Betrachtungen über das vierte Buch Mose

Israel in der Wüste, Abbild der Versammlung in der Welt

Betrachtungen über das vierte Buch Mose

Gott in der Mitte seines Volkes

Was für einen merkwürdigen Anblick bot das Lager Israels in dieser öden, furchtbaren Wüste! Was für ein Schauspiel für Engel, Menschen und Teufel! Aber Gottes Auge ruhte stets auf dem Lager, Er war dort gegenwärtig, Er wohnte in der Mitte seines kämpfenden Volkes. Dort, und nur dort fand Er seine Wohnung – nicht inmitten des Glanzes von Ägypten, Assyrien oder Babylon. Zweifellos boten diese Länder vieles, das den natürlichen Menschen anzog. Künste und Wissenschaften wurden bei ihnen gepflegt. Die Kultur hatte bei diesen alten Völkern eine Höhe erreicht, die wir modernen Menschen ihnen kaum zuzugestehen geneigt sind.

Aber der Herr war unter diesen Völkern nicht bekannt, sein Name war ihnen niemals offenbart worden, und Er wohnte nicht unter ihnen. Wohl gab es auch dort die vielen tausend Beweise seiner Schöpfermacht, seine Vorsorge waltete über ihnen. Er gab ihnen Regen und fruchtbare Zeiten, und Er erfüllte ihre Herzen mit Speise und Freude. Sie aber kannten ihn nicht und fragten nicht nach ihm. Seine Wohnung war nicht bei ihnen. Keines dieser Völker konnte sagen: „Meine Stärke und mein Gesang ist Jah, denn er ist mir zur Rettung geworden; dieser ist mein Gott, und ich will ihn verherrlichen, meines Vaters Gott, und ich will ihn erheben“ (2. Mo 15,2).

Der HERR fand seine Wohnung inmitten seines erlösten Volkes und nirgends sonst. Erlösung ist die notwendige Grundlage dafür, dass Gott unter Menschen wohnen kann. Ohne Erlösung konnte Gottes Gegenwart nur die Vernichtung des Menschen zur Folge haben; wo aber Erlösung ist, da bringt Gottes Gegenwart die höchsten Vorrechte und die strahlendste Herrlichkeit des Menschen mit sich.

Gott wohnte also inmitten seines Volkes Israel. Er stieg vom Himmel herab, nicht nur, um sie aus Ägypten zu erlösen, sondern auch, um mit ihnen durch die Wüste zu gehen. Welch ein Gedanke! Gott, der Allerhöchste schlägt seine Wohnung im Sand der Wüste auf bei seiner erlösten Gemeinde! Wirklich, es gab in der ganzen weiten Welt nichts, das hiermit hätte verglichen werden können. Da war das Heer von sechshunderttausend Männern, ohne die Frauen und Kinder gerechnet, in einer unfruchtbaren Wüste, in der es keinen Grashalm und nicht einen Tropfen Wasser gab, keinen sichtbaren Quell für ihren Unterhalt. Wie sollten sie ernährt werden? Gott war da! Wie sollte Ordnung gehalten werden? Gott war da! Wie sollten sie ihren Weg durch eine furchtbare Wüste ziehen, in der es gar keinen Weg gab? Gott war da!

Mit einem Satz gesagt: Gottes Gegenwart gab für alles die Sicherheit. Der Unglaube mochte sagen: Wie sollen drei Millionen Menschen von Luft leben? Wer kümmert sich um die Verpflegung? Wo sind die Militär-Magazine? Wo ist das Reisegepäck? Wer hat auf die Bekleidung zu achten? Nur der Glaube konnte hier antworten, und seine Antwort ist einfach, kurz und überzeugend: Gott war da! Und das war völlig hinreichend. Alles ist in diesem einen Satz eingeschlossen. In der Rechnung, die der Glaube anstellt, ist Gott die einzig bedeutsame Größe. Wenn alle unsere Quellen in dem lebendigen Gott sind, kommt es gar nicht mehr darauf an, was wir brauchen – alle Fragen lösen sich durch seine Allgenugsamkeit.

Was bedeuten sechshunderttausend Mann Fußvolk für den allmächtigen Gott? Was alles das, was ihre Frauen und Kinder brauchen? Nach menschlichem Ermessen mag alles das entmutigend sein. Und stellen wir uns vor, dass dieses riesige Heer einen Zug begann, der vierzig Jahre dauern würde, einen Zug durch eine „große und schreckliche Wüste“, in der es kein Korn, kein Gras, keine Wasserquelle gab. Wie sollten sie ernährt werden? Sie hatten keine Vorräte mitgenommen, hatten keine Abmachungen mit befreundeten Völkern getroffen wegen Lebensmittellieferungen und hatten keine schnellen Provianttransporte an einzelnen Punkten ihres Reiseweges zu erwarten. Aber Gott war in der Mitte seines Volkes. Er war da in seiner ganzen Gnade und Barmherzigkeit, in seiner vollkommenen Kenntnis der Armut seines Volkes und der Schwierigkeiten ihres Weges, in seiner Allmacht und mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten, um diesen Schwierigkeiten und allen Nöten zu begegnen. Und so völlig kannte Er alle diese Dinge, dass Er am Ende ihrer langen Wüstenwanderung mit bewegenden Worten an ihre Herzen appellieren konnte: „Denn der HERR, dein Gott, hat dich gesegnet in allem Werk deiner Hand. Er kannte dein Wandern durch diese große Wüste: Diese vierzig Jahre ist der HERR, dein Gott, mit dir gewesen; es hat dir an nichts gefehlt.“ Und weiter: „Deine Kleidung ist nicht an dir zerfallen, und dein Fuß ist nicht geschwollen diese vierzig Jahre“ (5. Mo 2,7; 8,4).

Nun, das Lager Israels war ein Abbild, ein lebendiges, eindrucksvolles Abbild von der Versammlung Gottes, wie sie durch diese Welt geht. Das sagt die Bibel so deutlich, dass für Einbildung oder Phantasie hier kein Raum bleibt: „Alle diese Dinge aber widerfuhren jenen als Vorbilder und sind geschrieben worden zu unserer Ermahnung, auf die das Ende der Zeitalter gekommen ist“ (1. Kor 10,11).

Wir können also mit besonderem Interesse das erstaunliche Schauspiel in der Wüste betrachten und versuchen, die wertvollen Belehrungen zu sammeln, die es uns gibt. Sehen wir uns dieses rätselhafte Lager in der Wüste mit seinen Kriegern, Arbeitern und Anbetern an! Wie anders ist dieses Bild als das, das alle anderen Völker der Welt bieten! Welch gänzliche Hilflosigkeit! Welch völlige Abhängigkeit von Gott! Sie hatten nichts, konnten nichts unternehmen und wussten auch nichts. Sie hatten nicht einen Bissen Brot und keinen Tropfen Wasser, wenn sie nicht beides Tag für Tag unmittelbar aus Gottes Hand empfingen. Wenn sie sich abends zur Ruhe legten, war nicht die kleinste Kleinigkeit an Vorrat für den nächsten Tag vorhanden. Es gab keinen Speicher, keine Speisekammer, keine sichtbare Versorgungsquelle – es gab gar nichts, auf das der Mensch natürlicherweise hätte irgendwie rechnen können.

Aber Gott war da, und das war für den, der glaubte, genug. Sie waren ganz auf Gott angewiesen. Das ist die große Tatsache. Für den Glauben ist nichts real, nichts fest und nichts wahr als nur der wahre, lebende, ewige Gott. Der natürliche Mensch mochte einen sehnsüchtigen Blick auf die Kornspeicher Ägyptens werfen und darin etwas Greifbares, etwas Verlässliches sehen. Der Glaube aber sieht hinauf zum Himmel und findet alle seine Quellen dort.

Die Versammlung, abgesondert von der Welt

Und so ist es auch in Bezug auf die Versammlung Gottes in dieser Welt, die im geistlichen Sinn eine Wüste genannt werden kann. Von Gott aus gesehen ist diese Gemeinde nicht von der Welt. Sie ist ebenso vollständig von ihr getrennt, wie das Lager Israels von Ägypten. Die Wasser des Roten Meeres flossen zwischen diesem Lager und Ägypten, und die noch tieferen und dunkleren Wasser des Todes Christi fließen zwischen der Versammlung Gottes und der gegenwärtigen bösen Welt. Es ist unmöglich, sich eine vollständigere Trennung vorzustellen. Unser Herr Christus sagt: „Sie sind nicht von der Welt, wie ich nicht von der Welt bin“ (Joh 17,16).

Der nächste Punkt, der uns am Lager Israels auffällt, war, dass es völlig auf Gott angewiesen und von ihm abhängig war. Nun, was könnte abhängiger sein als die Versammlung Gottes in dieser Welt? Sie hat nichts in sich selbst und nichts aus sich selbst. Sie befindet sich mitten in einer geistlichen Wüste, einer traurigen Einöde, einer weiten, furchtbaren Wildnis, in der es buchstäblich nichts gibt, wovon sie leben kann. Es gibt in dem Bereich dieser Welt nicht einen Tropfen Wasser für sie, nicht einen einzigen Bissen geeigneter Nahrung.

Auch insofern, als die Versammlung allen Arten feindlicher Einflüsse ausgesetzt ist, besteht eine Parallele zwischen ihr und dem Lager der Israeliten. Es gibt nicht einen einzigen günstigen Einfluss, alles ist gegen sie gerichtet. Sie gleicht einer ausländischen Pflanze, die in ein anderes Klima gehört und in eine Gegend verpflanzt wurde, in der beides, Erdboden und Atmosphäre, ihr nicht entsprechen.

Das ist Gottes Versammlung in der Welt, abgesondert, abhängig, wehrlos und völlig auf Gott angewiesen. Wir können wirklich sagen, dass das, was Israel buchstäblich war, die Versammlung im geistlichen Sinn ist; und weiter, dass das, was die Wüste im buchstäblichen Sinn für Israel war, die Welt im geistlichen Sinn für die Versammlung Gottes ist.

Die Wüste war für Israel der Schauplatz der Mühe und Gefahr, nicht aber der Bereich, aus dem ihm seine Hilfsquellen und seine Freude zuwuchsen; und so ist die Welt der Schauplatz der Mühe und Gefahr für die Versammlung, sie birgt für sie weder Freude noch irgendetwas, was sie bedarf.

Es ist gut, wenn man das in seiner ganzen geistlichen Tragweite begreift. Die Versammlung Gottes in der Welt ist wie die „Gemeinde in der Wüste“ ganz und gar auf den lebendigen Gott angewiesen. Es sei noch einmal daran erinnert, dass es hier um den göttlichen Standpunkt geht, um das, was die Versammlung von Gott her gesehen ist. Wenn wir sie von einem menschlichen Gesichtspunkt aus betrachten, so, wie sie in ihrem eigenen tatsächlichen praktischen Zustand ist, dann ist es leider ganz anders. Aber damit beschäftigen wir uns jetzt nicht.

Erinnern wir uns für einen Augenblick daran, dass es jetzt ebenso wirklich die Versammlung Gottes, den Leib Christi gibt, wie es früher ein Lager in der Wüste gegeben hat, eine Versammlung in der Einöde. Zweifellos wussten damals die Völker der Welt wenig über jene Versammlung und kümmerten sich erst recht nicht darum; aber das veränderte die Tatsache selbst nicht, und so ist es auch jetzt. Die Menschen dieser Welt wissen wenig über die Versammlung Gottes und rechnen ganz gewiss nicht mit ihr; aber das berührt in keiner Weise die große Wahrheit, dass sie tatsächlich in dieser Welt ist und immer war, seit der Heilige Geist am Pfingsttag auf die Erde herabkam. Wohl hatte früher jene Gemeinde in der Wüste ihre Prüfungen, ihre Konflikte, ihre internen Erschütterungen und ihre zahl- und namenlosen Schwierigkeiten, die nach all den Hilfsquellen riefen, die in Gott waren.

