläubigen der Gnadenzeit durch die große Drangsal gehen müssen. Es gibt genügend Argumente dagegen. Eines davon finden wir hier in Daniel 12. Weder hier noch in Matthäus 24 geht es um die Versammlung. Es geht um das Volk der Juden und um den gläubigen Überrest im Besonderen. Es ist die Zeit der Drangsal, von der die Psalmen häufig sprechen.

Auch die Propheten sprechen wiederholt von dieser Zeit. Hier zwei Beispiele:

  • „Wehe, denn groß ist jener Tag, ohnegleichen, und es ist eine Zeit der Drangsal für Jakob!“ (Jer 30,7). Hier wird ganz deutlich, dass es um „Jakob“, d. h. um Israel, geht.
  • „Ein Tag des Grimmes ist dieser Tag, ein Tag der Drangsal und der Bedrängnis, ein Tag des Verwüstens und der Verwüstung, ein Tag der Finsternis und der Dunkelheit, ein Tag des Gewölks und des Wolkendunkels“ (Zeph 1,15). Der Zusammenhang zeigt hier ebenfalls, dass es speziell um Juda und die Bewohner von Jerusalem geht (vgl. Vers 4).

Wir haben bereits an die Worte des Herrn Jesus in Matthäus 24 erinnert, der auch von einer „großen Drangsal“ spricht. Das zeigt die Intensität der Drangsal an. Der Zusammenhang zeigt, dass es dort ebenfalls um die Juden und um Jerusalem geht. Sie sind es, die diese Drangsal besonders treffen wird. In seiner großen Endzeitrede erwähnt der Herr Jesus ausdrücklich den „Gräuel der Verwüstung“ aus dem Buch Daniel (Mt 24,15). Ein Vergleich mit Daniel 12,11 lässt keinen Zweifel aufkommen, worum es sich handelt. In Matthäus 24 geht es weder um die Kirche noch um die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70, als die Römer unter Titus die Stadt einnahmen und zerstörten. Während dieser Eroberung und Zerstörung Jerusalems haben einige Juden tatsächlich in ihrer Not verzweifelt nach dem Messias gerufen, um sie zu retten, doch zu diesem Zeitpunkt gab es keine Rettung. In Daniel 12 – am Ende der Zeit also – wird es hingegen Rettung geben.

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Ausdruck „Drangsalszeit“ oft im allgemeinen Sinn für die „Endzeit“ benutzt. In Offenbarung 7,14 finden wir diese Bezeichnung tatsächlich in diesem Sinn gebraucht. Dort ist die Rede von solchen, „die aus der großen Drangsal kommen“. Gemeint sind Menschen „aus jeder Nation und aus Stämmen und Völkern und Sprachen“ (Off 7,9). Abgesehen von diesem Vers bezieht sich der Ausdruck – speziell im Alten Testament – jedoch konkret auf die Notzeit der Juden in den letzten 3 ½ Jahren, bevor der Herr Jesus sichtbar auf die Erde zurückkommt. Diese Zeit ist zum einen ein Läuterungsprozess für den gläubigen Überrest kommender Tage (Mal 3,1–5), zum anderen besonders eine Folge der Bosheit der Juden, die den Messias ermordet haben, und eine Antwort auf die Aussage: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!“ (Mt 27,25). Diese Zeit ist allerdings gleichzeitig eine Notzeit für die ganze Erde. Die Nationen waren ebenfalls an dem Tod des Herrn Jesus beteiligt und werden Gericht empfangen. Dieses Gericht wird an einigen Stellen „Zorn“ genannt (Dan 8,19; 1. Thes 1,10; 5,9; Off 11,18). Die Offenbarung benutzt den Ausdruck „Grimm“ (Kap. 14,10.19; 15,1.7; 16,1.19; 19,15) und „Stunde der Versuchung“. Von dieser Zeit heißt es ausdrücklich, dass sie über den „ganzen Erdkreis“ kommt (Off 3,10). Alle Ausdrücke beziehen sich auf die letzte Jahrwoche Daniels, auf die Zeit des Endes, müssen aber unterschieden werden. Für die „Drangsal Jakobs“ wird Gott besonders feindliche Mächte (den König des Nordens, den römischen Weltherrscher und den Antichrist) benutzen, während der „Zorn“ und „Grimm“ über diese Erde unmittelbar durch Gott ausgegossen werden. Der Schwerpunkt ist also jeweils etwas anders. Was uns betrifft, brauchen wir keine Sorge zu haben. Wir sind zur Erlangung der Errettung bestimmt und nicht zum Zorn (1. Thes 5,9). Wir kommen weder in die „große Drangsal“, noch erleben wir die „Stunde der Versuchung“.3 Der Herr wird uns vorher zu sich nehmen.

Dein Volk wird errettet werden

Am Ende der Drangsal steht die Rettung. Petrus schreibt, dass der Herr die Gottseligen aus der Versuchung zu retten weiß (2. Pet 2,9). Das ist ein Grundsatz, der immer gilt. Er wird sich in der Zukunft erneut bewahrheiten. Jemanden zu retten bedeutet, ihn aus einer Gefahr herauszunehmen. Der gläubige Überrest wird sich in „jener Zeit“ in der größten Gefahr überhaupt befinden und wird dann gerettet werden.

Schon zur Zeit Moses hatte Gott von der Bedrängnis gesprochen, die das Volk einmal treffen würde. Er hatte vorausgesagt, dass das Volk dann zum Herrn umkehren würde: „In deiner Bedrängnis, und wenn alle diese Dinge dich treffen werden am Ende der Tage, wirst du umkehren zu dem Herrn, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchen“ (5. Mo 4,30). Diese Umkehr ist – was die Verantwortung der Juden betrifft – Voraussetzung dafür, dass Gott der Not ein Ende macht.

In Daniel 12 bleibt offen, wie und durch wen die Rettung erfolgt. Es wird jedoch nicht Michael sein, der diese Rettung bringt, sondern der Herr selbst. Er erscheint auf dieser Erde und wird so die Rettung bringen. Das machen andere Propheten, die von der Drangsal und der Rettung sprechen, völlig klar:

  • „Der Herr ist gütig, er ist eine Festung am Tag der Drangsal; und er kennt die, die zu ihm Zuflucht nehmen“ (Nah 1,7).
  • „Wehe, denn groß ist jener Tag, ohnegleichen, und es ist eine Zeit der Drangsal für Jakob! Doch er wird aus ihr gerettet werden ... Denn siehe, ich will dich retten aus der Ferne und deine Nachkommen aus dem Land ihrer Gefangenschaft; und Jakob wird zurückkehren und ruhig und sicher sein, und niemand wird ihn aufschrecken. Denn ich bin mit dir, spricht der Herr, um dich zu retten“ (Jer 30,7.10.11).
  • „Du aber, fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob, und erschrick nicht, Israel! Denn siehe, ich will dich retten aus der Ferne und deine Nachkommen aus dem Land ihrer Gefangenschaft; und Jakob wird zurückkehren und ruhig und sicher sein, und niemand wird ihn aufschrecken“ (Jer 46,27).
  • So spricht der Herr: Wie der Hirte zwei Beine oder einen Ohrzipfel aus dem Rachen des Löwen rettet, so werden die Kinder Israel gerettet werden“ (Amos 3,12).
  • „Sagt zu denen, die zaghaften Herzens sind: Seid stark, fürchtet euch nicht! Siehe, euer Gott kommt, Rache kommt, die Vergeltung Gottes! Er selbst kommt und wird euch retten“ (Jes 35,4).

Es ist natürlich so, dass einzelne Menschen gerettet werden. Dennoch steht dieser Punkt nicht im Vordergrund. Es geht um die Rettung des Überrestes4, um solche, die in einem Buch verzeichnet sind. Dennoch spricht Römer 11,26 davon, dass „ganz Israel“ gerettet werden wird. Das ist kein Widerspruch. Der Überrest steht hier stellvertretend für „ganz Israel“.5

Die Rettung beschreibt hier die Befreiung aus den grauenvollen Umständen jener Zeit, der Verfolgung und Bedrohung durch die Feinde (den Antichrist, das römische Tier, den König des Nordens). Sie haben ausgeharrt und werden gerettet werden, um dann in das Reich einzugehen.6 „Und ich werde den dritten Teil ins Feuer bringen, und ich werde sie läutern, wie man das Silber läutert, und sie prüfen, wie man das Gold prüft. Es wird meinen Namen anrufen, und ich werde ihm antworten; ich werde sagen: Es ist mein Volk; und es wird sagen: Der Herr ist mein Gott“ (Sach 13,9).

