Prophetische Übersicht über die Psalmen

Einleitung

Viele Leser übersehen den richtigen heilsgeschichtlichen Zusammenhang, in den der Geist Gottes die Psalmen gestellt hat. Sie übertragen sie auf die christliche Stellung, Erfahrung und Hoffnung. Dies ist ein Fehler, da die Psalmen wirklich nicht an die Höhe christlicher Einsicht und christlicher Segnungen heranreichen. Eine genaue Untersuchung der Psalmen wird aufzeigen, dass sie in ihrer Bedeutung nicht christlich, sondern vielmehr jüdischen Charakters sind.

Sechs Gründe, warum die Psalmen jüdisch und nicht christlich sind

  1. Der Name des Vaters, der das Christentum kennzeichnet, ist nicht bekannt (Röm 8,14; Gal 4,6). Ewiges Leben wird folglich nicht genossen (Joh 17,3). Die Gebete und das Lob der Psalmen sind stattdessen an Jehova (HERR) gerichtet, Sein Bündnisname für Israel, und an Gott (Elohim), Sein Schöpfername.
  2. In ihnen ist weder Kenntnis über das vollendete Werk Christi am Kreuz zu finden, noch über die absolute Wohlannehmlichkeit des Gläubigen in Ihm vor Gott (Eph 1,6). Folglich haben die Personen der Psalmen weder ein gereinigtes Gewissen (Heb 9,14; 10,2.22), noch haben sie Frieden mit Gott (Röm 5,1). Bei ihnen existiert nach wie vor die Angst, dass Gott sie wegen ihrer Sünden richten könnte – selbst nach ihrem Sündenbekenntnis (vgl. Ps 25,7.11.18; 38,1–4; 51,9–11; etc.)
  3. Die Personen der Psalmen sind nicht versiegelt mit dem Heiligen Geist, wie die Christen es sind (Eph 1,13.14; 4,30). Das bleibende Innewohnen des Geistes ist nicht bekannt (Joh 14,16). Vergleiche Psalm 51,11.
  4. Es ist die Hoffnung in den Psalmen, das Königreich auf der Erde zu besitzen mit irdischen Segnungen (Ps 37,22; 65,10; 107,37; etc.) Das ist auch richtig und angemessen für Juden, aber Christen haben eine himmlische Hoffnung, eine himmlische Berufung und eine himmlische Bestimmung, die in den Psalmen unbekannt bleibt (Phil 3,20.21; Kol 1,5; Heb 3,1; 2. Kor 5,1).
  5. Die Anbetung und der Lobpreis in den Psalmen sind jüdischer Art. Sie finden in einem irdischen Tempel statt (Ps 5,7; 26,6–8; 27,4–6; etc.) und werden unterstützt durch Musikinstrumente (Ps 68,25; 149–150). In den Psalmen wird Jehova (HERR) angebetet. Angemessene christliche Anbetung ist hingegen Anbetung des Vaters und des Sohnes im Geist und in der Wahrheit in der unmittelbaren Gegenwart Gottes durch den Vorhang hin (Joh 4,21–23; Phil 3,3; Heb 10,19–22; 1. Pet 2,5).
  6. Die Personen der Psalmen rufen nach Rache für ihre Verfolger und Bedränger (zu den Verwünschungspsalmen siehe Fußnote zu Psalm 5). Das mag für den Juden, dessen Erbe irdisch ist und durch physischen Kampf eingenommen werden muss, angebracht sein, ist aber definitiv nicht die Einstellung eines Christen. Der Christ segnet die, die ihn verfluchen und betet für die, die ihn beleidigen (Lk 6,27.28). Er erfleht kein Gericht über seine Verfolger (Röm 12,19–21).

Dies bedeutet nicht, dass Christen die Psalmen nicht lesen oder keine Anwendungen aus den Psalmen für ihre Lebensumstände machen sollten. „Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit“ (2. Tim 3,16). „Denn alles, was zuvor geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die Hoffnung haben“ (Röm 15,4). Die Psalmen vermögen Ermunterung und Trost zu spenden an Heilige aus allen Zeitaltern. Es gibt drei hauptsächliche Formen von Erprobungen in den Psalmen, die dem Volk Gottes in allen Zeitaltern vertraut sind: Verfolgung (Ps 3–5), Züchtigung (Ps 6) und Verleumdung (Ps 7). Der heutige Gläubige kann ermuntert werden, wenn er die Prinzipien hinter diesen Erprobungen auf sich anwendet. Aber es ist falsch, zu denken, dass sie die wahre christliche Stellung, Erfahrung und Hoffnung aufzeigen. Die primäre Anwendung der Psalmen bezieht sich dann nicht auf Christus und die Kirche, sondern auf Israel und ihren Messias.

