Einführende Vorträge zur Offenbarung

Kapitel 12

Wir beginnen jetzt mit dem, was wir den zweiten Band der „Offenbarung“ nennen können. Der prophetische Teil des Buches wird an dieser Stelle in zwei Abschnitte unterteilt. Das ist ein weiterer Markstein, der nicht vernachlässigt werden darf, wenn wir uns mit der Struktur der „Offenbarung“ und der Tragweite ihres Inhalts bekannt machen wollen. Außerdem ist es auf jeden Fall eine unbedingt nötige Voraussetzung, dass wir ein allgemein richtiges Verständnis ihrer Darstellung haben. Auf der anderen Seite setzen wir uns dem unmittelbaren Risiko aus, alles zu verwirren, wenn wir versuchen, die beiden Teile zusammenzufassen oder etwas wie einen zusammenhängenden Blick auf die Gegenstände zu werfen, die sie enthalten. Die Bedeutung wird uns klarer werden, wenn ich wiederhole, dass die siebte Posaune, als die abschließende Szene schon vor uns stand, in einer allgemeinen Weise bis zum Ende geführt hat.

Das ist durchgehend die Gepflogenheit der Prophetie. Nimm zum Beispiel die Weissagung unseres Herrn in Matthäus 24, wo uns bis Vers 14 zu allererst ein umfassender Überblick gegegen wird! Das „Evangelium des Reiches“ wird in der ganzen Welt als ein Zeugnis an alle Nationen gepredigt. Danach kommt das Ende. Nachdem Er uns so in einer weitgefassten Weise bis zum Abschluss geführt hat, wendet sich der Herr zurück und beschreibt einen besonderen Teil dieser Geschichte in einem begrenzten Gebiet, nämlich von jener Zeit an, in welcher der Gräuel der Verwüstung an heiligem Ort aufgestellt wurde. Das geschieht eindeutig einige Zeit vor dem Ende. Der Herr geht nicht ganz zum Anfang zurück, sondern nur eine gewisse Zeit, um einen näheren und genaueren Blick auf den abscheulichen Zustand zu werfen, der vor dem Eintreten des Endes in Jerusalem gefunden wird.

So ist es auch in der „Offenbarung“. Die Siegel und die Posaunen, welche einander folgen, leiten uns von der Zeit, in der die Kirche verherrlicht im Himmel gesehen wird, bis zum Abschluss des Gerichts – „die Zeit der Toten, um gerichtet zu werden“ (Off 11,18) und der Tag des Zorns über die Erde. Das ist offensichtlich das Ende. Somit kehren wir also in dem Abschnitt, der mit dem letzten Vers von Kapitel 11 beginnt, für eine besondere Weissagung in der Zeit zurück. Dem Propheten war gesagt worden, dass er erneut über viele Völker und Könige zu prophezeien habe (Off 10,11); und ich vermute, dass wir hier dieses „wieder weissagen“ finden.

Kapitel 11, Vers 19

So wird jetzt der Tempel Gottes offen gesehen. Nicht eine Tür in den Himmel wird geöffnet, um uns einen allgemeinen Blick von dem zu geben, was nach den Gedanken Gottes auf der Erde geschehen soll! (vgl. Off 4,1). Das hatte Johannes schon gesehen. Der allgemeine Ausblick ist jetzt zu Ende. Wir betreten nun eine eingeschränktere Abfolge von Ereignissen. Der Tempel Gottes im Himmel wird geöffnet; und dort wird in seinem Tempel „die Lade seines Bundes“ gesehen. Das bedeutet demnach die Wiederaufnahme der alten Beziehungen zu Gottes altem Volk Israel. Gleichwohl handelt es sich noch nicht um den Tag des Segens für die Juden. Auch wird nicht der Himmel selbst geöffnet, damit Jesus in Begleitung seiner auferstandenen Heiligen zum Gericht über das Tier und den falschen Propheten mit ihrem Anhang in Erscheinung tritt. Es ist ein Übergangszustand. Wenn Gott sich herablässt, auf die Lade seines Bundes zu blicken und uns daran teilhaben lässt, so möchte Er seine Treue zum Volk bestätigen. Er hatte in alten Zeiten Verheißungen gegeben und wird alles, was Er den Vätern Israels zugesagt hat, in Kürze erfüllen. Die Bundeslade ist das Zeichen der unfehlbaren Gewissheit des Eintreffens dessen, zu dem Er sich verpflichtet hatte.

