Botschafter des Heils in Christo 1867

Verschiedene Bemerkungen über die gegenseitige Abhängigkeit in den Erbauungsstunden und über etliche andere Punkte

Meine Bemerkungen in diesem Brief werden weniger zusammenhängend sein, als diejenigen in den vorhergehenden Zeilen, indem ich die Absicht hege, verschiedene Punkte hervorzuheben, die in Verbindung mit den bereits behandelten Gegenständen nicht gut erörtert werden können.

Zunächst erlaube ich mir, daran zu erinnern, dass alles, was in einer Versammlung gegenseitiger Erbauung geschieht, die Frucht der Gemeinschaft sein muss. Wenn ich z. B. ein Kapitel aus dem Wort Gottes lesen will, so soll ich nicht lange meine Bibel durchblättern, um ein passendes Kapitel zu finden, sondern – vorausgesetzt, dass ich dieses Wort mehr oder weniger kenne – es ist nötig, dass der Geist Gottes mir den Abschnitt, den ich vorlesen soll, ins Herz gebe. Ebenso verhält es sich mit dem Vorschlagen eines Liedes. Es darf nicht geschehen, weil ich den Augenblick zum Gesänge herangerückt glaube und weil ich im Liederbuch ein Lied, welches mir gefällt, gesucht habe, sondern es ist nötig, dass mich der Geist, insoweit ich den Inhalt der vorhandenen Lieder kenne, an eins derselben erinnert und mich antreibt, es vorzuschlagen. Das Durchblättern der Bibeln und der Liederbücher von Seiten mehrerer Brüder, um ein passendes Kapitel oder Lied zu suchen, trägt ganz den Schein an sich, als ob es darauf abgesehen sei, den wahren Charakter einer vom Heiligen Geist abhängigen Versammlung gegenseitiger Erbauung zu beseitigen. Freilich mag mich meine unvollkommene Kenntnis des Inhalts zwingen, die Bibel oder das Liederbuch zur Hand zu nehmen, Auen das mir durch den Geist ins Herz gegebene Kapitel oder Lied zu suchen; aber mich sollte stets das Gefühl leiten, dass man in der Abhängigkeit von dem Heiligen Geist versammelt ist, um sich gegenseitig zu erbauen.

Haben wir nun das soeben Gesagte wohl begriffen, so wird selbstredend daraus folgen, dass, wenn man einen Bruder seine Bibel oder sein Liederbuch öffnen sieht, man wissen wird, dass er es in der Absicht tut, um ein Kapitel vorzulesen oder ein Lied vorzuschlagen. Das aber sollte jeden anderen Bruder verhindern, in ähnlicher Weise handeln zu wollen, bevor jener seine Absicht ausgeführt oder wieder aufgegeben hat; und dieses leitet mich zu dem Gegenstand gegenseitiger Abhängigkeit, worauf ich für etliche Augenblicke die Aufmerksamkeit meiner Leser lenken möchte. –

