Wenn die Mauer des Schweigens bricht ...
Hilfe für misshandelte Kinderseelen

Wo kommt Kindesmissbrauch vor?

Wenn die Mauer des Schweigens bricht ...

Die Frage nach Pädosexualität und Kindesmissbrauch ist zu aktuell und zu ernst, als dass man sie nur auf bestimmte Leute beschränken darf. Geht es nur um spezielle Gesellschaftsschichten? Nein! Wir haben diesen Punkt schon gestreift, er ist aber zu wichtig, um ihn nur nebenbei abzuhandeln. Es geht um ein gesellschaftliches Problem – und damit ist leider nicht zu leugnen, dass auch Christen – erlöste, von neuem geborene Menschen – mit diesem Thema zu tun haben.

Nur ein Thema von Randgruppen?

Dann ist weiter zu fragen: Ist das Thema Pädophilie und Kindesmissbrauch allein ein Thema von bestimmten Randgruppen? Natürlich nicht! Über 80 % der Vorkommen von Kindesmissbrauch finden sich innerhalb von Familien und Familienkomplexen (Onkel …). Es sind Theologen und Rechtsanwälte, Staatsanwälte und Richter, Banker und Lehrer, Priester und Pastoren genauso wie alle anderen Berufs- und Personengruppen, die als Täter aufgetreten sind. Prinzipiell kommt jeder von uns in Frage, auch von uns Christen, wenn wir uns nicht bewahren lassen, denn wir besitzen alle das Fleisch, die alte Natur, die nichts anderes möchte als zu sündigen. Allerdings findet sich eine besondere Häufung in Sozialberufen.

Es gibt eine Reihe von besorgniserregenden Beispielen, bei denen diese Sünde offenkundig geworden ist – leider auch in der aktuellen Gegenwart! Es ist sehr zu befürchten, dass es mehr Beispiele unter uns Christen und in örtlichen Versammlungen (Gemeinden) gibt, mit denen wir direkt zu tun haben, als wir denken; die Missbrauchten haben sich dort bislang nicht getraut, in die „Öffentlichkeit“ zu treten. Wie schon erwähnt, wird ihnen vielfach nicht geglaubt, weil sie schlimme Dinge von Personen behaupten, die ansonsten in einem sehr positiven Licht dastehen.

Im Namen der Kirche

Seit Jahren wird nun davon berichtet, dass eine Reihe von Priestern Kinder missbraucht haben. Schon vor Jahren wurden vonseiten der katholischen Kirche etliche Maßnahmen eingeleitet, um dieses „Problem“ in den Griff zu bekommen. Jedenfalls soll in den USA mit aller Schärfe gegen Priester vorgegangen worden sein, die Kinder missbraucht haben. Inzwischen hat dieses rigorose Vorgehen weltweit Schule gemacht.

Vielleicht hätte man früher gedacht, dass so etwas in Kirchen nicht möglich ist. Aber aus Offenbarung 18,2 lernen wir, dass es in Christus-losen Kirchen alles gibt, was man sich nur vorstellen kann – jegliche Irrlehre, jegliche Unmoral: „Nach diesem sah ich einen anderen Engel... Und er rief mit starker Stimme und sprach: Gefallen, gefallen ist Babylon, die große, und ist eine Behausung von Dämonen geworden und Gewahrsam jedes unreinen Geistes und ein Gewahrsam jedes unreinen und gehassten Vogels.“

Geschlossene Systeme großer Autorität

Ein Psychotherapeut und Theologe wies vor einiger Zeit darauf hin, dass es eine besondere Gefährdung in sogenannten geschlossenen, gesellschaftlichen Systemen gibt, bei denen großer Wert auf Autorität gelegt wird. Dadurch sind Kirchen sowie Internate in besonderer Weise in den Mittelpunkt der Diskussionen gekommen. Auch Sekten sind davon betroffen.

Diese Bezugspersonen arbeiten oft in einem mehr oder weniger abgeschlossenen Bereich und besitzen dadurch Macht über die Kinder. Diese ist nach objektiven Maßstäben nicht absolut, aus den Augen der Kinder aber, die nach oben schauen, könnte es sich fast um eine absolutistische Macht handeln. Das kann man ausnutzen, wenn man daran interessiert ist.

Hinzu kommen Bereiche, in denen das Thema „Sexualität“ unterdrückt oder ein kanalisiertes Ausleben wie in der Ehe nicht möglich ist. Hier ist beispielhaft das Zölibat innerhalb der Römisch-Katholischen Kirche zu nennen. Es ist kein Geheimnis, dass dieser Zwang, der durch nichts in der Bibel zu begründen ist – Petrus war verheiratet, denn er besaß eine Schwiegermutter (vgl. Markus 1,30; 1. Korinther 9,5) – zu einem Ausleben von Sexualität im Verborgenen geführt hat. Man weiß, dass oft die Haushälterinnen eigentlich zum Frauenersatz der katholischen Priester wurden.

