Eine Auslegung des Markusevangeliums

Kapitel 10

Unser Herr begann jetzt seine letzte Reise, indem Er Galiläa verließ und in das Gebiet von Juda und jenseits des Jordan ging. Wenn Volksmengen Ihn besuchten, lehrte Er sie weiterhin, wie Er es bisher getan hatte. Und sein Lehren war voll sittlicher Bedeutung und göttlichem Licht. Mögen unsere Seelen seine Lehren gut beherzigen! Wir neigen dazu, einseitig zu sein. Wenn wir die besonderen Offenbarungen der Gnade Gottes in Besitz nehmen, neigen wir leicht dazu, die großen und unwandelbaren Grundsätze von gut und böse zu übersehen, zu vernachlässigen oder abzuschwächen. Andererseits, wenn wir das festhalten, was vom Anfang bis zum Ende gültig bleibt, besteht die große Gefahr, dass wir für Gottes unumschränkte Handlungsweise zu bestimmten Zeiten keinen angemessenen Raum lassen. In Christus, der Wahrheit, war das niemals so. Alle Wege Gottes hatten ihren passenden Platz. Nichts wurde zugunsten eines anderen geopfert. Dabei wurden auch keineswegs ihre Unterschiede einfach ausgeglichen. Sogar in Gott, wo alles vollkommen und harmonisch ist, haben nicht alle Eigenschaften den gleichen Platz; es gibt auch solche, die besonders hervorscheinen. Jesus, der Sohn und Knecht Gottes, hielt auf allen Seiten angesichts von Sünde und Verwirrung die Wahrheit Gottes aufrecht.

Zunächst verteidigte Er entsprechend dem ungeschwächten Licht und der zarten Güte Gottes das Eheverhältnis. Die Heirat ist der bedeutsamste Schritt im menschlichen Leben und die Säule des sozialen Gefüges. Wie dankbar sollten wir sein, dass der Herr der Herrlichkeit auf seinem Weg durch diese Welt dazu etwas sagte! Das Bedürfnis war groß. Selbst im heiligen Land unter solchen, die heftig für ihre persönliche Heiligkeit eintraten und das Gesetz Gottes vor ihren Augen hatten und seine richtig oder falsch ausgelegten Vorschriften ständig auf ihren Zungen führten – wie niedrig und locker war ihre Theorie, wie selbstsüchtig ihre Praxis! Der Herr befand sich auf seinem Botengang der Liebe mit seinen ewigen Folgen. Und dennoch wollte Er auf seinem Weg innehalten, um das Licht des Himmels über die Wege der finster verschlagenen Menschen zu werfen und um sie an die Erschaffung des Menschen durch Gott zu erinnern. Er tat es mit gleicher Sorgfalt, wie Er den Schleier wegnahm, welcher die Jünger daran hinderte zu sehen, wie Er, der Gott war, sterben würde.

Und es traten Pharisäer herzu und fragten ihn, um ihn zu versuchen: Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau zu entlassen? Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? Sie aber sagten: Mose hat gestattet, einen Scheidebrief zu schreiben und zu entlassen. Jesus aber sprach zu ihnen: Wegen eurer Herzenshärte hat er euch dieses Gebot geschrieben; von Anfang der Schöpfung an aber machte [Gott] sie als Mann und Frau. „Deswegen wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein“; also sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ (V. 2–9). Allein schon die Ausführungen der Geschichtsforscher oder die Untersuchungen gelehrter Männer in den hinterlassenen rabbinischen Werken verraten die maßlose Leichtfertigkeit der Juden in Bezug auf die Ehe. Die wahren Verpflichtungen dieses Bandes waren unbekannt und die Stellung einer Ehefrau war nicht sicherer – falls überhaupt – als die eines Dienstboten. Er fragte, was Mose geboten hatte; sie antworteten, was Moses gestattete. Daraufhin zeigte unser Herr, wie offensichtlich Mose wegen ihrer Herzenshärtigkeit so schrieb.

