Botschafter des Heils in Christo 1856

Die vor den Gerichten in der Offenbarung aufgenommene Kirche (oder Versammlung)

Für denjenigen, der die Prophetie studiert, zeigt sich häufig eine Schwierigkeit, sobald er die Schwelle seiner ersten Untersuchungen überschritten hat. Diese Untersuchungen können ihn vollständig überzeugt haben, dass die zweite Ankunft des Herrn dem 1000-jährigen Reich vorangehen und dasselbe einführen wird, dass die Juden in ihrem Land wiederhergestellt sein werden, und dass ein Teil von ihnen dort den höchsten Grad der Angst durchmachen muss. Man kann verstanden haben, dass diese Angst ihren höchsten Gipfel erreicht, wenn alle Nationen gegen Jerusalem versammelt sein werden; weiter, dass diesen also versammelten Nationen durch die Hand unsers Herrn Jesus Christus selbst in seiner Offenbarung vom Himmel in einer Feuerflamme Einhalt gebieten werden wird, und dass dessen Ankunft den armen unterdrückten Juden die Befreiung bringt, und zwar in demselben Augenblick, wo ihre Widersacher sie verwirren und zerstören. Man kann endlich vollständig zugegeben haben, dass, nach allem, was uns das Neue Testament verkündigt, die uns Christen vorgestellte Hoffnung, die Ankunft unsers Herrn Jesus Christus ist; dass wir ermahnt sind, diese große Tatsache zu betrachten, sie durch unser Flehen und Seufzen zu beschleunigen und doch geduldig zu erwarten; – mit einem Wort, dass der Normalzustand unserer Seele derjenige einer beständigen Erwartung dieses herrlichen Ereignisses sein soll. Doch hier erhebt sich die Schwierigkeit, wovon ich gesprochen habe. Derjenige, der die Prophetie studiert, wird vielleicht sagen: „Wenn, eine ganze Reihenfolge von Tatsachen vor der Ankunft des Herrn auf der Erde geschehen soll, wenn die Juden in ihr Land zurückkehren, die Nationen gegen sie versammelt werden, die Zeit einer Drangsal ohne Gleichen kommen, die Siegel, die Posaunen und die Schalen der Offenbarung ihren Gang der Gerichte durchlaufen und die Ankunft des Herrn auf alle diese Ereignisse folgen soll – wie können wir, da wir noch nicht den Anfang eines einzigen von ihnen sehen, die Ankunft des Herrn erwarten und zwar auf eine vernünftige Weise? Es sind diese, die vorbereitenden Begebenheiten, die wir erwarten können; aber bis sie anfangen, bis sie erscheinen, können wir nur durch sie hindurch den sehen, der das wissen wir, ihnen ein Ziel setzen soll. Doch wie können wir die Stellung einer beständigen Erwartung des Herrn einnehmen, wenn seiner Ankunft solch eine Anzahl von Tatsachen, die noch nicht erfüllt sind, vorangehen soll?“ Ich glaube hier die Schwierigkeit in ihrer ganzen Kraft vorgestellt zu haben, und diese Zeilen sind bestimmt zur Prüfung und Auflösung dieser Schwierigkeit, soweit mein gegenwärtiges Verständnis der Schrift es mir möglich macht.

Zuerst möchte ich daran erinnern, dass Schwierigkeiten den Unglauben nicht rechtfertigen. Wenn es in dem neuen Testament klar offenbart ist, dass unsere Stellung als Christen sein soll, beständig unsern Herrn zu erwarten, so sollte der Glaube die Offenbarung an- und aufnehmen, von welcher Schwierigkeit sie auch umgeben sein sollte. Nun, welcher Mensch, der das Wort Gottes kennt, könnte eine solche Offenbarung in Zweifel ziehen? Unser Herr Jesus selbst hat die Stellung bezeichnet, in welcher er sein Volk bei seiner Ankunft zu finden wünscht: „und ihr, seid Menschen gleich, die auf ihren Herrn warten“ (Lk 12,36). Die bestimmte Versicherung, welche er seinen Jüngern gibt, um sie über seinen nahen Abschied zu trösten, ist: „Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seiet“ (Joh 14,3). Die erste Wahrheit, welche denselben Jüngern, nach dem Abschied des Herrn, als sie ihm mit den Augen folgten und ihn durch die Wolken hindurch, auf welchen er in Richtung Himmel fuhr, noch zu sehen suchten, verkündigt wurde, ist die Versicherung seiner Rückkehr: „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird ebenso kommen, wie ihr ihn habt auffahren sehen in den Himmel“ (Apg 1,11).

