Botschafter des Heils in Christo 1876

Der gegenwärtige Dienst Jesu

Die uns in Johannes 13 mitgeteilte Handlung des Herrn, als er während des Abendessens aufstand und seinen Jüngern die Füße wusch, ist sehr köstlich und bezeichnend. Sie zeigt dem geöffneten Glaubensauge, was der Herr in seiner Liebe gegenwärtig für die Seinen tut. Was Petrus in jenem Augenblick nicht verstand, aber „nachher“ verstehen sollte, das verstehen wir jetzt durch die Macht und Belehrung des Heiligen Geistes; und je nachdem wir mit ganzem Herzen die in diesem Kapitel dargestellte Gnade Christi ergreifen, erfreuen wir uns unserer gegenwärtigen Stellung als solche, welche sein sind in dieser Welt.

Lasst uns daher mit Hilfe des Heiligen Geistes diese Handlung des Herrn verfolgen, wie sie Johannes in einfacher und rührender Weise vor unseren Augen entfaltet. Für Jesus war die Stunde gekommen, dass Er „aus dieser Welt zum Vater gehen sollte.“ Er sieht im Geist das Werk, welches Er nach dem Willen des Vaters auf der Erde tun sollte, schon vollbracht. Das Kreuz war hinter Ihm. Die Jünger hatten an der rührenden Gedächtnisfeier seiner Liebe Teil genommen – einer Liebe, die stärker ist als der Tod und welche viele Wasser nicht zu löschen vermögen. Der Verräter stand im Begriff, sein finsteres und schreckliches Werk zu vollenden, wodurch Zugleich jede Verbindung des Herrn mit dieser Welt abgebrochen wurde, während Er die Seinen als die Gegenstände seiner Liebe darin zurückließ. Diese, obgleich sie noch in der Welt waren, sollten die Gegenstände derselben Liebe bleiben, womit Jesus sie geliebt hatte, als Er selbst noch in der Welt war. „Er liebte sie bis ans Ende“, durch alle Zeiten hindurch und in allen Umständen. Obwohl Er sich persönlich notwendigerweise eine Zeitlang von ihnen trennen mühte, so sollte ihnen doch seine Liebe bleiben.

Das waren die Gefühle des Herzens Jesu bezüglich seiner Jünger, welche mit Ihm zu Tische lagen. Allein nicht nur liebte Er sie, sondern Er fühlte auch, dass alle ihre Segnungen von Ihm abhingen. Er wusste, dass der Vater Ihm alles in die Hände gegeben hatte. Das Werk ihrer Erlösung, welches der Vater Ihm zu tun gegeben, hatte Er in einer unendlich vollkommenen Weise vollbracht, so dass seine Liebe in dieser Hinsicht nichts mehr für sie zu tun hatte. Das Abendessen war davon der Ausdruck. Allein dieses war nicht alles, was in seine Hände gegeben war; ein anderer Teil blieb noch übrig. Wie Er „von Gott ausgegangen war und zu Gott hinging“, also wollte Er auch die Seinen zu Gott hinführen, damit sie mit Ihm in derselben Gemeinschaft und Herrlichkeit sein sollten, in welche Er einzutreten im Begriff stand. Das waren die tiefen und mächtigen Gedanken der Liebe und göttlichen Absichten, welche das Herz Jesu bezüglich der Seinen erfüllten. Aber wie sollte Er ihnen begreiflich machen, was seine Liebe noch ferner für sie tun wollte, wenn sie Ihn nicht mehr sehen und hören konnten? Wie konnte Er sie fühlen lassen, dass Er ihnen blieb, und dass auch fernerhin ihre Segnungen nur von Ihm abhingen in der Tätigkeit einer unveränderlichen Liebe? Er hatte ihnen eine bleibende Erinnerung an seine für sie sterbende Liebe hinterlassen; und beim Anblick des gebrochenen Brotes und ausgeflossenen Weines sollten seine Worte: „Das ist mein Leib, für euch gegeben“, und: „Das ist mein Blut, für euch vergossen“, sie stets an seine Liebe erinnern. Aber in welcher Weise sollte Er ihnen eine bleibende Darstellung von der Liebe geben, welche für sie lebte, um ihre Verbindung mit Ihm an jenem Platz zu verwirklichen, welchen Er jetzt für sie einnehmen wollte? „Er stand vom Abendessen auf und legte die Oberkleider ab und nahm ein leinenes Tuch und umgürtete sich. Darauf gießt Er Wasser in das Waschbecken und sing an, die Füße der Jünger zu waschen und abzutrocknen mit dem leinenen Tuch, womit Er umgürtet war“ (V 4–5).