Aber trotz der Sünde und der Rebellion gab es dort immer noch diesen auffallenden Tatbestand, der von Menschen, von Teufeln und von Engeln zur Kenntnis genommen werden konnte: nämlich die ungeheuer große Gemeinde von ungefähr drei Millionen Menschen, die durch die Wildnis wanderte, völlig abhängig von einem unsichtbaren Arm, geführt und versorgt von dem ewigen Gott, dessen Auge sich niemals für einen Augenblick von ihnen wandte. Ja gewiss, Er wohnte mitten unter ihnen, und in all ihrem Unglauben, ihrer Vergesslichkeit, ihrer Undankbarkeit und Aufsässigkeit verließ Er sie doch niemals. Gott war da, um sie Tag und Nacht zu versorgen und zu leiten. Tag für Tag gab Er ihnen Brot vom Himmel, und Er ließ ihnen Wasser aus dem Kieselfelsen fließen.

Das war gewiss eine erstaunliche Tatsache. Gott hatte eine Gemeinde in der Wüste, die von allen Völkern um sie herum getrennt und auf ihn selbst angewiesen war. Es kann, wie gesagt, sein, dass die Völker der Welt über diese Gemeinde nichts wussten, sich nicht darum kümmerten und sich auch keinerlei Gedanken um sie machten.

Und das war, wie gesagt, ein Abbild – ein Abbild von etwas, das bereits seit über neunzehnhundert Jahren besteht, das noch besteht und das bestehen wird, bis unser Herr Christus wiederkommt; es war ein Abbild der Versammlung Gottes in der Welt. Wie wichtig ist es, das zu beachten! Wie sehr hat man es aus den Augen verloren und wie wenig verstanden, auch jetzt noch! Und doch ist jeder Christ in ernster Weise verantwortlich dafür, dass er es erkennt und auch praktisch danach handelt; er kann dieser Verantwortung nicht entgehen. Es gibt eine Gemeinde, die durch diese Welt zieht wie früher Israel durch die Wüste gezogen ist. Und ebenso, wie Israel in der Wüste keine Quellen fand, sollte die Versammlung Gottes keine Quellen finden in der Welt. Wenn es doch so wäre, ist sie nicht treu ihrem Herrn gegenüber.

Die Versammlung, inmitten einer Christenheit im Verfall

Wenn wir das alles wirklich begreifen, dann wird es uns auch auf den Platz völliger Absonderung hinweisen, der der Versammlung Gottes als einem Ganzen sowie jedem ihrer einzelnen Glieder zukommt. Die Versammlung, so wie Gott sie sieht, ist ebenso sehr von dieser gegenwärtigen Welt getrennt, wie es das Lager Israels von der es umgebenden Wüste war. Es gibt ebenso wenig Gemeinsames zwischen der Versammlung und der Welt wie zwischen Israel und dem Sand der Wüste. Die Attraktionen und Reize der Welt sind für die Versammlung Gottes das, was die Schlangen und Skorpionen und die tausend anderen Gefahren der Wildnis für Israel waren.

So sieht Gottes Bild von der Versammlung aus. Wir wollen uns jetzt im Glauben auf Gottes Standpunkt stellen und von dort aus die Versammlung betrachten. Nur so können wir eine richtige Vorstellung dessen, was die Versammlung ist, erhalten – und auch eine richtige Vorstellung unserer eigenen persönlichen Verantwortung im Hinblick darauf. Gott hat eine Versammlung in der Welt. Es gibt gegenwärtig auf der Erde einen Leib, in dem Gott der Heilige Geist wohnt und der mit seinem Haupt, Christus, vereinigt ist. Die Versammlung – dieser Leib – besteht aus all denen, die wirklich an den Sohn Gottes glauben und die durch die Gegenwart des Heiligen Geistes vereinigt sind. Das ist nicht eine Frage unserer Meinung, etwas, das wir nach Belieben annehmen oder ablehnen können. Es ist eine göttliche Tatsache – ob wir uns danach richten wollen oder nicht. Die Versammlung ist da, und wir sind, wenn wir glauben, Glieder davon. Das können wir weder umstoßen noch übergehen. Wir gehören wirklich dazu, wir sind durch den Heiligen Geist zu einem Leib getauft. Das ist etwas ebenso Wirkliches und Bestimmtes, wie wenn ein Kind in eine Familie hineingeboren wird. Nach der Geburt ist die Verbindung hergestellt, und wir müssen sie nur erkennen und dieser Verbindung entsprechend von Tag zu Tag leben. In demselben Augenblick, in dem eine Seele von neuem, von oben her geboren ist und versiegelt ist durch den Heiligen Geist, gehört sie zum Leib Christi. Sie kann sich nicht länger als isolierten und unabhängigen Einzelmenschen betrachten, sondern sie ist Glied eines Leibes, ebenso, wie Hand oder Fuß Glieder des menschlichen Körpers sind. Sie ist Glied der einen Versammlung Gottes und kann nicht auch noch gleichzeitig Glied von irgendetwas anderem sein.

Wie aber wurde dieser Leib geschaffen? Durch den Heiligen Geist – denn: „In einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden“ (1. Kor 12,13). Und wie wird er erhalten? Durch sein lebendiges Haupt, durch den Geist und durch das Wort. Wir lesen: „Niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und pflegt es, wie auch der Christus die Versammlung“ (Eph 5,29). Ist das nicht ausreichend? Ist der Herr Jesus Christus nicht genug? Ist nicht der Heilige Geist genug? Wünschen wir noch irgendetwas, das über die Kraft hinausgeht, die in dem Namen Jesus wohnt? Reichen nicht die Gaben des ewigen Geistes aus für das Wachstum und das Bestehen der Versammlung? Bedeutet nicht die Anwesenheit Gottes, dass alles da ist, was die Versammlung vielleicht benötigen könnte? Der Glaube sagt nachdrücklich und ganz entschieden: Ja! Der Unglaube und alle menschliche Vernunft sagen: Nein; wir brauchen noch sehr viel.

Was von Gott ist, bleibt bestehen

Darauf können wir nur antworten: Wenn Gott nicht genug ist, dann wissen wir nicht, wohin wir uns wenden sollen; wenn der Name Jesus nicht ausreicht, dann wissen wir nicht, was wir tun sollen; wenn der Heilige Geist nicht allem, was wir in der Gemeinschaft, im Dienst und in der Anbetung brauchen, entgegenkommt, dann wissen wir nicht, was wir sagen sollen. Man könnte jedoch einwenden, dass die Dinge nicht mehr so liegen wie in der Zeit der Apostel. Die Versammlung, die sich als solche bekennt, hat versagt; die Gaben von Pfingsten sind nicht mehr da; die glücklichen Tage der ersten Liebe der Versammlung sind vorbei. Wir müssen also für die Organisation und das Bestehen unserer Versammlungen das Beste, was in unseren Kräften steht, tun. – Aber Gott hat nicht versagt; Christus, das Haupt der Versammlung, hat nicht versagt; der Heilige Geist hat nicht versagt; und Gottes Wort ist nicht schwächer geworden. Das ist die zuverlässige Grundlage für den Glauben. „Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“ (Heb 13,8). Er hat gesagt: Ich bin bei euch. Wie lange? Während der Tage der ersten Liebe? In der Zeit der Apostel? Solange die Versammlung treu sein würde? Nein! – „Ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ (Mt 28,20). Und schon vorher, in dem Augenblick, als zum ersten Mal in der ganzen Heiligen Schrift die Versammlung als solche genannt wird, hören wir die denkwürdigen Worte: „Auf diesen Felsen (und wer sollte das anders sein als der Sohn des lebendigen Gottes?) werde ich meine Versammlung bauen, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18).

Die Frage ist jetzt: Gibt es diese Versammlung gegenwärtig auf der Erde? Ganz gewiss! Es gibt ebenso gewiss jetzt eine Versammlung auf der Erde wie es früher einmal ein Lager in der Wüste gab. Ja – und so gewiss Gott in diesem Lager war, um jedem Bedürfnis zu begegnen, so gewiss ist Er jetzt in der Versammlung, um sie in allem zu regieren und zu leiten, wie wir es in Epheser 2,22 lesen: „… in dem auch ihr mitaufgebaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geist.“ Das ist völlig genug. Alles, was wir brauchen, ist, im einfachen Glauben diese Wirklichkeit zu ergreifen. Der Name Jesus ist genug für alles, was die Versammlung benötigt – ebenso, wie er für die Errettung der Seele genug ist. Das eine ist so wahr wie das andere. „Wo zwei oder drei versammelt sind in (oder: zu) meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20). Hat das aufgehört, wahr zu sein? Und wenn nicht – ist nicht die Gegenwart Christi völlig ausreichend für seine Versammlung? Müssen wir uns in kirchlichen Dingen an unsere eigene Planung und unsere eigene Arbeit herangeben? Nicht mehr, als wir es mussten, als es um die Rettung unserer Seele ging! Dem Sünder sagen wir, er solle völlig Christus vertrauen – und dasselbe sagen wir dem, der gerettet ist, und wir sagen dasselbe der Versammlung der Heiligen, ganz gleich, ob da wenige oder viele sind. Gibt es irgendetwas, was Er nicht kann? „Ist für den HERRN eine Sache zu wunderbar?“ (1. Mo 18,14). Sollte für ihn etwas zu schwer sein? Ist sein Schatz an Gaben und Gnaden erschöpft? Kann Er nicht Gaben für den Dienst geben? Kann Er nicht für Evangelisten, Hirten und Lehrer sorgen? Kann Er allen vielfältigen Bedürfnissen seiner Versammlung in der Wüste begegnen? Und wenn nicht – wo sind wir dann? Was sollen wir tun? Wohin sollen wir uns wenden? Was musste die Gemeinde Israel tun? Sie musste auf den HERRN sehen – und zwar in allem: wenn es um Speise ging, um Schutz – in allem musste sie auf den HERRN sehen. Alle ihre Quellen waren in ihm. Und müssen wir uns noch an irgendjemand anders wenden? Niemals! Unser Herr, Christus, ist vollkommen genug, trotz unseres Versagens und unseres Niedergangs, unserer Sünde und unserer Untreue. Er hat den Heiligen Geist, den Sachwalter, herniedergesandt, um bei seinem Volk und in seinem Volk zu bleiben, um sie zu einem Leib zu bilden und ihn mit dem lebendigen Haupt im Himmel zu vereinigen. Er ist die Kraft der Einheit, der Gemeinschaft, des Dienstes und der Anbetung. Er hat uns nicht verlassen und wird es niemals tun. Möchten wir ihm nur vertrauen, ihm Raum zum Handeln geben! Lasst uns sorgfältig auf der Hut sein vor allem, was ihn auslöschen, hindern oder betrüben könnte! Lasst uns ihn in dem Platz anerkennen, der ihm in der Versammlung gebührt, und uns in allem seiner Leitung und Autorität unterwerfen!