„Und es geschahen Blitze und Stimmen und Donner“ und zudem nicht nur „ein Erdbeben“, sondern auch „ein großer Hagel“ (V. 19). In der ersten Szene im vierten Kapitel, als die Tür in den Himmel offen gesehen wurde, gab es „Blitze und Stimmen und Donner.“ Aber es gab nicht einmal ein Erdbeben. Diese Hinzufügung finden wir in Kapitel 8. Doch hier lesen wir auch noch von Hagel. Offensichtlich erfahren wir jetzt mehr Einzelheiten über die Art des Gerichts des Himmels über die Erde.

Kapitel 12

Danach wurde in der Höhe das erste Zeichen gesehen. „Ein großes Zeichen erschien in dem Himmel“ (V. 1). Wir dürfen keinesfalls annehmen, dass nach der Erfüllung dieser Prophetie im Himmel oder irgendwo sonst irgendeine Frau als Endergebnis gesehen wird. Das ist eine ergiebige Quelle des Irrtums bezüglich der Erklärung dieser Visionen. Der Anblick der Frau im Himmel zeigt, dass es nicht einfach eine Geschichtsdarstellung dessen ist, was auf der Erde geschieht, sondern dass auch alles mit den Augen Gottes gesehen wird. Folglich erblicken wir die Frau im Himmel. Tatsächlich steht sie stellvertretend für Israel auf der Erde. Die Frau ist ein Sinnbild des auserwählten Volkes als Ganzes im Blick auf einen zukünftigen Zustand, welchen Gott hienieden aufrichten will. Sie war „bekleidet mit der Sonne.“ Höchste Autorität wird jetzt in Verbindung mit Israel gesehen, anstatt eines Zustands der Verwüstung, indem es von den Nationen zertreten wird! (vgl. Lk 21,24). „Und der Mond war unter ihren Füßen.“  Das ist, wie ich annehme, eine Anspielung auf Israels alten Zustand mit seinen gesetzlichen Anordnungen. Diese sind ihr nun unterworfen, anstatt sie zu beherrschen. Sie befinden sich unter ihren Füßen. Wie passend der Mond mit seinem reflektierten Licht das mosaische System vorstellt, ist wohl jedem nachdenklichen Geist einsichtig. Im 1000-jährigen Reich (Millenium) wird es keinesfalls ganz unberücksichtigt bleiben, wie es heutzutage im Christentum der Fall ist, sondern wieder Bedeutung erlangen. Nur wird es offensichtlich eine nachrangige Stellung einnehmen, wie wir in der Weissagung Hesekiels erkennen können. „Und auf ihrem Haupt war eine Krone von zwölf Sternen.“ Jetzt finden wir einen Hinweis auf menschliche Autorität in Gestalt von Herrschaft auf der Erde.

Kurz gesagt: Sei es höchste, abgeleitete oder untergeordnete Autorität – alles ist, wie gesehen wird, mit der Frau verbunden. Israel ist demnach das offensichtliche Gefäß der mächtigen Absichten Gottes für die Erde. Gott blickt in dieser Weise auf das Volk und zeigt es uns in dieser Gestalt. Somit geschieht ein Wechsel für Israel, wie niemand ihn sich in dieser Vollständigkeit vorstellen konnte. Das ist indessen nicht alles. „Und sie ist schwanger und schreit in Geburtswehen und in Schmerzen zu gebären“ (V. 2). Hier geht es noch nicht um den Tag der freudevollen und triumphierenden Erfüllung der göttlichen Absichten. Vor den Wehen und Schmerzen muss Zion ein männliches Kind gebären.1 Das spricht noch von Schwachheit und Leiden. Doch alles ist für Israel gesichert und ein gutes Ende ist ihm fest zugesagt.