Es mangelte den Gläubigen in Korinth an keiner Gnadengabe, – „so dass ihr an keiner Gnadengabe Mangel habt, indem ihr die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus erwartet“ (1. Kor 1,7). Der Apostel sagt von sich selbst und von seinen Brüdern im Herrn: „siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden [zwar] nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden“ und weiter: „die Toten werden auferweckt werden unverweslich, und wir werden verwandelt werden“ (1. Kor 15,51.52). Er erklärt, dass das, was seine Brüder und er erwarten, und wünschen, nicht ist, „entkleidet (d. h. den Körper zu verlassen), sondern überkleidet zu werden, damit das Sterbliche von dem Leben verschlungen werde“ (2. Kor 5,4). „Denn unser Bürgertum, ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird“ (Phil 3,20.21). Den Thessalonichern konnte bezeugt werden: „wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten“ (1. Thes 1,9.10). In der einen oder der anderen Form ist die Ankunft des Herrn in allen Kapiteln dieses Briefes erwähnt. Die im 4. Kapitel zweimal wiederholten Worte: „Wir, die übrig gebliebenen Lebenden“ (1. Thes 4,15.17) bezeichnen klar genug, was die Stellung ist, die der Versammlung geziemt. Es würde für den Apostel sehr leicht gewesen sein, wenn es also der Gedanke des Herrn gewesen wäre, zu sagen: „Wenn wir glauben, dass der Herr gestorben und auferstanden ist, also wird Gott auch uns, die entschlafen sein werden, durch den Herrn mit ihm bringen. Denn dies sagen wir euch im Worte des Herrn, dass wir, die Lebenden, die übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen werden“. Warum spricht er denn nicht so? Bestimmt, weil es nach dem Willen des Herrn war, dass seine Heiligen ihn beständig erwarteten. Der Apostel konnte nicht sagen und keiner von uns könnte jetzt sagen, dass wir gewiss unter der Zahl der Lebenden und Übrig bleibenden sein werden. Der Apostel erfuhr später durch eine besondere Offenbarung, dass er nicht bis dahin bleiben werde. Es kann mit uns ebenso sein. Der Herr kann verziehen, bis dass wir alle in ihm entschlafen sind; aber in Ermangelung bestimmter Offenbarungen über diesen Gegenstand, sollte der Glaube sagen, wie an dieser Stelle: „Wir, die übrig gebliebenen Lebenden“. Der Glaube stellt uns dahin, wo unser Herr uns zu sehen wünscht, d. h. in ein beständiges Erwarten und Wachen. Die Jungfrauen werden dem Bräutigam entgegen gehen, und wenn auch der Glaube geprüft wird, wenn das Ziel der Hoffnung hinaus geschoben zu sein scheint, so können wir doch nicht sagen: „Mein Herr verzieht zu kommen“. Der Apostel bittet, dass „Der Herr aber richte eure Herzen zu der Liebe Gottes und zu dem Ausharren des Christus!“ (2. Thes 3,5). Er spricht von einer Krone der Gerechtigkeit, welche der Herr, „der gerechte Richter, mir zur Vergeltung geben wird an jenem Tag; nicht allein aber mir sondern auch allen, die seine Erscheinung lieben“ (2. Tim 4,8). „Indem wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus“ (Tit 2,13). „Christus“ ist uns gesagt, wird auch „zum zweiten Mal denen, die ihn erwarten, ohne Sünde erscheinen zur Errettung“ (Heb 9,28). Damit wir den Mut nicht verlieren und das hinaus geschobene Ziel der Hoffnung unsere Herzen nicht ermattet, sind wir durch diese Verheißung ermutigt: „denn noch eine ganz kleine Zeit, und „der Kommende wird kommen und nicht ausbleiben (Heb 10,37). Obgleich Petrus durch den Mund des Herrn selber wusste, dass er nicht bis zu dessen Rückkehr auf der Erde bleiben würde, obgleich ihm angekündigt war, mit welchem Tod er Gott preisen würde, so gibt es doch in seinem Brief kein einziges Wort, das diejenigen, an die er schrieb, dahin hätte führen können, ihr Abscheiden vor der Rückkehr des Herrn als eine gewisse Sache zu betrachten. Nein, er richtet an sie, wie an uns, Ermahnungen wie diese: „indem ihr erwartet und beschleunigt die Ankunft des Tages Gottes“ (2. Pet 3,12). Das ist die Art und Weise, wie er unsere Stellung in dem zweiten Brief beschreibt.

Die Ankunft des Herrn ist auch in dem 1. Johannesbrief angeführt, und zwar in Form von Ermahnung und Ermunterung (siehe 1. Joh 2,28; 3,2). – In der Offenbarung des Johannes, diesem Schluss der Heiligen Schrift, ist das Wort: Ich komme bald!“ oft wiederholt, und der von Herzen einfältige Gläubige, wenn er dieses heilige Buch bestimmt geschlossen sieht und zwar durch diese Worte des Herrn: „Ja, Ich komme bald! Amen“, worauf die Kirche antwortet: „Komm, Herr Jesus!“ wird nicht in Zweifel ziehen können, dass unsere Stellung in Treue und im Segen die einer beständigen Erwartung der Rückkehr unseres Herrn sei. Hätten wir keine einzige Auflösung der Schwierigkeit, welche sich darbietet, so müssten so zahlreiche und so verschiedene Zeugnisse über diesen Gegenstand uns genügen, uns in der beständigen Erwartung zu erhalten; wir müssten dann unserm guten Herrn die Sorge für die Entfernung aller Schwierigkeiten überlassen, wann und wie es ihm gefallen würde. Doch der treue Herr hat uns Mittel an die Hand gegeben, um die in Rede stehende Schwierigkeit zu lösen. Hätte er es nicht getan, ich wiederhole es, so würden wir keineswegs dadurch befugt sein, eine andere Stellung zu wählen, als diejenige, welche er uns so klar bezeichnet hat, in welcher seine Liebe und seine Güte sich entfalten, besonders um unsere Seelen durch das Licht, welches er nach seinem Wohlgefallen in seinem Wort über einen so sehr kostbaren Gegenstand verbreitet hat, zu erfreuen, – kostbar für das Herz, welches seine Freude in der täglichen Hoffnung seiner Rückkehr findet.