Es ist völlig klar, das sich alles (die Drangsal und die Rettung) in der Geschichte bisher nicht erfüllt hat, sondern ausschließlich zukünftig ist. Obwohl die Juden sehr viel Not erlitten haben, ist diese „Zeit der Drangsal“ noch nicht gekommen. Michael ist noch nicht aufgestanden. Israel ist noch nicht gerettet. Doch es wird sich alles ganz sicher erfüllen. Der Herr Jesus gibt gerade in Verbindung mit diesen kommenden Ereignissen die feste Zusage, dass Himmel und Erde vergehen werden, seine Worte aber nicht (Mt 24,35). Es wird alles so kommen, wie es hier steht.7

Das Buch des Lebens

Diese Rettung gilt nicht allen Juden, sondern nur denjenigen, die „im Buch“ geschrieben gefunden wurden.8 Der Herr Jesus bezeichnet die Menschen als die „Auserwählten“9. Die Mehrzahl der Juden, die den Antichrist angenommen haben, wird an dieser Rettung nicht teilhaben. Ihr Schicksal ist besiegelt. Sie sind ewig verloren. Das Gericht trifft sie in Verbindung mit dem Kommen des Herrn Jesus (vgl. Sach 13,8.9).

Der Ausdruck „in dem Buch geschrieben“ mag die Frage aufwerfen, um welches „Buch“ es geht. Für einen Juden wie Daniel war unmittelbar klar, was gemeint ist. Das Alte Testament spricht mehrfach von einem solchen „Buch“. Mose hatte zu Gott gesagt. „Und nun, wenn du ihre Sünde vergeben wolltest! Wenn aber nicht, so lösche mich doch aus deinem Buch, das du geschrieben hast“ (2. Mo 32,32). Psalm 69,29 nennt es das „Buch des Lebens“. In Jesaja 4,3 erwähnt Gott solche, die „zum Leben eingeschrieben“ sind. Diese Begriffe wird Daniel gekannt haben. Es geht um solche, die Leben aus Gott haben. Dieses Leben ist die Voraussetzung, um das Reich Gottes zu sehen und hineinzugehen (Joh 3,3.5). Das Neue Testament spricht ebenfalls von diesem „Buch des Lebens“. In Offenbarung 13,8 ist die Rede von solchen, deren Name „nicht geschrieben ist in dem Buch des Lebens des geschlachteten Lammes von Grundlegung der Welt an“. Der Ausdruck „von Grundlegung der Welt an“ weist auf den jüdischen Charakter hin. Für uns Christen gilt, dass wir auserwählt sind „vor Grundlegung der Welt“ (Eph 1,4).10

Aus dem Schlaf erwacht

Vers 2 spricht von denen, die im Staub der Erde schlafen und erwachen. Dabei werden zwei Gruppen unterschieden. Die einen erwachen zu ewigem Leben, die anderen zur Schande, d. h. zu ewiger Abscheu.

Ausleger kommen hier zu zwei unterschiedlichen Erklärungen. Die Unterschiede resultieren aus einer unterschiedlichen Interpretation des Wortes „schlafen“ und „erwachen“. Die eine Gruppe von Auslegern denkt hier an die körperliche (physische) Auferweckung der Toten, während andere in dem Aufwachen ein Bild sehen, das benutzt wird, um uns zu zeigen, dass das Volk Israel einmal zu neuem Leben erwachen und gesammelt werden wird.

Wenn wir den Gebrauch der beiden Worte „schlafen“ und „aufwachen“ in der Bibel näher besehen, stellen wir fest, dass sie einerseits für den tatsächlichen Schlaf und das Aufwachen daraus gebraucht werden. Zum anderen stehen sie mit dem Tod und der Auferstehung in Verbindung. Interessant ist besonders die Stelle aus Jesaja 26,19: „Deine Toten werden aufleben, meine Leichen wieder aufstehen. Wacht auf und jubelt, die ihr im Staub liegt! Denn ein Tau des Lichts ist dein Tau; und die Erde wird die Schatten herausgeben.“ Hier wird von Toten gesprochen, und wie in Daniel 12 wird der Staub erwähnt. Dieser Vers veranlasst eine Reihe von Auslegern, hier tatsächlich einen Hinweis auf die Auferstehung zu sehen.11 Das kann jedoch kaum gemeint sein. Es ist vielmehr eine symbolische Sprache. Gott spricht von solchen aus seinem Volk, die sich schwer versündig haben. Sie gleichen den Toten. Es ist kein Leben sichtbar. Dennoch wird es eine Erweckung geben. Es geht hier nicht um tatsächlich Gestorbene und deren leibliche Auferweckung. Das macht der Zusammenhang ganz klar. Der „Staub der Erde“ spricht im Alten Testament entweder von einer großen Menge (z. B. 1. Mo 13,16; 28,14; 2. Chr 1,9) oder von etwas Geringem und Gedemütigtem (2. Sam 22,43; Amos 2,7).12 In diesem Zustand befinden sich viele Israeliten jetzt. Sie sind verschwunden und verschollen und werden doch gefunden werden. Und die Juden, die bereits in Palästina sind, leben überwiegend im Unglauben.

Obwohl man den Gedanken an die leibliche Auferstehung in Daniel 12 nicht völlig von der Hand weisen kann, gibt es gute Gründe, die dafür sprechen, hier tatsächlich an die nationale Erweckung Israels zu denken, die stattfinden wird, kurz bevor das Reich in Macht und Herrlichkeit gegründet wird. Das Hauptargument lautet, dass der Zusammenhang des Kapitels zeigt, dass es hier um das Volk Daniels (Israel) geht und nicht um andere Menschen. Im Text steht darüber hinaus das Wort „viele“, das im Propheten Daniel fast ausschließlich für Israel gebraucht wird. Jedenfalls kann es kaum auf eine allgemeine Auferstehung aller Menschen hinweisen. In Johannes 5,28 spricht der Herr Jesus davon, dass einmal „alle“ (Toten) auferstehen werden, die in den Gräbern sind. Dieser Hinweis kann schwerlich mit den „Vielen“ in Daniel 12,2 verbunden werden. Die „Vielen“ sind nicht „alle“, sondern nur ein Teil einer größeren Menge.

W. Kelly schreibt: „Dieser Vers wird immer wieder auf die leibliche Auferweckung angewandt. Es ist wahr, dass der Heilige Geist hier auf dieses Bild aufbaut, das benutzt wird, um die Wiederbelebung Israels zu zeigen. Aber es kann gezeigt werden, dass es hier überhaupt nicht um die körperliche Auferstehung geht, weder um unsere noch um die Israels.“13 Zu Recht weisen Ausleger darauf hin, dass Israel als Nation bis heute „schläft“, aber dann zu einer Art „nationaler Auferweckung“ aufwachen wird.

Es geht also um die Frage, was mit den Übrigen aus Daniels Volk geschieht, die sich zum Zeitpunkt der großen Drangsal nicht in Palästina befinden. Das können einerseits Juden sein, andererseits geht es besonders um die verschollenen zehn Stämme des Volkes Israel. Wir wissen, dass sie unter die Nationen zerstreut wurden, nachdem Salmaneser (das ist König Sargon II. von Assyrien) 721 v. Chr. Samaria (die Hauptstadt des 10-Stämme Reiches) erobert und alle Bewohner nach Assur deportiert hatte (2. Kön 17). Dort wohnten sie zunächst, sind dann jedoch bald spurlos von der Bildfläche verschwunden. Gott allein weiß, wo sie sind. Es gibt eine Reihe von Schriftstellen, die zeigen, dass sie gefunden werden und dass es eine nationale Wiedervereinigung zwischen Juda und Benjamin einerseits und den zehn Stämmen andererseits geben wird (vgl. z. B. Jer 23,5.6; Jer 50,20; Ps 80, Hes 34,11–16; 39,25–29; Micha 2,12; Nahum 2,2). Gemeinsam werden die Glaubenden aus allen Stämmen Israels in das Reich des Sohnes des Menschen eingehen.