Darauf erscheint ein anderes Zeichen, nämlich „ein großer, feuerroter Drache, der sieben Köpfe und zehn Hörner hatte und auf seinen Köpfen sieben Diademe“ (V. 3). Das ist Satan. Er ist versehen mit der äußeren Gestalt des entschiedensten und erfolgreichsten Feindes, den Israel jemals hatte. Denn so schlecht auch die Tyrannei Nebukadnezars war, so ist doch offensichtlich, dass die römische Macht Jerusalem mit einer weit heftigeren und langandauernden Tyrannei niedertrat. Diese Einzelheiten machen folglich die Enthüllung dieses Doppelzeichens um so eindrucksvoller. Das heißt nicht, dass Israel jetzt befreit wird. Es wird statt dessen vom Prophet so gesehen, wie es vor den Augen Gottes steht. Das ist sein Platz – eine gewaltige Ermutigung, wenn wir erwägen, wo es noch hindurchgehen muss, bevor alles verwirklicht wird. Bevor diese Ratschlüsse ausgeführt werden, wird der Feind in seinem Charakter als eine rebellische, abtrünnige Macht gezeigt. Der Drache hat sieben Köpfe; das spricht von Vollständigkeit in Hinsicht auf herrscherliche Autorität. Die zehn Hörner bedeuten genau genommen nicht Vollständigkeit. Sie weisen auf jeden Fall auf einen großen Bereich der Machtausübung hin, der dieser Vollständigkeit nahe kommt und in den Werkzeugen der Gewalt im Westen entfaltet wird; denn der Mensch ist in dieser Beziehung niemals vollständig.

Was Gott der Frau gab, sahen wir: Zwölf Sterne. Der Drache hat nur zehn Hörner. Vorher erfüllte sich eine volle Abfolge aller verschiedener Regierungsformen. Darauf beziehen sich, wie ich annehme, die sieben Köpfe. Aber Gott wollte Satan nicht jene Vollständigkeit der Verwaltungsmacht geben, selbst nicht in der Form, wie sie zur Frau gehört. Alles wird erst an seinem rechten Platz sein, wenn der Herr Jesus im kommenden Zeitalter die Regierung über die Erde in seine Hände nimmt. „Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten“ (Mt 19,28). Die zwölf Apostel des Lammes sind für diesen besonderen Platz des geehrten Vertrauens bestimmt.

„Sein Schwanz zieht den dritten Teil der Sterne des Himmels mit sich fort“ (V. 4). Hier finden wir, was darauf hinzuweisen scheint, dass der dritte Teil eine ausdrückliche Verbindung zum Römischen Reich aufweist. Wir lasen vom dritten Teil zum ersten Mal im Zusammenhang mit den Posaunen, und zwar sowohl bei den vier ersten als auch bei der sechsten. Ich habe keinen Zweifel, dass insbesondere das Römische Reich im Blickfeld steht. Unter dem „Römischen Reich“ haben wir das zu verstehen, was regelrecht römisch war – der westliche Teil und nicht das, was die Römer tatsächlich besaßen. Sie eroberten nämlich einen großen Teil jener Länder, die zum Beispiel zu Griechenland, Babylon und Medo-Persien gehörten. Das war der ferne Osten. Doch der eigentlich römische Teil war das westliche Europa. Dort wurde die Macht des Drachen vor allem gefühlt. Er „zieht den dritten Teil der Sterne des Himmels mit sich fort; und er warf sie auf die Erde. Und der Drache stand vor der Frau, die im Begriff war zu gebären, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind verschlänge. Und sie gebar einen Sohn, ein männliches Kind, der alle Nationen weiden soll mit eiserner Rute; und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und zu seinem Thron“ (V. 4.5).

