Eine Auslegung des Markusevangeliums

Kapitel 15

Danach folgte die Befragung am Morgen, nachdem der Herr schon „des Todes schuldig“ erklärt worden war (Mk 14,64). Das Ergebnis war, dass die Hohenpriester, die Ältesten, die Schriftgelehrten und das ganze Synedrium – und somit, durch sie vertreten, das ganze Volk – übereinstimmend beschlossen, Jesus an Pilatus, den Stellvertreter der bürgerlichen Macht, zu überliefern. Jesus musste von Menschen in jeder Stellung verurteilt werden, seien sie religiös oder weltlich. Die Juden hatten, indem sie unter dem Namen der Religion handelten, die Hauptschuld und waren die Verführer der bürgerlichen Autoritäten. Sie zwangen sie, in sittlicher Hinsicht gegen ihr Gewissen zu handeln, wie wir es in dem Schauprozess vor Pilatus sehen. So erkennen wir im Herrn die Erfüllung des Wortes: „Er war verachtet und verlassen von den Menschen“ (Jes 53,3). Er wurde nicht nur von einer, sondern von allen Menschenklassen verworfen. Wir werden finden, dass, wie die Priester, so auch das Volk, und wie der Statthalter, so seine Untergebenen bis zu den gemeinsten von ihnen sich darin zusammenfanden, den Sohn Gottes zu schmähen.

Und Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er aber antwortet und spricht zu ihm: Du sagst es“ (V. 2). Das war sein gutes Bekenntnis (1. Tim 6,13). Es war die Wahrheit. Er kam, um der Wahrheit Zeugnis zu geben. Das wird insbesondere im Johannesevangelium erwähnt. Dort finden wir nicht nur die Person Christi nach der Prophetie und seine Aufgabe als Diener und großer Prophet, der den Willen Gottes tat und den Bedürfnissen der Menschen diente, sondern auch seine Ihm eigene persönliche Herrlichkeit. Christus allein ist die Wahrheit in ihrer vollsten Bedeutung (mit Ausnahme des Heiligen Geistes, der auch „die Wahrheit“ genannt wird (1. Joh 5,6) als die innere Kraft in dem Gläubigen, um die Offenbarung Gottes in Besitz zu nehmen und zu verwirklichen).

Doch Gott als solcher wird nie die Wahrheit genannt. Jesus ist die Wahrheit. Die Wahrheit ist der Ausdruck dessen, was Gott und was der Mensch ist. Derjenige, der im objektiven Sinn die Wahrheit ist, muss sowohl Gott als auch Mensch sein, um die Wahrheit über beide bekannt machen zu können. Auch vom Vater wird nirgendwo gesagt, dass Er die Wahrheit ist, sondern nur von Christus, dem Sohn, das Wort. Christus ist nicht nur Gott, sondern auch die besondere Person, die Gott bekannt macht. Und da Er zusätzlich Mensch ist, kann Er auch den Menschen bekannt machen. Ja, da Er beides, sowohl Mensch als auch Gott ist, kann Er alles bekannt machen. So können wir niemals vollkommen erkennen, was das Leben ist, außer in Christus; ebenso wissen wir nicht, was der Tod ist, außer in Christus. Zudem, wer erkennt wirklich die Bedeutung des Gerichts außer in Christus? Wer kann abschätzen, was der Zorn Gottes ist, außer in Christus? Wer kann uns sagen, was Gemeinschaft mit Gott ist, außer in Christus? Christus zeigt uns, was die Welt ist. Christus zeigt uns, was der Himmel ist, und durch den Gegensatz, was die Hölle sein muss. Er ist der Befreier vom Verderben. Aber Er ist es auch, der Geschöpfe aus seiner Gegenwart hinweg in das Verderben wirft.

So stellt Er alles heraus, wie es ist – sogar das, was Ihm am meisten entgegengesetzt ist, nämlich die Macht und den Charakter Satans bis zu ihrer letzten Erscheinungsform im Antichristen. Er ist der Maßstab, an dem Juden und Nicht-Juden in jeder Hinsicht gemessen werden. Dasselbe hatten einige alte Philosophen vom Menschen angenommen. Sie sagten, wenn auch irrtümlich, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei. Doch das gilt ausschließlich für Christus, den Gottmenschen. Er ist das Maß aller Dinge, obwohl Er unmessbar über ihnen steht, da Er im höchsten Wesen Gott ist wie der Vater und auch der Heilige Geist.