Bestätigt wird das in Hesekiel 37. Jesaja (Kapitel 26) vergleicht Israel mit einem toten Körper, einem Leichnam. Daniel (Kapitel 12) sieht sie schlafend im Staub. Hesekiel (Kapitel 37) spricht von verdorrten Gebeinen. Der Text in Hesekiel 37,1–8 lautet:

Die Hand des Herrn kam über mich, und der Herr führte mich im Geist hinaus und ließ mich nieder mitten in der Talebene; und diese war voller Gebeine. Und er führte mich ringsherum an ihnen vorüber; und siehe, es waren sehr viele auf der Fläche der Talebene, und siehe, sie waren sehr verdorrt. Und er sprach zu mir: Menschensohn, werden diese Gebeine lebendig werden? Und ich sprach: Herr, Herr, du weißt es. Da sprach er zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, hört das Wort des Herrn! So spricht der Herr, Herr, zu diesen Gebeinen: Siehe, ich bringe Odem in euch, dass ihr lebendig werdet. Und ich werde Sehnen über euch legen und Fleisch über euch wachsen lassen und euch mit Haut überziehen, und ich werde Odem in euch legen, dass ihr lebendig werdet. Und ihr werdet wissen, dass ich der Herr bin. Und ich weissagte, wie mir geboten war. Da entstand ein Geräusch, als ich weissagte, und siehe, ein Getöse: Und die Gebeine rückten zusammen, Gebein an Gebein. Und ich sah: Und siehe, es kamen Sehnen über sie, und Fleisch wuchs, und Haut zog sich darüber obenher; aber es war kein Odem in ihnen.

Diese Verse zeigen deutlich die nationale Erweckung Israels. Die Gebeine rücken zusammen. Es ist die Rede von Sehnen und Fleisch und von Haut darüber. Doch es fehlt der Odem, d. h. am Anfang war noch kein Leben da.14 Das folgt nun in den Versen 9–14:

Und er sprach zu mir: Weissage dem Odem, weissage, Menschensohn, und sprich zu dem Odem: So spricht der Herr, Herr: Komm von den vier Winden her, du Odem, und hauche diese Getöteten an, dass sie lebendig werden! Und ich weissagte, wie er mir geboten hatte; und der Odem kam in sie, und sie wurden lebendig und standen auf ihren Füßen, ein überaus großes Heer. Und er sprach zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, sie sprechen: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren; wir sind dahin. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht der Herr, Herr: Siehe, ich werde eure Gräber öffnen und euch aus euren Gräbern heraufkommen lassen, mein Volk, und werde euch in das Land Israel bringen. Und ihr werdet wissen, dass ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch aus euren Gräbern heraufkommen lasse, mein Volk. Und ich werde meinen Geist in euch geben, dass ihr lebet, und werde euch in euer Land setzen. Und ihr werdet wissen, dass ich, der Herr, geredet und es getan habe, spricht der Herr.

Erneut zeigt der Zusammenhang, dass keine leibliche Auferstehung gemeint sein kann. Es geht darum, dass Gott die zehn Stämme in ihr Land zurückbringt, damit sie dort an dem Reich teilhaben können.

Zwei Gruppen

Erwachen werden sie alle. Doch nicht alle haben Glauben. Nicht alle haben Leben aus Gott. Dieses Leben ist jedoch Voraussetzung, um in das Reich eingehen zu können. Es ist ähnlich wie bei den zehn Jungfrauen. Als der Mitternachtsruf ertönte, standen alle zehn auf, um dem Bräutigam entgegenzugehen. Doch nur fünf von ihnen hatten Öl. Erweckt und aufgeweckt zu sein bedeutet noch lange nicht, Leben zu haben. Es sind nur einige, die dann zu ewigem Leben erwachen, die anderen werden zur Schande, d. h. zu ewigem Abscheu erwachen. Das wird in Hesekiel 20 bestätigt. Dort lesen wir in den Versen 33–37 ebenfalls von der nationalen Erweckung Israels:

So wahr ich lebe, spricht der Herr, Herr, wenn ich nicht mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm und mit ausgegossenem Grimm über euch regieren werde! Und ich werde euch herausführen aus den Völkern und euch aus den Ländern sammeln, in die ihr zerstreut worden seid, mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arm und mit ausgegossenem Grimm. Und ich werde euch in die Wüste der Völker bringen und dort mit euch rechten von Angesicht zu Angesicht; wie ich mit euren Vätern gerechtet habe in der Wüste des Landes Ägypten, so werde ich mit euch rechten, spricht der Herr, Herr. Und ich werde euch unter dem Stab hindurchziehen lassen und euch in das Band des Bundes bringen. Und ich werde die Empörer und die von mir Abgefallenen von euch absondern; ich werde sie herausführen aus dem Land ihrer Fremdlingschaft, aber in das Land Israel soll keiner von ihnen kommen. Und ihr werdet wissen, dass ich der Herr bin.

Wie in Daniel 12 gibt es zwei Gruppen. Alle werden zwar kommen, doch nicht alle gehen in das Reich ein. Es wird neben denen, die in das „Band des Bundes“ gebracht werden, „Empörer“ und „Abgefallene“ geben, die zur Schande und zu ewigem Abscheu sein werden. Es sind solche, die äußerlich angesprochen waren und mitgingen, jedoch nicht ins „Buch des Lebens“ geschrieben wurden. Es genügt nicht, „aufgeweckt“ worden zu sein, man muss Leben aus Gott haben. Das ist übrigens heute nicht anders. Eine „Form der Gottseligkeit“ (2. Tim 3,5) genügt nicht. Es muss echter Glaube vorhanden sein. Der Herr Jesus sagt unmissverständlich: „Nicht jeder, der zu mir sagt: „Herr, Herr!“, wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist“ (Mt 7,21).

Die Glaubenden werden „zu ewigem Leben“ erwachen. Das bedeutet im Sinn des Alten Testamentes, dass sie in das Tausendjährige Reich eingehen werden, zu dem sie bestimmt sind. Es sind diejenigen, von denen der Herr sagt: „Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an“ (Matth 25,34). Die anderen sind ewig verloren. Sie sind zur „Schande“. Das Wort steht in der Mehrzahl, d. h. eigentlich „zu Schanden“. Das verstärkt die Aussage noch. Die „ewige Abscheu“ steht im Kontrast zu dem „ewigen Leben“.

Etwas später sagt der Herr von diesen beiden Gruppen: „Und diese werden hingehen in die ewige Pein, die Gerechten aber in das ewige Leben“ (Mt 25,46). Ewiges Leben steht immer in Übereinstimmung mit dem Charakter, in dem Gott sich offenbart hat. Bei uns Christen ist das die Offenbarung des Vaters. Deshalb haben wir den Sohn als unser Leben, und das ist Leben in seiner reichsten Form, d. h. „in Überfluss“ (Joh 10,10). Für die glaubenden Israeliten ist das Leben verbunden mit Gott dem Allerhöchsten, denn so kennt man Ihn im Tausendjährigen Reich. In das Leben hingehen bedeutet nichts anders als in das Reich zu gehen. In Psalm 133,3 nennt Gott den Segen im Reich „Leben bis in Ewigkeit“.

Die Verständigen erhalten ihren Lohn

Vers 3 erwähnt eine weitere Gruppe. Es gibt nicht nur einen Unterschied zwischen denen, die im Buch des Lebens stehen, und denen, die verloren sind. Unter denen, die im Buch des Lebens stehen, werden solche sein, die hier „Verständige“ genannt werden, und solche, die andere unterweisen. In Kapitel 11,33 war bereits von solchen in der Zeit der Makkabäer die Rede. Dort hatten wir gefunden, dass die „Verständigen des Volkes ... die Vielen unterweisen“ werden.

Es wird also in der Zeit des Endes solche geben, die eine gute Kenntnis der Gedanken Gottes erlangt haben. Es bleibt eine offene Frage, ob die „Verständigen“ hier diejenigen sind, die andere zur Gerechtigkeit weisen, oder ob es sich um zwei verschiedene Gruppen handelt. Die Ansichten der Ausleger gehen dabei etwas auseinander. In Verbindung mit dem, was in Kapitel 11 gesagt wird, kann man vermutlich davon ausgehen, dass es sich um ein und dieselbe Gruppe handelt. Was sie tun ist das, was später der Messias selbst tun wird. In Jesaja 53,11 heißt es, dass der gerechte Knecht Gottes „die Vielen zur Gerechtigkeit weisen“ wird.

Die „Vielen“ scheinen hier wieder die Masse des Volkes in der Endzeit zu sein. Diese Verständigen werden ein kraftvolles Zeugnis ablegen. Es heißt nicht, dass sie das Evangelium des Reiches oder die Gnade verkündigen, sondern dass sie die Vielen „zur Gerechtigkeit“ weisen (d. h. die Gerechtigkeit lehren). In einer Zeit größter Ungerechtigkeit unter der Herrschaft des Antichrists wird es einige wenige geben, die den richtigen Weg lehren. Sie werden andere unter Gefahr ihres Lebens darauf aufmerksam machen, dass es verkehrt ist, sich dem Antichrist zu unterwerfen.

