Eine Auslegung des Markusevangeliums

Kapitel 2

Wir haben gesehen, wie der Herr offiziell eingeführt wurde und in seinen öffentlichen Evangeliumsdienst eintrat. Er wurde mit der Kraft des Heiligen Geistes ausgestattet und erfolglos bis zum Äußersten vom Teufel versucht. Wir haben Ihn gesehen, wie Er auserwählte Zeugen berief und danach den unreinen Geist, der einen Menschen beherrschte, entlarvte und austrieb. Die Macht Gottes war da sowie die Autorität des Wortes. Eine äußerst heftige Krankheit floh vor seiner Hand und Kraft wurde mitgeteilt – Kraft, um zu dienen. Krankheiten und gleicherweise Dämonen wichen vor diesem Diener des Guten an einem bösen Tag, welcher nicht ihr Zeugnis suchte, sondern das Angesicht seines Vaters, und zwar im Geheimen, während die Menschen schliefen. Wenn auch die Predigt des Evangeliums und das Austreiben von Dämonen seine Hauptaufgabe war, so standen doch sein mitleidiges Herz und seine Hand jedem Ruf der Not zur Verfügung. Davon war der Aussätzige ein Beweis, welcher mit dem Bekenntnis seines Elends zu Ihm kam. Der Herr unterwarf seine Heilung strikt dem levitischen Gesetz der Reinigung und zwang hierdurch die Priester, gerade in dieser Unterwerfung unter das Gesetz, den Hinweis auf die Anwesenheit und Macht einer Person, die über dem Gesetz stand, anzuerkennen.

Nachdem Er eine Zeit an öden Orten mit jenen zugebracht hatte, die sich aufgrund seines Rufes, der Ihn von jeder Stadt fernhielt, um Ihn scharten, finden wir unseren Herrn wieder in Kapernaum. Sofort belagerten Volksmengen nicht nur das Haus, sondern sogar die Tür, um sein Wort, das Er sprach, zu hören (V. 1–2). Ach, Kapernaum! Warst du nicht zum Himmel erhöht? Wurdest du nicht zum Hades hinabgestoßen? (Mt 11,23). Die mächtigen Taten, die in dir getan wurden, waren weniger machtvoll als das Wort, das dich wie die liebliche Musik eines Menschen, der eine schöne Stimme hat und gut ein Instrument zu spielen versteht, anzog (Hes 33,32). Und doch fiel alles auf achtlose Herzen und unbearbeitete Gewissen. Sie wussten nicht, obwohl sie es eigentlich erkennen mussten und bald erkennen werden, dass ein Prophet, und mehr als ein Prophet, unter ihnen war.

Während die Masse des Volkes nur mit ihren Ohren hörte, gab es auch Glauben, der angesichts von Schwierigkeiten ausharrte und seine Bitte erfolgreich vor Jesus brachte. Was konnte verzweifelter aussehen? Der Aussätzige konnte wenigstens zu Ihm kommen, Ihn bitten und vor Ihm niederknien. Wie konnte der Gelähmte das Gewühl, welches Ihn vom Heiland trennte, durchdringen? Wenn er selbst es nicht konnte, so konnte er doch gebracht werden. Und so geschah es. Sie kamen und brachten den Gelähmten auf seinem Bett oder seiner Liege, die von vier Männern getragen wurde. „Und da sie wegen der Volksmenge nicht an ihn herankommen konnten, deckten sie das Dach ab, wo er war; und als sie es aufgebrochen hatten, ließen sie das Bett hinab, auf dem der Gelähmte lag“ (V. 4). „O Herr, wie lieblich, wie erfrischend für dein Herz war dieses Vertrauen auf dich, dieser äußerst beredte, wenn auch unausgesprochene Appell an deine Liebe und Macht!“ Das war Glaube, und zwar sowohl in dem Patienten als auch in seinen Trägern. Und der Glaube erhält, jetzt wie immer, nicht nur das, was er erbittet, sondern viel mehr und Besseres. „Und als Jesus ihren Glauben sah, spricht er zu dem Gelähmten: Kind, deine Sünden sind vergeben“ (V. 5).

Ja, das war die Wurzel des Übels, tiefer als Aussatz oder Lahmheit – Sünde, welche die Menschen so gering einschätzen als einen bloßen sittlichen Kratzer an der Oberfläche. Was aber war die Sünde in den Augen Dessen, der am Kreuz zur Sünde gemacht wurde? Der durch das Opfer seiner selbst die Sünde wegnahm? Voll Liebe und angesichts des Glaubens, welcher Ihn dort ausfindig gemacht hatte, handelte Er in der Unumschränktheit der Gnade und verkündete die wunderbaren Worte: „Kind, deine Sünden sind vergeben“. Er, der alle Menschen kannte und sich ihnen nicht mitteilte (Joh 2,24), der Gott und sein Werk kannte, vertraute sich dem Glauben an. Der Glaube mochte schwach sein, er war jedoch von Gott. Sein Auge nahm ihn schnell wahr und Er segnete ihn nach all der Liebe seines Herzens. „Kind, deine Sünden sind vergeben“.

