Einführende Vorträge zur Offenbarung

Kapitel 1

Es ist die „Offenbarung Jesu Christi, welche Gott ihm gab“ (V. 1). Auch im Evangelium, welches so durchtränkt ist von seiner göttlichen Liebe, finden wir häufig – um nicht zu sagen: ständig – Hinweise auf diese bemerkenswerte Stellung, die Christus einnahm. Kurz gesagt, wird Er sorgsam als ein Mensch auf der Erde betrachtet, als der Gesandte, Der um des Vaters willen lebt – im Evangelium als ein Mensch auf der Erde, in der „Offenbarung“ genauso wahrhaftig als Mensch, sei es, dass wir Ihn im Himmel, sei es, auf der Erde sehen. Dieses Buch ist also die Offenbarung Jesu Christi, „welche Gott ihm gab.“ Im Evangelium wird gesagt, dass Gott Ihm geschenkt hat, Leben in sich selbst zu haben (Joh 5,26). Nichts könnte mehr zeigen, wie treu Er die Stellung, in die Er sich hinab begeben hat, akzeptiert und dass Er ausschließlich in Übereinstimmung mit derselben reden möchte. In Ihm war Leben. Ja, Er war jenes ewige Leben, das bei dem Vater war, bevor die Welt wurde. Nichtsdestoweniger sprach Er, nachdem Er in göttlicher Gnade Mensch geworden war, entsprechend jener niedrigen Stellung, in welche Er hienieden eintrat. So ist es auch in der Herrlichkeit, wie wir in dem Buch vor uns sehen.

„Offenbarung Jesu Christi, welche Gott ihm gab, um seinen Knechten zu zeigen …“ Jetzt geht es nicht darum, Knechte oder Nichtknechte aus dieser oder einer viel schlimmeren Stellung herauszuführen, um ihnen das Recht zu geben, den Platz als Kinder Gottes einzunehmen. Diese Wahrheit kennzeichnet das Evangelium, denn da handelt es sich ausdrücklich um die Offenbarung von Gnade und Wahrheit in Jesus Christus, dem eingeborenen Sohn. Das Buch vor uns enthüllt, was Gott für Christi Herrlichkeit als der verschmähte Mensch tun wird. Darum möchte Er Seinen Knechten etwas zeigen. Der Ausdruck „Knechte“ passt nicht nur auf uns Christen heutzutage, sondern auch auf jene in einer anderen Beziehung zu Ihm, nachdem wir aus der Welt herausgenommen worden sind. Folglich wird mit göttlicher Weisheit offensichtlich ein umfassender Begriff verwendet. „Um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss.“ Es soll nicht das bekannt gemacht werden, was in Christus vor allen Welten verborgen war. Es geht um die Enthüllung der großen Ereignisse, in welcher Gott die Herrlichkeit seines Erstgeborenen aufrecht erhalten will, wenn Er Ihn in die Welt einführt. „Und durch seinen Engel sendend, hat er es seinem Knechte Johannes gezeigt.“

Es ist wohl kaum nötig zu sagen, dass im Zusammenhang mit den Offenbarungen, die Gott hier gibt, mit gutem Grund ein Engel erwähnt wird. Im Evangelium lesen wir vom ewigen Leben in dem Sohn. Das ist die Gnade Gottes, welche dem Gläubigen gegeben wird. Dort war allein der Heilige Geist befähigt, eine solche Gnade nach den Ratschlüssen Gottes und entsprechend seiner Liebe zu verwalten und zur Wirkung gelangen zu lassen.

Hier finden wir hingegen Gesichte – Visionen der Wege Gottes im Gericht, Visionen von dem, was in der ständig wachsenden Schlechtigkeit des Menschen nach Gericht ruft. Darum lesen wir: „Durch seinen Engel sendend, hat er es seinem Knechte Johannes gezeigt.“ Es gibt noch einen anderen bemerkenswerten Unterschied. Auch im Evangelium spricht Johannes; doch er spricht als jemand, der den Herrn gesehen hatte. Er konnte persönlich Zeugnis für alles ablegen, was er schildert. Er spricht indessen nur selten von sich selbst. Das geschieht so wirkungsvoll, dass es nicht an Menschen mangelt, die bezweifeln, dass er der Jünger war, „welchen Jesus liebte“ (Joh 21,7). Zweifellos ist dieser Einwand richtig. Dennoch besteht keineswegs die Möglichkeit, dem Schreiber vorzuwerfen, in der Art seines Schreibens sich selbst in den Vordergrund gedrängt zu haben. Das ist ein sehr bedeutsamer Umstand, insbesondere weil in Johannes‘ Briefen, welche sich mit der christlichen Menschengruppe, einer Familie oder einem Freund beschäftigen, das Ziel und die Absicht einzig und allein darin bestehen, die Kinder Gottes in eine unmittelbare Gemeinschaft durch Christus mit Gott selbst zu bringen. Zweifellos schreibt ein inspirierter Apostel; und die verschiedenen Mitglieder der Familie Gottes sowie die Knechte des Herrn werden an ihrem Platz anerkannt. Gleichzeitig ist es offensichtlich Er, Der Gott und Vater ist, welcher die Seinen belehrt, tröstet und ermahnt.

Wir sehen auf jeder Seite einen Vermittlerdienst. Gott gibt Jesus eine Offenbarung. Jesus vermittelt diese an seinen Engel bzw. durch letzteren an seinen Knecht Johannes; und zuletzt sendet Johannes dieselbe an andere Knechte. So finden wir alle Arten von Verbindungen in dieser Kette. Warum ist das so? – Weil es um etwas Neues geht, insbesondere im Neuen Testament. Woher rührt diese bemerkenswerte Einführung durch Gott an Jesus, danach von Ihm durch einen Engel an einen einzigen Knecht, der diese an weitere Knechte sendet? Warum vermissen wir hier das Kennzeichen eines unmittelbaren Umgangs mit uns – jene Unmittelbarkeit der Anrede, die sonst gefunden wird? – Der Grund ist sowohl ernst als auch lehrreich. Wir erkennen ihn tatsächlich in einem Vergleich mit dem Alten Testament. Dort spricht Gott nicht immer zu seinem Volk. Ursprünglich handelte Er so. Ein Beispiel erkennen wir in der Gabe der Zehn Gebote, obwohl später gerade in diesem Zusammenhang ein Mittlertum eingeführt wurde. Gewöhnlich wurden Gottes Boten an Israel selbst gesandt, sogar wenn Er Propheten erweckte. Zuerst sprachen alle das Volk im Namen Gottes an. Das Wort Jahwes wurde an Jahwes Volk gesandt. Aber was für ein ergreifender Wechsel fand letztlich statt! Es kam bald die Zeit, dass die Botschaft nicht mehr unmittelbar an das Volk gesandt wurde. Sie wurde einem auserwählten Zeugen geschenkt. Zweifellos galt sie für das ganze Volk. Sie wurde indessen Daniel mitgeteilt – und ausschließlich auf diese Weise.

