Betrachtungen über den Römerbrief
Botschafter des Heils in Christo 1882

Betrachtungen über den Römerbrief - Teil 1/8

Der Verfasser, von welchem der „Botschafter“ in den früheren Jahrgängen manches köstliche Zeugnis in Übersetzung aus dem Englischen oder Französischen gebracht hat, schrieb diese Betrachtungen auf besonderen Wunsch in deutscher Sprache. Seine Ungewohntheit, sich in dieser Sprache auszudrücken, hat es nötig gemacht, seine Arbeit in sprachlicher Hinsicht etwas umzugestalten; doch ist seine Ausdrucksweise möglichst beibehalten worden.

Es ist dem teuren Verfasser nicht vergönnt gewesen, diese Betrachtungen über den Römerbrief bis zum letzten Kapitel durchzuführen. Zunehmende Schwäche und endlich sein am 29. April d. J. erfolgter Heimgang setzten seiner reich gesegneten Tätigkeit ein Ziel, so dass die Betrachtungen nur bis etwa zur Mitte des zehnten Kapitels gehen. Die eigentliche Lehre des Briefes aber ist darin vollständig und ausführlich dargelegt, und so möge dieses Zeugnis aus der letzten Zeit der rastlosen Wirksamkeit des treuen Dieners des Herrn reich gesegnet sein für alle, die es lesen!

Bei dieser Gelegenheit teilen wir noch in Übersetzung seinen letzten Brief mit, den er an seine „geliebten Brüder“ im – allgemeinen gerichtet hat: Meine geliebten Brüder!

Nachdem ich in Schwachheit Jahre der Gemeinschaft mit euch verlebt, habe ich nur noch so viel körperliche Kraft, um einige Zeilen zu schreiben, die mehr der Ausdruck der Liebe sein, als etwas anderes bezwecken sollen.

Ich gebe Zeugnis der Liebe, die ich genossen, nicht allein von Seiten des allezeit treuen Herrn, sondern auch von Seiten meiner geliebten Brüder, die sie mir bewiesen in all ihrer Geduld gegen mich (und wie viel mehr noch hat der Herr mit mir gehabt). Mit aufrichtigem Herzen bezeuge ich dies. Doch ich kann sagen: Christus ist mein einziger Gegenstand gewesen – und, Gott sei Dank! auch meine Gerechtigkeit. Ich bin mir nichts bewusst, dass ich zu widerrufen hätte – ich weiß auch jetzt nur weniges noch hinzuzufügen.

Haltet fest an Ihm! Rechnet auf reiche Gnade in Ihm, um euch zu befähigen, Ihn darzustellen in der Kraft der Liebe des Vaters! Seid wachend und auf Christus wartend!

Ich habe nichts weiter hinzuzufügen als die Versicherung meiner ungeheuchelten und dankbaren Liebe in Ihm. J. N. D. Auch möchte es für viele von Interesse sein, aus einer seiner früheren Mitteilungen den Entwicklungsgang seiner inneren Überzeugungen kennen zu lernen. Wir lassen die betreffende Mitteilung deshalb hier folgen:

„Ich mochte etwa sechs oder acht Jahre bekehrt sein, als ich durch göttliche Belehrung verstehen lernte, was der Herr in Johannes 14 sagt: „An jenem Tag werdet ihr erkennen ... dass ihr in mir seid und ich in euch.“ Ich erkannte, dass ich eins war mit Christus vor Gott. Ich fand Frieden und habe denselben seit jenem Augenblick, trotz vieler Mängel meinerseits, nie verloren. Dieselbe Wahrheit brachte mich aus der Staatskirche heraus. Ich sah ein, dass die wahre Kirche aus denjenigen besteht, die so mit Christus vereinigt sind, und ich kann hinzufügen, dass diese Wahrheit mich dahin leitete, den Sohn Gottes aus den Himmeln zu erwarten. Denn wenn ich in Ihm in die himmlischen Örter versetzt war, was hatte ich dann anders zu erwarten, als dass Er kam und mich in Wirklichkeit dorthin brachte. Die unendliche Liebe Gottes strömte in meine Seele. Von Anfang an hatte ich die tiefst mögliche Überzeugung von der Sünde; ich hatte schon früher erkannt und auch seit mehreren Jahren gelehrt, dass Christus allein diesen Abgrund ausfüllen könne, nicht aber, dass Er es bereits getan hat. Ich hatte die größten Anstrengungen gemacht, hatte gefastet – eine Sache, die, wie ich glaube, ganz nützlich ist, wenn sie in geistlicher Weise getan wird – hatte mir ein ausgedehntes System von Selbstverleugnung aufgebaut, hatte die Sakramente häufig gebraucht und eifrig die Kirche besucht. Aber ich hatte keinen Frieden gefunden, sondern nur die Entdeckung gemacht, dass alle diese Dinge dem Herzen keinen wahren Frieden zu geben vermögen. Ich suchte diesen Frieden eifrig, forschte in mir nach Beweisen der Wiedergeburt, was nie Frieden geben kann, und ruhte in Hoffnung, aber nicht im Glauben, in dem Werk Christi, bis ich, wie schon bemerkt, endlich Frieden fand, nachdem ich durch einen Zufall, wie man zu sagen pflegt, von meinen äußeren Anstrengungen abgelenkt worden war. Damals erlangte ich durch die Schrift eine tiefe Überzeugung von der Gegenwart des Heiligen Geistes, des verheißenen Sachwalters. Nicht lange nachher kam ich dahin, diese Wahrheit auf den Dienst anzuwenden. Ich sagte zu mir selbst: Wenn Paulus hierher käme, so würde er nicht predigen können, weil er keine Ordinationspapiere besäße. Käme aber der bitterste Gegner seiner Lehre, der sich im Besitz derselben befände, so würde er, nach dem System, ein Recht haben zu predigen. Ich sah ein, dass das ganze System falsch ist. Es stellt den Menschen an die Stelle Gottes.“ 1

Möge die Saat, die der liebe Heimgegangene während seines langen, dem Herrn und seinem Dienst gewidmeten Lebens durch sein unermüdliches Zeugnis von der göttlichen Wahrheit ausgestreut hat, reiche Früchte tragen zur Verherrlichung des Herrn und zum Heil der Seelen! Einleitung

In dem Brief an die Römer werden die Christen betrachtet als auf der Erde wandelnde und lebende Menschen, die jedoch das Leben Christi und den Heiligen Geist besitzen, so dass sie in Christus sind. Ihre Sünden sind vergeben; sie sind gerechtfertigt durch das Werk Christi. Ihre Pflicht ist: ihre Leiber als ein lebendiges Schlachtopfer, Gott wohlgefällig, darzustellen, indem sie verwandelt worden sind durch die Erneuerung ihres Sinnes, dass sie prüfen mögen, was da sei der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes (Kap 12,1–2).

Der Brief beginnt mit der Verantwortlichkeit des Menschen, beweist, dass alle schuldig sind durch das, was sie getan haben, und stellt dann den Erfolg des Todes Christi vor in der Vergebung der Sünden und der Rechtfertigung des Gläubigen. Hierauf betrachtet er den Zustand des Menschen, in welchem er sich durch die Sünde Adams befindet, und zeigt, wie er von der Kraft der Sünde befreit wird.

Von dem Ratschluss Gottes ist in diesem Brief nicht die Rede, es sei denn in 3 oder 4 Versen (im achten Kapitel) und hier nur, um zu beweisen, dass das Werk seiner Gnade unveränderlich und, wenn einmal zugeeignet durch die Berufung der Gnade, fest und sicher ist, und dass es fortgesetzt wird bis zur Herrlichkeit. Das Werk Christi ist vollbracht und die, welche an Ihn glauben, werden seinem Bild gleichförmig sein. So steht alles sicher. Wenn wir das Leben Christi haben, so dass wir mit Ihm leiden, so werden wir auch mit verherrlicht werden. Weiter ist in diesem Brief nichts über den Ratschluss Gottes enthalten. Wollen wir diesen kennen lernen, so müssen wir uns zu dem Brief an die Epheser wenden, während uns der Brief an die Kolosser über das Leben eines im Glauben auferstandenen Menschen Aufschluss gibt. Im Brief an die Römer aber finden wir das Werk Gottes in Gnade zur Rechtfertigung der Gottlosen durch den Tod und die Auferstehung Christi, und ihre Annahme in Christus, indem die Gläubigen als in Ihm betrachtet werden.