Welch ein Anblick musste dieses für die staunenden Jünger sein, als der Herr, dessen Macht sie so oft bezeugt, dessen Herrlichkeit sie auf dem Berg der Verklärung gesehen, und den sie als den Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, erkannt hatten, sich zu dem niedrigsten Dienst, zum Waschen ihrer Füße, herabließ! Wohl mochte Petrus, als der Heiland niederkniete, um seine Füße zu waschen, mit ablehnendem Eifer ausrufen: „Herr, du wäschst meine Füße?“ Obgleich er den Herrn liebte, so begriff er doch wenig das Geheimnis dieser Liebe, die von der Höhe der göttlichen und himmlischen Herrlichkeit herabgekommen war, um ihm zu dienen. Er verstand noch wenig, wie nötig dieses alles für ihn war, was jene Liebe für ihn getan hatte und noch tun wollte, und wie tief sich der Herr herablassen und wie fortdauernd diese Liebe sein musste. Der Herr sagte zu ihm: „Was ich tue, weißt du jetzt nicht; du wirst es aber hernach verstehen.“ Doch dieses alles genügte dem feurigen Jünger nicht: und in seiner Unwissenheit nur eine Herabwürdigung seines Herrn in dessen Handlung sehend, welche er für seine Person nicht dulden konnte, ruft er aus: „Du sollst nimmermehr meine Füße waschen.“ Weder fühlte, noch kannte er die Notwendigkeit dieser Erniedrigung und suchte den Herrn daran zu verhindern, wie einst in Bezug auf das Kreuz, wo er sich den Tadel des Herrn zuzog: „Gehe hinter mich, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du sinnst nicht auf das, was Gottes, sondern auf das, was der Menschen ist.“ Dort war Petrus das Werkzeug Satans, indem er sich zwischen den Herrn und jenes Werk stellen wollte, wodurch Gott verherrlicht und der Sünder gerettet wurde. Das war mehr als Unwissenheit, und daher die Schärfe jenes Tadels. Hier wollte er sich in einem unverständigen Eifer für die Ehre des Herrn zwischen diesen und seine eigene Segnung stellen, weshalb der Herr bloß zu ihm sagt: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil mit mir“, – d. h. er konnte nicht in Gemeinschaft mit Christus die himmlischen Segnungen genießen, in welche dieser jetzt einzutreten im Begriff war.