Wahrhaftig, das Gesetz machte nichts vollkommen. Nicht nur das Evangelium, sondern auch der Anfang der Schöpfung legte Zeugnis von den wahren Gedanken Gottes ab, welcher den Menschen als Mann und Frau erschuf. Wie bewundernswert wandte der Herr sowohl die Ereignisse von 1. Mose 1 als auch die Worte von 1. Mose 2,24 auf den Fall an! Alle anderen natürlichen Verpflichtungen, selbst die eines Kindes, müssen weichen, wie ihr eigener Pentateuch, die fünf Bücher Mose, dem Grundsatz nach bewies sowie auch die ganze Menschheitsgeschichte. Und von Anfang an war dieses neue Verwandtschaftsverhältnis unauflösbar. Sie waren nicht länger mehr zwei, sondern ein Fleisch, auch wenn sie im Geist nicht verwandt waren. Das war nicht einfach die Sprache Adams, sondern vor allem die Tat Gottes. Und wenn Er vereint, darf der Mensch nicht scheiden. So entfaltete der Herr glänzend und schön denen das Gesetz, die Nutzen aus dem zogen, was Gott für eine Zeitperiode erlaubt hatte. Die Gnade und die Wahrheit verschönern immer alles, was der gesetzliche Geist auf der einen Seite zu Selbstgerechtigkeit oder auf der anderen zu Hemmungslosigkeit verdirbt.

Im Haus, wie uns nur Markus hier berichtet, gab der Herr den Jüngern die nachdrückliche Antwort: „Wer irgend seine Frau entlässt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch ihr gegenüber. Und wenn sie ihren Mann entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch (V. 11–12). Hier sehen wir dieses Verhältnis betreffend die finstere Umkehrung durch die Sünde. Keine menschliche Genehmigung kann die Aufhebung dieses Bandes heiligen, solange man im Fleisch ist.

Auch das nächste Ereignis ist voll sittlicher Lieblichkeit und göttlicher Gnade. Doch es ist auch voll Belehrung; denn hier finden wir nicht die Pharisäer im schmerzlichen Widerspruch zu der Gesinnung des Lehrers, sondern die Jünger. „Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber verwiesen es ihnen. Als aber Jesus es sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen, wehrt ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer irgend das Reich Gottes nicht aufnimmt wie ein Kind, wird nicht dort hineinkommen. Und er nahm sie in die Arme, legte die Hände auf sie und segnete sie“ (V. 13–16). Unser Evangelist stellt besonders den Unwillen des Herrn heraus. Das ist nicht verwunderlich. Dieser war tatsächlich ein Teil seiner Vollkommenheit. Die Jünger verrieten nämlich ihre Rabbi-mäßige Überheblichkeit, welche viel Wert auf Zeremonien und Erkenntnis legt und die Macht der Gnade und die Offenbarung göttlicher Zuneigungen übersieht. Doch außerdem nahmen sie des Herrn Platz ein und stellten den Herrn und den Gott aller Gnade, der Ihn gesandt hatte, sowie den wesentlichen Charakter jenes Reiches, das Er aufrichten wollte, falsch dar. Sie erlaubten nicht, dass kleine Kinder, Säuglinge, zu Ihm kamen! Sie hinderten sie! Dabei ist nicht nur diesen das Reich Gottes zugesprochen, sondern wer irgend auch das Reich Gottes nicht wie ein Kindlein aufnimmt, kann nicht in dasselbe eintreten. Das war das ernste Urteil des Herrn. Gerade wenn man Jesus nichts zu bringen hat, erfüllt man die Bedingung zum Eingehen in das Reich. Möchten auch wir den Glauben haben, unsere Kindlein mit uns vor Ihn zu bringen und auf seinen gewissen Segen rechnen!

Der Herr hatte die Ehe von ihrem Ursprung durch Gott her gegen die Pharisäer verteidigt. Er hatte Säuglinge trotz des Tadels der zuletzt selbst getadelten Jünger gesegnet. Als nächstes sehen wir, wie Er von dem reichen jungen Obersten eifrig aufgesucht wurde. „Und als er auf den Weg hinausging, lief einer herzu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Lehrer, was soll ich tun, um ewiges Leben zu erben?“ (V. 17). Es fehlte hier nicht an sittlicher Aufrichtigkeit, nicht an Ehrerbietung gegen einen Mann, den er unwillkürlich als überlegen erkannte, sowie Fleiß, der jede Mühe auf sich nahm. Nein, hier war Ernsthaftigkeit, ehrenvolle Achtung vor jenem gerechten Mann und ein aufrichtiges Verlangen, eine neue Lektion zu lernen und einen weiteren Schritt im Gutestun zurückzulegen. Hier war die menschliche Natur, die ihr Bestes tat und sich doch grundsätzlich auf dem falschen Weg befand; denn seine Frage setzte voraus, dass der Mensch gut war und Gutes tun konnte, und zwar so, wie er ist. Schon sein Gruß der Ehrerbietung an Jesus bewies, dass er Ihn nicht kannte. Und infolgedessen war ihm auch die Wahrheit über Gott und den Menschen unbekannt.

