Wenn die Mauer des Schweigens bricht ...
Hilfe für misshandelte Kinderseelen

Täter

Wenn die Mauer des Schweigens bricht ...

Man fragt sich, wer die Menschen sind, die solche schlimmen Taten vollbringen können. Vielleicht erklärt sich das aber auch von selbst, wenn man die Augen in der heutigen Zeit aufmacht. Denn es gibt in unserer Gesellschaft nichts, was es nicht gibt. Es ist sicher gut, noch einmal hinzuzufügen: Es gibt auch unter Christen nichts, was es nicht gibt. Wir müssen das traurig bekennen.

Es gibt nicht „den“ Täter. Täter kommen in jeder Gesellschaftsschicht, in jedem beruflichen und häuslichen Umfeld vor. Es kann, so tragisch das ist, jeder von uns sein. Es sind Menschen, die manchmal leichtfertig sagen: „Nähe ist ein Lebensmittel“ – und sie meinen damit, dass man die Nähe eines Kindes ausnutzen kann, um es wie ein Lebensmittel willenlos gefügig zu machen, um es zu konsumieren.

Selbst Fromme

Es sind manchmal Menschen, die sogar einen frommen Spruch im Mund führen – dieses Beispiel ist nicht aus der Luft gegriffen. „Wir wollen doch den Herrn Jesus ehren, oder? Er hat gesagt: ‚Lasst die Kinder zu mir kommen.’ Du möchtest doch dem Herrn Jesus gehorsam sein, oder? Dann musst du auch deinem Vater (Onkel) gehorsam sein und seine Wünsche erfüllen. Damit zeigst du, dass du den Herrn Jesus lieb hast.“

So pervers kann jemand denken und handeln, der den Namen des Herrn im Mund führt. Das Schlimme daran ist: Es geht nicht um Liebe, sondern um sexuellen Missbrauch, der in Gottes Augen Hass ist. Denn das Vergehen an Kindern hat mit Liebe auch nicht einen Hauch zu tun, wohl aber mit Egoismus, Selbst-Liebe genannt. Aber sie hat mit echter Liebe nichts zu tun.

Manche meinen, ihren Missbrauch damit entschuldigen zu können, dass sie sagen: „Ich habe sie wirklich gern gehabt!“ Durch ihr Verhalten aber zeigen sie geradezu das Gegenteil. Denn wenn man ein Kind gern hat, überschreitet man nicht die Grenzen des Respekts ihm gegenüber.

Sie mögen es ja – angeblich

Andere behaupten, dass man doch nur „einvernehmlich sexuelle Handlungen mit Kindern und Jugendlichen und Heranwachsenden gehabt habe“. Was für eine Perversität, wo Menschen dieses Alters, jedenfalls bis 14, 16 oder 18 Jahren überhaupt keine Verantwortung für solche Handlungen übernehmen können. Diese Menschen zeigen perverse Züge, wenn sie behaupten, dass die Kinder so etwas sogar gewünscht hätten. So ein Mensch ist verantwortlich und schuldig für sein Verhalten. Denn er kennt, jedenfalls wenn er Christ ist, die biblische Norm, die ein solches Verhalten nicht zulässt.

Hinzu kommt, dass Täter oft ein schizophrenes Leben führen. Sie haben das eine Leben des Missbrauchs, das sie sehr unter Verschluss halten, während das zweite Leben manchmal umso geistlicher aussehen kann. Der Täter fühlt so zwei Persönlichkeiten in sich. Die eine macht etwas Schlimmes, so dass er selbst sogar Abscheu davor hat. Das aber kann er, wie er meint, für sich überwinden und wieder gutmachen, solange die andere Hälfte seines Lebens durch evangelistische Aktionen, das Einsetzen in den christlichen Zusammenkünften usw. mehr oder weniger vorbildlich ist.

Wir leben in einer vaterlosen Gesellschaft. Einige Menschen, die andere missbrauchen, sind selbst missbraucht worden. Sie haben kein wirkliches zu Hause erlebt – so geben sie auch keines weiter. Verantwortung eines Vaters übernehmen sie nicht.

Diese Beispiele unterstreichen, dass es nicht eine Klasse von Tätern gibt. Sie alle aber zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht bereit sind, die ihnen übertragene Verantwortung als Väter oder Erwachsene zu übernehmen.