Das bereitet uns auf die wahre Bedeutung dieses bemerkenswerten Wechsels in Bezug auf die „Offenbarung“ im Vergleich zum übrigen Neuen Testament vor. Die Kinder Israel hatten den Herrn hoffnungslos verraten. Ihr Abweichen vor seinen Augen war vollständig, und zwar nicht allein in dem zuerst abgetrennten Teil, den zehn Stämmen Israels, sondern auch in den beiden übrig gebliebenen. Das Schweigen [von seiten des Volkes; Übs.] hielt an und zog sich in die Länge. Nicht allein Juda, sondern auch das Haus Davids, der gesalbte König und das letzte rechtmäßige Verbindungsglied zwischen Gott und seinem Volk, hatten versagt. Jetzt wandte Gott sich nicht mehr an sein Volk, sondern nur noch an den einzigen auserwählten, treuen Knecht als seinen Zeugen. Das war ein sicheres Zeichen, dass zunächst einmal alles vorbei war – vorbei für jegliche Unmittelbarkeit des Gesprächs zwischen Gott und seinem Volk. Gott konnte es nicht mehr als sein eigen betrachten. Wende diese Wahrheit auf die gegenwärtige Zeit und unsere eigenen Umstände an! Ist das nicht sehr ernst? Ich bezweifle nicht im geringsten, dass Gott sich in den schlimmsten Zeiten als treu erweisen wird. Es wäre eine äußerst falsche Schlussfolgerung anzunehmen, dass Daniel und seine drei Freunde und vielleicht noch andere dem Herrn persönlich nicht genauso wohlgefällig waren wie David. Blickte Er nicht in seiner Gnade mit großer Genugtuung auf jenen Knecht, der seine Gedanken bezüglich seines Volkes fühlte und beantwortete? – Gerade weil es so war, empfing Daniel eine solche außerordentliche Ehre. In einem gewissen Sinn ist es besser, inmitten des Verderbens ein Daniel zu sein, als die beste Stellung in einer blühenden Zeit einzunehmen, wenn alles schön aussieht. Es ist ein größerer Beweis von Treue, treu dazustehen, wenn alles außer Kurs geraten ist, als sich in normalen Umständen treu zu verhalten. So ist die Gnade in allen Schwierigkeiten immer dieselbe.

Es ist jedoch ernst, wenn wir fühlen, dass ein solcher Wendepunkt, soweit es die Kirche (Versammlung) Gottes auf der Erde betraf, gekommen war. Johannes befand sich in einer Stellung, die derjenigen Daniels entsprach. Er wurde jetzt der Empfänger der Mitteilung des Herrn Jesus und nicht jenes Gebilde, das noch den Namen des Herrn hienieden trug. Wie weit auch die Gnade des Herrn noch wirken mochte, wieweit Er noch beleben und warnen wollte – trotzdem galt die Anrede unmittelbar seinem Knecht Johannes und nicht der Kirche; und sogar dort, wo wir später Anreden finden, und zwar im zweiten und dritten Kapitel, erfolgen sie nicht unmittelbar an die Versammlungen, sondern an ihre Engel. Offensichtlich erweckt alles dieses denselben ernsten Eindruck.

Johannes bezeugt, wie gesagt wird, „das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi“ (V. 2). Das geschieht indessen in einem eingeschränkten Maß. Hier wird nicht von der Wahrheit im allgemeinen gesprochen, noch vom Evangelium im besonderen, obwohl wir nicht bezweifeln können, dass Johannes das Evangelium predigte und die Kirche (Versammlung) Gottes in all seiner geoffenbarten Wahrheit nährte. Aber das ist nicht der Gegenstand der „Offenbarung“, noch die Bedeutung unseres Textes. Alles wird hier darauf beschränkt, was er sah. Das ist wichtig, um das Gesichtsfeld unseres Bibelabschnitts und das Wesen dieses Buches zu verstehen. (Das Wort „und“ dürfen wir [im letzten Teil des Verses; vergl. englische „King–James–Bible“!; Übs.] durchaus wegstreichen, wenn wir die besten Handschriftenautoritäten berücksichtigen). Johannes bezeugte das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi. Wie sollen wir aber „das Wort Gottes“ hier beschreiben oder verstehen? Geht es um irgendeinen Teil des Wortes Gottes oder um dasselbe in seiner Gesamtheit? Was ist in diesem Zusammenhang genau mit „das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi“ gemeint? Die Antwort erhalten wir aus dem letzten Teil des Verses, nämlich „alles, was er sah.“ Das sind die Visionen, die er betrachten und in diesem Buch schildern sollte. Neben dem, was der Apostel in seinen normalen Beziehungen zu den Christen und in seinem schon lange anhaltenden Amt im Dienst Christi verkündigt hatte, bekommt sein Wort und Zeugnis jetzt einen neuen Charakter.