Es gibt einiges hier, das Erklärung fordert. Zunächst einmal: Es herrscht die Ansicht, dass mit der Frau die Kirche gemeint sei. Es mag auch Christen unter uns geben, die so belehrt worden sind. Wenige Worte genügen, wie ich denke, diese Illusion zu vertreiben. Die Kirche wird in der Heiligen Schrift niemals als Mutter vorgestellt. Noch weniger kann sie die Mutter Christi sein. Als Frau gesehen ist die Kirche die Braut Christi, nicht seine Mutter. Andererseits kann der jüdische Volkskörper im Sinnbild wirklich als seine Mutter betrachtet werden. Christus kam als Mensch dem Fleisch nach aus den Juden. Folglich ist ausreichend klar, dass das beschriebene männliche Kind Er selbst ist. Dieselbe Wahrheit finden wir offensichtlich auch sonst in der Bibel – sei es in den Psalmen, sei es in den Propheten. „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben“, steht in Jesaja 9,5. Im zweiten Psalm finden wir, dass diese Person nicht nur ein Kind Israels ist, sondern auch von Gott als sein Sohn anerkannt und geehrt wird als Derjenige, der die Nationen mit eiserner Rute weiden soll. Es kann demnach kein Zweifel bestehen, dass der Herr Jesus hier als das männliche Kind herausgestellt wird.

Diese Wahrheit liefert also einen unbestreitbaren und wichtigen Schlüssel zur Bedeutung der Szene, die wir jetzt betreten. Die Frau steht für Israel in den Gedanken Gottes – Israel in seinem Charakter als Körperschaft.

Noch eine weitere Bemerkung erscheint mir angemessen: Obwohl, wie ich nicht bezweifle, das aus Israel geborene männliche Kind von Christus spricht, scheint es auf dem ersten Blick nicht wenige Schwierigkeiten für manche Menschen zu geben, wie man die Geburt Christi in diesem Kapitel unterbringen kann. Tatsächlich handelt es sich um eine berechtigte Frage, auf die eingegangen werden sollte. Wir müssen nämlich beachten, dass der Geist Gottes den Lauf der Prophetie hier nicht fortsetzt. Ich habe schon erklärt, dass Er sich wieder zurückwendet. Folglich ist soweit alles vollkommen offen in Hinsicht auf den Zeitpunkt, zu dem der Heilige Geist zurückkehrt. Noch etwas anderes sollte berücksichtigt werden: In diesem Abschnitt unseres Buches gibt es keine Zeitangabe, um danach festlegen zu können, wann die Geburt des männlichen Kindes stattfand. Aber dann mag man fragen: Warum sollte die Geburt des Kindes hier eingeführt werden, wenn wir daran denken, dass es eine offenkundige Tatsache ist, dass der Herr lange vorher geboren, gestorben und in den Himmel eingegangen ist? Es gab nichts Neues zu berichten. Alles dieses war schon lange gut bekannt durch das Evangelium sowie auch die mündlichen Belehrungen an die Christen. Warum sollte es so seltsam in diesem Teil der Weissagung herausgestellt werden? Der Grund liegt, wie ich glaube, darin, dass Gott in dieser sehr auffallenden Weise die alten Ereignisse in einer geheimnisvollen (mystischen) Form und nicht als offene Tatsachen darstellen wollte. Es ging Ihm um die Verbindung derselben mit Jesu Überführung in den Himmel und zu seinem eigenen Thron. Es gibt noch ein weiteres Verbindungsglied. Dieses besteht in der Wiederaufnahme der Beschäftigung Gottes mit den Juden und der letztendlichen Wiederherstellung der Nation. Alles wird hier zusammen eingeführt.

So ist klar, dass Gott keinesfalls diese Dinge mit Bezug auf die Zeit, sondern in Verbindung mit Christus als ihrem Mittelpunkt herausstellt. Johannes steht im Begriff, nach diesem in die letzten Szenen einzutreten. Doch bevor das geschieht, werden uns Gottes Ratschlüsse über Israel gezeigt. Dieses stellt den Teufel in seinem bösen Widerstand gegen diesen Ratschluss vor die Blicke; denn sicherlich ist es das, was der Feind vor allem fürchtet. Satan widersetzt sich in seinen Plänen unveränderlich Christus mit größerer Beharrlichkeit sowie Hass und Stolz als irgendjemand sonst. Er erkennt in Ihm Denjenigen, der ihn zertreten und den Menschen und die Schöpfung befreien wird. Dieser beständige Gegensatz zwischen Satan und dem Sohn Gottes ist uns allen vertraut.