Denkt euch jetzt, dass es eine Zwischenperiode gebe, zwischen der Ankunft des Herrn in der Luft, um seine Heiligen zu sich zu versammeln, und seiner Ankunft auf der Erbe, begleitet von seinen Heiligen, um das Gericht auszuführen; denkt, dass diese Zwischenperiode lang genug sei, um die Vollendung aller prophetischen Begebenheiten zu gestatten, welche seiner Erscheinung zum Gericht voran gehen sollen; denkt, dass in derselben die Juden in ihr Land zurück kehren, dass sich die Nationen gegen Jerusalem versammeln werden, dass der Antichrist offenbart werde, dass die große Drangsal komme, dass die Siegel in der Offenbarung geöffnet, dass die Posaunen ertönen und die Schalen ausgegossen werden; denkt, dass alle diese Ereignisse zwischen der Aufnahme der Kirche oder der Versammlung und der Ankunft des Herrn zur Ausführung des Gerichts über seine versammelten Feinde, erfüllt werden; denkt dies alles und sagt uns, ob diese Voraussetzung die in Rede stehende Schwierigkeit nicht lösen würde. Würden wir Angesichts dieser Tatsache nicht erkennen, dass wir den Herrn auf vernünftige Weise erwarten könnten, ohne zu denken, dass noch etwas vorhergehen müsse? Viele Begebenheiten, das ist wahr, könnten sich zutragen, aber in diesem Falle könnten wir von keiner sagen, dass sie sich notwendigerweise zutragen müsse. Unser barmherziger Heiland könnte jeden Augenblick kommen, um uns zu sich zu nehmen, und die vorausgesetzte Zwischenperiode ließe doch alle die Begebenheiten zu, wovon das Wort Gottes uns sagt, und welche stattfinden sollen, bevor Christus zurückkommt, um den Gesetzlosen mit dem Hauch seines Mundes zu verzehren, und durch die Erscheinung seiner Ankunft zu vernichten.

Man muss also daran denken, dass allein die Möglichkeit einer derartigen Zwischenperiode, die Schwierigkeit, welche wir vorgestellt haben, erklärt. Wenn es nur möglich ist, dass es eine solche Zwischenperiode zwischen der Ankunft des Herrn in der Luft und seiner Ankunft auf der Erbe zum Gericht gäbe, wer könnte uns verhindern, die Stellung einer täglichen Erwartung seiner Rückkehr zu bewahren. Worin besteht denn im Grunde die Schwierigkeit, welche wir untersuchen? Darin, dass die Juden noch nicht in ihr Land zurück gekehrt sind, und dass viele andere Ereignisse, welche der Ankunft des Herrn vorangehen sollen, sich noch nicht zugetragen haben. Wenn es aber möglich ist, dass es, nachdem der Herr in der Luft herabgestiegen und wir ihm entgegen gerückt sein werden, eine Zwischenperiode gibt, während der die Juden nach Kanaan zurückkehren und alle andere Ereignisse erfüllt würden, eine Zwischenperiode, an deren Ende der Heiland, gefolgt von seinen verherrlichten Heiligen, auf die Erde herabstiege, wird das nicht beweisen, wie es ebenso möglich ist, dass der Herr jede Stunde wieder kommen, und dass wir Grund genug haben, uns fest an den klar und bestimmt ausgedrückten Schriftstellen zu halten, welche uns zum beständigen Erwarten seiner Ankunft ermahnen? Wer wird zu behaupten wagen, dass eine solche Zwischenperiode nicht da sein wird? Wer würde denken, dass zwischen zwei Sätzen ein und desselben Verses, in Jesaja 61,2 nur getrennt durch ein Komma, eine Zwischenperiode von 1800 Jahren liege? Ohne Zweifel werden alle, die diese Prophezeiung in den Tagen Jesajas lasen oder hörten, geschlossen haben, dass das „Gnaden-Jahr des Herrn“ und der „Rache-Tag unseres Gottes“ nur ein und denselben Zeitraum bilden. Unser Heiland aber, als er diese Worte in der Synagoge zu Nazareth zitierte, wusste, dass eine solche Zwischenperiode beide Offenbarungen trennen würde, und dass er gekommen war, nicht um den „Rache-Tag unseres Gottes“ herbei zu führen, sondern das „Gnaden-Jahr des Herrn“ zu verkündigen. Er hielt folglich bei dem Komma ein; denn „und als er das Buch zugerollt hatte, gab er es dem Diener zurück und setzte sich“ (Lk 4,20). Wenn das kostbare Wort Gottes uns in diesem Beispiel zeigt, wie der Herr zwischen zwei kurzen Sätzen ein und derselben Stelle den nötigen Raum für die wirklich vollkommene Gnadenzeit lassen kann, wer würde zu behaupten wagen, dass es in Betreff der zweiten Ankunft unsers Herrn, zwischen dem ersten und zweiten Zeitpunkt dieser Zukunft, keine Zwischenperiode von einigen Jahren geben könnte, d. h. zwischen seiner Ankunft in der Luft, um seine Heiligen zu empfangen, und seiner Erscheinung mit allen seinen Heiligen, um das Gericht auszuführen, und über die Erde zu regieren? Ich wiederhole es, in der Hoffnung, diesen Gedanken in euren Herzen zurückzulassen. Es ist unser Vorrecht, beständig, ohne einen Schatten von Schwierigkeit, die Rückkehr des Herrn zu erwarten, übereinstimmend mit einer Menge von Aussprüchen des neuen Testaments.

Doch scheint es mir, dass es uns nicht überlassen ist, uns vorzustellen, was sein könnte. Verschiedene Betrachtungen geben mir die Überzeugung, nicht allein, dass eine solche Zwischenperiode stattfinden könnte, sondern dass sie wirklich stattfindet. Ich wünsche diese Betrachtungen hier in aller Einfachheit darzustellen, und meinen Brüdern die Sorge zu überlassen, dieselben auf der Waage des Heiligtums zu wiegen. Möge der Herr uns allen eine wahrhaftige und tiefe Unterwerfung unter sein heiliges Wort geben!

