Wenn die Mauer des Schweigens bricht ...
Hilfe für misshandelte Kinderseelen

Dienen – Heilen – Therapie

Wenn die Mauer des Schweigens bricht ...

Eine Therapie für Menschen, die missbraucht worden sind, ist (fast) unabdingbar. Unter Therapie verstehe ich weder eine Psychotherapie noch eine sonstige psychologische Betreuung von Menschen, die keine Beziehung zu Gott haben. Ich verwende diesen Begriff im ursprünglichen Sinn des Wortes: dienen, heilen, pflegen von Kranken. Und Therapie muss nicht eine dreijährige Betreuung sein, sondern kann manchmal schlicht aus einer mehr oder weniger langen Begleitung durch einen Seelsorger bestehen.

Interessanterweise finden wir in der Schrift kaum ein Beispiel, wo Hilfestellungen vonseiten des Herrn oder seiner Diener über einen längeren Zeitraum hinweg gingen, geschweige denn über etliche Jahre. Das sollte uns als Anstoß dienen, das Augenmerk auf eine intakte Beziehung der Betroffenen zu Gott zu lenken. Diese haben sehr viel Leid erfahren, das sie verarbeiten müssen. Das können sie am besten dann tun, wenn sie ein Leben in freudiger Gemeinschaft mit Gott leben. Vielleicht müssen sie nach den vielen Enttäuschungen auch dahin zurückgeführt werden.

In aller Regel sind Menschen, die missbraucht worden sind, allein nicht in der Lage, ihre unendlich schwere Situation zu verarbeiten. Sie müssen neu in die Lage versetzt werden, eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen, „nein“ zu sagen und vermeintliche Mitschuld als Schuld eines anderen abzulegen, bewusst von sich zu weisen. Das geht nicht in einer Woche oder in einem Monat. Man benötigt dafür einen christlichen Seelsorger, der zur richtigen Zeit in der richtigen Weise die richtigen Fragen stellt.

Nicht selten sind auch medizinische Fachkräfte nötig, welche die Seelsorge durch erfahrene gläubige Personen ergänzen. Manche Frauen brauchen in der Seelsorge auch gläubige Frauen. Weil sie von einem Mann missbraucht worden sind, können sie nicht mit einem männlichen christlichen Seelsorger zusammenarbeiten. Das müssen wir Männer unbedingt respektieren.

Ein solcher Seelsorger wird sich sensibel in die Person hineinzuversetzen versuchen, um sie zum Ausgangspunkt des „Falls“ zurückzuversetzen. Denn oft müssen konkrete Erlebnisse aufgearbeitet werden. Das ist keine Erfindung von Psychotherapeuten, sondern lesen wir auch von unserem Meister und Vorbild, unserem Herrn Jesus Christus. Als Er einen beziehungsgestörten, taubstummen und mondsüchtigen Menschen heilen wollte, fragte Er dessen Vater: „Wie lange Zeit ist es schon, dass ihm dies geschehen ist?“ (Markus 9,21; Matthäus 17,15). Man wird bei einer solchen seelsorgerlichen Betreuung mit Vergleichssymbolen und -bildern arbeiten, damit die missbrauchte Person nicht sofort wieder Angstzustände bekommt – anstelle bestimmter Räume, in denen der Missbrauch stattgefunden hat, stehen stellvertretend Symbole. Das gleiche gilt für Körperteile und Instrumente. Und dann wird man Schritt für Schritt die Geschichte aufarbeiten. Das ist für beide Seiten eine sehr harte Arbeit. Aber eine lohnende, wenn eine (gläubige) Person im Blick auf erfahrenes Leid Befreiung erleben darf.