Aber da ist noch mehr: Satan stemmt sich gegen die Verbindung des Herrn mit dem armen und verachteten Volk Israel. Nichtsdestoweniger sehen wir die bemerkenswerte Tatsache, dass Christus zu Ihm und zu seinem Thron hinaufgetragen worden ist, bevor Gott öffentlich für Israel Partei ergreift. Kein Wort wird über Jesu Leben gesagt, nicht einmal über seinen Tod und seine Auferstehung. Soweit unser Abschnitt hier geht, könnte man annehmen, der Herr wurde unmittelbar nach seiner Geburt in den Himmel getragen. Das zeigt uns, wie bemerkenswert geheimnisvoll (mystisch) die Aussage ist. Es handelt sich weder um eine Vorhersage der Geschichte, noch der Tatsachen. Wäre es eine geschichtliche Zusammenfassung, müsste sein Leben mit jenen wichtigen Ereignissen, auf welchen alle Hoffnungen für das Universum beruhen, erwähnt werden. Das wird indessen vollständig übergangen. Der Grund liegt, wie ich denke, darin, dass diese Darstellungsweise uns wie in der Prophetie des Alten Testaments andeuten soll, dass der Herr und sein Volk sozusagen in demselben Symbol eingeschlossen werden. Das gilt ja in noch vertraulicherer Weise für das, was über Christus und den Christen gesagt ist.

Auf diesem Grundsatz kann ich nur annehmen, dass die Wegnahme des männlichen Kindes zu Gott und seinem Thron die Entrückung der Kirche selbst mit umfasst. Die Erklärung dafür, warum sie auf diese Weise hier eingebracht wird, beruht auf der Wahrheit, dass Christus und die Kirche eins sind und eine gemeinsame Bestimmung haben. Genauso wie Er in den Himmel hinaufstieg, soll auch die Kirche hinaufgetragen werden. Der Apostel Paulus sagt, wenn er von der Kirche spricht: „So auch der Christus“ (1. Kor 12,12). Wir dürfen wohl naturgemäß annehmen, dass sich diese Anspielung sowohl auf den Leib als auch auf das Haupt bezieht. Er sagt nämlich nicht: „So auch die Versammlung“, sondern: „So auch der Christus“. In einem ähnlichem Geist zeigt uns Johannes in dieser Weissagung zuallererst das männliche Kind, wie es zu einem Ort im Himmel gebracht wird, der sich völlig außerhalb der Reichweite von Satans Bosheit befindet. Falls dem so ist – und es sei angenommen, dass diese Wahrheit eine große Bedeutung für das hat, was wir schon in diesem Buch festgestellt haben –, beginnt für uns hier erneut ein besonderer Blickwinkel in Hinsicht auf das Thema des Heiligen Geistes in diesem letzten Abschnitt der Prophetie. Bevor er ihn beschreibt, zeigt uns Johannes zuerst den allgemeinen Vorsatz Gottes bezüglich der Juden.

Das entspricht der Regel. Wir mögen gedacht haben, dass die natürlichere Darstellungsweise darin bestanden hätte, zuallererst die Wegnahme des männlichen Kindes festzuhalten. Doch keinesfalls! Gott behandelt und beschreibt alles nach der weisesten und besten Methode. Tatsache ist, dass Christus aus Israel geboren wurde. Daher sollte zuerst seine Beziehung zu Israel nachgezeichnet werden. Das Nächste ist der Widerstand des Teufels gegen die Ratschlüsse Gottes und seine behindernde Wirksamkeit während der gegenwärtigen Zeit. Das bot dem Herrn die Gelegenheit, seinen Platz im Himmel einzunehmen, damit Ihm zu gegebener Zeit die Kirche in den Himmel folgen soll. Nachdem das geschehen ist, tritt wieder die Absicht des Herrn auf den Plan, seine Ratschlüsse bezüglich Israels und der Erde vorzubereiten. Kurz gesagt, beschäftigt sich darum der erste Teil des Kapitels ausdrücklich in geheimnisvoller Weise mit der Beziehung des Herrn zu Israel und seiner Wegnahme vom Schauplatz. Das ist die Wirkung der Gegnerschaft Satans. Aber das gibt auch Raum für Gott, die Kirche sozusagen mit Christi Weggang in den Himmel zu verbinden, weil sie Ihm zur angemessenen Zeit folgen soll; denn die Kirche ist mit Christus vereinigt. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Entrückung des männlichen Kindes nicht einfach eine geschichtliche Tatsache. Christi Himmelfahrt wird hier eingeführt, weil sie als Ergebnis die später erfolgende Wegnahme der Kirche, um dort zu sein, wo Er ist, umfasst. Die Kirche als sein Leib bildet mit Ihm ein und denselben mystischen Menschen vor Gott, „die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“ (Eph 1,23).