In 1. Korinther 11 handelt es sich, in Betreff der Korinther, nicht um den Dienst, sondern um die Art und Weise, wie sie das Abendmahl des Herrn feierten. Die Frage, hinsichtlich des Dienstes, wird in Kapitel 14 erörtert; aber die innere Wurzel der Unordnung zeigte sich in beiden Fällen. Die Korinther unterschieden nicht den Leib des Herrn; und darum war ein jeder mit seiner eigenen Person beschäftigt. „Denn jeglicher, wenn er isst, nimmt sein eigenes Abendmahl vorab“ (V 21). Und daraus folgte natürlich: „Und der eine ist hungrig und der andere trinkt sich satt.“ Der Grundsatz des Ichs brachte hier Früchte zum Vorschein, die so sichtbar und so verabscheuungswürdig waren, dass sie selbst das natürliche Gefühl verletzten. Aber wenn ich zur Versammlung gehe oder mich dort befinde und nur das Kapitel, oder an das Lied denke, welches ich vorzulesen oder vorzuschlagen beabsichtige, oder mich, mit anderen Worten, mit der Stellung beschäftige, die ich beim Gottesdienst einnehmen will, so ist ebenso in geistlichen Dingen das ich der Mittelpunkt, um den sich alle meine Gedanken und Beschäftigungen drehen, als wenn ich, wie die Korinther in natürlichen Angelegenheiten, ein Abendessen herbeigetragen hätte und dasselbe genösse, während mein armer Bruder, welcher sich nichts zu verschaffen vermag, hungrig weggehen würde. Wir sind versammelt in der Gemeinschaft des einen Leibes Christi und zwar geweckt, belebt, belehrt und beherrscht durch den einen Geist; und sicher sollten in der Versammlung die Gedanken unserer Herzen nicht auf das Mahl, welches ich zu genießen, und nicht auf die Stellung, die ich einzunehmen habe, sondern auf die Güte und bewundernswürdige Gnade dessen gerichtet sein, der uns der Bewahrung des Heiligen Geistes anvertraut hat. Und sicher wird der Heilige Geist, wenn wir uns anders Ihm demütig unterwerfen, einem jeglichen die Handlung und den Platz anweisen, welche für ihn passen, ohne dass eine fieberhaft aufregende Vorbereitung in uns stattfinden muss. Jeder Christ ist nur ein Teil des Leibes Christi, und wenn die Korinther dieses zu begreifen und zu verwirklichen vermocht hätten, so würde sicher der, welcher mit Speise versehen war, auf diejenigen, welche keine besaßen, gewartet und dieselbe mit ihnen geteilt haben. Ebenso werde ich – wenn meine Seele anders die kostbare Einheit des Leibes verwirklicht und ich den niedrigen Platz eines Einzel Gliedes einnehme – mich in der Versammlung vor übereiltem Sprechen hüten, wodurch andere Heilige verhindert würden, es zu tun. Wenn ich fühle, dass ich im Auftrag des Herrn ein Wort zu reden oder irgendeinen Dienst auszuüben habe, so sollte ich mich dennoch stets daran erinnern, dass andere ebenfalls einen gleichen Ruf vom Herrn erhalten haben können, und sicher werde ich ihnen dann nicht im Weg stehen. Vor allem aber sollte ich, wenn irgendein Bruder bereits sein Buch geöffnet hat, um einen Abschnitt des Wortes vorzulesen, oder ein Lied anzugeben, warten, bis er seine Absicht ausgeführt hat und ihm nicht zuvor zu kommen suchen. Die Worte: „Wartet auf einander“, kann man hierauf sicher ebenso gut anwenden, als auf das Essen; und in Kapitel 14 werden die Glieder der Versammlung zu einer solch gegenseitigen Unterwerfung aufgefordert, dass, selbst wenn einer der Propheten unter ihnen redete und der andere eine neue Offenbarung empfing, der Erstere „schweigen“ sollte. Überhaupt würde, wenn wir unseren Platz an dem Leib und die Einheit desselben besser verwirklichten, das Wort: „Jeder Mensch sei schnell zu hören, langsam zu reden“ (Jak 1,39), uns leiten, auf einander zu warten.