Wie schon oben angedeutet, zerfällt die Lehre des Römerbriefes in zwei Teile. Der erste Teil bezieht sich auf die Sünden. Das Wegtun derselben und die Gnade Gottes, die sich darin entfaltet hat, bilden den Gegenstand der Betrachtung bis zum Ende des elften Verses des fünften Kapitels. Von da ab bis zum Ende des achten Kapitels wird der zweite Teil behandelt, nämlich die Sünde im Fleisch, unser Zustand, in welchem wir uns durch die Sünde Adams befinden, sowie unsere Befreiung von demselben und der neue Zustand in Christus. Als Anhang folgen dann drei Kapitel, um zu erklären, wie die Lehre von dem allgemeinen, sündhaften Zustand des Menschen und von der allgemeinen Versöhnung mit Gott durch den Glauben in Einklang gebracht werden kann mit den besonderen Verheißungen, welche den Juden gegeben sind. Den Schluss bilden Ermahnungen und die Wiederholung von gewissen wichtigen Grundsätzen. Die Auseinandersetzung der Lehre von der Versöhnung des Menschen mit Gott durch den Glauben im ersten Teil des Briefes wird eingeleitet durch eine Vorrede, in welcher das Evangelium auf die Person Christi gegründet und als die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes dargestellt wird.

So sehen wir denn in diesem Brief, wie Gott uns mit vollkommener Gnade entgegengekommen ist, als wir nach unserer menschlichen Verantwortlichkeit und nach der Gerechtigkeit Gottes ganz verloren waren; wie Er aus lauter Gnade uns Errettung und ewiges Leben bereitet hat, als wir von Ihm entfernt waren durch die Sünde, ja, als wir dem Fleisch nach in Feindschaft gegen Ihn waren.

Bevor wir indessen zur näheren Betrachtung der Lehre des Briefes, der Ordnung und des Inhalts der verschiedenen Teile übergehen, müssen wir noch einige Worte über die Person des Apostels sagen. Er war nie in Rom gewesen, war aber, mit göttlicher Autorität bekleidet, Apostel aller Nationen. Daher konnte er an die Römer schreiben, obgleich er nicht das Mittel zu ihrer Bekehrung gewesen war. Einige kannte er wohl, da sich in Rom, als dem Mittelpunkt der Welt, Personen aus allen Ländern zusammenfanden. Dieses aber gibt dem Brief einen ganz besonderen Charakter, verschieden von demjenigen der meisten anderen Briefe. Es ist mehr ein Traktat, als ein von dem Apostel an eine von ihm selbst gegründete Versammlung gerichteter Brief. Die persönlichen Verhältnisse fehlen darin, um der bestimmten Lehre Platz zu lassen. Am Ende des Briefes grüßt Paulus wohl viele Bekannte, und im Anfang desselben sucht er mit den Christen in Rom eine Herzensverbindung zu schließen; indessen ist sein Apostelamt vor allem die Grundlage seiner Mitteilungen an die Gläubigen in Rom. Kein Apostel hat die Versammlung in Rom gegründet. Paulus war noch nicht dort gewesen, und wenn Petrus später hingekommen ist, um sein Leben aufzuopfern als Zeuge für den Herrn, so hatte er doch, bis dahin mit Rom nichts zu tun gehabt – er war der Apostel der Beschneidung. Kapitel 1 und 2

