Befreiung

In Römer 8 finden wir die allgemeine Bedeutung des Wohnens des Heiligen Geistes in dem Gläubigen aufs Deutlichste dargestellt. Dort wird uns gesagt, dass der Wandel eines Gläubigen entweder nach dem Fleisch oder nach dem Geist ist. ja, in Vers 9 wird gesagt: „Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn anders Gottes Geist in euch wohnt. Wenn aber jemand den Geist des Christus nicht hat, der ist nicht sein“. Wir finden hier also zweierlei:

  1. Nur der, in dem der Heilige Geist wohnt, ist nicht im Fleisch, sondern im Geist.
  2. Wenn jemand den Geist des Christus nicht hat, gehört er Christus nicht an, mit anderen Worten: er ist kein Christ.

Das sind Punkte von allergrößter Wichtigkeit.

Der erste Punkt zeigt uns, dass nicht wahr ist, was so oft gesagt wird, nämlich, dass ein Mensch entweder ein natürlicher Mensch sein muss oder aber jemand, der geistlich ist. Nach dem Neuen Testament gibt es eine dritte Klasse zwischen beiden. Wenn Gottes Gnade einen natürlichen Menschen, ein Kind Adams, zur Buße bringt, ihm ein neues Leben einpflanzt und er auf Grund der Erlösung zu Gott gebracht ist, dann ist er hierdurch noch nicht geistlich. Geistlich ist jemand, von dem der Apostel sagt: „Ihr seid nicht im Fleisch, sondern im Geist“. Der Apostel nennt die Korinther weder natürliche Menschen (1. Kor. 2, 14), noch auch geistliche (3, 1); sie waren fleischlich (3, 3). Und in Römer 7,14 bekennt der bekehrte Mensch, der unter dem Gesetz ist, dass er fleischlich ist.

Verschiedene Umstände können verhindern, dass ein Gläubiger ein Geistlicher ist. Bei den Korinthern war es fleischliche Weisheit. Aber der wichtigste – und häufigste – dieser Umstände ist der, den uns der Brief an die Römer kundtut: dass viele von neuem Geboren nie zu dem Bewusstsein gelangen, dass das Fleisch nur böse ist, und ebensowenig zu dem Glauben, dass es im Tod Christi völlig gerichtet ist.

Im ersten Teil dieses Briefes, bis Kapitel 5, 11, wird die Frage unserer Sünden, also unseres sündigen Tuns, behandelt. Das Resultat finden wir in Kapitel 5, 1–2: „Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus usw.“ Sehr viele Menschen bleiben hierbei stehen. Sie sind sozusagen nur „halb gerettet“. Sie erkennen etwas von dem Werk Christi, aber sie sehen nicht, dass sie in Christus sind. Nicht dass sie diesen Ausdruck nicht kennen. Aber wenn sie beispielsweise Römer 8,1 lesen: „Also ist jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christo Jesu sind“, sehen sie darin nicht mehr, als was Römer 4,25 sagt: „Welcher unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist“, nämlich, dass ihre Sünden weggetan sind und sie gerechtfertigt vor Gott stehen.

Das ist aber nicht die volle Bedeutung von Römer 8,1. Der Unterschied ist der, dass von Kapitel 5, 12 an durch den Heiligen Geist eine neue Frage behandelt wird, die Frage unserer alten Natur, unseres sündigen Fleisches. Nicht nur sind meine Sünden vergeben und stehe ich gerechtfertigt vor Gott, sondern meine alte Natur ist im Tod Christi gerichtet. Es ist nicht nur Rechtfertigung durch Blut, sondern Rechtfertigung des Lebens. Nicht nur glaube ich an Christus und weiß, dass ich durch sein kostbares Blut Vergebung habe. Nein, Gottes Wort gibt mir das Recht, zu wissen und zu sagen, dass ich in dem Tod Christi gestorben bin. Ich bin nicht auf sein Leben oder auf sein Werk getauft, sondern auf seinen Tod (Röm 6,3). Ich war ein Sünder, ich konnte nur sündigen, aber das wird durch die Vergebung nicht geändert. Ich muss aus diesem Zustand befreit werden, und die einzige wirkliche Befreiung aus einem sündigen Zustand ist der Tod. Diese Befreiung habe ich „in Christus'. „Denn das dem Gesetz Unmögliche [nämlich zu bewirken, dass Sünde und Tod nicht Gesetz in mir waren, also ununterbrochen in mir herrschten], weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem Er seinen eigenen Sohn in Gleichheit des Fleisches der Sünde und für die Sünde sendend, die Sünde im Fleisch verurteilte (Röm 8,3). Das ist die Lehre von Kapitel 5 ab Vers 11 und Kapitel 6.