Nun habe ich an anderer Stelle schon darauf hingewiesen, dass es gerade auf diesem Gebiet an Seelsorgern und Christen, die einen Hirtendienst ausüben, sehr mangelt. Mancher Betroffene hat daher keinen Zugang zu einem Seelsorger – oder müsste viele Kilometer zurücklegen, um einen zu treffen. Hat ein solcher Mensch dann keine Chance auf Heilung? Die Antwort auf diese Frage lautet: Doch! Denn es gibt jemand, der sowieso der beste Seelsorger und Hirte ist: Gott, der Herr Jesus Christus. Mit anderen Worten: Wenn alle Stricke reißen, einen christlichen Seelsorger zu finden, mit dem man auch ein Vertrauensverhältnis aufbauen kann, dann ist immer noch Gott da. „Wenn nun der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein“ (Johannes 8,36). Auf Ihn kann man sich immer verlassen. Er hilft auch da, wo menschliche Hilfe nicht möglich ist. Aber in den meisten Fällen ist es wirklich nötig, sich um Hilfe von außen zu kümmern.

Niemand sollte sich wundern, dass Opfer äußerst „eigenartig“ reagieren. Es gibt solche, die als Erwachsene nicht einmal mehr in der Lage sind, sich ohne weiteres an den Missbrauch zu erinnern. Der Mensch verfügt über Mechanismen, schlimme Erfahrungen zu verdrängen, so dass sie regelrecht aus dem Bewusstsein ausradiert werden. Gerade in Verbindung mit Kindesmissbrauch ist das kein Einzelfall. Manche sehen sich auch nicht in der Lage, den Hass oder andere innere Gemütszustände, die sie haben, zu beschreiben. Das alles sollte uns auch aus christlicher Sicht nicht erschrecken – es sind Folgen eines furchtbaren Traumas, den Opfer von Kindesmissbrauch erlebt haben. Oft dauert es Jahre, bis ein solches Opfer sich seinem Ehepartner als Opfer zu erkennen gibt. Hinzu kommt, dass sie nicht selten erleben, dass es nach einem „Outing“ dazu kommt, dass sie von ihren Familien ausgestoßen werden. Wer das von anderen gehört hat, überlegt es sich dreimal, ob er dieses Drama selbst miterleben will. Wenn in den Augen anderer aus dem Opfer ein Täter wird, durchlebt er seine Qualen ein weiteres Mal. Wer will das auf sich nehmen?

Ein wichtiges Ziel der seelsorgerlichen, therapeutischen Arbeit besteht darin, das Selbstwertgefühl des Opfers auf einen „normalen Stand“ zu bringen. Es gilt zu bedenken, dass ein missbrauchter Mensch oft von solchen Selbstzweifeln geprägt ist, dass er von sich selbst nur Schlechtes denkt. Das ist keine biblische Demut, sondern hat mit selbstzerstörerischen Elementen zu tun. Diese abzubauen – oft zerstören Opfer ihren eigenen Körper auf buchstäbliche, brutale Weise, indem sie sich selbst ritzen, schneiden, verstümmeln etc. – ist eine wichtige Aufgabe im Rahmen einer guten seelsorgerlichen Betreuung. Wir dürfen gläubige Opfer darauf hinweisen, dass auch für sie, gerade für sie gilt, dass der Heilige Geist in ihrem Körper wohnt (1. Korinther 6,19). Wenn Gott selbst sich nicht dieses so malträtierten Körpers schämt, brauchen sie selbst das nicht zu tun. Denn Gott ehrt gerade diesen geschundenen Leib eines Christen und möchte diesem Mut machen, sich wieder neue mit seinem Körper zu identifizieren.

Mithelfen

Das Helfen und Mithelfen bei einem sexuell missbrauchten Menschen gehört wohl zu den schwersten Aufgaben, die es gibt. Ich habe einige Grundsätze im Verlauf dieses Buches bereits genannt, die es zu beachten gilt beim Thema „Missbrauch“. Solche Dinge muss man bedenken, wenn man Opfern eine Hilfe sein möchte. Dieses Buch gibt nur einen gewissen Einblick in das Thema. Um wirklich helfen zu können, sollte man sich unbedingt mit weiterer Sachliteratur zu diesem Thema beschäftigen oder fachkundige Seelsorger kontaktieren.

