Einführende Vorträge zur Offenbarung

Kapitel 6

Als nächstes kommen wir zum Öffnen der Siegel. Kapitel 6 ist im Wesentlichen vollständig in dieser Hinsicht mit der einzigen Ausnahme, dass das siebte Siegel die Einführung der Posaunen am Anfang von Kapitel 8 beinhaltet. Dieses Thema erfordert beim gegenwärtigen Anlass nicht viele Worte. Und ich sah, als das Lamm eines von den sieben Siegeln öffnete: und ich hörte eines von den vier lebendigen Wesen wie eine Donnerstimme sagen: Komm!“ (V. 1). Benötigen wir hier und später bei den anderen drei Pferden die Worte: „Komm und sieh!“?1 Es scheint so, dass sie in den besten Texten in allen diesen Bibelabschnitten fehlen.2 In diesen Versen sollte der Ausruf auf „Komm!“ beschränkt bleiben. Der Unterschied führt zu folgendem Ergebnis: Die Worte „Komm und sieh!“ würden sich an Johannes richten, wohingegen nach den besten Bibelmanuskripten das „Komm!“ durch das lebendige Wesen an die Reiter auf den Pferden ergeht. Das macht offensichtlich einen beachtenswerten Unterschied. Eines der lebendigen Wesen trat hervor, als das erste Siegel geöffnet wurde, und sagte: „Komm!“ Sofort erschien ein Reiter auf einem weißen Pferd.

Lasst uns die Bedeutung jedes einzelnen Bildes untersuchen! „Ich sah: und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, hatte einen Bogen; und eine Krone wurde ihm gegeben, und er zog aus, siegend und auf dass er siegte.“ Das ist die Antwort auf den Ruf. Es kam also das erste Pferd hervor. Das Wesen dieser Handlung spricht von Erfolg und Eroberung. Alles weist darauf hin. Das ist der früheste Zustand, der über die Welt hereinbricht, welchem der Geist Gottes seine Aufmerksamkeit schenkt. Nach dem gewaltigen Wechsel, den wir schon im Himmel haben ablaufen sehen, wird hienieden ein mächtiger Eroberer auftreten. Wir sind uns alle bewusst, dass diese Vorhersage auf eine große Anzahl von Ereignissen und Personen bezogen wurde. Manchmal wird angenommen, dass die Triumphe des Evangeliums gemeint seien, manchmal Christi Wiederkommen und genauso oft das Erscheinen des Antichristen – und ich weiß nicht, was sonst alles. Ich denke hingegen, dass wir aus diesem Vers mit Sicherheit nur entnehmen können, dass Gott einen Eroberer benutzt, der alles vor sich her treiben wird.

Das geschieht nicht unbedingt durch Blutvergießen wie beim zweiten Siegel, das von Gemetzel, wenn nicht sogar von Bürgerkrieg spricht. Folglich sitzt jetzt der Reiter nicht auf einem weißen Pferd, dem Sinnbild des Sieges. Er hat ein anderes, ein rotes Pferd bestiegen mit dem Auftrag zu töten; und er führt ein großes Schwert. Alle vier Pferde sprechen von kaiserlicher Macht, welche sich alles unterwirft. Doch im ersten Fall scheint diese Macht die Menschen unblutig zu unterwerfen. Ihre Maßnahmen sind so erfolgreich, schon ihr Name so gewichtig, dass sie tatsächlich ihren Eroberungszug ohne Ausführung von Blutbädern durchführen kann. Aber beim zweiten Siegel ist der große Gesichtspunkt, dass sie einander schlachteten“ (V. 4). Das spricht möglicherweise sogar von einem Bürgerkrieg. Das Pferd ist hier rot.

Beim dritten Siegel ist das Pferd schwarz – die Farbe der Trauer. Folglich lesen wir jetzt von einem Chönix Weizen für einen Denar und drei Chönix Gerste für einen Denar. Das heißt, die Preise sprechen von einer Verknappung. Der gewöhnliche Preis war nur kurze Zeit vorher, wie wir wissen, unvergleichlich niedriger; denn bekanntermaßen hatte ein Denar für nicht weniger als fünfzehn Chönix ausgereicht. Es ist nun unnötig zu sagen, dass ein fünfzehnfach über die Norm erhöhter Preis für Weizen einen schwerwiegenden Unterschied ausmacht. Wie dieses jedenfalls sein mag – auf der anderen Seite ist der Kaufkurs, der in den Tagen des Apostels Johannes galt, sicherlich keine leicht zu beantwortende Frage. Solche Kurse schwanken natürlich. Das Anwachsen einer Zivilisation und andere Gründe neigen dazu, diese Wechselkurse ein wenig unsicher zu machen. Dass es also eine Schwierigkeit gibt, mit Genauigkeit die Preise in jener besonderen Epoche anzugeben, wird von der Tatsache gestützt, dass fähige und gewissenhafte Männer für jede mögliche Ansicht in diesem Zusammenhang eingetreten sind. Sie legten die Angabe als Überfluss, Mangel oder ein faires Angebot zu einem gerechten Preis aus.