Aber auch Satan hatte dort seine Versammlung. „Einige aber von den Schriftgelehrten saßen dort und überlegten in ihren Herzen: Was redet dieser so? Er lästert. Wer kann Sünden vergeben, als nur einer, Gott?“ (V. 6–7). Nach ihrer eigenen Einschätzung waren sie weise. Sie sahen sich als Richter über Gesetz und Evangelium, ohne das eine zu halten, noch dem anderen zu glauben. Sie waren schlecht. Indem sie Christus und seine Barmherzigkeit verwarfen, verachtete ihr stolzer Verstand die gesegnete Wahrheit Gottes. Ihre stolze Selbstgerechtigkeit verschmähte und hasste jene Gnade, deren Notwendigkeit sie nie erkannt hatten. Ein ausreichender Beweis von der heiligen Macht, der Macht Gottes im Gegensatz zu Satan und in Mitleid gegen die Menschen, war gewährt worden. Doch welche Bedeutung hatte das für vernünftelnde Schriftgelehrte, die die Welt, so wie sie ist, gewohnt waren und für ihre eigene religiöse Bedeutung eiferten? Da war jemand auf der Erde, der die Vergebung der Sünden einem elenden Sünder verkündigte, der die Vergebung noch nicht einmal gesucht hatte! Das war in ihren Augen erschreckend und lästerlich, ein Eingriff in die Hoheitsrechte Gottes. Nicht dass sie für Gott sorgten oder den Menschen liebten; sie hassten jedoch Jesus für seine Gnade. Und falls seine Worte sich als wahr erwiesen, dann war es mit ihrer beruflichen Tätigkeit vorbei. Doch nein, das konnte nicht sein! So etwas war seit Anbeginn der Welt nie gehört worden. „Was redet dieser so? Er lästert. Wer kann Sünden vergeben, als nur einer, Gott?“ Da lag also das Geheimnis! Sie kannten die Herrlichkeit Jesu nicht. Sie ließen seine göttliche Würde völlig unberücksichtigt. Der Grundsatz, den sie anführten, war absolut wahr, die Anwendung jedoch verhängnisvoll falsch. Wie oft ist das der Felsen, an dem die religiösen Ungläubigen zerbrechen und verderben!

Und sogleich gab der Herr ihnen den Beweis davon, wer und was Er war (V. 8–9); denn Er erkannte in seinem Geist, was sie in ihren Herzen überlegten. Er beschuldigte sie ihrer verborgenen Gedanken und wandte sich an sie mit der Frage, ob es leichter sei mit einem Wort zu vergeben oder den Leib zu heilen. Welcher Anspruch war einfacher zu stellen? Wer, außer einer göttlichen Person oder der Besitzer einer göttlichen Macht, konnte entweder das eine oder das andere von sich behaupten? Für Gott war beides gleich leicht, für den Menschen gleich unmöglich. „Damit ihr aber wisst“, sagt Er mit offensichtlichen Bezug auf Psalm 103,3, „dass der Sohn des Menschen Gewalt [das Recht sowie auch die Fähigkeit] hat auf der Erde Sünden zu vergeben  spricht er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett auf und geh in dein Haus. Und er stand auf, nahm sogleich das Bett auf und ging hinaus vor allen, so dass alle außer sich gerieten und Gott verherrlichten und sagten: Niemals haben wir so etwas gesehen!“ (V. 10–12). Das äußere Zeichen der Macht bürgte für die Gabe der Gnade. Und beides bekundete, dass Er, der sprach, der Sohn des Menschen auf der Erde war.

Wir können hier bemerken, dass der Herr den doppelten Charakter der Barmherzigkeit auf sich bezieht, welchen Israel nach Psalm 103 in der Zukunft Jahwe zuschreiben wird. Trotzdem handelte Er jetzt genau genommen nicht als Christus oder Messias, sondern als „Sohn des Menschen“. Er pflegte immer, so von sich zu sprechen. Es ist der Titel seiner Menschheit, und zwar sowohl in leidender Verwerfung als auch in Herrlichkeit. Als solcher segnete Er jetzt den Glauben; als solcher wird Er auch bald den Unglauben richten (Joh 5,27). Auf diese Weise verteidigte Er mit den Wunderwerken des zukünftigen Zeitalters (Heb 6,5) auf der Erde jene Barmherzigkeit, welche der sündigen Seele vor ihnen vergab. Was für ein vernichtender Tadel für murrende Schriftgelehrte! Was für ein triumphierendes Zeugnis für das Evangelium der Gnade im Namen Jesu! Auch heute lässt Gott sich nicht unbezeugt, wo sein Geist die Macht jenes Namens zu den Herzen trägt. Es ist ein Zeugnis, das nicht versagt, wenn Augen da sind, um zu sehen. So berichtet es den Gewissen von der heiligen Kraft und Freiheit eines Menschen, der vorher durch Sünde, Schande und Torheit verdorben war. Die Sünde macht den Menschen kraftlos und bedeckt ihn mit Schuld. Jesus vergab und teilte Leben und Kraft zur Verherrlichung Gottes mit. Und das tat Er als Sohn des Menschen im Namen der Barmherzigkeit für die menschlichen Wracks, die sich vor Ihm beugten.

