Gottes treuer Diener
Eine Auslegung zum Markusevangelium

Kapitel 2

Gottes treuer Diener

Heilung eines Gelähmten in Kapernaum (Mk 2,1–12)

(vgl. Mt 9,1–8; Lk 5,17–26)

„Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapernaum hinein, und es wurde bekannt, dass er im Haus war. Und sogleich versammelten sich viele, so dass selbst an der Tür kein Raum mehr war; und er redete zu ihnen das Wort. Und sie kommen zu ihm und bringen einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie wegen der Volksmenge nicht an ihn herankommen konnten, deckten sie das Dach ab, wo er war; und als sie es aufgebrochen hatten, ließen sie das Bett hinab, auf dem der Gelähmte lag. Und als Jesus ihren Glauben sah, spricht er zu dem Gelähmten: Kind, deine Sünden sind vergeben. Einige aber von den Schriftgelehrten saßen dort und überlegten in ihren Herzen: Was redet dieser so? Er lästert. Wer kann Sünden vergeben als nur einer, Gott? Und sogleich erkannte Jesus in seinem Geist, dass sie so bei sich überlegten, und spricht zu ihnen: Was überlegt ihr dies in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett auf und geh umher? Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen Gewalt hat, auf der Erde Sünden zu vergeben – spricht er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett auf und geh in dein Haus. Und er stand auf, nahm sogleich das Bett auf und ging hinaus vor allen, so dass alle außer sich gerieten und Gott verherrlichten und sagten: Niemals haben wir so etwas gesehen!“ (2,1–12).

Nach Verlauf einiger Tage kommt der Herr Jesus, der unermüdliche Diener, „wieder“ nach Kapernaum (vgl. V. 13; Kap. 1,21; 3,1). Schon bald wird in der kleinen Stadt bekannt, dass Er in einem Haus sei (V. 1), und viele kommen in das Haus, das bald bis an die Tür von Menschen gefüllt ist.

Was zog diese Menschen so an? „Er redete zu ihnen das Wort“ (V. 2). Er lehrte sie nicht wie ihre Schriftgelehrten, deren Unterweisungen über alle möglichen Nebensächlichkeiten des Gesetzes keine geistliche Kraft besaßen. Die Worte, die Jesus den Menschen sagte, waren „Worte der Gnade“ und „Geist und Leben“ (Lk 4,22; Joh 6,63)! Sie offenbarten die Heiligkeit und Gnade Gottes und brachten Sünder in Sein Licht, so dass sie gerettet werden konnten. „Das Wort“ ist die kürzeste Bezeichnung für die ganze Botschaft Gottes, sei es das Evangelium oder die Belehrung der Gläubigen (vgl. Kap. 4,33; 2. Tim 4,2).

Da kamen plötzlich vier Männer, die einen Gelähmten, der auf einem Tragbett lag, zu dem Herrn bringen wollten (V. 3). Die Lähmung des Mannes ist ein Bild völliger Unfähigkeit und Kraftlosigkeit auf geistlichem Gebiet. Sie erinnert uns daran, dass niemand sich selbst erlösen kann.

Sicher hatten seine Helfer von den Heilungen Besessener, Kranker und Leidender gehört, die Er in den zurückliegenden Tagen bereits in Kapernaum vollbracht hatte. Dass sie nicht durch die Tür ins Haus gelangen konnten, stellte für sie kein Hindernis dar (vgl. V. 2). Sie kletterten mitsamt dem Gelähmten auf das Dach, das wohl – wie in jenen Gegenden bis heute üblich – flach war, entfernten die Abdeckung und ließen das Bett mit dem Gelähmten hinab (V. 4).

Was für ein Glaube, aber auch was für eine Liebe zu dem Gelähmten! Diese vier Männer taten, was sie konnten, um den Lahmen zu dem Herrn zu bringen! Ist dies nicht ein schönes Vorbild und auch ein Ansporn für uns, ebenfalls Menschen zu dem Herrn Jesus zu führen? Die vier Aussätzigen zur Zeit des Königs Joram, die als erste die Flucht des syrischen Heeres bemerkten, sagten sich: „Dieser Tag ist ein Tag guter Botschaft; schweigen wir aber ..., so wird uns Schuld treffen“ (2. Kön 7,9). Bei den vier Aussätzigen war es das Verantwortungsbewusstsein, bei den vier Begleitern des Gelähmten hier jedoch die Liebe, die sie bewegte. Der Jünger Andreas brachte seinen Bruder Simon als Einzelner zum Herrn Jesus (Joh 1,42), während der Gelähmte am Teich Bethesda sagen musste: „Ich habe keinen Menschen ...“ (Joh 5,7). Trotzdem erfuhr auch er die Gnade Gottes zur Heilung und Errettung.

