Die Offenbarung

Kapitel 1

Die Offenbarung

Es ist die „Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gab“, das heißt die Enthüllung von Ereignissen, die zukünftig sind, denn der einfache Sinn von „Offenbarung“ oder „Apokalypse“ ist „Enthüllung“. Es ist natürlich wahr, daß die Enthüllung dieser kommenden Dinge von der Enthüllung oder Offenbarung Jesu Christi in Seiner Herrlichkeit abhängt, aber die hauptsächliche Bedeutung liegt darin, daß Gott Jesus die Offenbarung des künftigen Geschehens gab, damit Er sie Seinen Knechten zeigen könnte. Jeder Satz dieses ersten Verses verdient unsere ganze Aufmerksamkeit.

Bemerkenswert ist zunächst einmal, daß es von dieser Offenbarung heißt, daß sie Jesus gegeben wurde, und nicht, daß Er sie hervorgebracht habe. Er wird dann vorgestellt als der Diener des göttlichen Willens und Vorsatzes, so wie wir Ihn im Markusevangelium sehen, und in diesem Evangelium finden wir auch die Stelle, wo Er sagt, daß Er Tag und Stunde Seiner Ankunft nicht kenne (Mk 13,32). Auch hier ist Er der Diener Gottes, der zukünftige Ereignisse bekanntmachen soll, wie sie Ihm selbst gegeben wurden. Außerdem spricht Johannes, der von Ihm die Offenbarung empfing, von sich selbst nicht als Apostel, sondern als Knecht, und die, denen sie anvertraut wird, werden hier nicht Heilige genannt, sondern ebenfalls Knechte. Es war eine Zeit, wo der Abfall sich deutlich abzuzeichnen begann. Während nun Botschaften an die Versammlungen gerichtet wurden – die diese Entwicklung ebenfalls erkennen lassen –, wird doch die Offenbarung solchen gegeben, die wirklich Knechte Gottes sind und sie deshalb auch wertschätzen. Es ist eine bis heute zu beobachtende Tatsache, daß Menschen, die lediglich unbekehrte Bekenner Christi sind, das Buch der Offenbarung in Verruf bringen, wenn sie es nicht gar lächerlich machen. Und weltlich-gesinnte Gläubige machen sich nichts daraus. Sie kümmern sich nicht darum.

Ein weiteres Kennzeichen ist die indirekte Art der Offenbarung. Gott gab sie Jesus, und Jesus zeigte sie dem Johannes, nicht unmittelbar, sondern durch Seinen Engel. Auch erklärte Er sie nicht: Er hat sie ihm „gezeigt“ oder, wie die Fußnote sagt, „bezeichnet“ oder „durch Zeichen kundgetan“. Im Johannesevangelium steht das Wort „Zeichen“ für Wunder. Das hier gebrauchte Verb hat dieselbe Wurzel. Er gibt dem Johannes diese Dinge durch Zeichen, und genau darin liegt der Charakter dieses Buches. Die Weissagung wird nicht wie an anderen Stellen in klarer buchstäblicher Rede übermittelt, sondern in Symbolen oder Zeichen. All dies zielt sicherlich darauf ab, uns Zurückhaltung und Distanz in der Art der Offenbarung fühlen zu lassen, was gegenüber dem traurigen Verfall, der in der Kirche bereits begonnen hatte, durchaus angemessen war. Wie verschieden davon war die Art früherer Offenbarungen an Paulus, wie z.B. in Apostelgeschichte 26,16-18; 2. Korinther 12,1-4 und 1. Thessalonicher 4,15-17.

Die bezeichneten Dinge sind von der Art, daß sie „bald geschehen müssen“. Dieser Ausdruck ist hilfreich zur Begründung der Tatsache, daß die Sendschreiben an die Versammlungen in den Kapiteln 2 und 3 eine prophetische Bedeutung haben. Was durch die Versammlung in Ephesus verdeutlicht wurde, war in seinen Anfängen eingetreten, als Johannes diese Weissagung empfing, die uns geradewegs weiterführt bis zum Kommen des Herrn und sogar bis zum ewigen Zustand. Auch wird der Leser durch diesen Ausdruck gewarnt, sich dieser Weissagung gegenüber so zu verhalten wie einst die Juden gegenüber den Prophezeiungen Hesekiels. Sie sagten damals: „Das Gesicht, das dieser schaut, ist auf viele Tage hin; und auf ferne Zeiten hin weissagt er“ (Hes 12,27). Es ist eine unausrottbare Neigung unserer Herzen, sich der wirksamen Kraft des Wortes Gottes zu entziehen, nicht durch Leugnen, wohl aber, indem wir es in eine so ferne Zukunft verweisen, daß man es jetzt bequemerweise unbeachtet lassen kann.