Infolgedessen können diese apokalyptischen Visionen nur von einem unwissenden Unglauben geringschätzig behandelt werden; denn sie werden hier nicht weniger als die Evangelien und die Briefe als „das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi“ bezeichnet. Folglich werden sie mit Sorgfalt hier eingeführt, aber in jener prophetischen Weise, die sittlich passend war, nämlich in einer Reihe von Gesichten, die Johannes sah. Darauf liegt umso mehr Nachdruck, weil damit ausdrücklich jener Neigung entgegengewirkt werden soll (die trotzdem allgemein zu finden ist), die „Offenbarung“ als von zweifelhaftem Wert und nur unsicherer Autorität anzusehen. Aber nein! Sie wird Johannes von Jesus als das Wort Gottes und sein eigenes Zeugnis bezeugt. Wir wissen, wie viele Gelehrte es in ihrer Torheit gewagt haben, dieses Buch zu schmähen. Dabei werden sie, wie wir sagen dürfen, in ihrer angriffslustigen Sprache auf das gerechteste getadelt. Es handelt sich nichtsdestoweniger um „das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi“, auch wenn sein Inhalt nicht unmittelbar zur Belehrung des Christen in seiner Stellung dient. Es belehrt indirekt, indem es das Verderben jener ankündigt, welche Gott verachten und angesichts seiner Offenbarung ihren eigenen Willen tun. Nichtsdestoweniger ist es Gottes Wort und Christi Zeugnis, obwohl es aus Visionen besteht.

Damit der Gläubige diese Wahrheit – zu jener oder zu jeder Zeit – mehr verwirklichen möge, sollten wir beachten, dass ein weiterer Satz angeschlossen wird, der ganz und gar abseits des ausgetretenen Weges unseres Herrn liegt. Dürfen wir nicht voraussetzen, dass er ausdrücklich zur gnädigen Ermunterung seiner Knechte, und indem Er die Zweifel und Spitzfindigkeiten des Unglaubens voraussah, mitgeteilt wird? „Glückselig, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und bewahren, was in ihr geschrieben ist!“ (V. 3).

Auch die danach festgelegte Grundlage ist abzuwägen. Es stimmt nämlich nicht, was die Menschen so häufig annehmen, dass die „Offenbarung“ uns mitgeteilt wird, weil wir uns in den geschilderten Umständen befinden werden oder weil der Christ und die Kirche durch die beschriebenen Drangsale gehen müssen. Kein Wort davon wird uns gegeben, sondern eine ganz andere Begründung. Wir finden später in diesem Buch, wie sich die Kirche im Himmel außerhalb des Bereichs dieser unterschiedlichen Schwierigkeiten und auferlegten Gerichte befindet. Kurz gesagt, sind schon hier in der Einleitung die angeführten Beweggründe von einer auffallend heiligen Natur und passend für solche, die durch Glauben und nicht durch Schauen wandeln. Es fehlt jegliche selbstsüchtige Erwägung. „Denn die Zeit ist nahe!“ Es wird nicht gesagt, dass die Zeit schon gekommen sei, sodass wir durch das ganze Geschilderte bzw. irgendeinen Teil desselben zu gehen haben. Die Zeit ist nahe bevorstehend. Gott schreibt folglich zu unserem Trost, zur Warnung und zum allgemeinen Segen, in welcher Hinsicht dieses auch immer nötig ist. Er setzt voraus, dass wir an allem Anteil nehmen, was Er uns zu sagen hat. „Die Zeit ist nahe!“ Es ist also ein falscher Grundsatz anzunehmen, dass wir ausschließlich aus dem Gewinn ziehen können, was uns unmittelbar angeht, und vorauszusetzen, dass wir uns tatsächlich in den beschriebenen Umständen befinden werden.

Danach folgt der Gruß. Auch hier ist alles einzigartig und passend für das Buch, mit dem wir uns beschäftigen. „Johannes den sieben Versammlungen, die in Asien sind“ (V. 4). Nirgendwo finden wir etwas Ähnliches. Wir lesen von den Heiligen an dem einen oder anderen Ort. Manchmal werden eine besondere Versammlung oder sogar die Versammlungen einer Landschaft (Galater 1) angesprochen. Niemals, außer hier, gehen solche Schreiben an eine bestimmte Anzahl von Versammlungen. Das ist umso bedeutsamer, weil keine Zahl so ausdrücklich und auffallend sinnbildlich ist wie die Sieben. Sicherlich muss etwas außerhalb des üblichen Ablaufs liegen, wenn in der Anrede solch ein beispielloser Stil gefunden wird. Die geistliche Anwendung der Sieben in den prophetischen Schriften kann nicht bezweifelt werden. Das ist jedoch nicht beschränkt auf die Prophetie, denn es gilt auch überall da, wo Sinnbilder verwendet werden. In symbolischen Schriften sowie in der Prophetie ist die Zahl Sieben ein bekanntes Bild von geistlicher Vollkommenheit. Wer, außer ein unbelehrter Verstand, könnte bezweifeln, dass der Herr hier mehr meint, als die tatsächlichen Versammlungen in der Provinz Asien, welche angesprochen werden? Dass Briefe buchstäblich an Versammlungen von Ephesus bis Laodicäa geschrieben wurden, kann kaum bestritten werden. Ich persönlich zweifle jedoch nicht daran, dass diese besonders ausgewählt wurden. Dabei wurden die Sendschreiben so gestaltet, dass sie vor jene, welche Ohren haben zu hören, den vollständigen Ablauf des Zeugnisses unseres Herrn hienieden vorstellen, solange es irgendetwas auf der Erde gibt, das (seiner Verantwortung nach, wenn auch vielleicht nicht wirklich) einen kirchlichen Charakter trägt. Der Zustand mag noch so verdorben sein – sogar anstößig und falsch (wie es bei manchen Versammlungen der Fall war). Dennoch gab es [in ihnen; Übs.] ein kirchliches Bekenntnis – wenn auch vielleicht nur in Hinsicht auf das Gericht des Herrn –, welches wir nach Kapitel 4 nicht mehr finden. Keine vergleichbaren Zustände erscheinen später wieder. Auch der Herr handelt nicht mehr so, nachdem diese Art von Grundlage in Bezug auf die Verantwortlichkeit des Menschen vergangen ist. Kurz gesagt, diese Sendschreiben gelten nur, solange es eine kirchliche Verantwortung auf der Erde gibt und nicht länger.

So sagt Johannes: „Den sieben Versammlungen, die in Asien sind: Gnade euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt“ (V. 4). Hier steht nicht: „Von dem Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus.“ Der Gruß stammt von Gott in seinem eigenen Wesen als der ewig Seiende – Er, Der ist, Der war und Der kommen wird. Das verbindet seine gegenwärtige Existenz natürlich mit der Vergangenheit genauso wie mit der Zukunft.