Paulus beginnt den Brief mit einem Hinweis auf sein Amt. Er war Knecht Jesu Christi, berufener Apostel, abgesondert zum Evangelium Gottes. Das ist, so zu sagen, sein Titel. Er diente dem Herrn, war dazu berufen und abgesondert, und zwar in ganz besonderer Weise. Er hatte nicht zu den Begleitern des Herrn auf der Erde gehört; er kannte Ihn nicht. Im Gegenteil war er der heftigste Feind des Namens Jesu auf der Erde gewesen. Er wollte diese neue Lehre (den Glauben an Jesus) aus der Mitte Israels ausrotten und alle Anhänger derselben strafen. Dazu wurde ihm aber vom Herrn, der sich ihm in Herrlichkeit offenbarte, der Weg versperrt, und nun wurde diese Herrlichkeit selbst der Ausgangspunkt seiner Tätigkeit. Sie war der glänzendste Beweis, dass das Werk der Versöhnung vollbracht war, da der, welcher für die Sünden gelitten hatte, sich jetzt in der Herrlichkeit befand; und nicht allein das, sondern die verfolgten Christen wurden von dem Herrn anerkannt – nicht als Jünger, sondern als vereinigt mit Ihm, dem verherrlichten Menschen, dem Sohn Gottes im Himmel. So wurde Paulus in ganz besonderer Weise berufen. Aber er war auch in besonderer Weise abgesondert. Die Offenbarung des Herrn in Herrlichkeit sonderte ihn zunächst von dem Judentum ab; doch nicht, um jetzt zum Heidentum überzugehen, sondern er wurde, indem er den Christus in der göttlichen Herrlichkeit als Herrn anerkannte (Apg 26,17), „herausgenommen aus dem Volk und den Nationen“, und wurde von dem verherrlichten Menschen, dem Herrn der Herrlichkeit, in die Welt gesandt, um die vollbrachte Erlösung zu verkündigen und alle, die an Ihn glauben, von der Sünde zu befreien und die Juden vom Joch des Gesetzes. Daher kannte er von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch, selbst den Herrn Jesus nicht – d. h. nicht wie die fleischlichen Juden Ihn hier in der Welt haben wollten: als Sohn Davids – obgleich er völlig anerkannte, dass Er als solcher gekommen war und dass Er ein vollkommenes Anrecht auf diesen Titel hatte. Aber der Herr ist als Sohn Davids verworfen worden, und jetzt sollte alles lauter Gnade werden, sowohl für die Juden als auch für die Heiden, da die ersteren jedes Anrecht an die Verheißungen verloren hatten durch die Verwerfung dessen, in welchem dieselben ihre Erfüllung finden sollten. Sicher wird Gott seine Verheißungen wahrmachen, doch jetzt ist alles aus lauter Gnade, und zwar durch den Auferstandenen, den Paulus in Herrlichkeit gesehen hatte. Diesen Punkt finden wir in den späteren Kapiteln des Briefes klar auseinandergelegt.

Zum besseren Verständnis des Briefes mag es gut sein, zu bemerken, dass Paulus, obgleich die Verherrlichung des Herrn Jesus der Ausgangspunkt und die Grundlage seines Dienstes war, doch in der Lehre dieses Briefes nicht weitergeht als bis zur Auferstehung des Herrn. Wohl ist die Stellung des Herrn in Herrlichkeit vorausgesetzt, und in den wenigen Versen, worin die Reihenfolge des Ratschlusses Gottes vorgestellt wird, fehlt auch die Herrlichkeit der Kinder Gottes nicht; es ist ein Teil dieses Ratschlusses, dass die Auserwählten dem Bild seines Sohnes gleichförmig sein sollen. Wenn der Apostel aber von der Grundlage des Heils spricht, wie man gerechtfertigt und errettet wird, so geht er nicht weiter als bis zur Auferstehung des Herrn. Denn das, was Christus für uns erworben hat, ist etwas anderes, als die Antwort auf die Frage: wie kann ein Sünder von Gott angenommen werden, und wie tritt er ein in den Zustand eines Erben Gottes? Im Römerbrief haben wir eben diesen Zustand des Erben, als in Christus fähig gemacht, vor Gott zu stehen und mit Christus als Mensch zu erben, der Gerechtigkeit nach, als neuer, lebendiger, von Gott angenommener Mensch. Die Herrlichkeit und die Erbschaft selbst aber werden bloß kurz erwähnt. Sobald Christus als gestorbener Mensch auferstand, war der Mensch in einen ganz neuen Zustand gebracht: lebendig gemacht nach der Kraft des Geistes und der Auferstehung. Das Werk, durch welches die Sünde beseitigt wurde, war vollbracht, unsere Sünden waren getragen und getilgt durch den Tod, Gott war verherrlicht da, wo die Sünde war; die Kraft dessen, der die Macht des Todes hatte, war, wie der Tod selbst, zunichtegemacht. Ein neuer, unsterblicher Mensch war vorhanden. Ich spreche hier nicht von der Person Christi, von dem, was Er seiner Natur nach war, sondern von der neuen Stellung der Menschen, in welche sie durch die Auferstehung des Menschen Jesus Christus gebracht sind: von dem Menschen in seinem neuen Zustand nach den Ratschlüssen Gottes. Wir sehen darin den Beweis, dass das vollbrachte Werk Christi angenommen ist nach der Gerechtigkeit Gottes, sowie das Muster, wenn auch noch nicht der Herrlichkeit, so doch des Grundzustandes aller Gläubigen in Christus. Sie befinden sich, so zu sagen, jenseits des Todes, der Kraft Satans, der Sünde, des Gerichts Gottes, weil Gott in Christus völlig verherrlicht worden ist; sie stehen in der Gunst Gottes nach der Gerechtigkeit. Das ist die Tragweite der Auferstehung Christi, als Grundlehre dieses Briefes, indem sein Tod als Grundlage seiner Auferstehung und des Wertes derselben dargestellt wird: „Christus, der gestorben, ja noch mehr, der auch auferweckt ist.“