Die erste Betrachtung, welche ich zur Begründung der Überzeugung, dass eine solche Zwischenperiode stattfinden wird, darlegen werde, ist nicht in Form einer ausdrücklichen Anführung der Schrift, sondern vielmehr das Resultat eines Vergleichs zwischen zwei Charakteren der Heiligen Schrift. Doch hoffe ich, dieses für die Einfältigsten klar zu machen.

Wir kennen alle die zahlreichen Ermahnungen des neuen Testaments, die uns auffordern, stets einen Geist der Versöhnung anzuziehen, – anderen die Gnade, welche unser himmlischer Vater vor und über uns ausgebreitet hat, zu offenbaren. Andererseits gibt es vielleicht keinen einzigen Christen, der nicht mehr oder weniger durch gewisse Stellen der Psalmen oder anderer Bücher des Alten Testaments, in denen durch die Anbeter die schrecklichsten Flüche und Gerichte auf den Kopf ihrer Feinde herabgerufen werden, in Verlegenheit gesetzt worden ist. Mehrere dieser Psalmen sind offenbar Prophezeiungen, die sich auf die Zeit beziehen, die unmittelbar der Ankunft des Herrn zum Gericht vorangehen wird. Sollten diese prophetischen Worte, voll Verfluchungen, uns angehen können? Sollten sie im Voraus der Versammlung in den Mund gelegt sein? Ebenso ist es doch auch klar, dass sie durchaus keine Anwendung haben werden, nachdem der Herr zum Gericht gekommen ist, nachdem er seine Widersacher zerstört und den Überrest der Juden, seines irdischen Volkes, befreit haben wird. Wem gehört denn die Sprache dieser Psalmen? Und wann können sie ausgesprochen werden? Ich glaube, dass es die Sprache des Überrestes der Juden ist, inmitten einer tiefen Finsternis ihrer letzten Drangsal, nachdem die Versammlung aufgenommen sein wird. Ihr könnt eine solche Sprache weder der Versammlung beilegen, noch daran denken, dass diese zu jener Zeit noch auf der Erde sein könnte, wo der Geist Gottes solche Worte auf die Lippen des Überrestes der Juden legen wird; es sei denn, dass ihr Dinge vermischt, welche der Heilige Geist in der Schrift sorgfältig unterschieden hat.

Gegenwärtig handelt Gott nach einer freien und uneingeschränkten Gnade mit den Menschen. Er rechnet ihnen ihre Sünden nicht zu, sondern vergibt gnädig allen, die an Jesus Christus glauben, und wären sie selbst die größten und gottlosesten Sünder. Was uns betrifft, so ist die an uns gerichtete Ermahnung diese: „segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht“. „Aber wenn dein Feind hungrig ist, gib ihm zu essen; wenn er durstig ist, gib ihm zu trinken; denn wenn du dieses tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“ (Röm 12,14.20). „Und vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern im Gegenteil segnet, weil ihr dazu berufen worden seid, dass ihr Segen erbt“ (1. Pet 3,9). Unser Herr selbst sagte, als seine Feinde ihn ans Kreuz nagelten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Der erste Märtyrer für den Namen des Herrn, rief ebenso, während man ihn steinigte: „Herr rechne ihnen diese Sünde nicht zu!“ Doch es wird eine Zeit kommen, wo ähnliche Gebete, (eingegebene Gebete, das möge man nicht vergessen) wie die folgenden von der Erde zum Himmel aufsteigen werden: „Gott, warum hast du verworfen für immer, raucht dein Zorn gegen die Herde deiner Weide? Gedenke deiner Gemeinde, die du erworben hast vor alters, erlöst als dein Erbteil – des Berges Zion, auf dem du gewohnt hast!“ (Ps 74, 1.2). Bleiben wir hier einen Augenblick stehen, um zu bemerken, dass dieses auf den Zustand der Kinder Israel in einer späteren und zwar in einer viel späteren Periode als die des Anfangs ihrer Gefangenschaft angewendet werden muss: „Erhebe deine Tritte zu den immerwährenden Trümmern! Alles im Heiligtum hat der Feind zerstört (Ps 74,3). „Unsere Zeichen sehen wir nicht; kein Prophet ist mehr da, und keiner ist bei uns, der weiß, bis wann. Bis wann, o Gott, soll der Bedränger höhnen? Soll der Feind deinen Namen immerfort verachten? Warum ziehst du deine Hand und deine Rechte zurück? Hervor aus deinem Schoß, mach ein Ende!“ (Ps 74,9–11). „Gedenke dessen: Der Feind hat den HERRN verhöhnt, und ein törichtes Volk hat deinen Namen verachtet“ (Ps 74,18). „Steh auf, o Gott, führe deinen Rechtsstreit! Gedenke, wie du von den Toren den ganzen Tag verhöhnt wirst! Vergiss nicht die Stimme deiner Widersacher! Das Getöse derer, die sich gegen dich erheben, steigt beständig auf“ (Ps 74,22.23). Dies zeigt klar, auf welche Zeit sich diese Gruppe der Psalmen bezieht, – aus der Dransalszeit der Juden.