Nur durch die Ausübung der Liebe Jesu in einem Dienst, der uns in der Fußwaschung dargestellt wird, können die seinigen während ihres Wandels in der Welt den Genuss der Gemeinschaft mit Ihm im Himmel haben. Deshalb zeigte sich Jesus seinen Jüngern in jener köstlichen, mit dem Abendessen verbundenen Szene als der umgürtete Diener, der jetzt in der Herrlichkeit stets bereit ist, ihnen zu dienen und ihre Füße zu waschen. Das Brechen des Brotes sollte sie an den erinnern, der auf dem Kreuz ihre Sünden trug. Indem sie von diesem Brot essen und von diesem Kelch trinken, nähren sie sich von dem gestorbenen Christus und erfreuen sich jener Liebe, welche alles für sie getan, welche sie gerettet und zu Gott geführt hat, ohne dass auch nur eine einzige Sünde ihren Eintritt in seine heilige Gegenwart verhindern konnte, während das leinene Tuch und das mit Wasser gefüllte Waschbecken ihr Glaubensauge auf Ihn richten sollte, der gegenwärtig in Liebe mit ihnen beschäftigt ist, und zwar mit einer Liebe, die, obgleich ausgeübt in Herrlichkeit und außer dem Bereich ihres natürlichen Auges, sie auf ihrem ganzen Wege durch diese Wüste begleitet. Ja, durch die Ausübung des unaufhörlichen Dienstes Jesu für die Seinen, indem Er ihnen die Füße wäscht, sind diese zum Genuss seiner Gegenwart und seiner eigenen Freude fähig gemacht. Das ist für ein Herz, welches Ihn kennt und liebt, das köstlichste Teil. Deshalb sagte auch Petrus, der die Kraft der Worte des Herrn: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil mit mir“, zu fassen begann, mit einem brennenden Verlangen nach dem vollen Besitz der in jenen Worten angedeuteten Segnungen: „Herr, nicht meine Füße allein, sondern beides, die Hände und das Haupt.“ Er wünschte nicht nur die Reinheit seiner Füße, sondern auch, dass seine ganze Person für die Gemeinschaft mit seinem Heiland passend sei. Er hatte das Bewusstsein, dass nicht allein seine Füße, sondern auch seine Natur und sein ganzes Wesen der Reinigung bedurften. Jedoch war er mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt und in Unwissenheit über das Werk der Gnade, welches der Herr bereits in ihm gewirkt hatte. Sein Zustand war ein solcher, in welchem sich jetzt Taufende von Christen befinden, welche nämlich praktische Heiligung mit vollendeter Heiligung, die Reinigung der Person mit der Reinigung der Wege, die Stellung mit dem Zustand verwechseln. Der Herr zeigt bei jener Gelegenheit diesen Unterschied sehr klar. „Wer gebadet ist, hat nicht nötig, denn sich die Füße zu waschen, sondern ist ganz rein; und ihr seid rein.“ – Wenn jemand im Morgenland, wo nur Sandalen getragen wurden, des Morgens seinen – Leib ganz gewaschen oder „gebadet“ 1 hatte, so bedurfte er, bevor er in einem Haus an den ihm vorgesetzten Erfrischungen teilnahm, nur der Reinigung seiner während des Tages durch den Wandel beschmutzten Füße. Der Hauswirt besorgte für seine Gäste das Wasser zum Waschen ihrer Füße, aber nicht zum Baden des ganzen Leibes, denn dieses würde die Unreinheit der Person vorausgesetzt haben. Und wir sehen, wie der Herr in dem an den Pharisäer Simon gerichteten Tadel für die Ihm in dieser Beziehung widerfahrene Vernachlässigung auf diesen Gebrauch anspielt, indem Er sagt: „Du hast mir nicht Wasser auf meine Füße gegeben.“

Die geistliche Bedeutung dieser durch das Verlangen des Petrus veranlassten Erklärung des Herrn ist also sehr klar. Die Jünger waren bezüglich ihrer Person rein – sie waren wiedergeboren. Sie waren durch das Waschen der Wiedergeburt „ganz rein“ und schon im Besitz eines neuen Lebens und einer neuen Stellung vor Gott, welche durch nichts vollkommener gemacht werden konnte. Wiedergeboren „aus Wasser und Geist“, besaßen sie eine „göttliche Natur“, kraft welcher sie bezüglich ihrer Person ein für alle Mal passend gemacht waren für die Gegenwart Gottes und folglich zu jeder Zeit ein Anrecht auf die Gemeinschaft mit Gott im Heiligtum hatten. Aber bezüglich des Genusses dieser Gemeinschaft und ihres Wandels mit Jesu im Heiligtum mussten ihre Füße von der Verunreinigung, welche sie sich in ihrem Wandel durch eine böse Welt zuzogen, gewaschen werden. Und dieses geschah mittels der Anwendung des Wortes durch den Geist nicht auf ihre Person, sondern auf ihr Herz und Gewissen, so dass sie sich in Folge dessen selbst richteten und von allem trennten, was in ihren Gedanken und in ihrem Wandel mit der Natur und dem Charakter Gottes unvereinbar war. Dieses allein befähigte sie, mit Jesu Teil an den himmlischen Segnungen zu haben, welche Er als Mensch für sie in Besitz genommen hatte.