So wurde Paulus berufen und abgesondert von allen Menschen, um die frohe Botschaft Gottes, die Botschaft von diesem Werk seiner Liebe zu verkündigen. Dieses Evangelium war schon in den Weissagungen der Propheten in den Heiligen Schriften verheißen worden. Jetzt aber war die Verkündigung keine Verheißung mehr. Wohl besitzen wir köstliche Verheißungen für den Weg, den wir durch diese Welt zu gehen haben; das Evangelium selbst aber ist keine Verheißung. Vielmehr ist es die Erfüllung der Verheißungen Gottes, soweit sich dieselben auf die Menschwerdung des Herrn, die Vollbringung seines Werkes, seine Auferstehung (1. Pet 1,11–12) und (obgleich dieser Gegenstand nicht im Römerbrief betrachtet wird) auf seine Verherrlichung beziehen. Es ist hier zu beachten, dass die „Heiligen Schriften“ die Verheißungen Gottes sind, und die Propheten, durch welche sie gegeben wurden, die Propheten Gottes.

Worin besteht nun diese frohe Botschaft? Sie bezieht sich auf den Sohn Gottes, auf Jesus Christus, unseren Herrn. Die Person Christi ist der Hauptgegenstand des Evangeliums; es verkündigt, dass Er in die Welt gekommen ist. Doch haben wir hier zweierlei. Erstens, die Verheißungen sind erfüllt, indem Er Sohn Davids ist dem Fleisch nach; zweitens, Er wurde als Sohn Gottes in Kraft erwiesen dem Geist der Heiligkeit nach durch Totenauferstehung. Das sind die zwei großen vollendeten Tatsachen, die für den Menschen den Wert des Kommens des Herrn in diese Welt ausmachen. Die Verheißungen sind erfüllt worden: der Sohn Davids war da. Die Juden wollten Ihn nicht annehmen und haben dadurch den Erfolg der Verheißungen verloren; diese selbst aber sind erfüllt worden, insofern der Herr gekommen ist. Dann aber ist die Kraft Gottes offenbart worden, indem der Herr, nachdem Er sich dem Tod unterworfen hatte, durch Auferstehung als Sohn Gottes erwiesen worden ist. Obwohl in seiner Auferstehung der stärkste Beweis von der Kraft Gottes gegeben worden ist, so sehen wir doch schon in der Auferstehung des Lazarus einen Beweis dieser göttlichen Kraft, so wie auch später in der Auferstehung aller Heiligen. „Diese Krankheit ist nicht zum Tod, sondern um der Herrlichkeit Gottes willen, auf dass der Sohn Gottes durch sie verherrlicht werde“ (Joh 12,4). Er war und ist die Auferstehung und das Leben. Die Auferstehungskraft ist der Beweis, dass Er Sohn Gottes ist. Dies ist nicht eine Erfüllung der Verheißungen, sondern die Kraft Gottes, da, wo der Tod als Folge der Sünde eingetreten war.