Die Ehe ist dem Mann nicht als ein Ventil für seine sexuellen Probleme gegeben worden, auch wenn Paulus Männern, die ihre sexuelle Kraft nicht in Selbstbeherrschung verwalten können, rät zu heiraten (1. Korinther 7,9). Es verwundert allerdings nicht, dass gerade in einem Bereich, in dem die sexuelle Wirklichkeit bei Männern und Frauen ignoriert wird, schlimme Auswüchse vorkommen.

Ein wachsames Auge haben

Geschlossene oder tendenziell abgeschottete Systeme, starke Autoritätsbetonung, Unterdrückung oder Verschweigen sexueller Bedürfnisse führen in sozialen, religiösen oder sonstigen Gruppen zu erhöhtem Risiko, dass Kindesmissbrauch zwar vorhanden, nicht aber aufgedeckt wird. Das kann auch Gemeinden (Versammlungen) betreffen, die auf der biblischen Basis zusammenkommen. Sie sind zwar nicht im engsten Sinn „geschlossen“, weisen aber oft entsprechende Züge auf, weil sich in unserer antigöttlichen Gesellschaft nur wenige für solche Zusammenkünfte interessieren oder solche Christen grundsätzlich abgelehnt werden. Dass hier die Autorität noch eine wichtige Rolle spielt, weil Gott diese in seinem Wort als wichtig bezeichnet, ist klar.

Aus der berechtigten Sorge vor einer falschen Sexualisierung, wie wir sie in unserer heutigen Gesellschaft erleben, besteht die Gefahr, dass im Blick auf die sexuellen Bedürfnisse manches unterdrückt werden könnte. Gott hat uns die Ehe geschenkt, in der Mann und Frau in liebevoller Weise intim miteinander Freude haben dürfen. Wenn es aber dort nicht stimmt, wie wir es zuweilen erleben, muss es uns nicht wundern, dass andere, oft verborgene Ersatzhandlungen gesucht werden. Falls jemand dieses Ventil im Kindesmissbrauch sucht, gibt es dafür keine Entschuldigung. Aber wir müssen uns fragen, ob wir einen biblischen Weg gesucht und gefunden haben, mit diesem Problem gottgemäß umzugehen.

Wenn es um Missbrauch von außen geht, „bieten“ sich Kinderfreizeiten, Kinderbetreuungen, Kindergarten, Nachhilfe, Babysitter und Kleinkinderbetreuungen als Nährboden für Pädophile an. Um nicht falsch verstanden zu werden: Man darf nicht überall Täter sehen. Aber das sind die Orte, die für sie prädestiniert sind, wenn sie einen ihren Neigungen entsprechenden Arbeitsplatz suchen. Hinzu kommt: Die Täter sind außerordentlich gut vernetzt. Es gibt regelrechte Netzwerke von Pädophilen, über deren Professionalität und Ausmaß wir keine Vorstellung haben.

Schuld von sich weisen

Wir Menschen sind Wesen, die Schuld gerne von sich weisen. Gerade wenn es um eine kollektive Schuld geht, machen wir im Regelfall die anderen verantwortlich. Kürzlich las ich einen Artikel eines Kirchenvertreters, der in der Behauptung gipfelte: „Nicht das System ist schuld, sondern der Einzelne.“

Natürlich ist jeder für sein eigenes Verhalten selbst verantwortlich. Davon dürfen wir nicht lassen. Aber wir müssen uns auch fragen, ob wir ein System kreieren, in dem solche Sünden in besonderer Weise begünstigt werden.

Jede Abweichung von der biblischen Norm ist eine Sünde. Alles, was nicht im Glauben getan wird, ist Sünde. Aber wir müssen unser Verhalten – auch das in der Versammlung (Gemeinde) an Gottes Wort überprüfen. Wenn man Regeln aufstellt, die über Gottes Wort hinausgehen müssen wir uns nicht wundern, wenn daraus negative Folgen hervorkommen.

Wir nehmen die von Gott gegebenen Autoritäten gerne an. Dazu gehören die Regierungen, dazu gehören die Eltern, dazu gehören auch die verantwortlichen Personen in der örtlichen Gemeinde (Versammlung). Diese Autoritäten dürfen aber nicht als Vorwand benutzt werden, um die persönliche Verantwortung abzulegen. Nicht umsonst ermahnt der Apostel Paulus, sich „im Herrn“ diesen Autoritäten unterzuordnen; das heißt nur so lange, wie sie nicht in direktem Widerspruch zu Gottes Wort handeln.

Wir dürfen auch nicht zulassen, dass bestimmte Themen, die uns bedrängen und betreffen, einfach totgeschwiegen werden. Dadurch lösen wir die damit zusammenhängenden Probleme nicht, sondern verschärfen sie in aller Regel. Daher sollten wir hier wachsam sein.

Falsches und richtiges Vertrauen

Oft sind es quasi die „Rattenfänger von Hameln“, also Menschen, die allgemein ein hohes Vertrauen besitzen und von vielen außerordentlich gemocht werden, die solche Straftaten begehen. Bei weitem nicht die Mehrzahl solcher geachteten Personen handeln so, aber es sind gerade solche Personen, die sich als Täter erwiesen haben. Das macht die Entlarvung so schwer, weil es niemand glauben will.