Ganz gewiss liegt hier das Geheimnis der Kraft und des Segens. Leugnen wir damit den Verfall? – Wie könnten wir! Er zeigt sich doch allzu handgreiflich und offen, um noch geleugnet werden zu können! Oder versuchen wir zu leugnen, dass wir an dem Niedergang teilhaben – versuchen wir, unsere Torheit und unsere Sünde zu leugnen? O wollte Gott, dass wir sie tiefer fühlten! Aber sollten wir unsere Sünde dadurch noch vergrößern, dass wir die Gnade und Macht unseres Herrn leugnen, die uns in unserem Niedergang und in unserer Torheit begegnen kann? Sollten wir ihn, „die Quelle lebendigen Wassers“ (Jer 2,13), verlassen und uns löcherige Brunnen graben, die doch kein Wasser geben? Sollten wir uns von dem Fels der Ewigkeiten wegwenden und uns auf die zerbrochenen Halme unserer eigenen Vorstellungen stützen? Möge Gott uns davor bewahren!

Keinesfalls geht es hier darum, irgendeinem kirchlichen Anspruch die geringste Unterstützung zuteilwerden zu lassen. Das wäre verachtenswert. Uns stehen im Hinblick auf unsere gemeinsame Sünde und Schande ein sehr bescheidener Platz und ein demütiger Geist zu. Alles, worum es hier geht, ist dieses: die Allgenugsamkeit des Namens des Herrn Jesus Christus 1 für alles, was die Versammlung Gottes – in welcher Zeit und unter welchen Umständen auch immer – benötigt. In den Zeiten der Apostel lag alle Kraft in diesem Namen – warum nicht auch jetzt? Hat sich dieser herrliche Name irgendwie verändert? Gott sei Dank nicht. Nun, dann genügt er für uns, und es ist lediglich nötig, völlig auf ihn zu vertrauen und das zu zeigen, indem wir alles andere, worauf man vertrauen könnte, aufgeben und mit Entschiedenheit anfangen, diesen unvergleichlichen und wertvollen Namen kennen zu lernen. Er – und dafür sei ihm gedankt – hat sich zur kleinsten Versammlung, in die kleinstmögliche Mehrzahl herabgeneigt, weil Er nämlich zugesichert hat: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.“ Gilt das noch? Oder hat es seine Kraft verloren? Passt es nicht mehr? Wo ist es widerrufen worden?

Wollen wir doch von Herzen unsere Zustimmung zu dieser einen ewigen Wahrheit geben: dass der Name des Herrn Jesus Christus für die Versammlung Gottes völlig genug ist, und zwar in jeder Lage, in die sie kommen kann, und zu jeder Zeit. Es geht nicht darum, das nur für eine richtige oder wahre Theorie oder Lehre zu halten – es geht darum, es auch praktisch zu bekennen. Dann erfährt man mit Sicherheit den tiefen Segen der Gegenwart Jesu, einen Segen, den man wirklich erfahren muss, um ihn zu kennen. Wer diesen Segen aber einmal erfahren hat, der kann ihn nie mehr vergessen oder ihn für irgendetwas anderes aufgeben.

Kriegsleute, Arbeiter und Anbeter

Wenden wir uns nach dieser langen Einführung wieder unserem Thema zu!

Wenn wir die „Versammlung in der Wüste“ (Apg 7,38) aufmerksam betrachten, sehen wir, dass sie aus drei verschiedenen Gruppen bestand, nämlich aus Kriegern, Arbeitern und Anbetern. Es gab ein Volk von Kriegern, einen Stamm oder ein Geschlecht von Arbeitern und eine Familie von Anbetern oder Priestern. Wir haben auf die erste dieser Gruppen schon einen Blick geworfen und dabei gesehen, dass jeder Einzelne seiner „Herkunft“ gemäß seinen Platz bei seinem „Banner“ einnahm, und zwar nach der genauen Anordnung des HERRN. Jetzt wollen wir uns ein wenig die zweite Gruppe ansehen und jeden beobachten, wie er seine Arbeit und seinen Dienst tat – ebenfalls gemäß der Anordnung des HERRN.

Die Familien der Leviten und ihre Dienste

Die Leviten waren aus allen anderen Stämmen herausgenommen und an einen besonderen Platz und zu einem besonderen Dienst berufen worden. So lesen wir von ihnen: „Aber die Leviten nach dem Stamm ihrer Väter… und die Leviten sollen den Dienst der Wohnung des Zeugnisses versehen“ (4. Mo 1,47.53). Und weiter lesen wir: „Aber die Leviten wurden nicht unter den Kindern Israel gemustert, so wie der HERR Mose geboten hatte“ (4. Mo 2,33).

Warum gerade die Leviten? Warum war dieser Stamm vor allen anderen ausgezeichnet und für so einen heiligen und erhabenen Dienst abgesondert? Gab es in ihnen eine besondere Heiligkeit, etwas besonders Gutes, woraus sich diese ihre Auszeichnung erklären ließe? Nein, weder in ihrer Natur noch in ihrem praktischen Leben lag der Vorzug begründet, wie Jakobs Worte beweisen: „Simeon und Levi sind Brüder, Werkzeuge der Gewalttat ihre Waffen. Meine Seele komme nicht in ihren geheimen Rat, meine Ehre vereinige sich nicht mit ihrer Versammlung! Denn in ihrem Zorn haben sie den Mann erschlagen und in ihrem Mutwillen den Stier gelähmt. Verflucht sei ihr Zorn, denn er war gewalttätig, und ihr Grimm, denn er war grausam! Ich werde sie verteilen in Jakob und sie zerstreuen in Israel“ (1. Mo 49,5–7).

So also lebte Levi, so war er seiner Natur nach: eigenwillig, hitzig und grausam. Wie bemerkenswert ist es, dass so jemand ausgewählt werden und einen so hohen, heiligen und bevorzugten Platz erhalten sollte! Wir können sagen, dass es von Anfang bis Ende Gnade war. Die Gnade nimmt sich der allerschlimmsten Fälle an. Sie steigt in die tiefsten Abgründe hinab und erzielt dort ihre strahlendsten Triumphe. Paulus sagt: „Das Wort ist gewiss und aller Annahme wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, um Sünder zu erretten, von denen ich der erste bin“ (1. Tim 1,15). „Mir, dem Allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, den Nationen den unergründlichen Reichtum des Christus zu verkünden“ (Eph 3,8).

Aber wie beeindruckend ist diese Sprache: „Meine Seele komme nicht in ihren geheimen Rat, meine Ehre vereinige sich nicht mit ihrer Versammlung“! Gottes Augen sind so rein, dass sie Böses nicht ansehen können, und Mühsal vermag Er nicht anzuschauen (Hab 1,13). Gott konnte nicht in Levis geheimen Rat kommen und sich nicht mit seiner Versammlung vereinigen; das war unmöglich, denn Gott kann mit Eigenwillen, Gewalttat und Grausamkeit nichts zu tun haben. Wohl aber konnte Er Levi in seinen geheimen Rat bringen und ihn mit seiner Versammlung vereinigen. Er konnte ihn aus seiner Wohnung, in der die Werkzeuge der Grausamkeit lagen, herausnehmen und ihn ins Heiligtum bringen, wo er sich mit den heiligen Instrumenten und Gefäßen beschäftigen sollte. Das war freie, unumschränkte Gnade, und diese Gnade war die Grundlage von Levis gesegnetem und erhabenem Dienst. So weit es Levi selbst als Person anging, war da ein unermesslicher Abstand zwischen ihm und einem heiligen Gott – eine Kluft, die keine menschliche Kunst oder Kraft überbrücken konnte. Aber wenn ein heiliger Gott auch nichts mit Sünde zu tun haben konnte – ein Gott der Gnade konnte sich mit Levi beschäftigen. Er konnte in unumschränkter Barmherzigkeit ein solches Geschöpf aus den Tiefen seiner moralischen Erniedrigung herausheben und ihm einen Platz in seiner Nähe geben. Welch ein wunderbarer Gegensatz zwischen Levis Stellung nach der Natur und nach der Gnade, zwischen den Werkzeugen der Grausamkeit und den Gefäßen des Heiligtums, zwischen Levi in 1. Mose 34 und Levi in 4. Mose 3 und 4!

Die Reinigung der Leviten

Sehen wir uns jetzt Gottes Handlungsweise mit Levi an und den Grund, warum er auf einen solchen Platz des Segens geführt worden war! Dazu müssen wir das achte Kapitel unseres Buches hinzuziehen; dort erkennen wir das Geheimnis des Ganzen. Wir werden dort sehen, dass gar nichts von dem, was Levi gehörte, anerkannt und dass nicht einer seiner Wege gutgeheißen wurde. Und doch finden wir dort die vollkommene Entfaltung der Gnade, die durch Gerechtigkeit herrscht. Dabei geht es nicht darum, wie weit die Leviten diese Dinge durchschauten. Wir wollen hier nicht fragen, was die Leviten in Gottes Handlungsweise sahen, sondern: Was lernen wir daraus?

„Und der HERR redete zu Mose und sprach: Nimm die Leviten aus der Mitte der Kinder Israel und reinige sie. Und so sollst du mit ihnen tun, um sie zu reinigen: Sprenge Entsündigungswasser auf sie, und sie sollen das Schermesser über ihr ganzes Fleisch gehen lassen und ihre Kleider waschen und sich reinigen“ (4. Mo 8,5–7).

Wir finden hier den göttlichen Grundsatz der Reinigung sinnbildlich dargestellt. Es ist die Anerkennung des Todes der Natur und aller ihrer Gewohnheiten; es ist das Wort Gottes, das in lebendiger Weise auf Herz und Gewissen wirkt. Dass es in dem eben zitierten Abschnitt eine doppelte Handlung ist, ist besonders eindrucksvoll. Mose musste Reinigungswasser auf sie sprengen, und sie mussten dann alles Haar scheren und ihre Kleider waschen. Das ist sehr eindeutig und von großer Schönheit. Mose, der die Ansprüche Gottes vertritt, reinigt die Leviten diesen Ansprüchen gemäß. Dann, wenn sie gereinigt sind, können sie das scharfe Schermesser über alles gehen lassen, was lediglich ihrer Natur entwachsen ist; und sie können ihre Kleider waschen, was sinnbildlich ausdrückt, dass sie ihre Gewohnheiten dem Wort Gottes entsprechend reinigen. Das war Gottes Weg, all dem zu begegnen, was zu Levis Natur gehörte: dem Eigenwillen, der Gewalttätigkeit und der Grausamkeit. Das reine Wasser und das scharfe Schermesser mussten ihr Werk getan haben, bevor Levi tauglich war, in die Nähe der Gefäße des Heiligtums zu kommen.

Die Natur hat bei Gottes Arbeitern keinen Platz. Niemals gab es einen verhängnisvolleren Fehler als den, zu versuchen, die menschliche Natur in den Dienst Gottes zu stellen. Es macht nichts aus, wie man sich bemühen mag, sie zu bessern oder zu regulieren; nicht Verbesserung, sondern nur Tod kann hier helfen. Es ist äußerst wichtig, diese große, sehr praktische Wahrheit klar und nachdrücklich zu erfassen. Der Mensch ist gewogen und zu leicht befunden worden. Es bringt keinerlei Nutzen, etwas verbessern zu wollen. Gott hat die Geschichte des Menschen abgeschlossen, hat sie im Tod Christi an ein Ende gebracht. Die erste große Tatsache, die der Heilige Geist in das Gewissen eines Menschen eingräbt, ist die, dass Gott sein Urteil über die menschliche Natur ausgesprochen hat und dass jeder dieses Urteil über sich selbst persönlich annehmen muss. Das ist nicht eine Sache der Meinung oder des Gefühls. Es mag jemand sagen: Ich sehe nicht ein oder ich fühle nicht, dass ich so schlecht bin, wie du zu glauben scheinst. Aber das berührt die Frage nicht im Geringsten. Gott hat sein Urteil über uns bekannt gemacht, und es ist die erste Pflicht eines Menschen, dem zuzustimmen und sich darunter zu beugen. Was hätte es Levi genützt, wenn er gesagt hätte, er sei mit dem, was Gottes Wort über ihn gesagt hatte, nicht einverstanden? Hätte das irgendetwas verändert? Nein, der Ausspruch Gottes blieb der gleiche, ob Levi es fühlte oder nicht; aber offenbar war es der erste Schritt auf dem Weg der Weisheit, sich unter dieses Urteil zu beugen.