Hier, vor Pilatus, anerkennt unser Herr einfach die Wahrheit hinsichtlich der jüdischen Erwartungen. „Bist du der König der Juden? Er aber antwortet und spricht zu ihm: Du sagst es“ Das war alles; mehr hatte Er nicht zu sagen. Die Hohenpriester klagten Ihn vieler Dinge an, doch Er antwortete nicht. Er war nicht hier, um sich selbst zu verteidigen, sondern um zu bekennen, wer und was Er war.

„Pilatus aber fragte ihn wieder und sprach: Antwortest du nichts? Sieh, wie vieler Dinge sie dich anklagen! Jesus aber antwortete gar nichts mehr, so dass Pilatus sich verwunderte“ (V. 4–5). Sein Schweigen rief eine weit größere Wirkung hervor als irgendeine Äußerung Seinerseits. Es gibt eine Zeit zu schweigen und eine andere zu reden. Und das Schweigen wirkte hier viel überzeugender auf das Gewissen. Er stand offenbar sittlich weit über seinem Richter. Er machte alle Menschen offenbar (Joh 1,9), was immer sie auch von Ihm sagen oder über Ihn urteilen mochten. In Wahrheit urteilten sie nur das, was ganz und gar falsch war; und sie verurteilten Ihn für die Wahrheit. Sei es vor dem Hohenpriester, sei es vor Pontius Pilatus – Er bekannte die Wahrheit; und für die Wahrheit wurde Er von den Menschen verurteilt. Alle ihre Lügen nützten nichts. So wurde Jesus nicht aufgrund ihrer Anklage, sondern wegen seiner Worte verurteilt. Nur im Johannesevangelium macht der Herr die schreckliche Tatsache bekannt, dass Pilatus nicht aus sich selbst heraus handelte. Die Juden zwangen ihn. Ebenso lesen wir bei Johannes, dass Pilatus sich ganz besonders fürchtete, als die Juden ihm sagten, dass sie ein Gesetz hätten, nach dem Jesus sterben müsse, weil Er sich zu Gottes Sohn gemacht habe. Seine Sohnschaft wurde nachdrücklich vorgebracht; und Pilatus fürchtete, dass sie wahr sei (Joh 19,7–16). Auch hatte seine Frau einen Traum, welcher seine Furcht vermehrte. Gott hatte also für ein doppeltes Zeugnis gesorgt. Zum einen sah Pilatus das große sittliche Zeugnis Christi selbst. Zum anderen gab es einen Hinweis und ein Zeichen, welches in das Matthäusevangelium passt – ein äußeres Zeichen an Pilatus' Frau in einem Traum (Mt 27,19). Unser Evangelium ist hier knapper und bringt ohne Einzelheiten zu geben die Reihenfolge der Ereignisse.

Die Bosheit der Juden wird allerdings überall geschildert. „Zum Fest aber pflegte er ihnen einen Gefangenen freizulassen, um den sie baten. Es war aber einer, genannt Barabbas, mit den Aufrührern gebunden, die in dem Aufruhr einen Mord begangen hatten. Und die Volksmenge erhob ein Geschrei und fing an zu begehren, dass er tue, wie er ihnen zu tun pflegte“ (V. 6–8). Es war also die Volksmenge, die noch mehr ihre vollständige Unterwürfigkeit unter die bösen Priester herausstellen sollte, indem sie Barabbas vorzog und den Tod Jesu besiegelte. Er hätte noch freigelassen werden können; doch die verblendete Volksmenge wollte davon nichts hören.

„Pilatus aber antwortete ihnen und sprach: Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden freilasse? Denn er hatte erkannt, dass die Hohenpriester ihn aus Neid überliefert hatten. Die Hohenpriester aber wiegelten die Volksmenge auf, dass er ihnen lieber Barabbas freilasse“ (V. 9–11). Das Johannesevangelium sagt es so: „Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber“ (Joh 18,40). Er war ein Räuber und Mörder; der Mensch zog solch einen Menschen Jesus vor.

„Pilatus aber antwortete und sprach wieder zu ihnen: Was wollt ihr denn, dass ich mit dem tue, den ihr König der Juden nennt? Sie aber schrien wieder: Kreuzige ihn!“ (V. 12–13). So grausam und verhärtet Pilatus auch war, machte er dennoch Einwendungen. „Pilatus aber sprach zu ihnen: Was hat er denn Böses getan? Sie aber schrien übermäßig: Kreuzige ihn!“ (V. 14). Sie fanden kein Unrecht in Ihm; ihr Wunsch stammte aus der mörderischen Bosheit ihrer eigenen Herzen. Gänzlich ohne Furcht Gottes wollte Pilatus „der Volksmenge einen Gefallen tun“ und deswegen „ließ er ihnen Barabbas frei und überlieferte Jesus, nachdem er ihn hatte geißeln lassen, damit er gekreuzigt würde“ (V. 15). Wie ließ Jesus sogar in dieser letzten Szene auf seine Kosten und in jeder Hinsicht andere frei ausgehen! Er hatte gerade vorher die Jünger davor bewahrt, ergriffen zu werden (Joh 18,8). Jetzt war Er das Mittel, um Barabbas zu befreien, so böse er auch war. Er befreite sich niemals selbst. Er hätte es natürlich tun können. Aber es war gerade die Vollkommenheit der sittlichen Herrlichkeit Christi, dass Er befreite, segnete und rettete, und zwar alles auf seine Kosten.

