Voll Heiligen Geistes und erfüllt mit Heiligen Geist

Wir finden in der Schrift zwei Ausdrücke, die mit unseren letzten Fragen in enger Verbindung stehen, nämlich „voll Heiligen Geistes“ und „erfüllt mit Heiligem Geist“. Diese Ausdrücke ähneln sich sehr und werden auch häufig verwechselt. Doch ist beides nicht dasselbe.

Nur viermal wird in der Bibel von jemandem gesagt, dass er voll Heiligen Geistes war: in Lukas 4,1; Apostelgeschichte 6,3.5; 7,55; 11,24. Die erste Stelle spricht von dem Herrn Jesus. Er, dem der Vater den Geist nicht nach Maß gegeben hatte (Joh 3,34), war in der Tat voll Heiligen Geistes. Aber auch von Stephanus und Barnabas wird dies gesagt, und in Apostelgeschichte 6,3 sagen die Apostel zu der Menge der jünger, sie möchten Männer aussuchen „voll Heiligen Geistes“.

Hieraus ist wohl ersichtlich, dass dieser Ausdruck keinen vorübergehenden Zustand andeutet, obwohl damit natürlich auch nicht gesagt ist, dass beispielsweise Barnabas bis zu seinem Tod so geblieben wäre. Es wird dadurch ein geistlicher Zustand der Seele angezeigt, in dem nichts ist, was das Werk des Heiligen Geistes hindert und in dem alle Gefühle, Gedanken, Worte und Taten ständig durch Ihn kontrolliert werden. Welch ein herrlicher Zustand ist das!

Von Stephanus wird dann auch gesagt, dass er voll Glaubens und voll Gnade und Kraft war und Wunder und große Zeichen unter dem Volk tat und dass die Juden der Weisheit und dem Geist, womit er redete, nicht widerstehen konnten. Seine Widersacher sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht (Apg 6,15). Und als er nach seiner großen, wunderbaren Rede gesteinigt wurde, sah er die Herrlichkeit Gottes und Jesus stehend zur Rechten Gottes. Von Barnabas wird gesagt, sein Name bedeute „Sohn des Trostes“, weiter, dass er einen Acker verkaufte und das Geld den Aposteln gab (Apg 4,36.37), und in Apostelgeschichte 11 erfahren wir, dass er ein guter Mann und voll Glaubens war; der Heilige Geist verbindet damit, dass eine zahlreiche Menge dem Herrn hinzugetan wurde (V. 24).

Der Ausdruck „erfüllt mit Heiligem Geist“ kommt häufiger vor. In 2. Mose 28,3 und 5. Mose 34,9 wird bereits gesprochen von Erfülltsein mit dem Geist der Weisheit, und in 2. Mose 31,3 wird gesagt „erfüllt mit dem Geist Gottes“. Im Neuen Testament finden wir den wörtlichen Ausdruck „erfüllt mit Heiligem Geist“ in Lukas 1,15.41.67 in Verbindung mit Johannes dem Täufer und seinem Vater und seiner Mutter, und in Apostelgeschichte 2,4; 4,8.31; 9,17; 13,9.52  und Epheser 5,18 in Verbindung mit Petrus und Paulus allein und mit ganzen Gruppen von Jüngern. Zweimal wird gesagt, dass sie erfüllt werden, sollten (Johannes der Täufer und Paulus), fünfmal, dass sie erfüllt wurden, und zweimal, dass sie erfüllt waren (Petrus und Paulus). Die letzte Stelle, in der der Ausdruck vorkommt (Eph 5,18), ist eine Ermahnung: „Werdet mit dem Geist erfüllt“.

Wenn wir all diese Stellen genau in ihrem Zusammenhang lesen, sehen wir, dass das Erfülltsein mit dem Heiligen Geist immer in Verbindung steht mit einem 'Dienst für Gott, und zwar manchmal mit einem bestimmten, langdauernden Auftrag wie bei Johannes dem Täufer und Paulus, aber meist mit besonderen, vorübergehenden Diensten, Weissagungen oder Zeugnissen. Und welche Bedeutung hat dieses Erfülltsein? Ich glaube, Apostelgeschichte 1,8 gibt die Antwort: „Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein“.

Wie kräftig war das Zeugnis eines Johannes des Täufers und das eines Paulus! Ein Petrus, der Angst gehabt hatte vor einer Magd, legt Zeugnis ab, als er vor einer großen Menge Juden aus verschiedenen Ländern steht, ja in Kapitel 4 sagt er den Regierenden des Volkes freimütig, dass es kein Heil gibt als nur in dem Namen Jesu, den sie verworfen und gekreuzigt hatten! In Apostelgeschichte 4,31 reden alle, die mit Heiligem Geist erfüllt werden, das Wort Gottes mit Freimütigkeit.

