Betrachtungen über das vierte Buch Mose

Bileam

Betrachtungen über das vierte Buch Mose

Der habgierige Prophet

Diese drei Kapitel bilden einen besonderen Abschnitt in unserem Buch mit vielen wichtigen Belehrungen. Wir sehen zunächst den habsüchtigen Propheten und dann seine erhabenen Weissagungen. In der Geschichte Bileams liegt etwas Furchtbares. Offensichtlich liebte er das Geld, eine leider nicht ungewöhnliche Liebe. Balaks Gold und Silber erwiesen sich für den unglücklichen Mann als ein Lockmittel, das zu verführerisch war, als dass er ihm hätte widerstehen können. Satan kannte seinen Mann und den Preis, mit dem er gekauft werden konnte.

Wenn Bileam von Herzen aufrichtig gewesen wäre vor Gott, dann wäre er mit der Botschaft Balaks schnell fertig gewesen. Er hätte keinen Augenblick nachzudenken brauchen, um eine Antwort senden zu können. Aber sein Herz war verkehrt vor Gott; wir sehen ihn im 22. Kapitel in der düsteren Stimmung eines Menschen, der sich nach widersprüchlichen Gefühlen richtet. Sein Herz war darauf aus, zu gehen, weil es auf das Silber und das Gold versessen war; aber zugleich war da eine Art Verehrung Gott gegenüber, ein Schein von Religiosität, den Bileam wie einen Mantel über seine Habsucht hängte. Er verlangte nach dem Geld, aber er wollte es gern auf eine religiöse Weise erwerben. Unglücklicher Mann! Sein Name steht auf den von Gott eingegebenen Blättern der Bibel als der Ausdruck eines finsteren und schrecklichen Abschnitts in der Geschichte des menschlichen Verfalls. „Wehe ihnen!“, ruft Judas, „denn sie sind den Weg Kains gegangen und haben sich für Lohn dem Irrtum Bileams hingegeben, und in dem Widerspruch Korahs sind sie umgekommen“ (V. 11). Auch bei Petrus ist Bileam eine auffallende Figur in dem düsteren Gemälde, das er von der gefallenen Menschheit malt. Er spricht von solchen, „die Augen voll Ehebruch haben und von der Sünde nicht ablassen, wobei sie unbefestigte Seelen anlocken; die ein Herz haben, in Habsucht geübt, Kinder des Fluches, die, da sie den geraden Weg verlassen haben, abgeirrt sind, indem sie dem Weg Bileams nachfolgten, des Sohnes Bosors, der den Lohn der Ungerechtigkeit liebte, aber eine Zurechtweisung seiner eigenen Verkehrtheit empfing: Ein sprachloses Lasttier, das mit Menschenstimme redete, wehrte der Torheit des Propheten“ (2. Pet 2,14–16).

Diese Stellen sind hinsichtlich des wahren Charakters und des Geistes von Bileam sehr eindeutig. Sein Herz war auf das Geld gerichtet, „er liebte den Lohn der Ungerechtigkeit“. Seine Geschichte ist von dem Heiligen Geist als eine ernste Warnung für alle christlichen Bekenner niedergeschrieben, damit sie sich vor der Habsucht hüten mögen, die Götzendienst ist. Sehen wir uns einen Augenblick die beiden markantesten Personen des Abschnitts an: den schlauen König und den habsüchtigen, eigenwilligen Propheten! Sie zeigen sehr anschaulich, was für ein Übel die Geldgier ist und welch eine große moralische Gefahr darin liegt, das Herz an den Reichtum dieser Welt zu hängen, aber auch, welch ein großes Glück es ist, die Furcht Gottes vor Augen zu haben.

Wird Bileam Israel verfluchen können?

Sehen wir uns jetzt die wunderbaren Weissagungen an, die Bileam in der Gegenwart Balaks, des Moabiterkönigs, aussprach. Es ist sehr interessant, Zeuge der Szene auf den Höhen Baals zu sein, über die großen Fragen nachzudenken, um die es sich handelt, den Sprechenden zuhören und hinter die Szene sehen zu dürfen. Wie wenig ahnte Israel von dem, was zwischen dem HERRN und dem Feind vorging! Vielleicht murrten sie in ihren Zelten in demselben Augenblick, als Gott durch den Mund des geldgierigen Propheten ihre Vollkommenheit verkünden ließ. Balak wollte Israel verflucht sehen, aber Gott wird nicht zulassen, dass irgendjemand sein Volk verflucht. Er mag sich selbst mit viel Bösem an ihnen zu beschäftigen haben; aber Er wird nie erlauben, dass ein anderer gegen sie spricht. Er mag sie vor ihren eigenen Augen bloßstellen müssen, aber Er wird nie gestatten, dass ein Fremder sie tadelt.

