Die Wiedergeburt

In Johannes 3 wird uns eine neue Wahrheit vor Augen geführt. Im Garten Eden standen zwei Bäume, der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Der Mensch aß von dem letzteren und verwirkte damit das Recht auf den ersteren. So ist er fortan moralisch „tot in Sünden und Vergehungen“ (Eph 2,1). Sein natürliches Leben ist gekennzeichnet durch Sünde und besitzt auch nicht das Geringste, das mit Gott Gemeinschaft haben könnte.

Dies zeigte sich, als der Herr Jesus auf die Erde kam. „In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst“ (Joh 1,4.5). Der Mensch konnte selbst das Leben nicht begreifen: „Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird“ (1. Kor 2,14).

Doch berichtet Johannes 1,12, dass einige den Herrn Jesus annahmen, aber von diesen wird gesagt, dass sie „aus Gott geboren sind“. „So viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, welche nicht aus Geblüt, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“ Nicht der Glaube des natürlichen Menschen bringt ihn in Verbindung mit Gott. In Kapitel 2, 23 finden wir viele, die an seinen Namen glauben, und wenn wir das oberflächlich mit dem Obenstehenden (Kapitel 1, 13) vergleichen, könnten wir meinen, dass dies also die Kinder Gottes sind, genügen sie doch dem, was dort steht: „die an seinen Namen glauben“. Aus Johannes 2,24–25 geht jedoch hervor, dass dies nicht so ist.

Diese Menschen waren überzeugt durch die Zeichen, die der Herr tat. Sie glaubten an Ihn. Aber der Glaube, der nur auf Verstand oder Gefühl gegründet ist, sei es ein sogenannter historischer Glaube von Menschen, die auf Grund der Umgebung, in der sie aufgewachsen sind, oder auf Grund ihrer Erziehung nicht an den christlichen Wahrheiten zweifeln, oder sei es ein Glaube, der gegründet ist auf eine verstandes– oder gefühlsmäßige Überzeugung von der Richtigkeit und dem Wert des Christentums – ein solcher Glaube bringt niemanden in Verbindung mit Gott. „Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil Er alle kannte und nicht bedurfte, dass jemand Zeugnis gebe von dem Menschen; denn Er selbst wusste, was in dem Menschen war.“

Bei einem von diesen Menschen jedoch war nicht allein der Verstand oder das Gefühl, sondern das Gewissen berührt. Und obwohl er unkundig ist und das Licht auch nicht erfasst, fühlt er doch, dass bei Jesus etwas zu finden ist, was er nötig hat. Er meint, es sei Belehrung. Aber der natürliche Mensch kann durch bloße Kenntnis das Leben nicht empfangen. Darum antwortet der Herr: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Joh 3,3).

Das war ein seltsames Wort für Nikodemus. Er war ein Lehrer in Israel und kannte das Alte Testament. Es sprach von dem Reich, und gerade darüber wollte er belehrt werden. Aber seine Worte hatten bewiesen, dass er das Königreich nicht sehen konnte, obwohl es in der Person des Herrn vor ihm stand! Er hatte Jesus die höchste Ehre erwiesen, die einem Menschen erwiesen werden kann: „Wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen“. Aber gerade diese Worte bewiesen, dass auch er das Licht nicht erfasst hatte. Die Propheten des Alten Testamentes hatten von dem Reich gesprochen. Aber nun war Gott selbst, der Ursprung des Reiches, offenbart. Nun kam es auf das Wesen der Sache an. Dass der natürliche Mensch das, was von Gott ist, nicht sehen kann, zeigte sich an seinen eigenen Worten. „Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“

In der Tat, der Mensch muss ein anderes Leben besitzen, um etwas, das von Gott kommt, sehen zu können. Der Herr spricht zu Nikodemus von irdischen Dingen, von dem Reich (Joh 3,12), aber was Er sagt, sind allgemeine Grundsätze – wie fast immer im Evangelium Johannes. Ein neues Leben ist notwendig, nicht gleichartig dem des natürlichen Menschen, sondern ein ganz anderes. „Wie könnte ein Reiner aus einem Unreinen kommen?“ (Hiob 14,4). Ja, wenn der Mensch zehnmal geboren würde, es würde ihm nichts nützen, weil dieses Leben ebensowenig Gott sehen kann. Und darum war die Antwort des Nikodemus eine törichte Frage. Aber der Herr benutzt sie, um diese Wahrheit weiter zu offenbaren. „Wahrlich, Wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand aus Wasser und Geist geboren werde, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen.“

Wasser reinigt dasjenige, worauf es angewandt wird. Hier wird es sinnbildlich gebraucht im Blick auf die Weissagung: „Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von allen euren Unreinigkeiten und von allen euren Götzen werde ich euch reinigen. Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechte bewahrt und tut“ (Hes 36,25–27). In Vers 10 spielt der Herr deutlich auf diese Stelle an. In dieser Weise benutzt der Herr auch in Johannes 2 den Tempel (Verse 19–21) und in Kapitel 4 eine Quelle (Verse 6–15) als Sinnbild.