„Und von den sieben Geistern, die vor seinem Throne sind.“ Wir finden auch eine Beschreibung des Heiligen Geistes, die ausdrücklich anders ist als normalerweise im Neuen Testament. Die Anspielung richtet sich eindeutig auf Jesaja 11, wo die siebenfältige Macht des Heiligen Geistes in seiner Regierung geschildert wird, wie sie in Verbindung mit der Person und dem Königreich des Messias steht. „Auf ihm wird ruhen der Geist Jahwes …“ (Jes 11,2). Diese Prophezeiung scheint hier aufgenommen und in einer weit ausführlicheren Weise angewandt zu werden, so wie sie für die Absichten der apokalyptischen Weissagung passend ist. Tatsächlich werden wir finden, dass diese Bemerkung für den Gebrauch alttestamentlicher Zitate und Anspielungen überall in der „Offenbarung“ gilt. Ständig wird sich auf das Gesetz, die Psalmen und Propheten bezogen. Dabei handelt es sich aber nie um eine einfache Wiederholung dessen, was dort geschrieben steht, wie ein Pedant vielleicht voraussetzt.

Letztere Vorstellung beraubt uns jeglichen Gewinns aus der Apokalypse, anstatt dass wir sie verstehen und den rechten Nutzen aus ihr ziehen. Falls wir das Jerusalem in Jesaja mit dem neuen Jerusalem der „Offenbarung“ gleich setzen oder das Babylon von Jeremia mit dem Babylon der Apokalypse erklären wollen, verlieren wir eindeutig jegliche besondere Belehrung, welche Gott uns gegeben hat. Das ist eine der Hauptquellen für die Verwirrung hinsichtlich des Themas der Apokalypse bis in unsere Tage. Gleichzeitig, wenn wir nicht mit den alttestamentlichen Offenbarungen über Babylon oder Jerusalem beginnen, beziehungsweise den Belehrungen aus den Propheten im Allgemeinen, sind wir nicht genug vorbereitet, um die Apokalypse als ein Ganzes richtig zu würdigen oder sogar zu verstehen. So handelt es sich um vergleichbare Fehler, wenn wir das Alte vollkommen von dem Neuen trennen oder in dem Neuen nicht mehr als eine Wiederholung des Alten sehen. Es besteht ein göttliches Band zwischen denselben in dem Sinn, dass der Bezug des Heiligen Geistes in beiden übereinstimmt. Aber die Apokalypse gibt ihm einen ausgedehnteren und tiefgehenderen Charakter. Die „Offenbarung“ blickt auf die Dinge, nachdem der Heilige Geist seinen Platz innerhalb des Christen und der Kirche auf der Erde eingenommen hat – und vor allem, nachdem der Sohn erschienen war sowie den Vater geoffenbart und das Erlösungswerk hienieden vollendete hatte. Folglich muss die ganze Fülle des göttlichen Lichts, die in der Person Christi und seines Werkes sowie durch den Heiligen Geist in der Kirche enthüllt worden ist, notwendigerweise in Betracht gezogen werden, um der Apokalypse ihre rechte Tragweite zu geben.

Die sieben Geister beziehen sich daher, wie ich glaube, auf den Heiligen Geist, wie Er auf dem Weg der Regierung wirkt. Es handelt sich um die Fülle der Kraft des Heiligen Geistes als eine alles andere beiseite setzende Macht. Wie die jeweilige Anwendung zu sein hat, muss sich aus dem Zusammenhang ergeben. Wir finden diese Wahrheit in Beziehung zu Christus, wenn der Heilige Geist sich in Kapitel 3 mit Kirchenangelegenheiten beschäftigt. Wir finden sie in seiner Beziehung zur Erde in Kapitel 5. Doch immer handelt es sich um die Fülle des Geistes in seiner alles beherrschenden Macht und nicht um denselben Geist in seiner Einheit, welche die Kirche zu einem Leib vereinigt. Das sahen wir schon in den Briefen des Paulus, wo insbesondere der angemessene Bereich eines Christen als Glied des Leibes Christi betrachtet wird – und zwar ausschließlich dort.

Es wird Gott als Solcher hier also in einer alttestamentlichen Ausdrucksweise und entsprechend seinem Charakter im Alten Testament eingeführt. Dabei steht Er in Verbindung mit neutestamentlichen Themen. In vergleichbarer Weise wird auch der Heilige Geist vor uns gestellt. Dasselbe gilt für unseren Herrn Jesus, wie wir bald sehen werden. Tatsächlich ist nichts bemerkenswerter, insbesondere wenn wir uns vergegenwärtigen, wer hier der Schreiber ist, als die völlige Abwesenheit [jedes Hinweises; Übs.] auf Gottes besondere Beziehung zu seinen Kindern. In diesem Buch wird gerade die Offenbarung der Gnade nicht gefunden. „Jesus Christus“, erscheint als „der treue Zeuge.“ Offensichtlich war Er ein solcher auf der Erde. In einer völlig abgewandelten Form handelt es sich um Johannes‘ Thema überall. Wir mögen Christus anschauen, wie Er in den Himmel ging, wo Paulus Ihn vor allem als verherrlicht betrachtet. Doch Johannes‘ Aufgabe bestand ständig darin, auf Christus hinzuweisen in Verbindung mit dem, was Er auf der Erde war. Wenn er von Ihm als dem Lamm im Himmel spricht, stützt sich seine Beschreibung auf die Tatsache, dass Er der verschmähte Leidende auf der Erde war. „Welcher der treue Zeuge ist, der Erstgeborene der Toten und der Fürst der Könige der Erde!“ (V. 5). Das letztere entfaltet sich, wenn Er vom Himmel auf die Erde kommt. Gleichzeitig steht Er in der Auferstehung als der Erstgeborene der Toten da. Es wird indessen genau das nicht gesagt, was Er im Himmel ist. In sorgfältigster Weise wird der himmlische Teil des Herrn Jesus von seinen Beziehungen, die hier vor uns gestellt werden, übergangen. Sogar das, was Ihn mit einem Christen verbindet als der Eine, Der sich für den Christen in der Gegenwart Gottes einsetzt, wird weggelassen, obwohl ich nicht bezweifle, dass wir Ihn in dem engelsmäßigen Hohenpriester für andere in Kapitel 8 erkennen.