Nachdem Johannes die Offenbarung empfangen hatte, bezeugte er sie, und er beschreibt sie auf dreifache Weise. Sie ist „das Wort Gottes“, und diese Tatsache bekleidet das Buch sogleich mit voller Autorität und stellt es ebenbürtig an die Seite der übrigen Heiligen Schriften. Dann ist sie „das Zeugnis Jesu Christi“ – später wird uns gesagt, daß dieses Zeugnis „der Geist der Weissagung“ ist (19,10). Dieses Zeugnis tut kund, daß der Jesus, der litt und hier zu nichts gemacht wurde, der kommende Herr aller Dinge im Himmel und auf der Erde ist und daß alle Macht und Herrschaft, Kraft und Herrlichkeit in Seinen Händen liegt. Er wird Gericht ausüben und alle Pläne Gottes zur Ausführung bringen. Dies nun ist der Geist der Weissagung. Indem wir das Feld der Prophezeiung überschauen, entfaltet sich vor unseren Augen ein großartiges Schauspiel. Wir sehen Tiere und Babylon und andere antichristliche Mächte, aber wenn wir sie nicht in Beziehung zu dem Zeugnis Jesu sehen, werden wir ihre eigentliche Belehrung und Kraft verfehlen. Drittens beschreibt er „alles, was er sah“, denn die Offenbarung erreichte ihn in der Form von Gesichten. Die Worte „Und ich sah“ oder „Und ich schaute“ kommen oft in dem Buch vor.

Dann wird dem, der die Worte der Weissagung liest, der sie hört und der sie bewahrt, ein besonderer Segen zugesprochen. Laßt uns wohl beachten, daß wir diese Mitteilung bewahren, das heißt beachten sollen. Das zeigt uns an, daß die Weissagung einen machtvollen Einfluß auf uns ausüben soll. Sie soll unseren Geist erleuchten und unsere Schritte leiten. Es geht nicht hauptsächlich darum, daß wir fähig sind, jedes Symbol genau zu erklären oder jedes „Tier“ oder jede „Heuschrecke“ mit Sicherheit zu identifizieren; aber wir sollten uns klarmachen, wie alle diese Figuren in diesem traurigen Drama der Empörung und des Gerichts des Menschen den dunklen Hintergrund für die Herrlichkeit des kommenden Herrn bilden und daß dies alles die Absonderung unserer Herzen von dem gegenwärtigen bösen Zeitlauf bewirken soll. In dieser Weise sollen wir das, was geschrieben ist, „bewahren“.

Johannes richtet das Buch an die sieben Versammlungen in Asien, wie Vers 4 sagt. In diesen sieben Versammlungen wurde die ganze Kirchengeschichte abgebildet, wie die Kapitel 2 und 3 zeigen. Deshalb können wir das Buch ansehen als gerichtet an die ganze Kirche während der Jahrhunderte ihres Aufenthalts in dieser Welt. Gnade und Friede, wie sie in diesen Begrüßungsworten enthalten sind, gelten in diesem Sinn der ganzen Kirche.

Gnade und Friede gehen aus von den drei Personen der Gottheit, doch jede der drei wird in einer im übrigen Neuen Testament nicht üblichen Weise umschrieben. Zuerst haben wir Gott in Seiner unwandelbaren Größe: Er IST ewig und unveränderlich; was die Vergangenheit betrifft, war Er, und im Blick auf die Zukunft ist Er der Kommende. Er thront daher über den Stürmen, die wir in diesem Buch auf der Erde und sogar in den Himmeln wüten sehen werden.

Die zweite genannte Person ist der Heilige Geist. Er wird hier nicht als der eine Geist der Briefe dargestellt, sondern als „die sieben Geister“, vermutlich eine Anspielung auf Jesaja 11,2. In unserem Vers sind sie „vor seinem Thron“, gleichsam bereit, in der Regierung über die Erde zu handeln. Der Geist ist einer was seine Person betrifft, und diese Tatsache wird stark betont in Verbindung mit der Bildung der Kirche und seiner Wirksamkeit dabei, wie wir in 1. Korinther 12 sehen. Doch in seiner mit der Regierung verbundenen Wirksamkeit wird Er in siebenfacher Weise gesehen, und die abschließenden Maßnahmen der göttlichen Regierung werden in diesem letzten Buch der Bibel betrachtet.