Hinsichtlich des Ausdrucks: „dem Geist der Heiligkeit nach“, bemerke ich, dass der Heilige Geist, so zu sagen, die wirkende Kraft ist in der Auferstehung, wie in allem, was von Gott erschaffen oder getan ist. So sagt Petrus in Bezug auf die Auferstehung des Herrn: „getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist“ (1. Pet 3,18); und von den Gläubigen wird gesagt: „Wenn aber der Geist dessen, der Jesus aus den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird Er, der Christus aus den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen wegen seines in euch wohnenden Geistes“ (Röm 8,11). Warum aber heißt es: „dem Geist der Heiligkeit nach?“ Weil der Heilige Geist gleichsam die wirkende Kraft Gottes ist, um alles Ihm Wohlgefällige in der Menschheit hervorzubringen. Diese Kraft ist natürlich immer in Gott; durch sie hat Er die Welt erschaffen, durch sie in den Werkzeugen des Alten Testaments und in den Propheten gewirkt. Jetzt aber war Er in der Menschheit (dem Leben) Christi und in der Hervorbringung der neuen Gestalt der Menschheit wirksam gewesen nach dieser göttlichen Kraft. Die Propheten redeten, was ihnen gegeben war, und damit war die göttliche Eingebung zu Ende; auch war das, was sie redeten, nicht für sie. Johannes der Täufer war erfüllt mit dem Heiligen Geist von Mutterleib an. Aber Christus war, seiner Menschheit nach, vom Heiligen Geist geboren; sein Leben, obgleich in allen Stücken menschlich, war der Ausdruck der Kraft des Heiligen Geistes. Er trieb die Dämonen aus durch den Heiligen Geist, seine Worte waren Geist und Leben. Die Fülle der Gottheit wohnte in Ihm leibhaftig. Seine Menschheit aber war der Ausdruck des Göttlichen durch den Heiligen Geist, in Liebe, in Kraft und besonders in Heiligkeit. Er war der Heilige Gottes. Durch den ewigen Geist hat Er sich ohne Flecken Gott geopfert. In allem diente Er seinem Vater; sein Dienst aber war die vollkommene Darstellung des Göttlichen – des Vaters selbst – inmitten der Menschen, und zwar indem Er, seiner Menschheit nach, in jedem Augenblick, durch den Geist, der Gottheit entsprach und der Abglanz und Ausdruck derselben war, ohne Fehler und ohne Makel. Alle Opfer im Alten Testament sind Vorbilder von Christus; aber in dieser Beziehung ist das Speisopfer das entsprechende, treffende Vorbild: ungesäuertes Feinmehl, mit Öl gemengt, mit Öl gesalbt, in Stücke zerteilt und Öl darauf gegossen. Welch ein treffendes Vorbild von der Menschheit Christi, die ihrer Beschaffenheit nach vom Geist und mit dem Geist gesalbt war, von der jedes Stück charakterisiert war durch den ausgegossenen Geist und in welcher der ganze Weihrauch seiner Gnaden Gott geopfert war, als ein duftender Wohlgeruch! So sollte Er durch das Feuer geprüft werden – im Tod – um zu beweisen, dass alles lieblicher Geruch war und nichts anderes. Endlich erwies sich die größte und vollendete Kraft des Heiligen Geistes in der Auferstehung des Herrn. Getötet nach dem Fleisch, ist Er durch den Geist auferweckt worden. Der Geist, der in göttlicher Kraft in seiner Geburt und in seinem ganzen Leben wirksam war, durch den Er sich endlich selbst Gott opferte, hat seine ganze Kraft erwiesen im Lebendigmachen des gestorbenen Jesus. Wohl ist es wahr, dass Er auferstanden ist aus den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters; auch, dass Er seinen Leib, den Tempel Gottes, selbst aufgerichtet hat (Joh 2,19); der Heilige Geist aber ist es, welcher unmittelbar wirksam gewesen ist in seiner Auferstehung (1. Pet 3,18). Auch der Leib des Auferstandenen ist ein geistiger Leib.