Diese „Verständigen“ erhalten ihren Lohn. Es ist ein Grundsatz Gottes, der das Alte wie das Neue Testament durchzieht: Was aus Liebe zu Gott getan wird, belohnt Gott. Er ist ein „Belohner“ und lässt sich nichts schenken. Hier geht es konkret nicht um den Lohn für die Gläubigen der Gnadenzeit, sondern um den Lohn der Treuen in der Zeit der Drangsal. Der von Gott in Aussicht gestellte Lohn ist zu keiner Zeit das Hauptkriterium, Ihm treu zu dienen. Dennoch ist der Lohn in jeder Haushaltung ein Ansporn, treu zur Wahrheit zu stehen und von der Wahrheit Zeugnis abzulegen. Wer den Lohn gering achtet, achtet den gering, der den Lohn verspricht. F. B. Hole schreibt: „Lasst uns dies sorgfältig zu Herzen nehmen, denn die Grundsätze, nach denen Gott mit seinen Dienern handelt, verändern sich nicht. Es gibt Lohn für die Verständigen, für die, die eine gottgeschenkte Erkenntnis seiner Wahrheit und seiner Wege haben und daher andere unterweisen können. Es gibt auch Lohn für solche, die aktiv waren im Gewinnen von Seelen, um sie auf den Weg der Gerechtigkeit zu führen. Die beiden Seiten, der Dienst der Belehrung und Erbauung und der Dienst im Evangelium, sollen sich die Waage halten.“15

Als Lohn wird hier ein zweifaches Teil versprochen:

  1. Sie werden leuchten wie der Glanz der Himmelsfeste: Es ist denkbar, dass sich der „Glanz der Himmelsfeste“ auf diejenigen bezieht, die wegen ihres Zeugnisses ihr Leben lassen werden (die also als Märtyrer sterben). Der „Glanz der Himmelsfeste“ erinnert an den Glanz der Sonne. Der Herr Jesus selbst sagt von diesen Märtyrern: „Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters“ (Mt 13,43). Das „Reich ihres Vaters“ ist der himmlische Teil des Reiches (während das „Reich des Sohnes des Menschen“ der irdische Teil ist). Diese Verständigen, die ihr Leben auf der Erde verlieren, werden im Reich nicht benachteiligt sein. Im Gegenteil: Sie werden das Reich von seiner himmlischen Seite erleben. Gott freut sich an ihnen und wird sie mit dem Glanz seiner Gnade bekleiden, weil sie Ihm in der Drangsal treu geblieben sind. Sie werden im Reich himmlisches Licht auf dieser Erde verbreiten.
  2. Sie werden leuchten wie die Sterne, immer und ewig: Die Sterne sprechen von abgeleiteter Autorität. Der Lohn besteht also darin, dass sie einen Platz der Autorität und der Regierung im Reich bekommen. Es ist denkbar, dass wir hier an diejenigen denken können, die das Reich von seiner irdischen Seite erleben werden und denen der Herr eine gewisse Autorität verleihen wird.16 Einige Ausleger verbinden das mit Lukas 19,15–19, wo die Knechte des Herrn Gewalt über Städte bekommen und mit Ihm regieren werden.

Der Ausdruck „immer und ewig“ kommt häufig in den Psalmen vor und hat mit dem Reich und der Regierung zu tun. Zum ersten Mal finden wir ihn in 2. Mose 15,18: „Der Herr wird König sein immer und ewig!“ Jesaja 34,10 erwähnt den Ausdruck in Verbindung mit dem Gericht. In Micha 4,5 lesen wir: „Denn alle Völker werden wandeln, jedes im Namen seines Gottes; wir aber werden wandeln im Namen des Herrn, unseres Gottes, immer und ewig.“

Vers 4: Das versiegelte Buch

Verschließen und versiegeln

Daniel wird nun ganz persönlich angesprochen. Diese Ansprache ist im ganzen Buch einmalig. Er sollte die Worte verschließen (oder verwahren) und das Buch bis zur Zeit des Endes versiegeln. Die Anweisung betrifft nicht nur die letzte Vision in den Kapiteln 10 bis 12, sondern alle Worte, die er im Auftrag Gottes aufgeschrieben hatte.

Im Lauf der Betrachtung haben wir manche Parallele zwischen Daniel und Johannes – als dem Schreiber der Offenbarung – gesehen. Hier jedoch ist der Kontrast auffallend. Johannes wird ausdrücklich gesagt: „Versiegle nicht die Worte der Weissagung dieses Buches ...“, und es wird eine Begründung dafür gegeben: „... denn die Zeit ist nahe“ (Off 1,3; 22,10).

Für Daniel blieben am Ende manche Fragen offen, auf die er keine endgültige Antwort bekam. Gerade das Ende des Buches macht das sehr deutlich. Für uns ist das anders. Im Licht des Neuen Testamentes finden wir Antworten auf die meisten Fragen Daniels. Das Versiegeln des Buches bedeutete für Daniel, dass diese Weissagung für den Gebrauch in seiner Zeit verschlossen war. Es bedeutet nicht, dass es nicht gelesen werden sollte, sondern lediglich, dass es nicht vollständig erfasst werden konnte.

Wir sind dankbar, dass es für uns anders ist. Die Offenbarung ist das Buch der „Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gab, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss“ (Off 1,1). Sie zeigt uns einen „geöffneten Himmel“ (Off 19,11). „Der Geist der Weissagung ist das Zeugnis Jesu“ (Off 19,10). Das ist im Alten Testament im Prinzip nicht anders. Nur weil Jesus dort noch nicht offenbart ist, muss die Weissagung des Alten Testamentes ohne das Licht des Neuen Testaments in diesem Sinn „verschlossen“ und „versiegelt“ sein. Die Offenbarung wird zwar von vielen Lesern immer noch als ein „Buch mit sieben Siegeln“ bezeichnet, sie sollte – und müsste – es jedoch ausdrücklich nicht sein.

Obwohl wir als Christen die „Zeit des Endes“ nicht erleben werden, weil unser Herr vorher gekommen sein wird, gilt doch, dass wir Einsicht in diese Zeit haben. J. N. Darby schreibt: „Der Christ und die Kirche (Versammlung) sind in einem gewissen Sinn immer in der Zeit des Endes, denn die Kirche (Versammlung) gehört nicht zum gegenwärtigen Zeitlauf. Wir leben in der letzten Stunde“ (1. Joh 2,18).17 Hinzu kommt, dass wir – anders als die Gläubigen des Alten Testamentes – den Heiligen Geist besitzen. So schwach unser praktischer Zustand leider sein mag: Für uns ist im Prinzip nichts versiegelt. Durch den Heiligen Geist haben wir grundsätzliches Verständnis für die Wege und den Ratschluss Gottes (1. Joh 2,20). Der Heilige Geist leitet uns in die ganze Wahrheit und verkündigt uns das Kommende (Joh 16,13). Was der einsichtsvollste Gläubige im Alten Testament nicht verstehen konnte, können wir heute verstehen. Es ist großes Vorrecht, für das wir nicht dankbar genug sein können. Dass wir die Weissagung Daniels – wie die der Offenbarung und anderer prophetischer Texte – dennoch oft wenig erfassen, liegt daran, dass wir nicht in einem entsprechenden praktischen Zustand sind oder weil wir uns nie intensiv damit befasst haben. Wir erleiden so einen inneren Verlust, denn das Studium der Prophetie ist wichtig und nützlich (vgl. 2. Pet 1,19).

Die Erkenntnis wird sich mehren

Obwohl die Worte verschlossen und das Buch bis zur Zeit des Endes versiegelt werden sollte, werden viele es durchforschen und die Erkenntnis wird sich mehren. Das wird als Tatsache vorgestellt. Offensichtlich nimmt es Bezug auf die Zeit des Endes. In der Zeit der großen Drangsal werden viele der gläubigen Juden das Buch Daniel lesen und großen Nutzen davon haben. Es wird sie trösten und kräftigen. Voraussetzung ist, dass sie es zunächst „durchforschen“ müssen, d. h. es wird eine gewisse Mühe kosten, die sich jedenfalls lohnt.