Um ein richtiges Verständnis von der großartigen Ordnung der Psalmen zu erlangen, ist es notwendig, eine gewisse Kenntnis über der Prophetie Israels zu besitzen. Die Bibel lehrt eine noch zu erwartende buchstäbliche Wiederherstellung Israels in ihrem Heimatland und eine Erfüllung der ihnen versprochenen Segnungen. Aber nirgendwo im Wort Gottes wird dies auf jeden Israeliten von Geburt bezogen. Die Segnungen, die der Nation versprochen wurden, werden sich in dem Überrest erfüllen, der am Wort Gottes und an den Segnungen Gottes festhält. Die große Masse der heutigen Juden sind Rationalisten, ungläubig, materialistisch oder gar atheistisch. Sie werden durch die Gerichte des Herrn abgeschnitten werden. Genauso wie die Abgefallenen in der Christenheit nicht die den wahren Gläubigen verheißenen Segnungen teilen werden, werden die Abgefallenen in Israel keinen Anteil haben an den nationalen Verheißungen und Segnungen Israels.

Nachdem die Kirche durch das Kommen des Herrn in die Herrlichkeit eingeführt werden wird (manchmal „Entrückung“ genannt; Joh 14,2.3; 1. Thes 4,16–18), wird eine siebenjährige Drangsalszeit, „eine Woche“ genannt (Dan 9,27), stattfinden. Während dieser Zeit wird Gott eine nationale Heimkehr der Juden (die zwei Stämme) in ihr Heimatland bewirken (Jes 18,1–4). Die Masse der Juden wird kein Herz für Gott haben und wird in einen Bund mit dem wiederauferstandenen Römischen Reich eintreten (ein Zusammenschluss von zehn westeuropäischen Nationen, genannt „das Tier“; Dan 2,41–43; 7,7; Off 13,1), von dem sie meinen, es würde sie beschützen. Es wird jedoch auch einen Überrest unter den Juden geben, der Gott aufrichtig fürchtet und vor seinem Wort zittert (Jes 66,2). Sie werden das Evangelium des Reiches verkündigen (Mt 24,14) und Spott und Verfolgung aufgrund ihrer Treue zu Gott erdulden. In den letzten dreieinhalb Jahren („die große Drangsal“) wird ein Mann, genannt „das kleine Horn“, aufstehen und die Macht im wiederauferstandenen Römischen Reich übernehmen (Dan 7,8; Off 13,1–9). Er wird auch „das Tier“ genannt werden. Kurz danach wird ein anderer Mann im Land Israel unter den Juden aufstehen und wird von ihnen als ihr (falscher) Messias gefeiert werden (Joh 5,43; Off 13,11–18). Es ist der Antichrist, der Mensch der Sünde (2. Thes 2,3–12). Das Tier und der Antichrist werden ihre Untertanen gemeinsam zum Götzendienst zwingen, der in der Anbetung eines Bildes des Tieres besteht (Off 13,14.15). Der gottesfürchtige Überrest wird den Antichristen aus Gewissensgründen nicht aufnehmen und wird folglich umso stärker verfolgt werden; bis zu dem Punkt, an dem sie gezwungen sein werden, aus Jerusalem in die abgelegenen Teile des Landes und gar außerhalb des Landes zu fliehen. Gott wird dies für eine Zeit (die letzten dreieinhalb Jahre) erlauben und wird es benutzen, um die Aufrichtigkeit der Herzen des Überrestes zu prüfen.