Es gehört vermutlich zu den größten Enttäuschungen von Missbrauchsopfern, dass sie vergeblich auf Hilfe von denen warten, die eigentlich genau dazu da sind zu helfen. Das gilt nicht zuletzt für Christen, die in ihren Versammlungen (Gemeinden) niemand gefunden haben, der ihre SOS-Signale gehört und darauf reagiert hätte.

Mit anderen Worten: Wo waren wir, als wir gesucht wurden? Wo haben wir zugehört, als lautlos geschrien wurde? Wo haben wir Tränen abgewischt, die trocken über die Wangen liefen? Wo haben wir den Hilfeschrei gehört, als er sehnsüchtig gen Himmel hallte? Christen sind nicht (nur) für Gutwettertage da, sondern gerade dann, wenn jemand Not hat. Das müssen wir uns sagen lassen und das sollte man immer im Hinterkopf haben, wenn man Missbrauchsopfern helfen möchte.

Weltliche (säkulare) Therapien?

Im weltlichen Bereich ist vieles mit Vorsicht zu genießen, gerade was Psychotherapie und Verarbeitungsmethoden betrifft. Daher fasse ich dies alles nicht unter meinen Begriff von Therapie. Denn eine Verarbeitung ohne Gott geht nie den Weg über Vergebung und das Hineinbringen Gottes in die Situation – ein wesentliches Element für jeden Christen. Ein großes Problem säkularer Therapieren besteht darin, dass sie über die Phantasiewelt arbeitet und Beziehungen der Persönlichkeit zugrunde legen, die ungöttlich und nach Gottes Wort unwahr sind. Sie stellen das eigene Ich in den Mittelpunkt der Arbeit. Daher ist sehr davon abzuraten, sich (ohne weiteres) einem ungläubigen Psychotherapeuten anzuvertrauen. Dazu gehört auch, dass sie oft dazu raten, die örtliche Gemeinde (Versammlung) zu verlassen, da diese eine große Mitschuld an den Verbrechen und Folgeproblemen besitze. Mit solchen Vorurteilen aber ist niemandem wirklich gedient.

Dennoch gibt es in der weltlichen Literatur manche nützlichen Punkte. Hilfreich an solchen Fachbüchern ist zum Beispiel, dass sie die Symptome bei missbrauchten Kindern sehr gut beschreiben können, auch die Signale, die Kinder geben, die Waffen von Tätern, die Eigenarten von Tätern, auch die Phasen innerer Drangsal, die ein Kind dann durchläuft.

Hinzu kommt, dass es bei manchen Folgen des Missbrauchs unerlässlich ist, einen Facharzt und -therapeuten hinzuzuziehen. Das Beispiel von Persönlichkeitsstörungen wie das Borderline-Syndrom kam schon zur Sprache – es ist aber nicht die einzige Folge, die auch eine fachliche und nicht nur eine seelsorgerliche Behandlung nötig macht, auch wenn diese immer begleitend eingesetzt werden sollte.

Mit Schmutz und Verleumdung rechnen

Niemand sollte denken, das sei ein leichter Weg. Im Gegenteil. Wer bereit ist, bei diesem Thema mitzuhelfen und mit anzufassen, landet im Sumpf und sollte sich nicht wundern, wenn er von vielen Seiten Verleumdungen erfährt. In einem Fall habe ich von einer Mutter gesprochen, die das Problem in einem Sportverein offen legte und dadurch als Nestbeschmutzerin abgestempelt wurde. Leider ist das auch im Bereich gläubiger Menschen nicht anders. Wir sollten uns hier keine Illusionen hingeben.