In der Anwendung denken wir an uns. Für uns ist das Buch Daniel kein „verschlossenes“ Buch. Wir lesen es im Licht des Neuen Testamentes – besonders der Offenbarung – und unter der Leitung des Heiligen Geistes. Dennoch gilt es für uns ebenso, dass wir „forschen“ und „studieren“ müssen, um wirklichen Nutzen davon zu haben. Von nichts kommt nichts. Es kostet eine gewisse Mühe, der wir uns jedoch nicht vergeblich unterziehen. Dabei geht es nicht um intellektuelle Kenntnis, die nur aufbläht (1. Kor 8,1), sondern um echte Einsicht in die Gedanken Gottes.

Verse 5–10: Der in Leinen gekleidete Mann beantwortet Fragen

Mit Vers 5 beginnt der Schluss zu dem gesamten Buch, denn mit Vers 4 endet die eigentliche prophetische Mitteilung und damit die letzte Vision, die mit Kapitel 10 begonnen hatte.

Zwei Engel am Ufer des Stromes

Zunächst sieht Daniel „zwei andere“, die an jeder Seite des Stromes standen. Der Fluss ist zweifellos wie in Kapitel 10 der Hiddekel (oder Tigris). Allerdings steht hier für „Strom“ ein anderes Wort als vorher, ein Wort, das üblicherweise für den Nil steht und an einigen Stellen so übersetzt wird. Man kann darüber nachdenken, warum das so ist. Vielleicht möchte Gott hier besonders auf seine Macht hinweisen, die sich in der Geschichte Israels in der Rettung aus der Bedrückung des Pharos in Ägypten gezeigt hatte. So wie Gott damals über den Dingen stand und eine gewaltige Rettung für sein Volk vollbrachte, wird es in Zukunft wieder sein.

Wer genau die „zwei anderen“ sind, wird nicht gesagt. Wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, dass es Engel sind. Eine Reihe von Auslegern bringt sie mit den beiden Engeln in Kapitel 8,13.14 in Verbindung, was gut möglich ist. Dort wurden sie als „Heilige“ vorgestellt. Wie in Kapitel 8 haben sie eine Frage, was erneut darauf hinweist, dass Engel nicht allwissend sind, gleichwohl ein großes Interesse daran haben, wie es dem Volk Gottes ergeht.

Der Mann in Leinen

Den Mann in Leinen haben wir ebenfalls bereits kennengelernt (vgl. die Anmerkungen zu Kapitel 10,5). Obwohl es ein wenig verborgen und unklar bleibt, kann es doch keinen Zweifel daran geben, dass es sich – im Licht des Neuen Testamentes – um den Herrn Jesus selbst handelt. Die Parallele zu Offenbarung 10,1–6 ist augenscheinlich:

Und ich sah einen anderen starken Engel aus dem Himmel herabkommen, bekleidet mit einer Wolke, und der Regenbogen war auf seinem Haupt, und sein Angesicht war wie die Sonne, und seine Füße waren wie Feuersäulen; und er hatte in seiner Hand ein geöffnetes Büchlein. Und er stellte seinen rechten Fuß auf das Meer, den linken aber auf die Erde; und er rief mit lauter Stimme, wie ein Löwe brüllt. Und als er rief, redeten die sieben Donner ihre Stimmen. Und als die sieben Donner redeten, wollte ich schreiben; und ich hörte eine Stimme aus dem Himmel sagen: Versiegle, was die sieben Donner geredet haben, und schreibe es nicht. Und der Engel, den ich auf dem Meer und auf der Erde stehen sah, erhob seine rechte Hand zum Himmel und schwor bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, der den Himmel erschuf und das, was in ihm ist, und die Erde und das, was auf ihr ist, und das Meer und das, was in ihm ist, dass keine Frist mehr sein wird, sondern in den Tagen der Stimme des siebten Engels, wenn er posaunen wird, ist auch das Geheimnis Gottes vollendet, wie er seinen Knechten, den Propheten, die gute Botschaft verkündigt hat.

Die Tatsache, dass Er seine Rechte und seine Linke emporhebt, weist auf den Schwur hin, mit dem etwas besonders bezeugt werden sollte. Es war nicht unüblich, zum Schwur eine Hand zu heben (vgl. 1. Mo 14,22; 5. Mo 32,40). Dass Gott schwört, mag uns auf den ersten Blick sonderbar erscheinen, wir finden es jedoch wiederholt (z. B. Ps 95,11; 106,26; 110,4; Jes 45,23; Hes 20,5.6; Heb 6,17). Gott schwört nicht für sich, sondern wenn Er es tut, dann für andere, hier für Daniel. Damit soll unterstrichen werden, dass das, was nun gesagt wird, unveränderlich feststeht. Schon für den Schwur eines Menschen gilt, dass er „das Ende allen Widerspruchs“ ist (Heb 6,16). Die Tatsache, dass beide Hände zum Schwur erhoben wurden, ist einzigartig im Alten Testament. Wir erkennen, wie unumstößlich die Aussage ist. Der Schwur erfolgt bei dem, „der ewig lebt“. Das ist niemand anderes als der ewige Gott selbst (vgl. z. B. 5. Mo 32,40; Ps 93,2).

Wie lange?

Die Antwort erfolgt auf die Frage des einen Engels18: Wie lange? Gemeint ist, wie lange die Drangsal dauern wird, bis die Rettung kommt. „Das Ende“ meint hier den Zeitabschnitt des Endes. Der Ausdruck „wunderbare Dinge“ bedeutet „Wunderdinge“ oder „fremde Dinge“. Gemeint ist nicht etwas, das nach menschlichem Ermessen schön oder angenehm ist, sondern es können durchaus schreckliche Dinge sein, die als „wunderbar“ bezeichnet werden. Wenn Gott handelt, ist das immer wunderbar – Gott verherrlicht sich selbst im Gericht. Im Grunde sind es tatsächlich schreckliche Dinge, die über Israel kommen werden. Trotzdem sind sie gleichzeitig wunderbar, weil Gott handelt. Alles – selbst im Gericht – läuft auf ein herrliches Ende hinaus, und in allem wird Gott verherrlicht.

Die Antwort auf die Frage lautet: „Eine Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit“ (vgl. Off 12,14). „Eine Zeit“ ist ein Jahr, „Zeiten“ sind zwei Jahre, und „eine halbe Zeit“ ist ein halbes Jahr. Gemeint sind konkret die 3 ½ Jahre, d. h. die zweite Hälfte der letzten Jahrwoche Daniels (vgl. Kapitel 7,25 und die Erklärungen dort). 3 ½ Jahre entsprechen 42 Monaten (Off 11,2; 13,5) oder 1260 Tagen (Off 11,3; 12,6). So lange wird die „große Drangsal“ dauern. In dieser Zeit werden das kleine Horn (Dan 7,25) und der Antichrist unter satanischem Einfluss ihr Unwesen auf der Erde treiben, und in dieser Zeit wird der König des Nordens das Land überfluten. Der Ausdruck „Zerschmetterung“ weist noch einmal auf das große Leid hin, das Palästina unter der Regierung des Antichrists und speziell durch die Invasion des Königs des Nordens treffen wird (vgl. z. B. Jes 1,28; Jer 4,6; 6,1). Wenn das „vollbracht“ (geschehen) ist, werden diese Dinge „vollendet“ (zu einem Ende gekommen) sein. Auf diesen Punkt läuft alles hin. Für Daniel mochte diese Antwort enttäuschend sein. Sein Blick ging nicht weiter. Was danach kam, konnte er nicht sehen.

Daniels Unverständnis

Obwohl Daniel ein „Vielgeliebter“ war, ein überaus weiser Mann mit großer Einsicht, ein integrer und gottesfürchtiger Mann, musste er doch sagen, dass er die Worte zwar hörte, jedoch nicht verstand. Obwohl er sie aufschrieb, verstand er sie nicht. Petrus schreibt davon, dass die Propheten zum Teil nicht verstanden, was sie weissagten (1. Pet 1,12). Der Unterschied zu der Zeit, in der wir leben, ist mehr als deutlich. Wir sind bevorrechtigt, das zu verstehen, was Daniel nicht verstand. Und das, obwohl Daniel uns in seiner persönlichen Treue und Integrität weit überlegen ist. Wir haben im Gegensatz zu Daniel die „Salbung von dem Heiligen“ und wissen „alles“ (1. Joh. 2,20). Darin eingeschlossen sind die Dinge, „die bald geschehen müssen“ (Off 1,1). Daniel hingegen musste fragen: „Mein Herr, was wird das Ende (der Ausgang) davon sein?“

Versiegelte Worte

Anstatt einer für ihn verständlichen Antwort hörte Daniel die Worte: „Geh hin, Daniel; denn die Worte sollen verschlossen und versiegelt sein bis zur Zeit des Endes.“ „Geh hin“ könnte sich wie später in Vers 13 auf den Tod des Propheten beziehen. Daniel war ja hier ein sehr alter Mann. Was er gehört und gesehen hatte, sollte bis zur Zeit des Endes verschlossen und versiegelt sein. Erst dann wird es für die Juden offenbar werden. Dieses Aufwachen des Überrestes wird mit der Erkenntnis verbunden sein, dass derjenige, der sie dann retten wird, der war, den sie damals für schuldig hielten und an das Kreuz brachten (Jes 53; Sach 11,10–12).