Die nächste Szene nach dem Bericht von seinem Lehren am Seeufer (V. 13) öffnet und offenbart den Ausfluss der Gnade noch mehr. Wir sehen die Berufung des Zöllners Levi oder Matthäus, wie er sich selbst nennt. Was für ein Schritt und was für ein Wechsel! Von der Zolleinnahme weg folgte er Jesus; und bald sollte er bei der Berufung der Zwölf ein Apostel werden (Mk 3,14–19). Kein Beruf, kein Titel war in Israel schimpflicher als der des Zöllners. Das war gerade eine Gelegenheit für die Gnade, wie unser Herr durch seine Wahl bewies. Das war jedoch noch nicht alles. Jesus ging in das Haus dieses Mannes. „Und es geschah, dass er in seinem Haus zu Tisch lag; und viele Zöllner und Sünder lagen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern, denn es waren viele, und sie folgten ihm nach“ (V. 15). In den Augen der Pharisäer konnte Er in seiner zwanglosen Liebe nicht weiter hinabsteigen, es sei denn, Er hätte sich geradeswegs zu den Heiden begeben; denn Schafhirten waren für die Ägypter kein größerer Gräuel (1. Mo 46,34) als Zöllner für die Schriftgelehrten und Pharisäer. Deshalb sagten sie, als sie Ihn mit diesen Verworfenen essen sahen, zu seinen Jüngern (und nicht zu Jesus; denn nur Stolz und Bosheit waren in ihren Herzen): „Warum isst [und trinkt] er mit den Zöllnern und Sündern?“ (V. 16). Aber diese Anstrengung, Ihn bei seinen Anhängern verächtlich zu machen und sie so zu erschüttern, veranlasste nur den Herrn, seinen starken und zunehmend stärker werdenden Ausdruck der Gnade sowie auch den selbstzerstörerischen Stolz seiner und ihrer Feinde herauszustellen. „Und als Jesus es hörte, spricht er zu ihnen: Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (V. 17). Welch ein Anrecht hatten sie nach ihrer eigenen Darstellung an dem, was Er zu vergeben hatte?

Im nächsten Ereignis wendet sich ein ähnlicher Geist der Unredlichkeit und des Übelwollens, welcher auch die Jünger Johannes verwirrte, an Jesus wegen seiner Jünger (V. 18); denn die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten üblicherweise. Und jetzt kamen sie zu Jesus und fragten, warum seine Jünger nicht auch fasteten. Ihr Lehrer trat jedoch für sie ein und zeigte, dass eine Weisheit, welche die der Jünger des Johannes übertraf, seine Jünger in ihrer Schwachheit leitete. Was für einen Sinn hatte es, in der Gegenwart des Bräutigams zu fasten? War es angebracht? Johannes der Täufer hatte eigentlich Besseres angekündigt (vgl. Joh 3,29). Doch der Pharisäismus verachtete Jesus und hatte kein Herz für die Freuden seiner Gegenwart. Mochten sie alle lernen, dass Tage kommen sollten, an denen Er weggenommen sein würde; dann sollten sie fasten.

In Wahrheit zeigte diese ganze Szene jenen, die Ohren hatten zu hören, den großen, bevorstehenden Wechsel der Haushaltung und die Wahrheit an, dass die Anwesenheit des Messias nur vorübergehend war. Seine Berufung des Levi und sein Essen und Trinken mit Zöllnern war kein verstecktes Anzeichen dafür, dass das Volk Israel als solches verloren war. Die Freude der Jünger an seinem kurzen Aufenthalt hier, bevor Er wieder weggenommen wurde, deutet klar auf die plötzliche, drohende Katastrophe hin. Scheinbar war es seine Katastrophe, in Wirklichkeit aber ihre. Die folgenden Verse 21 und 22 bezeugten den neuen Charakter der Wege Gottes in dieser Umwälzung und die Unvereinbarkeit dieser Wege mit dem Judaismus. Weder ihre sichtbare Form, noch ihre innere Kraft konnten mit den alten Dingen vermischt werden. Das Reich Gottes erschien nicht in Worten, sondern in Kraft und brauchte ein neues und passendes Medium, um darin zu wirken. Wo die Energie des Heiligen Geistes wirkt, erweisen gesetzliche Formen nur ihre Schwachheit. Die abgetragene jüdische Kleidung und die alten Schläuche verschwinden. Neuer Wein erfordert neue Schläuche. Das Christentum in seinem Grundsatz und in seiner Praxis ist eine neue und volle Entfaltung des göttlichen Segens. Es ging nicht darum, das Alte zu flicken, sondern das Neue anzunehmen.

Das Geschehen am ersten Sabbattag wird hier berichtet, weil es wirklich zu diesem Zeitpunkt stattfand; denn wir müssen ständig im Bewusstsein behalten, dass Markus dem Faden der Geschichte folgt. Unser Herr kündigte den Bruch mit dem Judentum, der bald vollzogen werden sollte, und die Einführung des neuen Charakters und der neuen Macht des Reiches Gottes an. Das ist immer eine bedeutsame Wahrheit, doch sie war besonders ernst für Israel. Was konnte eine gottesfürchtige Person mehr verwirren als der Gedanke, dass Gott seine Meinung ändert? Welche Schwierigkeit könnte größer sein als die Vorstellung, dass Gott sozusagen das, was Er früher festgelegt hatte, widerrufen und zurücknehmen könnte? Ich denke, es erfordert großes Zartgefühl, wenn wir mit Seelen zu tun haben, die diesbezüglich viel frommen Eifer zeigen, selbst wenn sie unwissend und nicht ohne Vorurteile sind. Es war eine offenkundige Tatsache, dass das, was Gott zu einem bestimmten Zweck in Israel eingesetzt hatte, niemals alle seine Gedanken widerspiegelte. In der Person Christi leuchtete die ewige Wahrheit und brach durch die Wolken des Judentums. Sie wird jetzt durch die Wirksamkeit des Geistes in der Erfahrung und dem Glauben der Kinder Gottes verwirklicht.