Wir müssen hier bemerken, dass weder die Person noch die Füße mit Blut gewaschen sind. In beiden Fällen ist es die „Waschung mit Wasser durch das Wort“. In Betreff der Stellung ist es eine ein für alle Mal vollendete Handlung, die sich nicht wiederholt; aber hinsichtlich des Zustandes bedarf es einer jedesmaligen Wiederholung, so oft man sich irgendwie eine Verunreinigung im Wandel zugezogen hat, weil es sich um die praktische Gemeinschaft oder den Genuss handelt. Dieses wird uns in 2. Mose 29 klargemacht durch die vorbildliche Weihung der Priester in Verbindung mit dem Waschbecken, wovon wir hier das gepriesene Gegenbild sehen. Wir lesen dort in Vers 4: „Und Aaron und seine Söhne sollst du herzu nahen lassen an den Eingang des Zeltes der Zusammenkunft und sie mit Wasser waschen.“ Dann wurden ihnen die priesterlichen Kleider angezogen und nachher Blut auf ihr rechtes Ohrläppchen, auf ihren rechten Daumen und ihre rechte Zehe getan; und nachdem sie mit dem heiligen Salböl besprengt waren und man die erforderlichen Opfer dargebracht hatte, waren sie ein für alle Mal für den „priesterlichen Dienst“ geheiligt. Ihre priesterliche Stellung war vollendet und somit ihr Anrecht zum Eintritt in das Heiligtum auf immer gültig. Aber ihre praktische Fähigkeit zu diesem Eintritt und zum Dienst am Altar vor dem Herrn erforderte noch etwas anderes, nämlich den täglichen Gebrauch des Waschbeckens. Dieses lesen wir in 3. Mose 30,17–21: „Und Aaron und seine Söhne sollen daraus waschen ihre Hände und ihre Füße. Wenn sie eingehen in das Zelt der Zusammenkunft, sollen sie sich mit Wasser waschen, dass sie nicht sterben, oder wenn sie dem Altar nahen zum Dienst, ein Feueropfer zu räuchern dem Jehova. Und sie sollen ihre Hände und ihre Füße waschen, dass sie nicht sterben.“ Die Annahme ihres priesterlichen Dienstes war verbunden mit der Waschung ihrer Personen in dem Wasser des Waschbeckens zurzeit ihrer Weihung, während die Fähigkeit zur praktischen Ausübung dieses Dienstes, und zwar so oft sie dienten, mit der Waschung ihrer Hände und Füße aus demselben Waschbecken verknüpft war.

Letzteres nun stellt uns der Herr in der Handlung der Fußwaschung vor Augen. Sein gegenwärtiger Dienst in der Herrlichkeit trennt in der Welt die Seinen, durch die Wirksamkeit des Wortes auf ihr Gewissen, von jeder Verunreinigung, welche sie sich, wiewohl sie schon Geheiligte sind, durch ihren Wandel zugezogen haben, so dass sie als Priester mit Ihm an dem Dienst und der Anbetung Gottes innerhalb des Vorhangs Teil haben können.

Alle Gläubige sind vollendete Priester vor Gott, wie wenig sie auch davon verstehen und genießen mögen. Ihre Leiber sind gewaschen mit reinem Wasser, besprengt mit dem Blut Christi und gesalbt mit dem Heiligen Geist. Ihre Weihung ist eine vollendete Tatsache, und sie sind unwiderruflich ein „heiliges Priestertum“ – die wahren Söhne Aarons. Um jedoch mit dem wahren Aaron, mit Christus, in dem himmlischen Heiligtum Teil zu haben, müssen ihre Füße beständig mit dem Wasser des Waschbeckens gewaschen werden. Die Gläubigen waschen sich nicht selbst, sondern Christus wäscht ihre Füße, und zwar nach seiner Kenntnis dessen, was der Gegenwart Gottes angemessen ist. Die Triebfedern dieser Handlung in Liebe und Einsicht befinden sich ganz und gar in Ihm selbst. Unsere Errettung, sowie unsere Weihung zum Priestertum ist einfach ein souveräner Akt der Liebe Christi. Seine Hände haben alles bewirkt; sein Name sei dafür gepriesen! Ebenso hängt auch unsere Gemeinschaft von Christus und nicht von uns selbst ab und ist ebenfalls ein souveräner Akt seiner Liebe, welche unsere Füße wäscht und unsere Gemeinschaft wiederherstellt. „Was ich tue, weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach verstehen.“ Wenn unsere Gemeinschaft und unsere Kraft zum Dienst, die wir durch unsere Nachlässigkeit verloren hatten, wiederhergestellt worden sind, so wissen wir, wer es getan hat; und alles, was wir tun können, ist, dass wir Ihn dafür preisen. Obwohl wir stets „ganz rein“ vor Gott sind, so fühlen wir uns doch außer seiner Gemeinschaft unglücklich und haben dann das Bedürfnis nach Wiederherstellung – nach Reinigung unserer Füße. Und wenn wir auf Jesus blicken, sehen wir in Ihm gerade den, der, diesem Bedürfnis entsprechend, umgürtet ist, um unsere Füße zu waschen, und unsere Herzen sind in der Verwirklichung der in dieser Handlung sich offenbarenden Liebe wieder glücklich und zu dem Bewusstsein der Gemeinschaft mit Ihm wiederhergestellt; – wir haben „Teil“ mit Ihm.