Gerechte, Gottlose, Verständige

Vers 10 nimmt erneut Bezug auf die Zeit des Endes und nicht auf die gegenwärtige Zeit der Gnade. Das muss man klar sehen. Es gibt dann zwei Klassen von Menschen in Daniels Volk. Viele werden sich reinigen, sich weiß machen und läutern. Das sind die Glaubenden. Sie werden durch das Feuer der Drangsal gebracht und gerettet werden. Sie sind „verständig“. Das ist der Überrest, von dem Gott sagt: „Der Überrest wird umkehren, der Überrest Jakobs zu dem starken Gott“ (Jes 10,21). Die andere Gruppe sind diejenigen, die gottlos handeln. Sie sind blind und böse und unverständig. Für sie sind die Würfel längst gefallen, weil sie sich nicht ändern wollen.

Wir erkennen hier einen allgemeinen Grundsatz, der immer gilt: Um wirkliches geistliches Verständnis zu haben, ist eine konsequente Hinwendung zu Gott erforderlich. Wir leben heute in einer Zeit, in der viele Menschen sich zwar Christen nennen, jedoch kein Verständnis für diese Dinge haben. Obwohl sie ein christliches Bekenntnis haben, sind sie gottlos und verhalten sich gottlos. Wir finden diese beiden Gruppen ganz am Ende der Offenbarung wieder: „Wer unrecht tut, tue noch unrecht, und wer unrein ist, verunreinige sich noch, und wer gerecht ist, übe noch Gerechtigkeit, und wer heilig ist, sei noch geheiligt“ (Off 22,11).

In der Anwendung auf uns wollen wir nicht vergessen, dass geistliches Verständnis und Einsicht kein „Automatismus“ sind. Obwohl für uns grundsätzlich nichts versiegelt und verschlossen ist, gibt es eine weitere wichtige Voraussetzung für wirkliche Einsicht: Einsicht ist zuerst eine Frage der Gesinnung und des Gehorsams und nicht des Intellektes. Die Furcht (Ehrfurcht) des Herrn bleibt immer der Weisheit Anfang (Spr 9,10), und Furcht (Ehrfurcht) des Herrn schließt ein, das Böse zu hassen (Spr 8,13). Nur auf diesem Weg kommen wir zu wirklicher Einsicht in die Gedanken Gottes.

Von Daniel lernen wir für die Praxis des Lebens eine weitere Lektion. Es ist gut, wenn wir beim Lesen des Wortes Gottes Fragen stellen und uns bemühen, durch intensives Forschen im Wort Gottes Antworten zu finden. Nur wer Fragen hat und sie stellt, wird im geistlichen Verständnis wachsen.

In der Zeit der Drangsal wird es einige wenige geben, die ebenfalls zur Einsicht kommen und „verständig“ sind. Die Masse des Volkes wird von diesen Dingen nichts verstehen und blind ihrem Führer folgen. Der natürliche Mensch nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, und er kann es nicht erkennen (1. Kor 2,14). So wird es immer sein. Verständige werden verstehen, Gottlose verstehen nicht. Es mag viele Zeugnisse Gottes an den Menschen geben, doch wenn das Herz weit weg von Gott ist und der Mensch sich dem Bösen zuwendet, gibt es kein Verständnis für ihn.

Bemerken wir noch, dass es hier nicht heißt, dass Gott sie reinigt, weiß macht und läutert. Ohne Frage tut Er das, denn nur derjenige ist rein und heilig, den Gott in einen solchen Zustand bringt. Das „Läutern“ ist ebenfalls ein Handeln Gottes (Jer 9,6; Sach 13,9; Mal 3,3). Hebräer 12,10 zeigt klar, dass Gott immer ein Ziel hat, wenn Er das tut. Die große Drangsal bildet da keine Ausnahme. Doch hier wird es unter der Verantwortung des glaubenden Überrestes gesehen. Sie selbst haben einen Anteil daran, indem sie sich konsequent von ihrem falschen König – dem Antichrist – trennen. Diese beiden Seiten sind häufig zu unterscheiden.19 Gott handelt mit uns Menschen in der einen oder anderen Weise. Wir können uns seinem Handeln entweder widersetzen oder wir können ihm entsprechend selbst handeln.

Verse 11–12: Vom Glück des Ausharrens

1.290 und 1.335 Tage

Daniel bekommt eine ergänzende Information, die er noch weniger verstanden haben wird. Er wusste aus Kapitel 9, dass das beständige Opfer abgeschafft werden wird. Das geschieht unter der Regie des Antichrists, der in der Mitte der letzten Jahrwoche jedem jüdischen Gottesdienst in Jerusalem ein Ende bereiten wird. Darauf bezieht sich – wie wir gesehen haben – der Herr Jesus in seiner großen Endzeitrede in Matthäus 24,15.

Eines wird Daniel jedoch klar geworden sein. Die Zeit der Drangsal war nicht nur von Gott festgelegt, sondern in dieser Zeit gilt: Wer ausharrt und das Ende erreicht, wird „glückselig“ sein. Es wird sich für die gläubigen Juden jedenfalls lohnen, treu zu ihrem Gott zu stehen und bis zum Ende auszuharren. Für Gläubige aller Haushaltungen gilt: „Das Ausharren aber habe ein vollkommenes Werk“ (Jak 1,4). Das Neue Testament zeigt uns an verschiedenen Stellen, dass Ausharren eine christliche Tugend mit positiven Folgen ist (z. B. Röm 5,4; 12,12; 15,4; 2. Tim 2,12; 2. Pet 1,6). Für den Überrest besteht das „Glück“ in dem Reich, in das sie eingehen werden. Das sind diejenigen, die der Herr Jesus in der Bergpredigt mehrfach „glückselig“ nennt (Mt 5,1–9).

Für Daniel war klar, dass es am Ende Segen geben würde. Der Startpunkt war ebenfalls klar fixiert. Er konnte allerdings nicht verstehen, was die 1.290 und 1.335 Tage bedeuten sollten. Vorher war von der Dauer der Drangsal mit 1.260 Tagen (3 ½ Jahren) die Rede, nun wird ein weiterer Monat (30 Tage) und dann noch einmal eineinhalb Monate (45 Tage) hinzugefügt. Selbst für uns bleibt die Bedeutung ein wenig unklar. Es gibt in den prophetischen Schriften keinen weiteren Hinweis auf diese Zeit. Deshalb müssen wir in der Interpretation vorsichtig sein. Wie fast zu erwarten ist, haben viele Ausleger der Versuchung, hier zu spekulieren, nicht widerstehen können.20

W. Kelly gibt zu dieser Frage eine kurze Antwort. Er schreibt: „Ich denke, der Grund ist, dass der Segen für Israel nicht unmittelbar kommen kann.“21 Das ist einleuchtend. Wenn die große Drangsal vorüber ist, wird eine gewisse Zeit erforderlich sein, bis das Glück und der Segen des Reiches wirklich gekommen sein werden. Man mag daran denken, dass diese Zeit unter Umständen benötigt wird, um die letzten Gerichte über die umliegenden Nationen auszuführen. Das Gericht der Lebendigen wird ebenfalls eine gewisse Zeit erfordern (Mt 25,31–46). Hinzu kommt, dass der Gottesdienst wiederhergestellt werden muss. Genaues können und wollen wir nicht sagen. Einen Hinweis in diese Richtung könnte uns Jesaja 10,12 geben: „Und es wird geschehen, wenn der Herr sein ganzes Werk am Berg Zion und an Jerusalem vollbracht hat, so werde ich die Frucht der Überhebung des Herzens des Königs von Assyrien und den Stolz der Überheblichkeit seiner Augen heimsuchen.“ Es ist „ein ganzes Werk“, das vollbracht wird, und dann gilt es noch die Arroganz des Königs des Nordens zu brechen. Das wird einige Wochen benötigen. Wie dem auch sei, eins ist sicher, dass nämlich am Ende der 1.335 Tage das ganze herrliche Werk der Segnung für das Volk Israel vollendet ist und es dann in die Ruhe und den Frieden des Tausendjährigen Reiches eingehen wird.