Mit einem Wort gesagt, war es niemals die Absicht Gottes, sich und alle seine Gedanken in Verbindung mit dem Judentum anstatt mit der Kirche (Versammlung) herauszustellen. Das Christen- und nicht das Judentum ist der Ausdruck der Gedanken Gottes. Christus ist das Bild des unsichtbaren Gottes (Kol 1,15); und das Christentum ist das gegenwärtige, praktische Ergebnis. Das Christentum ist die Anwendung des Lebens, der Gedanken und der Zuneigungen Christi auf das Herz und den Wandel derer, die zu Gott gebracht worden sind. Es wurde auf sein Werk gegründet und entspricht seinem Platz im Himmel durch den hernieder gesandten Heiligen Geist. Während der ganzen Zeit des jüdischen Systems, sowie auch schon vorher, gab es Seelen, die auf Christus warteten. Und die einzigen Personen, die Gott jemals in dem jüdischen System ehrten, waren jene, die durch den Glauben über diesem System standen. Nur solche wandelten untadelig in den verschiedenen Anordnungen des Gesetzes, die den Messias erwarteten. Diese durch den Geist Gottes mitgeteilte Erwartung hob sie über irdische Gedanken und die niedrigen Begierden und die Selbstsucht der menschlichen Natur. Sie erhob sie über sich selbst, wenn man so sagen darf, sowie auch über ihre Volksgenossen; denn in Christus ist immer göttliche Kraft. Und obwohl diese erst vollständiger entfaltet wurde, nachdem Christus gekommen war, gab es doch schon Vorzeichen davon; denn auch im natürlichen Leben sieht man vor dem Sonnenaufgang eine Dämmerung und Wolkenstreifen, welche den kommenden Tag ankündigen. So gab es auch in Israel solche, die durch den Glauben Christi über die einfachen vorübergehenden Schatten, welche der Religiosität der Natur begegneten und genügten, hinaussahen. Nur letztere ehrten Gott in den äußeren Anordnungen des Gesetzes.

Derselbe Grundsatz gilt heute wie immer, nur jetzt in einem volleren Maß; denn nichts ist sicherer, als dass die Gerechtigkeit des Gesetzes in uns, den Heiligen Gottes, in den Christen, erfüllt wird (Röm 8,4). Doch wie wird sie erfüllt? Niemals durch das Bemühen, das Gesetz zu halten! Auf diese Weise wurde es nie erfüllt, weil das unmöglich ist. Tatsächlich waren, wie wir wissen, die Eiferer für das Gesetz die größten und erbittertsten Feinde des Herrn Jesus. Fleischlicher Stolz auf das Gesetz verblendete sie zu der Täuschung, dass sogar unser gesegneter Herr das Gesetz nicht genügend ehre. Wir können leicht erkennen, dass Paulus dem gleichen Tadel ausgesetzt war. Und auch Stephanus wurde wegen dieses regen und verhängnisvollen Irrtums zu Tode gesteinigt. Wir können es deshalb als einen Grundsatz aufstellen, dass die Menschen, welche die Anordnungen oder äußeren Regeln Gottes an die Stelle von Gott oder Christus setzen, niemals das Gesetz halten. Stephanus sagte den Juden, dass sie das Gesetz durch Anordnung von Engeln empfangen und nicht beachtet hatten (Apg 7,53). Das waren die Menschen, die am lautesten ihre Stimme für das Gesetz erhoben gegen jene, die wirklich Gott im Gesetz sowie im Glauben an den Messias ehrten.

Nimm den Gläubigen als Beispiel! Ich sage nicht: „Zu jeder Gelegenheit“. Denn es besteht – traurig zu sagen – die Gefahr, dass unsere eigene Natur wirkt. Und jene Natur glaubt weder an Jesus, noch hält sie das Gesetz. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie das Gesetz bricht und Christus verleugnet. Die Gesinnung des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott (Röm 8,7); und die menschliche Natur, wenn sie ihren eigenen Weg geht, verunehrt immer Gott. Auch wenn der Gläubige sich seiner verdorbenen Natur ausgeliefert hat, ist er als Beispiel nicht geeignet. Doch nimm ihn in dem Zustand, in dem man allein richtigerweise von einem Gläubigen sprechen kann, nämlich bei der Betätigung seines Glaubens und bei der Entfaltung des neuen Lebens, die die Gnade Gottes ihm gegeben hat. Und was ist der Charakter dieses Lebens? Es hängt Gott an, es freut sich an seinem Wort, es liebt seinen Willen und wird durch alles angezogen, was Ihn offenbart. Alles beweist, dass der Gläubige Gott in seinem Herzen und in seiner Seele liebt, und zwar mehr als sich selbst. Denn er hasst sich selbst und ist bereit, soweit der Glaube in Tätigkeit ist, seine Torheit und sein häufiges und schändliches Versagen anzuerkennen. Dabei sucht er, Gott zu rechtfertigen und Ihm anzuhangen, und freut sich, Ihn bekannt zu machen.