Wie kommt es, dass unser Zeugnis sowohl in Bezug auf das Evangelium gegenüber Unbekehrten als auch, was die Wahrheit Gottes betrifft gegenüber Gläubigen, oft so kraftlos und matt ist? Die Gläubigen in der Apostelgeschichte gebrauchten nicht viele Hilfsmittel. Sie sprachen nicht über die besten Methoden der Evangelisation und schufen ebensowenig Organisationen, die einen bestimmten Teil der Evangelisation oder des Unterrichts in den göttlichen Wahrheiten übernahmen. Sie handelten einfach nach dem Auftrag, den sie von Gott empfangen hatten, und legten Zeugnis ab in der Kraft des Heiligen Geistes.

Es geht hier nicht um das Wohnen des Heiligen Geistes in dem Gläubigen. Seit dem Tag der Pfingsten wohnt Er in jedem Gläubigen, heute genau wie damals. Das Beten um den Heiligen Geist, das von manchen Gläubigen geschieht, steht also in direktem Widerspruch zu der geoffenbarten Wahrheit. Aber nachdem der Heilige Geist herniedergekommen war und in jedem Gläubigen wohnte, sehen wir, dass einzelne Personen oder ganze Gruppen außerdem mit Heiligem Geist erfüllt werden. Auch da finden wir nichts von Bitten darum, obwohl wir in Epheser 5,18 ermahnt werden, mit dem Geist erfüllt zu sein. Wir lesen in der Apostelgeschichte nur, dass sie einmütig ihre Stimme zu Gott erhoben und Ihn baten, Er möge ihnen geben, mit Freimütigkeit sein Wort zu verkündigen. Als Antwort darauf wurden sie mit Heiligem Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimütigkeit.

Nicht der Wein, also das, was den natürlichen Mut und die Fröhlichkeit des Herzens wachruft, soll in dem Dienst gefunden werden (Lk 1,15; Eph 5,18), sondern allein die Kraft und die Freudigkeit des Heiligen Geistes. Und wo diejenigen, die durch Gott gerufen sind oder werden, sich dessen bewusst sind, dass nichts von dem natürlichen Menschen in der Ausführung eines von Gott aufgetragenen Dienstes von Nutzen sein kann, und darum – ohne nach menschlichen Hilfsmitteln zu greifen – von Gott erbitten, was sie nötig haben und sich durch den Heiligen Geist gebrauchen lassen, da werden sie mit dem Geist erfüllt werden, und ihr Dienst wird den Beweis davon erbringen.

Welch eine Freude und Kraft und welch eine Verherrlichung Gottes sehen wir bei Elisabeth und Zacharias (Lk 1), am Pfingsttag und danach (Apg 2,11; 13,52 usw.) und in Epheser 5,18–21!

Dieses sich-leiten-lassen durch den Heiligen Geist ist nun nicht nur für einen besonderen Dienst notwendig. Römer 8,14 sagt: „Soviele durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes“. Wie können wir in Übereinstimmung mit der hohen Stellung leben, die Gott in seiner Gnade uns gegeben hat, in der Stellung von „Söhnen Gottes“, wenn unser Leben nicht durch den Heiligen Geist geleitet wird? Wie sollte dies auch möglich sein? Römer 7 lehrt uns, dass wir keine Kraft besitzen, und wenn wir uns selbst ein klein wenig kennen gelernt haben, wissen wir auch aus Erfahrung, dass es so ist. Aber Gott sagt auch: „Meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht“ (2. Kor 12,9). Die Kinder Korah singen in Psalm 84,5: „Glückselig der Mensch, dessen Stärke in Dir ist“. Diese Kraft, ja, die Kraftquelle, Gott der Heilige Geist, wohnt in mir. Ist das nicht genug? Kann die Kraft mir nicht den Sieg geben über alle Feinde in mir und außerhalb von mir? Kann mein Leben dadurch nicht ein Überwinderleben sein, in dem Gott verherrlicht wird? Kann mein Dienst, der Auftrag, den Gott mir gab, dadurch nicht ein Dienst sein voller Segen für andere und für mich zur Verherrlichung Gottes? Kann ich dadurch nicht wissen, wie ich in allen Dingen nach Gottes Gedanken handeln kann, so dass ich nicht unsicher zu sein brauche, was ich tun soll?

Ja und tausendmal ja! Der Heilige Geist kennt Gottes Gedanken und Gottes Willen vollkommen (1. Kor 2,10). Er kennt mein Herz und spricht meine Wünsche vor Gott aus (Röm 8,26.27). Er hat geistliche Worte für mich, mit denen ich die geistlichen Dinge, die Er mir offenbart hat, anderen mitteilen kann, so dass auch diese sie besitzen und genießen können (1. Kor 2,10–13). Und Er ist die Kraft, die göttliche Kraft, die in mir selbst, in meinem persönlichen Leben, in meinem Dienst für Gott, alles zustande bringen kann.