Erinnern wir uns stets daran, dass der Zweck unserer Zusammenkunft die Erbauung ist. Wir finden dieses deutlich in Korinther 14. In Kapitel 12 haben wir den Leib Christi. Derselbe ist Christus als seinem Herrn unterworfen und ist hienieden, kraft der Innewohnung und Wirkung des Heiligen Geistes, der Zeuge dieser Oberhoheit Christi, welcher jedem insbesondere seine Gaben austeilt, wie Er will. Dieses Kapitel schließt mit der Auszeichnung der verliehenen Gaben, als Apostel, Propheten usw., welche Gott in ihren verschiedenen Stellungen zum Nutzen und Dienst des ganzen Leibes in der Kirche eingesetzt hat. Es wird uns anempfohlen, „den besseren Gnadengaben nachzustreben;“ aber in Kapitel 13 wird uns ein vortrefflicherer Weg gezeigt, und das ist die Liebe, ohne welche die herrlichsten Gaben nichts sind, und welche die Ausübung der Gaben leiten muss, wenn anders die Erbauung das Resultat sein soll. Über Letztere handelt das 14. Kapitel. Da die Gabe der Sprachen in den Augen der Menschen die meiste Bewunderung erregte, so zeigte sich bei den Korinthern in hohem Grad die Sucht, sie zur Schau zu tragen. Statt der Liebe, die die Auferbauung aller sucht, war die Eitelkeit beschäftigt, um glänzende Talente zu zeigen. Die Gabe der Sprachen war in der Tat eine Gabe des Heiligen Geistes; und es ist für uns, geliebte Brüder, eine ernstlich zu erwägende Sache, wenn wir sehen, dass die in den Gaben für den Dienst offenbarte Macht des Geistes getrennt sein kann von der lebendigen Leitung desselben Geistes in der Ausübung dieser Gaben. Diese Leitung kann nur da gefühlt werden, wo das Ich bei Seite gesetzt, wo Christus alles für die Seele ist. Der Zweck des Heiligen Geistes ist nicht, die armen irdischen Gefäße, welche im Besitz seiner Gaben sind, sondern durch die Auferbauung Christus selbst zu verherrlichen, welcher diese Gaben darreicht, damit die Empfangenden mit Gnade, Demut und Verzichtleisten auf sich selbst davon Gebrauch machen sollen. Wie herrlich tritt bei dem Apostel Paulus dieses Verzichtleisten auf seine eigene Person in den Vordergrund! Im Besitz aller Gaben, blieb er dennoch aller Prunksucht fern. Und mit welcher Herzenseinfalt war er bemüht, seinen Herrn zu verherrlichen und die Heiligen zu erbauen! „Ich danke Gott, ich rede mehr in Sprachen, als ihr alle. Aber ich wollte in der Versammlung lieber fünf Worte reden durch meinen Verstand, auf dass ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in einer Sprache.“ – Welche Kraft haben die aus der Feder eines solchen Mannes hervorkommenden Worte des Heiligen Geistes: „Lasst alle Dinge zur Erbauung dienen.“ – „Also auch ihr, weil ihr ja Eiferer um Geister seid, so eifert, dass ihr reichlich begabt seid, zur Erbauung der Versammlung.“ –

Vor allen Dingen muss jeder Diener, um treu zu sein, nach den Vorschriften seines Herrn und Meisters handeln. Es kann nicht genug hervorgehoben werden, dass, wenn ich in der Versammlung der Heiligen tätig sein will, nichts weniger zum Antrieb dazu nötig ist, als die vollkommene und ernste Überzeugung in meiner Seele und vor Gott, dass dieses der wirkliche Auftrag und Wille meines Herrn ist. „Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, einem jeglichen unter euch, nicht höher von sich zu denken, als sich es zu denken gebührt, sondern so zu denken, dass er mäßig gesinnt sei, wie Gott einem jeglichen das Maß des Glaubens zugeteilt hat“ (Röm 12,3). Das mir von Gott verliehene Maß des Glaubens soll das Maß von dem sein, was ich tue; und Gott wird dafür Sorge tragen, dass seine Diener, indem Er ihnen das Maß des erforderlichen Glaubens darreicht, das tun können, was sie nach seinem Willen tun sollen. Eine feste und aufrichtige Überzeugung, dass es so der Wille Gottes ist, kann also allein mich ermächtigen, als sein Diener, sowohl in der Versammlung, als auch anderswo tätig zu sein.