Ich denke indessen nicht, dass es der Mühe wert ist, mehr Zeit bei diesem Gegenstand zu verschwenden. Die Farbe des Pferdes beweist für mich entscheidend das Wesen dieses Bildes. Trauer wäre seltsam, wenn es sich um eine Zeit des Überflusses oder eines gerechten Preises handeln würde. Zu Schwarz passt eine Zeit des Mangels. Manche von uns werden sich wundern zu hören, dass jede dieser drei Ansichten ihre Verteidiger hatte. Es gibt nur drei Möglichkeiten, diesen Vers zu nehmen; und jede dieser drei Ansichten fand treue Unterstützung. Jede dieser unterschiedlichen Auslegungen wurde von gelehrten Männern nachdrücklich vertreten, die genauso wie alle anderen Menschen dazu neigen, mal nach der einen, mal nach der anderen Seite zu schwanken. Es gibt bei ihnen keine Gewissheit. Das Wort Gottes macht die Angelegenheit für ein einfältiges Herz klar. Die Ungebildeten in unserem oder irgendeinem anderen Land vermögen nicht viele Einzelheiten über die Preise von Gerste und Weizen zur Zeit des Apostel Johannes‘ oder später zu wissen. Sie erkennen jedoch sofort, dass die schwarze Farbe bedeutsam ist, vor allem im Gegensatz zu weiß und rot, und dass sie keinesfalls Freude oder Gerechtigkeit andeutet, sondern vielmehr Kummer. Der Ausleger fühlt sich dadurch verpflichtet, diesen Gesichtspunkt zusammen mit den anderen Aussagen zum dritten Pferd und seinem Reiter zu berücksichtigen.

Das vierte Siegel zeigt ein bleiches oder fahles Pferd – die Färbung des Todes. Folglich lautet der Name seines Reiters „Tod“; und der Hades folgt ihm. Um die Aussagekraft noch eindeutiger zu machen, wird gesagt, dass ihm Gewalt über den vierten Teil der Erde gegeben wird, um mit dem Schwert, durch Hunger, durch Tod (vielleicht Pest) und durch die wilden Tiere der Erde zu töten.

Das fünfte Siegel zeigt uns Seelen unter dem Altar, welche um des Wortes Gottes und ihres Zeugnisses willen, das sie hatten, erschlagen worden sind. Sie rufen laut zum obersten Herrscher um Rache. Sie werden vor Gott verteidigt, müssen indessen noch warten. Andere, sowohl ihre Mitknechte als auch ihre Brüder, müssen genauso wie sie noch getötet werden, bevor jener Tag kommt.

Das sechste Siegel kennzeichnet eine große Erschütterung – eine Teilantwort auf den genannten Ruf, wie ich annehme. Viele Menschen denken, dass es sich um Christen handelt. Doch wenn wir uns den Abschnitt genauer ansehen, werden wir erfahren, dass dieser erneut eine Wegnahme der Kirche in den Himmel vor diesen Ereignissen bestätigt. „Bis wann, o Herrscher, der du heilig und wahrhaftig bist, richtest und rächst du nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen?“ (V. 10). Ist das ein Gebet oder ein Verlangen, welches der Gnade des Evangeliums entspricht? Wir brauchen über einen so offensichtlichen Punkt wohl kaum zu diskutieren. Ich denke, dass jeder, der den allgemeinen Zug des Neuen Testaments und die besonderen Gebete, die vom Heiligen Geist zu unserer Belehrung berichtet werden, versteht, gegen solche falschen Vorurteile gesichert ist. Nimm das Gebet von Stephanus sowie unseren gesegneten Herrn, das Muster von allem, was vollkommen ist! Auf der anderen Seite finden wir anderswo eine ähnliche Sprache. Aber wo? – In den Psalmen! Auf diese Weise erhalten wir alles an Beweismaterial, das wir benötigen könnten. Der Beweis des Neuen Testaments zeigt, dass es sich nicht um für Christen erlaubte Gebete handelt. Hingegen offenbaren die Nachweise des Alten Testaments, dass solche Gebete genau zu solchen Menschen passen, deren Gefühle, Erfahrungen und Wünsche auf israelitische Hoffnungen gegründet sind.