Der Glaube der Männer blieb dem Herrn Jesus nicht verborgen. Nicht nur der Gelähmte, sondern auch seine vier Helfer hatten einen Glauben, der sie alle Hindernisse überwinden ließ. Die mächtigen und zugleich gnadenvollen Worte des Herrn Jesus lauten daher: „Kind, deine Sünden sind vergeben“ (V. 5). Es mag nicht nur den Schriftgelehrten, sondern auch den übrigen Anwesenden seltsam erschienen sein, nicht von Heilung, sondern von Sündenvergebung hören zu müssen. Aber der Herr Jesus wusste, was Er tat! Er fasste das Übel an der Wurzel, denn Krankheiten sind eine Folge der Sünde, die in die Welt gekommen ist. Die Heilung war ein Wunder Gottes, die Vergebung der Beweis Seiner Gnade.

Nur in ihren Herzen, also für Menschen unhörbar, sprachen die Schriftgelehrten: „Was redet dieser so? Er lästert. Wer kann Sünden vergeben als nur einer, Gott?“ (V. 6.7). Im Grunde genommen hatten sie nicht einmal Unrecht, denn in der Tat kann nur Gott den Menschen ihre Sünden für ewig vergeben. Aber was sie nicht erkannten, war, dass Derjenige, der vor ihnen stand, der ewige Sohn Gottes und damit Gott selbst war! Er hatte sich zwar erniedrigt und Knechtsgestalt angenommen, blieb aber immer Gott. Seine göttliche Allwissenheit kommt darin zum Ausdruck, dass Er in seinem Geist „sogleich“ ihre Überlegungen erkennt und sie fragt: „Was überlegt ihr dies in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett auf und geh umher?“ (V. 8.9).

Vom menschlichen Standpunkt aus gesehen, den diese ungläubigen Schriftgelehrten einnahmen, scheint es tatsächlich leichter zu sein, eine nicht nachprüfbare Äußerung über die Vergebung der Sünden zu tun als einen sichtlich kranken Menschen gesund zu machen. Aber Gott ist es unendlich viel wichtiger, dass Menschen Sündenvergebung besitzen, als dass sie gesund sind. Um diesen feindlich gesinnten Menschen nun die Wahrheit Seiner ersten Äußerung zu bestätigen, fügt Er hinzu: „Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett auf und geh in dein Haus“ (V. 10.11).

Der Herr Jesus nennt sich hier „Sohn des Menschen“. Dieser Titel kommt bei Markus 14-mal vor und ist damit ein doppelt vollkommenes Zeugnis Seiner Stellung als Mensch auf der Erde, aber auch Seiner Erhöhung und Verherrlichung, wie sie schon in Psalm 8 und im Buch des Propheten Daniel gezeigt wird (Kap. 2,10.28; 8,31.38; 9,9.12.31; 10,33.45; 13,26; 14,21 [2x]; 41.62; vgl. Ps 8,5–7; Dan 7,13).

Der Ausdruck „auf der Erde Sünden vergeben“ erscheint auf den ersten Blick schwierig. Es kann sich hier nicht um die Vollmacht zur „verwaltungsmäßigen“ Vergebung handeln, die für das Zusammenleben der Gläubigen auf der Erde bestimmt ist und die der Herr Jesus Seinen Jüngern erteilte (Joh 20,23), denn diese setzt die ewige Vergebung vonseiten Gottes voraus. Diese war jedoch vor dem Erlösungswerk von Golgatha noch nicht völlig offenbart. Was wir also aus diesen Worten entnehmen können, ist die ernste Tatsache, dass der Mensch nur während seines Lebens auf der Erde Sündenvergebung vonseiten Gottes empfangen kann! Wenn er sie hier nicht erhält, wird er sie in aller Ewigkeit auch nicht bekommen.