Im weiteren wurde auf dem Weg jeder Schimpf über Ihn aufgehäuft. „Die Soldaten aber führen ihn in den Hof hinein, das ist das Prätorium; und sie rufen die ganze Schar zusammen. Und sie legen ihm einen Purpurmantel an und flechten eine Dornenkrone und setzen sie ihm auf. Und sie fingen an, ihn zu grüßen: Sei gegrüßt, König der Juden!“ (V. 16–18). Keine Verachtung war zu gemein. „Und sie schlugen ihn mit einem Rohrstab auf das Haupt und spien ihn an, und sie beugten die Knie und huldigten ihm. Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Purpurmantel aus und zogen ihm seine Kleider an; und sie führen ihn hinaus, um ihn zu kreuzigen (V. 19–20). Und jetzt, ganz in Übereinstimmung mit der Bosheit der ganzen Szene, „zwingen (sie) einen Vorübergehenden, einen gewissen Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater von Alexander und Rufus (vgl. Röm 16,13), sein Kreuz zu tragen“ (V. 21). Es scheint so, dass diese beiden Söhne später in der Kirche (Versammlung) bekannte Brüder waren. Darin liegt die Bedeutung dieser Tatsache. Die Güte Gottes benutzte, wie ich annehme, diese Umstände, so böse sie auch von Seiten des Menschen waren. Gott wollte nachdrücklich, dass sogar die Schande seines Sohnes in Segen für den Menschen verwandelt würde. Simon, der Vater dieser beiden, wurde also von solchen, welche die Wahrheit, wenn überhaupt, nur in Ungerechtigkeit besaßen (Röm 1,18), gezwungen, sein Kreuz zu tragen.

„Und sie bringen ihn zu der Stätte Golgatha, was übersetzt ist: Schädelstätte. Und sie gaben ihm Wein, mit Myrrhe vermischt; er aber nahm es nicht“ (V. 22–23). Dieser Wein sollte die Qual betäuben, jene entsetzlich sich hinziehende Pein am Kreuz; Er aber wies ihn zurück. „Und als sie ihn gekreuzigt hatten, verteilen sie seine Kleider unter sich, indem sie das Los darüber werfen, was jeder bekommen sollte“ (V. 24). Das war, wie wir wissen, eine ausdrückliche Erfüllung einer göttlichen Vorhersage (Ps 22,19). Andererseits war es natürlich ein Hinweis, dass ein Mensch der Todesstrafe übergeben wurde.

„Es war aber die dritte Stunde, und sie kreuzigten ihn. Und als Aufschrift mit seiner Beschuldigung war angeschrieben: Der König der Juden“ (V. 25–26). Der Ausdruck ist im Markusevangelium außergewöhnlich kurz. Er erwähnt nur den Anklagepunkt seiner Beschuldigung und nicht wie ich annehme, den ganzen Wortlaut. Die anderen Evangelien geben unterschiedliche Wortlaute. Es mag sein, dass die Unterschiede auf die verschiedenen Sprachen zurückzuführen sind – der eine Text wurde dann in der einen, der andere in einer anderen Sprache geschrieben. Wenn letzteres der Fall war, dann gibt Markus uns nur den Inhalt an. Matthäus hätte uns dann natürlich die hebräische Form übermittelt und Lukas die griechische, denn sein Evangelium war vor allem für die Nicht-Juden, wie das des Matthäus für die Juden. Johannes überlieferte uns demnach den lateinischen Text in der Sprache des Weltreiches, unter welchem er später selbst leiden sollte. In Offenbarung 1 berichtet er, wie dieses Weltreich den Knecht verfolgte, so wie er in seinem Evangelium darstellt, wie es den Meister behandelt hatte; und Lateinisch war die Sprache des römischen Imperiums. Auch wenn die geringen Abweichungen in den Berichten von der Überschrift in den einzelnen Evangelien auf den verschiedenen Sprachen, in welchen die Beschuldigungsschrift geschrieben war, beruhen mögen, so wissen wir auf jeden Fall, dass wir die vollständige göttliche Wahrheit erhalten, wenn wir die einzelnen Berichte miteinander vergleichen. Von allen möglichen Vorschlägen, diese unterschiedlichen Schattierungen in den Darstellungen der Überschrift zu erklären, erscheint keiner Gottes weniger würdig und weniger vernünftig zu sein als die Annahme, dass man sie auf Unwissenheit oder Nachlässigkeit zurückführen müsse. Jeder Evangelist schrieb ausschließlich unter der Kraft des Heiligen Geistes; und das Ergebnis aller Evangelien ist die vollkommene Wahrheit Gottes.