Das ist ein außerordentlich wichtiger Punkt. Es geht nicht so sehr darum, was der Feind von dem Volk Gottes denken mag, was dieses Volk von sich selbst denkt oder was sie voneinander denken; die wichtige Frage ist vielmehr: Was denkt Gott von seinem Volk? Er weiß alles, was seine Kinder betrifft, alles, was sie sind, was sie getan haben, was in ihnen ist. Nichts ist vor seinem durchdringenden Auge verborgen. Die tiefsten Geheimnisse des Herzens, der Natur und des Lebens sind ihm bekannt. Weder Engel noch Menschen noch Teufel kennen uns so genau, wie Gott uns kennt. Gott kennt uns völlig, und mit ihm haben wir es zu tun. Wir können mit dem Apostel triumphierend sagen: „Wenn Gott für uns ist, wer gegen uns?“ (Röm 8,31).

Unterschied zwischen Stellung und praktischem Zustand

Gott sieht uns, denkt an uns, spricht über uns, handelt für uns entsprechend dem, was Er selbst aus uns gemacht und was Er für uns gewirkt hat, der Vollkommenheit seines eigenen Werkes entsprechend. Andere mögen viele Fehler finden; Gott aber sieht uns, was unsere Stellung betrifft, nur in der Schönheit Christi. Wir sind in ihm vollkommen. Wenn Gott sein Werk betrachtet, so sieht Er in ihm sein eigenes Werk. Zur Ehre seines heiligen Namens und zum Lob seines Heils ist kein Flecken zu sehen an denen, die sein sind und die Er in seiner unumschränkten Gnade zu seinem Eigentum gemacht hat. Sein Wesen, sein Name, seine Herrlichkeit und die Vollkommenheit seines Werkes bestimmen die Stellung derer, mit denen Er sich selbst verbunden hat.

Sobald ein Feind oder Ankläger aufsteht, tritt deshalb der HERR selbst ihm entgegen, um die Anklage entgegenzunehmen und zu beantworten. Seine Antwort beruht nicht auf dem, was sein Volk in sich selbst ist, sondern immer auf dem, was Gott durch die Vollkommenheit seines Werkes aus ihm gemacht hat. Seine Herrlichkeit ist mit seinen Kindern verbunden, und indem Er sein Volk verteidigt, hält Er seine eigene Herrlichkeit aufrecht. Er selbst stellt sich zwischen die Seinen und jeden Ankläger. Seine Herrlichkeit verlangt, dass sie in der ganzen Schönheit, die Er ihnen gegeben hat, dargestellt werden. Wenn der Feind auftritt, um zu verfluchen und anzuklagen, so antwortet der HERR ihm damit, dass Er seinem ewigen Wohlgefallen an denen Ausdruck gibt, die Er für sich auserwählt und die Er fähig gemacht hat, für immer in seiner Gegenwart zu sein.

Ein herrliches Beispiel von dieser Handlungsweise Gottes finden wir im 3. Kapitel des Propheten Sacharja. Dort erscheint der Feind auch, um dem Stellvertreter des Volkes Gottes zu widerstehen. Wie antwortet Gott? Einfach dadurch, dass Er denjenigen, den Satan gern verwünschen und anklagen möchte, reinigt, bekleidet und krönt, so dass Satan kein Wort mehr zu sagen hat und für immer zum Schweigen gebracht ist. Die schmutzigen Kleider sind verschwunden, und aus dem wie ein Brand aus dem Feuer Gerissenen ist ein mit dem Kopfbund geschmückter Priester geworden. Er, dem nur die Flammen der Hölle zukamen, ist jetzt fähig, in den Höfen des HERRN zu sein.