Alles das ist sinnbildlich in dem „Wasser“ und dem „Schermesser“ ausgedrückt. Diese Handlungen erläutern die ernste Wahrheit des Todesurteils über die menschliche Natur und die Durchführung des Urteils über alles, was die Natur hervorbringt.

Was ist die Bedeutung der ersten Einführungshandlung des Christentums, der Taufe? Weist sie nicht auf die herrliche Tatsache hin, dass „unser alter Mensch“ – die gefallene Natur – völlig beiseite getan ist und dass wir jetzt in eine völlig neue Stellung gebracht sind? Und was hat es für uns mit dem Schermesser auf sich? Wir wenden es gewissermaßen an bei strengem, täglichem Selbstgericht und ernster Verurteilung alles dessen, was der menschlichen Natur entspringt. Das ist notwendig für alle Arbeiter Gottes in der Wüste.

„Her zu mir, wer für den HERRN ist!“

Wir sind genau in dem Maß für Gottes Werk tauglich, wie unsere Natur unter der Kraft des Kreuzes und dem scharfen Schermesser des Selbstgerichts steht. Niemals kann Eigenwille im Dienst Gottes nützlich sein; er muss beseitigt sein, wenn wir wissen wollen, was wirklicher Dienst ist. Gerade in dieser Hinsicht können wir uns gar nicht scharf genug beurteilen. Unser Herz ist so arglistig, dass wir uns sogar einbilden können, dass wir des Herrn Werk tun, während wir in Wirklichkeit nur uns selbst gefallen. Aber wenn wir wirklich den Weg wahren Dienstes gehen wollen, müssen wir bestrebt sein, der Natur mehr und mehr zu entsagen.

Bevor wir nun das Werk und den Dienst der Leviten im Einzelnen betrachten, müssen wir uns erst ein Ereignis in 2. Mose 32 ansehen, bei dem die Leviten eine bemerkenswerte Rolle spielen. Es geht um das goldene Kalb. Während Moses Abwesenheit verlor das Volk Gott und seine Rechte so vollständig aus den Augen, dass es sich ein goldenes Kalb aufstellte und sich vor ihm niederbeugte. Diese schreckliche Tat verlangte ein schnelles Gericht. „Und Mose sah das Volk, dass es zügellos war; denn Aaron hatte es zügellos werden lassen, zum Gespött für ihre Widersacher. Und Mose stellte sich im Tor des Lagers auf und sprach: Her zu mir, wer für den HERRN ist! Und es versammelten sich zu ihm alle Söhne Levis. Und er sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Legt jeder sein Schwert an seine Hüfte, geht hin und her von Tor zu Tor im Lager, und erschlagt jeder seinen Bruder und jeder seinen Freund und jeder seinen Nachbarn. Und die Söhne Levis taten nach dem Wort Moses; und vom Volk fielen an diesem Tag etwa dreitausend Mann. Und Mose sprach: „Weiht euch heute dem HERRN, ja, ein jeder in seinem Sohn und in seinem Bruder, um heute Segen auf euch zu bringen“ (2. Mo 32,25–29).

Das war ein Augenblick, der von allen eine Entscheidung verlangte. Wie konnte es auch anders sein, da doch diese große Frage vor Herz und Gewissen stand: Wer steht auf der Seite des HERRN? Die Frage war nicht: Wer ist bereit zu arbeiten? Nein, sie ging tiefer. Sie hieß auch nicht: Wer will hierhin oder dorthin gehen und dies oder das tun? Man kann sehr geschäftig sein und doch immerzu lediglich von einem ungebrochenen Willen dazu getrieben sein, der, da er sich der religiösen Veranlagung bedient, den Eindruck der Ergebenheit und Frömmigkeit erweckt. Auf des HERRN Seite zu stehen aber schließt die Übergabe des eigenen Willens ein, ja, die Übergabe seiner selbst (der ganzen Person). Das ist die Hauptsache für den wahren Diener und den wirklichen Arbeiter. Saulus von Tarsus war so weit gekommen, als er ausrief: Wer bist du, Herr? (Apg 9,5) – Was für Worte aus dem Mund des eigenwilligen, grausamen Verfolgers der Versammlung Gottes!

„Wer ist für den HERRN?“ Stehen wir auf seiner Seite? Prüfen wir uns doch sehr genau! Denken wir daran, dass es keineswegs heißt „Was tust du?“. Nein, die Frage geht tiefer. Wer auf der Seite des Herrn steht, ist zu allem bereit, was Er ihm aufträgt. Der entscheidende Punkt ist, dass man sich selbst den Ansprüchen eines anderen übergibt, und dieser andere ist der Herr Jesus Christus. Es gibt gegenwärtig wohl nichts Wichtigeres als diese eindringliche Frage: „Wer ist auf der Seite des Herrn?“ Wir leben in einer Zeit, in der der eigene Wille eine große Rolle spielt und man sich seiner Freiheit freut. Und das wirkt sich sehr stark aus infragen der Religion, und zwar in gleicher Weise wie im Lager Israels in den Tagen des goldenen Kalbes. Mose war nicht zu sehen, und der menschliche Wille unternahm etwas – und was war das Ergebnis? Das gegossene Kalb. Als Mose zurückkam, fand er das Volk, wie es ein Bild verehrte und zügellos war. In diesem Augenblick wurde die ernste und prüfende Frage gestellt: „Wer ist auf der Seite des HERRN?“ Das führte zu einer Entscheidung oder besser: Das stellte das Volk auf die Probe. – Jetzt ist es nicht anders. Der Wille des Menschen spielt eine immer größere Rolle, auch infragen der Religion. Man ist stolz auf seine Rechte, die Freiheit seines Willens, die Freiheit seines Urteils. Die Herrschaft Christi wird abgestritten. Wir müssen deshalb sehr aufmerksam sein und darauf achten, dass wir wirklich auf die Seite des Herrn treten – gegen uns selbst – und dass wir uns ganz einfach seiner Autorität unterwerfen. Dann werden wir uns nicht über Umfang oder Art unseres Dienstes Gedanken machen; sondern dann wird unser einziges Ziel dies sein: den Willen unseres Herrn zu tun.

Auf diese Weise unter der Herrschaft des Herrn zu arbeiten mag unserem Arbeitsbereich oft einen Eindruck der Enge geben; aber das ist gar nicht unsere Sache. Wenn ein Herr seinem Diener oder Sklaven sagt, er möge in einem Raum warten und sich nicht rühren, bis er die Klingel hört, dann hat der Sklave eben zu warten. Er hat sich inzwischen nicht etwas anderes zu suchen, auch dann nicht, wenn die anderen ihn wegen seiner offensichtlichen Untätigkeit und Nichtsnutzigkeit kritisieren sollten; er kann sicher sein, dass der Herr ihn rechtfertigen wird. Das ist genug für einen, der wirklich von Herzen Sklave Jesu Christi ist und der in erster Linie den Willen seines Herrn tun möchte und nicht irgendetwas Großes.

Die Frage an das Volk Israel, als das goldene Kalb da war, und die Frage an die Versammlung Gottes jetzt, wo der Wille des Menschen eine so große Rolle spielt, ist also: „Wer steht auf der Seite des HERRN?“ In dieser Frage liegt eine große Kraft für das praktische Leben. Wirklich auf des HERRN Seite zu stehen bedeutet, wie gesagt, zu allem bereit zu sein, wozu Er uns ruft, ganz gleich, was es sein mag. Nur dann, wenn wir in Wahrheit sagen können: „Herr, was willst du, das ich tun soll?“ – „Rede, denn dein Knecht hört!“ (1. Sam 3,10), nur dann sind wir für alles bereit. Die Leviten wurden hier gerufen, ein jeder seinen Bruder, seinen Freund und seinen Nachbarn zu erschlagen. Das war für Fleisch und Blut ein schrecklicher Auftrag. Der Augenblick aber erforderte es. Gottes Rechte waren öffentlich und in krasser Weise verletzt worden, die Herrlichkeit Gottes war vertauscht worden mit dem Abbild eines Stieres, der Gras frisst. Alle, die auf der Seite des HERRN standen, wurden aufgerufen, ein Schwert umzugürten. Von Natur aus hätte man vielleicht lieber sagen mögen: „Nein; wir wollen sanft und ruhig und gütig sein. Durch Freundlichkeit werden wir mehr erreichen als durch Strenge. Es kann nichts Gutes dabei herauskommen, wenn man die Leute umbringt. Liebe hat viel mehr Kraft als Strenge. Lasst uns einander lieben!“ – Solche Überlegungen mochte die Natur eines Menschen anstellen, aber der Befehl lautete klar und bestimmt: „Legt jeder sein Schwert an seine Hüfte!“ Als das goldene Kalb da war, gab es nichts anderes mehr als das Schwert. Man hätte die gerechten Ansprüche des Gottes Israels über Bord geworfen, wenn man in diesem Augenblick von Liebe geredet hätte. Zu einem Geist, der wirklich gehorsam ist, gehört, dass er genau den Dienst tut, der gerade verlangt wird. Ein Sklave hat nicht die Pflicht, zu diskutieren; er soll ganz einfach das tun, was man ihm gesagt hat. Wenn wir Fragen stellen oder Einwände erheben, bedeutet das, dass wir unseren Platz als Diener verlassen haben. Einen Bruder, einen Freund oder einen Nachbarn zu erschlagen mochte sehr schrecklich sein – aber das Wort des HERRN duldete keinen Widerspruch. Es gestattete kein Ausweichen. Und die Leviten waren durch die Gnade bereitwillig und gehorsam. „Die Söhne Levis taten nach dem Wort Moses.“

Das ist der einzige Weg für die, die in dieser Welt, in der alles von Eigenwillen beherrscht ist, Gottes Arbeiter und Diener Christi sein wollen. Es ist sehr wichtig, dass die Wahrheit, dass Christus Herr ist, tief in unseren Herzen eingegraben ist. Wenn unser Herz wirklich der Autorität Christi unterworfen ist, sind wir zu allem bereit, wozu Er uns ruft. Dann geht es nicht mehr um die Frage „Was tue ich?“ oder „Wohin gehe ich?“, sondern einfach darum: „Tue ich den Willen meines Herrn?“

Der Bund mit Levi

Dies war der Boden, auf dem Levi stand. Es ist sehr beachtenswert, was Gott darüber in Maleachi sagt: „Und ihr werdet wissen, dass ich dieses Gebot an euch gesandt habe, damit mein Bund mit Levi sei, spricht der HERR der Heerscharen. Mein Bund mit ihm war das Leben und der Frieden; und ich gab sie ihm zur Furcht, und er fürchtete mich, und er zitterte vor meinem Namen. Das Gesetz der Wahrheit war in seinem Mund, und Unrecht fand sich nicht auf seinen Lippen; er wandelte mit mir in Frieden und Geradheit, und viele brachte er von ihrer Ungerechtigkeit zurück“ (Mal 2,4–6). Und beachten wir den Segen Moses: „Und zu Levi sprach er: Deine Tummim und deine Urim sind für deinen Frommen, den du versucht hast bei Massa, mit dem du hadertest beim Wasser von Meriba; der von seinem Vater und von seiner Mutter sprach: Ich sehe ihn nicht; und der seine Brüder nicht kannte und von seinen Söhnen nichts wusste. Denn sie haben dein Wort gehalten, und deinen Bund bewahrten sie. Sie werden Jakob deine Rechte lehren, und Israel dein Gesetz; sie werden Weihrauch legen vor deine Nase und Ganzopfer auf deinen Altar. Segne, HERR, sein Vermögen, und das Werk seiner Hände lass dir wohlgefallen; zerschmettere die Lenden derer, die sich gegen ihn erheben, und die seiner Hasser, dass sie nicht mehr aufstehen!“ (5. Mo 33,8–11).