Prüfen wir einen andern Psalm. „Gott, die Nationen sind in dein Erbteil gekommen, haben deinen heiligen Tempel verunreinigt, haben Jerusalem zu Trümmerhaufen gemacht! Die Leichen deiner Knechte haben sie den Vögeln des Himmels zum Fraß gegeben, das Fleisch deiner Frommen den wilden Tieren der Erde. Sie haben ihr Blut wie Wasser vergossen rings um Jerusalem, und niemand war da, der begrub (Ps 79,1–3). „Bis wann, HERR? Willst du immerfort zürnen, soll wie Feuer brennen dein Eifer? Schütte deinen Grimm aus über die Nationen, die dich nicht kennen, und auf die Königreiche, die deinen Namen nicht anrufen!“ (Ps 79,5.6). „Warum sollen die Nationen sagen: Wo ist ihr Gott? Lass unter den Nationen vor unseren Augen kundwerden die Rache für das vergossene Blut deiner Knechte!“ (Ps 79,10). „Und gib unseren Nachbarn ihren Hohn, womit sie dich, Herr, verhöhnt haben, siebenfach in ihr Inneres zurück!“ (Ps 79,12). Und noch Psalm 83: „Gott, schweige nicht; verstumme nicht und sei nicht still, o Gott! Denn siehe, deine Feinde toben, und deine Hasser erheben das Haupt. Gegen dein Volk entwerfen sie listige Pläne und beraten sich gegen deine Geborgenen. Sie sprechen: Kommt und lasst uns sie vertilgen, damit sie keine Nation mehr seien, damit nicht mehr gedacht werde des Namens Israels!“ (Ps 83,2–5). „Mein Gott, mache sie wie wirbelnde Blätter, wie Stoppeln vor dem Wind! Wie Feuer den Wald verbrennt und wie eine Flamme die Berge entzündet, so verfolge sie mit deinem Wetter, und mit deinem Sturmwind schrecke sie weg!“ (Ps 83,14–16). „Lass sie beschämt und weggeschreckt werden für immer und mit Scham bedeckt werden und umkommen und erkennen, dass du allein, dessen Name HERR ist, der Höchste bist über die ganze Erde!“ (Ps 83,18.19).

Es ist unnötig, noch mehr anzuführen. Man findet in den Psalmen Gebete, welche sich auf spätere Zeiten beziehen, ähnlich diesen: „Mach ein Ende im Grimm, mach ein Ende, dass sie nicht mehr seien und erkennen, dass Gott in Jakob herrscht bis an die Enden der Erde!“ (Ps 59,14). „Freuen wird sich der Gerechte, wenn er die Rache anschaut; er wird seine Füße im Blut des Gottlosen baden“ (Ps 58,11). Habe ich nötig noch zu fragen, ob es die Kirche oder Versammlung sein kann, welche eine solche Sprache führt, welche solche Gebete ausspricht, welche sich solcher Prophezeiungen freut? Unmöglich! – Aber, wird man fragen, kann die Versammlung nicht noch auf der Erde sein, während der Überrest der Juden also sein Herz vor Gott ausschüttet? Wie! Der Geist Gottes, vollkommen eins, könnte zu derselben Zeit in den Herzen einiger ein Gebet für die Vergebung der Feinde wirken, und andern die Bitte um ihr Verderben eingeben. Es gibt in der Versammlung weder Juden noch Griechen, und die gegenwärtige Gnadenzeit muss ganz geändert werden, bevor ein Volk existieren kann, in welchem der heilige Geist lehrt, sich die Sprache der angeführten Psalmen anzueignen. Alles dieses wird klar und leicht zu verstehen sein, wenn man nach der Aufnahme der Versammlung eine Zwischenperiode zugibt, während welcher der Überrest der Juden gebildet wird. Dieser Überrest geht durch die unaussprechliche Drangsal hindurch, indem er die Ankunft des Messias erwartet, welcher sie durch den Untergang ihrer Widersacher und Unterdrücker befreien wird. Ohne dieses bleibt im Gegenteil alles in einer schrecklichen Verwirrung.

Dieser Betrachtung wird man vielleicht entgegensetzen: „Aber diese Stellen sind alle aus dem Alten Testament genommen; gibt es auch im Neuen Testament solche, die einen gleichen Sinn geben?“ Sicher, es gibt sie. Lest in der Offenbarung 11,3–6,

wo uns von den zwei Zeugen Gottes geredet wird, welche, mit Sacktuch bekleidet, 1260 Tage weissagen müssen, und wovon gesagt ist: „und wenn jemand sie beschädigen will, so kommt Feuer aus ihrem Mund hervor und verzehrt ihre Feinde; und wenn jemand sie beschädigen will, muss er so getötet werden. Diese haben die Gewalt, den Himmel zu verschließen, damit während der Tage ihrer Weissagung kein Regen falle; und sie haben Gewalt über die Wasser, sie in Blut zu verwandeln, und die Erde zu schlagen mit jeder Plage, sooft sie nur wollen“ (Off 5.6). Ist das der Dienst des Evangeliums der Gnade Gottes, welcher der Versammlung anvertraut ist? Gibt es eine Beziehung, eine Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Diensten oder Ämtern? Einmal, während der Herr auf dieser Erde war, weigerte sich ein samaritischer Bezirk, ihn aufzunehmen. „Als aber die Jünger Jakobus und Johannes es sahen, sprachen sie: Herr, willst du, dass wir sagen, Feuer solle vom Himmel herabfallen und sie verzehren, [wie auch Elia tat]?“ – Was war die Antwort des Herrn? Willigte Er in ihre Bitte ein? „Er wandte sich aber um und tadelte sie“ (Lk 9,54.55). Wie klar ist es, dass die Gnadenzeit vorbei und die Versammlung von dem Schauplatz abgetreten sein muss, bevor ein Zeugnis wie das in Offenbarung 11 stattfinden kann. Doch untersuchen wir ein wenig näher den ganzen Plan des Buches der Offenbarung, und wir haben den bestimmten Beweis, dass die Versammlung vor den Gerichten der Siegel, der Posaunen und der Schalen aufgenommen sein muss. Wir haben schon in der vorhergehenden Betrachtung eine starke Vermutung zu Gunsten dieser Meinung gefunden; hier aber haben wir, wie es mir scheint, einen direkten und unwiderlegbaren Beweis dafür.