Der Mutter- und Eheersatz

Innerhalb der Familien kommt oft hinzu, dass Töchter die Mutterrolle übernehmen müssen, weil diese – aus unterschiedlichen Gründen – von der Mutter nicht wahrgenommen wird und dann die Töchter von ihren Vätern missbraucht werden.

Weil die Mutter schwach oder krank ist, müssen sie entsprechende Aufgaben übernehmen. Da Mädchen diese Aufgabe nie zu 100 % ausfüllen können, haben Väter dies als Zwangssystem ausgenutzt. „Du musst besser werden! – aber ich kann darüber hinwegsehen bis zum nächsten Mal, wenn wir ein bisschen kuscheln“. Da sich die Tochter schuldig fühlt – „ich habe es nicht gut genug gemacht“ – wird sie über das Geheimnis schweigen, das ja auch für sie entehrend ist. So geht es in einer Spirale immer weiter bergab.

Oft hängt das allein schon damit zusammen, dass ein Baby und Kind, das eigentlich ein Segen für ein Ehepaar ist, immer wieder störend auf den Familienfrieden und die eheliche Gemeinschaft von Mann und Frau wirkt. Die Mutter und Ehefrau fühlt sich vielleicht überlastet und versucht nach und nach, durch die Tochter Entlastung in ihrer Aufgabenerfüllung zu finden. Dadurch überträgt sie dieser von sich aus Aufgaben, die eigentlich der Mutter zufallen – vielleicht auch im Blick auf andere Kinder.

Diese Schutzfunktion für die übrigen Kinder und diese Hilfsfunktion im Blick auf den Vater der Familie nutzt dieser zuweilen aus, um aus der Tochter mit Mutterfunktion auch eine Tochter mit Ehefunktion zu machen. Das, was der Mann möglicherweise durch fehlendes Selbstbewusstsein nicht von seiner Frau oder Frauen der Gesellschaft bekommt, holt er sich dann bei solchen Menschen, die sich nicht wehren können. Die eigene Tochter zählt auch dazu.

Hinzu kommt, dass Kinder einen enormen Willen haben, die Familie zusammen zu halten. Das nützen Väter aus, weil sie darauf setzen können, dass Kinder allein schon deshalb eher schweigsam sind, um zu verhindern, dass die Familie durch das Entlarven des sexuellen Missbrauchs auseinandergesprengt wird.

Verantwortung üben – nicht übel missbrauchen

Jeder Mensch – und damit auch jeder Christ – hat bestimmte Aufgaben übertragen bekommen. Er hat eine persönliche Verantwortung. Und diese kann er treu ausführen – oder durch Missbrauch veruntreuen. Bei der Kinderarbeit und Jugendarbeit bedeutet das, sich zu fragen: Nutze ich sie, um Kinder und Jugendliche für mich zu begeistern, oder um sie hinter dem Herrn Jesus herzuführen? Versuche ich meinen eigenen Einfluss zu erhöhen, oder den des Herrn?

Als Eltern kann ich

  • meine Kinder in der Zucht und Ermahnung des Herrn aufziehen, oder
  • ich kann meine Stellung missbrauchen, indem ich überhaupt keine Autorität ausübe (obwohl auch das eine Art von Autorität ist, eine negative), oder
  • ich herrsche gewaltsam (im negativen, übermäßigen Sinn) über die Kinder oder als Ehemann sogar über die Ehefrau, und
  • ich kann meine Kinder sogar körperlich und sexuell missbrauchen – mit schrecklichen Folgen.

Auch als Mutter kann man seine Vertrauensstellung bei den Kindern durchaus missbrauchen.

Und zum Beispiel auch als Lehrer des Wortes Gottes kann ich die Anerkennung, die mehr oder weniger viele Christen meinem Dienst, meiner Gabe, vielleicht sogar dem Herrn zollen, dazu missbrauchen, andere hinter mir herzuziehen. Ich kann auch, wenn mich junge oder ältere Gläubige zu vielen Dingen ins Vertrauen ziehen – meine Stellung missbrauchen. Ich kann zum Beispiel – leider gibt es auch dieses – mich auf eine sexuelle Beziehung einlassen, wenn junge Frauen ihr Herz ausschütten und seelisch in solchen Situationen nicht gefestigt sind. Der Seelsorger weiß schon, was richtig ist, mag dann eine Jugendliche oder ein Kind denken. Und ganz schnell befindet man sich in einer Situation, die nichts anderes als pures Sündigen ist.