Wie kommt das? Es ist jenes göttliche Prinzip des Lebens, die Energie des Geistes Gottes, die in dem neuen Menschen wirkt. So erfreut es sich an allem, was von Gott ausgeht und Ihn enthüllt. Es ist die Ausübung der neuen Natur, die wir von Gott empfangen haben. Außerdem wandelt der Gläubige in dem Maß, wie er Christus vor seiner Seele hat, im Heiligen Geist nach dem Willen Gottes. Falls Christus nicht vor Ihm steht, ist es so, als hätte er keine neue Natur. Es ist zwar Leben da; doch nur Christus hält es aufrecht, offenbart es und bringt es zur Entfaltung. Er allein weist ihm seine rechte Tätigkeit und seine Reichweite zu. Das Herz des Gläubigen wendet sich dem Elend, ja, armen, schuldigen Sündern zu. Das Fleisch hasst und verachtet oder ist gleichgültig. Die neue Natur geht jedoch unter der Kraft des Geistes in Mitleid und mit dem Wunsch des Segens für andere hinaus. Auch hier sehen wir wieder Liebe. Und auf diese Weise haben wir die beiden großen sittlichen Grundsätze, die Liebe zu Gott und die Liebe zum Menschen (Lk 10,27). Ausschließlich der Gläubige wandelt in ihnen. Wenn Christus vor seinem Auge steht, hat er jene im Herzen; und der Heilige Geist kräftigt ihn, um entsprechend zu wandeln. So wird die Gerechtigkeit des Gesetzes in denen erfüllt, die nach dem Geist wandeln (Röm 8,4). Der Geist Gottes gibt sich Mühe, zu zeigen, dass das Gesetz in denen erfüllt ist, die nach dem Geist wandeln und nicht einfach für das Gesetz eintreten.

Nimm den Juden, dem das Gesetz gegeben war! Offenbarte er wirkliche Liebe? Ich sage nicht, dass es unter ihnen nicht aufrechte Menschen gab, erfüllt mit natürlicher Güte. Es geht jetzt um die Entfaltung einer tätigen Liebe gegen Gott und den Menschen. Falls Menschen nur das Gesetz vor Augen haben, was ist dann? Der Jude ist das beste Beispiel und der Beweis dafür, dass das Fleisch zu nichts nütze ist. Er kümmert sich nur um seine eigenen Angelegenheiten in dieser Welt, ist überall auf einen ehrenvollen Platz versessen, liebt Geld, usw. Der Natur nach neigen wir alle dazu, dieses Verhaltens schuldig zu sein. Zweifellos gilt das insbesondere für den unbekehrten Israeliten oder den Namenschristen, in denen der Heilige Geist nicht wirkt. Wenn Christus nicht als ein Gegenstand der Hoffnung vor seinem Kommen oder jetzt, da Er gekommen ist, als Gegenstand des Glaubens vor den Herzen stand bzw. steht, gibt es keine geistliche Wirklichkeit. Es kann sie nicht geben, weil das Fleisch durch Falschheit und Hass gekennzeichnet ist. Wenn ein Mensch nicht eine neue Natur, verschieden von seiner eigenen und höher als dieselbe, empfangen hat, gibt es in ihm niemals wahre, d. h. göttliche, Liebe.

Das einzige Mittel zur Erfüllung des Gesetzes besteht darin, Christus vor und über uns zu haben, und zwar als unser Teil durch den Glauben. Darum konnten Henoch und Noah sowie die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob, die niemals vom Gesetz gehört hatten, Gott gehorchen und Ihm gefallen. Waren sie nicht heilige und fromme Männer? Sicherlich! Was machte sie dazu? Der Glaube an den Samen der Frau, den verheißenen Sohn, den Messias! Als danach das Gesetz gegeben war – was machte Mose und Aaron zu Heiligen des Herrn? Das Gesetz? Niemals! Es war Christus. Sie hatten Ihn vor ihrer Seele stehen. Das heisst nicht, dass das Gesetz Gottes nicht geehrt wurde. Doch jene Männer hatten die Fähigkeit, sich an dem Ausdruck der Gedanken Gottes – was sie auch sein mochten – zu erfreuen. Das war eine Folge ihrer Erwartung der gesegneten Verheißung Gottes von dem kommenden Befreier, dem Verwandtenlöser (3. Mo 25,25), und dem Glauben an Ihn. Und jetzt ist Er gekommen. Dasjenige, was uns vom Zorn und Gericht befreit hat, befreit uns auch in dem Verhältnis wie es der Gegenstand vor unserer Seele ist, praktisch vom ich und der Welt, von Verderbnis und Gewalttat jeder Art. Wenn Christus von einem Gläubigen vergessen wird – was ist dann die Folge? Er zeigt den Stolz, die Eitelkeit, die Torheit und die Bosheit des alten Menschen. Das ist natürlich nicht das, was ihn als Gläubigen kennzeichnet, sondern was als Mensch zu ihm gehörte, bevor er glaubte. Wenn Christus nicht das einzige Banner und der einzige Gegenstand ist, der Herz und inneres Auge erfüllt, erlaubt man dem ich, hervorzutreten und seine hassenswerten Farben zu zeigen.