Nicht nur für das Erdenleben geheilt, sondern für die Ewigkeit gerettet kann der einst Gelähmte jetzt in sein Haus gehen. Was für ein Wechsel! Kein Wunder, dass „alle außer sich gerieten und Gott verherrlichten und sagten: Niemals haben wir so etwas gesehen!“ (V. 12).

Und doch: Obwohl in Kapernaum so große Wunder geschahen, dass der Herr den Menschen in Nazareth diese Worte in den Mund legte: „Ihr werdet allerdings dieses Sprichwort zu mir sagen: Arzt, heile dich selbst; alles, was wir gehört haben, dass es in Kapernaum geschehen sei, tu auch hier in deiner Vaterstadt“ (Lk 4,23), musste Er später gerade dieser Stadt die tieftraurige Botschaft bringen: „Und du, Kapernaum, die du bis zum Himmel erhöht worden bist, bis zum Hades wirst du hinabgestoßen werden“ (Lk 10,15). Kapernaum wurde später zur Ruinenstadt, die bis heute nie wieder aufgebaut worden ist.

Berufung des Matthäus-Levi (Mk 2,13–17)

(vgl. Mt 9,9–13; Lk 5,27–32)

„Und er ging wieder hinaus an den See, und die ganze Volksmenge kam zu ihm, und er lehrte sie. Und als er vorüberging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zollhaus sitzen, und er spricht zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.

Und es geschah, dass er in seinem Haus zu Tisch lag; und viele Zöllner und Sünder lagen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern, denn es waren viele, und sie folgten ihm nach. Und als die Schriftgelehrten und die Pharisäer ihn mit den Sündern und Zöllnern essen sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst und trinkt er mit den Zöllnern und Sündern? Und als Jesus es hörte, spricht er zu ihnen: Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (2,13–17).

Unermüdlich ist der Herr Jesus damit beschäftigt, Seinem Volk die Gnade Gottes und Seine Wege mit ihm zu erklären. Kapernaum lag in der Nähe der Grenze von Galiläa und war eine Zollstelle (V. 13). Im Vorübergehen sah der Herr den Zöllner Levi („Anhänglichkeit“), den Sohn des Alphäus, in seinem Zollhaus sitzen. Ein Vergleich mit Matthäus 9,9 zeigt, dass dieser mit Matthäus („Geschenk [Gottes]“) identisch ist, der in allen Apostellisten erscheint. Wie viele andere Personen trug er zwei Namen: Levi und Matthäus.

Die Zöllner waren bei den Juden ebenso verachtet wie die heidnischen Nationen (vgl. Mt 18,17). Weil sie den verhassten römischen Besatzern dienten, wurden sie als Volksverräter betrachtet. Zudem versuchten sie häufig, sich durch überhöhte Zolleinnahmen zu bereichern (vgl. Lk 3,13; 19,8). Doch der Herr Jesus sah auch diese Menschen mit Seinen göttlichen Augen. Er wandte sich dem Mann mit den Worten zu: „Folge mir nach“ (V. 14). Levi-Matthäus folgt dem Ruf des Herrn sofort. Lukas fügt hinzu: „Und er verließ alles ...“ (Lk 5,28). Diese Worte sind deshalb so bemerkenswert, weil uns der nächste Vers darüber informiert, dass der Herr im Haus Levis an einem großen Gastmahl teilnahm, das wohl noch am gleichen Tag stattfand. Nicht nur der Herr Jesus mit Seinen Jüngern1, sondern viele Zöllner, aber auch offensichtlich bekannte Sünder nahmen an dieser Mahlzeit teil. Es muss eine große Menge gewesen sein, da Markus ausdrücklich erwähnt: „... denn es waren viele, und sie folgten ihm nach“ (V. 15).

Wie konnte Levi dazu in der Lage sein, wenn er alles verlassen hatte? Weil er sich nicht nur äußerlich, sondern in erster Linie innerlich von seinen irdischen Besitztümern getrennt hatte. Die Nachfolge seines neuen Herrn war ihm so wichtig geworden, dass alles andere dahinter zurückstehen musste. Er hatte alles um Christi willen aufgegeben. Diese Tatsache sah der Herr, der Herzenskenner. Deshalb konnte Er Levi alles wieder anvertrauen, weil Er wusste, er würde es jetzt nicht mehr nur für sich selbst, sondern für seinen Herrn und Meister und zum Segen für andere verwenden.