Denn Täter leugnen in fast allen Fällen ihre Schuld, es sei denn, dass die Beweise so offenkundig für jeden Beobachter sind, dass ein Leugnen vollkommen unsinnig wäre. Da es aber meistens nur ein Kind als Zeugen gibt oder gab, verstecken sie sich hinter der Mauer, dass Aussage gegen Aussage steht. Wie Alkoholiker geben sie ihr Fehlverhalten nicht zu. Gerade dann, wenn die Taten längere Zeit zurückliegen, kann man sie oft nicht „technisch“ nachweisen. Und selbst wenn sie bekennen, an Jesus Christus zu glauben, ist es möglich und kommt leider auch vor, dass sie ihre Schuld nicht zugeben und bekennen. Ihre Meinung versuchen sie dann dadurch zu belegen, dass sie sogar noch vor Gericht ziehen und Christen wegen Verleumdung anzeigen. Leider erhalten sie zuweilen Hilfe vonseiten anderer Christen, die sich mit den Tätern solidarisieren. Das führt für jeden Helfer und Seelsorger zu einem schwieriges Spannungsfeld.

Bei Kindern ist beispielsweise zu bedenken, wie man auf den Täter zugeht. Wie gesagt ist zuerst der Opferschutz zu beachten. Auf der anderen Seite handelt es sich oft um noch aktive Täter des sexuellen Missbrauchs, so dass es gut möglich ist, dass noch andere betroffen sind oder dass dann, wenn das eine Kind diesem Täter entzogen wird, andere „nachrücken“. Daher ist zwar sorgsam aber konsequent zu handeln.

Dass es auch um eine Sünde geht, bei der die Versammlung Gottes nicht schweigen kann nach 1. Korinther 5, sondern den Bösen – und darum geht es in diesem Fall – ausschließen muss aus der Gemeinschaft der Gläubigen, sollte deutlich geworden sein. Das gilt im Übrigen auch für den Fall, dass die sündigen Taten schon Jahre zurückliegen. Ein böser Zustand wird nicht durch viel Zeit verändert, sondern allein durch ein aufrichtiges Bekenntnis und eine damit verbundene Umkehr.

Das Kindeswohl bedenken

Man darf einem Kind auf keinen Fall zumuten, mit seinen Eltern (wenn es um einen fremden Täter geht) alleine reden zu müssen, wenn man von einem solchen Missbrauch erfährt. Die Eltern brauchen (wenn sie nicht selbst als Täter betroffen sind), seelsorgerliche Hilfe. Sie sind in aller Regel überfordert, was zu tun ist, wie zu reagieren ist, wenn ihr Kind misshandelt worden ist.

Wenn nun der Vater der Täter ist, muss man sich zuerst Gedanken machen, was mit dem Kind wird. Gerade dann, wenn die Mutter Mitwisserin ist – zumindest im Unterbewusstsein – muss auch das Verhältnis mit der Mutter neu aufgebaut werden. Denn das Kind wird die Mutter – mit Recht – mitverantwortlich machen. In solchen Fällen dürfte es weise sein, eine befreundete Familie (welche die Schuldfrage klar sieht) einzubeziehen, damit das Kind – jedenfalls zeitweilig – ein neues Heim bekommen kann, wo es sich wohl fühlt.

Dass solche Gespräche unter Gebet und mit Gebet geführt werden, ist für Christen klar. Wichtig ist auch, dass alle betroffenen Seiten gut Bescheid wissen. Daher sollte im „Klartext“ gesprochen werden. Die Dinge dürfen nicht unter den Teppich gekehrt oder nur pauschal benannt werden. Das ist übrigens auch für die Verarbeitungsphase des Kindes von großer Wichtigkeit.

Trost zulassen

Für Menschen, die als Kinder missbraucht worden sind, ist es ein inneres Bedürfnis, getröstet zu werden. Andererseits fällt es ihnen oft schwer, sich trösten zu lassen. Das muss jeder wissen, der einen seelsorgerlichen Dienst oder auch nur einen „Trost-Besuch“ bei solchen Menschen vornimmt.