Nun zeigt unser Herr gerade zu jener Zeit in seinen betonten Handlungen in Verbindung mit dem Sabbat ein Bild von dem, was wir gerade betrachtet haben. Ich ergreife darum die Gelegenheit, bei diesem Gegenstand etwas zu verweilen, und zwar sowohl in praktischer Hinsicht als auch in Bezug auf die Lehre, indem ich die Belehrung für unsere Seelen, die uns der Herr in diesen Vorfällen gibt, zu erkennen suche. Es stimmt natürlich, dass der erste und hauptsächliche Gesichtspunkt in der Lehre dieser Ereignisse darin liegt, das zu ergänzen, was der Herr gerade gezeigt hatte. Wenn man ein Stück neuen Stoff auf ein altes Kleid näht, dann wird ein Riss nur noch schlimmer. Genauso, wenn man neuen Wein in alte Schläuche füllt, riskiert man sowohl den Wein als auch die Schläuche. Ein Versuch, die neuen Formen und den Geist des Reiches Gottes mit den alten Wegen des Judaismus zu mischen, würde nicht zu einer Verbesserung des Judaismus oder einer Bewahrung des Christentums führen, sondern zum Verderben von beiden. Und genau das ist in der Geschichte des Christentums geschehen. Das handgreifliche Versagen des äußeren christlichen Bekenntnisses ist der praktische Beweis davon. Satan beabsichtigte, die alten jüdischen Anordnungen mit christlichen Wahrheiten zu vermengen, und das Ergebnis ist eine solch schmerzliche Verwirrung, dass das Licht der Wahrheit und die Gnade Gottes völlig verdunkelt sind. Es ist ein solches Durcheinander, dass einfältige Seelen zu ihrem außerordentlichen Verlust und Schaden verwirrt werden. In diesem Zustand können sie den Unterschied zwischen Gnade und Gesetz und was es bedeutet, unter den Namen Christi gebracht worden zu sein, nicht erkennen. Alle diese Wahrheiten sind vor ihnen verdunkelt. Daraus folgen dann Unsicherheit der Seele und in der Praxis Kraftlosigkeit bei der Verherrlichung Gottes.

Unser Herr verfolgt diese Wahrheit durch die Belehrung an einem Sabbattag weiter. „Und es geschah, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging; und seine Jünger fingen an, im Gehen die Ähren abzupflücken. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Siehe, warum tun sie am Sabbat, was nicht erlaubt ist?“ (V. 23–24). Es steht nun eindeutig fest, dass es kein Gebot Gottes gegen dieses Verhalten gab. Der Tadel beruhte auf einem ihrer eigenen Gebote und der Meinung von Menschen, welche auf Äußerlichkeiten blicken und daraus ein System machen – die ständige Gefahr für den Menschen. Es ist völlig wahr, dass Gott Erholung für Mensch und Vieh am Sabbat angeordnet hatte. Doch es lag keinerlei Grundlage vor, um aus dem Gesetz Gottes einem hungrigen Menschen, während er durch ein Feld ging, zu verbieten, Kornähren abzupflücken, um sein Bedürfnis zu stillen. Im Gegenteil entsprach es völlig der Mildtätigkeit Gottes, wenn aus dem Überfluss seines Volkes eine solche dringende Not versorgt wurde. In Israel wurde in bemerkenswerter Weise für den Fremden, den Waisen und den Leidenden gesorgt. Bei der Freude der Ernte sollten die Armen im Land nicht vergessen werden (5. Mo 16,11), und eine ausdrückliche Anordnung Gottes verbot, den Feldrand ganz und gar abzuernten (3. Mo 23,22).

Doch wie kam es, dass Israeliten hungernd durch ein Kornfeld gingen? Und wenn eine solche Not bestand – war es dann Gott oder sein Feind, der den Sabbat nach dem Willen herzloser Religionisten in einen eisernen Schraubstock verwandelte, um die Traurigen zu kränken? Auf diese Weise zeigten die Pharisäer in ihrem erheuchelten Wunsch, Gott zu ehren, andererseits ihre völlige Unkenntnis seines Herzens und seines Wesens, welche die Fülle der Barmherzigkeit gegen Not und Elend ausstrahlen lassen. Alles wurde beiseite gesetzt durch den elenden Zusatz, welchen der Mensch zum Willen Gottes hinzugefügt hatte. Doch da war Jemand auf der Erde, der sofort die Hand des Fälschers erkannte, welcher sich erdreistete, am ersten Testament herumzuwerkeln. Der Herr trat für die Schuldlosen ein. „Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er Mangel litt und ihn und die, die bei ihm waren, hungerte? Wie er in das Haus Gottes ging zur Zeit Abjathars, des Hohenpriesters, und die Schaubrote aß (die niemand essen darf als nur die Priester) und auch denen davon gab, die bei ihm waren?“ (V. 25–26).