So war der Mensch durch die Auferstehung, in der Person Christi, in einen ganz neuen Zustand gebracht: jenseits des Todes, der Sünde, des Gerichts und der Kraft Satans, und so war Christus als Sohn Gottes erwiesen dem Geist der Heiligkeit nach durch Auferstehung. Dieser Geist war die Kraft der Heiligkeit sein Lebenslang (denn „durch den ewigen Geist hat Er sich selbst ohne Flecken Gott geopfert“), und diesem Geist nach ist Er als Sohn Gottes erwiesen und durch Ihn selbst auf Erden gerechtfertigt worden. Als alles vollbracht war für die Herrlichkeit Gottes durch einen Menschen, der Gottes Sohn, war, und dieser als Mensch seinen vollkommenen Gehorsam und seine Liebe zu seinem Vater an den Tag gelegt hatte, ist der Mensch nach dem Wert dieses vollbrachten Werkes und nach der lebendigmachenden Kraft des Heiligen Geistes in eine ganz neue Stellung eingetreten, in der Person des Sohnes Gottes, so dass wir durch den Glauben angenommen und Söhne sind. Christus, der als Sohn Davids die Erfüllung der alten Verheißungen war, aber auf Erden verworfen wurde, trat, nachdem Er das Ihm vom Vater anvertraute Werk vollendet hatte, jenseits des Todes, den Er als die Frucht der Sünde erduldete, als Auferstandener in die Stellung des zweiten Menschen, des letzten Adam ein.

So finden wir hier in der Person Christi die zwei Hauptpunkte der Wege Gottes dargestellt: die Erfüllung der Verheißung obgleich (die Juden durch seine Verwerfung jedes Anrecht daran verloren haben) und die Offenbarung des Sohnes Gottes, als solcher erwiesen nach der lebendig machenden Kraft des Heiligen Geistes in einem auferstandenen Menschen. Die Kraft Gottes ist also erwiesen, nicht in der Erfüllung einer Verheißung, sondern in dem gegenwärtigen Leben und der Stellung des zweiten Menschen, in Verbindung mit einer vollbrachten Erlösung. Hier aber ist die göttliche Macht des Lebens und die durch die Auferstehung hervorgebrachte neue Stellung besonders in Verbindung gebracht mit dem Verhältnis des in diese Stellung versetzten Menschen zu Gott – jedoch in der Person des Herrn selbst, in Macht.

Wie köstlich ist der Gedanke, dass der ewige Sohn Gottes – Mensch geworden – diese neue Stellung, wovon wir gesprochen haben, eingenommen hat, und zwar als Muster und Erstgeborener unter vielen Brüdern, die Ihm völlig gleich sein werden, nach der Lebenskraft des Heiligen Geistes und in der Herrlichkeit selbst! „Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von einem; um welcher Ursache willen Er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen“ (Heb 2,11). Von der Herrlichkeit ist hier wohl nicht die Rede, aber der Herr konnte nach seiner Auferstehung, als alles vollbracht war, vorher (nicht) sagen: „Sprich zu meinen Brüdern: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, und zu meinem Gott und zu eurem Gott“ (Joh 20,27).

Der Gegenstand des Evangeliums, wozu Paulus abgesondert war, ist also Jesus Christus, unser Herr, als Sohn Davids zur Erfüllung der Verheißungen, und als Sohn Gottes in Kraft erwiesen dem Geist der Heiligkeit nach durch Totenauferstehung. Wohl redet der Apostel in diesem Brief von der Gerechtigkeit und setzt alles klar und völlig auseinander; der hauptsächliche Gegenstand aber, den er vor seinen Augen hat, ist die Person Christi selbst und was Er ist, als Erfüllung der Verheißungen und als Gottes Sohn in Kraft und in Auferstehung – das, was der Heilige Geist darstellt als den Gegenstand Gottes selbst im Evangelium. Von Ihm, als dem schon Verherrlichten, hatte Paulus Gnade und Apostelamt empfangen, um einen jeden unter allen Nationen zum Glaubensgehorsam zu bringen in seinem Namen. Unter diesen befanden sich auch die Römer. Er schreibt ihnen nicht als Versammlung, wie er es gewöhnlich tat, wenn er an eine von ihm gegründete Versammlung schrieb, sondern er richtet seinen Brief an alle Geliebte Gottes, berufene Heilige, die in Rom sind. Als Apostel der Nationen kann er allen schreiben mit der Autorität Christi.