Vor jedem „Missbrauch“ können wir uns nur bewahren lassen, wenn wir nahe beim Herrn Jesus bleiben. Sein Wort reinigt uns – und das betende Lesen bewahrt uns.

Der Boden, auf dem Missbrauch entsteht

Es gibt keine allgemeingültige Schablone für Familien, innerhalb derer sexueller Missbrauch vorhanden ist. Es kann jede Familie treffen, wenn der Vater nicht über seine Sexualität im Licht Gottes wacht. Aber es hat doch den Anschein, dass es bestimmte „Typen“ gibt.

Wenn Generationsgrenzen verschwimmen, muss man wachsam sein. Wenn Ehepartner sich auseinanderleben, die eheliche Gemeinschaft – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr pflegen und ihre Aufgabe als Eltern nicht ausüben, ist Gefahr im Verzug.

Wenn Emotionen nicht ausgedrückt werden dürfen, sondern unterdrückt werden, wenn Eltern sich nicht mehr umarmen und normaler körperlicher Kontakt untersagt ist, können falsche Beziehungen entstehen. Auch wenn man Familiengefühle erstickt und nicht mehr in natürlicher (aber gottesfürchtiger) Weise über die Beziehung von Mann zu Frau spricht, können falsche Dinge entstehen. Gleiches gilt, wenn eigenartige Abhängigkeitsverhältnisse innerhalb der Familie entstehen.

Es ist bemerkenswert, dass missbrauchte Kinder gerade auch aus Familien kommen, wo Sexualität ein komplettes Tabuthema ist. „Externe“ Täter und auch Väter haben offenbar eine „Antenne“ dafür. Was aber besonders schlimm dabei ist: Diesen Kindern fehlt oft durch dieses Unterdrücken der Wortschatz, das in Worte zu kleiden, was sie erlebt haben und was mit ihnen geschehen ist.

Wenn die Rollenverteilung innerhalb der Familie autoritär und/oder nicht geordnet ist, sollte man achtsam werden. Dasselbe gilt, wenn sich eine Familie total isoliert von anderen, gerade auch innerhalb der örtlichen Versammlung (Gemeinde).

Ich beschränke mich an dieser Stelle auf die Entstehung von Kindesmissbrauch innerhalb einer Familie. Natürlich gibt es nach wie vor eine signifikante Anzahl von Fällen außerhalb von Familien. Diese aber sind schwieriger zu fassen und letztlich nicht so häufig, so dass ihre Darstellung den Fokus dieses Buches sprengen würde.

Ein Weg zurück

Sollte es einen Leser geben, der durch die in diesem Buch niedergeschriebenen Bemerkungen erkennt, dass er durch (Kindes-)Missbrauch Schuld auf sich geladen hat, dann gibt es eine Möglichkeit, zurechtzukommen: Bekenne deine Schuld – zunächst dem Herrn Jesus und dann demjenigen, den du missbraucht hast.

Auch dazu gehört Mut, aber es ist der einzige Weg, diese schlimme Sache in Ordnung zu bringen. Darüber hinaus sollte so jemand zu einer vertrauenswürdigen Person zum Beispiel aus der örtlichen Gemeinde (Versammlung) gehen und auch vor dieser ein Bekenntnis ablegen. Die Belehrung in 1. Korinther 5 ist sehr klar. Aber auch hier gilt: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass er unsere Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit“ (1. Johannes 1,9).

In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass man weder vor sich selbst noch vor dem Opfer oder den Christen irgendetwas beschönigt. Damit macht man die ganze Sache nur schlimmer, da man nicht den biblischen Maßstab an die Sünde und Schuld, die auf einem lastet (oder lasten sollte), anlegt. Man kann eine solche Sünde nicht entschuldigen, schon gar nicht mit dem Verhalten eines Kindes, das für seine Taten dieser Art keine Verantwortung trägt. Es ist nötig, zur bitteren Einsicht zu gelangen, dass man sich selbst auf eine sehr schwere Weise schuldig gemacht hat.