Wenn wir Epheser 5,26 und Johannes 13,10 in Verbindung mit Johannes 15,3 lesen, so sehen wir, dass das Wasser hier ein Bild von Gottes Wort ist. Dies wird bestätigt durch Stellen wie: 1. Petrus 1,23; Jakobus 1,18; 1. Korinther 4,15. „Die ihr nicht wiedergeboren seid aus verweslichem Samen, sondern aus unverweslichem, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes.“ „Nach seinem eigenen Willen hat Er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt.“ „In Christus Jesus habe ich euch gezeugt durch das Evangelium.“ 1

Das Wort Gottes in seiner reinigenden Kraft, angewandt durch den Heiligen Geist, pflanzt in dem Menschen ein neues Leben. Wenn das Gewissen durch das Wort getroffen wird, werden Herz und Gewissen, die Neigungen, die Gedanken und Taten gereinigt, und der Heilige Geist wirkt ein neues Leben. Es ist kein natürliches Leben, denn es wird durch den Geist Gottes gezeugt und ist also ein göttliches Leben. Das Kind Gottes ist aus Gott geboren (Joh 1,13; 1. Joh 3,9–10; 5,18). Und so wenig wie das natürliche Leben veredelt werden kann, bis es die geistlichen Dinge sehen und Verbindung mit Gott erlangen kann, ebensowenig kann das neue göttliche Leben degenerieren. „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist“ (Joh 3,6). „Sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist“ (1. Joh 3,9).

In den folgenden Versen teilt der Herr neue Einzelheiten mit. Dieses neue Leben kann allein auf Grund der Erhöhung des Herrn Jesus am Kreuz geschenkt werden, denn der Mensch ist ein Sünder. Aber Gottes Liebe gab den eingeborenen Sohn, auf dass jeder, der an Ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. Hier wird es also das ewige Leben genannt.

Auch im Alten Testament wird vom ewigen Leben gesprochen (Dan 12,2; Ps 133,3). Dort wird es genannt in Verbindung mit der Herrlichkeit des 1000-jährigen Reiches, der Wiederherstellung aller Dinge. Hier aber wird es offenbart ohne die Herrlichkeit. Hier sehen wir den eingeborenen Sohn des Vaters, Er, der zur gleichen Zeit, da Er auf Erden mit Nikodemus sprach, im Himmel war (Joh 3,13; 1,18); Er, der selbst der wahrhaftige Gott und das ewige Leben ist (1. Joh 5,20), Er gibt keine Belehrung über das ewige Leben, sondern ist selbst dessen Offenbarung: Er ist das ewige Leben. Welch eine Offenbarung! Welch ein Werk des Heiligen Geistes! Natürliche Menschen, die tot sind in Sünden und Vergehungen, werden durch sein Werk wiedergeborene Menschen, die ein neues Leben, ein göttliches Leben, ja das ewige Leben selbst, den Herrn Jesus, als ihr Leben besitzen (1. Joh 5,11–13.20).

Hieraus können wir sehen, was es eigentlich bedeutet, ewiges Leben zu haben. Es bedeutet nicht nur, dass Kinder Gottes nie sterben. Es schließt die Befähigung in sich, die geistlichen Dinge, alles, was von Gott kommt, zu erfassen. Es bedeutet, dass wir mit Gott selbst Gemeinschaft haben können, denn wir sind ja Teilhaber der göttlichen Natur (2. Pet 1,4; 1. Joh 1,3). Es bedeutet, dass Christus in uns ist, dass wir ein göttliches Leben haben, das nicht sündigen kann (1. Joh 3,9). Es bedeutet, „dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns ein Verständnis gegeben hat, auf dass wir den Wahrhaftigen kennen; und wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“ (1. Joh 5,20). Gott hat uns ein ganzes Evangelium gegeben, „auf dass ihr glaubend Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20,31), und einen ganzen Brief, „auf dass ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes“ (1. Joh 5,13).

Bedeutet dies auch in der Praxis unseres Lebens: „Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20)

Fußnoten

  • 1 Es ist unbegreiflich, dass einige in Joh 3, 5 die Taufe sehen, durch die der Täufling wiedergeboren werde. Ein bekanntes Wort über die Kindertaufe lautet: „In demselben Augenblick, da der Diener das Wasser der Taufe spendet, wirkt der Mittler aus dem Himmel eine Gnadenwirkung in der Seele des Kindes, das getauft wird“. Die Taufe spricht niemals vom Leben, sondern nur vom Tod. „Oder wisst ihr nicht, dass wir, so viele auf Christus Jesus getauft worden, auf seinen Tod getauft worden sind?“ (Röm 6, 3; Kol 2, 12). Von den elf Aposteln wird wohl gesagt, dass sie tauften, aber niemals, dass sie mit der christlichen Taufe (und darum geht es) getauft waren. Waren sie denn nicht wiedergeboren? Waren die alttestamentlichen Gläubigen nicht wiedergeboren? Konnte der Herr Jesus Nikodemus den Vorwurf machen, dass er die christliche Taufe nicht kenne (Joh 3, 10), obwohl diese noch nicht offenbart war? Ist übrigens die Auffassung, dass materielle Dinge (Wasser) geistliches Leben vermitteln können, nicht absolut heidnisch?
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