Betrachtungen über das vierte Buch Mose

Die junge rote Kuh

Betrachtungen über das vierte Buch Mose

Ein Bild der Vollkommenheit Christi

Wir haben jetzt einen der wichtigsten Abschnitte des vierten Buches Mose vor uns. Er enthält die interessante und lehrreiche Verordnung über die „rote Kuh“. Warum treffen wir dieses Bild im vierten und nicht im dritten Buch Mose an? In den sieben ersten Kapiteln des dritten Buches findet sich eine sehr genaue Darstellung der Lehre vom Opfer, und dennoch wird dort die „rote Kuh“ nicht erwähnt. Warum? Ich meine, diese Tatsache ist ein neuer Beweis dafür, dass das vierte Buch Mose einen bestimmten, nur ihm eigenen Charakter hat. Die rote Kuh ist ein Bild, das besonders zur Wüste passt. Sie war die Vorsorge Gottes für den Fall einer Verunreinigung während des Weges und sie zeigt uns, wie der Tod Christi allem begegnet, was wir auf dem Weg durch eine verdorbene Welt hin zu unserer ewigen und himmlischen Ruhe brauchen.

„Und der HERR redete zu Mose und zu Aaron und sprach: Dies ist die Satzung des Gesetzes, das der HERR geboten hat, indem er sprach: Rede zu den Kindern Israel, dass sie dir eine rote junge Kuh bringen, ohne Fehl, an der kein Gebrechen, auf die kein Joch gekommen ist“ (V. 1.2).

Wenn wir den Herrn Jesus im Glauben betrachten, so sehen wir in ihm nicht nur den, der in seiner heiligen Person ohne Fehl und Flecken war, sondern auch den einzigen Menschen, der das Joch der Sünde niemals trug. Der Heilige Geist ist der eifersüchtige Hüter der Ehre Christi, und Er hat seine Freude daran, ihn uns in seinem unschätzbaren Wort vorzustellen. Daher kommt es, dass alle Bilder und Schatten, die auf ihn Bezug haben, uns so besonders sorgfältig dargestellt werden. Bei der roten Kuh lernen wir, dass unser Heiland nicht nur im Blick auf seine menschliche Natur innerlich und wesenhaft rein und fleckenlos war, sondern dass Er auch bezüglich seiner Geburt und seines Lebens vollkommen rein von jeder Spur und jedem Schein der Sünde war. Niemals kam das Joch der Sünde auf ihn. Wenn Er von „seinem Joch“ spricht (Mt 11,29), so war dies das Joch der unbedingten Unterwerfung unter den Willen des Vaters in allen Dingen. Das war das einzige Joch, das Er je trug, und dieses Joch trug Er immer. Das gilt für seinen ganzen Weg von der Krippe, in der Er als ein kleines, schwaches Kind lag, bis zum Kreuz, wo Er als das Opfer seinen Geist übergab.

Er ging ans Kreuz, um unsere Sünden zu sühnen und um den Grund zu unserer vollkommenen Reinigung von aller Sünde zu legen; aber Er tat es als Einer, der während seines Lebens niemals das Joch der Sünde getragen hatte. Er war „ohne Sünde“, und als solcher war Er vollkommen fähig, das große und herrliche Werk der Versöhnung zu vollbringen. „... an der kein Gebrechen ist, und auf welche kein Joch gekommen ist.“ Denken wir über die Bedeutung der Worte „an“ und „auf“ nach! Beide Ausdrücke werden von dem Heiligen Geist gebraucht, um die Vollkommenheit unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus zu zeigen, der nicht nur innerlich fleckenlos, sondern auch äußerlich von jeder Spur der Sünde frei war. Weder in seiner Person noch in allem, was Er tat, war Er irgendwie den Anforderungen der Sünde und des Todes unterworfen. Er kam in die volle Wirklichkeit unserer Umstände und unseres Zustandes; aber in ihm war keine Sünde und auf ihm kein Joch der Sünde.