Und was für eine Gesellschaft sehen wir bei dem Gastmahl im Haus Levis! Es waren Sünder, denen der Sohn des Menschen Vergebung schenkte, Zöllner, die wie Levi dem Ruf des Herrn folgen wollten, kurz, in geistlicher Hinsicht die Elenden des Volkes. Diese Menschen sahen, dass sie Hilfe brauchten, und dass Einer da war, der sie ihnen schenken konnte. Ja, Er war der „Freund von Zöllnern und Sündern“ (Mt 11,19).

Die Schriftgelehrten und die Pharisäer, die dies sahen, waren über Sein Verhalten empört. Die Schriftgelehrten waren seit der babylonischen Gefangenschaft diejenigen, die das Volk über das Gesetz unterrichteten (siehe Kap. 1,22; vgl. Esra 7,1–6). Die Pharisäer bildeten eine besonders strenge Gruppe unter ihnen. Paulus, der ursprünglich selbst zu den Pharisäern gehörte, nennt diese später „die strengste Sekte unserer Religion“ (Apg 26,5). Die Pharisäer betrachteten sich als die wahren Hüter des Gesetzes, dessen Beobachtung sie streng einhielten und überwachten.

Nach Auffassung beider Gruppen verunreinigte der Herr sich durch die Gemeinschaft mit sündigen Menschen wie den Zöllnern. Einige von ihnen hatten schon in der Synagoge zu Kapernaum in ihren Herzen schwere Kritik an Ihm geübt (V. 6–7). Auch jetzt sprechen sie nicht den Herrn Jesus unmittelbar an, sondern Seine Jünger, und fragen diese: „Warum isst und trinkt er mit den Zöllnern und Sündern?“ (V. 16). Noch nicht einmal Seinen Namen wollten sie in den Mund nehmen! So versuchten sie, den Herrn bei Seinen Jüngern in Misskredit zu bringen.

Doch der Herr wacht über die Seinen. Er hörte auch diese versteckte Anklage derer, die sich immer deutlicher als Seine Feinde entpuppten. Mit Seiner Antwort macht Er die Weisheit dieser vermeintlichen Weisen zunichte. Warum nahmen diese Menschen ihren Messias nicht an? Weil sie Ihn nach ihrer eigenen Einschätzung nicht nötig hatten. Sie meinten, sie seien stark und gerecht. Nun, dann benötigten sie keinen Arzt und keinen Erlöser. Der Herr Jesus war gekommen, um die Barmherzigkeit Gottes kund zu machen. Sie wurde jedoch nur von geistlich Kranken und von Sündern benötigt (V. 17). Solche zu erretten, war Seine Aufgabe.

Die Frage des Fastens (Mk 2,18–22)

(vgl. Mt 9,14–17; Lk 5,33–39)

„Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten; und sie kommen und sagen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, deine Jünger aber fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Können etwa die Gefährten des Bräutigams fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie nicht fasten. Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen weggenommen sein wird, und dann, an jenem Tag, werden sie fasten. Niemand näht einen Flicken von neuem Tuch auf ein altes Kleidungsstück; sonst reißt das Eingesetzte davon ab, das neue von dem alten, und der Riss wird schlimmer. Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und der Wein wird verschüttet, und die Schläuche verderben; sondern neuen Wein füllt man in neue Schläuche“ (2,18–22).

Nach Matthäus 9,14 waren es die Jünger Johannes‘ des Täufers, die die Frage bezüglich des Fastens an den Herrn Jesus richteten. Aber aus unserem Abschnitt geht hervor, dass diese Frage auch andere Menschen beschäftigte. Das Pronomen „sie“ kann sich hier sowohl auf die Jünger des Johannes als auch auf die Pharisäer oder beide beziehen. Doch muss wohl unterschieden werden zwischen dem gesetzlichen Fasten der Pharisäer und dem Fasten der Jünger des Johannes, die sich auf das Kommen des Messias vorbereiteten (V. 18).

Weder im Alten noch im Neuen Testament finden wir ein ausdrückliches Gebot, in dem das Fasten vorgeschrieben wird. In beiden Teilen der Heiligen Schrift nimmt die zeitweilige Enthaltung von Speisen und Getränken jedoch einen bedeutsamen Platz ein. Die Bedeutung des Fastens kommt sehr klar in Psalm 35,13 zum Ausdruck: „Ich aber, als sie krank waren, kleidete mich in Sacktuch; ich kasteite mit Fasten meine Seele, und mein Gebet kehrte in mein Inneres zurück.“ Fasten ist ein bewusstes Abstandnehmen von irdischen und natürlichen Dingen, damit das Herz sich mit himmlischen und geistlichen Gegenständen beschäftigen kann.