Wir finden in dem Hohenlied genau dasselbe. Dort spricht der Bräutigam im Blick auf seine Braut: „Ganz schön bist du, meine Freundin, und kein Makel ist an dir“ (Kap. 4,7). Sie selbst aber kann, wenn sie von sich redet, nur ausrufen: „Ich bin schwarz“ (Kap. 1,5.6). Ebenso sagt der Herr Jesus in Johannes 13,10, seine Jünger seien „ganz rein“, obwohl einer von ihnen wenige Stunden später ihn verleugnete und schwor, ihn nicht zu kennen. So unermesslich groß also ist der Unterschied zwischen dem, was wir in uns selbst, und dem, was wir in Christus sind, zwischen unserer Stellung und dem Zustand, in dem wir sein können.

Sollte diese herrliche Tatsache, dass wir unserer Stellung nach vollkommen sind, uns im Hinblick auf unseren praktischen Zustand sorglos machen? Fern sei ein solch ungeheuerlicher Gedanke! Nein, gerade aus der Erkenntnis unserer ewig sicheren und vollkommenen Stellung in Christus macht der Heilige Geist den Maßstab für unser praktisches Leben. Hören wir, was der Apostel sagt: „Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Sinnt auf das, was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist; denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott. Wenn der Christus, unser Leben, offenbart werden wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbart werden in Herrlichkeit. Tötet nun eure Glieder, die auf der Erde sind usw.“ (Kol 3,1–5). Wir dürfen unsere Stellung nie an unserem Zustand messen; wir müssen unseren Zustand immer nach unserer Stellung beurteilen. Die Stellung um des Zustandes willen herabzusetzen würde bedeuten, jeden Fortschritt im praktischen Christentum im Leben eines Christen unmöglich zu machen.

Die soeben gezeigten Tatsachen treten in den vier „Sprüchen“ Bileams sehr schön und klar ans Licht. Menschlich gesprochen hätten wir Israel nie so herrlich gesehen, wie es in dem „Gesicht des Allmächtigen“ (24,4) vom Gipfel der Felsen aus und von dem „Mann geöffneten Auges“ (24,15) dargestellt ist, wenn nicht Balak versucht hätte, das Volk zu verfluchen. Der HERR kann einem Menschen die Stellung seines Volkes und sein Urteil über die Kinder Gottes sehr schnell klar machen. Er nimmt das Vorrecht für sich in Anspruch, seine Gedanken über sein Volk darzulegen. Balak und Bileam mögen sich mit „allen Fürsten Moabs“ (22,8) versammeln, um zu hören, dass Israel verflucht wird. Sie mögen „sieben Altäre bauen“ und „auf jedem Altar einen Stier und einen Widder opfern“ (23,1). Balaks Silber und Gold mag vor den gierigen Blicken des falschen Propheten blinken. Doch die Anstrengungen der Erde und der Hölle, der Menschen und der Teufel zusammen können gegen das Israel Gottes nicht den leisesten Fluch und nicht die geringste Anklage hervorbringen. Der Feind hätte ebenso gut einen Mangel in der Schöpfung, die Gott „sehr gut“ genannt hatte, suchen können. Die Erlösten des Herrn strahlen in der Schönheit, die Er ihnen gegeben hat. Um sie so zu sehen, brauchen wir nur „auf den Gipfel der Felsen“ (23,9) zu steigen und „geöffnete Augen“ zu haben, so dass wir sie von dem Standpunkt Gottes aus, in „dem Gesicht des Allmächtigen“, betrachten können.

Nach diesem kurzen Überblick über den Inhalt dieser bemerkenswerten Kapitel wollen wir uns jetzt mit den vier Sprüchen im Einzelnen beschäftigen. Wir werden in jedem etwas Besonderes finden, einen bestimmten Zug in dem Charakter und in dem Zustand des Volkes, wie es in „dem Gesicht des Allmächtigen“ gesehen wird.

Der erste Spruch Bileams

Im ersten Spruch wird die kennzeichnende Trennung des Volkes Gottes von allen Nationen in den Vordergrund gestellt. „Wie soll ich verfluchen, den Gott nicht verflucht, und wie verwünschen, den der HERR nicht verwünscht hat? Denn vom Gipfel der Felsen sehe ich es, und von den Höhen herab schaue ich es: Siehe, ein Volk, das abgesondert wohnt und sich nicht zu den Nationen rechnet. Wer könnte zählen den Staub Jakobs und, der Zahl nach, den vierten Teil Israels? Meine Seele sterbe den Tod der Rechtschaffenen, und mein Ende sei gleich dem ihren!“ (Kap. 23,8–10). 1