Stimmt das nicht genau mit dem überein, was wir schon nachwiesen, nämlich dass die himmlischen, verherrlichten Erlösten diesen Schauplatz verlassen haben und dass Gott tätig ist, um ein neues Zeugnis zu bilden? Dieses wird natürlich seine besonderen Eigenheiten haben. (Damit sollen selbstverständlich nicht die Wirklichkeiten des Neuen Testaments ausgelöscht werden). Denn gleichzeitig werden die Seelen der Erlösten ganz besonders in das hineingeführt, was zu alten Zeiten geoffenbart worden war. Gott wollte jetzt das erfüllen, was damals vorausgesagt wurde. Die Zeit nahte für Gott heran, die Erde zu übernehmen. Das große Thema des Alten Testaments ist die Erde, wie sie unter der Herrschaft des Himmels gesegnet wird, während Christus Haupt von beidem ist. Die Erde, das irdische Volk Israel und die Nationen werden sich dann der Tage des Himmels hienieden erfreuen. Folglich zeigen uns die erwähnten Seelen [unter dem Altar; Übs.] diesen Zustand und seine Hoffnungen. Sie bitten um irdische Gerichte. Sie wünschen nicht, dass ihre Feinde bekehrt werden, sondern dass Gott ihr Blut an jenen räche. Nichts könnte einfacher oder sicherer sein als diese Folgerung. „Und es wurde ihnen … gesagt, dass sie noch eine kleine Zeit ruhen sollten, bis auch ihre Mitknechte und ihre Brüder vollendet sein würden, die ebenso wie sie getötet werden würden“ (V. 11).

Das ist eine wichtige Ankündigung, wie wir aus dem erkennen werden, was in der Apokalypse noch folgt. Ihnen wird gesagt, dass sie nicht die einzige Gruppe von Gläubigen sind, welche einem gewaltsamen Ende überantwortet werden. Andere müssen später noch folgen. Bis dahin will Gott nicht erscheinen, um das Gericht auszuführen, nach dem sie riefen. Sie müssen demnach auf jenen anderen und, wie wir wissen, noch heftigeren Ausbruch der Verfolgung warten. Erst danach will Gott sich mit der Erde beschäftigen. So wird hier auf die letzte sowie auch auf die frühe Verfolgung der apokalyptischen Periode ausdrücklich hingewiesen. Der Apostel Paulus hatte davon gesprochen, dass er bereit sei, geopfert zu werden (Phil 2,17). Diese Gläubigen hier wurden geopfert. Darum werden sie in der Vision unter dem Altar gesehen. Sie waren wirklich wiedergeboren und verstanden, was Israel zu tun hatte. Aber sie standen offensichtlich nicht auf der Grundlage des christlichen Glaubens und der Erkenntnis, wie es bei uns der Fall ist. Natürlich handelt es sich um eine Vision. Es ist indessen eine Vision, die uns gewichtige und klare Hinweise liefert. Jene Gläubigen besaßen den Geist der Weissagung, um ein Zeugnis von Jesus zu sein. Das Gericht zögert noch bis zum vorausgesagten letzten Erguss abtrünniger Raserei des Menschen; dann wird der Herr erscheinen und alle Feinde niederwerfen.

Gleichzeitig ist Gott nicht gleichgültig, wie wir schon im Vorbeigehen gesehen haben und das nächste Siegel uns zeigt. Das sechste Siegel können wir als eine Art unmittelbare Folge des vorangegangenen Rufens betrachten. Beim Öffnen desselben folgte eine gewaltige Erschütterung – ein alles erfassender Stoß in der Höhe und auf der Erde. Dieser wird, wie bei den vorherigen Siegeln, in einer symbolischen Sprache beschrieben. „Die Sonne wurde schwarz wie ein härener Sack, und der ganze Mond wurde wie Blut, und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum, geschüttelt von einem starken Winde, seine unreifen Feigen abwirft. Und der Himmel entwich wie ein Buch, das aufgerollt wird, und jeder Berg und jede Insel wurden aus ihren Stellen gerückt“ (V. 12–14). Das ist einfach nur der Anblick vor dem Betrachter der Vision. Wir sollen nicht annehmen, dass Himmel und Erde in physischer Hinsicht durcheinander geworfen werden, wenn diese Vorhersage erfüllt wird. Johannes sah alles dieses vor seinen Augen als Zeichen, von welchem wir die Bedeutung erwägen müssen. Wir haben aufgrund des sinnbildlichen Gebrauchs an anderen Stellen herauszufinden, was durch die Veränderungen an Sonne, Mond, Sternen und Erde in dem Gesicht gesagt werden soll. Das Ergebnis hängt natürlich davon ab, ob wir die Heilige Schrift durch die Belehrung des Heiligen Geistes richtig anwenden.