Es mochte unverantwortlich rau und streng von Levi aussehen, dass er seine Eltern nicht sah und seine Brüder nicht kannte. Aber Gottes Ansprüche sind wichtiger. Unser Herr hat die ernsten Worte gesprochen: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter und seine Frau und seine Kinder und seine Brüder und Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein“ (Lk 14,26).

Diese klaren Worte zeigen uns das Geheimnis, das die Grundlage jedes wahren Dienstes ist. Das bedeutet natürlich nicht, dass ein Diener nicht natürliche Zuneigung kennt! Wenn das so wäre, dann bestünde in moralischer Hinsicht ja eine Verbindung zwischen einem Diener des Herrn und dem Abfall der letzten Zeit (vgl. 2. Tim 3,3)! Aber wenn wir den Ansprüchen natürlicher Zuneigung erlauben, uns zu hindern, Christus von ganzem Herzen zu dienen, und wenn die angebliche Liebe zu den Brüdern einen höheren Platz einnimmt als Treue Christus gegenüber, dann taugen wir nicht für seinen Dienst und sind nicht wert, seine Diener zu heißen. Prägen wir uns gut ein, dass der moralische Grund für Levis Recht, im Dienst des Herrn zu stehen, eben die Tatsache war, dass er seine Eltern nicht sah, seine Brüder nicht kannte und von seinen Kindern nichts wusste! Kurz gesagt: Er konnte die Ansprüche der Natur völlig beiseitelassen und dafür den Ansprüchen des HERRN den höchsten Platz in seinem Herzen einräumen. Und das ist, um es noch einmal zu sagen, die einzige wahre Basis für den Dienst. Wahrer Dienst besteht nicht in großer Aktivität, sondern in vollkommener Unterwerfung unter den Willen unseres Herrn. Und wo das so ist, da ist man auch bereit, die Ansprüche von Eltern, Brüdern und Kindern fallen zu lassen, um den Willen dessen zu tun, den wir als Herrn anerkennen. Natürlich sollen wir unsere Eltern, unsere Brüder und unsere Kinder lieben – aber mehr noch sollen wir Christus lieben. Er und seine Ansprüche müssen immer den ersten Platz in unserem Herzen haben, wenn wir brauchbare Arbeiter für Gott sein wollen, wirkliche Diener Christi, wahre Leviten in der Wüste. Dabei wird das Band natürlicher Verwandtschaft mit all den Ansprüchen, Pflichten und Verantwortlichkeiten, die daraus erwachsen, bei denen, deren Herz, Geist und Gewissen unter der bestimmenden Kraft der Wahrheit Gottes stehen, immer den Platz und die Achtung erhalten, die ihm zustehen. Gar nichts außer dem, was wirklich Gott und seinem Christus zusteht, darf die Rechte übergehen, die auf natürlicher Verwandtschaft beruhen. Diese Überlegung ist sehr notwendig und heilsam, und ich möchte sie besonders den jungen Lesern empfehlen.

Wir müssen uns wirklich sehr sicher sein, dass es nur die Ansprüche Gottes sind, die ganz direkt und einfach unser Verhalten bestimmen, wenn wir die Ansprüche natürlicher Verwandtschaft übergehen. Im Fall Levis war das sonnenklar. So gibt es auch für uns Augenblicke, in denen es offenbare Untreue gegen unseren Herrn Christus wäre, auch nur für ganz kurze Zeit auf die Stimme verwandtschaftlicher Beziehung zu hören.

Die Weihung der Leviten

Im Folgenden wollen wir uns ganz kurz der Weihung der Leviten in 4. Mose 8 zuwenden. Es ist ein sehr aufschlussreiches Kapitel für alle, die Arbeiter für Gott sein möchten.

Nach den feierlichen Handlungen des Waschens und des Scherens, die wir bereits besprachen, lesen wir: „Und sie (d. h. die Leviten) sollen einen jungen Stier nehmen und sein Speisopfer: Feinmehl, gemengt mit Öl; und einen anderen jungen Stier sollst du nehmen zum Sündopfer. Und du sollst die Leviten vor das Zelt der Zusammenkunft herzutreten lassen und die ganze Gemeinde der Kinder Israel versammeln. Und du sollst die Leviten vor den HERRN herzutreten lassen, und die Kinder Israel sollen ihre Hände auf die Leviten legen. Und Aaron soll die Leviten als Webopfer von Seiten der Kinder Israel vor dem HERRN weben, damit sie da seien, um den Dienst des HERRN zu verrichten. Und die Leviten sollen ihre Hände auf den Kopf der Stiere legen; und du sollst dem HERRN den einen als Sündopfer und den anderen als Brandopfer opfern, um für die Leviten Sühnung zu tun“ (4. Mo 8,8–12).

In diesem Text werden uns im Bild die beiden großen Seiten des Todes Christi dargestellt – die eine durch das Sündopfer, und die andere durch das Brandopfer. Wir wollen jetzt nicht die Einzelheiten dieser Opfer besprechen, denn das haben wir ja bereits in den ersten Kapiteln der „Gedanken zum dritten Buch Mose“ versucht. Nur dies ist hier zu bemerken, dass wir im Sündopfer Christus sehen, wie Er die Sünde an seinem Leib auf dem Holz getragen (s. 1. Pet 2,24) und den Zorn Gottes über die Sünde erduldet hat; im Brandopfer dagegen sehen wir Christus, wie Er Gott selbst da verherrlichte, als Er die Sühnung war für die Sünde. In beiden Opfern geht es um Sühnung; im ersten ist es Sühnung entsprechend der Tiefe dessen, was der Sünder bedarf; im zweiten ist es Sühnung nach dem Maß der Ergebenheit Christi Gott gegenüber. In dem einen sehen wir, wie hassenswürdig Sünde ist, in dem anderen sehen wir die Kostbarkeit Christi. Es geht dabei – was wohl kaum noch gesagt werden muss – um den einen Sühnungstod Christi, dargestellt von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus.

Nun, die Leviten legten ihre Hände sowohl auf das Sündopfer als auch auf das Brandopfer. Diese Handlung des Handauflegens drückt aus, dass man sich mit etwas eins macht. Aber wie verschieden ist das Ergebnis in diesen beiden Fällen! Wenn Levi seine Hand auf das Sündopfer legte, dann bedeutete das, dass alle seine Sünden, seine Schuld, seine Wildheit, Grausamkeit und Eigenwilligkeit auf das Opfer übergingen; wenn er andererseits aber seine Hand auf das Brandopfer legte, dann bedeutete es, dass die ganze Wohlannehmlichkeit des Opfers und all seine Vollkommenheit auf Levi übergingen. Das, was wir daraus lernen können, ist auch in der so wichtigen Stelle am Ende von 2. Korinther 5,21 enthalten: „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“

„Und so sollst du die Leviten vor Aaron und vor seine Söhne stellen und sie dem HERRN als Webopfer weben; und du sollst die Leviten aus der Mitte der Kinder Israel aussondern, dass die Leviten mir gehören. Und danach sollen die Leviten kommen, um das Zelt der Zusammenkunft zu bedienen. So sollst du sie reinigen und sie als Webopfer weben. Denn sie sind mir ganz zu Eigen gegeben aus der Mitte der Kinder Israel; anstatt dessen, was den Mutterschoß durchbricht, anstatt jedes Erstgeborenen aus den Kindern Israel habe ich sie mir genommen. Denn mein ist alles Erstgeborene unter den Kindern Israel an Menschen und an Vieh. An dem Tag, als ich alle Erstgeburt im Land Ägypten schlug, habe ich sie mir geheiligt. Und ich habe die Leviten genommen anstatt aller Erstgeborenen unter den Kindern Israel; und die Leviten habe ich Aaron und seinen Söhnen als Gabe aus der Mitte der Kinder Israel gegeben, damit sie den Dienst der Kinder Israel am Zelt der Zusammenkunft verrichten und für die Kinder Israel Sühnung tun, damit unter den Kindern Israel keine Plage dadurch entstehe, dass die Kinder Israel dem Heiligtum nahen. Und Mose und Aaron und die ganze Gemeinde der Kinder Israel taten so mit den Leviten; nach allem, was der HERR Mose geboten hatte wegen der Leviten, so taten die Kinder Israel mit ihnen“ (4. Mo 8,13–20).

Wie sehr erinnern diese Zeilen an die Worte unseres Herrn in Johannes 17! „Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben, und sie haben dein Wort gehalten … Ich bitte für sie; nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein (und alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, mein), und ich bin in ihnen verherrlicht“ (V. 6–10).

Die Leviten bildeten ein abgesondertes Volk, sie waren Gottes besonderes Eigentum. Sie nahmen den Platz aller Erstgeborenen in Israel ein, derer, die durch das Blut des Lammes vom Schwert des Würgeengels gerettet worden waren. Sie waren, bildlich gesprochen, ein totes und auferstandenes, für Gott abgesondertes Volk, das Er, Gott, als ein Geschenk dem Hohenpriester Aaron gab, damit es den Dienst im Zelt verrichtete.

Was für ein Platz war das für den eigenwilligen, heftigen und grausamen Levi! Was für ein Sieg der Gnade! Was für ein lebendiges Bild von der Wirksamkeit des Sühnungsblutes und des Wassers der Reinigung! Von Natur aus und in ihrem ganzen Leben waren die Leviten weit weg von Gott gewesen; aber das Blut des Sühnopfers, das Wasser der Reinigung und das Schermesser des Selbstgerichts hatten ihr Werk getan, und deshalb konnten die Leviten als ein Geschenk Aaron und seinen Söhnen gegeben werden, um mit ihnen zusammen den heiligen Dienst am Zelt der Zusammenkunft zu tun.

In allen diesen Dingen sind die Leviten ein treffendes Bild von Gottes Volk heute. Diejenigen, die dazu gehören, sind aus den Tiefen ihrer Erniedrigung und ihres Verderbens als Sünder herausgenommen worden. Sie sind gewaschen in dem kostbaren Blut Christi, gereinigt dadurch, dass sie Gottes Wort auf sich anwendeten, und berufen, andauernd ein strenges Selbstgericht zu üben. Auf diese Weise sind sie befähigt für den heiligen Dienst, zu dem sie berufen sind. Gott hat sie seinem Sohn gegeben, damit sie seine Arbeiter in dieser Welt seien. „Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben.“ – Wunderbarer Gedanke, dass von solchen, wie wir sind, so etwas gesagt werden kann! Zu denken, dass wir Gottes Eigentum und Gottes Geschenk für seinen Sohn sind! Ja, es übersteigt alles menschliche Denken. Wir sind nicht nur von der Hölle errettet – und es ist wahr, dass wir das sind, wir haben nicht nur Vergebung erlangt, sind gerechtfertigt und angenommen – auch das ist wahr, sondern wir sind zu dem hohen und heiligen Werk berufen, durch diese Welt den Namen, das Zeugnis, die Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus zu tragen. Das ist unsere Aufgabe als wahre Leviten. Als Kriegsleute sind wir zum Kampf berufen; als Priester dürfen wir anbeten; als Leviten aber sind wir verantwortlich zu dienen, und dieser unser Dienst besteht darin, durch diese dürre wüste Welt das Gegenbild des Zeltes der Zusammenkunft zu tragen. Das Zelt der Zusammenkunft war ein Bild Christi. Das ist unsere klare Richtlinie für den Dienst, und dazu sind wir berufen und abgesondert.