Hier sehen wir Israel als ein herausgenommenes und abgesondertes Volk, das nach den Gedanken Gottes zu keiner Zeit und um keiner Ursache und keines Zweckes willen mit anderen Nationen vermischt oder zu ihnen gezählt werden sollte. „Das Volk wohnt abgesondert.“ Das ist klar und bestimmt: Es gilt für die Nachkommen Abrahams im buchstäblichen Sinn und es gilt für alle Gläubigen heute. Sehr praktische Folgen ergeben sich aus diesem wichtigen Grundsatz. Gottes Volk muss für Gott abgesondert sein, nicht weil es besser wäre als andere, sondern einfach um dessentwillen, was Gott ist und was sein Volk nach seinem Willen immer sein soll. Wir gehen hier nicht weiter darauf ein, aber jeder tut gut daran, diesen Gedanken im Licht des Wortes Gottes zu prüfen. „Siehe, ein Volk, das abgesondert wohnt und sich nicht zu den Nationen rechnet!“ (Kap. 23,9).

Aber wenn es Gott in seiner unumschränkten Gnade gefällt, sich mit einem Volk zu verbinden; wenn Er es beruft, dass es ein abgesondertes Volk in der Welt sei, dass es abgesondert wohne und ein Licht für ihn sei inmitten derer, die noch in „Finsternis und Todesschatten sitzen“, dann muss dieses Volk unbedingt in einem Zustand sein, der Gott entspricht. Er muss sie zu solchen machen, wie Er möchte, zu solchen nämlich, die zum Lob seines großen und herrlichen Namens sind. Daher muss der Prophet in dem zweiten Spruch nicht nur in negativer, sondern auch in positiver Weise den Zustand des Volkes beschreiben. „Da hob er seinen Spruch an und sprach: Steh auf, Balak, und höre! Horche auf mich, Sohn Zippors! Nicht ein Mensch ist Gott, dass er lüge, noch ein Menschensohn, dass er bereue. Sollte er sprechen und es nicht tun, und reden und es nicht aufrechterhalten? Siehe, zu segnen habe ich empfangen; und er hat gesegnet, und ich kann es nicht wenden. Er erblickt keine Ungerechtigkeit in Jakob und sieht kein Unrecht in Israel; der HERR, sein Gott, ist mit ihm, und Jubelrufe wie um einen König sind in seiner Mitte. Gott hat ihn aus Ägypten herausgeführt; sein ist die Stärke des Wildochsen. Denn da ist keine Zauberei gegen Jakob, und keine Wahrsagerei gegen Israel. Um diese Zeit wird von Jakob und von Israel gesagt werden, was Gott gewirkt hat. Siehe, ein Volk: Wie eine Löwin steht es auf, und wie ein Löwe erhebt es sich! Es legt sich nicht nieder, bis es den Raub verzehrt und das Blut der Erschlagenen getrunken hat“ (Kap. 23,18–24).

Der zweite Spruch

Hier befinden wir uns auf einer ebenso sicheren wie wirklich erhabenen Grundlage. Das ist in Wahrheit der „Gipfel der Felsen“, ist die reine Luft und die Weite der Hügel, wo das Volk Gottes nur in „dem Gesicht des Allmächtigen“ gesehen wird; wo man es so sieht, wie Er es sieht, ohne Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen. Alle seine Hässlichkeiten sind dem Blick verborgen, und nur die ganze Schönheit, die Gott ihm verliehen hat, ist sichtbar.

In diesem herrlichen Spruch werden die Segnung und die Sicherheit Israels nicht von dem Volk selbst, sondern von der Wahrheit und Treue des HERRN abhängig gemacht. „Nicht ein Mensch ist Gott, dass er lüge, noch ein Menschensohn, dass er bereue.“ Das stellt Israel auf eine sichere Grundlage. Gott kann sich nicht verleugnen. Gibt es irgendeine Macht, die ihn daran hindern könnte, sein Wort und seinen Eid zu erfüllen? Bestimmt nicht! „Er hat gesegnet, und ich kann es nicht wenden.“ Gott will den Segen nicht wenden, und Satan kann es nicht.