Für uns Eltern ist es daher wichtig, dass wir ein vertrauensvolles Verhältnis zu unseren Kindern aufbauen und pflegen. Nur dann werden wir erkennen, dass sich das Verhalten unserer Kinder signifikant geändert hat bzw. nur in einer solchen Atmosphäre des Vertrauens werden unsere Kinder Signale der Angst und der Not weitergeben, wenn sie zu Betroffenen (oder Mitwissern) geworden sind.

Was die Erziehung betrifft, müssen wir Kinder in diesem Sinn zu „Neinsagern“ erziehen. Das ist natürlich eine Gratwanderung, da auf der anderen Seite der Auftrag gilt, die Kinder zum Gehorsam zu erziehen. Aber wir müssen in dieser ungöttlichen, verdrehten Gesellschaft sicherstellen, dass unsere Kinder zu jedem Angriff auf ihre sexuelle Unversehrtheit nein sagen, soweit das in ihrer Macht steht.

Daher geben wir unseren Kindern den Rat: „Geschlechtsorgane gehören nur Euch. Sie sind von Gott geschaffen worden und damit ein Geschenk Gottes an Euch, nicht an einen anderen Menschen. Daher hat niemand das Recht, Eure Geschlechtsorgane zu sehen, und erst recht nicht, sie anzufassen.“ Kinder sollen gerade diese Organe daher vor anderen schützen. Ein guter Merksatz lautet in diesem Zusammenhang: „Sag nein, lauf weg, sprich darüber!“

Vertrauensverlust Kirchen

Es ist nicht überraschend, dass Kirchen in diesen Tagen einen großen Vertrauensverlust erleiden. In Römisch-Katholischen Kirchen wird bis zur Exkommunikation gepredigt, dass eine Ehescheidung Sünde ist (was auch die Bibel so lehrt) und dass man keine Präservative benutzen darf. Ihre eigenen, höchsten Vertreter jedoch haben sich an Kindern vergangen, während sie zugleich den Anspruch der sexuellen Reinheit gepredigt haben.

Ein hohes Bekenntnis ist biblisch. Wenn dies jedoch mit Heuchelei gepaart ist, führt dies nicht nur zu Misstrauen, sondern zur Zerstörung von Grundvertrauen und zur Abwendung von solchen Personen und Gruppen. Es ist also kein Wunder, dass dem Missbrauch in einer Institution Kirche, die einen solch hohen Anspruch an die Moral von anderen stellt, in mindestens gleichem Maß öffentliche Aufmerksamkeit widerfährt.

Inzwischen weiß man, dass es in dieser sogenannten Kirche kaum noch Bistümer in Deutschland gibt, in denen es keinen Missbrauch von Kindern gegeben hat. Wohlgemerkt, vonseiten solcher, die für sich selbst in Anspruch nehmen, Vertreter Gottes auf der Erde zu sein.

Eine Botschaft wird zerstört

Wir haben eine gewaltige Botschaft an unsere Mitmenschen zu richten, wenn wir die Bibel ernst nehmen. Und wir haben ein hohes Bekenntnis, wenn wir das festhalten wollen, was uns in Christus Jesus auf der Grundlage seines Werkes auf Golgatha geschenkt worden ist. Wenn die Diskrepanz zu unserem persönlichen und gemeinschaftlichen Glaubensleben allerdings zu groß wird, werden wir vieles verlieren: das Vertrauen, die Glaubwürdigkeit. Es geht nicht um uns, es geht um unsere Botschaft, es geht um Gott, dessen Botschafter wir sind.

Je höher das Bekenntnis, desto höher ist auch die Gefahr der Heuchelei. Wenn der Anspruch groß ist und man sich diesem nicht gewachsen fühlt, dennoch aber dabeibleiben möchte, wird man im Verborgenen Dinge tun, von denen man weiß, dass sie nicht gut sind.

Sollen wir daher das Bekenntnis nach unten schrauben? Sicherlich nicht. Aber wir müssen aktiv werden, damit Anspruch und Wirklichkeit zusammenbleiben. Und wir müssen Wege finden, um solchen zu helfen, die merken, dass sie diesem Anspruch praktisch nicht gerecht werden. Es hilft nicht, sie zu brandmarken. Das fördert Heuchelei. Es wäre schon Heuchelei, wenn wir selbst so tun, als ob wir immer auf der Höhe des Glaubens sind. Auch ein Abraham, ein Mose und ein David versagten. Lasst uns ehrlich sein – mit uns selbst und anderen. Und lasst uns transparent vor Gott leben.

Uns darf nicht der Schutz des Ansehens einer Gemeinde, der Versammlung Gottes auf Erden antreiben. Es muss uns in allem um die Ehre Gottes, um Gehorsam Ihm gegenüber gehen. Die Sorge für die Opfer hat Vorrang vor unserem Ansehen. Letztlich werden wir nur dann etwas für die Versammlung Gottes in ihrem Zeugnis auf der Erde tun können, wenn wir die Ehre Gottes voranstellen.

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