Es ist für einen von neuem Geborenen außerordentlich schwer, diese Wahrheit anzunehmen. Zu glauben, dass Gott seine Sünden vergeben hat, geht noch, weil das etwas ist, das gänzlich außer ihm stattfindet. Aber zu glauben, seine alte Natur sei mit Christus gestorben, ist weit schwieriger, denn seine tägliche Erfahrung ist ganz anders. Jeden Augenblick bemerkt er sein sündiges Fleisch, und solange er diese Wahrheit nicht im Glauben ergriffen hat, spürt er das Gesetz der Sünde und des Todes in sich. Aber in den Dingen Gottes gibt es nichts Wichtigeres als Einfalt, und es ist kein Glaube so groß wie der, der sein Wort und seine Autorität kindlich annimmt, auch wenn er nur wenig davon versteht. Wenn Gott dir, der du von neuem geboren bist, sagt, du seiest tot, glaubst du das, oder glaubst du das nicht?

Wenn jemand es nicht glaubt, versucht er, sich selbst zu verbessern. Das neue Leben in ihm will nach Gottes Gedanken leben, aber er sieht in sich die Sünde, und zu welch einem furchtbaren Kampf kommt es dann! In Römer 7 sehen wir solch einen Menschen. Er ist von neuem geboren – bekehrt – und besitzt also Leben aus Gott. Wie sollte ein Unbekehrter sagen können: „Ich habe Wohlgefallen an dem Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen“ (Röm 7,22)? Von den Unbekehrten wird gesagt: „Da ist keiner, der Gott suche“ (Röm 3,11). Dieser von neuem Geboren in Römer 7 hatte das Gefühl, er müsse, nachdem er in Christus Vergebung gefunden habe, durch die innere Wirksamkeit des Geistes Gottes sich selbst befreien. Er griff dazu nach dem Gesetz und machte dies zu seiner Richtschnur. Aber er machte die Erfahrung: je mehr er strauchelte, um so weniger half ihm der Geist Gottes; Er machte ihn vielmehr unglücklich über sich selbst. Der Heilige Geist kam vom Himmel auf die Erde, nicht um das Gesetz, sondern um den Herrn zu verherrlichen.

Es geht hier nicht um das äußere Leben, sondern um tiefere Dinge. Der Mensch in Römer 7 mag nicht in offenbare Sünden gefallen sein, aber die Sünde wirkte in ihm. Kennen wir nicht alle den Kampf, der in Römer 7 beschrieben wird? Einige vielleicht aus der Zeit vor ihrer Bekehrung, als der Heilige Geist an ihren Herzen wirkte, aber die meisten aus der Zeit nach ihrer Bekehrung. Ich glaube nicht, dass es einen Gläubigen gibt, der diesen Kampf nicht mitgemacht hat. Denn obwohl die Befreiung von Römer 8 eine Befreiung ist, müssen wir sie doch auch durch Erfahrung kennenlernen. Durch die Erfahrung lernen wir, dass Gottes Wort die Wahrheit spricht, wenn es sagt, unsere alte Natur sei unverbesserlich. Durch die Erfahrung lernen wir ferner, dass es wahr ist, wenn Gottes Wort sagt, das Gesetz könne uns nicht helfen, „weil es durch das Fleisch kraftlos ist“. Durch die Erfahrung werden wir durchdrungen von der Wahrheit des Wortes Gottes, dass wir uns selbst nicht helfen können. Und je ernster wir unser Gott dienen nehmen, desto tiefer wird dieses Erfahrungserlebnis in unser Herz eingeschrieben, so dass wir zum Schluss in Verzweiflung ausrufen: „Ich elender Mensch, wer wird mich retten von diesem Leib des Todes?“ (Röm 7,24). Wir haben dann die Erfahrung gemacht, dass das Gesetz für jemanden, der eine sündige Natur hat, keine Richtschnur für das Leben, sondern eine Richtschnur des Todes ist. Anstatt eine befreiende Kraft zu sein, kann es nur verdammen. Und darum rufen wir nicht: „was“ wird mich retten, denn wir wissen, es gibt nichts, was uns helfen kann. Wir rufen: „wer“ wird mich retten, und dann sagt Gott uns durch sein Wort – und glücklich sind wir, wenn wir es angenommen haben – „Jesus Christus, unser Herr, hat dich erlöst“. Dann beginnt der Jubelgesang von Römer 8 in unseren Herzen: „Also ist jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christo Jesu sind, denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“. Welch ein Unterschied zu Römer 7!