Damit ein solcher Trost annehmbar wird, gilt es daher, ein paar Grundsätze zu beachten. Ein wichtiger besteht darin, dass man nicht meint, besonders gefühlsbetont sein zu müssen, damit es Trost ist. Als Jakobus seinen Briefempfängern schrieb, befanden sich diese offenbar in großen Prüfungen. Damit sie diese im Glauben durchstehen könnten, spricht er nicht ihre Gefühle an, sondern zunächst ihr Verständnis. Er belehrt sie über verschiedene Arten von Prüfungen und Versuchungen und auch über deren Ziel. Somit kommen Trost, Belehrung und, was außerordentlich wichtig ist, auch Ermutigung zusammen. Alles das braucht ein Trauernder, alles das braucht ganz besonders jemand, der sexuell missbraucht worden ist.

Gerade beim Thema Kindesmissbrauch geht es auch darum, dass wir eine gute, gesunde aber natürlich auch einfühlsame Belehrung geben. Manchmal ist es notwendig, dass Opfer überhaupt einmal verstehen, dass sie wirklich vollkommen unschuldig sind …

Hinzu kommt, dass das Selbstwertgefühl wieder entstehen muss. Im Allgemeinen sagen wir – auf der Belehrung der Schrift über Demut und eine Christus ähnliche Gesinnung aufbauend – dass das „Ich“ keinen Platz im Leben eines Christen haben darf. Und das ist auch richtig so. Wenn es aber um ein Opfer solcher Gewalttaten geht, müssen wir mithelfen, dass es zu einer neuen, freudigen Selbstannahme kommt, in der man die eigene Persönlichkeit nicht mehr verachtet. Dazu ist gesunde und aufbauende Belehrung nötig. Das ist oft der beste Trost. Phrasen wie „Kopf hoch, ist heute doch nicht mehr so schlimm“ oder „Halte durch, harre aus“ dagegen sind unangebracht und führen nur zu einer Verschlimmerung der Situation.

Dazu gehört auch der Satz: „Dass der Herr zugelassen hat, dass dich das trifft, zeigt nur, dass Er dich so lieb hat“ führt nur zu leicht zu der Antwort: „Ich wünschte, Er hätte dich auch so lieb gehabt“ – von Trost und Annahme ist da keine Spur zu finden.

Der Herr und Lazarus

Wer aber das Leid teilen kann, erfährt echten Trost. So war es bei Lazarus, so finden wir es auch im Blick auf die Versammlung (Gemeinde) Gottes bestätigt: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit“ (1. Korinther 12,26). Das gilt für uns als Gläubige untereinander – das gilt natürlich auch für unseren menschlichen Körper.

Denken wir noch einen Augenblick an den Herrn und seinen Besuch bei den trauernden Schwestern von Lazarus. Er hat ihnen nicht gesagt: „Hört auf zu weinen, ich werde ihn doch gleich auferwecken!“ Das erste, was Er getan hat, ist sich ihre Klage anzuhören. Zuhören – nicht nur auf Worte hören – ist ein erster Trost. „Einer trage des anderen Lasten, und so werdet ihr das Gesetz des Christus erfüllen“ (Galater 6,2).

Dann hat der Meister mit den beiden Schwestern geweint. Man muss zum Trost nicht viel reden. So, wie die drei Freunde Hiobs erst einmal eine Woche mit Hiob schwiegen und weinten, können wir echten Trost schenken. „Freut euch mit den sich Freuenden, weint mit den Weinenden“ (Römer 12,15).

Martha wurde dann von Jesus belehrt. Die einsichtige Maria erfuhr sehr schnell das Handeln des Herrn. Aber auch sie hörte die Frage: „Wo habt ihr ihn hingelegt?“ Spricht diese Frage nicht von tiefem Mitgefühl? Unserem Meister war es nicht egal, was mit Lazarus geschah. Ihm war auch nicht egal, was dessen zwei Schwestern erlebten. Ihm liegt an uns.