Während alle Evangelisten die beiden Räuber erwähnen, berichten nur Markus und Matthäus von ihnen in Hinsicht auf die vollständige Erniedrigung des Knechtes und Sohnes Gottes am Kreuz. Nicht einmal an diesem Platz durfte Er nach dem Willen der Menschen für sich allein sein. Tatsächlich war Er allein in seiner Gnade und der sittlichen Herrlichkeit des Kreuzes. Doch um die Schande seines Kreuzestodes zu vergrößern, wurden die beiden Räuber – „einer auf der rechten und einer auf seiner linken Seite“ – mit Ihm gekreuzigt (V. 27).

„Und die Schrift wurde erfüllt, die sagt: „Und er ist unter die Gesetzlosen gerechnet worden“ (V. 28).1 Das war der äußere Augenschein. Als nächstes werden seine eigenen Worte gegen Ihn angewandt,  und zwar nicht mehr  in  einer  Gerichtsverhandlung, sondern in den letzten Augenblicken vor seinem Tod. „Und die Vorübergehenden lästerten ihn, indem sie ihre Köpfe schüttelten und sagten: Ha, der du den Tempel abbrichst und in drei Tagen aufbaust, rette dich selbst und steige herab vom Kreuz“ (V. 29–30). Wie wenig wussten sie, dass seine Worte gerade im Begriff standen, vollständig erfüllt zu werden!

Doch die Hohenpriester waren, wie üblich, noch gründlicher. Sie spotteten untereinander „und sprachen: Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten“ (V. 31). Das war eine große Wahrheit – nur nicht in dem Sinn, wie sie es meinten. Beide Satzteile sind, wenn sie richtig angewandt werden, sehr wahr. Natürlich konnte Er sich selbst retten, aber Er tat es nicht – ja, wenn die Gnade in der Erlösung triumphieren wollte, dann konnte Er es nicht. „Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten.“ Das war die Geschichte Christi auf der Erde. Es war vor allem die Geschichte seines Kreuzes, wo die volle Wahrheit über die Person Christi ins Licht gestellt wurde. Obwohl Er für unsere Sünden unter der uneingeschränkten Heimsuchung des göttlichen Zorns sowie der größten Belastung durch äußere Umstände stand, ertrug Er alles in Vollkommenheit. In Christus wurde seine persönliche Heiligkeit, die um jeden Preis zur Verherrlichung Gottes die Sünde hinwegschaffen sollte, seine Liebe, welche, ohne die eigenen Kosten zu scheuen, eine ewige Erlösung für andere einführen wollte, und die Gnade Gottes in vollem Ausmaß offenbart. Außerdem zeigten sich dort das gerechte Gericht, die Wahrheit und die Majestät Gottes. Ausschließlich das Kreuz ist es, welches alle Dinge ins rechte Licht stellt. Entfaltet wurden diese Wahrheiten allerdings erst in der Auferstehung, in der Gott bekannt gab, was Er über das Geschehen am Kreuz dachte. Der Herr wurde, wie gesagt wird, durch die Herrlichkeit des Vater aus den Toten auferweckt (Röm 6,4). Was am Kreuz vollbracht wurde, geschah für andere. Doch die Folgen für Ihn – und für andere – zeigten sich in der Auferstehung und der Erhöhung Christi zur Rechten Gottes.

Aber im Mund des Unglaubens tragen dieselben Ausdrücke einen ganz anderen Charakter als auf den Lippen des Glaubens. So kann sich auch ein Weltmensch den Anschein des Friedens angesichts des Todes geben, den nur der Glaube dem, der sein Auge auf Jesus richtet, wirklich gibt. Im zweiten Fall ist es Frieden, im ersten nicht mehr als Gleichgültigkeit. Bei einem einfachen Gläubigen, der die Fülle der Gnade nicht versteht, treten dann Angstgefühle auf, die viel größer sind als bei einem Ungläubigen; denn letzterer fühlt weder, was Sünde ist, noch was die Herrlichkeit Gottes fordern muss. Wenn eine Seele glaubt, jedoch noch nicht in der Gnade befestigt ist, befindet sie sich in Übungen und Furcht bezüglich ihrer ewigen Errettung. Und so muss es auch sein, bevor das Herz durch Christus Jesus zur Ruhe kommt.