Nahe dem Ende der siebenjährigen Drangsalszeit wird Gott einen Zusammenschluss arabischer Nationen unter der Leitung des „Königs des Nordens“ (Ps 83,1–8) aufstehen lassen. Die Armeen dieser verbündeten Nationen werden in das Land Israel eindringen und es verwüsten (Dan 11,40–45; Joel 2,1–11; Jes 28,18.19). Dies wird „erster Angriff des Assyrers“ genannt. Gott wird ihn benutzen, um die gottlosen Juden zu zerstören, die den Antichristen angenommen und das Bild des Tieres angebetet haben. Doch der Überrest wird glücklicherweise bewahrt bleiben, da er in die Höhlen und Klüfte der Erde geflohen ist (Heb 11,381; Mt 24,16). Etwa zu dieser Zeit wird das Tier mit seinen Armeen von Westen her in einem Versuch, die Juden zu retten, einlaufen (Off 16,13.14; 4. Mo 24,24). Während die westlichen Armeen in das Land einmarschieren, wird der Herr vom Himmel her in flammendem Feuer erscheinen, um sie zu richten (Off 16,15–21; 19,11–21; 2. Thes 1,8; 2,8; Jud 14.15). Der König des Nordens wird bis dann seinen Eroberungszug durch das Land Israel bis nach Ägypten fortgesetzt haben. In Ägypten wird er Gerüchte vom Einmarsch der anderen Armeen hören und ins Land Israel zurückkehren. Dort wird er ebenfalls vom Herrn vertilgt werden (Dan 8,24.25; 11,44.45).

Die Erscheinung des Herrn zu dieser Zeit wird nicht nur der Zerstörung der heidnischen Mächte dienen, sondern auch der Befreiung des gottesfürchtigen jüdischen Überrestes und der Wiederherstellung der zehn Stämme Israels (Lk 18,1–8; Dan 12,1.2). Die Juden werden auf Ihn blicken, Den sie durchbohrt haben und in Buße wehklagen und sie werden vor dem Herrn zurechtgebracht werden (Sach 12,10–14; 13,1). Anschließend werden die zehn Stämme in das Land Israel zurückgeführt werden und ebenfalls vor dem Herrn zurechtgebracht werden (Hes 20,34; 34,11–16; 36,16–38; 37,1–28; Mt 24,31). Während sich die Stämme Israels in ihrem Land ansiedeln, wird Russland mit seinen gewaltigen Menschenmassen von Norden her kommen in dem Versuch, Israel zu Fall zu bringen (Hes 38–39). Das wird „der zweite Angriff des Assyrers“ genannt. Der Herr wird das zurechtgebrachte Israel dann jedoch verteidigen. Er wird von Zion (Jerusalem) ausziehen und diese Armeen vertilgen (Joel 3,16; Jes 10,33.34; 33,10–12). Danach wird das Tausendjährige Reich unter der Regierung Christi in all seiner Herrlichkeit eingeleitet werden.

Es ist eine große Hilfe beim Studium der Psalmen, diese einfache Reihenfolge prophetischer Ereignisse in Bezug auf Israel zu verstehen. Die Psalmen selbst enthalten genau genommen keine Prophetie. Sie entfalten vielmehr die moralische Geschichte des Überrestes Israels während der Zeit, in der sich die Prophetie erfüllen wird in der siebzigsten Jahrwoche Daniels (Dan 9,27). Die Psalmen beschreiben ihre Gedanken und Empfindungen der Not, der Sorge, der Qual, der Schuld, der Erwartung, der Hoffnung, der Freude und des Sieges, wenn sie die größte Prüfung ihrer Geschichte durchleben. Danach werden sie erlöst, zurechtgebracht vor dem Herrn und in das Reich der Segnungen eingeführt werden.

Es gibt eigentlich nur zwei Arten von Psalmen: Diejenigen, die sich an den HERRN (Jehova) richten (Ps 1–41 außer Ps 16; Ps 84–150) und diejenigen, die sich an Gott (Elohim) richten (Ps 42–83). Sie werden manchmal jehovaitische und elohimistische Psalmen genannt (G. V. Wigram: Study of the Psalms). Die Psalmen, die sich an Gott richten, werden von denen, die sich an den Herrn richten, eingerahmt. Wird HERR (Jehova) verwendet, wird eine persönliche Beziehung ausgedrückt. Wird Gott (Elohim) verwendet, wird Er hingegen in einer weniger persönlichen und distanzierteren Weise angesprochen. Dieser Ausdruck wird in der Schrift gewöhnlich von Personen benutzt, die entweder nicht in den Genuss ihrer Beziehung zu Ihm gekommen sind oder von Personen, die Ihn überhaupt nicht kennen (siehe Jona 1,6.9: der heidnische Seemann nennt Ihn Gott, aber Jona nennt Ihn HERR).2