Unser Herr verweist hier auf die Verwerfung eines Gegenstands des Ratschlusses Gottes. David in seinen Tagen wird als Beispiel angeführt. Er war der gesalbte König, obwohl er verachtet und um sein Leben über die Berge Israels gejagt wurde. Er und seine Begleiter waren ein Vorbild auf Jesus. Und auch Jesus wurde jetzt in Umständen gefunden, die sittlich denjenigen Davids entsprachen; denn er war zwar gesalbt, aber noch nicht gekrönt. So verteidigte der Herr die Jünger und hielt den Grundsatz aufrecht, dass es, wenn Gottes Zeugnis verworfen wird, Wahnsinn ist, wenn jene Verwerfer eine Verherrlichung Gottes heucheln. Verachteten sie nicht einen Größeren als David? Was war es in den Augen Gottes, wenn man so von dem Sabbat sprach, um schwerere Lasten auf die Gerechten zu legen? Der Herr der Herrlichkeit war auf der Erde. Wie kam es, dass seine Jünger, um ihren Hunger zu stillen, Kornähren benötigten? Was für eine Geschichte erzählt dies! Wie kam es, dass die Jünger Jesu so arm waren? Wie sehr mussten die Grundlagen aus den Fugen geraten sein, wenn dem Herrn und seinen Jüngern die gewöhnlichsten Lebensnotwendigkeiten fehlten! Wer waren diese Schwätzer böswilliger Worte über den Sabbat, welche selbst diese dürftige Zuteilung verbieten wollten, da doch die Barmherzigkeit Gottes niemandem etwas verwehrte, und am wenigsten an diesem Tag? Doch dass die Pharisäer, die den Herrn Jesus, ihren eigenen Messias, verwarfen – dass sie die Dreistigkeit besaßen, den Sabbat gegen seine Jünger zu mißbrauchen! Als David und seine Begleiter wegen der Bosheit Sauls, der den Thron in einer schlechten Weise einnahm, in Not waren, durften sie die Schaubrote essen, welche eigentlich, wenn alles in Ordnung gewesen wäre, allein für die Priester waren. Wenn auf diese Weise die geheiligten Brote zu gewöhnlichem Brot wurden – was bedeutete dann die Vergangenheit in Hinsicht auf die Gegenwart? Angesichts des Bösen, welches Gottes geliebte und treue Zeugen auf der Erde verachtete, verloren die äußeren Anordnungen Gottes einstweilen ihre Bedeutung. Die Heiligkeit der Zeremonien verschwindet vor der Verwerfung des Herrn und seines Volkes.

Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat wurde um des Menschen willen geschaffen und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (V. 27). Der Sabbat sollte nicht ein Mittel sein, um die Leiden des Armen zu vergrößern. Wenn Gott ihn nach dem Schöpfungsakt heiligte und bei der Gabe des Gesetzes anordnete – wollte Gott dadurch sein Volk elend machen? Im Gegenteil, unabhängig von seinem höheren Charakter und neben dem Gesichtspunkt des Ruhens, wovon er ein Symbol ist, wurde der Sabbat um des Menschen willen eingesetzt. Die Pharisäer mochten den Sabbat in ein Werkzeug verwandeln, um den Menschen zu quälen; doch nach den Gedanken Gottes wurde der Sabbat als Gegenstand seiner Barmherzigkeit eingeführt. Es gab Tage der Arbeit. Und auch Gott kannte im Sinnbild etwas davon; denn auch für Ihn gab es eine Zeit, in der Er wirkte und die Erde machte. Gott gefiel es dann, am Sabbat zu ruhen und ihn zu heiligen. Danach trat die Sünde auf, und Gott konnte ihn nicht länger anerkennen. Sein Wort schweigt dann vom Sabbat. Wir hören wieder vom Sabbat, nachdem Gott in errettender Barmherzigkeit sein Volk angenommen und ihm Manna vom Himmel gegeben hatte. Jetzt erst wird der Sabbat wieder ausdrücklich eingeführt, und es folgt die Ruhe – ein Sinnbild von Jesus, der von oben gesandt wurde. Der Sabbat verschwindet am Anfang des ersten Buches der Bibel und kehrt im zweiten zurück. Gott führt wieder die Ruhe ein. Als Er Israel aus Ägypten führte, trat Er in Gnade für den Menschen als der Geber auf. Davon war der Sabbat das angemessene Zeichen. Aber Israel verstand die Gnade Gottes nicht und nahm die Bedingungen des Gesetzes an. Sie stellten sich auf die Grundlage ihrer eigenen Gerechtigkeit, als Gott ihnen die Zehn Gebote gab. In der Folge versagte der Mensch unter dem Gesetz elendiglich. Er verunehrte Gott, stellte sich Kälber aus Gold auf und brachte auf der ganzen Welt Unehre, Schande und Ärgernis über den Namen Gottes (Röm 2,24). Das ist nichts anderes, als was wir alle getan haben. Die Israeliten machten diesen verhängnisvollen Fehler, als sie den Berg Sinai umgaben. Anstatt Gott an seine Verheißungen für Israel zu erinnern und anstatt zu bekennen, dass man sich auf sie nicht verlassen könne und dass es nur die Barmherzigkeit Gottes ist, die einem Menschen die Fähigkeit gibt, seinen Willen zu tun, übernahmen sie es im Gegenteil kühn, die verheißenen Segnungen durch ihren Gehorsam zu verdienen. Doch ihr Versagen nahm immer mehr zu, bis es bei der Verwerfung Davids in Israel zur Krise kam. Gott zeigte, wo sein Herz war, wie Er es stets in einer solchen Zeit tut. Natürlich waren die Schaubrote nur für die Priester. Doch wenn die Priester das geweihte Brot zurückgehalten hätten, sodass der gesalbte König verhungert wäre, dann wäre das eine seltsame Huldigung an Gott und den König gewesen. Und jetzt war der Sohn Davids, der Herr Davids, anwesend und wurde noch mehr verworfen, noch mehr verachtet, als David selbst.

