Botschafter des Heils in Christo 1856

Der Nasir

Der Nasir stellt uns einen Charakter dar, der mit dem Leben der Kirche oder Versammlung auf dieser Erde verbunden ist; nämlich die besondere Ergebenheit an Gott. Man widmet sich Ihm. Der Herr ist das vollkommene Beispiel hiervon. Die Versammlung sollte seinen Fußtapfen nachfolgen. Die Fälle eines besonderen Berufs, sich dem Herrn zu widmen, kommen auch in diese Kategorie.

Drei Dinge waren damit verbunden. Der Nasir durfte keinen Wein trinken; er musste sein Haar wachsen lassen und er durfte sich nicht an einem Toten verunreinigen. Der Wein stellt die Freude dar, die mit den Vergnügungen der Gesellschaft verbunden ist, die das Herz erfreut, das sich ihr hingibt. Der Wein ist es, „der das Herz der Götter und Menschen erfreut“ (Ri 9,13). Der Herr war von dieser Freude durch sein Gelübde getrennt. Er sagte: „Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr von dem Gewächs des Weinstocks trinken werde bis zu jenem Tag, wenn ich es neu trinke in dem Reich Gottes“ (Mk 14,25). Seine Liebe hatte ihn getrieben, dass er dieselbigen mit den Seinen zu teilen wünschte, wie elend diese auch waren. Er sagte: „Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt, dieses Passah mit euch zu essen“ (Lk 22,15). Auch musste er die natürlichen Beziehungen verleugnen, weil die Weihe Gottes auf seinem Haupt war. „Was habe ich mit dir zu schaffen?“ sagt der Herr zu seiner Mutter (Joh 2,4). Nicht als ob er nicht die zärtlichste Zuneigung für sie gehabt hätte, er war aber jetzt von allem abgesondert, um Gottes zu sein.

Dann ließ der Nasir sein Haar wachsen. Das heißt: er vernachlässigte sich, indem er sich dem Willen Gottes hingab. Er verleugnete seine Würde und seine Rechte als Mensch, denn das lange Haar bezeichnete einerseits die Vernachlässigung seiner eigenen Person, und andererseits die Unterwürfigkeit, die Macht auf dem Haupt (vgl. 1. Kor 11,10). Dies war also die Widmung an Gott in dem Aufgeben der Freude, der Würde und der natürlichen Rechte des Menschen, indem der Mensch als Mittelpunkt der ihm eigentümlichen Neigungen betrachtet wurde, und zwar, um ganz und gar Gott zu gehören. Der Mensch hat seine Stellung als Vertreter der Herrlichkeit Gottes. In dieser Stellung ist er von einer Menge von Neigungen, Freuden und Rechten umgeben, die in ihm ihren Mittelpunkt haben. Er kann diese Stellung für den besondern Dienst Gottes verlassen, unter der Berücksichtigung, dass die Sünde in alle diese Dinge eingetreten ist. Diese, weit entfernt an und für sich böse zu sein, sind an ihrem Platz vielmehr gut. – Das ist es, was Christus getan hat. Er ist der wahre Nasir geworden. Er hat nicht seinen Platz als Mensch oder seine Rechte als Menschensohn eingenommen, sondern hat sich für die Herrlichkeit Gottes allem unterworfen, worauf diese Herrlichkeit Anspruch erhebt. Er hat sich Eins gemacht mit dem Überrest des sündigen Volkes, das er liebte, und ist den Kindern seiner Mutter fremd geworden (vgl. Ps 69,9). Er tat nichts, was ihm nicht vorgeschrieben war. Er lebte von dem Wort, das aus dem Mund Gottes kam (vgl. Lk 4,4). Er trennte sich von allen Banden des menschlichen Lebens, um sich der Herrlichkeit, dem Dienst Gottes und seinem Gehorsam zu widmen. Wenn Er in der Liebe der Seinen etwas Trost gefunden hat, der nur sehr gering und ärmlich sein konnte, so hat er ebenso darauf verzichtet, um in dieser wie in jeder andern Hinsicht in seinem Tod völlig ein Nasir werden müssen. Er war allein in seiner Absonderung für Gott. Die Kirche hätte Ihm folgen sollen; aber ach! sie hat Wein getrunken, sie hat sich herabgelassen, die Diener des Hauses zu schlagen.