Vers 13: Epilog – das Ende Daniels

Das Ende Daniels

Noch einmal wird dieser vielgeliebte Mann persönlich von Gott angesprochen. Er sollte hingehen zu seinem Ende. Hiermit ist eindeutig sein Tod gemeint. Was würde nun das Ende jenes Mannes sein, der – ähnlich wie Johannes – so großartige Visionen der Zukunft gesehen hatte? Wenn wir die beiden noch einmal vergleichen, fällt auf, dass der Tod Daniels ausdrücklich vorausgesagt war, während von dem Tod des Johannes ausdrücklich nicht gesprochen wird. In seiner Unterredung mit Petrus sagte Jesus zu ihm: „Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!“ (Joh 21,22). Das heißt nicht, dass Johannes nicht sterben würde, sondern lediglich, dass darüber nicht gesprochen wurde. Doch Daniels Tod wird konkret vorausgesagt.

Daniel würde ruhen – und zwar in seinem Grab in Babylon. Er würde in fremder Erde begraben werden. Anders als Jakob oder Joseph hatte er keine Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass man ihn im Land seiner Väter begrub.22 Dennoch war mit seinem Tod nicht alles zu einem Ende gekommen. Daniel sehnte die Zeit herbei, wo der Sohn des Menschen sein ewiges Reich aufrichten wird. Deshalb tröstet Gott ihn in einer zweifachen Weise. Zum einen sollte er nach einem langen und aufopferungsvollen Leben im Tod ruhen. Der Tod bedeutete für ihn kein Schrecken. Zweitens würde er zu seinem Los auferstehen am Ende der Tage. Daniel ist der einzige Gläubige im Alten Testament, dem das so direkt zugesagt worden ist. Das bedeutet, dass er einen Anteil an dem Reich bekommen wird.

Ausblick

Für jeden Gläubigen gilt: „Das Schönste kommt noch.“ Für uns ist es das Vaterhaus. Für die alttestamentlichen Gläubigen und die Gläubigen kommender Tage, nach der Zeit der Gnade, ist es das tausendjährige Friedensreich auf dieser Erde. Für Daniel bedeutete das konkret, dass er keinen Verlust haben wird. Er wird einmal auferstehen und dann sogar an der himmlischen Seite dieses Reiches teilhaben. Daniel konnte nicht genau wissen, was sein „Los“ sein würde. Dennoch muss in diesen Worten ein großer Trost für ihn gelegen haben.

Im Licht der Worte des Herrn Jesus wird klar, was dieses „Los“ – die endgültige Bestimmung – für Daniel beinhalten sollte. Er sagt: „... wenn ihr Abraham und Isaak und Jakob und alle Propheten sehen werdet in dem Reich Gottes ... Und sie werden kommen von Osten und Westen und von Norden und Süden und im Reich Gottes zu Tisch liegen“ (Lk 13,28.29). Der Prophet Daniel wird dann dabei sein und das Reich Gottes vom Himmel aus miterleben. Das ist der Lohn für ein treues und hingebungsvolles Leben.

Und in der Zwischenzeit? Die Gläubigen im Alten Testament kannten ein „Totenreich“ (den „Scheol“), wo sie bis zur Auferstehung sein würden. Jakob spricht viermal davon und assoziiert den Scheol mit etwas Unangenehmem (1. Mo 37,35; 42,38; 44,29.31). Die gottesfürchtige Hanna wusste: „Der Herr tötet und macht lebendig; er führt in den Scheol hinab und führt herauf“ (1. Sam 2,6). Hiob erwähnt den Scheol ebenfalls häufig als einen dunklen und wenig erstrebenswerten Ort. Die „Unterteilung“ des Totenreiches in den Ort der entschlafenen Gläubigen einerseits (das Paradies) und der Ungläubigen andererseits (Hades) ist erst im Neuen Testament bekannt geworden.

Dennoch wird Daniel hier gesagt, dass er „ruhen“ würde. Als der Herr Jesus den Schleier des Totenreiches einmal ein wenig lüftet, spricht Er von dem „Paradies“ als dem „Schoß Abrahams“ (Lk 16,22). Das sollte für Daniel der Ort der „Ruhe“ sein. Er wird an der Auferweckung der Heiligen teilhaben, wenn der Herr Jesus zur Entrückung kommt. Bis zu diesem Augenblick wird er ruhen. Der Tod sollte für ihn keinen Schrecken haben.

Wenn heute ein Gläubiger heimgeht, ruht er ebenfalls im Paradies.23 Gleichzeitig wartet er auf den Augenblick, wo der Herr wiederkommt, um uns zu sich zu nehmen. Die Gläubigen der Gnadenzeit sind dann im Haus des Vaters, während die Gläubigen des Alten Testamentes und die der großen Drangsal ihr besonderes Teil im Reich Gottes haben werden.

Das Ende des Buches Daniel steht in mehrfacher Hinsicht in einem Kontrast zum Ende der Offenbarung. Nicht nur, dass Daniel sein Buch versiegeln sollte und Johannes nicht. Nein, das Ende des Buches Daniels spricht vom Tod. Das Ende der Offenbarung spricht davon, dass Jesus als der glänzende Morgenstern wiederkommt und wir uns danach sehnen. „Der diese Dinge bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. – Amen; komm, Herr Jesus!“ (Off 22,20). Der Kontrast könnte kaum größer sein. Wir warten nicht auf den Tod, sondern darauf, dass Er kommt, uns zu sich zu nehmen.

Schlusswort

Wir sind am Ende unserer Notizen zum Buch Daniel angekommen. Ich hoffe, die Gedanken waren dem einen oder anderen Leser nützlich. Anregungen und Verbesserungsvorschläge sind herzlich willkommen. Je länger man schreibt, umso mehr erkennt man, dass kein menschliches Buch fehlerfrei ist.

Zum Schluss möchte ich zwei geschätzte Ausleger zu Wort kommen lassen und deren Resümee zu meinem eigenen machen:

  1. W. Kelly schreibt: „Ein wichtiger Grund, das Buch Daniel zu studieren, liegt darin, Gottes Kinder vor dem Gedanken zu bewahren, die Kirche (Versammlung) sei überall zu finden. Das ist kein gutes Denkmodell. Wer so denkt, verfällt in den Fehler der alten Astronomen, die davon ausgingen, dass die Erde der Mittelpunkt des gesamten Sonnensystems sei. Das glaubten sie, weil sie selbst auf der Erde lebten. Der Mensch wird durch solches Denken verdorben. Er macht sich selbst zum Mittelpunkt. Die Theologie macht genau diesen Fehler. Die Kirche – weil wir dazu gehören – ist zum Mittelpunkt der Schrift (dem Wort Gottes) gemacht worden, obwohl in Wirklichkeit Christus der Mittelpunkt ist. Er ist der Mittelpunkt der himmlischen Segnungen, und die Kirche dreht sich um Ihn. Er ist der Mittelpunkt der jüdischen (irdischen) Segnungen, und die Juden drehen sich um Ihn. Deshalb ist Christus immer der Mittelpunkt aller Gedanken Gottes und jedes Segens – sei es im Himmel oder auf der Erde. Wenn unsere Herzen auf Ihn hin orientiert sind, wird Frieden, Wachstum und Segen die Folge sein. Der Grund, warum unsere Seelen so oft keinen wirklichen Frieden haben, liegt darin, dass wir mit uns selbst beschäftigt sind ... Das große Problem des Egoismus wird erst dann gelöst sein, wenn Christus für uns der Mittelpunkt von allem ist. Möge es so sein. Er ist der Mittelpunkt aller Gedanken Gottes in Liebe, Gerechtigkeit und Herrlichkeit.“24
  2. A. C. Gaebelein kommt zu folgendem Schlusspunkt: „Unsere Aufgabe ist beendet. In aller Bescheidenheit legen wir diese kleine und unvollkommene Auslegung über das Buch Daniel zu Füßen unseres ewig gepriesenen Herrn. Möge es Ihm gefallen, das in Abhängigkeit von Ihm Geschriebene zur Ermutigung seines Volkes zu nutzen, während wir auf Ihn warten. Die Zeit ist nahe. Nie zuvor ist es notwendiger gewesen, die wunderbaren Weissagungen Daniels zu studieren und ebenfalls die entsprechenden Aussagen im Buch der Offenbarung. Es bleibt uns nur noch wenig Zeit, das zu tun. Und möge es Gott gefallen, dass sein erlöstes Volk in enger Gemeinschaft mit dem Herrn Ihm folgt und in ihrem Leben die Gnade des Herrn Jesus Christus offenbar wird.“25