So ist alles sicher geordnet. Im ersten Spruch hieß es: „Der HERR hat nicht verwünscht“ (23,8). Hier heißt es: „Er hat gesegnet.“ Es ist deutlich, dass das weiter geht. Indem Balak den geldgierigen Propheten von einem Ort zum anderen führt, gibt er dem HERRN Gelegenheit, immer neue Schönheiten seines Volkes und neue Gesichtspunkte über die Sicherheit seiner Stellung aufzudecken. So zeigt Er nicht nur, dass es ein abgesondertes Volk ist, das alleine wohnt, sondern auch, dass es ein gerechtfertigtes Volk ist, mit dem der HERR, sein Gott, ist und unter dem Jubel wie um einen König erklingt. „Er erblickt keine Ungerechtigkeit in Jakob und sieht kein Unrecht in Israel.“ Der Feind mag sagen: „Da ist andauernd Unrecht und Verkehrtheit.“ Ja, aber wer kann den HERRN zwingen, das Unrecht anzusehen, wenn es ihm gefallen hat, es um seines Namens willen auszulöschen? Wenn Er die Ungerechtigkeit hinter sich geworfen hat, wer kann sie vor sein Angesicht zurückbringen? „Gott ist es, der rechtfertigt; wer ist, der verdamme?“ (Röm 8,34). Gott sieht sein Volk so völlig befreit von allem, was es verdammen könnte, dass Er inmitten des Volkes wohnen und seine Stimme unter ihm hören lassen kann.

Wir können deshalb mit allem Grund ausrufen: „Was hat Gott getan!“ Es heißt nicht: „Was hat Israel getan!“ Balak und Bileam hätten genug Anlass zum Verwünschen gefunden, wenn das, was Israel getan hatte, in Betracht gekommen wäre. Aber der Grund, auf dem das Volk Gottes steht, ist das, was Er getan hat, und dieser Grund ist so unbeweglich fest wie der Thron Gottes selbst. „Wenn Gott für uns ist, wer gegen uns?“ (Röm 8,31). Wenn Gott zwischen uns und jedem Feind steht, was haben wir dann zu fürchten? Wenn Er es unternimmt, jedem Ankläger zu antworten, dann ist mit Sicherheit ein vollkommener Friede unser Teil. Aber der König von Moab hoffte immer noch, sein Ziel zu erreichen. Zweifellos hoffte es auch Bileam, denn beide hatten sich miteinander gegen das Israel Gottes verbündet. Sie erinnern uns auf diese Weise sehr stark an das Tier und den falschen Propheten, die noch kommen und in der Zukunft Israels eine schreckliche Rolle spielen werden, wie die Offenbarung uns sagt.

Der dritte Spruch

„Und als Bileam sah, dass es in den Augen des HERRN gut war, Israel zu segnen, so ging er nicht wie die anderen Male auf Wahrsagerei aus [was für eine schreckliche Enthüllung ist das!], sondern wandte sein Angesicht zur Wüste. Und Bileam erhob seine Augen und sah Israel, gelagert nach seinen Stämmen; und der Geist Gottes kam über ihn. Und er hob seinen Spruch an und sprach: Es spricht Bileam, der Sohn Beors, und es spricht der Mann geöffneten Auges. Es spricht, der die Worte Gottes hört, der ein Gesicht des Allmächtigen sieht, der niederfällt und enthüllter Augen ist: Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel! Wie Täler breiten sie sich aus, wie Gärten am Strom, wie Aloebäume, die der HERR gepflanzt hat, wie Zedern am Gewässer! Wasser wird fließen aus seinen Eimern, und seine Saat wird in großen Wassern sein; und sein König wird höher sein als Agag, und sein Königreich wird erhaben sein. Gott hat ihn aus Ägypten herausgeführt; sein ist die Stärke des Wildochsen. Er wird die Nationen, seine Feinde, fressen [schreckliche Ankündigung für Balak!] und ihre Gebeine zermalmen und sie mit seinen Pfeilen zerschmettern. Er duckt sich, er legt sich nieder wie ein Löwe und wie eine Löwin; wer will ihn aufreizen? Die dich segnen, sind gesegnet, und die dich verfluchen, sind verflucht!“ (Kap. 24,1–9).

„Höher und immer höher!“, ist hier das Motto. „Immer herrlicher!“, mögen wir wohl ausrufen, wenn wir auf den Gipfel der Felsen steigen und auf die herrlichen Worte hören, die der falsche Prophet aussprechen muss. Die Sache wird immer besser für Israel und immer schlechter für Balak. Er muss nicht nur hören, wie Israel gesegnet, sondern auch, wie er selbst verflucht wird, weil er das Volk hatte verfluchen wollen.