Sofort aufhören!

Täter haben nur einen Weg: aufhören! Und Gott und dem Kind die Sünde bekennen (auch wenn es vielleicht schon Jahre zurückliegt!). Manchmal ist es beim Auftreten von Kindesmissbrauch unmöglich, die Justiz auszuschalten. Das ist hart. Aber als Christen leben wir in einer Gesellschaft, deren Autorität die Regierung ist. Ihr sollen wir uns unterordnen (Römer 13,1).

Anzeigen?

Bislang allerdings gibt es für Privatpersonen noch keine Anzeigepflicht solcher Taten vor der Polizei bzw. der Staatsanwaltschaft. Das ermöglicht es, ganz besonders das Kindeswohl im Auge zu behalten. Denn oft empfinden es Opfer als eine letzte Niederlage, wenn ein Verfahren gegen den Täter wegen nicht ausreichender Beweislage eingestellt wird. Damit wird zwar nicht die Unschuld des Täters festgestellt. Aber in fast allen Fällen versucht dieser, das Urteil so dem unwissenden Umfeld zu verkaufen. Da die Auflagen für eine Verurteilung auf diesem Sektor ziemlich hoch angesiedelt sind, sollte man sich eingehend überlegen – am besten auch mithilfe eines fachkundigen Anwalts – was die richtige Vorgehensweise ist.

„Gerne“ vermittelt der Autor Betroffenen, aber auch Tätern ein Gespräch zur Hilfe, das absolut vertraulich (was Opfer) und mit der möglichen Vertraulichkeit, was Täter betrifft, geführt wird. Das ist der (vielleicht) erste Schritt auf einen Weg der Hoffnung oder zu einer Wiederherstellung.

Hilfsmöglichkeiten

In einem Zeitungsartikel berichtete vor einiger Zeit ein Betroffener über Regeln, die er in seinem Leben aufgestellt hat, um dieses zu erleichtern. Eine Regel lautet: Ich gehe nicht mehr ins Schwimmbad, weil man gerade dort Kinder in fast nacktem Zustand sieht, die das entsprechende Gefühl aufsteigen lassen. Eine sehr empfehlenswerte Regel ist es, nie mit einem Kind alleine zu sein. Das schützt auch vor der Gefahr, unberechtigt verdächtigt zu werden.

Solche Regeln können nützlich sein, wenn man weiß, dass man auf diesem Gebiet schwach ist. Manche haben auch vorgeschlagen, eine Art „Ethik-Kodex“ für betroffene Schulen, Einrichtungen, Kirchen zu entwickeln. Wir sollten uns als Christen bei alledem bewusst sein, dass wir bereits einen „Kodex“ für unser Verhalten haben: die Bibel. In ihr finden wir alles, was wir für einen Lebenswandel zur Ehre Gottes nötig haben.

Der biblische Maßstab – kein Gesetzbuch

Wir sollten die Bibel nicht als ein Gesetzbuch verwenden. Denn schon das Volk Israel hat bewiesen, dass kein Mensch in der Lage ist, ein noch so gutes Gesetz zu halten. Aber wir sollten uns bewusst machen, dass unser neues Leben als erlöste Christen eine Richtschnur und einen Maßstab braucht, auch eine ständige Nahrung. Alles das ist für uns Gottes Wort. Dort finden wir auch die Leitplanken für ein ethisches Leben, zu dem Gott ja sagen kann.

Es ist immer eine Hilfe, wenn bekannt ist, dass sich bestimmte Seelsorger in besonderer Weise mit Kindesmissbrauch auskennen und für Betroffene als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Sie müssen dafür Zeit haben, denn jeder „Fall“ ist besonders und muss in seinem speziellen Umfeld betreut werden. Auch ist es nötig, dass diese Seelsorger nicht nur für ein Gespräch zur Verfügung stehen, sondern dauerhaft Zeit haben für Betroffene. Sie müssen auch aufpassen, dass sie selbst nicht durch ihre „Fälle“ falsche Bindungen eingehen.

Wichtig ist auch, dass der Seelsorger des Opfers und der des Täters nicht die gleiche Person sind. Die Gefahr ist zu groß, dass man parteiisch wird und zu emotional reagiert. Außerdem geht es um Vertrauen, was dadurch leicht gestört wird.