In Offenbarung 1,19 wird dem geliebten Jünger folgender Auftrag gegeben: „Schreibe nun das, was du gesehen hast und was ist und was nach diesem geschehen wird“. Die griechischen Worte sind „meta tauta“, welche einfach und bestimmt „nach diesem“ bedeutet. Diese Worte haben nicht den Sinn unsers unbestimmten Ausdrucks: „danach“. Das griechische Wort „meta“ heißt: nach und „tauta“: diese, und da es die sächliche Mehrzahl ist, so kann es nur „diese Dinge“ sein. Wir haben also hier, gegeben durch den Herrn selbst, die Einteilung und den Plan des Buches der Offenbarung. „Schreibe, was du gesehen hast“, – wir finden dieses im ersten Kapitel; es ist das Gesicht des Johannes auf Patmos, – „und was ist“, – dieses haben wir in dem Zweiten und dritten Kapitel; es sind die sieben Versammlungen und das durch den Sohn des Menschen über ihren Zustand ausgesprochene Urteil, – „und was nach diesem“ geschehen wird, – dieses ist die Geschichte, die im 4. Kapitel anfängt und bis zum Ende des Buches geht. Wir wollen dieses noch etwas genauer betrachten.

Was den ersten Teil betrifft, umfassend, „was du gesehen hast“, so ist jede Erklärung überflüssig. Dieses ist ganz deutlich in dem 1. Kapitel erzählt. Der zweite Teil des Buches: „und was ist“ erfordert etwas mehr Aufmerksamkeit. Es ist ohne Zweifel, dass die sieben Sendschreiben in Offenbarung 2 und 3 an die Versammlungen gerichtet waren, deren Namen sie tragen. Doch warum wurden diese sieben gewählt, um diese Sendschreiben zu empfangen? Sollte es nicht deshalb sein, wie mehrere, die die Prophetie studiert haben, vermuten, weil sie durch ihre geistige Beschaffenheit, durch die Warnungen, Drohungen, Ermahnungen und Verheißungen, die ihnen nötig waren, das Ganze und die Dauer der Versammlung auf Erden repräsentieren? D. h. dass diese Sendschreiben an die Gemeinen Prophezeiungen von verschiedenen Zuständen und (wie ich nicht umhin kann, zu denken) von aufeinanderfolgenden Zuständen der Versammlung sind1 und zwar von der Zeit an, wo sie geschrieben worden, bis zur Aufnahme der wahren Versammlung bei der Wiederkehr des Herrn, und der Verwerfung des Körpers (Körperschaft) der falschen Bekenner, welche eine verdorbene Masse geworden sind, allein geeignet, aus dem Mund des Herrn ausgespien zu werden. Das, „was ist“, ist uns also im 2. und 3. Kapitel vorgestellt worden. Jetzt beginnt das 4. Kapitel mit den Worten: „Nach diesem sah ich: Und siehe, eine Tür war geöffnet in dem Himmel, und die erste Stimme, die ich wie die einer Posaune mit mir hatte reden hören, sprach: Komm hier herauf, und ich werde dir zeigen, was nach diesem geschehen muss“. Es ist hier genau derselbe Ausdruck wie vorher: „meta tauta“. Also fängt nach dem Zeugnis dieser Stimme, welche Johannes hörte, hier der dritte Teil des Buches an. Das, was nach diesen Dingen geschehen muss, wird vom 4. Kapitel an enthüllt. Welche sind diese Dinge? Die Kapitel 4 und 5 zeigen uns eine Szene im Himmel, die weder dem Zustand der gegenwärtig vorhandenen Dinge, noch dem Zustand der Dinge, welche das 1000-jährige Reich charakterisieren, entspricht. Der Thron desjenigen, welcher angebetet wird als: „Herr, Gott, Allmächtiger, der da war und der da ist und der da kommt!“ (Off 4,8) erscheint den Blicken des Apostels. „Und aus dem Thron gehen hervor Blitze und Stimmen und Donner“ (Off 4,5). Gewiss ist dieses zu unterscheiden von dem Thron der Gnade, zu dem wir mit Zuversicht zu nahen eingeladen sind, „Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe“ (Heb 4,16). „Blitze, Stimmen und Donner“ sprechen vom Gericht und nicht von Gnade. Und auch ist es eben so klar, dass hier nicht von der Zeit des 1000-jährigen Reiches die Rede ist; denn das mit sieben Siegeln versiegelte Buch, das im 5. Kapitel noch nicht geöffnet ist, offenbart die Gerichte, die dem 1000-jährigen Reich vorangehen sollen. Das Lamm wird hier inmitten des Thrones gesehen, empfängt dieses Buch von demjenigen, der auf dem Thron sitzt; er empfängt es, als das alleinige Wesen in den Himmeln und auf der Erde, das würdig erfunden war, dasselbe zu öffnen.

