Eine Auslegung des Markusevangeliums

Kapitel 4

Der Herr Jesus war von seinem Vorläufer als der Messias angekündigt worden. Er hatte sich ausreichend als Messias offenbart, sodass alle unter Verantwortung standen von den obersten Autoritäten bis zu den Volksmengen. Das letzte Kapitel zeigte das Ergebnis. Das krönende Zeugnis des Heiligen Geistes sowie auch der Sohn des Menschen in Person wurden verworfen. Wir sahen die unvergebbare Sünde jenes aufrührerischen und abtrünnigen Volkes. Neue Beziehungen, die gekennzeichnet sind durch das Ausführen des Willens Gottes, werden an Stelle der natürlichen Bande, die der Herr jetzt öffentlich und mit ernsten Worten nicht mehr gelten lässt, gebildet.

Das eröffnet den Weg für eine gleichnishafte Beschreibung des Dienstes unseres Heilandes mit seinem Verlauf und seinen Ergebnissen, des Herrn Verhalten gegenüber seinem Werk während seines Ablaufs und an seinem Ende sowie die Umstände seiner Jünger, die unter seiner Aufsicht in das Werk eingesetzt sind. Markus liefert keinen vollständigen Ausblick auf die Haushaltung des Reiches der Himmel, der seinen rechten Platz im Matthäusevangelium findet. Nichtsdestoweniger geben uns sowohl Markus als auch Lukas in einer ausführlichen Weise, die zum jeweiligen Thema des betreffenden Evangeliums passt, das Gleichnis vom Sämann.

Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen; und er sprach zu ihnen in seiner Lehre: Hört! Siehe, der Sämann ging aus, um zu säen. Und es geschah, als er säte, fiel einiges an den Weg, und die Vögel kamen und fraßen es auf. Und anderes fiel auf das Steinige, wo es nicht viel Erde hatte; und sogleich ging es auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Und als die Sonne aufging, wurde es verbrannt, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. Und anderes fiel in die Dornen; und die Dornen schossen auf und erstickten es, und es gab keine Frucht. Und anderes fiel in die gute Erde und gab Frucht, indem es aufschoss und wuchs; und eins trug dreißig- und eins sechzig- und eins hundertfach. Und er sprach: Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“ (V. 2–9).

Das war jetzt sein Werk; Er streute den Samen des Wortes weit umher. Im Menschen gab es nichts, was Gott willkommen war. Etwas Neues und Göttliches musste hervorgebracht werden: Die Frucht der Wirksamkeit der Gnade. Wenn man Frucht für Gott erwarten wollte, musste ein neues Leben da sein. So etwas gab es früher nicht; selbst die Predigt Johannes' ging nicht so weit und noch viel weniger das Gesetz und die Propheten.

Doch dann muss man etliche neue Lektionen lernen; denn die hervorgerufene Reaktion steht immer unter Verantwortlichkeit, selbst wo keine Wirkung auftritt. Der Same war gut; darin lag nicht der Fehler. Aber der Mensch als solcher ist für nichts zu gebrauchen; und die Reaktion führt da, wo das rettende Werk des Heiligen Geistes fehlt, früher oder später zu nichts. Unter diesem Gesichtspunkt ging also viel verloren.

Die erste Gruppe, bei denen alles in Hinsicht auf das Ergebnis scheitert, besteht aus den Hörern am Wegrand. „Wenn sie es hören“, sagt der Herr in der Erklärung, „(kommt) sogleich der Satan und (nimmt) das Wort weg, das in ihre Herzen gesät war“ (V. 14–15). Das entspricht den Vögeln des Himmels, die kommen und den Samen, der an den Wegrand fällt, verschlingen. Das ist die direkte, verderbliche Macht des Feindes, der ein Eindringen des Wortes verhindert. Der Same durchdringt nicht die Oberfläche; er geht nicht weiter als ein Gespräch oder eine Spekulation über das Gehörte bzw. eine Bewunderung des Predigers. Der sittlich tote Zustand des Hörers wird offensichtlich nicht getroffen; und Satan hat gewonnen.