Wenn der junge Oberste geglaubt hätte, dass Jesus der Sohn des lebendigen Gottes ist, dann hätte er Ihn nicht mit „Guter Lehrer“ begrüßt. Diese Ausdrucksweise passte zu einem geachteten und geehrten Lehrer; sie war jedoch überflüssig und unangemessen bei der Anrede einer Person, die Gott gleich und selbst Gott war. Er hatte sich nie die Bosheit des Menschen, die vollständige, hoffnungslose Sünde und die Verderbnis des Herzens in den Augen Gottes vergegenwärtigt. Darum wurde nie das Bedürfnis nach einer Person wie Jesus gefühlt – nach einer Person, die Gott und Mensch in einem, in göttlicher Liebe in die Tiefen der Sünde hinabkam und in göttlicher Gerechtigkeit zum Thron Gottes erhöht worden ist. Er erkannte nicht, dass er den Einen benötigte, der auf der Erde für sündige Menschen von der Hand Gottes alles erduldete, damit Er den Menschen erlöst, versöhnt, gerechtfertigt und verherrlicht durch sich selbst bei sich im Himmel habe und damit, wie in allem, durch beide Handlungen Gott durch Jesus Christus verherrlicht werde.

Unser gesegneter Herr wies darum die Ehre, welche die einzig richtige Grundlage dafür missachtete, voll Eifer für die Wahrheit und die Herrlichkeit Gottes zurück. In Wirklichkeit besteht ausschließlich hierin die wahre Liebe zum Menschen. Wenn Er nicht Gott war, dann war Christus nicht gut. Wenn Er gut war, dann war Er Gott. „Jesus aber sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als nur einer, Gott. Die Gebote kennst du:,Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst kein falsches Zeugnis ablegen; du sollst nichts vorenthalten; ehre deinen Vater und deine Mutter. Er aber sprach zu ihm: Lehrer, dies alles habe ich beachtet von meiner Jugend an. Jesus aber blickte ihn an, liebte ihn ...“ (V. 18–21). Die beiden Dinge, die auf des Jünglings Frage folgen, sind auffallend. Zum einen lesen wir von der vergleichsweise ernsten Antwort des Herrn und zum anderen die ausdrückliche Erklärung, dass Er ihn anblickte und liebte. Das erstere zeigt, wie Er mit der liebenswürdigen menschlichen Natur umging, wenn sie in das eindrang, was sie nicht verstand. Das zweite offenbart, wie kein barscher Tadel in Bezug auf die geistliche Güte und auch nicht das Bewusstsein, dass der junge Mann ungläubig war und später traurig hinweggehen würde, seine Liebe für das, was lieblich und anziehend in der menschlichen Natur ist, hemmen konnte.

Unser Herr gab des Jünglings Hochschätzung der Gebote seinen vollen Wert und widersprach nicht, sondern begegnete ihm auf dem eigenen Boden, den er gewählt hatte. Der junge Mann war kein im Herzen zusammengebrochener, überführter Sünder, der fragte, was er tun müsse, um errettet zu werden. Er war ein tadelloser Mensch, der von nichts Bösem in seinem Leben wusste und einzig und allein nach einem noch vorzüglicherem Weg anfragte bei einer Person, die in seinen Augen so überragend ausgezeichnet war wie Jesus. Folglich sagte dieser zu ihm: „Eins fehlt dir: Geh hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! (V. 21). Jesus hatte unendlich mehr getan, denn obwohl Er reich war, ist Er um unsertwillen arm geworden, damit wir durch seine Armut reich würden (2. Kor 8,9). Doch dieser Oberste kannte die Gnade unseres Herrn nicht, obwohl ihm seine unaussprechliche sittliche Herrlichkeit nicht verborgen geblieben war. Er kannte seine Gnade nicht, weil er seine wahre Herrlichkeit nicht kannte. Er dachte, als er vor Jesus kniete, wenig daran, dass vor ihm Jemand stand, „der, da er in Gestalt Gottes war, es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst zu nichts machte und Knechtsgestalt annahm, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist, und, in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden, sich selbst erniedrigte, indem er gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,6–8).