Diese zwei Kapitel beschreiben also klar einen vorübergehenden Zwischenzustand, eine Zwischenperiode zwischen der gegenwärtigen Gnadenzeit, vollkommen an Gnade, und dem 1000-jährigen Reich. Wo ist die Kirche oder Versammlung während dieser Zwischenperiode? Dies ist die Frage, die sich aufdrängt. Und die einzige Antwort, die durch das Buch der Offenbarung gegeben wird, ist diese: „die Versammlung ist im Himmel“. Was stellen die vierundzwanzig Ältesten in weißen Kleidern und goldenen Kronen vor? Was bedeuten die vier lebenden Wesen, welche in diesen beiden Kapiteln beschrieben sind. Ihr Gesang bezeichnet es genügend: „Und sie singen ein neues Lied: Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du bist geschlachtet worden und hast für Gott erkauft, durch dein Blut, aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation, und hast sie unserem Gott zu einem Königtum und zu Priestern gemacht, und sie werden über die Erde herrschen!“ (Off 5,9.10). Natürlich kann hier nicht von 24 Personen im buchstäblichen Sinne die Rede sein. Wie könnten sie aus jedem Geschlecht und Sprache und Nation erkauft sein? Es sind bildliche Personen, darstellend die ganze Menge derjenigen, die erkauft sind und die auf der Erde regieren sollen. Wir sehen also, dass diejenigen, die bestimmt sind, die königliche Ehre des Herrn im 1000-jährigen Reich zu teilen während der Zwischenperiode zwischen der jetzigen Gnadenzeit und dem 1000-jährigen Reich, im Himmel um den Herrn herum versammelt sind, erkennend, dass er würdig ist, und seine Regierung auf der Erbe mit ihm genießend. Jedes Mal wenn wir sie in den Kapiteln 4,5,7,11,14 und 19, erscheinen sehen, so finden wir sie denselben Platz einnehmen; wie jemand so schön sagte: „Wir sehen im 4. Kapitel die lebenden Wesen und die gekrönten Ältesten den Thron des allmächtigen Gottes im Himmel umgeben. Die Szene wechselt im Laufe des Buches, nicht aber die Stellung dieser geheimnisvollen Personen. Sie nehmen Anteil an dem, was vorgeht; sie singen und erfreuen sich an gewissen Szenen, aber sie sind dabei niemals direkt tätig und verlassen nicht ihren erhabenen Wohnsitz“.

Der Raum gestattet mir nur noch zwei oder drei Punkte zu bezeichnen. Wir haben in Offenbarung 19,4, die letzte Erwähnung der vierundzwanzig Ältesten und der vier lebenden Wesen, danach wird von der Hochzeit des Lammes, dessen Frau sich bereitet hat, geredet. Gewiss muss die Versammlung vollständig und in Herrlichkeit sein, wenn sie als Braut des Lammes zur Hochzeit bereit ist. Diese Hochzeit findet im Himmel statt. Nach derselben wird der Himmel geöffnet, und der, der das weiße Pferd besteigt, geht daraus zum letzten Kampf hervor. Er tritt die Kelter des Zornes und Grimmes des allmächtigen Gottes. Achtet jetzt auf den 14. Vers: „Und die Kriegsheere, die in dem Himmel sind, folgten ihm auf weißen Pferden, angetan mit feiner Leinwand, weiß und rein“. Der 8. Vers berichtet uns, dass die Leinwand die Gerechtigkeiten der Heiligen sind. Das Kriegsheer ist im Himmel. Im 2. und 3. Kapitel ist uns die Versammlung in ihrer Verantwortlichkeit auf der Erde siebenmal vorgestellt2. Von Kap. 4 bis Kap. 19,4. finden wir die Versammlung im Himmel unter dem Bilde der Ältesten und der vier lebenden Wesen. Die Siegel sind geöffnet, die Posaunen ertönen und die Schalen sind ausgegossen, – alles dieses bringt schreckliche Leiden über die Erde und ihre Bewohner herbei. Doch die Versammlung sieht alle diese Dinge aus dem Himmel, in dem sie das Lob Gottes und des Lammes singt. Während sie so in dem Himmel die Zeit erwartet, wo sie mit dem Lamm auf der Erde regieren wird, sind die Heiligen bildlich dargestellt durch die gekrönten Ältesten und die vier lebenden Wesen. Aber im 19 Kapitel, nachdem Babylon, die unrechtmäßige Besitzerin, gerichtet ist, findet die Hochzeit des Lammes mit seiner wahren Braut statt, und von da an hören wir nichts mehr von den gekrönten Ältesten noch von den lebenden Wesen. Die Versammlung, die Frau des Lammes geworden, ist in seinem Gefolge, wenn er auszieht als Sieger, und um zu siegen. Im 20. Kapitel wird die Regierung eingerichtet; von Kap. 21,9. bis Kap 22,5, haben wir die Herrlichkeit der Versammlung als die Frau des Lammes: das neue Jerusalem von Gott aus dem Himmel herniederkommend. Vom Ende des 3. bis zum 19. Kapitel, wo der Herr vom Himmel hernieder kommt, gefolgt von dem Kriegsheer, welches im Himmel ist, wird die Versammlung niemals auf der Erde gesehen.

Noch ein Wort: Wir haben in Off 3,10 die bestimmte Verheißung, die der Herr Jesus denen gibt, die sein Wort bewahrt, und seinen Namen nicht verleugnet haben: „Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen3.

(Nach dem Französischen.)