Beachten wir besonders die reiche Gnade, die wir in diesem dritten Spruch sehen! „Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!“ Wenn jemand hinabgestiegen wäre und sich diese Zelte und Wohnungen angesehen hätte, dann wären sie ihm wohl „schwarz wie die Zelte Kedars“ (Hld 1,5) erschienen, aber „in dem Gesicht des Allmächtigen“, waren sie schön, und wer dies nicht erkennen konnte, hatte nötig, dass ihm „geöffnete Augen“ gegeben wurden. Wenn ich die Kinder Gottes „vom Gipfel der Felsen“ aus betrachte, so werde ich sie sehen, wie Gott sie sieht, werde sehen, dass sie mit der ganzen Schönheit Christi bekleidet sind, vollkommen in ihm, begnadigt in dem Geliebten. Das wird mich befähigen, mit ihnen auszukommen, Gemeinschaft mit ihnen zu haben, ihre Flecken und Fehler, ihre Gebrechen und Schwachheiten zu übersehen 2. Wenn ich sie nicht von diesem hohen, göttlichen Standpunkt aus betrachte, dann wird mein Auge mit Sicherheit an irgendeinem kleinen Fehler hängen bleiben. Das wird meine Gemeinschaft beeinträchtigen und meine Zuneigung schwächen.

Was Israel betrifft, so werden wir schon im nächsten Kapitel sehen, in was für eine schreckliche Sünde es fiel. Änderte dies das Urteil Gottes? Gewiss nicht! „Er ist nicht ein Menschensohn, dass er bereue“ (Kap. 23,19). Er richtete und züchtigte sie um ihrer Sünde willen, weil Er heilig ist und in seinem Volk nie etwas dulden kann, was seiner Natur widerspricht. Aber Er konnte niemals sein Urteil über sie widerrufen. Er kannte sie völlig. Er wusste, was sie waren und was sie tun würden; aber dennoch sagte Er: „Ich erblicke keine Ungerechtigkeit in Jakob und sehe kein Unrecht in Israel. Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!“ Bedeutete das, ihre Sünde zu verharmlosen? Nein! Er konnte sie wegen ihrer Sünden züchtigen; aber sobald ein Feind auftritt, um sie zu verfluchen oder anzuklagen, steht Er vor seinem Volk und sagt: „Ich sehe kein Unrecht“ – „wie schön sind deine Zelte!“

Aber nicht nur die Zelte Israels sind schön in den Augen des HERRN, sondern auch das Volk selbst wird vorgestellt als ein Volk, das nahe bei den Quellen der Gnade und des lebendigen Dienstes bleibt, die sich in Gott finden. „Wie Täler breiten sie sich aus, wie Gärten am Strom, wie Aloebäume, die der HERR gepflanzt hat, wie Zedern am Gewässer!“ Wie unendlich schön! Und was für ein Gedanke, dass wir diese erhabenen Aussprüche dem gottlosen Bündnis zwischen Balak und Bileam zu verdanken haben!

Doch das ist noch nicht alles. Wir sehen nicht nur Israel selbst an den ewigen Quellen der Gnade und des Heils trinken, sondern es wird auch, wie dies immer der Fall sein muss, zu einem Kanal des Segens für andere. „Wasser wird fließen aus seinen Eimern.“ Es ist der feste Plan Gottes, dass die zwölf Stämme Israels zu einem Mittel reichen Segens für alle Enden der Erde werden sollen. Wir sehen das in Schriftstellen wie Hesekiel 47 und Sacharja 14, die die wunderbare Fülle und Schönheit dessen zeigen, was die herrlichen Sprüche Bileams andeuten. Man kann mit großem geistlichen Nutzen über diese und ähnliche Schriftstellen nachdenken; nur muss man sich vor der verhängnisvollen falschen Vergeistlichung der Weissagungen hüten, die vor allem darin besteht, dass man den besonderen Segen des Hauses Israel auf die Versammlung überträgt und Israel nur die Flüche eines gebrochenen Gesetzes lässt. Israel ist geliebt um der Väter willen und „die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar“ (Röm 11,29).