Danach haben wir den Samen, der auf steinigen Boden fällt, wo er wenig Erde hat, und folglich unmittelbaren Erfolg verspricht. „Sogleich ging es auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Und als die Sonne aufging, wurde es verbrannt, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es“ (V. 5). Hier sehen wir die menschliche Natur, bzw. das Fleisch, wie sie ihr Bestes tut, und dabei ihre völlige Kraftlosigkeit offenbart. Das sind die Menschen, „die, wenn sie das Wort hören, es sogleich mit Freuden aufnehmen, und sie haben keine Wurzel in sich, sondern sind nur für eine Zeit; dann, wenn Drangsal entsteht oder Verfolgung um des Wortes willen, nehmen sie sogleich Anstoß“ (V. 16–17). Hier geht das Werk nicht tiefer als bis zu den Gefühlen und erreicht nicht das Gewissen, um es vor Gott zu überführen. Wenn man die Freude des Christentums genießen will, ohne sein Leben und seinen Zustand in der Gegenwart Gottes verurteilt zu haben, dann verachtet und missachtet man Ihn ganz und gar, indem man viel aus sich selbst macht. Eile bei der Annahme der Segnung ist alles andere als ein Hinweis auf ein göttliches Werk. Daraus folgt die überaus große Bedeutung der Buße. Diese hat man viel zu sehr durch das Verlangen, die Freiheit der Gnade zu bewahren und das Evangelium von gesetzlichen Fesseln zu befreien, aus dem Auge verloren. Dabei ist dieses Heilmittel auf jeden Fall genauso gefährlich wie die Krankheit, die es heilen soll. Wir dürfen das ernste Handeln des Heiligen Geistes an dem Gewissen nicht abschwächen. Es ist gut, heilsam und notwendig, dass die Seele ihren Zustand im Licht Gottes erwägt und sein Urteil über sich anerkennt; obwohl die Buße zweifellos aus dem Glauben hervorgeht und ihn nicht vorbereitet. Bis dahin ist möglicherweise noch keine Art von Frieden da, sondern nur Verzweiflung. Es mag sein, dass das Herz tief gepflügt wird mit kaum mehr als einer geringen Hoffnung auf Barmherzigkeit, die es vor dem völligen Versinken bewahrt. Der Herr wird jedoch zur rechten Zeit eindringlich die Worte aussprechen: „Deine Sünden sind vergeben ... Dein Glaube hat dich gerettet; geh hin in Frieden“ (Lk 7,48.50). Dann ist auf einmal und für immer im Glauben Friede und Freude da.

Wo das Herz nicht in dieser Weise vor den Augen Gottes ausgelotet worden ist, gibt dieselbe Hast, welche leicht aufnimmt, bei feuriger Versuchung das Aufgenommene ohne Mühe wieder ab. Es handelt sich um eine Seele, die von einer eingebildeten Freude durch ein theoretisches Empfinden von der Schönheit, der Wahrheit und der Anziehungskraft der selbstlosen Liebe Gottes gefesselt ist. Sie mag irrtümlich für die tiefe Freude an der Gnade Gottes gegen eine von der Sünde überführte Seele gehalten werden. Es ist gut, wenn eine solche Seele ihren verhängnisvollen Irrtum entdeckt und, nachdem sie sich abgewandt hat, wieder zurückkehrt. Besser ist es natürlich, wenn sie gleich in einem von Gott gewirkten Empfinden ihrer Sünde und Schuld sich aufrichtig an Gott wendet und in Jesus Christus die einzige Antwort für ihre Bedürfnisse findet.