Fußnoten

  • 1 Diese Annahme verträgt sich sehr gut mit der durch die Worte: „was ist“ bezeichneten gegenwärtigen Zeit. Die Zeit, worin der Apostel lebte, ist, bezüglich ihres Charakters gegenüber der Haushaltung des alten Bundes und gegenüber der Haushaltung die nach der Wiederkehr des Herrn eintreten wird, – dieselbe wie die, worin wir leben, und welche erst mit der Aufnahme der Versammlung beendet wird.
  • 2 Die Zahl 7 wird überhaupt in der Schrift als Zeichen der Vollkommenheit, als eine Vollzahl gebraucht.
  • 3 Nicht: Ich werde dich bewahren in oder durch die Stunde, sondern: Ich werde dich vor oder außer der Stunde bewahren, wie in Joh 12,27. Zu diesem sonst so einfachen und klaren Zeugnis über diesen köstlichen Gegenstand möchte ich noch einige Worte, namentlich aus dem 1. und 2. Kapitel des 2. Briefes an die Thessalonicher hinzufügen: Wir sehen im ersten Brief, dass diese Versammlung in einer lebendigen und freudigen Erwartung des Herrn lebte. Der Apostel sagt in 1. Thes 1,3: „gedenkend eures Werkes des Glaubens und der Bemühung der Liebe und des Ausharrens der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus, vor unserem Gott und Vater“. Obwohl sie in mancherlei Anfechtungen und Trübsalen waren, so war ihr Blick, wie man doch erwarten könnte, nicht auf diese, sondern auf die Ankunft des Herrn gerichtet. Im 4. Kap. tröstet sie der Apostel über die in dem Herrn Entschlafenen, weil sie befürchteten, diese möchten bei dem für sie so köstlichen Augenblick der Rückkehr des Herrn nicht gegenwärtig sein. Der liebliche Trost des Apostels in 1. Thes 4,13 – 18 ist uns bekannt. Er tadelt sie nicht über ihr Ausharren in einer steten Erwartung, wie oft behauptet worden, sondern belehrt und tröstet sie nur, in Betreff der in dem Herrn Entschlafenen. In 2. Thessalonicher 1,3 dankt der Apostel Gott für den wachsenden Glauben und die zunehmende Liebe der Thessalonicher; aber er erwähnt nichts von ihrer Hoffnung. Verschiedene Irrlehrer hatten durch allerlei falsche Mittel, wie uns die Worte stark vermuten lassen, ihren Einfluss auf diese Versammlung ausgeübt, und zwar durch die Behauptung, dass der Tag des Herrn schon vorhanden sei (2. Thes 2,2). Wäre dies die Wahrheit gewesen, so hätten die Thessalonicher umsonst gehofft und der Apostel hätte sie getäuscht. Doch mit welchem Ernst der Apostel jetzt bemüht ist, die Versammlung von der Lüge der Irrlehrer zu überzeugen, beweisen uns namentlich die beiden ersten Kapitel des zweiten Briefes. Die großen Drangsale, die die Thessalonicher erduldeten, waren kein Grund, dass der Tag des Herrn vorhanden ist; denn solange die Kinder Gottes durch die Welt Trübsal leiden, lebt diese noch in Sicherheit, und der Tag des Herrn zum Gericht kann noch nicht da sein. Die vergeltende Gerechtigkeit Gottes bringt an diesem Tag schreckliche Trübsale über die Welt, „die Strafe erleiden werden, ewiges Verderben vom Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Stärke“ (2. Thes 1,8.9). „Wenn es denn bei Gott gerecht ist, denen, die euch bedrängen, mit Drangsal zu vergelten und euch, die ihr bedrängt werdet, Ruhe mit uns zu geben bei der Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel her, mit den Engeln seiner Macht“ (2. Thes 1,6. 7). Während des Gerichtes über die Welt hat die Kirche oder Versammlung Ruhe und Erquickung beim Herrn. Er wird kommen an diesem Tag, um „verherrlicht zu werden in seinen Heiligen und bewundert zu werden in allen denen, die geglaubt haben; denn unser Zeugnis bei euch ist geglaubt worden“ (2. Thes 1,10). Er wird mit den Seinen kommen, um die Welt zu richten (1. Kor 6,2; Kol 3,4; Off 2,26.27). Im 2. Kapitel liefert der Apostel einen andern Beweggrund, um die Versammlung zu überzeugen, dass der Tag des Herrn noch nicht da sein konnte, indem er davon redet, was diesem Tage vorangehen müsse. „Lasst euch von niemand auf irgendeine Weise verführen, denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn, dass zuerst der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens…(2. Thes 2,3—6). Der völlige Abfall und die Offenbarung des Menschen der Sünde war zu jener Zeit noch nicht, wenn auch schon das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirksam war (2. Thes 2,7). Hier ist aber nicht im Entferntesten die Rede davon, was der Ankunft des Herrn in der Luft, zur Aufnahme der Heiligen, vorangehen müsse, sondern seiner Ankunft mit seinen Heiligen zum Gericht, wo er den Gesetzlosen „den der Herr Jesus verzehren wird durch den Hauch seines Mundes und vernichten wird durch die Erscheinung seiner Ankunft“ (2. Thes 2,8). Wenn aber die Thessalonicher der Lüge der Irrlehrer glaubten, so war die Freude und die selige Hoffnung auf die Ankunft des Herrn zu ihrer Aufnahme in ihren Herzen zerstört; und dies ist nicht weniger der Fall, wenn die Christen heut zu Tage dem Irrtum Raum geben, dass dieser Tag des Herrn zum Gericht, wovon in diesem 2. Kapitel die Rede ist, der Gegenstand ihrer Erwartung sei. „Wir bitten euch aber, Brüder, wegen der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus und unseres Versammeltwerdens zu ihm hin“ „ eine Wahrheit, die das Herz stets mit großer Freude und seliger Hoffnung erfüllt, bittet der Apostel die Thessalonicher, nicht schnell in ihrer Gesinnung erschüttert noch bestürzt zu werden, und sich von niemand auf irgendeine Weise verführen zu lassen (2. Thes 2,1—3). Diese Ermahnung gilt auch uns, und der Herr gebe, dass sie völlig Eingang in unser aller Herzen finde. Anm. d. Ueb.
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