Es ist interessant, dass wir nur hier im vierten Buch Mose alle die wundervollen und sehr lehrreichen Einzelheiten über die Leviten erfahren. Das weist noch einmal auf die Eigenart dieses Buches hin. Vom Wüsten-Standpunkt aus gewinnen wir eine umfassende und richtige Sicht sowohl von den Arbeitern als auch von den Kriegern Gottes.

Der Dienst der Leviten

Wir wollen uns jetzt dem Dienst der Leviten zuwenden, wie er im Einzelnen in 4. Mose 3 und 4 beschrieben wird. „Und der HERR redete zu Mose und sprach: Lass den Stamm Levi herzutreten und stelle ihn vor Aaron, den Priester, dass sie ihm dienen; … und sie sollen alle Geräte des Zeltes der Zusammenkunft warten und den Dienst für die Kinder Israel versehen, um den Dienst der Wohnung zu verrichten. Und die Leviten sollst du Aaron und seinen Söhnen geben; ganz zu Eigen sind sie ihm gegeben von Seiten der Kinder Israel“ (4. Mo 3,5–9).

Die Leviten stellten die ganze Gemeinde Israel dar und handelten in ihrem Namen. Das geht aus der Tatsache hervor, dass die Kinder Israel ihre Hände auf die Leviten legten, ebenso, wie die Leviten ihre Hände auf die Opfertiere legten (s. Kap. 8,10). Diese Handlung des Händeauflegens drückte Einsmachung aus, und deshalb können wir sagen, dass die Leviten das ganze Volk Gottes in der Wüste darstellen, und zwar unter einem besonderen Gesichtspunkt: Sie zeigen uns das Volk als eine Gruppe eifriger Arbeiter – und, was zu beachten ist, nicht etwa als Arbeiter ohne bestimmten Plan, die hin und her rennen und von denen jeder das tut, was er für richtig hält. Nichts dergleichen! Wenn die Kriegsleute ihre Abstammung nachweisen mussten und sich um ihr Banner zu sammeln hatten, so hatten sich auch die Leviten um ihren Mittelpunkt zu scharen und die ihnen zugewiesene Arbeit zu tun. Alles war klar, deutlich und bestimmt, von Gott angeordnet und unter der unmittelbaren Autorität und Leitung des Hohenpriesters.

Für alle, die wahre Leviten sein wollen, ist es notwendig, das ernsthaft zu erwägen. Der Dienst eines Leviten sollte durch die Anordnung des Priesters geregelt werden. Dieser Dienst ließ dem eigenen Willen ebenso wenig Raum wie die Stellung eines Kriegers. Alles war von Gott geregelt. Für jemanden, dessen Wille ungebrochen war, mag es eine große Anstrengung und Unterdrückung und eine sehr ermüdende Aufgabe gewesen sein, immer dasselbe tun zu müssen. Er mag nach etwas Neuem ausgeschaut haben, nach ein wenig Abwechslung in seiner Arbeit. Der aber, dessen Wille Gott unterworfen war, konnte sagen: Mein Weg ist völlig geebnet, ich habe nur zu gehorchen. – Und das gerade ist die Aufgabe eines wahren Dieners. In ganz besonderem Maß traf das für ihn zu, der der einzige vollkommene Diener war, der jemals über diese Erde ging. Er konnte sagen: „Ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (Joh 6,38). Und ein anderes Mal: „Meine Speise ist, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe“ (Joh 4,34).

Aber noch eine andere Tatsache hinsichtlich der Leviten ist beachtenswert: Ihr Dienst bezog sich ausschließlich auf das Zelt und das, was dazu gehörte. Außerhalb dieses Bereiches hatten sie nichts zu tun. Wenn ein Levit erwogen hätte, an irgendeiner anderen Tätigkeit mitzuarbeiten, dann hätte er damit seine Berufung verleugnet, das ihm von Gott angewiesene Werk verlassen und den Anordnungen Gottes widerstanden.

Genauso verhält es sich heute mit den Christen. Ihre einzige Pflicht, ihre einzige Arbeit und ihr ausschließlicher Dienst beziehen sich auf Christus. Es geht nur um ihn und das, was ihm gehört. Nichts sonst haben sie zu tun. Wenn ein Christ erwägt, irgendetwas anderes zu tun, verleugnet er damit seine Berufung. Ein wirklicher Levit konnte sagen: „Für mich ist das Zelt der Zusammenkunft mein Leben“, und ein wirklicher Christ kann jetzt sagen: „Das Leben ist für mich Christus“ (Phil 1,21). In allem, was einem Christen begegnet, heißt die entscheidende Frage für ihn: „Kann ich das mit Christus in Verbindung bringen?“ Denn wenn dies nicht möglich ist, habe ich mit der betreffenden Angelegenheit gar nichts zu tun.

Es handelt sich also einfach darum, ob und wie weit etwas den Namen und die Ehre Christi berührt. Das vereinfacht alles sehr; es beantwortet tausend Fragen, löst tausend Schwierigkeiten und macht den Weg eines ernsten Christen völlig klar.

Jedem seine Aufgabe

Ein Levit hatte, was seine Arbeit anging, keinerlei Schwierigkeiten. Es war alles für ihn göttlich genau bestimmt. Die Last, die jeder zu tragen, und das Werk, das jeder zu tun hatte, waren so klar bezeichnet, dass für zweifelnde Fragen des Herzens kein Raum blieb. Jeder konnte seine Arbeit kennen und tun. Jeder entsprach gewissenhaft seiner eigenen Berufung.

Drei Gruppen der Leviten

Es ist gut, sich das einzuprägen. Wir sind als Christen geneigt, in die Angelegenheiten eines anderen überzugreifen, und wir tun es ganz gewiss, wenn nicht jeder seiner eigenen, ihm von Gott vorgezeichneten Arbeit nachkommt. Es ist wichtig, dass sie wirklich von Gott vorgezeichnet ist, denn wir haben kein Recht, uns unsere eigene Arbeit zu suchen. Wenn der Herr den einen zum Evangelisten, den anderen zum Lehrer, einen dritten zum Hirten und den vierten zu einem Ermahner gesetzt hat, dann ist die Arbeit sicher nicht so auszuführen, dass der Evangelist zu lehren versucht und der Lehrer zu ermahnen, oder dass jemand, der zu keinem von beidem befähigt ist, beides zu tun versucht. Nein, sondern die Arbeit wird getan, indem jeder die ihm von Gott verliehene Gabe gebraucht. Zweifellos kann es auch dem Herrn gefallen, jemanden mit mehreren Gaben auszurüsten. Aber das berührt überhaupt nicht den Grundsatz, um den es hier geht. Dieser Grundsatz besteht einfach darin, dass jeder von uns verantwortlich ist, seinen eigenen besonderen Weg zu erkennen und zu gehen. Größter Schaden wird der Sache Christi zugefügt und dem Werk Gottes in der Welt, wenn jemand den Weg eines anderen gehen will oder versucht, die Gabe eines anderen nachzuahmen. Das ist ein Fehler, vor dem ich jeden warnen möchte. Außerdem sind derartige Bemühungen völlig sinnlos, denn Gott wiederholt sich niemals. Nicht zwei Gesichter sind einander völlig gleich, ebenso wenig zwei Blätter in einem Wald oder zwei Grashalme. Warum sollte es dann jemand auf die Arbeit eines anderen absehen oder so tun, als habe er genau die Gabe, die ein anderer hat? Jeder mag zufrieden sein, wenn er gerade das ist, zu dem sein Meister ihn gemacht hat. Das ist das Geheimnis wahren Friedens und wirklichen Fortschritts.

Alles das veranschaulicht uns der von Gott eingegebene Bericht über den Dienst der drei verschiedenen Gruppen unter den Leviten, der Gersoniter, der Merariter und der Kehatiter.

„Und der HERR redete zu Mose in der Wüste Sinai und sprach: Mustere die Söhne Levis … „ (4. Mo 3,14–26). Und später lesen wir: „Der HERR redete zu Mose und sprach: Nimm auch die Summe der Söhne Gersons auf … und ihr Dienst sei unter der Hand Ithamars, des Sohnes Aarons, des Priesters“ (4. Mo 4,21–28).

Gerson und sein Bruder Merari sollten das Zelt der Zusammenkunft tragen, während Kehat zum Tragen des Heiligtums berufen war, wie wir in Kapitel 10 lesen: „Und die Wohnung wurde abgebaut, und es brachen auf die Söhne Gersons und die Söhne Meraris, die die Wohnung trugen … Und die Kehatiter brachen auf, die das Heiligtum trugen; und jene richteten die Wohnung auf, bis diese kamen“ (Vers 17.21). Gerson und Merari waren in ihrem Dienst durch ein festes geistiges Band verbunden, obwohl sie völlig verschiedene Arbeiten zu tun hatten. Wir sehen es in Kapitel 4,29–33: „Die Söhne Meraris – nach ihren Familien, … unter der Hand Ithamars, des Sohnes Aarons, des Priesters.“

Alles dies war klar und deutlich. Gerson hatte nichts mit den Brettern und Pflöcken zu tun und Merari nichts mit den Vorhängen und Decken. Und doch waren sie sehr eng verbunden, denn sie waren voneinander abhängig. Die Säulen und Füße hätten nichts genützt ohne die Vorhänge und die Vorhänge nichts ohne die Säulen und Füße. Und was die Pflöcke angeht, die doch so unbedeutend erscheinen mochten – ihre Bedeutung lag darin, dass sie alles miteinander verbanden und so die sichtbare Einheit des Ganzen ermöglichten. So arbeitete alles auf ein gemeinsames Ziel hin, und dieses Ziel wurde dann erreicht, wenn jeder seiner eigenen besonderen Arbeit nachging. Wenn es sich ein Gersoniter in den Kopf gesetzt hätte, die Vorhänge liegen zu lassen und sich um die Pflöcke zu kümmern, dann hätte er damit seine eigene Arbeit vernachlässigt und sich in die der Merariter eingemischt. Das hätte alles in Verwirrung gebracht, während doch alles in der besten Ordnung blieb, wenn alle die Anordnungen Gottes befolgten.

Unterordnung unter Gottes Anweisungen

Es muss sehr schön gewesen sein, Gottes Arbeiter in der Wüste zu beobachten. Jeder stand auf seinem Posten, und jeder bewegte sich in dem Wirkungskreis, den Gott ihm zugewiesen hatte. Wenn die Wolke sich erhob und der Befehl zum Abbrechen des Zeltes gegeben wurde, dann wusste jeder, was er zu tun hatte. Niemand hatte irgendein Recht, sich seine eigenen Gedanken über das Ganze zu machen. Gottes Gedanken galten für sie alle. Die Leviten hatten von sich selbst erklärt, dass sie auf der Seite des HERRN stünden; sie hatten sich seiner Autorität unterworfen. Diese Tatsache lag ihrem ganzen Werk und ihrem Dienst in der Wüste zugrunde. In diesem Licht gesehen musste es völlig belanglos erscheinen, ob jemand einen Pflock, einen Vorhang oder einen goldenen Leuchter zu tragen hatte. Die große Frage für jeden und alle lautete einfach: Ist das meine Arbeit? Hat das der Herrn zu tun aufgetragen?