Da nun aber mit diesem Grundsatz Missbrauch getrieben werden könnte, so hat Gott auch hier durch jene Vorschrift vorgebeugt, die wir in der Stelle finden: „Propheten aber lasst zu zwei oder drei reden und die anderen urteilen“ (1. Kor 14,29). das wird ein Zügel gegen dergleichen Missbräuche in der Versammlung sein. Zunächst ist es an mir, zu beurteilen und zu wissen, ob der Herr mich beruft zu reden, oder aus irgendeine andere Weise in der Versammlung tätig zu sein, aber nachdem ich geredet oder gehandelt habe, so ist es an meinen Brüdern zu urteilen; und in den meisten Fällen werde ich mich ihrem Urteil unterwerfen müssen. Es wird in der Tat eine höchst seltene Erscheinung sein, dass sich ein Diener Christi ermächtigt fühlt, in seinem Wirken fortzufahren, wenn dieses von seinen Brüdern missbilligt wird. Wenn Gott mich beruft, zu reden oder zu beten in den Versammlungen – vorausgesetzt, dass meine Überzeugung, berufen zu sein, von Ihm ist – so ist es klar, dass es Ihm ebenso leicht ist, die Herzen der Heiligen zu lenken, dass sie meinen Dienst anerkennen und sich mit meinen Gebeten zu vereinigen, wie es Ihm leicht ist, mein eigenes Herz zu einem solchen Dienste fähig zu machen. Wenn es wirklich der Geist ist, der mich zum Wirken antreibt, so wohnt auch derselbe Geist in den Heiligen; und in neun und neunzig Fällen unter hundert wird der Geist in den Heiligen durch irgendeinen Bruder auf meinen Dienst antworten. Wenn ich daher wahrnehme, dass mein Wirken in den Versammlungen, anstatt die Heiligen zu erbauen, für sie eine Last ist, so muss ich daraus schließen, dass ich mich in Betreff meiner Stellung täusche und dass ich nicht berufen bin, also tätig zu sein. Gesetzt nun aber, dass nicht der Zustand eines wirkenden Bruders, sondern der der Versammlung der Grund wäre, dass sein Dienst eine Zeitlang nicht gebilligt wurde – gesetzt, dass dieser Bruder weit geistlicher wäre als die Versammlung, so dass diese seinen Dienst weder verstehen noch würdigen konnte! in diesem höchst seltenen Fall würde dieser Diener Christi sich vielleicht prüfen müssen, ob er nicht etwas zu lernen habe, um zu sein, wie sein Herr und Meister, der da lehrte und „das Wort predigte, je nachdem sie es ertragen mochten“, oder ob er nicht etwa der Gesinnung des Paulus bedürfe, welcher sagen konnte: „Wir sind aber in eurer Mitte zart gewesen, wie eine nährende Mutter ihre eigenen Kinder pflegt“, und wieder: „Ich habe euch Milch zu trinken gegeben und nicht Speise; denn ihr vermochtet es noch nicht; aber ihr vermögt es auch jetzt noch nicht.“ – Wenn nun aber, trotz dieser mit Sorgfalt und Einsicht geübter Zartheit, der Dienst dieses Bruders auch fernerhin nicht anerkannt wird, so wird das sicher eine Prüfung für seinen Glauben sein. Aber dennoch würde es – da die Erbauung der Zweck jedes Dienstes und die Heiligen unmöglich durch einen Dienst, der sich ihrem Gewissen nicht empfiehlt, erbaut werden können – ohne Nutzen sein, ihnen einen solchen Dienst aufzubürden, abgesehen davon, ob der Zustand des einen Bruders oder der Versammlung die Schuld der Nicht–Anerkennung trägt. Der allgemeine Zustand der Schwäche oder der Krankheit eines Körpers kann die Verrenkung eines Gelenkes herbeiführen; in einem solchen Fall würde man dadurch, dass man das verrenkte Glied zur Erfüllung seiner Verrichtungen zwingen wollte, den Zustand des Körpers keineswegs verbessern. Dass dieses Glied nicht tätig sein kann, ist freilich höchst beklagenswert; aber der einzige Weg, um es wiederherzustellen, wird der sein, dass man ihm eine völlige Ruhe gewährt, während man durch andere Mittel die Genesung des Körpers zu befördern strebt. Ebenso verhält es sich in dem von uns angeführten Fall. Die Ausübung eines Dienstes da fortsetzen zu wollen, wo derselbe – selbst wegen des schlechten Zustandes der Versammlung – nicht anerkannt wird, würde zu den traurigen Erscheinungen nur noch Verwirrung hinzufügen und dieselben dadurch verschlimmern. Der Diener des Herrn wird finden, dass es dann weise ist zu schweigen, oder – sollte sein Herr ihm in dieser Weise seinen Willen kundtun – anderswo seinen Dienst auszuüben.