Aber was nützt Kraft, die nicht wirken kann? Was hilft es, dass der Heilige Geist in mir wohnt, wenn ich Ihn nicht wirken lasse? Eine Lokomotive kann unter Dampf sein und doch stille stehen, weil der Dampf seine Kraft nicht entfalten kann. Spanne deine Kräfte an, um sie vorwärts zu stoßen! Mit Hilfe anderer und einer guten Organisation glückt es vielleicht. Aber ist das Ergebnis zu vergleichen mit dem, was der Maschinist mit einem Handgriff tut? Er wirft einen Hebel herum und das, was den Dampf hinderte, seine Kraft zu entfalten, ist weggenommen. Die Lokomotive fährt ohne die geringste Mühe und zieht noch einen langen Zug hinter sich her.

Ist bei uns der Hebel herumgeworfen? Kann der Heilige Geist in uns ungehindert seine Kraft entfalten, oder sind noch Hindernisse da? Steht unser Ich Ihm im Weg: unsere Kraft, unser Verstand, unser Organisationsvermögen, unser Wirken, unser Eifer, vielleicht gar unsere Sünde? Wenn diese Dinge vorhanden sind oder auch nur das Geringste von uns selbst da ist, kann der Heilige Geist nicht in uns wirken. Aber wenn wir uns bewusst sind, dass wir mit Christus gekreuzigt sind (Gal 2,20), dann wird unser ganzes Leben Ihm offenstehen, Er wird unser ganzes Tun und Lassen unter Kontrolle haben.

Oft wird gesagt, es sei so schwierig, der Leitung des Heiligen Geistes zu folgen, ja oftmals unmöglich, weil wir nicht immer wüssten, was Er will.

Wenn Gott der Heilige Geist in uns wohnt und wir Ihm die Leitung unseres Lebens geben, wird Er uns dann nicht unzweideutig seinen Willen zu erkennen geben? Lasst uns auf unser vollkommenes Vorbild, den Herrn Jesus, sehen! Er wurde durch den Geist in die Wüste geführt (Lk 4,1) und kehrte in der Kraft des Geistes nach Galiläa zurück (V. 14). Durch den Geist lehrte, tröstete und heilte Er (Verse 18–19) und trieb Dämonen aus (Mt 12,28). Ja, durch den Geist opferte Er sich selbst ohne Flecken Gott (Heb 9,14). Und in der Apostelgeschichte finden wir, dass der Geist zu Petrus sagt: „Siehe, drei Männer suchen dich. Stehe aber auf, gehe hinab und ziehe mit ihnen, ohne irgend zu zweifeln, weil ich sie gesandt habe“ (10, 19–20). Der Heilige Geist sagt: „Sondert mir nun Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu welchem ich sie berufen habe“ (Apg 13,2). Die Apostel können sagen: „Es hat dem Heiligen Geist und uns gut geschienen...“ (Apg 15,28). Der Heilige Geist hindert Paulus und Silas, das Wort in Asien zu reden, und erlaubt ihnen nicht, nach Bithynien zu gehen (Apg 16,6.7). Paulus sagt, der Heilige Geist bezeuge ihm von Stadt zu Stadt, dass er gefangen genommen werden würde (Apg 20,23). Die Jünger sagen durch den Heiligen Geist, Paulus möge nicht nach Jerusalem hinaufgehen (siehe Kap. 21, 11). Ist das nicht die ausdrückliche Leitung des Heiligen Geistes in einer Weise, die für einen einfältigen Gläubigen jede Unsicherheit beseitigt?

Und dies ist heute ebenso gut möglich wie damals! Auch jetzt will der Heilige Geist uns seinen Willen deutlich zu erkennen geben, wenn wir nur einfältig und unabhängig sind, uns dem Wort Gottes unterwerfen und unser Gewissen durch das Wort gebildet und erleuchtet ist. Wie viele Gläubige haben solche Leitung in ihrem Leben erfahren! Hat er nicht oftmals gewarnt, wenn wir nach eigenen Gedanken handeln wollten –die innere Stimme, die uns beunruhigte? Hat Er uns nicht oft an etwas erinnert, das wir tun mussten, aber vergessen hatten? Hat Er uns nicht oftmals Aufträge gegeben? 1

Gebe der Herr, dass wir allezeit bereit sind, zu hören und zu gehorchen! „So viele durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes“ (Röm 8,14).

Fußnoten

  • 1 Ein Gläubiger erzählte, dass, als er eines Abends im Bett lag, der Gedanke in seinem Herzen entstanden sei, er müsse jemanden, der bekannt hatte, ein Christ zu sein, aber jetzt in der Sünde lebte, besuchen. Dieser Gedanke wurde so stark, dass er aufstand und ging, obwohl der Betreffende am anderen Ende der Stadt wohnte. Auf sein Klingeln öffnete der Mann selbst und fragte, was der Besucher wolle. Der erzählte dann ehrlich, weshalb er gekommen sei, worauf er folgende Antwort empfing: „Das ist merkwürdig. In dem Augenblick, da sie klingelten, stand ich auf einem Stuhl mit einem Strick um den Hals, um mich zu erhängen. Als sie klingelten, kam mir der Gedanke, erst noch schnell zu sehen, wer da so spät noch klingelt“.
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