Noch ein Wort dazu, wie Menschen mit pädophilen Neigungen sich vor der Straftat des Kindesmissbrauchs bewahren lassen können. Wenn „Täter“, die zum Beispiel noch nicht straffällig geworden sind, feststellen, dass sie beim Anblick von Kindern eine innere Erregung spüren, sollten sie eine entsprechende medizinische und seelsorgerliche Hilfe in Anspruch nehmen. Dann werden Regeln besprochen, an die sich ein Betroffener halten muss, um die Gesundheit und das Wohl von Kindern zu schützen. Es werden dazu Veränderungsprozesse im Denken und Handeln der Patienten regelrecht eintrainiert. Und wenn es die Scham wäre, die jemand nicht mehr aushalten könnte, wenn er als solcher bekannt würde – auch das ist ein Mittel, das bewahren kann.

Und wenn wir von einer solchen betroffenen Person angesprochen werden, sollten wir mit Verständnis und nicht mit Ablehnung reagieren. Man kann sich nur freuen, wenn sich jemand einer solchen Schwäche bewusst wird und nicht so tut, als ob alles in Ordnung ist. Dann sollten wir hilfsbereit sein, um einem solchen Menschen, einem solchen Christen auch eine Chance zu einem gottesfürchtigen Leben zu geben!

Er selbst muss lernen, dass Vergebung, die ihm jemand schenkt, nicht zugleich das neue Vorhandensein von Vertrauen bedeutet. „Du hast mir doch vergeben, nun musst du mir auch vertrauen!“ Diese Denkweise ist falsch. Denn Vertrauen muss man sich mühsam neu erarbeiten. Hinzu kommt, dass ein Täter nicht nur der „ersten“ Generation der direkten Opfer schadet, sondern auch der danach folgenden. Denn seine Enkelkinder werden niemals so frei mit ihm umgehen können, wie es ohne den Missbrauch möglich und normal wäre. Wie könnte die missbrauchte Mutter ihre Kinder mit gutem Gewissen in einen mehrtägigen Urlaub zu den Großeltern schicken?

Der Computer

Ein Fahnder der Polizei sagte einmal, dass es so viele Fälle gibt, dass er jeden Tag drei Wohnungen und deren Computer durchsuchen könne. Denn der Computer sei inzwischen das zentrale Element in Wohnung und Leben der meisten Pädophilen. Natürlich loggen sich die Täter nicht unter ihrem richtigen Namen in einen Chatroom oder andere Plattformen ein, sondern benutzen Decknamen, um nicht erkannt zu werden. So locken sie dann ihre Opfer in die Falle.

Bei Tätern kann oftmals tonnenweise Bildmaterial beschlagnahmt werden. Ob wir selbst wissen, was sich in unseren Häusern an Bildmaterial befindet, auf DVD, Festplatten und sonst wo? Wir sollten den Blick für die Realität nicht verlieren: Fast überall auf dieser Welt werden ständig Kinderpornos produziert, wobei man auch hört, dass es derart viel „altes Material“ gibt, dass allein dieses ausreicht, um Regale zu füllen. Wenn die Bezahlung stimmt, wird alles hergestellt, was sich ein noch so perverser Mensch wünschen mag.

Das Material

Das „Material“ an Kinderpornographie reicht von einfachen Abbildungen und Filmen entblößter Kinderkörper bis hin zu brutalen und sadistischen Szenen der Vergewaltigung und des massiven sexuellen Missbrauchs. Jede Woche werden bis zu 4.000 kinderpornographische Bilder aus sogenannten Newsgruppen im Internet gezogen – inzwischen dürften es noch viel mehr sein. Allein in Deutschland soll es zwischen 30.000 und 50.000 Konsumenten kinderpornographischer Produkte geben. 2001 existierten mehr als 30.000 Websites mit pädokriminellen Inhalten im Netz.

Darf man über solche widerlichen Dinge eigentlich schreiben? Ich tue das nicht, weil es jemand Freude bereiten könnte. Aber wir müssen uns über den Horror klar werden, dem Kinder ausgesetzt sind. Leider reagieren wir zuweilen erst dann empfindsam, wenn uns das vor Augen steht.