Gott wohlgefälliges Fasten war im Alten Testament der äußerlich sichtbare Ausdruck einer tiefen inneren Beugung. Doch schon der Prophet Jesaja musste im Namen Gottes die Entartung des Fastens im Volk Israel anprangern und zu echtem Fasten und wahrer Buße aufrufen (Jes 58,1–7). Auch im Neuen Testament kannten die Juden die Gewohnheit zu fasten. Der Herr Jesus lässt in Seinem Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner im Tempel den ersteren die selbstgefälligen Worte sprechen: „O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen der Menschen: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche, ich verzehnte alles, was ich erwerbe“ (Lk 18,11.12). Das damalige Fasten war also bei vielen Juden eine religiöse Übung, wie es heute noch in den christlichen Kirchen und verschiedenen Religionen (z. B. im Islam) der Fall ist.

Auf die Frage, warum die Jünger des Herrn Jesus im Gegensatz zu denen des Johannes und der Pharisäer nicht fasten, gibt der Herr Jesus eine gleichnisartige Antwort. Er stellt sich darin als der Bräutigam der irdischen Braut des Herrn, das heißt Israels vor (die Versammlung, die neutestamentliche Braut, war noch nicht offenbart; vgl. Jes 62,5; Off 21,2). Als Messias war Er jetzt bei Seinem irdischen Volk – war das nicht ein Grund zur Freude für diejenigen, die Ihn als ihren König anerkannten? Die „Gefährten des Bräutigams“ oder „Söhne des Brautgemachs“ waren die Juden, die an Ihn glaubten, allen voran Seine Jünger. Sie hatten in Seiner Gemeinschaft keinen Anlass zum Fasten mehr (V. 19).

Aber so würde es nicht immer bleiben. Der Bräutigam würde bald weggenommen werden. Noch war Seine Stunde nicht gekommen, aber Seine Verwerfung vonseiten der Führer zeichnete sich immer deutlicher ab. Schon bald würde sie im Entschluss gipfeln, Ihn umzubringen (siehe Kap. 3,6). Wenn der von Gott bestimmte Zeitpunkt kam, würde Er sterben. Dann würden Seine Jünger Traurigkeit haben (V. 20; vgl. Lk 24,17b; Joh 16,20). Sie würde jedoch nicht lange andauern, denn nach Seiner Auferstehung sollte sie sich in Freude verwandeln: „Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen“ (Joh 20,20; vgl. Lk 24,52).

Mit zwei weiteren Bildern oder Gleichnissen rundet der Herr Jesus Seine an die Fragesteller gerichteten Belehrungen ab. Er macht ihnen dadurch deutlich, dass durch Seine Verwerfung vonseiten Seines Volkes ein gewaltiger Wechsel eintreten würde. Das Alte, d. h. das Zeitalter des Gesetzes, ist nicht mit dem Neuen, d. h. dem Zeitalter der Gnade, zu vereinbaren. Im täglichen Leben kommt niemand auf die Idee, ein altes, zerschlissenes Kleidungsstück mit einem Flicken aus neuem, festem Stoff zu versehen. Der Flicken bekommt keinen Halt, reißt ab und macht die Sache nur noch schlimmer. In diesem Bild kommt zum Ausdruck, dass eine Erneuerung oder „Reparatur“ des von Israel gebrochenen ersten Bundes unmöglich ist (vgl. Jer 31,32; Heb 8,9). Der Hebräerbrief sagt deshalb: „Was aber alt wird und veraltet, ist dem Verschwinden nahe“ (Heb 8,13). Das Blut Christi ist sowohl die Grundlage eines neuen Bundes mit Seinem irdischen Volk als auch der Beziehung Gottes zur Versammlung in der gegenwärtigen Zeit der Gnade. Das ist das Neue, das nicht dazu da ist, das Alte zu verbessern oder zu „reparieren“ (V. 21).