Es war demnach nicht so, dass Derjenige, welcher alles Gute außer in Gott zurückwies, vor der Probe, die Er dem nach Gutem suchenden Obersten vorstellte, selbst zurückschreckte. Und doch war das Eine, das dem jungen und begeisterten Juden fehlte, unvergleichlich viel geringer als der Pfad Jesu in Leben und Tod. Es war jedoch eine zu große Forderung für das lieblichste Bild der Menschheit, das, so weit wir wissen, den Weg des Herrn kreuzte. Seine traurigen Schritte beim Weggehen deckten allen anderen, wenn nicht sogar seinem eigenen Gewissen, die Habsucht seines Herzens auf. Er legte Wert auf seine Besitztümer, er vertraute auf Reichtümer, er hatte wenig Verlangen nach Schätzen im Himmel und er sorgte nur für sich selbst und nicht für andere – selbst nicht für die Armen, an die der Herr immer so viel dachte. Das Aufnehmen des Kreuzes und die Nachfolge Christi war mehr als das, worauf er bei der Ausübung des Guten vorbereitet war. Was ist der Mensch? Worin kann man sich auf ihn verlassen? Es ist gut, Gott im Geist anzubeten, uns in Christus Jesus zu erfreuen und nicht auf das Fleisch zu vertrauen. „Niemand ist gut als nur einer, Gott.“ Wie wahr und wie gesegnet für uns, dass es so ist! „Ja, nur ein Hauch ist jeder Mensch, der dasteht“ (Ps 39,6). Jesus hatte nur den Schatten und noch nicht das Abbild der göttlichen Güte in sich selbst enthüllt und doch wurde die Schönheit dieses liebenswürdigen Verehrers wie eine Motte verzehrt. „Er aber wurde traurig über das Wort und ging betrübt weg, denn er hatte viele Besitztümer“ (V. 22). Wahrhaftig, jeder Mensch ist Nichtigkeit!

Der große Prophet, der vollkommene Diener von Gnade und Wahrheit, benutzt das Ereignis zum Nutzen seiner Jünger. „Und Jesus blickte umher und spricht zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die, die Vermögen haben, in das Reich Gottes eingehen! (V. 23). Sogar die Jünger verstanden nichts, sondern erstaunten über seine Worte. Auch sie wussten nicht, dass es im Menschen und in den Vorzügen dieser Welt nichts Gutes für das Reich Gottes gibt. „Jesus aber antwortete wiederum und spricht zu ihnen: Kinder, wie schwer ist es, [dass die, die auf Vermögen vertrauen, in das Reich Gottes eingehen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch das Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes eingehe. Sie aber erstaunten über die Maßen und sagten zueinander: Und wer kann dann errettet werden? Jesus aber sah sie an und spricht: Bei Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott; denn bei Gott sind alle Dinge möglich“ (V. 24–27). So schwächte Jesus in keiner Weise die Härte der Wahrheit ab. Gerade die Segnungen, wie der Mensch so sagt, des Fleisches und der Welt erweisen sich als Hindernisse in den Dingen Gottes. Bei Menschen ist eine Errettung also unmöglich. Auch hier ist ausschließlich Gott tätig. Aber, gepriesen sei sein Name, bei Ihm sind alle Dinge möglich.

Was für Herzen haben wir, dass sogar die ernsten Umstände des Obersten und das noch ernstere Urteil des Herrn, das an die überraschten Ohren der Jünger gelangte, jene selbstgefällige Frage dessen hervorrief, der etwas zu sein schien, ja, eine Säule unter denen, die Jesus am nahesten standen! „Petrus fing an, zu ihm zu sagen: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus sprach: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker verlassen hat um meinet- und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfach empfängt, jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker unter Verfolgungen, und in dem kommenden Zeitalter ewiges Leben. Aber viele Erste werden Letzte und die Letzten Erste sein“ (V. 28–31).