Drittens gehen Gnade und Friede aus von Jesus Christus, der in dreifacher Weise vorgestellt wird. Er ist der treue Zeuge, im Gegensatz zu allen anderen, die Zeugnis von Gott gegeben haben. Sie haben alle irgendwo gefehlt. In Ihm ist Gott selbst völlig kundgemacht und alle Wahrheit in völliger Unversehrtheit zur Geltung gebracht worden. Wenn wir Ihn so betrachten, müssen unsere Gedanken vornehmlich in die Vergangenheit zurückgehen.

Doch ist Er auch der Erstgeborene der Toten, und diese Auszeichnung kennzeichnet Ihn in der gegenwärtigen Zeit. Die Kirche ist auf Ihn als den aus den Toten Auferstandenen gegründet. In der Tat war es erst nach Seiner Auferstehung und Seiner Himmelfahrt, daß der Heilige Geist ausgegossen wurde und die Kirche gebildet werden konnte. Drittens ist Er dann der Fürst der Könige der Erde. Er trägt diesen Titel bereits jetzt, doch Er wird diesen Platz erst bei Seinem zweiten Kommen öffentlich einnehmen, so daß, wenn wir Ihn so sehen, unsere Gedanken in die Zukunft gehen. Wie steht Er vor uns in Seiner umfassendsten Bedeutung – gestern, heute und in Ewigkeit. All das ist Er, und all das würde Er sein, selbst wenn kein Mensch das Heil durch Ihn erlangt hätte.

Doch wir haben durch Ihn eine ewige Segnung empfangen, und deshalb kennen wir Ihn in sehr vertrauter Weise, die hier sogleich einen Lobpreis hervorruft. Er liebt uns und hat diese immerwährende Tatsache zuerst durch ein Werk der Reinigung bekundet, indem Er uns von unseren Sünden gewaschen hat in Seinem Blut, und dann durch ein Werk der Erhöhung, indem Er uns gemacht hat zu einem Königtum, zu Priestern Seinem Gott und Vater. Nur als solche, die von ihren Sünden gewaschen sind, konnten wir in diese Stellung eingeführt werden, und es ist beachtenswert, daß unmittelbar nach der Erwähnung unserer christlichen Segnungen Gott uns in dem Licht vorgestellt wird, in dem wir Ihn kennen – als der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus und nicht als der ICH BIN wie in Vers 4.

Als solchen dürfen wir Ihn durch Gnade kennen, und Ihm allein sprechen wir Herrlichkeit und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit zu. Nach Herrlichkeit und Macht haben gefallene Menschen seit je gestrebt. Keiner von ihnen war würdig, sie zu empfangen; und wo einige sie in gewissem Maß erlangt haben, da war nichts als Unterdrückung der Massen und zuletzt auch Unheil für sie selbst die Folge. Hier endlich ist einer ihrer würdig, und Er übt sie aus zur Ehre Gottes und zum Segen der Menschen – würdig ebenso aufgrund dessen, wer Er ist, wie auch aufgrund dessen, was Er getan hat. Es ist bemerkenswert, daß wir genau dieselben Worte in 1. Petrus 5,11 haben. Was dort dem „Gott aller Gnade“ zugeschrieben wird, wird hier Jesus Christus zuerkannt: ein sehr klarer Beweis dafür, WER Er wirklich ist.

Vers 7 teilt uns in knapper Form das wesentliche Thema dieses Buches mit. Die Vollendung wird angekündigt, bevor wir die Wege sehen, die dazu führen. Dasselbe Merkmal kennzeichnet viele Psalmen im Alten Testament. Die öffentliche und herrliche Erscheinung Christi wird alles zur Entscheidung bringen. Jedes Auge wird Ihn in Umständen sehen, die Seine Göttlichkeit entfalten, denn Er ist Jehova, „der Wolken zu seinem Gefährt macht, der da einherzieht auf den Fittichen des Windes“ (Ps 104,3). Sacharja hatte verkündet: „Sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben“ (12,10), und dies wird sich erfüllen. Er hatte auch wissen lassen, daß es solche in Israel geben würde, die die Ungeheuerlichkeit ihrer nationalen Sünde in Seiner Verwerfung sähen und darüber in tiefer Buße bitterlich leidtrügen. Unser Vers erklärt, daß alle Geschlechter der Erde Seinetwegen wehklagen werden, offensichtlich nicht in Reue, sondern weil ihr Schicksal besiegelt ist und sie es wahrnehmen. Darin liegt ein klarer Beweis, daß die Welt sich nicht etwa als Vorbereitung auf Sein Kommen bekehren wird.