Fußnoten

  • 1 Es gibt Ausleger – wie z. B. J. Calvin –, die in Michael an dieser Stelle einen Hinweis auf Christus selbst sehen wollen. Die Stellen, in denen er erwähnt wird, lassen einen solchen Rückschluss allerdings nicht zu. Er ist ein Erzengel, der eindeutig von Christus zu unterscheiden ist.
  • 2 Ganz deutlich wird das z. B. im Buch Esther, wo der Name Gottes nicht einmal genannt wird und Er doch alle Fäden im Hintergrund in der Hand hält.
  • 3 Zu dieser Frage sei auf einen ausgezeichneten Aufsatz von J. N. Darby verwiesen: „Will the saints be in the tribulation?“ (http://www. biblecenter.org)
  • 4 Einige Ausleger sprechen von einer „nationalen Rettung“. Das ist nicht ganz falsch (vgl. Röm 11,26), kann jedoch leicht missverstanden werden. Nicht alle Juden oder Israeliten werden gerettet werden, sondern nur der glaubende Überrest.
  • 5 Wir finden das wiederholt im Alten Testament, dass ein kleiner Teil des Volkes als „ganz Israel“ bezeichnet wird (z. B. Esra 2,70; 6,17; 8,35; Neh 7,72; 12,47). Es ist die Sichtweise des Glaubens, der die Dinge mit den Augen Gottes sieht.
  • 6 Es ist natürlich so, dass in dieser Zeit viele gläubige Juden als Märtyrer sterben werden. Sie werden jedoch nicht benachteiligt werden, sondern im Gegenteil: Sie nehmen an der ersten Auferstehung teil und erleben das kommende Reich von seiner himmlischen Seite.
  • 7 Dabei müssen wir zwischen dem unterscheiden, was Matthäus (Kapitel 24) und Lukas (Kapitel 21) berichten. Lukas zeigt in seinem Evangelium die Gnade Gottes, die in der Person des Herrn Jesus allen Menschen erschienen ist. Er konzentriert sich deshalb weniger auf Israel. Im Matthäus-Evangelium haben wir eine ausschließlich jüdische und zukünftige Sichtweise, während wir bei Lukas eine erste Erfüllung im Jahr 70 finden und erst dann die noch ausstehende Erfüllung in der Zeit des Endes. Beide werden jedoch sorgfältig unterschieden. Lukas erwähnt z. B. den „Gräuel der Verwüstung“ nicht, Matthäus sehr wohl. Lukas gebraucht ebenso das Wort „große Drangsal“ nicht. Die Eroberung Jerusalems im Jahr 70 war eine furchtbare Zeit für die Bewohner der Stadt. Es war jedoch noch nicht „das Ende“ und die „große Drangsal“. Bis Lukas 21,24 ist die Rede von der Zerstörung Jerusalems durch Titus. Erst ab Vers 25 haben wir es mit der Erfüllung – dem Ende – der Zeiten der Nationen zu tun. Der Abschnitt endet damit, dass der Sohn des Menschen mit großer Herrlichkeit kommt. Dann naht die Erlösung.
  • 8 Es ist klar, dass es sich dabei nicht um eine tatsächliche (materielle) Buchrolle handelt. Der Begriff ist bildhaft zu verstehen. Es ist ein Verzeichnis (eine Art Datei), in dem alle stehen, die Leben aus Gott haben. Es wird klar, dass Gott die sehr genau kennt, die durch den Glauben an den Herrn Jesus Leben haben und Ihm angehören.
  • 9 Sie sind nicht zu verwechseln mit den Auserwählten in der Zeit der Gnade, die „vor Grundlegung der Welt“ auserwählt sind (Eph 1,4; Tit 1,1; 1. Pet 1,1 u. a.). Das Alte Testament spricht ebenfalls von Auserwählten. Es sind diejenigen, die Gott dazu bestimmt hat, das Reich zu erben. Sie sind auserwählt „von Grundlegung der Welt“ an.
  • 10 Das macht klar, dass wir dieses „Buch des Lebens“ in Daniel 12 nicht direkt gleichsetzen können mit ähnlichen Ausdrücken, die wir besonders in Philipper 4,3 und dann in Offenbarung 3,5; 20,15; 21,27 finden.
  • 11 Wenn man diesen Gedanken weiter verfolgt, stellt man fest, dass das Alte Testament den Gedanken an eine Auferstehung durchaus kennt, allerdings recht pauschal und nicht differenziert. Martha kannte das Alte Testament und spricht von einer „Auferstehung am letzten Tag“ (Joh 11,24). Die Kenntnis hatte sie aus den Schriften des Alten Testamentes. Erst der Herr Jesus macht klar, dass es in der Auferstehung zwei große Seiten geben wird. Es gibt eine „Auferstehung des Lebens“ und eine „Auferstehung des Gerichts“ (Joh 5,29). Die Offenbarung zeigt dann weiter, dass diese beiden Auferweckungen zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten stattfinden wird und dass es eine „erste“ und eine „letzte“ Auferstehung gibt. Das passt eingeschränkt in unseren Vers in Daniel 12,2 (eingeschränkt deshalb, weil in Johannes 5 von „allen“ die Rede ist und in Daniel 12 nur von „vielen“).
  • 12 In diesem Sinn ist auch der Ausdruck „Staub und Asche“ zu verstehen (1. Mo 18,27; Hiob 30,19; 42,6).
  • 13 Kelly, W.: Notes on the Book of Daniel (www.stempublishing.com). Andere geschätzte Ausleger sehen es ebenso. Dazu gehören u. a. J. N. Darby, E. Dennett, A. C. Gaebelein und H. A. Ironside. Letzterer schreibt: „Der zweite Vers spricht nicht, wie ich glaube, von einer tatsächlichen körperlichen Auferstehung, sondern vielmehr von einer moralischen und nationalen … Es ist die Sprache, die auch in Jesaja 26,12–19 und Hesekiel 37 gebraucht wird.“
  • 14 Es wäre völlig verkehrt, aus diesem Bild abzuleiten, dass solche, die ohne Gott sterben, eine zweite Chance erhalten. Eine solche zweite Chance gibt es nicht. Wer heute ohne Glauben an den Herrn Jesus stirbt, ist ewig verloren und bekommt keine weitere Möglichkeit, das Leben zu ergreifen. Es geht hier ausschließlich um die nationale Erweckung Israels am Ende der Tage.
  • 15 Hole, F. B.: Commentary on Daniel (http://www. biblecentre.org)
  • 16 Das schließt nicht aus, dass die himmlischen Gläubigen ebenfalls mitregieren werden.
  • 17 Darby, J. N.: Studies on the Book of Daniel (www.stempublishing.com)
  • 18 Einige Ausleger meinen, dass es Daniel ist, der die Frage stellt.
  • 19 Im Neuen Testament finden wir ebenfalls beide Seiten, nämlich dass Gott uns reinigt (Tit 2,14) und dass wir uns selbst reinigen sollen (2. Kor 7,1; 1. Pet 1,22).
  • 20 Dabei seien diejenigen, die aus diesen beiden Zeitangaben plötzlich Jahre machen wollen, nur am Rand erwähnt. Es macht wenig Sinn, dieser Auslegung zu folgen.
  • 21 Kelly, W.: Notes on the Book of Daniel (www.stempublishing.com)
  • 22 Die Tatsache, dass die Patriarchen darauf so einen großen Wert legten, zeigt uns, dass sie an die Auferstehung glaubten. Sie wollten die Auferstehung in dem Land erleben, das Gott seinem Volk zum Besitztum gegeben hat.
  • 23 Dieses „Ruhen“ oder „Schlafen“ bezieht sich immer auf den Körper des Menschen und nicht auf die Seele oder den Geist. Seele und Geist schlafen nicht. Manche lehren eine Art „Seelenschlaf“, der beim Tod des Gläubigen eintritt. Diesen Gedanken finden wir im Wort Gottes nicht. Ruhen oder Schlafen (Entschlafen) bezieht sich immer nur auf den Körper, der ins Grab gelegt wird. 2. Korinther 5,1–9 zeigt uns deutlich, dass es beim Tod eines Gläubigen eine Trennung zwischen dem Leib einerseits und dem Geist und der Seele andererseits gibt.
  • 24 Kelly, W.: Notes on the Book of Daniel (www.stempublishing.com)
  • 25 Gaebelein, A. C: Daniel, a Key to the Visions and Prophecies of the Book of Daniel (Kregel Publications)
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