Andererseits, geliebte Brüder, lasst euch ernstlich vor jener Schlinge warnen, welche Satan in seiner List so gern zu unserem Schaden zu legen sucht – nämlich vor dem Geist lieblosen Kritisierens über das, was in der Versammlung vorfällt. Die Anstrengungen des Feindes gehen immer dahin, uns von einem Extrem ins andere zu treiben. Wenn wir nämlich zu einer Zeit durch Gleichgültigkeit gesündigt haben, indem wir für das, was in der Versammlung geschah, fast kein Auge hatten, so ist es oft mehr als wahrscheinlich, dass wir zu einer anderen Zeit gerade der entgegengesetzten Klippe zusteuern. Der Herr wolle uns in seinem Erbarmen davor bewahren! Nichts zeigt so sehr einen beklagenswerten Zustand an, und nichts kann so sehr der Segnung hemmend in den Weg treten, als ein Geist lieblosen Richtens und Kritisierens. Wir versammeln uns, um Gott anzubeten, und um uns einander zu erbauen, und nicht in der Absicht, um einen wirkenden Bruder zu beurteilen und um zu entscheiden, ob ein solcher Bruder seinen Dienst in einer fleischlichen Weise ausübt und ein anderer durch den Geist betet. Wenn das Fleisch sich offenbart, so ist es nötig, dass es gerichtet wird; aber es ist eine traurige und demütigende Sache, es in der Versammlung unterscheiden und richten zu müssen, anstatt uns, was unser glückseliges Vorrecht ist, der Fülle unseres göttlichen Herrn und Heilands zu freuen. Hüten wir uns daher vor dem Geist des Richtens! Es gibt sowohl geringere, als mehr hervorragende Gaben; und wir kennen den, der den Gliedern des Leibes, die uns die schwächeren zu sein scheinen, eine umso reichlichere Ehre verleiht. Die Handlungen eines Bruders in der Versammlung sind nicht geradezu alle fleischlich, weil er bis zu einem gewissen Punkte fleischlich wirksam ist; und in dieser Beziehung würde es für uns alle von Nutzen sein, die Worte eines der geachtetsten Diener des Herrn unter uns in ernstliche Erwägung zu ziehen. „Es ist vor allen Dingen nötig“, sagt er, „dass wir zunächst die Natur unserer Gabe prüfen, und dann das Maß derselben.“ Was das Letztere betrifft, so glaube ich, dass manche Gabe nicht anerkannt wird, weil der Bruder, welcher sie empfangen hat, bei deren Ausübung das Maß derselben überschreitet. – „Ist es eine Weissagung, lasst uns handeln nach dem Maß des Glaubens.“ Alles, was außerhalb dieser Grenzen liegt, ist vom Fleisch. Der Mensch stellt sich dann in den Vordergrund; die Sache wird gefühlt und die Gabe verworfen, weil der wirkende Bruder sich nicht mit dem Maß seiner Gabe begnügt hat. Weil aber sein Fleisch wirkt, so darf man sich nicht wundern, dass das, was er sagt, als fleischlich verworfen wird. – Ebenso verhält es sich bezüglich der Natur der Gabe. Wenn ein Bruder, der eine Gabe des Ermahnens hat, zu lehren beginnt, so wird sicher die Erbauung mangeln. Ich möchte sehr wünschen, dass ein jeder der Brüder, welche im Dienst des Wortes tätig sind, auf diese Bemerkung sein Augenmerk richtete, weil vielleicht bei dem Mangel an Treue seiner Zuhörer kein anderes Mittel vorhanden ist, um in dieser Beziehung klar zu werden.

Diese Worte sind zunächst an solche gerichtet, die einen Dienst ausüben; aber ich führe sie hier an, damit wir, geliebte Brüder, nicht alles, was ein Bruder redet oder tut, als fleischlich bezeichnen, weil wir darin irgendetwas Fleischliches erblicken. Lasst uns mit Dank anerkennen alles, was vom Geist ist, indem wir es, selbst in dem Dienst und den Handlungen einer und derselben Person, von jeder anderen Sache unterscheiden!

Es gibt noch zwei oder drei kleine Einzelheiten, die ich hier in der Einfalt brüderlicher Liebe kurz zu berühren wünsche. Zunächst möchte ich die Aufmerksamkeit meiner Leser auf die Austeilung des Brotes und Weines am Tisch des Herrn lenken. Einerseits wäre es sehr wünschenswert, wenn diese Austeilung nicht beständig und ausschließlich von denselben Brüdern geschähe, als ob ein kirchlicher Unterschied vorhanden sei; aber andererseits finde ich nichts in der Schrift, welches irgendeinen Bruder ermächtigen könnte, das Brot zu brechen oder den Kelch darzureichen, ohne die Danksagung darzubringen. In Matthäus 24,26–27; Markus 14,22–23; Lukas 22,19 und 1. Korinther 11,24 wird uns gesagt, dass der Herr danksagte, als Er das Brot brach und den Kelch nahm; und in 1. Korinther 10,16 wird uns der Kelch, als der Kelch der Segnung und der Danksagung bezeichnet. Wenn nun die heilige Schrift unsere Führerin sein soll, ist es dann nicht augenscheinlich, dass der, welcher das Brot bricht und den Kelch nimmt, auch zu gleicher Zeit die Danksagung verrichten muss? Und wenn nun jemand unter uns sich zur Danksagung unfähig fühlt, sollte das nicht für ihn eine Ursache sein, sich zu fragen, ob er berufen sei, das Brot und den Wein auszuteilen?