Es ist sehr bemerkenswert, dass der Herr sagte, dass man ausschließlich um seinetwillen (und, wie in diesem Evangelium so passend hinzugefügt wird, um des Evangeliums willen) das, was zum natürlichen Leben gehört, aufgibt. Auch Petrus redete, von ihrem Verzicht auf alles, um Ihm nachzufolgen. Wenn man alles wegen der Belohnung aufgibt, so ist das wertlos und kann auch niemals auf Dauer sein. Allein Christus ist der anziehend wirkende Gegenstand und der Beweggrund, der ein erneuertes Herz regiert. Bei Ihm ist Weide für die Schafe; bei Ihm hält sich auch die Herde auf; und die Schafe folgen Christus, denn sie kennen seine Stimme. Die Belohnung wird bald folgen; doch die Schafe folgen nicht den Belohnungen, sondern dem Herrn. So wie unser Evangelist von der Verfolgung um des Evangeliums willen spricht (Mk 8,35), so zeigt er auch, dass der treue Dulder in dieser Zeit für das, was er verlassen hat, hundertfältig empfängt, und zwar mit Verfolgungen, und in dem kommenden Zeitalter ewiges Leben. Es werden jedoch, wie der Herr sagt, und das war ein bedeutungsvolles Wort für Petrus  und ist es das nicht auch für uns alle? , viele Erste Letzte und Letzte Erste sein. Das gerechte Gericht wird während des langen Wettlaufs so manche Erwartung, die sich allein darauf gründet, was vor Augen ist, ins Gegenteil umkehren. Das Ende des Wettlaufs entscheidet, nicht der Start, obwohl Gott gegen niemand ungerecht ist und keine Handlung falsch beurteilt. Darum ist es hier, wie auch in der Angelegenheit vorher, gut, auf Gott und seine Gnade zu vertrauen. „Niemand ist gut als nur einer, Gott.“

Sie befanden sich jetzt auf der Straße nach Jerusalem, wo, wie die Jünger wussten, die Feindschaft gegen ihren Meister am tödlichsten war. Als Jesus vor ihnen her ging, „entsetzten [sie] sich“ infolgedessen „und, während sie nachfolgten, fürchteten sie sich“ (V. 32). Sie waren nicht weniger erstaunt darüber, in welcher Ruhe Er der Gefahr ins Auge sah, als sie davor zurückschreckten, ihr ausgesetzt zu sein. Sie waren immer noch dem irdischen Leben verhaftet, obwohl sie es natürlich am liebsten unter der Regierung des Messias verbracht hätten, indem jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum sitzen wollte, ohne dass irgendjemand sie in Furcht versetzten könnte (Mich 4,4). Doch dass man einem Weg folgen musste, der durch Verfolgung bis zum Tod führte, war jetzt noch weit davon entfernt, ein Vorrecht und eine Ehre in ihren Augen zu sein. Sie kannten bisher sogar Christus nur nach dem Fleisch; die Herrlichkeit seines Todes und seiner Auferstehung hatten sie bis jetzt noch nicht erkannt. Deshalb nahm der Herr Jesus „Sie waren aber auf dem Weg hinauf nach Jerusalem, und Jesus ging vor ihnen her; und sie entsetzten sich, und während sie nachfolgten, fürchteten sie sich. Und er nahm wiederum die Zwölf zu sich und fing an, ihnen zu sagen, was ihm widerfahren sollte: Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Sohn des Menschen wird den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten überliefert werden; und sie werden ihn zum Tod verurteilen und werden ihn den Nationen überliefern; und sie werden ihn verspotten und ihn anspeien und ihn geißeln und töten; und nach drei Tagen wird er auferstehen“ (V. 32–34).

So wurde das vollste Zeugnis abgelegt, und zwar nicht wahllos, sondern an ausgewählte Zeugen, vollständig genug für die Absichten Gottes unter den Menschen. Nur Matthäus stellt, wie es passend war, jene Form des Todes, das Kreuz, heraus, welches der fleischlichen Gesinnung des Juden zum Fallstrick wurde (Mt 20,17–19). Dahingegen richtet Lukas, wie es seine Art ist, die Aufmerksamkeit auf die Erfüllung der Schriften als ein Ganzes, ohne wie Matthäus auf die besonderen Einzelheiten einzugehen, indem er zudem das Unverständnis der Jünger erwähnt (Lk 18,31–34).