Wenn man sich nur einen Augenblick lang überlegt, dass ein Kind unsagbar leiden musste, damit ein solcher Film entstehen konnte, sollte es jeden dazu bringen, sich mit großem Ekel davon abzuwenden, ohne dass man dabei stehen bleibt.

Leider übt Pornographie jeglicher Art eine solche Anziehungskraft auf den Menschen aus, dass er gar nicht darüber nachdenkt, was hinter solchen Bildern steht.

Das führt dazu, dass manche von einem „Kartell des Wegschauens“ sprechen. Das betrifft natürlich nicht nur die Täter, sondern auch uns, die wir in unserer Gesellschaft mit diesem Problem zu tun haben. Obwohl es manche Hinweise in unserer Umgebung gibt, gehen wir oft leichtfertig darüber hinweg, statt uns der Kinder anzunehmen, die betroffen sind.

Bevor wir uns näher mit dem Opfer beschäftigen, wollen wir nicht übersehen, dass viele Täter zunächst auch Opfer waren. Das rechtfertigt natürlich keinen Missbrauch. Wenn man aber die Folgen eines erfahrenen Missbrauchs ansieht und bedenkt, dass viele Opfer nie eine medizinische und seelsorgerliche Hilfestellung erfahren haben, nie ernst genommen wurden in ihren körperlichen und seelischen Schmerzen, dürfen wir uns nicht wundern, dass sie selbst nicht fertig werden mit ihrem eigenen Schmerz.

Haben wir denn ihre Trauer erkannt und mitgeholfen, diese zu überwinden? Daher brauchen auch solche Täter ganz wesentlich medizinische Hilfe und Seelsorge. Diese wird nicht zuerst bei ihrer Tat sondern bei ihren Opfererfahrungen ansetzen müssen. Man wird früher oder später auch zu den Taten kommen müssen. Aber auch Täter haben ein Recht, in ihrer eigenen, erfahrenen Angst, in ihren Alpträumen und Nöten ernst genommen zu werden.

Der Nährboden für Gewalt-Erziehung

An dieser Stelle müssen wir noch ein weiteres Thema in Betracht ziehen. Wir haben gesehen, dass Kindesmissbrauch nichts anderes ist eine furchtbare Gewaltanwendung, eine Vergewaltigung von Kindern. Tatsächlich ist es so, dass Missbrauch auch einen Nährboden für sonstige Gewalt in der Kindererziehung darstellt.

Wenn Kinder missbraucht werden, ist Brutalität in der Erziehung nicht weit entfernt. Denn der Hemmschuh, den Kindern weh zu tun, ist deutlich verringert worden. Da man in die Intimsphäre des Kindes einmal eingebrochen ist, kann man das auch in anderen Bereichen wiederholen.

Leider ist dieses Faktum auch im umgekehrten Sinn wahr. Wenn Kindern zum Beispiel in brutaler Weise Gewalt angetan wird, sie verprügelt werden und der Vater oder die Mutter keine Gewalt über die eigenen Emotionen hat, dann sind Schranken niedergerissen worden, die auch sexueller Gewalt leichter machen. Die Hemmschwelle, ein Kind sexuell anzutasten, ist in aller Regel ziemlich hoch. Wenn man jedoch durch andere Arten von Gewalt Kindern zu nahe getreten ist, dann ist der Schritt zu Kindesmissbrauch nicht mehr sehr weit.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass man in Familien, bei denen Kindesmissbrauch geschehen ist, oftmals auch andere Gewaltmaßnahmen findet. Wenn man daher von Familien weiß, dass dort Kinder zum Beispiel verprügelt werden – oder man ahnt das intuitiv – dann sollte man besonders wachsam sein, ob möglicherweise noch andere strafrechtliche Vergehen vorliegen. Wie schon an anderer Stelle geschrieben, sind wir keine Detektive. Aber wenn es um das Wohl unserer Kinder geht, sollten wir auch nicht leichtfertig sein. Hinweisen muss man unverzüglich nachgehen.

Andererseits sollten sich insbesondere Väter, die zur Gewaltanwendung neigen, sofort von dieser distanzieren. Es gibt inzwischen ausreichen Therapieangebote (zum Beispiel vom Weißen Kreuz), die man unbedingt in Anspruch nehmen sollte. So kann Schlimmeres vielleicht noch verhindert werden.

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