Im zweiten Teil geht es um einen anderen Aspekt. Flüssigkeiten wurden häufig in Schläuchen, d. h. speziell dazu hergerichteten Ziegenbälgen, aufbewahrt und transportiert. Neuer2 oder junger Wein konnte nicht in alte, spröde Schläuche gefüllt werden, denn er würde sie zerstören und dadurch verschüttet werden. Er brauchte daher neue, elastische Schläuche, die imstande waren, ihn zu bewahren. An diesem Bild wird deutlich, dass das Neue, das durch den Herrn Jesus gebracht wurde, in Gefahr geraten würde, wenn es in die Formen des alten Bundes „gegossen“ würde (V. 22).3

Leider ist dies jedoch von Anfang an geschehen. Das zeigt der Brief an die Galater sehr deutlich. Die Christen in Galatien standen in Gefahr, alt und neu, Gesetz und Gnade miteinander zu vermengen und mussten sich sagen lassen: „Nachdem ihr im Geist angefangen habt, wollt ihr jetzt im Fleisch vollenden?“ (Gal 3,3). So ist es leider in weiten Teilen der Christenheit bis heute geblieben.

Ährenessen am Sabbat (Mk 2,23–28)

(vgl. Mt 12,1–8; Lk 6,1–5)

„Und es geschah, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging; und seine Jünger fingen an, im Gehen die Ähren abzupflücken. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Siehe, warum tun sie am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er spricht zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er Mangel litt und ihn und die, die bei ihm waren, hungerte? Wie er in das Haus Gottes ging zur Zeit Abjathars, des Hohenpriesters, und die Schaubrote aß (die niemand essen darf als nur die Priester) und auch denen davon gab, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat wurde um des Menschen willen geschaffen und nicht der Mensch um des Sabbats willen; also ist der Sohn des Menschen Herr auch des Sabbats“ (2,23–28).

Rastlos war der Knecht Gottes tätig. Als Er am Sabbat, dem Tag der Ruhe, mit Seinen Jüngern durch die Kornfelder ging, war das kein Spaziergang, sondern sie befanden sich im Dienst. „Im Gehen“ pflückten die Jünger die Ähren ab, um ihren Hunger zu stillen (V. 23). Matthäus schreibt ausdrücklich, dass die Jünger hungrig waren, und Lukas weist mit seiner Zeitangabe auf die Erntezeit hin. Der „zweit-erste Sabbat“ war der zweite Sabbat nach dem Passah und der erste nach der Darbringung der Erstlingsgarbe von der neuen Ernte (vgl. 3. Mo 23,10–12).

Die ständig auf der Lauer liegenden Pharisäer warfen mit ihrer Frage dem Meister als Verantwortlichem die Handlung Seiner Jünger als Gesetzesübertretung vor. Es ging ihnen, wie so oft, um die Sabbatruhe, deren Einhaltung im Gesetz immer wieder hervorgehoben wird (V. 24; vgl. 2. Mo 20,8–11; 23,12; 31,13; 34,21; 35,2 usw.). Das Ährenpflücken an sich war keine Sünde, das wussten auch die Pharisäer (5. Mo 23,25). Nach ihrer Auslegung des Gesetzes war jedoch auch das Pflücken von Früchten zum sofortigen Verzehr eine „Erntearbeit“, die am Sabbat verboten war. In ihrem falschen Eifer für das Gesetz lehnten sie Den ab, der es ihnen einst gegeben hatte!

In Seiner Weisheit beantwortete der Herr die Frage Seiner Widersacher mit einer Gegenfrage, die sich auf das Wort Gottes bezog. Er wusste „das Schwert des Geistes, das Gottes Wort ist“, vollkommen zu handhaben, wie Er bereits bei der Versuchung in der Wüste bewiesen hatte (Mt 4,4.7.10). Diesmal führte Er eine Begebenheit an, die Parallelen zur augenblicklichen Situation aufwies. Als der von Gott zum König Israels erwählte David auf der Flucht vor seinem Feind Saul war, kam er nach Nob, wo der Hohepriester Ahimelech, der Vater Abjathars4, sich beim Zelt der Zusammenkunft befand. Auf die Bitte Davids um fünf Brote antwortete Ahimelech, es seien nur die Schaubrote vorhanden, die gerade durch frische ersetzt worden seien. Dies erfolgte nach 3. Mose 24,8 an jedem Sabbat. Diese Brote, die gewöhnlich nur die Priester essen durften, wurden daraufhin von David und seinen Gefährten verzehrt (V. 25 und 26; vgl. 1. Sam 21,1–6).