In Vers 8 heißt es ausdrücklich „Herr, Gott“ und nicht nur „Herr“. Deshalb hören wir hier die Stimme Gottes, des Allmächtigen, des ewig Seienden, der die Ankunft zu ihrer bestimmten Zeit verbürgt. Jesus Christus wird gesehen, worauf wir schon hingewiesen haben, als der heilige und vollkommene Knecht Seiner Herrlichkeit, der verherrlichte Mensch, durch den Er die Welt in Gerechtigkeit regieren wird. Nichts kann möglicherweise den besiegen, der der Anfang und das Ende aller Dinge ist.

Was wir bis jetzt vor uns hatten, können wir die Einleitung nennen. Von Vers 9 an bis zum Ende des Kapitels haben wir den Bericht des Johannes über die Vision, die der Herr ihm gezeigt hat und aus der die Abfassung dieses Buches hervorging. Indem er sie genau wiedergibt, stellt er sich selbst nicht als Apostel vor, sondern als Bruder derer, an die er schrieb, und als Mitgenosse in ihren damaligen Bedrängnis und in dem Ausblick auf die Zukunft. Dies ist die Zeit der Trübsale für die Heiligen hier auf der Erde und die Zeit des Ausharrens für den verherrlichten Christus im Himmel. Er wartet mit Ausharren auf die Stunde, wo Er Sein Königtum antreten wird. Wir werden aufgefordert, an dem gleichen Ausharren teilzunehmen, wie wir in Kapitel 3,10 sehen werden und wie es auch schon der Apostel Paulus in 2. Thessalonicher 3,5 beschrieben hat.

Um die Zeit litt Johannes Trübsal durch seine Isolation. Verbannt auf die Insel Patmos, war er von all seinen Mitgläubigen abgeschnitten, doch er war in keiner Weise von Seinem Herrn getrennt. An einem gewissen ersten Tag der Woche, dem Tag des Herrn, wurde er durch die besondere Kraft des Heiligen Geistes Gottes in einen Zustand versetzt, der ihn befähigte, himmlische Dinge zu sehen und zu hören. Es ist gut, wenn wir uns daran erinnern, daß, obgleich wir dessen nie bedurften und deshalb auch nie unter eine solche besondere Einwirkung des Geistes gekommen sind, es doch nur durch das einfache Handeln und die Energie des Geistes ist, wenn wir etwas von den göttlichen Dingen wahrnehmen und erfassen.

Er erzählt uns zuerst, was er hörte. Eine machtvolle Stimme mit Autorität gebot ihm, in ein Buch zu schreiben, was zu sehen er im Begriff stand, und es sieben ausgewählten Versammlungen in Kleinasien zu senden. So wurde Johannes zu einem Seher bestimmt. Auch wurde ihm die göttliche Absicht mitgeteilt, daß die Offenbarung, die er jetzt empfangen sollte, in einem Buch zu verwahren sei. In ihrem Eifer, sich einer niedergeschriebenen Offenbarung Gottes zu entledigen, bringen Menschen die Schriften in Verruf und klagen die des „Buchstabenglaubens“ an, die die Bibel gelten lassen und sie als Gottes Wort ehren. Sie möchten gern, daß wir eine Offenbarung in Buchform als etwas ansehen, das unter der Würde Gottes ist. Im Gegensatz dazu urteilen wir, daß sie genau Seinem Handeln mit den Menschen angemessen ist, die Er mit der Befähigung ausgestattet hat, zu lesen und zu schreiben, und die gelernt haben, mit Hilfe von Büchern diese Kenntnis von Generation zu Generation weiterzugeben. Die sieben Versammlungen sollten das Buch haben, und das, was sie symbolisierten – die ganze Kirche durch die Jahrhunderte, bis der Herr kommt –, sollte es auch haben.

Die sieben Versammlungen, ob wir sie nun historisch oder prophetisch betrachten, unterschieden sich in ihrem Charakter und Zustand beträchtlich voneinander, dennoch würde die gleiche Offenbarung der künftigen Ereignisse für jede von ihnen heilsam sein. Mögen doch die, die das Studium der Prophetie herabsetzen, dies zur Kenntnis nehmen! Was auch immer unser geistlicher Zustand als Individuen sein mag, es wird zu unserer Gesundheit und zu unserem Segen dienen, wenn wir ein klares Verständnis der ernsten Gerichtsszenen gewinnen, durch die Gott im Begriff ist, die traurige Geschichte der Erde zu einem triumphalen Abschluß zu bringen.