Der Gläubige kann aufgefordert werden, sich selbst zu verleugnen und für den köstlichen Dienst seines Heilandes auf Dinge zu verzichten, die an und für sich nicht böse sind. Aber dieses Werk geschieht innerlich. „Ihre Fürsten1 waren reiner als Schnee“ (Klg 4,7). Die Widmung ist innerlich. Es ist hier passend, die Dinge, denen man sich aussetzt, zu betrachten, wenn man sich entgegen dieser Absonderung verhält. Wenn man sich dem Herrn auf eine Weise gewidmet hat, die ihm angenehm ist, so wird diese Widmung von einer Freude begleitet. Diese Freude ist nach dem Maß des Zeugnisses, das ihm dargebracht wird. Gott steht zu seinem Diener gemäß seiner Berufung. Aber das ist ein Geheimnis zwischen seinem Diener und ihm, obwohl auch die Anderen die äußerlichen Wirkungen davon sehen. Hat man entgegen dieser Absonderung gehandelt, so muss Alles von vorne wieder anfangen. Der göttliche Einfluss und die Kraft in dem Werk sind verloren. Man kann wohl in anderer Hinsicht, sich wie Simson erheben, um sich freizuschütteln (Ri 16,20); aber man hat seine Kraft verloren, ohne es zu wissen. Gott ist nicht mehr mit uns. Der Fall Simsons ist ein äußerster, aber feierlicher Art; denn es kann sein, dass unsere Kraft uns in Gegenwart des Bösen versetzt hat, und dann, wenn Gott mit uns ist, offenbart sich seine glorreiche Herrlichkeit. Wenn das aber nicht der Fall ist, so hat der Feind die traurige Gelegenheit, an demjenigen, der lange Zeit als Streiter Gottes bekannt war, sich Gott gegenüber zu verherrlichen. In diesem zweiten Fall ist das innerliche Geheimnis, die wahre Kraft der Absonderung für Gott verloren.

Hüten wir uns in den gewöhnlichen Dingen vor dem ersten Schritt, der uns von der innerlichen Heiligkeit trennen würde. Wenn die Gnade uns zu einem außerordentlichen Dienst abgesondert und berufen hat, – worin dieser auch bestehen mag, – sollten wir aufpassen vor jedem Mangel des Gehorsams gegen das Wort vom Kreuz, durch das wir der Welt (vgl. Gal 6,14), der Sünde (vgl. Röm 6,6) und dem Gesetz (vgl. Gal 2,19) gekreuzigt sind2.

Gewöhnlich gelangt der untreue Nasir durch das Opfer des Herrn wieder zu seiner Absonderung. Er wird von Neuem Gott geweiht. Aber alles, was uns in Beziehung zur Sünde setzt, wird Konsequenzen haben. Wir verlieren dann die Kraft, die an die Gemeinschaft mit Gott und an die besondere Gegenwart des Heiligen Geistes geknüpft ist, was auch immer das Maß sein mag, in der diese Kraft uns verliehen ist. Ach, die vergangene Zeit ist verloren! (4. Mo 6,12). Wir müssen von Neuem anfangen. Es ist noch eine große Gnade, dass nicht das große Vorrecht, Gott zu dienen, genommen wird. Auch gibt es zuweilen Folgen unserer Untreue, die noch fortbestehen, selbst wenn die Kraft uns wiedergegeben ist. Der blinde Simson musste sich töten, indem er seine Feinde tötete (Richter 16,30). Es geziemt sich für uns in allen Fällen, unsere Verunreinigung unmittelbar anzuerkennen, zu dem Herrn zu gehen, und nicht äußerlich einen Anspruch als Nasir zu erheben, wenn wir das nicht in den Augen Gottes sind. Es gibt nichts Gefährlicheres, als im Dienst Gottes zu sein, wenn das Gewissen nicht rein ist. Aber dennoch müssen wir uns immer wieder erinnern, dass wir unter der Gnade sind.

Diese Absonderung und die Bereitschaft, auf Dinge zu verzichten, geschieht nicht für immer. Der Herr selbst wird nicht immer Nasir sein. Er wird sich völlig und überschwänglich der Freude mit Gott und den seinen erfreuen. Er wird sagen: „Esst, Freunde; trinkt, und trinkt euch fröhlich, Geliebte!“ (Hld 5,1). Durch die Macht des heiligen Geistes allein werden wir von dem getrennt, was böse ist, und oft sogar von dem, was natürlich ist, um Gefäße des Dienstes und der Freude zu sein, – ein Zeugnis Gottes mitten unter dem Bösen. Die Zeit wird kommen, wo das Böse weggenommen sein wird und wir uns dann unserer Natur überlassen werden. Die Macht des heiligen Geistes wird dann nur Freude erzeugen und alles, was uns umgibt, wird mit uns in Gemeinschaft sein. Dann wird der Herr hier einen Platz einnehmen, den er damals unmöglich einnehmen konnte. Doch war er der völlig gesellige Mensch, den Sündern völlig zugänglich, weil er völlig von ihnen getrennt und innerlich für Gott abgesondert war, und weil er auf sich selbst verzichtet hatte, um nur von den Worten Gottes zu leben.