Den größten Trost erhalten wir somit von unserem Herrn, von Gott. Daher darf sich jeder, der missbraucht worden ist, an seinen himmlischen Vater wenden. Was soll man als Außenstehender und Tröster dazu sagen? Man kann diese Macht Satans, die Gott zugelassen hat, auch nicht unmittelbar verstehen. Sie zeigt, was im Herzen Satans ist und wozu der Mensch ohne Gott – selbst wenn er ein Gläubiger ist – zu tun in der Lage ist. Jeder von uns ist dazu in der Lage, wenn er nicht seinem Gott gehorsam ist. Das sollten wir auch nicht vergessen.

Gefühle, die entstehen können

Wichtig für die innere Genesung eines Opfers ist, dass es sich über die Gefühle klar wird, die es gegenüber dem Täter und anderen Personen hat.

Manche Frauen sagen, sie könnten nie wieder einem Mann vertrauen. Andere sprechen davon, dass sie ihren Vater (den Täter) umbringen würden, wenn sie ihn wieder sähen (oder er es noch einmal wagen würde). Wieder andere sprechen von Selbstmord als einzigem Ausweg (den einige leider auch gegangen sind).

Manche glauben, dass nicht einmal Gott sie mit ihrer (vermeintlichen) Schuld lieben könne. Er habe seinen Hass ja auch dadurch bewiesen, dass Er den Missbrauch zugelassen habe.

Andere Mädchen lieben ihren Vater immer noch und wollen sogar ein Kind von ihm, so absurd sich das für einen Außenstehenden anhören mag. Sie machen zum Beispiel die Mutter für alles verantwortlich. Es gibt auch solche, die ihre sexuellen Gefühle überhaupt nicht einordnen können und sich in Homosexualität oder andere Formen verirren.

Natürlich gibt es noch viele andere Empfindungen, die solche Menschen haben. Wichtig ist, dass sie sich über diese Gefühle klar werden – dann kann man sie zusammen mit einem Seelsorger durchsprechen und darüber nachdenken, wie man mit diesen Gefühlen leben und umgehen kann.

Vergeben

Vergebungsbereit zu sein ist christlich. Gott fordert uns in seinem Wort mehrfach ausdrücklich auf zu vergeben. Aber nicht immer fällt uns das leicht. Besonders nicht, wenn jemand schwer gegen uns gesündigt hat. Gerade für Opfer von sexuellem Kindesmissbrauch ist es oft schwer, diesen aus ihrer und Gottes Sicht furchtbaren Tätern von Herzen zu vergeben (vorausgesetzt natürlich, diese bekennen ihre Sünde in angemessener Weise). Dabei ist das für eine erfolgreiche innere Heilung so wichtig.

Es gibt ja nicht so sehr viele Dinge, die man uns antun kann und die zugleich unerträglich sind. Wenn ein Kind von seinem eigenen Vater sexuell missbraucht wurde, ist das etwas Furchtbares. Dass sich ein solcher Mensch schwer tut zu vergeben, kann man gut verstehen. Auch als Christ wirft man seine Gefühle nicht über Bord. Im Gegenteil, sie spielen eine wichtige Rolle.

Vielleicht kann man das auf diesen gemeinsamen Nenner bringen: Wenn Gott in der Bibel sagt, dass man vergeben soll, dann muss ich das tun. Wenn ein Seelsorger sagt, man könne vergeben, dann sollte man das tun. Wenn dann ein Täter seinem Opfer sagt, es müsse vergeben, braucht es dies nicht zu tun. Er ist die falsche Person, die zu fordern. Klar ist, dass ein Täter keine Vergebung einfordern kann. Er kann darum bitten.

Dann dennoch dahin zu kommen, dem Vater oder einem anderen Täter zu vergeben, ist etwas Großartiges. Es ist die Macht der Gnade, die das schlimmste Übeltun überwindet. Wir wissen, dass Gott uns, die wir Ihn in schlimmster Weise durch Sünde und durch die Kreuzigung seines eigenen Sohnes beleidigt haben, vergeben hat. Auch das ist ein solches Wunder der Gnade. Durch Vergebung bzw. Vergebungsbereitschaft kann ein Opfer in einzigartiger Weise Gott nachahmen: „Seid … einander vergebend, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat“ (Epheser 4,32).