Der vierte Spruch

Wir schließen diesen Abschnitt mit einem kurzen Hinweis auf den letzten Spruch Bileams. Als Balak ein so glühendes Zeugnis über die Zukunft Israels und die Vernichtung aller seiner Feinde hörte, war er tief enttäuscht und sehr aufgebracht. „Da entbrannte der Zorn Balaks gegen Bileam, und er schlug seine Hände zusammen; und Balak sprach zu Bileam: Meine Feinde zu verwünschen habe ich dich gerufen, und siehe, du hast sie sogar gesegnet, nun dreimal! Und nun flieh an deinen Ort. Ich hatte gesagt, ich würde dich hoch ehren; und siehe, der HERR hat dir die Ehre verwehrt. Und Bileam sprach zu Balak: Habe ich nicht auch zu deinen Boten, die du zu mir gesandt hast, geredet und gesagt: Wenn Balak mir sein Haus voll Silber und Gold gäbe [gerade das, nach dem sein Herz sich so sehr sehnte!], so könnte ich nicht den Befehl des HERRN übertreten, um aus meinem eigenen Herzen Gutes oder Böses zu tun; was der HERR reden wird, das werde ich reden? Und nun siehe, ich gehe zu meinem Volk. Komm, ich will dir kundtun, was dieses Volk deinem Volk tun wird am Ende der Tage. Und er hob seinen Spruch an und sprach: Es spricht Bileam, der Sohn Beors, und es spricht der Mann geöffneten Auges. Es spricht, der die Worte Gottes hört und der die Erkenntnis des Höchsten besitzt, der ein Gesicht des Allmächtigen sieht, der niederfällt und enthüllter Augen ist: Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich schaue ihn, aber nicht nahe; ein Stern tritt hervor aus Jakob, und ein Zepter erhebt sich aus Israel und zerschlägt die Seiten Moabs und zerschmettert alle Söhne des Getümmels“ (V. 10–17).

Das macht das, was diese Sprüche sagen, so vollständig. Dem prächtigen Gebäude wird hier der Schlussstein eingefügt. Das ist wirklich Gnade und Herrlichkeit. Im ersten Spruch sehen wir die völlige Absonderung des Volkes, im zweiten seine vollkommene Rechtfertigung, im dritten seine moralische Schönheit und seine Fruchtbarkeit, und im vierten stehen wir jetzt in der Tat auf der Spitze der Hügel, auf dem höchsten Punkt der Felsen und überblicken die weiten Ebenen der Herrlichkeit in ihrer ganzen Länge und Breite, wie sie sich in eine unbegrenzte Zukunft hinein erstrecken. Wir sehen, wie der Löwe aus dem Stamm Juda sich duckt; wir hören sein Brüllen; wir sehen, wie er sich auf alle seine Feinde stürzt und sie vernichtet. Der Stern aus Jakob geht auf, um nie wieder unterzugehen. Der wahre David besteigt den Thron seines Vaters, Israel ist das erste Volk auf der Erde, und alle seine Feinde sind mit Schande und ewiger Verachtung bedeckt.

Unmöglich kann man sich etwas Erhabeneres vorstellen als diese Sprüche, und sie sind umso bemerkenswerter, als sie gerade am Schluss der Wanderungen Israels durch die Wüste ausgesprochen werden, während der sie so reichliche Beweise von dem abgeliefert hatten, was sie waren, und was ihre Fähigkeiten und ihre Neigungen waren. Aber Gott stand über allem, und nichts kann seine Liebe verändern. Wen Er liebt, den liebt Er bis ans Ende mit derselben Liebe. Daher musste die Verbindung zwischen Balak und Bileam misslingen. Israel war von Gott gesegnet und sollte von niemandem verwünscht werden. – „Und Bileam machte sich auf und ging und kehrte an seinen Ort zurück; und auch Balak zog seines Weges“ (Kap. 24,25).

Fußnoten

  • 1 Armer Bileam! Er wünschte den Tod der Rechtschaffenen zu sterben. Es gibt viele, die dasselbe sagen; aber sie vergessen, dass die Voraussetzung dafür, um „den Tod der Rechtschaffenen zu sterben“, darin besteht, dass man das Leben der Rechtschaffenen besitzt und zeigt. Viele, leider sehr viele, die dieses Leben nicht haben, möchten gern diesen Tod sterben. Viele möchten Balaks Silber und Gold besitzen und doch zu dem Israel Gottes gehören. Vergeblicher Gedanke! Schreckliche Täuschung! Wir können nicht Gott dienen und dem Mammon.
  • 2 Diese Behauptung berührt in keiner Weise die Frage der Zucht im Haus Gottes. Wir sind verpflichtet, sittlich Böses und Irrtum in der Lehre zu richten (1. Kor 5,12.13).
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