Wenn wir das im Sinn behalten, ist das Thema deutlich verständlicher. „Und sie gebar einen Sohn, ein männliches Kind, der alle Nationen weiden soll mit eiserner Rute“ (V. 5). In der Anwendung auf das männliche Kind – nicht allein persönlich, sondern auch symbolisch (mystisch) – gibt es nicht die geringste Schwierigkeit, und zwar um so weniger, weil dieselbe Verheißung der Versammlung in Thyatira gemacht worden ist – vielmehr den Treuen dort. Wir können uns erinnern, dass am Ende von Offenbarung 2 ausdrücklich gesagt wird, dass der Herr demjenigen, der überwindet, Gewalt über die Nationen geben will. Er soll über sie herrschen mit eiserner Rute, wie auch der Herr von seinem Vater empfangen hat. Bestätigt das nicht in stärkster Weise denselben Gesichtspunkt? „Und die Frau floh in die Wüste, wo sie eine von Gott bereitete Stätte hat, damit man sie dort ernähre 1.260 Tage“ (V. 6).

In Vers 7 finden wir eine neue Szene. Hier kommen wir mehr zu echten Tatsachen – nicht zu den Ratschlüssen Gottes oder den Grundsätzen, wie sie vor seinen Augen stehen, sondern zu wirklichen Ereignissen. Diese erschauen wir zunächst im Himmel; später werden wir ihre Wirkungen und die Veränderungen auf der Erde sehen. „Und es entstand ein Kampf in dem Himmel: Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel; und er gewann nicht die Oberhand, auch wurde ihre Stätte nicht mehr in dem Himmel gefunden. Und es wurde geworfen der große Drache, die alte Schlange, welcher Teufel und Satan genannt wird, der den ganzen Erdkreis verführt, geworfen wurde er auf die Erde, und seine Engel wurden mit ihm hinabgeworfen. Und ich hörte eine laute Stimme in dem Himmel sagen: Nun ist das Heil und die Macht und das Reich unseres Gottes und die Gewalt seines Christus gekommen; denn hinabgeworfen ist der Verkläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagte. Und sie haben ihn überwunden um des Blutes des Lammes und um des Wortes ihres Zeugnisses willen, und sie haben ihr Leben nicht geliebt bis zum Tod! Darum seid fröhlich, ihr Himmel und die ihr in ihnen wohnt! Wehe der Erde und dem Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen und hat große Wut, da er weiß, dass er wenig Zeit hat“ (V. 7–12).

Offensichtlich wird zu dieser Zeit von Menschen gesprochen, die im Himmel wohnen und tief mit ihren leidenden Brüdern auf der Erde empfinden. Das ist eine unbestreitbare Tatsache, und zwar unmittelbar nachdem Satan seinen Zugang in die Gegenwart Gottes als Ankläger der Brüder verloren hat, den er vorher besaß. Er wird auch niemals den höchsten Platz seiner Macht zurückgewinnen, den er gerade verloren hat. Er vermag nicht länger mehr den Himmel mit seinem bitteren Hohn gegen die Erlösten Gottes und seinen Anklagen zu erfüllen.