Möge unser treuer und hochgelobter Heiland, dessen Dienst bezüglich unserer Herzen und Wege ohne Aufhören nötig ist, unsere Herzen in dem demütigen Verständnis seiner Gnade und Liebe bewahren! Denn je mehr wir diese Gnade verstehen, desto mehr werden wir zu jener Gnade geleitet, durch welche wir in Liebe anderen dienen. Dieses führt uns zu einem sich unmittelbar anschließenden zweiten Gegenstand unserer Betrachtung, ausgedrückt in den Worten des Herrn: „Wenn nun ich, der Herr und der Lehrer, eure Füße gewaschen habe, so seid auch ihr schuldig, einander die Füße zu waschen.“ Es ist unmöglich, im Genuss der göttlichen Segnungen selbstsüchtig zu bleiben: die Glückseligkeit ist wesentlich mitteilend. Der Sohn der Liebe des Vaters konnte nicht allein in den Segnungen jener Liebe bleiben. Es war für sein Herz, so zu sagen, ein Bedürfnis, den Vater zu offenbaren, wie Er Ihn kannte. Er sagte zu dem Vater im Blick auf die, welche dieser Ihm aus der Welt gegeben hatte: „Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde kundtun, auf dass die Liebe, womit du mich geliebt hast, sei in ihnen.“ Und dieses ist noch die Sprache seines Herzens – die geheime Quelle all jenes gesegneten Dienstes der Liebe, den Er von den Höhen des Himmels gegen die Seinen in dieser Welt ausübt. Es ist dieselbe Sprache und derselbe Dienst, wenn jener Jünger, „welchen Jesus liebte, sagt: Was wir gesehen und gehört haben, verkündigen wir euch, auf dass auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dieses schreiben wir euch, auf dass eure Freude völlig sei.“ – Beider Herzen, sowohl das des Lehrers, wie des Jüngers, werden durch denselben Beweggrund geleitet, nämlich, dass andere „Teil mit mir“ haben. Die Liebe findet in dem verborgenen Genuss der eigenen Segnungen ihre Wonne im Dienen. Die Vollkommenheit eines solchen Dienstes sehen wir in Ihm, der mit Recht „Herr und Lehrer“ genannt wird. Und Er sagt: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, auf dass, gleich wie ich euch getan habe, auch ihr tut“, indem Er hinzufügt: „Wenn ihr dieses wisst, glückselig seid ihr, wenn ihr es tut.“ Welche Glückseligkeit könnte mit dieser verglichen werden, die aus der Gemeinschaft mit Jesu in diesem heiligen Dienst entspringt, zu welchem Er auch uns beruft?