Es konnte nur eine oberste Autorität geben: der HERR selbst. Er ordnete für alle an, und alle hatten sich ihm zu unterwerfen. Für den Willen eines Menschen blieb da kein Platz. Das war eine besondere Gnade, denn dadurch wurde Kampf und Verwirrung vorgebeugt. Unterwerfung, ein gebrochener Wille und von Herzen kommende Ergebung in die Autorität Gottes sind unerlässlich – sonst wird es schließlich so sein wie im Buch der Richter: „Jeder tat, was recht war in seinen Augen“ (Ri 17,6). Ein Merariter hätte vielleicht sagen oder jedenfalls denken können: „Wie – da soll ich den besten Teil meines Lebens auf der Erde, die Jahre meiner Blüte und Kraft, damit zubringen, dass ich mich um ein paar Pflöcke kümmere? Ist das der Sinn meines Lebens? Muss das meine Beschäftigung sein von meinem dreißigsten bis zu meinem fünfzigsten Lebensjahr?“

Auf solche Fragen gab es gleich zwei Antworten. Erstens war es für den Merariter genug, zu wissen, dass der HERR ihm seine Arbeit zugeteilt hatte. Das reichte hin, einer Sache Würde zu verleihen, die man sonst vielleicht als die kleinste und geringste angesehen hätte. Es kommt nicht darauf an, worin unsere Arbeit besteht – es kommt darauf an, dass sie uns von Gott aufgetragen ist. Es mag jemand eine nach außen hin glänzende Karriere machen; er mag seine Energie, seine Zeit, seine Begabung und sein Vermögen zu Zwecken einsetzen, die in dieser Welt als groß und ehrenvoll gelten – während sich doch in Wirklichkeit sein Leben vielleicht bloß als eine schillernde Seifenblase erweist. Wenn dagegen jemand einfach Gottes Willen tut, was immer dieser Wille auch beinhalten mag, wenn er die Gebote seines Herrn befolgt, so wird der Weg dieses Menschen Gottes Anerkennung finden, und an sein Werk wird gedacht werden, wenn die hochtrabenden Pläne der Kinder dieser Welt in ewiger Vergessenheit versunken sind.

Aber außer dem moralischen Wert, der immer damit verbunden ist, wenn wir das tun, wozu wir berufen sind, hatte aber zweitens das Werk eines Merariters noch eine besondere Würde, auch, wenn dieses Werk nur darin bestand, dass er sich um ein paar Pflöcke und Säulenfüße zu kümmern hatte. Alles, was mit der Stiftshütte in Verbindung stand, war von hohem Wert und verdiente großes Interesse. In der ganzen Welt gab es nichts, was mit diesem Zelt aus Brettern und seinem geheimnisvollen Zubehör verglichen werden konnte. Es war ein heiliges Vorrecht, wenn man den kleinsten Pflock anrühren durfte, der einen Teil dieser wunderbaren Wohnung in der Wildnis ausmachte. Es war viel ehrenvoller, ein Merariter zu sein und sich um die Pflöcke der Wohnung zu kümmern, als das Zepter Ägyptens oder Assyriens zu führen. Dieser Merariter mochte wohl – wie es sein Name sagt – wie ein armer, trauriger, arbeitender Mensch aussehen, aber seine Arbeit stand in Verbindung mit der Wohnstätte Gottes, des Allerhöchsten, dessen, der Himmel und Erde besitzt. Seine Hände berührten die Gegenstände, die Bilder der Dinge in den Himmeln waren. Jeder Pflock, jeder Fuß, jeder Umhang und jede Decke war ein Schatten besserer Dinge, die kommen würden (vgl. Heb 8,5) – ein vorausgeworfenes Schattenbild Christi.

Es soll damit nicht gesagt sein, dass so ein armer arbeitender Merariter oder Gersoniter diese Dinge verstand. Aber darum handelt es sich auch gar nicht. Wir können diese Dinge verstehen. Es ist unser Vorrecht, das Zelt der Zusammenkunft und seine geheimnisvollen Geräte in dem hellen Licht des Neuen Testaments zu sehen, und dann erkennen wir in allem Christus.

Dennoch kann man, ohne damit etwas darüber auszusagen, wie weit die Leviten Einsicht in die Bedeutung ihrer Arbeit hatten, doch behaupten, dass es ein wundervolles Vorrecht für die Leviten war, die irdischen Abbilder himmlischer Wirklichkeiten zu berühren und durch die Wüste tragen zu dürfen. Außerdem war es eine besondere Gnade für sie, hinter allem, was sie taten, die Autorität des „So spricht der HERR“ zu wissen. Wer kann eine solche Gnade, ein solches Vorrecht ermessen? Jedem Glied dieses erstaunlichen Stammes von Arbeitern war von der Hand Gottes selbst sein Werk genau vorgezeichnet, und Gottes Priester überwachte alles. Alle unterwarfen sich der Autorität Gottes und taten genau das, wozu sie berufen waren. Das war das ganze Geheimnis der Ordnung unter den 8580 Arbeitern (Kap. 4,48); und wir können mit festem Vertrauen sagen, dass das auch jetzt noch das einzige wahre Geheimnis einer Ordnung ist. Warum sehen wir so viel Verwirrung in der Versammlung? Warum diese einander widersprechenden Gedanken, Gefühle und Meinungen? Warum so viel Streit untereinander? Es ist lediglich die Folge eines Mangels an absoluter Unterwerfung unter Gottes Wort. Unser Wille ist wirksam. Wir wählen unseren eigenen Weg, statt zuzulassen, dass Gott ihn für uns wählt. Es fehlt uns die Haltung der Seele, die alle, aber auch alle menschlichen Gedanken (unsere eigenen mit einbegriffen) dorthin verweist, wohin sie wirklich gehören, und die Gedanken Gottes zu völliger, unbedingter Herrschaft erhebt.

Wir alle fühlen, dass dies das dringende Erfordernis der Tage ist, in denen wir leben. Überall gewinnt der Wille des Menschen immer mehr die Oberhand. Er wächst wie eine mächtige Flutwelle und sucht alle Schranken zu durchbrechen. „Lasst uns zerreißen ihre Fesseln und von uns werfen ihre Seile“ (Ps 2,3) – das charakterisiert den Geist unserer Zeit. Und worin besteht das Heilmittel? Es besteht in der Unterwerfung unter die Stimme des lebendigen Gottes, unter die Worte der Heiligen Schrift. Es ist das Heilmittel gegen Eigenwillen auf der einen und Unterwerfung unter bloße menschliche Autorität auf der anderen Seite. Die Antwort auf den Eigenwillen lautet: „Wir müssen gehorchen“ – und die Antwort auf das Sich-Beugen vor bloß menschlicher Autorität: „Wir müssen Gott gehorchen.“ Diese beiden Elemente sehen wir überall um uns her. Das Erstere, der Eigenwille, löst sich immer mehr in Unglauben auf, und das Letztere, die Unterwerfung unter den Menschen, in Irrglauben. Beide Strömungen üben eine immer größer werdende Macht auf die ganze zivilisierte Welt aus. Sie werden alle fortreißen außer denen, die von Gott selbst gelehrt wurden, nach dem unveränderlichen Satz zu handeln: „Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen“ (Apg 5,29).

Das war es auch, was den Gersoniter in der Wüste befähigte, sich um die rauen, unansehnlichen Seekuhfelle zu kümmern, und den Merariter bewog, auf die scheinbar bedeutungslosen Pflöcke zu achten. Das ist es auch, was heute einen Christen befähigen kann, sich selbst der Aufgabe zu widmen, zu der sein Herr ihn beruft. Was tut es, wenn diese Aufgabe für ein menschliches Auge wenig anziehend, mittelmäßig und unbedeutend erscheint – es ist genug, wenn unser Herr uns Platz und Arbeit angewiesen hat und dass unser Dienst in direkter Beziehung steht zu dem, der der Ausgezeichnete unter Zehntausenden ist und an dem alles lieblich ist (Hld 5,10.16).

Der Wert Christi in den Augen Gottes

Auch wir mögen uns vielleicht, bildlich gesprochen, auf ein raues, unscheinbares Seekuhfell oder einen unbedeutenden Pflock zu beschränken haben. Aber denken wir daran, dass alles, was in dieser Welt mit Christus, mit seinem Namen, seiner Person und seiner Sache in Verbindung steht, für Gott unaussprechlich wertvoll ist! Es mag nach dem Urteil der Menschen sehr gering sein, aber was liegt daran? Wir müssen die Dinge von Gottes Standpunkt aus betrachten und sie nach seinem Maßstab beurteilen, und dieser Maßstab ist Christus. An Christus misst Gott alles. Was immer auch nur in irgendeiner Weise mit Christus in Verbindung steht, ist nach Gottes Urteil gut und wichtig, während die erstaunlichen Unternehmungen der Menschen dieser Weit vergehen wie der Morgennebel.

Der Mensch bestimmt sich selbst seinen Mittelpunkt, sein Ziel und seinen Maßstab. Er bewertet die Dinge danach, wie weit sie ihn selber erheben und seine Interessen fördern. Auch die Religion und das, was so genannt wird, werden zu einer Grundlage, auf der man sich selbst entfaltet. Aus allem schlägt man Kapital für das Ich, alles wird wie ein Scheinwerfer benutzt, um Licht auf diesen Gegenstand zu werfen. Zwischen Gottes Gedanken und den Gedanken eines Menschen besteht eine mächtige Kluft und ihre Ränder liegen ebenso weit voneinander entfernt wie Christus und das Ich. Alles, was zu Christus gehört, ist von ewigem Interesse und ewiger Bedeutung, während alles, was zum Ich gehört, vorbeigehen und vergessen sein wird. Deshalb ist es der verhängnisvollste Fehler, den ein Mensch machen kann, wenn er sein Ich zum Hauptinhalt seines Lebens macht – denn das muss in ewiger Enttäuschung enden –, während das Klügste und Beste, das ein Mensch tun kann, darin besteht, Christus zu seinem einzigen und alles beanspruchenden Ziel zu machen – denn das wird zu ewigem Segen und ewiger Herrlichkeit führen.

Prüfen wir unser eigenes Herz und unser Gewissen! Es scheint mir, dass ich hier eine besondere Verantwortung jedem Leser gegenüber habe. Ich schreibe diese Zeilen in der Einsamkeit meines Zimmers in Bristol, und vielleicht liest du sie alleine, in deinem Zimmer, in Neuseeland, Australien oder sonst irgendwo. Es geht mir nicht darum, ein Buch zu schreiben, und es geht mir auch nicht darum, einen Teil der Heiligen Schrift auszulegen. Ich möchte von Gott gebraucht werden, der sich um deine Seele kümmert. Deshalb möchte ich diese ernste Frage stellen: Worum geht es dir in Wirklichkeit? Ist es Christus – oder bist du es selbst? Seien wir uns selber gegenüber ehrlich vor dem allmächtigen und alles erkennenden Erforscher des Herzens! Weichen wir doch diesem strengen Urteil über uns selbst in dem hellen Licht der Gegenwart Gottes nicht aus! Täuschen wir uns nicht durch irgendwelche Schönfärberei! Gott sieht unter die Oberfläche der Dinge, und Er möchte, dass wir es ebenso tun. Er stellt uns, er stellt dir Christus vor – im Gegensatz zu allem anderen. Hast du ihn angenommen? Ist Er deine Weisheit, deine Gerechtigkeit, deine Heiligkeit und deine Erlösung? Kannst du ohne zu zögern sagen: „Ich bin meines Geliebten; und mein Geliebter ist mein?“ (Hld 6,3). Prüfen wir uns doch genau! Ist das in der Tiefe unserer Seele völlig gewiss? Und wenn ja – haben wir Christus zum ausschließlichen Ziel und Zweck unseres Lebens gemacht? Beurteilen wir alles nach ihm?