Der Herr Jesus wird demnach als Mensch absichtlich an letzter Stelle vorgestellt. Gott wurde in seinem ewigen Wesen bekannt gemacht, der Heilige Geist in der Fülle seiner alles beherrschenden Macht und der Herr Jesus in Verbindung mit der Erde, sogar nachdem Er aus den Toten auferstanden ist. Das wird an den letzten Platz gestellt, weil Er hier nur unter einem irdischen Gesichtspunkt geschaut wird.

Doch vor allem wird jetzt auf einmal die Stimme des Christen gehört. Das ist umso bemerkenswerter, weil es sich hier um eine der wenigen „Kräuselungen“ auf der Oberfläche des gewöhnlichen Stroms dieses Buches handelt. Das finden wir sowohl am Ende, als auch am Anfang. Folglich ist es keinesfalls beispiellos. Wir lesen jedoch nichts derartiges, wenn wir genauer die Reihe der Visionen betrachten. Bevor die Gesichte beginnen, wird der Christ gehört, und nachdem diese geendet haben, die Braut. Hier genügt der Name Jesu, um das Herz zu einem lieblichen und passenden Lobpreis (Doxologie) zu bewegen. Er wird nicht so sehr in seiner Beziehung zu uns beschrieben, obwohl Er Derjenige ist, den wir lieben. Somit lesen wir. „Dem, der uns liebt …“ (das ist die richtige Wiedergabe und nicht: „der uns liebte“)1. „Dem, der uns liebt und uns von unseren Sünden gewaschen hat in seinem Blute, und uns gemacht hat zu einem Königtum, zu Priestern seinem Gott und Vater: Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ Das ist der Ausfluss des Herzens von seinem Wohlgefallen an Jesus.

Genauso gibt uns der folgende Vers ein warnendes Zeugnis, wie es zu diesem Buch passt. Niemand sollte abschwächen, was Jesus für solche sein wird, die Ihm nicht so nahe stehen. „Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch die ihn durchstochen haben, und wehklagen werden seinetwegen alle Stämme des Landes“ (V. 7). Das hat nichts mit seinem Kommen für uns zu tun. Doch nachdem unsere Freude und Danksagung zu Jesus hin ausgeströmt sind, folgt dem Lobgesang, der, ich möchte sagen, unwillkürlich bei der Erwähnung seines Namens aus dem Herzen hervorbricht, ein Zeugnis an die anderen. Es spricht von Christus, wie Er im Gericht kommt. Er wird von jeder Seele gesehen werden zum – falls es da einen Unterschied geben sollte – besonderen Entsetzen derjenigen, die Ihn durchstochen haben (das sind die Juden). „Ja, Amen.“

„Ich bin das Alpha und das Omega, spricht der Herr, Gott, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige“ (V. 8). Er ist der Erste und der Letzte, Der in sich selbst alles umfasst, was seine Gedanken mitteilen, welche alles enthalten, was dem Menschen gegeben werden kann. Er ist es, der hier spricht: Der Herr, Gott, der Ewige. Er legt von Anfang an sein Siegel auf dieses Buch.

Danach beschreibt Johannes sich selbst in einer Weise, die dem Zeugnis, das er mitteilen soll, entspricht. „Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse in der Drangsal und dem Königtum und dem Ausharren in Jesu, war auf der Insel, genannt Patmos, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen“ (V. 9). Einer geistlichen Gesinnung muss einsichtig sein, wie bemerkenswert passend hier alles in Bezug auf das ist, was später herausgestellt werden soll. Das ganze Buch setzt voraus, dass die Erlösten sich in Leiden befinden, und zwar vor allem in Form von Verfolgung. Dabei wird ihre geistliche Erfahrung eher in Übereinstimmung mit Christi Reich gebildet als in Hinsicht auf seinen Leib, die Kirche. Dennoch leiden sie sicherlich um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Besondere Sorgfalt wird darauf gelegt, uns dieses zu zeigen. Das heißt nicht, dass Johannes persönlich die vollen kirchlichen oder christlichen Beziehungen fehlten. Aber er steht hier stellvertretend als ein Mensch, der sowohl uns selbst als auch andere Gläubige darstellt. Er besaß selbstverständlich alle Vorrechte eines Christen. Er erhielt indessen besondere Mitteilungen von einem ganz anderen Charakter für Erlöste, die uns am Ende dieses Zeitalters folgen sollen. Darum führt er sich hier nicht als ein Mitteilhaber der göttlichen Verheißungen in Christus durch das Evangelium ein, sondern als „Mitgenosse in … dem Königtum und dem Ausharren“ in Christus. Das gilt für uns alle. Doch es steht besonders in Übereinstimmung mit den Leidenden der letzten Tage und stellt Johannes nicht so sehr in Verbindung mit den Christen und der Kirche (Versammlung). So nimmt er selbstverständlich hier den Platz eines Christen ein. Doch dieser wird ausgedehnt in eine Richtung, die anderen Gläubigen zusteht, die sich nicht als Körperschaft in derselben Stellung befinden wie wir selbst. Gleichzeitig wird sorgfältig darauf geachtet, dass keineswegs der Verdacht entstehen kann, er habe sich nicht in dem vollen Genuss seines Platzes in Christus befunden.

Das scheint einer der Gründe zu sein, warum es Gott gefallen hat, die Visionen dieses Buches an des Herrn Tag zu geben. „Ich war an des Herrn Tage im Geiste“ (V. 10). Das ist der kennzeichnende Tag für den Christen. Er ist der Geburtstag seiner charakteristischen Segnung; und er sollte sicherlich die besondere Freude seines Herzens sein. Das gilt nicht zuletzt, weil er der erste Tag ist, der Auferstehungstag der Gnade und neuen Schöpfung, und nicht der siebte Tag der Schöpfungsruhe und des Gesetzes.