Nachdem der Herr so aus den Schriften die wahre Lehre über diesen Tag entnommen hatte, enthüllte Er die allgemeine wohltätige Absicht Gottes im Sabbat für alle Zeiten. „Der Sabbat wurde um des Menschen willen geschaffen“. Die Pharisäer dachten und sprachen, als sei der Mensch um des Sabbats willen erschaffen worden, damit er demselben unterworfen werden konnte. Der Sabbat war jedoch zu Gunsten des Menschen und zu seiner Erholung eingesetzt worden und sollte seine Gedanken auf Höheres als die Arbeit seiner Hände richten. Doch der Herr stellt noch einen anderen Grundsatz vor: „Also ist der Sohn des Menschen Herr auch des Sabbats“ (V. 28). Er verbindet diese Aussage damit, dass der Sabbat für den Menschen eingesetzt wurde, und stellt eine noch größere Wahrheit heraus: Die Person Christi steht über allen Anordnungen Gottes. Sogar seine Herrlichkeit als der verworfene Mensch verdunkelt alle funkelnden Riten, die vom Herrn selbst eingesetzt waren. Ich zögere nicht zu sagen, dass der Herr, welcher am Sinai das Gesetz gab, und Er, der später geboren wurde und als Mensch auf der Erde lebte, dieselbe gesegnete göttliche Person ist. Er, der immer während der Zeit des Alten Testamentes in seiner Regierung wirkte und der jetzt hernieder gekommen war, am Kreuz gelitten und den Tod erduldet hatte, besteht jetzt darauf, dass Er nicht nur der Herr des Sabbats sei, weil Er Gott ist, sondern auch, weil Er der Sohn des Menschen ist.

Was ist die Bedeutung dieses Titels? „Sohn des Menschen“ ist der Titel seiner Verwerfung. Er nahm den Namen „Sohn des Menschen“ an, als die Juden Ihn als Messias ablehnten. Einen bemerkenswerten Beweis hiervon findet man in Matthäus 16,13ff. und Lukas 9,18ff (es handelt sich um dasselbe Ereignis, das von beiden Evangelisten berichtet wird). Der Herr verbietet seinen Jüngern, von Ihm als dem „Christus“ zu sprechen. Er setzte für eine Weile die Herrlichkeit seiner Messiasschaft beiseite. Als Solcher war Er gekommen und hatte sich den Juden vorgestellt. Sie wollten Ihn aber nicht haben. Nun sagt Er sozusagen: „Es ist zu spät. Ich habe ihnen ausreichenden Beweis durch Wunder, Prophetie, Mein Verhalten und meine Worte gegeben. Alles zeigt, dass ich der Messias bin: Doch sie wollen mich nicht haben.“ Es lag nicht daran, dass der Beweis fehlte, sondern ihre Herzen waren gegen jeden Anhaltspunkt verhärtet. Sie waren die Feinde Gottes und bewiesen es, indem sie alles zurückwiesen, was Gott in Fülle dargereicht hatte. Nun nimmt der Herr einen völlig anderen Charakter an – Er spricht vom „Sohn des Menschen“.

Und es sollte tiefen Eindruck auf uns machen, dass Er als Sohn des Menschen am Kreuz litt. „Der Sohn des Menschen muss vieles leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und getötet und am dritten Tag auferweckt werden“ (Lk 9,22). „Christus“ war insbesondere sein Titel in Verbindung mit Israel nach dem Fleisch. Er war ihr Messias. Er gehörte keiner anderen Nation an. Er war der verheißene König der Juden. Doch die Juden wollten Ihn nicht haben. „Gut!“, sagt der Herr, „Ihr könnt nicht leugnen, dass ich der Sohn des Menschen bin“. Es ist ein bescheidener Name. Trotzdem öffnet Ihm dieser Titel den Weg zu seinen großartigen Rechten und seiner prachtvollen Herrlichkeit über die ganze Menschheit. Der Sohn des Menschen wird in den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit kommen (Mt 24,30). Der Sohn des Menschen wird das Königreich über alle Stämme, Völker und Sprachen einnehmen (Dan 7,13–14). Was führte hierzu? Seine Verwerfung als Messias! Er musste zuerst leiden, weil es in den Ratschlüssen Gottes und seiner Gnade beschlossen war, dass Er Genossen in seiner Herrlichkeit haben soll. Gerade wegen der Tatsache, dass Christus als Sohn des Menschen gelitten und deswegen seine Herrlichkeit eingenommen hat, werden wir bei Ihm sein. Wegen seines Werkes werden alle Christen weder einen Flecken, noch eine Runzel oder dergleichen mehr haben. Das hat der leidende Sohn des Menschen bewirkt. Wenn Er jedoch erniedrigt wurde, so wird Er auch als Sohn des Menschen verherrlicht.

Im gegenwärtigen Fall ging der Herr jedoch nicht weiter, als dass der Sohn des Menschen auch Herr des Sabbats ist. Er nahm seine Verwerfung an. Doch Er setzte sich für seine Jünger ein vor jenen, die sich des Sabbats rühmten und über ihn stritten, während sie den Herrn des Sabbats beleidigten. Konnten sie leugnen, was David getan und was Gott besiegelt, gebilligt und für die Belehrung Israels aufgezeichnet hatte? Das ist der erste Verteidigungsgrund. Der zweite besteht darin, dass der Sabbat um des Menschen willen eingesetzt war und nicht der Mensch für den Sabbat erschaffen wurde. Der dritte Einwand ist vielmehr eine Konsequenz; Er, der gesegnete Mensch, der Sohn des Menschen, war Herr des Sabbats. Es ist die Herrlichkeit seiner Person als der verworfene, leidende Mensch. Als solcher, und nicht nur als Gott, steht Er über dem Sabbat; Er ist sein Herr.

Die Wirkung war groß. Ich sage nicht, dass sie zur Errettung führte, aber sie war doch weitreichend und nicht ohne das Gewissen zu berühren.

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