Danach kamen die Söhne des Zebedäus, Jakobus und Johannes, (mit ihrer Mutter, wie wir von Matthäus erfahren) „Und Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, treten zu ihm und sagen zu ihm: Lehrer, wir wollen, dass du uns tust, um was irgend wir dich bitten werden. Er aber sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich euch tun soll? Sie aber sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir einer zu deiner Rechten und einer zur Linken sitzen mögen in deiner Herrlichkeit“ (V. 35–37). Wie oft verrät sich die fleischliche Gesinnung im Gläubigen sogar im Bereich des Glaubens! Wie schwach waren noch jene, die zu Säulen ausersehen waren! Wie sehr überstrahlte der Meister selbst die Gesegnetsten unter seinen Knechten! Sie wussten nicht, um was sie baten. Das war keine Bitte, um sie an den leidenden Sohn des Menschen auf seinem Weg zum Kreuz zu richten. Konnten sie den Kelch trinken, den Er trinken sollte? Konnten sie mit der Taufe getauft werden, die vor Ihm stand? Ach, dem Ehrgeiz in den Dingen des Reiches folgte bald das Selbstvertrauen. „Wir können es“ (V. 39). Was für eine Antwort! Müssen wir uns wundern, wenn wir erfahren, dass auch diese Beiden in der Stunde des Kreuzes Jesus verließen und flohen? Nichtsdestoweniger besiegelt der Herr ihre Antwort mit der Ankündigung seines eigenen bitteren Teils, und zwar sowohl innerlich als äußerlich. Er ließ sie aber auch wissen, dass nicht Er diese erhabenen Plätze um sich selbst in der Herrlichkeit vergeben sollte; sie sind für die, welchen sie bereitet worden sind (V. 38–40). Er weigerte sich, den sittlich höchsten Platz in einer Welt wie dieser zu verlassen; Er blieb Gottes Knecht unter den Menschen.

Wenn die beiden Söhne des Zebedäus so ihre Unwissenheit über die sittliche Herrlichkeit Christi verrieten – wie verhielten sich die übrigen Jünger? Jedenfalls nicht voll Kummer des Herzens wegen ihrer Brüder! „Und als die Zehn es hörten, fingen sie an, unwillig zu werden über Jakobus und Johannes (V. 41). Wie oft offenbart unsere fleischliche Verstimmung über den Hochmut anderer den Hochmut in unseren eigenen Herzen und bricht in eine Entrüstung aus, die genauso unziemlich ist wie das Böse, das sie hervorrief! „Und als Jesus sie herzugerufen hatte, spricht er zu ihnen: Ihr wisst, dass die, die als Fürsten der Nationen gelten, diese beherrschen und dass ihre Großen Gewalt über sie ausüben. Aber so ist es nicht unter euch; sondern wer irgend unter euch groß werden will, soll euer Diener sein; und wer irgend unter euch der Erste sein will, soll der Knecht aller sein. Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele (V. 42–45).

Das ist dienende Liebe und nicht das Fleisch, welches bedient werden will. Liebe ist der anregende Beweggrund und die zugrunde liegende Einstellung. Dazu benötigt man keine kirchliche oder amtliche Stellung. Ich bezweifle nämlich nicht, dass die Person, die nicht im geringsten den ersten der Apostel nachstand, am meisten von allen von der Gesinnung, die sich in Christus Jesus zeigte, durchdrungen war, und zwar sowohl in ihrer Seele als auch in ihrem Dienst. Paulus war aller Knecht. „Und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war“ (1. Kor 15,10). „Sind sie Diener Christi? (Ich rede als von Sinnen.) Ich noch mehr. In Mühen überreichlicher, in Gefängnissen überreichlicher, in Schlägen übermäßig, in Todesgefahren oft. Von den Juden habe ich fünfmal empfangen vierzig Schläge weniger einen. Dreimal bin ich mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht habe ich in der Tiefe zugebracht; oft auf Reisen, in Gefahren durch Flüsse, in Gefahren durch Räuber, in Gefahren von meinem Volk, in Gefahren von den Nationen, in Gefahren in der Stadt, in Gefahren in der Wüste, in Gefahren auf dem Meer, in Gefahren unter falschen Brüdern; in Mühe und Beschwerde, in Wachen oft, in Hunger und Durst, in Fasten oft, in Kälte und Blöße; außer dem, was außergewöhnlich ist, noch das, was täglich auf mich andringt: die Sorge um alle Versammlungen. Wer ist schwach, und ich bin nicht schwach? Wem wird Anstoß gegeben, und ich brenne nicht?“ (2. Kor 11,23–29). Es war jedoch allein das Teil des Sohnes des Menschen, nicht nur zu dienen, sondern auch sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.