Die Psalmen sind in ihrer prophetischen Anwendung nicht fortlaufend durch alle Kapitel hindurch angeordnet. Sie sind in fünf Bücher unterteilt. Die Bücher sind untergliedert durch die Ausdrücke „Amen und Amen“ und „Preist den HERRN“ (Ps 41,13; 72,19; 89,52; 106,48). Jedes Buch beschränkt sich auf einen bestimmten Zeitabschnitt der Prophetie Israels und der Juden. Die einzelnen Psalmen innerhalb jedes Buches bilden ebenfalls keinen kontinuierlichen Handlungsstrang. Stattdessen teilen sie sich in mehrere Serien. Jede Serie von Psalmen innerhalb der fünf Bücher bildet jedoch eine chronologisch angeordnete Einheit. Sie beginnt an einem bestimmten Punkt der Prophetie, der für jedes der fünf Bücher speziell ist und verläuft bis zur Befreiung der Juden und zur Wiederherstellung Israels beim Kommen des Herrn zur Aufrichtung Seines Reiches.3 Wir sind dieser Einteilung zum größten Teil gefolgt; außer an den Stellen, wo er oder andere geschätzte Ausleger in ihren Schriften angemerkt haben, dass die direkt folgende Sequenz eine Fortführung der vorausgehenden Psalmen bildet und daher als eine einzige Serie aufgefasst werden könnte. Zum Beispiel gibt J. N. Darby (Notes and Comments, Vol. 3, p. 137) an, dass die Ps 61–68 eine eigene Serie in sich selbst darstellen, obwohl dies nicht in seiner Übersetzung gekennzeichnet ist.

Die Hauptpersonen in den Psalmen sind die folgenden:

Der Herr Jesus Christus: „HERR“ (Jehova), Sein Name des Segens der Bündnis-Beziehung zu Israel; kommt etwa 700-mal vor. „Herr“ (Adon, Adonim, Adonai), Seine allmächtige Herrschaft kommt etwa 65-mal vor. „Jah“ (abgekürzter Name Jehovas) kommt etwa 43-mal vor, hauptsächlich in der Übersetzung von J. N. Darby. „Höchster“ (Gnelion), Sein Titel als König und Priester im Reich, kommt 22-mal vor. „Allmächtiger“ (El Shaddai), der große Erhalter, kommt 2-mal vor. „Der Gesalbte“ (Messias oder Christus) kommt etwa 10-mal vor. „Der König“ kommt etwa 31-mal vor. Es gibt noch ein paar weitere Hinweise auf ihn, wie „den Felsen“ etc.

Gott (Elohim): Sein Schöpfername kommt etwa 360 mal vor.

Der gottesfürchtige Überrest aus den Juden: Der Fromme, der Gerechte, der Geringe und Arme, der Unterdrückte, der Sanftmütige, der Aufrichtige, der Elende, die Heiligen etc.4

Der Antichrist: Der Gottlose (Einzahl), der Mann des Blutes und des Truges, der Gewaltsame, der Held.

Das abgefallene Judentum: Die Gottlosen (Mehrzahl), die Toren, die Frevel tun, die Völker, die Übeltäter etc.

Die Heiden: Der Feind, die Söhne der Fremde, die Nationen, die Völkerschaften, der Mann der Gewalttat (dies ist im Speziellen der Assyrer)5.

Der Titel (Apg 1,20) und die Kapiteleinteilung (Apg 13,33) der Psalmen sind göttlich inspiriert.

Fußnoten

  • 1 Diese Bibelstelle wird im Original nicht angeführt. Ihr scheint jedoch die Formulierung entnommen zu sein. (Anm. des Übers.)
  • 2 Das wiederhergestellte Israel wird den HERRN (Jehova/Jahwe) anbeten, während Ihn die Nationen auf der Erde des Tausendjährigen Reiches als Herrn (Adonai) anbeten werden, ein anderer weniger persönlicher Name, der seine allmächtige Herrschaft ausdrückt. Vgl. Ps 86,9.
  • 3 In einigen Bibelübersetzungen (z.B. die englische Darby New Translation) sind die Trennlinien innerhalb der Bücher mit einem Sternchen gekennzeichnet.
  • 4 Der Autor listet hier und im Folgenden Ausdrücke auf, die sich in den Psalmen jeweils auf eine bestimmte Person oder einen bestimmten Personenkreis beziehen. Dabei verwendet er die englische Darby- und vor allem die King-James-Übersetzung. Hier wurde versucht, die entsprechenden Ausdrücke der Elberfelder-Übersetzung (Edition bibelkommentare.de) anzugeben. (Anm. des Übers.)
  • 5 Siehe J. N. Darby: „Notes and Comments“ Vol. 3, p. 264.

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