Es gibt in diesem uns zur Nachahmung dargestellten Dienste zwei Elemente zu beachten. Die Liebe, welche frei von Selbstsucht, alles, was wir an Segnungen Gottes besitzen, mit anderen zu teilen sucht: und die Demut des Herzens, welche sich den Gegenständen unserer Liebe unterordnen kann, um das Mittel ihrer Segnung zu werden. Nur insofern, als wir die Gnade Jesu, welcher uns die Füße wäscht, verwirklichen, sind wir zu diesem Dienst fähig. Die Liebe und Niedriggesinntheit, ohne welche ein solcher Dienst unmöglich ist, kann uns nur aus seinem Herzen durch unsere Gemeinschaft mit Ihm zustießen. Je mehr wir uns dessen erfreuen, was Gott ist in Licht und Liebe, (was wir nur vermögen, wenn unsere Füße durch Christus in obenerwähnter Weise gewaschen sind) desto mehr sind wir moralisch befähigt, in anderen das zu entdecken, was mit diesem Gott unvereinbar ist und ihre Gemeinschaft mit Ihm stört. Wir sehen dann in göttlicher Weise, was die Kraft der Anbetung und des Dienstes in ihnen schwächt, und sowohl die Liebe zu ihnen, als auch die Betrachtung der Herrlichkeit in ihnen, treibt uns an, ihnen die Füße zu waschen. Aber auch Zugleich werden wir dadurch in dem Bewusstsein unseres Nichts zu Christus getrieben, um von Ihm die zu diesem Dienst nötige Kraft und Weisheit zu erlangen.

Nur der eine Gedanke an die Wiederherstellung ihrer Gemeinschaft mit Gott darf uns leiten, wenn wir ihnen mit Zittern und Sanftmut des Herzens nachgehen in der Liebe und Kraft Christi. Die Schönheit der Gesinnung, in welcher die Fußwaschung ausgeübt werden sollte, zeigt uns der Apostel sehr treffend in den Worten: „Brüder, wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt würde, so bringt ihr, die Geistlichen, einen solchen wieder zurecht im Geist der Sanftmut, und siehe auf dich selbst, dass du nicht auch versucht wirst.“ – Dieses ist weit entfernt von dem Geist, der nur Fehler in anderen sucht, um sie zu richten, wozu wir so geneigt sind, wenn wir nicht wachsam über uns selbst in der Gegenwart anderer sind, bei denen wir unausbleiblich Mängel und Gebrechen finden werden. Wir haben nicht die Fehler in anderen zu beschauen, sondern sie wegzunehmen durch die Anwendung des Wortes Gottes in einer Weise, welche ihnen den Eindruck gibt, dass nichts als Liebe und Demut in unseren Herzen ist, während wir uns mit ihnen beschäftigen. Es ist nicht genug, dass ich das Böse in einem anderen kenne und das leinene Tuch und Wasser in Bereitschaft habe, um seine Füße zu waschen, sondern ich muss vor allem sein Vertrauen zu gewinnen und sein Herz in meiner Gegenwart in Ruhe zu bringen suchen durch das Gefühl, dass die Liebe und nur die Liebe mich zu Ihm geführt hat. Er muss es mir abfühlen, dass ich bereit bin, mich zu seinen Füßen zu beugen und sie zu waschen, insofern er sich mir nur überlassen will.

Wir müssen es als ein gesegnetes Vorrecht betrachten, dass der Herr uns berufen hat, einander die Füße zu waschen. Es ist ein Dienst, den wir allen Heiligen schulden; und wir sollten darüber wachen, ihn an allen auszuüben, welche Christus angehören. Wir bedürfen dazu nicht der besonderen Gabe eines Lehrers oder Hirten, sondern es ist einfach ein Dienst der Liebe, den ein Gläubiger dem anderen nach der Ermahnung des Herrn schuldet im tagtäglichen Leben, welches wir als Christen zurücklegen. Und insofern wir glücklich sind im Herrn und mit Ihm wandeln, wird es bei uns an der Ausübung dieses Dienstes gegen andere nicht fehlen. Wir glauben, dass es ein großes Bedürfnis unter den Heiligen gibt, welches durch die glänzendsten Gaben nicht ersetzt werden kann: und dieses ist der Dienst, der im Haus, in der Einsamkeit des täglichen Lebens ausgeübt wird. Hier ist der Platz der wahren Fußwaschung; und je mehr wir Christus als den kennen, der in unserem vertraulichen Verkehr mit Ihm die Füße wäscht, desto mehr werden wir in einem vertraulichen Umgang mit anderen Gläubigen ihnen die Füße zu waschen suchen.

Möge der Herr uns helfen, uns einander in Liebe zu dienen! Wir werden dann erfahren, dass es nicht ein einseitiger, sondern ein gegenseitiger Dienst ist.

Fußnoten

  • 1 Dieses Wort unterscheidet sich im Urtext von demjenigen, welches auf die Fußwaschung angewandt ist.
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