„Wehe“, wird zu dieser Zeit hinzugefügt, „der Erde und dem Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen und hat große Wut, da er weiß, dass er wenig Zeit hat“. Das verbindet eindeutig den Verlust des himmlischen Sitzes für Satan mit der letzten Krise der Juden und Heiden am Ende der gegenwärtigen Zeit. Hier finden wir den verborgenen Grund. Warum sollte es solch einen ungewöhnlichen Verfolgungssturm geben? Warum solch unerhörte Machttaten Satans auf der Erde für eine kurze Zeit von dreieinhalb Jahren vor dem Ende? Der Grund wird hier erklärt. Satan kann droben nicht mehr anklagen; folglich verübt er hienieden seine größten Übeltaten. Er wurde auf die Erde hinab geworfen und wird niemals den Himmel zurückgewinnen. Wir erfahren später, dass er außerdem bald von der Erde verbannt und in den Abgrund geworfen wird. Danach, obwohl er für eine kurze Zeit freigelassen wird, geschieht das nur zu seinem unabänderlichen Verderben; denn dann wird er nicht einfach in den Abgrund oder Abyssos geworfen, sondern in den Feuersee, aus dem niemand mehr zurückkommt. Das ist der offenbarte Ablauf der Handlungsweisen Gottes mit dem großen Feind des Menschen vom Anfang bis zum Ende.

Von Vers 13 an wird nicht mehr der Ablauf der Geschichte im Himmel, sondern auf der Erde geschildert. „Und als der Drache sah, dass er auf die Erde geworfen war, verfolgte er die Frau, die das männliche Kind geboren hatte. Und der Frau wurden die zwei Flügel des großen Adlers gegeben, damit sie in die Wüste fliege, an ihre Stätte, wo sie ernährt wird eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit, fern vom Angesicht der Schlange“ (V. 13.14). Es wird ihr also Kraft zum Entrinnen gegeben, ein Mittel zur schnellen Flucht vor den Verfolgungen Satans. Es handelt sich nicht um Kraft, Satan zu widerstehen und den Kampf mit ihm auszufechten, sondern um die Fähigkeit, vor seiner Gewalttätigkeit zu fliehen. Das scheint mit den beiden Flügeln des großen Adlers gemeint zu sein – ein Bild von einem kraftvollen Mittel zum Entkommen. Das, was in der Natur das wirkungsvollste Fluchtmittel darstellt, wird lebendig auf den Fall vor uns angewandt.

Danach finden wir, wie der durch Gottes Vorsorge verdutzte Feind, andere Mittel benutzt. „Und die Schlange warf aus ihrem Mund Wasser, wie einen Strom, hinter der Frau her, um sie mit dem Strom fortzureißen“ (V. 15). Das heißt: Er versucht, die Nationen aufzustacheln (die sich, wie ich vermute, in einem Zustand des Durcheinanders befinden), um die Juden zu überwältigen. Vergeblich! „Und die Erde half der Frau, und die Erde tat ihren Mund auf und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Mund warf. Und der Drache wurde zornig über die Frau und ging hin, Krieg zu führen mit den Übrigen ihrer Nachkommenschaft, die die Gebote Gottes halten und das Zeugnis Jesu haben (V. 16.17). Mit letzteren sind jene Juden gemeint, welche sich in Hinsicht auf ihre Kraft im Zeugnis auszeichnen. Die „Frau“ stellt mehr das allgemeine Bild des Volkes vor uns. Der Überrest ihres Samens ist jener Volksteil, der Zeugnis ablegt. Wir müssen im Gedächtnis behalten, dass keinesfalls alle Juden jener Tage dieselbe geistliche Kraft aufweisen. Es wird Unterschiede geben. Manche werden kraftvoller und verständiger sein als andere. Satan beeilt sich darum mit seinem Versuch, jene Menschen niederzuwerfen, welche besonders brauchbare Gefäße für das Zeugnis Jesu zu sein scheinen.

Fußnoten

  • 1 Anm. d. Übs.: Diese Umkehrung der Gedanken bei Kelly ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Leiden der großen Drangsal erst in den Versen 13–17 geschildert werden (vgl. auch Mt 24,8!).
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