An jenem Tag befand sich der inspirierte Schreiber Johannes in der Kraft des Heiligen Geistes, um die Visionen, die er sehen sollte, aufzunehmen und weiterzugeben. „Und ich hörte hinter mir eine laute Stimme wie die einer Posaune.“ Es ist, wie ich denke, bedeutsam, dass die Stimme hinter ihm erschallte. Der Hauptgegenstand jeder Prophetie hätte Johannes eher nach vorne lenken sollen. Aber bevor der Geist Gottes ihn in angemessener Weise in die Visionen von der Zukunft einführen konnte, musste eine rückblickende Übersicht gegeben werden. Außerdem musste er im Geist sein, sowohl um jegliche Eindrücke von äußeren Gegebenheiten auszuschließen, als auch einen Eingang in alles zu verschaffen, was Gott offenbaren wollte. Zu allererst müssen wir indessen beachten, dass es der Tag des Herrn war. Als zweites sehen wir: Bevor Johannes gezeigt wurde, was voraus lag, musste er sich der Stimme hinter ihm zuwenden und lernen, wie der Herr das beurteilte, was seinen Namen auf der Erde trug.

Lasse die eröffnenden Worte weg2 und beginne mit: „Welche sprach: Was du siehst, schreibe in ein Buch und sende es den sieben Versammlungen“! (V. 11). Die Stimme hinter Johannes bezieht sich ausschließlich auf die sieben Versammlungen. Wenn andere Gegenstände eröffnet werden sollen, sagt die erste Stimme zu ihm, die er wie eine Posaune hörte: „Komm hier herauf!“ (Off 4,1). Dort hören wir nichts von einer Stimme hinter ihm. Johannes schreitet voran, um in die Zukunft zu blicken. Doch zuvor musste es eine rückblickende Übersicht geben, in welcher der Herr sein Urteil über das gab, was den Namen „Christenheit“ auf der Erde trug. „Was du siehst, schreibe in ein Buch und sende es den sieben Versammlungen: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamus und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodicäa. Und ich wandte mich um, die Stimme zu sehen, welche mit mir redete, und als ich mich umgewandt hatte, sah ich sieben goldene Leuchter.“ Später wird uns gesagt, was letztere bedeuten.

Als nächstes wird „Einer“ wie der Sohn des Menschen „inmitten der sieben Leuchter“ (V. 13) gesehen, welche wie uns gesagt wird, sieben Versammlungen darstellen. Doch diese werden entsprechend den Gedanken des Herrn über sie gezeigt als ein Maßstab göttlicher Gerechtigkeit. Das ist der Grund, warum sie golden sind. Dieser Maßstab ist nicht nur allgemein und ständig gültig, sondern auch auffällig kennzeichnend für die Schriften des Johannes. Zum Beispiel ist der Standard eines Christen in keinster Weise das Gesetz (das galt für die Juden). Der Maßstab ist für uns Christus selbst; und ohne Verlust kann es nichts anderes sein. „Wer da sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln“ (1. Joh 2, 6). Wie? – Wie ein Israelit? – Keinesfalls! Der Christ sollte sich daran erinnern, dass er ein himmlischer Mensch ist und nicht ein irdischer. Er „ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er [Christus] gewandelt hat.“ Er steht nicht unter dem Gesetz, sondern unter Gnade. Der Grund dafür ist offensichtlich, weil die Art, in der wir zum Wandeln berufen sind, immer dem Platz und den Beziehungen entspricht, in denen wir stehen. Nichts könnte einfacher sein. Bin ich ein Knecht, sollte ich mich wie ein Knecht verhalten. Bin ich ein Herr, würde das Verhalten, das zu einem Knecht passt, mir nicht zustehen. Eine Vermischung der Beziehungen ist stets falsch. Falls wir sie missachten, folgt Verlust. Ihr Leugnen ist verderblich. In jeder Stellung, in die wir gesetzt sind – egal, wo oder wie – finden wir nämlich immer die gnädige Kraft Gottes als unsere Hilfsquelle. Aber sie wird dargereicht, um eine Person in einem Wandel in Übereinstimmung mit der Beziehung, in welche Gott sie hineinzusetzen geruhte, aufrechtzuerhalten.

Ich spreche jetzt nicht von menschlichen Konventionen (Übereinkommen). Das Leben in Christus nimmt uns, wo geistliche Erkenntnis vorliegt, dem Grundsatz nach aus den Eitelkeiten der Welt heraus. Es mag gut sein, diese Bemerkung hier zu machen, weil ein Christ vielleicht sagt: „Da ich ein Gentleman bin, muss ich wie ein solcher wandeln – und zwar umso mehr, weil ich Christus besitze.“ Aber nein, das passt nicht zu Christus. Wandelte Er in dieser Weise? Sollst du nicht wie Er wandeln? Sinkst du nicht mit dieser Einstellung auf die Ebene der Welt hinab? Ziehst du nicht Vorteil aus deiner irdischen Stellung, um jenem Teil auszuweichen, zu welchem Christus dich berufen hat? – Wir wissen, wie bereitwillig das Herz dadurch dem entgehen kann, was in Wirklichkeit den Segen des Zeugnisses ausmacht, welches der Herr in unsere Hände gelegt hat. Ist das Christus? – Wir sprechen jetzt von dem, in das Christus uns hineingeführt hat und nicht über die menschliche Natur und ihre Wünsche und Gefühle. Besäßen wir ausschließlich die Natur, wäre eine solche Denkweise verständlich. Wenn du jedoch den Sohn Gottes gesehen und an Ihn geglaubt hast – wenn du durch die Gnade dasselbe Leben besitzt, das sich in Ihm befindet, sodass für dich gilt „was wahr ist in ihm und in euch“ (1. Joh 2,8), kann für dich als Christ kein anderer Maßstab passend sein, der geringer ist als Christus selbst.

So ist es also mit den sieben goldenen Leuchtern. Alles muss nach den Gedanken Gottes und entsprechend dem Platz, auf den Er die Versammlungen gestellt hat, bewertet werden, wie es hier geschieht. Die Übereinstimmung mit Ihm als dem in Christus geoffenbarten Gott ist ihr Grundsatz. Darum erscheinen sie als goldene Leuchter.