Wie wenig kannten diese Hohenpriester das Geheimnis der Gnade! „Andere hat er gerettet!“, sagten sie. Sie mussten es anerkennen. Sich selbst wollte Er – konnte Er – nicht retten. Ja, unter dem Gesichtspunkt der Liebe und der göttlichen Ratschlüsse konnte Er sich selbst nicht retten. Er gab sein Leben für uns. Wir konnten auf keine andere Weise errettet werden. Darüber hinaus war Er seinem Vater um jeden Preis gehorsam. Er war entschlossen, seinen Willen auszuführen und auch unsere Heiligung zu bewirken. Nur in diesem Sinn konnte Er sich selbst nicht retten.

In der Natur des Herrn Jesus Christus bestand keine Notwendigkeit des Todes. Alle anderen Menschen standen durch Adam unter der Notwendigkeit des Todes. Christus besaß sie nicht, obwohl Er, der letzte Adam, Christus, durch seine Mutter von Adam abstammte. Er unterstand in sich selbst überhaupt nicht den Folgen der Sünde des ersten Adams, wenn Er auch all diese Folgen am Kreuz in Gnade trug. Trotzdem stand Er nicht unter ihnen. Er trug sie nach dem Willen Gottes und seiner eigenen unumschränkten Liebe ausschließlich für andere. Darum konnte Er ausdrücklich in Hinsicht auf das Kreuz sagen: „Ich habe Gewalt, es [mein Leben] zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen“ (Joh 10,18). Seit Anfang der Welt war Er der einzige Mensch, der so reden konnte. Adam im Paradies hätte nicht so sprechen können. Nur Christus hatte dieses Vorrecht entsprechend den Rechten seiner Person. Seine Menschwerdung tat seiner göttlichen Herrlichkeit keinen Abbruch. Dass Er Gott war, schwächte sein Leiden als Mensch nicht ab. Seine Gottheit wurde nicht verringert; doch in Wirklichkeit wurde in seiner Person die menschliche Natur gewaltig erhöht.

Nichtsdestoweniger mussten die Schriften erfüllt werden. Der Gesalbte musste sterben. Gottes Herrlichkeit musste gerechtfertigt werden. Der Tod musste im Sterben überwunden und seine Macht – nicht durch einen Sieg, sondern durch Gerechtigkeit – gebrochen werden; denn das ist die wunderbare Frucht des Todes Christi. Die Macht des Todes wurde von der Gerechtigkeit verschlungen. Jesus selbst hat den Fluch, das Gericht über die Sünde, auf sich genommen, damit Gott sogar darin verherrlicht wurde. Daraus folgt die Fülle der Segnung und der Friede für den Gläubigen. Das gibt der Sühne ihren wundervollen Platz in der ganzen Wahrheit Gottes. Nichts kann sie ersetzen. Jesus ist in der Sühne der Stellvertreter für alle Menschen Gottes. Alles sonst, was für sich beanspruchen könnte, etwas mit dem Opfer für die Sünde zu tun zu haben, verschwindet.

Doch diese obersten Priester riefen spottend: „Der Christus, der König Israels, steige jetzt vom Kreuz herab,  damit wir sehen und glauben“ (V. 32). Ja, so vollständig herrschte der Geist des Unglaubens, dass sogar die beiden, die mit Ihm gekreuzigt waren, inmitten ihrer Todesnot Zeit fanden, sich Ihm zuzuwenden und seine Leiden zu vergrößern. Markus erwähnt die Bekehrung des einen dieser Räuber nicht. Das war Lukas vorbehalten. Daher wissen wir, dass der eine sich bekehrte und nicht mehr spottend forderte, Er möge doch vom Kreuz herabsteigen. Stattdessen anerkannte er Ihn als den König, schon bevor das Reich gekommen war, indem er glaubte, ohne zu schauen. Die arme Seele erstrahlte durch die Gnade Gottes umso auffälliger, weil sie vorher noch in Dunkelheit war. Die Finsternis der spottenden Hohenpriester bildete den düsteren Hintergrund, der den Räuber besonders deutlich sichtbar machte. Dieselben Umstände, deren sich die Hohenpriester als die Niederlage Jesu rühmten, waren ein Anlass des Frohlockens für den Räuber, weil seine Seele dadurch erlöst wurde. Doch das gehört zum Thema des Lukasevangeliums, welches uns die Barmherzigkeit Gottes zeigt, die einen Sünder in seinem niedrigsten Zustand besucht. Der Sohn des Menschen war gekommen, zu suchen und zu erretten, was verloren war. Diese Wahrheit durchzieht das Lukasevangelium mehr als jedes andere Evangelium. Deshalb zeigt er uns auch die Glückseligkeit der Seele nach ihrem Tod. Dieser sterbende Räuber sollte, wenn er seine Seele am Kreuz aushauchte, sofort mit Jesus im Paradies sein. Dagegen erwähnt Markus den Schimpf, der von den Räubern zusammen mit ihren Genossen – den Hohenpriestern und anderen Menschen – über Jesus ausgeschüttet wurde.