Er wünscht in seinen Briefen immer Gnade und Friede von dem Vater und von dem Herrn Jesus Christus. Wir beachten diese Namen oft zu wenig. In dem Einen finden wir Gott selbst als Vater, gekannt als solcher in Gnade; in dem Anderen den verherrlichten Menschen, den Sohn Gottes, der eingesetzt ist (und zwar amtlich) in den Vorsitz des Hauses und Volkes Gottes. Mit dem Einen stehen die Kinder in Verbindung, mit dem Anderen die Diener.

Der Apostel hätte die Christen in Rom gern früher gesehen, war daran aber von Satan verhindert worden; denn das Werk des Herrn wird immer betrieben in Gegenwart des Feindes, der den Fortschritt desselben zu hemmen sucht, sei es durch Verfolgungen, oder dadurch, dass er in den Versammlungen Übel erweckt, mit denen der Arbeiter sich beschäftigen muss, sei es durch Ketzereien, die die Zeit des Arbeiters in Anspruch nehmen, oder sei es endlich durch allerlei andere Listen. Es ist wichtig für den Arbeiter, dies zu beachten; er lernt dadurch seine Abhängigkeit kennen und verstehen, dass die Kraft und Wirksamkeit des Herrn durchaus notwendig sind. Deshalb flehte Paulus allezeit in seinen Gebeten – indem er Gott dankte für den Glauben der Römer, von dem in der ganzen Welt gesprochen wurde – dass Gott ihm einen Weg zu ihnen öffnen möchte. Er verlangte, zu ihnen zu kommen, um ihnen zu ihrer Befestigung etwas geistliche Gabe mitzuteilen, zugleich aber nimmt er in Liebe seinen Platz unter ihnen, indem er sagt: „das heißt, dass ich getröstet sei durch unseren gemeinsamen Glauben.“ Er war Apostel und sollte in Liebe handeln; so ließ er sich denn als Apostel herab zu den Schwächsten, um sie zu dem göttlichen Vertrauen empor zu heben. Oft hatte er vorgehabt, zu ihnen zu kommen, um auch unter ihnen einige Frucht zu haben. Er war schuldig, die Gnade Gottes allen Nationen zu bringen; ebenso war er bereitwillig, soweit es von ihm abhing, auch denen, die in Rom waren, das Evangelium zu predigen. Wie ist er besorgt, sich passend auszudrücken! Griechen konnte er sie nicht nennen, Barbaren auch nicht wohl, denn das würde für die Bewohner des kaiserlichen Rom eine Beleidigung gewesen sein. So denkt er an alles, um allen nützlich zu sein.

Dies führt den Apostel zu der Lehre des Briefes. Er war bereit, denen in Rom zu predigen, weil er sich des Evangeliums nicht schämte, „denn“, sagt er, „es ist Gottes Kraft zum Heil jeglichem Glaubenden.“ Kraft der Menschen ist es nicht – dies erklärt er nachher noch deutlicher und ausführlicher – selbst nicht zur Erwerbung der menschlichen Gerechtigkeit. Es ist ein dem Menschen gebrachtes Heil, ein heiliges, ein gerechtes Heil, aber ein Heil von Gott, durch Gottes Kraft, und zwar deshalb, weil die Gerechtigkeit Gottes darin offenbart ist, im Gegensatz zu der menschlichen Gerechtigkeit. Es ist die Gerechtigkeit Gottes selbst, deren wir teilhaftig werden durch den Glauben: Seine Gerechtigkeit auf dem Grundsatz des Glaubens. Alles ist da schon vollkommen, ehe wir noch daran glauben; wir bekommen durch den Glauben Teil daran. Diese Gerechtigkeit ist nicht durch Menschenwerke, nicht durch das Gesetz, denn sonst wäre sie nur für die Juden, weil diese allein das Gesetz hatten. Sie ist vielmehr gültig für alle Menschen, weil sie durch den Glauben ist, und so haben auch die Nationen, wenn sie glauben, teil daran (Fortsetzung folgt).

Fußnoten

  • 1 Collected writings of J. N. Darby, B. I, S.55–56
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