Im Blick auf den Herrn Jesus liest man: „euch gegenseitig vergebend, wenn einer Klage hat gegen den anderen; wie auch der Christus euch vergeben hat, so auch ihr“ (Kolosser 3,13). So kann ein Opfer, dem viel mehr angetan worden ist als den meisten anderen Menschen, in dieser Weise viel mehr als die meisten anderen Menschen Gott, dem Herrn Jesus in der Art und dem Ausmaß des Vergebens nachfolgen.

Die heilende Kraft der Vergebung

Nichts heilt Wunden stärker als die Vergebung, verbunden mit dem Vertrauen zum Herrn, dass dieser in diesen schweren Jahren der Verarbeitung weiterhelfen wird. Jemand, der nicht bekennt, können wir die Vergebung nicht abschließend schenken. Jedenfalls kann Gott die Vergebung so nicht zurechnen. Dazu ist ein Bekenntnis notwendig (1. Johannes 1,9). Aber wir können ihm gegenüber vergebungsbereit sein, die Haltung eines Vergebenden einnehmen. So hat Gott mit uns gehandelt, bevor wir zu Ihm kamen.

Um vergeben zu können müssen eine Reihe von Hindernissen überwunden werden. Die Bitterkeit darüber, dass Gott eine solch schlimme Behandlung zu lassen konnte. Der Hass gegen den Menschen, der einen bei lebendigem Leib ermordet hat. Die Wut darüber, dass jemand ein wehrloses Geschöpf misshandelt hat. Die Trauer über gestohlene Kinderjahre. Das Unverständnis darüber, dass Unrecht über so viele Jahre einfach ohne Buße und Bekenntnis begangen und stehen gelassen wurde. Auch die Missbilligung, dass die eigene Mutter, die Verwandten und auch die Christen der örtlichen Gemeinde (Versammlung) über so viele Jahre einfach nichts gesehen haben wollen bzw. sogar den Täter gestützt haben.

Ich bin überzeugt, dass jeder Christ vergeben und die inneren Widerstände überwinden kann. Die Vergebung ist dann sowohl eine Tag als auch ein Prozess. Denn wir müssen verstehen, dass Vergebung am Ende des Weges und nicht am Anfang steht. Weder ein Seelsorger noch ein anderer Mensch kann Vergebung von jemandem fordern, der einfach noch nicht so weit ist. Wir müssen daran denken, was ein Opfer mitgemacht hat, auch wenn wir das als solche, die selbst nicht missbraucht worden sind, nicht in vollem Maß nachvollziehen können. Wir haben es einfach nicht erlebt. Um mit dem Titel eines Buches zu sprechen: „Vergeben kann man nicht müssen.“ Aber ohne Vergebungsbereitschaft wird man den Missbrauch nicht vollständig verarbeiten können.

Manchmal ist es nicht mehr möglich, das Bekenntnis von einem Täter zu bekommen – er lebt nicht mehr. Dann mag man dem Beispiel eines Menschen folgen, der einen Schuldbrief des Täters formulierte, diesen unterschrieb, ihn begrub und mit einem sichtbaren Grabstein schmückte. Wenn Gefühle wie Trauer oder Hass wieder hochkamen, konnte die Person tatsächlich oder auch nur in Gedanken zu diesem Grab gehen. Ein Ort der Trauer führt nicht dazu, dass das Verlorene zurückkommt. Aber es hilft, den Verlust anzunehmen.

Die Haltung gegenüber dem Täter

Vielleicht helfen darüber hinaus noch folgende Gedankenanstöße. Auch wenn sich der Täter wie ein Tier gebärdet hat, sollte man versuchen, ihn als Menschen zu sehen und zu behandeln. Auch nach dem Sündenfall heißt es über den Menschen, dass „er nach dem Gleichnis Gottes geworden sind“ (Jakobus 3,9). Auch wenn es uns schwerfällt, in dem Täter irgendetwas von der Schaffenskraft Gottes zu sehen – es gibt noch Ansätze in ihm. Das macht ihn als Menschen aus.