„Und als die sechste Stunde gekommen war, kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde“ (V. 33). Das war übermenschlich. Gott lieferte ein Zeugnis über jene Stunden, wie es vorher und nachher nie gegeben wurde. Es erhob sich eine Finsternis. Sogar die Welt nahm sie wahr. Der Herr hatte den Juden gesagt, dass die Steine schreien müssten, wenn es nicht die kleinen Kinder und Säuglinge getan hätten.2 Johannes der Täufer hatte ihnen mitgeteilt, dass Gott aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken könne (Lk 3,8). So werden hier die Gefühllosigkeit der Menschen und die Schmähungen und Spöttereien, angefangen von den Hohenpriestern bis hinab zu den Räubern, gegen den Sohn Gottes von Gott durch eine Verhüllung der ganzen Natur in Gegenwart des Todes Dessen, der alles erschaffen hatte, beantwortet. Es entstand eine Finsternis über dem ganzen Land. Oben und unten Finsternis – was für eine Szene!

„Und zur neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloi, Eloi, lama sabachtani?, was übersetzt ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (V. 34). Das war keine körperliche Erschöpfung. Jesus starb nicht, weil Er nicht mehr leben konnte, wie alle anderen Menschen. Er besaß noch die volle Kraft des Lebens. Er starb nicht nur zur Sühne, sondern auch um sein Leben wiederzunehmen (Joh 10,18). Wie hätte Er die Überlegenheit seines Lebens über den Tod beweisen können, wenn Er nicht gestorben wäre? Noch weniger hätte Er uns befreien können. Wir sind mit Gott versöhnt worden durch den Tod seines Sohnes (Röm 5,10).

Doch es liegt noch mehr in dieser Wahrheit. Sein Auferstehungsleben, sein Heraussteigen aus dem Grab und die Wiederaufnahme seines Lebens bewies, dass Er den Tod erobert hatte, dem Er sich zur Verherrlichung Gottes so völlig unterworfen hatte. Er wurde zu Tode gebracht. Durch gottlose Hände wurde Er gekreuzigt und erschlagen. Doch es geschah auch ganz und gar freiwillig. Für jeden anderen Menschen ist der Tod unfreiwillig. Jesus steht vollkommen über der einfachen menschlichen Natur, und zwar sowohl in seiner Geburt, wie auch in seinem Tod und überall in seinem Leben.

Außerdem war dieser Schrei etwas Besonderes. Niemals wurde er vorher von einem gesegneten heiligen Menschen, wie Er es war, gehört. Gott verließ Ihn dort; das rief diesen Schrei hervor. Es ging hier nicht um die Offenbarung der Liebe; obwohl der Vater niemals mehr Liebenswertes in seinem Sohn sah als in diesen Augenblicken. Ja, niemals vorher sah Er, selbst in seinem Sohn, solch eine sittliche Schönheit. Aber wenn Er die Sünde trug, dann musste Er auch wirklich ihr Gericht ertragen. Die Folge war, dass Er von Gott verlassen wurde. Gott musste Ihn preisgeben, weil Er die Sünde auf sich genommen hatte. Und Er nahm unsere Sünde auf sich und ertrug das Verlassensein, welches die unausweichliche Folge der Übernahme der Sünde war. Er, der keine Sünde kannte, musste ihren Lohn bis zur letzten Konsequenz kennen lernen, als Er für uns zur Sünde gemacht wurde.

Und als einige der Dabeistehenden es hörten, sagten sie: Siehe, er ruft Elia“ (V. 35). Auch das scheint mir Spott zu sein. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sie nicht wussten, dass seine Worte „Mein Gott, mein Gott!“ bedeuteten und dass Er nicht nach Elias rief. „Einer aber lief und füllte einen Schwamm mit Essig und legte ihn um einen Rohrstab und gab ihm zu trinken und sprach: Halt, lasst uns sehen, ob Elia kommt, um ihn herabzunehmen. Jesus aber gab einen lauten Schrei von sich und verschied“ (V. 36–37).