Ein solches ist das Leben Gottes auf dieser Erde. Das, was er geschaffen hat, würde nicht böse sein können? Er wolle uns vor einem solchen Gedanken bewahren! Eine derartige Behauptung ist sicherlich ein Zeichen der letzten Zeiten. Der Herr konnte mit Liebe an seine Mutter denken, als die Arbeit seiner Seele am Kreuze geschehen war. Aber der Heilige Geist tritt als eine fremde Macht in dieses Leben ein und nimmt Besitz von dem Menschen. Er will ihn nach seiner Macht durch dieses Leben gehen lassen, so dass der Mensch, je fremder er sich selber ist, desto mehr im Stande ist, für diejenigen, die hier nach Gott leben, Teilnahme zu bezeigen; und er bezeigt sie in der Tat. Alles andere ist nur mönchisch. Wenn man innerlich wahrhaft frei ist, so kann man Mitleid haben mit dem, der draußen ist. Wenn man das nicht ist, so macht man sich zum Mönch, in der vergeblichen Hoffnung, es zu sein.

Endlich, wenn die Weihe als Nasir beendigt war, wurden alle Opfer dargebracht; das geweihte Haupthaar des Nasirs wurde in dem Feuer verbrannt, welches das Dankopfer verzehrte (4. Mo 6,13–21) – ein Vorbild der vollen Gemeinschaft, die das Ergebnis des Opfers des Herrn ist. Wenn zu der von Gott bestimmten Zeit das Opfer des Herrn in seinen Auswirkungen seine volle und gänzliche Wirksamkeit erlangt haben wird, so wird die energische Macht der Absonderung in der Gemeinschaft aufgehen. Diese Gemeinschaft wird die glückselige Folge dieses Opfers sein. Wir sind glücklich, zu wissen, dass die Kraft des Heiligen Geistes gegenwärtig wirksam ist, um den Lüsten des Fleisches einen Zügel anzulegen. Aber dann wird das Wirken des Geistes eine Macht der Freude sein, einer Freude in Gott und in der Gemeinschaft mit allem dem, was uns umgibt.

Reden wir jetzt von den Wegen Gottes, wenn die Weihe des Nasirs beendigt sein wird. Dann wird das Ergebnis des Werkes des Herrn zum Vorschein kommen. Die ganze mannigfaltige Wirksamkeit seines Opfers wird anerkannt werden. Sein Volk wird in die Gemeinschaft seiner Freude eingehen. Der Wein wird mit Fröhlichkeit getrunken werden. Jesus selbst wartet auf diesen Augenblick. Ich glaube, dass sich das besonders auf sein Volk auf dieser Erde bezieht, auf den jüdischen Überrest in den letzten Tagen. Das Teilhaben desselben an dem Heiligen Geist wird Freude und Wonne sein. Doch auch wir erwarten etwas Ähnliches, aber in noch besserer Weise. Wir nehmen, bis auf einen gewissen Punkt, diese Freude schon vorweg, denn der Heilige Geist bringt diese zwei Dinge hervor: die Freude der Gemeinschaft und die Trennung in der Absonderung für den Dienst Gottes. Etwas davon will auch der Apostel in den Worten an die Korinther sagen: „Daher wirkt der Tod in uns, das Leben aber in euch“ (2. Kor 4,12). Dennoch kann man immer von allen Christen sagen: „... Ich wollte wohl, dass ihr herrschtet, damit auch wir mit euch herrschen möchten!“ (1. Kor 4,8).

Aus dem 4. Heft der „Betrachtungen des göttlichen Worts“ von J. N. D.

Fußnoten

  • 1 In manchen Bibelübersetzungen wird in Klagelieder 4,7 das Wort „Nasir“ verwendet.
  • 2 Anm. d. R.: Der Vollständigkeit halber möchten wir auch auf Galater 5,24 hinweisen: „Die aber des Christus sind, haben das Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und den Begierden“.
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