Aber Johannes sah „inmitten der [sieben] Leuchter einen gleich dem Sohne des Menschen, angetan mit einem bis zu den Füßen reichenden Gewande“ (V. 13). Wir erkennen nicht das Zeichen von einer Tätigkeit im Dienst. Sein Gewand ist nicht geschürzt, wie oft angemerkt wird. Der Sohn des Menschen wird gesehen, bekleidet mit einem herabfallenden Gewand, das bis zu den Füßen reicht. Außerdem ist Er „an der Brust umgürtet mit einem goldenen Gürtel; sein Haupt aber und seine Haare weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme, und seine Füße gleich glänzendem Kupfer, als glühten sie im Ofen, und seine Stimme wie das Rauschen vieler Wasser; und er hatte in seiner rechten Hand sieben Sterne, und aus seinem Munde ging hervor ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht war, wie die Sonne leuchtet in ihrer Kraft.“

Wir müssen hier beachten, dass Christus unter einem richterlichen Gesichtspunkt gesehen wird. Von Ihm wird als Sohn des Menschen gesprochen, und, wie wir wissen, ist das seine Stellung, in welcher Ihm die Gewalt gegeben ist, jegliche Art von Gericht auszuüben. So wird ausdrücklich im Johannesevangelium gelehrt (Joh 5). Doch zudem verrät Johannes noch eine weitere Eigenschaft, welche auffallend zu ihm als dem Schreiber passt. Die Person, welche als Sohn des Menschen dargestellt ist, wird in Wirklichkeit mit jenen Kennzeichen beschrieben, die ausdrücklich zum „Alten an Tagen“ (Dan 7) gehören. Daniel sieht auf der einen Seite den „Alten an Tagen“; der Sohn des Menschen steht Ihm gegenüber. Hingegen schaut Johannes den Sohn des Menschen mit den Wesenszügen des „Alten an Tagen“. Er ist ein Mensch. Aber der Mensch, der damals und auf diese Weise gesehen wurde, ist eine göttliche Person, der ewige Gott selbst. Nun frage ich jede aufrichtige Gesinnung: Zu wessen Schreibweise passt diese Gleichsetzung der beiden Naturen besser als zu dem Schreiber, dessen Schrift wir gerade lesen? Zweifellos muss Christus, sittlich gesprochen, unbedingt Gericht ausüben. Doch Johannes konnte seine göttliche Herrlichkeit keineswegs aus dem Blick verlieren sogar dort, wo es sich um das Gericht handelt und das Königreich überall in den Vordergrund tritt.

Noch etwas ist bemerkbar, wenn wir uns das anschauen, was hier gesagt wird. Eine dreifache Herrlichkeit Christi wird gezeigt – seine persönliche Herrlichkeit, seine Herrlichkeit in Beziehung auf anderes und zuletzt seine amtliche Herrlichkeit. Aber wir finden noch mehr. Johannes sagt: „Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot. Und er legte seine Rechte auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte“ (V. 17). Solche Ausdrücke passen ausschließlich zu einer göttlichen Person. Der Erste ist notwendigerweise Gott; und der Erste muss, indem Er Gott ist, auch der Letzte sein. Jesus sagt, dass Er selbst selbst beides ist – ja, mehr als das, Er ist „der Lebendige, und ich war tot“ (V. 18). Dieser Ausdruck zeigt die nachdrücklichste Weise, den Gegenstand zu behandeln. Es wird nicht einfach davon gesprochen, dass Er starb. Das sagt Er hier nicht, obwohl es anderswo – und sehr richtig – gesagt wird. Jesus sagt nämlich, dass Er tot wurde [siehe Fußnote zum Bibelvers!; Übs.]. Das deutet anscheinend auf seine Freiwilligkeit bei seinem Tod hin. Tatsächlich wurde Er etwas, das nicht sein persönliches Teil war und das, kurz gesagt, vollkommen unvereinbar mit jener herrlichen Person zu sein schien, die bisher beschrieben wurde. Das liegt sozusagen in der Besonderheit der benutzten Worte. So sorgfältig ist der Heilige Geist, wenn Er über die Herrlichkeit Christi wacht, selbst dort, wo von den Tiefen seiner Erniedrigung berichtet wird. „Ich war tot [schreibt also Johannes], und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Wir müssen hier das Wort „Amen“ weglassen3; es ist unecht und verdirbt nur den Sinn der Aussage.

Ich möchte an dieser Stelle ein– für allemal meine Hoffnung aussprechen, dass meine Leser immer voraussetzen, dass ich vom Bibeltext auf der Grundlage der ältesten und besten Autoritäten rede. Es gibt entschiedene Beweise überzeugendster und ausreichender Art für die Einfügungen, Auslassungen und Veränderungen, die von Zeit zu Zeit erwähnt werden. Denke nicht, dass es sich dabei um willkürliche Neuerungen handelt! Die wahren Neuerer sind diejenigen, welche durch Unachtsamkeit oder absichtlich von den Worten des Heiligen Geistes abgewichen sind. Folglich wäre es jetzt Willkür, wenn wir an dem festhalten würden, was nicht genügend Autorität besitzt gegen das, was so gewiss ist, wie nur irgend etwas sein kann. Der Fehler besteht demnach nicht darin, den am besten gestützten Text zu suchen, sondern der Überlieferung zu erlauben, uns mit vergleichsweise modernen und sicherlich verdorbenen Lesarten zu verbinden. Wir sind in allem verpflichtet, an den besten Autoritäten festzuhalten. So sagt unser Herr in den nächsten Worten in Wirklichkeit: „Ich … habe die Schlüssel des Todes und des Hades.“ Nicht der gewöhnliche Text4, sondern dieser hier gibt die richtige Reihenfolge. Niemand gelangt in den Hades, bevor er gestorben ist. Der Tod bezieht sich auf den Leib, der Hades auf den abgeschiedenen Geist.