Jetzt, nach der Vernichtung des Todes, der einzigen rechtmäßigen Grundlage für Leben und Erlösung, lesen wir: „Und der Vorhang des Tempels zerriss in zwei Stücke, von oben bis unten“ (V. 38). Das jüdische System war verurteilt; und das Urteil wurde an seinem charakteristischen und zentralen Kennzeichen vollzogen. Der Vorhang trennte das Heilige vom Allerheiligsten. Kein Gegenstand im jüdischen System war so bedeutsam wie der Vorhang. Der Vorhang zeigte in einem Bild, dass Gott anwesend war und der Mensch draußen stand. Gott beschäftigte sich mit dem Volk. Das Volk konnte sich jedoch Gott nicht nahen. Sie hatten Ihn in dieser Welt bei sich wohnen; sie waren aber nicht zu Ihm gebracht worden. Außerdem konnten sie seine Herrlichkeit nicht anschauen, sondern wurden durch das Gesetz auf Abstand zu Ihm gehalten (vgl. Heb 9,8; 10,19–20). Das Zerreißen des Vorhangs verkündete dagegen sofort, dass mit dem Judentum alles vorbei war.

So wie die übernatürliche Finsternis ein göttliches Zeugnis vor seinem Tod war, so erklärte der zerrissene Vorhang bei seinem Tod die Kraft des Blutes Christi. Jetzt war Gott nicht nur zu den Menschen herabgekommen, sondern der Mensch hatte auch durch das Blut Christi ein Recht erworben, zu Gott zu kommen. Ja, jeder, der den Wert jenes Blutes kennt, darf in das Allerheiligste eintreten.

Was aber die jüdische Haushaltung betrifft, so war hier dem Grundsatz nach ihre Auflösung da. Das Herunterreißen dieses Hauptsymbols und Zeichens war im Grunde genommen eine Entweihung des Heiligtums. Jetzt konnte jeder in das Allerheiligste sehen. Bisher durfte nur der Hohepriester einmal im Jahr und nicht ohne Blut es wagen, in dasselbe einzutreten. Doch jetzt wurde wegen seines Blutes, das die Juden vergossen hatten, ohne viel von seinem unendlichen Wert zu wissen, der Vorhang von oben bis unten zerrissen. Das geschah im ersten Monat des Jahres. Das Fest, an welchem der Hohepriester eintreten durfte, war im siebten Monat. Dadurch wurde das Zerreißen des Vorhangs umso auffälliger. In Wirklichkeit erfolgt die tatsächliche Erfüllung des Versöhnungstages und des folgenden Laubhüttenfestes, wenn Gott damit beginnt, das jüdische Volk wieder anzunehmen. Uns Christen wird gesagt, dass Christus unser Passah ist (1. Kor 5,7). Der Versöhnungstag als prophetisches Bild erwartet Israel erst in der Zukunft.

Das war jedoch nicht alles. Es gab nicht nur ein Zeugnis in der äußeren Natur, das sich dem Hohn der Menschen und den Schmähungen der mit Ihm gekreuzigten Räuber entgegenstellte. Es gab nicht nur diese Finsternis und das Zerreißen des Vorhangs als Zeichen für das Judentum. Es wird auch ein Heide vorgestellt, den Gott zwang, das Wunder, das damals und dort stattgefunden hatte, anzuerkennen. „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“ (V. 39).

Aller Voraussicht nach war er ein Heide, und seine Worte bedeuteten nicht mehr, als dass er anerkannte, dass Christus erhabener als ein normaler Mensch war. Das stimmt in der einen oder anderen Weise mit dem überein, was der chaldäische Herrscher in Daniel 3 hörte und sagte. Allerdings ging der Centurio weiter als die Babylonier. Er empfand, dass der Herr Jesus, obwohl Er seine Wohnung im Fleisch genommen hatte, mehr war als der Sohn eines Menschen, nämlich ein göttliches Wesen. Ich denke nicht, dass Nebukadnezar, wenn er davon spricht, dass er eine Person gleich einem Sohn der Götter (Dan 3,25) sah, die volle Wahrheit meinte, die wir kennen. Denn die Lehre von der ewigen Sohnschaft war damals noch nicht offenbart, und man kann auch nicht annehmen, dass Nebukadnezar sie verstand, da er zu jener Zeit ein Götzendiener war. Er gab jedoch ein Zeugnis von seiner vollen Überzeugung, dass es sich um irgendein übernatürliches Wesen handelte – „einem Sohn der Götter“. Außerdem konnte der Geist Gottes durchaus den Worten des Hauptmanns, wie auch des Königs, einen Ausdruck geben, der über das hinausging, was sie wirklich wussten. „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“