Es ist Selbstbetrug und Mangel an Einsicht und Verständnis des Wortes Gottes, zu behaupten, der Mensch könne sich der Befreiung von Römer 8 erfreuen, während er in dem Kampf zwischen Gut und Böse in dem letzten Teil von Römer 7 steht. Kann man sich in Sklaverei und zu gleicher Zeit in Freiheit befinden? Kann jemand sagen: „Ich bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“ und „das Böse, das ich nicht will, tue ich“, und zu gleicher Zeit jubeln: „Das Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“? Sollte ein Zustand, in dem ein Gläubiger sagen muss, er sei der Gefangene des Gesetzes der Sünde in seinen Gliedern (Röm 7,23), der normale Zustand eines durch den Herrn Jesus Erlösten sein? Ich sage damit nicht, dass es nicht der gewöhnliche Zustand vieler ist, sondern ich frage, ob dies nach Gottes Gedanken ist.

In Römer 8 wird uns die normale Stellung des Gläubigen nach Gottes Gedanken vorgestellt. Er hat seine Sünden erkannt und glaubt, dass sie auf Grund des kostbaren Blutes unseres Heilandes vergeben sind. Er hat die Verdorbenheit des Fleisches gesehen und glaubt., dass das Fleisch in Christus auf dem Kreuz gerichtet ist. Und nachdem er geglaubt hat, ist er mit dem Heiligen Geist versiegelt worden (Eph 1,13). Er weiß, dass er in Christus gestorben und jetzt auch „in Christus“ ist und dass es deshalb keine Verdammnis für ihn gibt. Er weiß, dass die Macht der Sünde über ihn weggetan ist, denn seine alte Natur ist in Christus gerichtet. Er hat ein neues Leben, das nicht sündigen kann (1. Joh 3,9), und eine göttliche Person, der Heilige Geist, wohnt in ihm und ist in ihm die Kraft, die in dem neuen Leben wirkt und ihn fähig macht, in Übereinstimmung damit zu leben. Er ist im Geist, ein geistlicher Mensch, der nach dem Geist wandeln kann. Er ist aus der Familie des ersten Adam, die in dem Stand und im Zustand des gefallenen Menschen vor Gott steht, in die Familie Gottes übergegangen, von der der letzte Adam, Jesus Christus, das Haupt ist. Und nicht nur das. Er, der auf Erden durch den Heiligen Geist gesalbt war und durch den Geist wandelte, hat uns nun von seinem Geist gegeben (1. Joh 4,13). Der auferstandene Christus ist das Haupt der Familie Gottes, und die Stellung der Familie ist das Ergebnis des Todes und der Auferstehung Christi; wenn jemand den Geist Christi hat, der ist sein (Röm 8,9).

Aber das ist noch nicht alles. Wir kennen und genießen diese Befreiung wohl in unserer Seele, aber praktisch hat unser Leib noch kein Teil daran. Aber auch das kommt. „Wenn aber der Geist dessen, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird Er, der Christus aus den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen wegen seines in euch wohnenden Geistes“ (Röm 8,11). Das ist völlige Befreiung von Seele und Leib und die vollkommene Antwort auf den Notschrei: Ich elender Mensch, wer wird mich retten von diesem Leib des Todes?“ (Röm 7,24). Während wir noch auf Erden sind, bezeugt der Heilige Geist mit unserem Geist (dem neuen Leben in uns), dass wir Kinder Gottes sind. Er gibt den Gefühlen Ausdruck, die wir als neue Menschen haben, während wir in einer unter dem Fluch liegenden Schöpfung unseren Weg gehen. „Der Geist selbst verwendet sich für uns in unaussprechlichen Seufzern“ (Röm 8,26).

Das ist die Befreiung, die in Christus Jesus ist. Aber die Schrift sagt uns, dass wir sie durch den Heiligen Geist empfangen und nur durch Ihn genießen können. Nicht die kleinste Segnung empfangen wir ohne Ihn. Er wirkt in dem Herzen des Sünders, um ihn zur Buße zu bringen. Durch Ihn gibt der Sohn Gottes einem toten Sünder das Leben. Er wirkt in dem Herzen des Bekehrten und wohnt in dem, der glaubt, als eine Person neben der neuen Natur, um ihn mit dem vollen Wert der Segnungen Gottes bekannt zu machen und in ihm die Kraft zu sein, all dies zu verwirklichen. ja, der Heilige Geist gibt sogar seinen Namen zur Bezeichnung der Stellung, die wir als Befreite, als Christen, auf Grund des Todes und der Auferstehung des Christus einnehmen. Wir, die hieran teilhaben, sind „im Geist“, und der Geist Gottes wohnt in uns.

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