Als Johannes diese kraftvoll gebietende Stimme wie die einer Posaune hörte, wandte er sich um und sah eine majestätische Person, von der die Stimme ausgegangen war. Und so stand er Auge in Auge mit seinem Herrn, gefesselt von dem Anblick dessen, den er einst auf der Erde so gut gekannt hatte, der sich aber jetzt in einem Charakter und in einer Umgebung zeigte, die ihm gänzlich neu waren.

Der Herr Jesus stellte sich dem Johannes dar als einer „gleich dem Sohn des Menschen“. Für Johannes war das kein unbekannter Titel, denn in den Tagen Seines Fleisches hatte Jesus so von sich selbst gesprochen. Neu jedoch war die Tatsache, daß der Sohn des Menschen die Umstände Seiner Erniedrigung mit denen Seiner Herrlichkeit vertauscht hatte. Johannes hatte gerade den Auftrag erhalten, das, was er sah, in ein Buch zu schreiben, und dem kam er gewissenhaft nach. Im Verlauf dieses Buches beschreibt er eine Menge von Dingen, die er in seinen Visionen schaute, aber alle diese Dinge hängen ab von dieser ersten gewaltigen Vision des Sohnes des Menschen in Seiner richterlichen Herrlichkeit. Der Herr hatte selbst gesagt, daß der Vater Ihm Gewalt gegeben habe, Gericht zu halten, „weil er des Menschen Sohn ist“ (Joh 5,27).

Die Beschreibung, die uns in den Versen 13-17 gegeben wird, spricht in allen Einzelheiten von Gericht. Einst hatte sich Johannes an die Brust Jesu gelehnt, jetzt sieht er diese Brust auf Abstand; sie ist mit einem goldenen Gürtel umgürtet. Der Anblick Seines Hauptes glich dem des „Alten an Tagen“ in Daniel 7, in dessen Gegenwart das Gericht sich setzte und Bücher aufgetan wurden. Das Auge versinnbildlicht Intelligenz und Scharfsinn; Seine Augen waren wie eine Feuerflamme. Sie beurteilten nicht nur alle Dinge, sondern lösten sie in ihre Elemente auf. Seine Füße, die die Erde berühren und denen alle Dinge unterworfen werden, waren gleich glänzendem Kupfer, als glühten sie im Ofen, ebenso wie einst das Kupfer des Altars unter dem Feuer der Opfer glühte. Seine Stimme verriet Autorität und Majestät, ihr Klang war unwiderstehlich gleich dem donnernden Brausen des Ozeans.

Die rechte Hand spricht ebenfalls von Macht. Seine Zunge war gleich „einem zweischneidigen Schwert“, das heißt, Seine Urteilssprüche hatten alle die unterscheidende und schneidende Kraft des wahrhaftigen Wortes Gottes. Schließlich war Sein Angesicht, wie die Sonne leuchtet in ihrer Kraft, zu strahlend für sterbliche Augen. Kein Wunder, daß in der Gegenwart einer solchen Person – des Sohnes des Menschen, der sich zum Gericht erhebt, bekleidet mit den Insignien und der Herrlichkeit der Gottheit – Johannes wie tot zu Seinen Füßen fiel.

Doch obwohl er ein Knecht war und deshalb Seiner richterlichen Prüfung unterworfen, war Johannes auch ein Gläubiger und von daher ein Gegenstand Seiner Gnade. Seine Gnade ist ebenso groß wie Seine Herrlichkeit. Er legte Seine Rechte, die die sieben Sterne hielt, auf Johannes, um ihn aufzurichten und zu stärken. So konnte er die Gesichte empfangen und aufzeichnen, durch die die Offenbarung übermittelt werden sollte. „Fürchte dich nicht!“ war das Wort, das ihm volle Zuversicht gab.

Die Herrlichkeit des Herrn als Richter war in dem Gesicht vorgestellt worden. Jetzt sind es Seine eigenen Worte, die Seine Herrlichkeit umschreiben, und das in einer dreifachen Weise. Sie ist erstens die Herrlichkeit der Gottheit. Er ist „der Erste und der Letzte und der Lebendige“. Vergleiche dies mit Vers 8, wo der Herr, Gott, der Allmächtige, sich selbst kundgibt als „das Alpha und das Omega“, als Anfang und Ende. Kein anderer als Gott kann „der Erste“ oder „der Anfang“ sein, aber weil Jesus eine Person in der Einheit der Gottheit ist, ist Er Gott.