Die elf Jünger waren nicht da. Ach, sie verließen Ihn und flohen. Auf jeden Fall werden sie nicht erwähnt. Sie befanden sich so weit von ihrem richtigen Platz entfernt, dass Gott nichts über sie zu sagen hatte. Dafür tritt jetzt jemand anderes, der bisher vor einem angemessenen Bekenntnis zu Jesus zurückgeschreckt war, in den Vordergrund. „Und als es schon Abend geworden war (weil es ja Rüsttag war, das ist der Vorsabbat), kam Joseph von Arimathia, ein angesehener Ratsherr, der auch selbst das Reich Gottes erwartete, und ging kühn zu Pilatus hinein und bat um den Leib Jesu“ (V. 42–43). Die Umstände, von denen man normalerweise annehmen konnte, dass sie ihn mit Furcht erfüllten und vor den Folgen zurückschrecken liessen, wurden im Gegenteil von Gott benutzt, um eine Kühnheit zu entfalten, die niemals vorher Josephs Herz erfüllt hatte. Er machte sich eins mit Jesus. Er nahm nie den kostbaren Platz in der Nachfolge Jesu zu seinen Lebzeiten ein. Doch der Tod Jesu führte ihn zur Entscheidung, weckte seine Zuneigungen und veranlasste ihn, mutig hineinzugehen und den Leib seines Meisters zu fordern.

Pilatus war erstaunt und fragte, ob Jesus schon tot sei. Normalerweise ist die Kreuzigung ein langsamer Tod. Die Menschen litten häufig tagelang, wenn sie sich in einem normalen Gesundheitszustand befanden. Doch bei Jesus geschah alles innerhalb weniger Stunden. Es gab ja auch nichts mehr zu tun. Bei Ihm brauchte der Tod sich nicht hinzuziehen. Außerdem musste die Prophetie erfüllt werden, dass kein Bein von Ihm zerbrochen werden sollte. Das erzählt uns Johannes, der immer mit der Person des Herrn beschäftigt ist. Nach den Schriften musste Er durchstochen werden. Aber kein Bein von Ihm durfte zerbrochen werden. Diesen sehr bemerkenswerten Umstand bezeugt und berichtet uns Johannes. Markus beachtet ihn nicht. „Pilatus aber wunderte sich, dass er schon tot sei; und er rief den Hauptmann herzu und fragte ihn, ob er schon [lange] gestorben sei“ (V. 44). Dieser schnelle Tod Jesu, begleitet von dem lauten Schrei, erfüllte den Centurio mit Verwunderung, weil er bewies, dass kein normaler Mensch gestorben war. Jesus hatte die Gewalt, sein Leben zu lassen. Als sein Tod durch den Hauptmann beglaubigt war, überließ Pilatus Joseph den Leib Jesu.

Und Joseph „kaufte feines Leinentuch, nahm ihn herab und wickelte ihn in das feine Leinentuch und legte ihn in eine Gruft, die aus einem Felsen gehauen war; und er wälzte einen Stein an den Eingang der Gruft“ (V. 46). Maria Magdalene und Maria, die Mutter von Joses, beobachteten, wo Er hingelegt wurde. Wir finden hier zumindest aufrichtige Zuneigung. Das war zweifellos keine Erkenntnis aus Glauben; doch es war Liebe, sodass sie sich nicht von dem Herrn, den sie mit echten Gefühlen verehrten, losreißen konnten. Es war jedoch auch eine Frucht des Glaubens, der Jesus auf diese Weise selbst in seinem Tod ehrte.

Fußnoten

  • 1 Die besten Unziale (Alexandrinus, Vaticanus, Sinaiticus, Reskript von Paris, Bezas Cambridge und eines in München) und außerdem mehr als vierzig Kursive lassen Vers 28 weg. Ich denke nicht, dass irgend ein vorsichtiger Gelehrter darauf besteht, dass dieser Vers hier zu Recht steht. Er wurde möglicherweise aus dem Zitat von Jesaja 53,12 in Lukas 22,37 hierher übernommen (W. K.) (Anm. d. Übers.: vgl. auch die überarbeitete Fassung des Neuen Testaments der Elberfelder Übersetzung von 1996).
  • 2 Vgl. Matthäus 21,15–16 mit Lukas 19,39–40 (Übs.).
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