Im dritten Fall fällt einiger Same unter die Dornen. Er wird von den wachsenden Dornen erstickt und bringt keine Frucht. Das sind jene, die das Wort hören. Doch die Sorgen dieser Welt, der Betrug des Reichtums und die Begierde nach den übrigen Dingen treten dazwischen, ersticken das Wort; und es bleibt fruchtleer (V. 18–19). Dieses Ergebnis ist ernst und nicht selten. Möchten wir aufpassen! Es gibt unterschiedliche Arten, in denen das Böse wirkt. Es setzt sich jedoch zusammen aus weltlicher Lust und reiner Selbstsucht, im Misstrauen gegen Gott und Gleichgültigkeit gegen seine Ansprüche. Dadurch wird das Herz entweder von Furcht überwältigt oder es strebt tatkräftig nach den Dingen dieser Welt. Selbst der Anschein von Hingabe geht verloren und die Seele kehrt, vielleicht sogar mit Gier, wieder zur Welt zurück, die sie scheinbar verlassen hatte. Ohne Ausnahme benötigen alle die Bewahrung Gottes vor all diesen Dingen. Ihr Armen, wacht gegen übermäßige Sorgen; ihr Reichen, werdet nicht von dem Betrug des Reichtums verführt! Und alle zusammen seht zu, dass ihr „die Begierden nach den übrigen Dingen“ (V. 19) richtet!

Auf der anderen Seite gibt es Samen, der auf gute Erde fällt und Frucht bringt, der eine dreißig-, der andere sechzig- und wieder ein anderer hundertfältig. Doch selbst dabei ist das Ergebnis nicht einheitlich; denn das, was für den Ungläubigen verhängnisvoll ist, kann auch die Fruchtbarkeit des Treuen schwerwiegend beeinträchtigen. „Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“ (V. 9). Es ist eine ernste Angelegenheit für jede Seele – ernst für jeden, der hört. Was ist es dann für den, der kein Ohr hat zu hören?

Und als er allein war, fragten ihn die, die um ihn waren, mit den Zwölfen über die Gleichnisse. Und er sprach zu ihnen: Euch ist es gegeben, das Geheimnis des Reiches Gottes [zu erkennen]; denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen zuteil, „damit sie sehend sehen und nicht wahrnehmen, und hörend hören und nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde. Und er spricht zu ihnen: Begreift ihr dieses Gleichnis nicht? Und wie werdet ihr dann all die Gleichnisse verstehen? (V. 10–13). Er erklärte die Gedanken Gottes nicht nur den Zwölfen, sondern allen, die um Ihn waren. Sie befanden sich drinnen; alle anderen waren „draußen“ und wurden in Gleichnissen angesprochen. Es war ein aufrührerisches Volk, welches jetzt sogar noch seinen Tadler verlor. Aber jene drinnen hatten das Vorrecht, das Geheimnis des Reiches zu kennen. So wirkte die Gnade und unterschied solche, die sich zu Christus abgesondert hatten, von der schuldigen Nation. Letztere wurde einer zunehmenden gerichtlichen Finsternis überlassen. Allerdings tadelte die Gnade trotzdem die Gläubigen wegen ihres Mangels an Verständnis. Dabei war dieses Gleichnis keineswegs schwer zu verstehen. Es war ein einführendes und grundlegendes Gleichnis, sozusagen eine Einführung in die folgenden. Nichtsdestoweniger ging unser gnädiger Herr, auch wenn Er die Jünger tadelte, auf ihr Problem ein und erklärte das Gleichnis, wie wir in den Versen 14–20 gesehen haben.