Vergebung und Gerechtigkeit sind keine Widersprüche. Gott hat uns unsere Sünden vergeben, und zwar auf der gerechten Grundlage des Werkes Christi. So vergeben auch wir nicht auf Kosten der Gerechtigkeit. Gott wird alles belohnen oder Lohn wegnehmen, je nachdem, wie ein Mensch gehandelt hat. Und bevor Vergebung zugerechnet werden kann, muss ein aufrichtiges Bekenntnis vorliegen.

Vergebung geschieht nicht von selbst, sondern ist das Ergebnis einer Willensentscheidung. Diese Entscheidung kann auch im Gegensatz stehen zu unseren Gefühlen von Sympathie und Antipathie, von unserer Haltung zu dem Täter. Was hat Gott an uns Menschen Schönes gesehen, als Er seinen Sohn in den Tod gab, um Menschen vergeben zu können? Nichts! So dürfen auch wir vergebungsbereit sein, selbst wenn der Täter noch kein Einsehen in seine furchtbare Tat hat.

Wer es schafft, nach Verarbeiten der traumatischen Erlebnisse seinem Täter zu vergeben, der hat das Wort des Herrn erfüllt: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44). Das kann kein Täter einem Opfer vorhalten. Der Herr Jesus allerdings konnte das aus persönlicher Erfahrung und daher mit einfühlsamer Autorität sagen. Er hat es uns vorgelegt.

Ein echtes Vorbild

Wir wollen von Gott und seinem Sohn Jesus Christus lernen. „Einander vergebend, wenn einer Klage hat gegen den anderen; wie auch der Christus euch vergeben hat, so auch ihr“ (Kolosser 3,13).

Mit Gnade zu überwinden ist ein Triumph des Kreuzes Jesu. Wir können niemanden dazu zwingen. Schon gar nicht dann, wenn wir selbst die Täter sind, wenn wir gegen jemanden gesündigt haben. Und wir dürfen hier auch niemand unter Druck setzen. Das bewirkt in der Regel das Gegenteil von dem, was gut und bezweckt ist.

Aber wir wollen uns selbst den Herrn Jesus Christus zum Vorbild nehmen. Er betete für diejenigen um Vergebung, die Ihn ans Kreuz genagelt haben: „Vater, vergib ihnen …“. Ist das nicht der Nachahmung wert? Hat nicht auch Stephanus gebetet: „Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Und niederkniend rief er mit lauter Stimme: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht zu!“ (Apostelgeschichte 7,59.60).

Betroffene „Opfer“ erzählen, dass echte Vergebungsbereitschaft ein sehr hilfreicher Weg ist, um zu verarbeiten und zu überwinden. Ist es nicht auch interessant, dass sie die „Gefangenschaft Hiobs“ – also seine Krankheit – wendete, als er für seine Freunde betete (Hiob 42,10). Bei ihm war das keine Therapie, sondern direktes Wirken Gottes. Das ist auch heute noch möglich, wenn man bereit ist zu vergeben und für einen solch armseligen Menschen zu beten.

Nicht beirren lassen

Wenn jemand, der sexuell missbraucht worden ist, dieses Trauma dauerhaft und wirklich verarbeiten und überwinden will, ist es nahezu unabdingbar, zu einer solchen Vergebungsbereitschaft zu finden.

In den Gesprächsforen von Missbrauchten wird man für eine solche Haltung nur Verachtung und Unwillen ernten. Aber davon sollte man sich nicht beirren lassen. Es sind oft Menschen, die ohne Gott leben – und man kann das im Blick auf dieses Erleben sogar menschlich verstehen. Aber letztlich wird nur die Hilfe Gottes einen Weg weisen können, auch mit diesem furchtbaren Trauma umzugehen. Und wenn man es hinter sich lassen will, dann muss man vergebungsbereit sein.

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