„Schreibe nun, was du gesehen hast, und was ist, und was nach diesem geschehen wird“ (V. 19). Das gibt uns offensichtlich die dreifache Einteilung des Buches der „Offenbarung“, die fast jedem Leser vertraut ist. Was Johannes gesehen hatte, war die Herrlichkeit Christi in Beziehung zu diesem Buch, wie sie im ersten Kapitel beschrieben wird und womit wir uns schon beschäftigt haben. Das, „was ist“, stellt uns den bis in unsere Zeit reichenden Zustand vor, der in den Sendschreiben an die sieben Versammlungen geschildert wird. Die Ausdrucksweise ist sehr auffallend, weil sie zwanglos voraussetzt, dass die Versammlungen durchlaufend bestehen bleiben sollten. Wir können heutzutage sehen, warum es so ist. Es ist sehr gut möglich, dass zu der Zeit, als die Briefe in den Tagen des Johannes ausgesandt wurden, kein besonderer Nachdruck auf die Worte „was ist“ gelegt wurde. Aber angesichts dessen, dass die geschilderten Zustände von jenen Tagen an bis in die Gegenwart weiter bestanden haben, können wir die große Tragweite erkennen, welche dieser Ausdruck dadurch gewonnen hat.

Gleichzeitig liefert es eine andere Sichtweise auf dieses Buch, wenn wir „was ist“ als schon vorüber und vorbei betrachten. Ich bezweifle nicht, dass Gott dieses beabsichtigte. Auf diese Weise erhalten wir einen doppelten Blickwinkel bei der Betrachtung des Buches. Ich habe nicht vor, ausführlicher auf diese Betrachtungsweise einzugehen und die Versammlungen als schon vergangen und auf die Weissagung als damals abgelaufen zu blicken. Ich erwähne diese Tatsache indessen, weil es mir der Wahrheit angemessen erscheint, sowohl die eine als auch die andere Sichtweise zu nennen.5

Dementsprechend handelt es sich bei dem, „was nach diesem geschehen wird“, um eine Zeit, in welcher der kirchliche Zustand nicht länger gilt.

„Was nach diesem geschehen wird“ muss als die wahre Übersetzung der Worte anerkannt werden. „Danach“ wäre zu unbestimmt; „nach diesem“ macht die Aussage genau und ist auch die eindeutige, buchstäbliche Bedeutung.

„Das Geheimnis der sieben Sterne, die du in meiner Rechten gesehen hast, und die sieben goldenen Leuchter: Die sieben Sterne sind Engel der sieben Versammlungen, und die sieben Leuchter sind sieben Versammlungen“ (V. 20). In jedem Brief redet der Herr „den Engel“ an. Wer oder was ist dieser? – Wir hören nirgendwo von „Engel“ als einem förmlichen Titel in den normalen Anordnungen des Neuen Testaments. Es ist indessen keinesfalls erstaunlich, dass er hier erscheint, wo wir Außergewöhnliches finden. „Engel“ ist ein Ausdruck, der zu einem solchen prophetischen Buch wie die „Offenbarung“ passt. Spricht er von dem, was wir gewöhnlich als Engelwesen bezeichnen? – Ich nehme an, dass diese nicht gemeint sind, wenn von den „Engeln der Versammlung“ gesprochen wird. Wenn wir von dem apokalyptischen Engel des Feuers lesen (Off 14,18), verstehen wir dieses durchaus; und wenn wir vom Engel Jesu Christi wie anderswo [im Alten Testament; Übs.] vom Engel Jahwes hören, finden wir darin keine unüberwindliche Schwierigkeit. Doch es ist etwas anderes, wenn wir vom Engel dieser oder jener Versammlung erfahren.

Kurz gesagt, wir verstehen durchaus, wenn ein Engel benutzt wird – ein echtes Engelwesen – als Träger der Mitteilungen zwischen dem Herrn und seinem Knecht Johannes. Es wäre indessen seltsam, wenn wir annehmen müssten, dass sein Knecht Johannes einen Brief von Christus an einen buchstäblichen Engel schreiben sollte. In diese Schwierigkeiten stürzen sich jene, die annehmen, dass hier ein Engelwesen gemeint sei. Ich glaube nicht daran. Mir scheint die Bedeutung vorzuliegen, dass „Engel“ hier im Sinn von Stellvertreter (Repräsentant) gebraucht wird – sei er ein Engelwesen oder nicht. Der Herr folgt in Verbindung mit den Versammlungen diesem allgemeinen Grundsatz. Ein „Engel“ steht an dieser Stelle für (menschliche oder nicht–menschliche) Stellvertretung. Ein gedachter (ideeller) Vertreter für jede Versammlung ist gemeint. In gewissen Fällen wissen wir, dass von einem buchstäblichen Vertreter die Rede ist. Zum Beispiel geschah, als Johannes des Täufers einige seiner Jünger sandte, eine solche Stellvertretung seiner Gedanken durch Menschen.6 Die Jünger gingen hin und brachten die Botschaft dessen, dem sie nachfolgten. Aber wir müssen eine etwas andere Form der Stellvertretung annehmen, wenn es sich um Versammlungen handelt, welche, soweit wir wissen, keine Boten ausgesandt haben.

Falls wir demnach auf die abstrakte Natur des Engels einer Versammlung blicken – worauf weist dieser Ausdruck hin? – Ich nehme an darauf: Der Herr hatte nicht notwendigerweise einen Ältesten oder Lehrer im Blick, sondern jemand, der vielleicht das eine oder andere oder auch beides war – jemand, der nach seinen Gedanken wirklich repräsentierte und dem in besonderer Weise die Verantwortlichkeit für den Zustand der Versammlung auferlegt war. Wer immer das sein mochte (eine oder vielleicht mehrere Personen), ist hier mit „Engel“ gemeint.

Fußnoten

  • 1 Wie in der englischen „Authorized Version“ und der „Lutherbibel“ bis wenigstens 1960 (Übs.).
  • 2 In der „Luther-Bibel“ bis wenigstens 1960 steht am Anfang des Verses: „Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte“ (Übs.).
  • 3 wie es die gebräuchliche englische „King-James-Bible“ enthält. (Übs.).
  • 4 Die „King-James-Bible“ und die „Luther-Bibel“ bis wenigstens 1960 geben: „Ich habe die Schlüssel der Hölle und des Todes“, die „Luther-Bibel“ ab 1984: „Ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle“ (Übs.).
  • 5 Es geht darum, daß es damals Versammlungen gab, die sich in den geschilderten Zuständen befanden. Das hat natürlich unmittelbaren praktischen Bezug auf Versammlungen zu aller Zeit bis in die Gegenwart (Übs.).
  • 6 In Lukas 7, 24 werden die Boten des Johannes im Griechischen mit dem Wort für „Engel“ bezeichnet (Übs.).
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