Hier beginnt ein neuer Abschnitt unseres Evangeliums. Er berichtet von der letzten Vorstellung der Herrn als der Messias an die Nation. Sein Werk des Dienstes war beendet. Jetzt wird Er als der Sohn Davids gesehen.

Und sie kommen nach Jericho“ (V. 46). Das war die Stadt, die sich als erste dem Einzug Israels in das Land der Verheißung entgegenstellte und durch die gewaltige Macht Gottes fiel, als sich das Volk seinem Wort durch Josua unterwarf (Jos 6). Es war die Stadt, welche den vorhergesagten Fluch auf den, der sie wiederaufbaute, und seine Söhne brachte (1. Kön 16,34). Es war die Stadt, deren Wasser der Prophet einst aus Gnade gesund gemacht und deren Unfruchtbarkeit er weggenommen hatte (2. Kön 2,19–22) und die jetzt zum Schauplatz einer bemerkenswerten Entfaltung der wohltuenden Macht als Antwort auf den Glauben wurde, der den verheißenen Samen und König anerkannte.

„Und sie kommen nach Jericho. Und als er aus Jericho hinausging mit seinen Jüngern und einer zahlreichen Volksmenge, saß der Sohn des Timäus, Bartimäus, der Blinde, bettelnd am Weg (V. 46). Ich zweifle nicht, dass das dieselbe Begebenheit ist, die in Matthäus 20,29–34 und Lukas 18,35–43 berichtet wird. Doch die Unterschiede sind so groß, dass sie in einigen Lesern Zweifel daran hervorgerufen haben. In Wirklichkeit sind alle drei Berichte vollkommen. Matthäus berichtet von der doppelten Heilung, wie es seiner Gewohnheit (siehe Kap. 8) und den Anforderungen eines jüdischen Zeugnisses entspricht. Lukas ordnet seinen Bericht so an, dass ein unsorgfältiger Leser annehmen könnte, dass die Heilung geschah, als Er in Jericho hineinzog und nicht als Er heraustrat. Seine sittliche Reihenfolge erforderte es, dass der Bericht von Zachäus und das Gleichnis vom Edelmann nebeneinander gestellt wurden, um die Reichweite der beiden Kommen des Herrn zu verdeutlichen. Deshalb musste die Geschichte von dem Blinden umgesetzt werden. Trotzdem achtete Lukas sorgfältig darauf, nicht zu sagen: „als Er in die Nähe Jerichos gekommen war“, wie es ähnlich in englischen und anderen Bibeln1 steht, sondern „als Er nahe bei Jericho war“ („ἐν τῷ ἐγγίζειν αὐτὸν εἰς Ἰεριχὼ“). Damit sagte er nicht, ob Jesus kam oder ging. Er war einfach in der Nähe von Jericho. Einige Manuskripte geben zur Stelle im Markusevangelium die Lesart: „Der Sohn des Timäus, Bartimäus, ein blinder Bettler, saß ...“ In der Abschrift vom Sinai steht: „blind und ein Bettler“. Wie üblich berichtet unser Evangelist die Tatsachen und sogar die Namen mit kennzeichnender Genauigkeit.