Das alles sind schwerwiegende Fragen, die man nicht stellen kann, ohne ihre Schärfe und ihr Gewicht selber zu fühlen. Wir können zutiefst davon überzeugt sein, dass nichts bestehen bleiben wird außer dem, was mit Christus in Verbindung steht, und dass andererseits die kleinste Kleinigkeit, die einen (wenn auch geringen) Bezug zu ihm hat, im Urteil des Himmels von großer Bedeutung ist.

Der Dienst der Kehatiter

Bevor wir dieses Kapitel beenden, müssen wir noch einen Blick auf die Kehatiter und ihre Arbeit werfen.

„Und der Herr redete zu Mose und zu Aaron und sprach: Nimm … Das ist es, was die Söhne Kehats vom Zelt der Zusammenkunft zu tragen haben“ (4. Mo 4,1–15).

Hier sehen wir, welche wertvollen und geheimnisvollen Dinge der Sorge der Kehatiter anvertraut waren. Die Bundeslade, der goldene Tisch, der goldene Leuchter, der goldene Altar und der Brandopferaltar – alles das waren Schatten zukünftiger Dinge, Abbilder der Dinge im Himmel, Darstellungen des Wahrhaftigen, Gegenbilder Christi in seiner Person, in seinem Werk und in seinen Ämtern, wie ich es in den „Gedanken zum zweiten Buch Mose“ darzulegen versucht habe (in Kap. 24–30). Wir sehen diese Dinge hier in der Wüste in ihrem Reisekleid vorgestellt – wenn dieser Ausdruck hier einmal erlaubt ist. Außer der Bundeslade boten diese Dinge alle den gleichen Anblick, nämlich den einer rauen Decke von Seekuhfell. Mit der Lade war es insofern anders, als über dem Seekuhfell ein Tuch „aus blauem Purpur“ lag, das ohne Zweifel den ganz und gar himmlischen Charakter des Herrn Jesus Christus in seiner göttlichen Person vorstellte. Der himmlische Charakter, der sein ganzes Wesen kennzeichnete, war in seinem Leben hier auf der Erde sichtbar. Er war der himmlische Mensch, der Herr vom Himmel. Unmittelbar unter dieser Decke aus blauem Purpur lagen die Seekuhfelle, die als Symbol davon angesehen werden können, was vor dem Bösen bewahrt. – Auf diese besondere Weise wurde, wie gesagt, nur die Bundeslade zugedeckt.

Auf dem „Tisch der Schaubrote“, ein Abbild unseres Herrn Jesus Christus in seiner Verbindung mit den zwölf Stämmen Israels, lag zuerst ein „Tuch aus blauem Purpur“ und dann ein „Tuch aus Karmesin“, und darüber wurden die Seekuhfelle gedeckt. Mit anderen Worten: Zuerst sehen wir das, was wesenhaft himmlisch ist, dann das, was menschliche Herrlichkeit darstellt, und über allem das, was vor dem Bösen bewahrt. Es ist der Plan Gottes, dass die zwölf Stämme Israels einen hervorragenden Platz auf der Erde einnehmen sollen und dass in ihnen die höchste Form menschlichen Glanzes dargestellt werden soll. Deshalb ist auch die Karmesindecke auf dem Schaubrotetisch so passend. Die zwölf Brote weisen offenbar auf die zwölf Stämme Israels hin; und was die Karmesinfarbe angeht, so braucht man nur die Schrift durchzugehen, um zu sehen, dass sie andeutet, was ein Mensch für prächtig hält.

Der goldene Leuchter und der goldene Altar wurden auf die gleiche Weise zugedeckt, nämlich zuerst mit der himmlischen Decke und dann von außen mit dem Seekuhfell. In dem Leuchter sehen wir unseren Herrn Christus, wie Er in Verbindung mit dem Werk des Heiligen Geistes Licht und Zeugnis gibt. Der goldene Altar zeigt uns Christus und seine Mittlerrolle – den Wohlgeruch und Wert dessen, was Er für Gott ist. Beide Gegenstände wurden auf ihrer Reise durch die Wüste mit dem, was himmlisch ist, umhüllt und von außen durch die Seekuhfelle geschützt.

Schließlich bemerken wir im Hinblick auf den Altar aus Kupfer einen bemerkenswerten Unterschied. Er wurde mit rotem Purpur statt mit blauem Purpur oder mit Karmesin bedeckt. Warum? Zweifellos deshalb, weil der Altar aus Kupfer Christus als denjenigen zeigt, der „für Sünden gelitten“ hat und der deshalb das Zepter des Königtums tragen wird. Roter Purpur ist die königliche Farbe. Dieser Eine, der in der Welt gelitten hat, wird regieren; der Eine, der die Dornenkrone trug, wird die Krone der Herrlichkeit tragen. Daher war der rote Purpur die passende Decke für den Altar aus Kupfer – denn auf diesem Altar wurde das Opfer dargebracht.

In der Heiligen Schrift hat alles seine eigene von Gott gegebene Bedeutung, und es ist unser Vorrecht und unsere Pflicht zu versuchen, die Bedeutung dieser vielen Einzelheiten zu verstehen, die unser Gott uns zu unserer Belehrung hat niederschreiben lassen. Das können wir nur erreichen, wenn wir demütig, geduldig und betend auf ihn warten. Und nur so wird auch unsere Phantasie kontrolliert. Nur der Geist Gottes kann uns die Schrift öffnen. Gott ist sein eigener Ausleger, und je mehr wir uns wirklich auf ihn stützen, ohne die Meinung, selbst etwas zu wissen, umso tiefer werden wir Einsicht in sein Wort und in seine Wege haben.

Aus diesem Grund möchte ich jedem Christen, der diese Zeilen liest, raten, die ersten fünfzehn Verse von 4. Mose 4 in der Gegenwart Gottes zu lesen. Bitte ihn, dir die Bedeutung jedes Satzes zu zeigen – die Bedeutung der Lade und warum nur sie mit einem blauen Purpurtuch bedeckt wurde usw. Ich habe versucht – und ich sage es voller Demut –, Hinweise zu geben; aber von ganzem Herzen wünsche ich, dass jeder Leser die Bedeutung dieser Verse für sich selbst von Gott erbittet und es nicht bloß von irgendeinem Menschen annimmt. Ich bekenne, dass ich schreckliche Angst vor aller Phantasie habe und überzeugt bin, dass wirklich nur der Heilige Geist alles erklären kann.

Es mag jemand einwenden: Warum schreibt der Verfasser dann aber das alles? Nun, ich schreibe es in der Hoffnung, dadurch ein wenig denen, die voller Ernst die Heilige Schrift untersuchen, zu helfen, die Edelsteine zu sehen, die auf jeder Seite zu finden sind, und sich daran zu erfreuen. Tausende lesen vielleicht wieder und wieder 4. Mose 4 und nehmen nicht einmal wahr, dass nur die Lade unter all den Geräten des Heiligtums nicht nach außen hin ein Seekuhfell zeigte. Und wenn man diese simple Tatsache schon übersieht, wie kann man dann ihre Bedeutung erkennen? Dasselbe gilt für den Altar aus Kupfer. Wie viele haben nicht einmal wahrgenommen, dass nur er mit rotem Purpur bedeckt war!

Nun, wir können sicher sein, dass beides seine geistliche Bedeutung hat. Die Lade war damals die höchste Offenbarung Gottes. Wir können deshalb auch verstehen, warum an ihr für einen ersten Blick das sichtbar wurde, was nur zum Himmel gehörte. Der Altar aus Kupfer war der Platz, an dem die Sünde gerichtet wurde. Er stellte sinnbildlich Christus in seinem Werk als Sündenträger vor, er zeigte, bis zu welch einem tiefen Platz Er sich für uns erniedrigt hat – und doch war nur der Altar aus Kupfer in eine königliche Decke gehüllt. Kann es etwas Vorzüglicheres geben als das, was uns dieses hier lehrt? Welch unendliche Weisheit tut sich in all diesen feinen Unterschieden kund! Die Lade führt uns zum höchsten Platz im Himmel, der Altar aus Kupfer zum tiefsten auf der Erde. Sie standen an den beiden äußersten Enden der Stiftshütte. Im ersteren sehen wir den Einen, der das Gesetz verherrlichte, und im letzteren ihn, der zur Sünde gemacht wurde. An der Lade erkannte man zunächst das, was himmlisch war, und erst, wenn man tiefer sah, entdeckte man das Seekuhfell; und wenn man dann noch tiefer blickte, so begegnete man endlich jenem geheimnisvollen Vorhang, dem Bild von dem Fleisch Christi (s. Heb 10). An dem Altar dagegen sah man als Erstes das Seekuhfell und dann darunter die königliche Decke. Wir erkennen in allem Christus, jedoch von verschiedenen Seiten aus betrachtet. Die Bundeslade zeigt Christus, wie Er die Ehre Gottes bewahrt, und im Altar aus Kupfer sehen wir ihn als Den, der dem Bedürfnis des Sünders begegnet. Welch eine segensvolle Zusammenstellung für uns!

Weiter fällt an dem hier behandelten Abschnitt auf, dass ein Gegenstand nicht erwähnt wird, von dem wir aus 2. Mose 30 und anderen Stellen wissen, dass er im Zelt der Zusammenkunft einen wichtigen Platz einnahm: das Waschbecken aus Kupfer. Warum hat Gott es in 4. Mose 4 fehlen lassen?

Der Grund mag sowohl in dem Material, aus dem es gefertigt wurde, als auch in seinem Zweck liegen. Wir haben es bereits im 2. Buch Mose bemerkt. Das Waschbecken war aus den Spiegeln der Frauen, die sich an der Tür des Zeltes der Zusammenkunft versammelt hatten, gemacht worden (2. Mo 38,8), und sein Zweck bestand darin, ein Mittel zur Reinigung für die Menschen zu sein. Nun, in allen jenen Dingen, die der besonderen Obhut der Kehatiter anvertraut waren, sehen wir ausschließlich die verschiedenen Offenbarungen Gottes in Christus – angefangen von der Lade im Allerheiligsten bis zum Altar aus Kupfer im Vorhof der Stiftshütte. Und weil das Becken keine Offenbarung Gottes darstellte, sondern ein Mittel der Reinigung für den Menschen war, wird es dem Schutz und der Obhut der Kehatiter nicht übertragen.

Ich möchte jetzt diesen so tiefen Teil des vierten Buches Mose (Kap. 3 und 4) verlassen und jeden bitten, ihn selber noch einmal genau zu überdenken. Er ist wirklich unausschöpfbar. Man könnte darüber Bände statt Seiten füllen – und würde am Ende doch fühlen, dass man nur wenig weiter als gerade unter die Oberfläche vorgedrungen ist.

Fußnoten

  • 1 Wenn ich den Ausdruck „Allgenugsamkeit des Namens des Herrn Jesus Christus“ gebrauche, verstehe ich darunter alles, was seinem Volk in diesem Namen zugesichert ist: Leben, Gerechtigkeit, Annahme, die Gegenwart des Heiligen Geistes mit seinen verschiedenen Gaben, ein göttlicher Mittel- oder Sammelpunkt. Kurz gesagt: alles, was die Versammlung für Zeit oder Ewigkeit benötigen könnte, ist in diesem einen herrlichen Namen des Herrn Jesus Christus einbegriffen.
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