Doch abgesehen von der Errettung der Seele fließt das eingepflanzte Wort im Zeugnis nach draußen. Das ist die nächste und kennzeichnende Erklärung des Herrn in unserem Evangelium. „Und er sprach zu ihnen: Holt man etwa die Lampe, damit sie unter den Scheffel oder unter das Bett gestellt werde? – nicht vielmehr, damit sie auf den Lampenständer gestellt werde? Denn es ist nichts verborgen, außer damit es offenbar gemacht werde, noch wurde etwas geheim, außer damit es ans Licht komme. Wenn jemand Ohren hat, zu hören, der höre!“ (V. 21–23). Das Wort ist nicht nur Saat, um Frucht hervorzubringen, sondern auch eine Kerze oder Lampe, um als Zeugnis von Gottes Gnade und Wahrheit in dieser dunklen Welt zu leuchten. Christus war in seiner Demut und als Knecht aller persönlich der vollkommene Ausdruck des Wortes. Sollte es auf diese Weise gekommen sein, um unter einen Scheffel oder ein Bett gestellt zu werden anstatt auf seinen vorgesehenen Platz? Es konnte nicht sein; denn, wahrhaftig, „es ist nichts verborgen, außer damit es offenbar gemacht werde, noch wurde etwas geheim, außer damit es ans Licht komme. Wenn jemand Ohren hat, zu hören, der höre!“ So finden wir hier die Verantwortung, in der Welt zu leuchten, indem das Wort des Lebens festgehalten wird. Das soll mit der festen Gewissheit geschehen, dass alles, es sei gut oder böse, herausgestellt werden muss. Dieser Gedanke schließt erneut mit dem ernsten Appell an das persönliche Gewissen.

Außerdem, Gebt Acht, was ihr hört; mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch zugemessen werden, und es wird euch hinzugefügt werden. Denn wer hat, dem wird gegeben werden; und wer nicht hat, von dem wird selbst das, was er hat, weggenommen werden“ (V. 24–25). Auch hier geht es um Verantwortlichkeit im Dienst und Zeugnis des Herrn. Wir müssen also aufpassen, was wir hören; denn das, was wir empfangen haben, sind wir verpflichtet weiterzugeben. Wenn man die Schätze Gottes nicht richtig wertschätzt und wenn es an Vertrauen auf seine Gnade mangelt, dann erntet man seine eigenen bitteren Früchte. „Mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch zugemessen werden, und es wird euch hinzugefügt werden.“ Das ist hier der besondere Zusammenhang. Nur jene besitzen wirklich etwas, die in Gnade abgeben; und solche sollen in Überfluss empfangen. Dahingegen sollen die, welche in Wirklichkeit nichts haben, sogar ihren falschen Schein verlieren.

Das nächste Gleichnis steht nur im Markusevangelium und kennzeichnet es in einzigartiger Weise. Es handelt sich um das Werk des Reiches. „So ist das Reich Gottes, wie wenn ein Mensch den Samen auf das Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag, und der Same sprießt hervor und wächst, er weiß selbst nicht wie. Die Erde bringt von selbst Frucht hervor, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht es zulässt, schickt er sogleich die Sichel, denn die Ernte ist da“ (V. 26–29). Hier werden die Abwesenheit und scheinbare Achtlosigkeit des Herrn vorausgesetzt und nicht seine Offenbarung und sein aktives Eingreifen. Wenn allerdings die Ernte gekommen ist, dann erntet Er selbst, anstatt dass Er, wie bei Matthäus, Engel aussendet.

Darauf folgt das Gleichnis vom Senfkorn (V. 30–32), welches das Anwachsen des Reiches von einem kleinen Anfang zu einer großen Entwicklung und sogar zu einem System des Schutzes auf der Erde für die Agenten des Gottes dieser Welt darstellt. „Und in vielen solchen Gleichnissen redete er zu ihnen das Wort, wie sie es zu hören vermochten. Ohne Gleichnis aber redete er nicht zu ihnen; seinen eigenen Jüngern aber erklärte er alles besonders“ (V. 33–34).

Die letzte Szene des Kapitels (V. 35–41) zeigt uns die Übungen, denen sein Volk bei seiner Arbeit mit Ihm in der Mitte ausgesetzt ist. Auf der einen Seite sehen wir den törichten, selbstsüchtigen Unglauben der Jünger, auf der anderen seine ruhige Oberhoheit über das, was allein Er beherrschen konnte. Wir hören seinen gerechten Tadel ihrer Furcht, die so blind für die Herrlichkeit seiner Person war.

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