Danach wird uns in klarer Sprache, nicht in Bildern, gesagt: „Die Könige der Erde und die Großen und die Obersten und die Reichen und die Starken und jeder Knecht und Freie verbargen sich in die Höhlen und in die Felsen der Berge“ (V. 15). Das sollten wir wohl beachten! Denn offensichtlich gäbe es keinen Ort des Versteckens mehr, wenn der Himmel buchstäblich wie eine Rolle aufgewickelt und jeder Berg und jede Insel aus ihrer Stelle verrückt worden wären. Würden wir die Angaben anders als eine sinnbildliche Darstellung nehmen, würde das Ende dem Anfang widersprechen. Das anfangs Genannte ist also nicht buchstäblich gemeint. Vorausgesetzt, der Himmel würde wirklich verschwinden und die Erde in der Bedeutung dieser Ausdrücke in einer buchstäblichen Weise bewegt werden – wie könnten dann die verschiedenen von Entsetzen gepackten Menschengruppen zu den Bergen sagen: „Fallet auf uns und verberget uns!“ ? (V. 16). Damit ist klar, dass diese Vision wie ihre Vorgänger symbolisch gemeint ist. Der Prophet sah tatsächlich diese himmlischen und irdischen Gegenstände auf diese Weise verdunkelt und in einem Durcheinander. Doch die Bedeutung muss entsprechend den gewöhnlichen Grundsätzen der Auslegung gesucht werden. Nach meiner Meinung wird eine vollständige Verwirrung jeglicher Autorität, hoch und niedrig, beschrieben – eine beispiellose Erschütterung aller menschlichen Klassen innerhalb ihres Lebenskreises. Das bewirkt, dass alle Grundlagen von Macht und Autorität in der Welt umgestürzt werden. Dadurch werden die Herzen der Menschen mit der Vorstellung erfüllt, dass der Tag des Gerichts gekommen sei.

Es ist tatsächlich nicht das erste Mal, dass das Volk so erschreckt wird. Aber es wird immer schlimmer, als es vorher gewesen war. Solcherart ist die Wirkung des sechsten Siegels, wenn sein Gericht ausgeführt wird, nachdem die Kirche zum Himmel gebracht worden ist und nach einer mörderischen Verfolgung jener Erlösten, die uns auf der Erde folgen werden. Die verfolgenden Mächte und ihre Untertanen werden in Gerichten heimgesucht. Daraus entspringt eine vollständige Erschütterung der Autorität auf der Erde. Die Herrscher haben ihre Macht missbraucht; nun findet eine Revolution im größten Maßstab statt. Das scheint mir die Bedeutung der Vision zu sein.

Die Wirkung auf die Menschen, wenn sie diese völlige Umwälzung jeglicher feststehenden Autorität hienieden sehen, wird sein, dass sie denken, dass der Tag des Herrn gekommen sei. Sie werden zu den Bergen und Felsen sagen: Fallet auf uns und verberget uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Throne sitzt, und vor dem Zorne des Lammes; denn gekommen ist der große Tag seines Zornes, und wer vermag zu bestehen?“ Es ist ein Fehler, ihre Äußerung mit Gottes Erklärung zu verwechseln. Es ist nicht Gott, sondern es sind diese Menschen, welche ausrufen, dass der große Tag seines Zorns gekommen sei. Für eine derartige Fehlinterpretation gibt es keine Entschuldigung. Die Worte drücken aus, was diese in Furcht versetzte Menschenmenge ausruft. Tatsache ist jedoch, dass der große Tag noch eine beträchtliche Zeit ausbleiben wird, wie die „Offenbarung“ selbst eindeutig beweist. Es geht hier einfach darum, dass die Menschen durch alle diese Heimsuchungen so beunruhigt sind, dass sie denken, es handle sich um Christi kommenden Tag; und das sprechen sie aus. Offensichtlich ist der große Tag seines Zorns noch nicht gekommen, weil erst einige Zeit nach dieser Periode unsere Prophetie den Tag seines Kommens beschreibt. Er wird in den Kapiteln 14, 17 und vor allem 19 beschrieben. Wenn jener Tag wirklich hereinbricht, sind die Menschen der Welt so verblendet, dass sie gegen das Lamm kämpfen wollen. Doch das Lamm wird sie überwinden. Satan wird ihre Furcht weggenommen haben, obwohl zu jener Zeit der größte Anlass dazu besteht.

Fußnoten

  • 1 Nach der englischen „King-James-Bible“. Siehe Fußnote in unserer Bibel (Übs.).
  • 2 „Obwohl in jeder Hinsicht das Sinaitische Manuskript untergeordnete Abschriften gegen den Codex Alexandrinus und die Abschrift von Paris mit den besseren Kursivschriften, usw. stützt“ (W. K.).
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