Ferner sollten wir alle betreffs der Aufsicht und der Leitung in den Versammlungen, sowie betreffs der so notwendigen Befähigungen derer, welche inmitten der Heiligen irgendeinen Dienst ausüben, die Kapitel 1. Timotheus 3 und Titus 1 mit betendem Herzen betrachten. Das erste dieser beiden Kapitel enthält in Vers 6 etwas ganz besonderes, woran zu erinnern für uns alle von großem Nutzen sein wird. Dort lesen wir: „Nicht ein Neuling, damit er nicht, aufgebläht, in dasselbe Urteil wie der Teufel falle.“ Es kann der Fall sein, dass die Berufung Gottes und die Gabe Christi sich – wie im Alten Testamente bei Jeremias – bei einem „jugendlichen Mann“, wie bei Timotheus, finden; und die an Letzteren gerichteten Worte: „Dass niemand deine Jugend verachte“, würden in einem solchen Fall auch jetzt in ihrer Anwendung am Platz sein. Aber die Worte: „Nicht ein Neuling“, waren gerade an Timotheus gerichtet. Seine Jugend sollte keineswegs ein Anlass zum Wirken für solche sein, in denen sich weder die Gnade noch die Gabe fand, welche ihm zu Teil geworden waren. Schon das Gefühl natürlicher Schicklichkeit verlangt es, dass ein Jüngling weit eher den Platz der Unterwürfigkeit als den des Regierens einnimmt. Wir finden im ersten Brief des Petrus in dieser Beziehung eine vortreffliche Ermahnung, die leider, wie mir es scheint, nicht genug beherzigt wird. „Gleicherweise ihr Jüngern seid den Ältesten unterworfen; und alle seid einander untertänig, mit Demut fest umhüllt; denn Gott widersteht den Hoffärtigen; aber den Demütigen gibt Er Gnade“ (1. Pet 5,5).

Möge der Herr in seiner Gnade uns allen geben, geliebte Brüder, dass wir in Demut vor Ihm wandeln, auf dass unsererseits Nichts das Werk des Heiligen Geistes in unserer Mitte hemmt und stört! Der Herausgeber dieser Briefe erlaubt sich noch, etliche kurze Bemerkungen beizufügen.

1. Wenn ein Bruder in der Versammlung betet und sich an Gott wendet mit den Worten: „Mein Gott!“ so hat ihm sicher der Heilige Geist diese Worte nicht eingegeben. Wir sollten uns stets erinnern, dass der Geist an diesem Platz niemanden antreibt, um persönlich für sich zu beten, sondern, dass Er den Betenden, als den Mund der Versammlung, mit allen Brüdern auf gleichen Boden stellt.

2. Wenn ein Gebet oder eine Danksagung lange Darstellungen bestimmter Lehren enthält, so kann ich auch darin keineswegs eine Wirkung des Heiligen Geistes erkennen. Wer betet, redet mit Gott und nicht mit seinen Brüdern; und es geziemt uns durchaus nicht, Gott eine Predigt zu halten.

3. Ich bezweifle es, dass die Handlungen beim Gottesdienst, die immer nach derselben Ordnung geschehen, sich stets der Leitung des Geistes erfreuen. Will es z. B. der Heilige Geist, dass jede Versammlung durch ein Gebet geschlossen werde, ohne welches es niemand wagen dürfte, sich zu erheben, um nach Haus zu gehen? Ohne Zweifel ist ein Schlussgebet jedenfalls passend und an seinem Platz, wenn Gott es ist, der dasselbe eingibt. Ist aber Letzteres nicht der Fall, so ist das Gebet eine armselige Form, die nicht mehr Wert hat, als eine Liturgie.

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