Durch dieses Beispiel brachte der Herr Jesus die Pharisäer erneut zum Schweigen. Sie waren davon überzeugt, dass David, den sie hoch verehrten, richtig gehandelt hatte, als er und seine Begleiter die Schaubrote aßen. Aber erkannten sie auch die Parallele zwischen dem von Saul verfolgten David und ihrem Messias, den sie ablehnten? Wenn der verworfene David einst in seiner Not die heiligen Schaubrote essen durfte, sollte dann der bei ihnen gegenwärtige Messias nicht ein gleiches oder ähnliches Recht besitzen?

Der Herr Jesus beendet Seine Antwort mit zwei bedeutsamen Feststellungen. Die erste ist, dass Gott den Sabbat nicht zur Belastung Seines Volkes, sondern zu dessen Wohlergehen und Segen gegeben hatte. „Der Sabbat wurde um des Menschen willen geschaffen und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Nach den Vorschriften der Schriftgelehrten sah es jedoch eher so aus, als sei der Mensch des Sabbats wegen erschaffen worden (V. 27)!

Die zweite Feststellung betrifft Ihn selbst. War Er nicht der Herr (Jehova/Jahwe) des Alten Testaments, der ihnen das Gesetz gegeben hatte? Zwar hatte Er, der über allem steht, sich so tief erniedrigt, dass Er nicht nur von einer Frau, sondern auch unter Gesetz geboren worden war (Gal 4,4). Aber diese freiwillige Erniedrigung beeinträchtigte Seine Erhabenheit in keiner Weise. Wenn Er sich hier „Sohn des Menschen“ nennt, weist Er geradezu auf Seine Erniedrigung hin (V. 28; siehe unter Kap. 2,10). Die Juden mochten Ihn in Seiner Stellung als Messias verwerfen, aber die Tatsache, dass Er als Mensch in Niedrigkeit geboren war (wodurch Er ja gerade der „Sohn des Menschen“ geworden war), konnten sie nicht leugnen. Wenn Er sich ihnen jedoch als Sohn des Menschen auf der Erde präsentierte, dann mussten sie zu der unausweichlichen Schlussfolgerung gelangen, dass Er auch einmal in Herrlichkeit erscheinen würde (Ps 8,6–10; Dan 7,13). Aber gerade das wollten sie nicht.

Fußnoten

  • 1 Hier kommt bei Markus zum ersten Mal das Wort „Jünger“ (griech. mathētēs) vor. Es bedeutet eigentlich „Schüler, Lehrling“. Auch die ersten Christen nannten sich „Jünger“. Der Ausdruck weist uns auf die Tatsache hin, dass wir in der Nachfolge unseres Herrn immer Lernende bleiben (vgl. Mt 10,25).
  • 2 „Neu“ (griech. neos „neu hinsichtlich seiner Existenz“ oder „jung, frisch“) ist in V. 22 ein anderes Wort als in V. 21 (griech. kainos „neu in seiner Art“).
  • 3 Vielleicht stehen die Verse 18–22 nicht im historischen Zusammen-hang, denn in Mt 9,18 folgt auf diesen Abschnitt die Auferweckung der Tochter des Jairus. Es wäre demnach die einzige Abweichung von der historischen Reihenfolge bei Markus.
  • 4 Die Erwähnung des Namens Abjathar durch den Herrn Jesus ist nur ein scheinbarer Widerspruch zu 1. Sam 21, wo von Ahimelech die Rede ist. Nach 1. Sam 22,20 konnte sein Sohn Abjathar als Einziger dem folgenden Massaker Doegs, des Edomiters, entfliehen, d. h., er war bei seinem Vater in Nob und übte wohl schon den Priesterdienst aus. Später wurde Abjathar Hoherpriester unter König David (2. Sam 20,25). Der genaue Wortlaut hier (griech. epi Abiathar archiereōs) könnte auch übersetzt werden: „in [der Begebenheit von] Abjathar, [dem] Hohenpriester“ (vgl. Kap. 2,26; Röm 11,2). Das Fehlen des Artikels vor „Hoherpriester“ charakterisiert Abjathar als solchen, besagt aber nicht, dass er das Amt zu der Zeit bereits ausübte. – Wie David Abjathar Ruhe finden ließ, so nimmt der Herr Jesus sich auch jetzt Seiner Jünger an (1. Sam 22,23; Joh 14,27).
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