Und als er hörte, dass es Jesus, der Nazarener, sei, fing er an zu schreien und zu sagen: Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner!“ (V. 47). Kein Ausdruck des Unglaubens von Seiten anderer konnte seinen Ruf des Glaubens ersticken. Es stand zweifellos in Übereinstimmung mit seinen Bedürfnissen, wenn er den anrief, von dem Jesaja in alter Zeit bezeugt hatte: „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan“ (Jes 35,5). Andere kannten diese Schriftstelle genauso gut wie Bartimäus, doch er verlangte diese Segnung von dem verachteten Nazarener. Die anderen Juden behaupteten, dass sie sähen, daher blieb ihre Sünde (Joh 9,41). Im Gegensatz dazu gestand Bartimäus ein, dass er elend, arm und blind war. Er war auch bereit, nackt zu werden, wenn er dadurch umso schneller zum Herrn kommen konnte. Die Volksmenge empfand ihre Not nicht und hatte kein Mitempfinden mit dem, der sie fühlte, sondern versuchte, seine Zudringlichkeit zu unterdrücken. Doch es war Gott, der dieses Verlangen auf das Herz des blinden Bettlers gelegt hatte. Gott wollte durch diesen Ruf des Blinden an den verworfenen Messias die Ungläubigkeit seines Volkes tadeln, welches genauso elend, arm und blind war wie er – ja, sogar noch blinder, noch unvergleichlich blinder als er, weil sie ihre Blindheit nicht empfanden und ihren König nicht anerkannten. Für sie war Er nur der Jesus von Nazareth. „Und viele fuhren ihn an, dass er schweigen solle; er aber schrie umso mehr: Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ (V. 48).

Die Verwendung dieses Titels ist der Zeit und dem Ort nach hier umso auffälliger, weil er jetzt zum ersten Mal, und man darf wohl sagen, zum einzigen Mal im Markusevangelium erscheint, wohingegen er in den entsprechenden Kapiteln des Matthäusevangelium von Anfang an häufig angeführt wird. Die einzige Stelle, wo die Ausdrucksweise diesem Titel nahe kommt, finden wir in dem Zitat des Herrn Jesus von Psalm 110,1 in Markus 12,36–37. Diese Stelle sowie auch die Verse 9 und 10 im elften Kapitel mögen zeigen, wie wahrhaftig Bartimäus von Gott angeleitet wurde. Er ist zweifellos ein Bild des Überrestes in den letzten Tagen, dessen Augen vom Messias geöffnet werden, bevor Er eine öffentlich anerkannte Beziehung zu Jerusalem eingeht.

Doch wenden wir uns wieder zu dem Vorschatten der Güte, die ewiglich währt (Ps 106,1)! Jesus sprach keinen Tadel aus; im Gegenteil, Er blieb stehen und sprach: „Ruft ihn!“2  „Und sie rufen den Blinden und sagen zu ihm: Sei guten Mutes; steh auf, er ruft dich! Er aber warf sein Oberkleid ab, sprang auf und kam zu Jesus (V. 49–50). Markus, und nicht Matthäus, erwähnt, wie er in seiner Eile, der Einladung Jesu zu folgen, sein Gewand abwarf. Dabei war doch Matthäus und nicht Markus ein Augenzeuge.

Und Jesus hob an und sprach zu ihm: Was willst du, dass ich dir tun soll? Der Blinde aber sprach zu ihm: Rabbuni, [mein Meister] dass ich wieder sehend werde. Und Jesus sprach zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dich geheilt. Und sogleich wurde er wieder sehend und folgte ihm nach auf dem Weg“ (V. 51–52). Lukas erwähnt dann noch ausdrücklich die sittlichen Auswirkungen: Der ehemals Blinde verherrlichte Gott und das ganze Volk, welches das Wunder sah, gab Gott Lob. Doch letzteres gehört ganz und gar zum Thema des Lukasevangeliums, wie tatsächlich jeder Leser, der die Schrift mit normaler Aufmerksamkeit liest, bemerken wird.

Fußnoten

  • 1 Anm. d. Übers.: damit ist auch die „Elberfelder Übersetzung“ gemeint
  • 2 Das ist, wie ich nicht bezweifle, die richtige Lesart, die auch den anschaulichen Stempel von Markus' Stil trägt. Der gewöhnliche Text entspricht hier wie anderswo der Neigung, die Evangelien einander anzupassen. Damit beantworteten die Abschreiber nämlich die Vorliebe der Theologen nach Vereinheitlichung. Beides führt zu einer nicht geringen Entstellung der göttlichen Vollkommenheit der Evangelien. Vergleiche diese Stelle mit Lukas 18,40, wo der Ausdruck. „Jesus. . . hieß ihn“, durchaus zu Recht steht! (W. K.) (Anm. d. Übers.: Siehe Mk 10,49 in der überarbeiteten Fassung des Neuen Testamentes der „Elberfelder Übersetzung“ von 1996).
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