Zweitens die Herrlichkeit der Erlösung, des Todes und der Auferstehung. Er „war“ oder „wurde“ tot, aber jetzt ist Er „lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Er, der als der allumfassende Richter offenbart ist, hat selbst das Gericht des Todes geschmeckt und hat sich über dessen Macht zu Auferstehungsleben erhoben.

Und drittens dann die Herrlichkeit der Herrschaft. Tod und Hades sind die größten Feinde der sündigen Menschheit, Symbole des Fluches, unter die die Sünde sie gebracht hat. Indem Er die Schlüssel hat, gebietet Er uneingeschränkt über beide. So stellte Jesus sich selbst in Seiner Gottheit dar, und zwar in Seiner Auferstehung nach vollbrachter Erlösung und als der absolute Herrscher über die alten Feinde des Menschen.

Wie muß das Johannes aufgerichtet haben! Und wie sollte es auch uns aufrichten. Damit war er zubereitet zum Schreiben, wie ihm in Vers 19 geboten wurde. Es wird auch uns zubereiten, das, was er aufgeschrieben hat, zu lesen und zu überdenken und ohne Furcht den das Gewissen erforschenden Enthüllungen dieses Buches gegenüberzustehen.

Vers 19 sollten wir sorgfältig beachten, da er die Einteilung des Buches durch den Herrn selbst enthält. Johannes sollte schreiben (1) das Gesicht, das er gesehen hatte. Das hat er in den wenigen Versen getan, die wir soeben betrachtet haben. Dann sollte er (2) schreiben, „was ist“, und (3) „was nach diesem geschehen wird“. In Kapitel 4,1 entrückt die himmlische Stimme Johannes im Geist in den Himmel, damit ihm gezeigt werden kann, „was nach diesem geschehen muß“, so daß wir mit Kapitel 4 den dritten Abschnitt des Buches beginnen werden. Es ist ganz klar, daß somit die Kapitel 2 und 3 den zweiten Abschnitt umfassen. Wir glauben, daß dieser Vers 19 ein wichtiger Schlüsselvers zur rechten Erklärung der Offenbarung ist. Wir bitten deshalb unsere Leser, sich diesen Vers ganz besonders zu merken. Wir sagen ohne Zögern, daß irgendeine Erklärung der Gesichte dieses Buches, die diese Unterscheidung mißachtet oder unberücksichtigt läßt, mangelhaft sein muß, wenn sie nicht definitiv falsch ist.

Der letzte Vers von Kapitel 1 leitet schon über zu dem, „was ist“, wie wir es in den Kapiteln 2 und 3 finden. In dem Gesicht wurde der Sohn des Menschen inmitten von sieben goldenen Leuchtern oder Lampen gesehen, und Er hatte sieben Sterne in Seiner rechten Hand. Die Bedeutung dieser Symbole wird uns erklärt. Jeder Leuchter ist eine „Kirche“ oder „Versammlung“. Jeder Stern ist ein „Engel“ oder „Bote“ oder „Vertreter“ einer Versammlung. Wir haben somit die Kirche hier nicht in der Stellung ihrer Vorrechte, wie sie Paulus im Epheserbrief, im Kolosserbrief und an anderen Stellen beschreibt, sondern jede örtliche Versammlung wird in ihrer Verantwortung gesehen, ein Licht für Christus als den Verworfenen während der Zeit Seiner Abwesenheit von der Erde zu sein. Die gesamte Kirche in ihrer Einheit können Menschen nicht sehen, aber eine örtliche Versammlung können sie sehen, und wenn es sich um deren praktischen Zustand oder ihre Erscheinungsform handelt, sind erhebliche Unterschiede festzustellen. Der Engel mag einen oder mehrere Brüder einer örtlichen Versammlung abbilden, die für sie und ihren Zustand repräsentativ sind. Der Herr übermittelt Sein Urteil in jedem Einzelfall nicht der Versammlung als Ganzes, sondern dem Engel. Er zeigt dadurch noch einmal die Zurückhaltung, die Ihn bei Seiner Beurteilung ihres Zustandes kennzeichnet, wie auch die Distanz, die eingetreten ist. Dieses Gefühl der Zurückhaltung und der Distanz prägt das ganze Buch, wie wir schon bemerkt haben.

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