Christus als Opfer und als Priester

„Und ihr sollt sie Eleasar, dem Priester, geben, und er soll sie vor das Lager hinausführen, und man soll sie vor ihm schlachten“ (V. 3). Priester und Opfer bilden ein zweifaches Bild der Person Christi. Er war der Priester und das Opfer zugleich. Aber Er begann seinen priesterlichen Dienst nicht, solange sein Werk als Opfer nicht vollendet war. Das erklärt den Ausdruck am Ende des dritten Verses: „... man soll sie vor ihm schlachten.“ Der Tod Christi vollzog sich auf der Erde und konnte daher nicht als eine Handlung des Priestertums dargestellt werden. Nicht die Erde, sondern der Himmel ist das Gebiet seines priesterlichen Dienstes. Im Hebräerbrief erklärt der Schreiber als das Ergebnis einer genauen Erörterung über diese Frage ausdrücklich: „Die Summe dessen aber, was wir sagen, ist: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln, ein Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Hütte, die der Herr errichtet hat, nicht der Mensch. Denn jeder Hohepriester wird dazu bestellt, sowohl Gaben als auch Schlachtopfer darzubringen; daher ist es notwendig, dass auch dieser etwas hat, was er darbringt. Wenn er nun auf der Erde wäre, so wäre er nicht einmal Priester, weil solche da sind, die nach dem Gesetz die Gaben darbringen“ (Heb 8,1–4). „Christus aber – gekommen als Hoherpriester der zukünftigen Güter, in Verbindung mit der größeren und vollkommeneren Hütte, die nicht mit Händen gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist, auch nicht mit Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut – ist ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen, als er eine ewige Erlösung erfunden hatte.“ „Denn Christus ist nicht eingegangen in das mit Händen gemachte Heiligtum, ein Gegenbild des wahrhaftigen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen“ (Kap. 9,11.12.24). „Er aber, nachdem er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht hat, hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes“ (Kap. 10,12).

In allen diesen Stellen sehen wir, wenn wir sie in Verbindung mit 4. Mose 19,3 bringen, zwei Dinge: nämlich dass der Tod Christi nicht als die eigentliche, übliche Handlung des priesterlichen Dienstes dargestellt wird und dass der Himmel, nicht die Erde, das Gebiet seines priesterlichen Dienstes ist. Es ist interessant, eine Wahrheit, die im Neuen Testament klar bezeugt wird, in eine Verordnung des Alten Bundes gekleidet zu finden. Der einsichtige Leser des Wortes freut sich immer über solche Entdeckungen. Ohne Zweifel ist die Wahrheit immer dieselbe, wo man sie auch finden mag; aber wenn sie uns mit hellem Licht in den neutestamentlichen Schriften entgegentritt und andererseits schon im Alten Testament göttlich vorgebildet ist, so wird uns damit nicht nur die Wahrheit selbst bestätigt, sondern auch die Einheit des Buches gezeigt und bewiesen.

Außerhalb des Lagers

Jedoch dürfen wir den Platz nicht unbeachtet lassen, an dem das Opfertier geschlachtet wurde: „Er soll sie vor das Lager hinausführen.“ Wie bereits bemerkt wurde, sind die Priester und das Opfer zusammen ein Bild von Christus; aber es wird hinzugefügt: „... und man soll sie vor ihm schlachten“, weil der Tod Christi nicht als eine Handlung des Priestertums dargestellt werden konnte. Welch eine wunderbare Genauigkeit! Hieße es: „Er soll sie schlachten“, dann wäre 4. Mose 19 nicht in Übereinstimmung mit dem Hebräerbrief. Aber nein, die Harmonie der einzelnen Bücher der Heiligen Schrift strahlt überall hervor.

Möchten wir die Gnade erfahren, dass wir diese Harmonie erkennen und schätzen!

Wenn wir jetzt das große Gegenbild der „roten Kuh“ betrachten, so sehen wir, dass Jesus in der Tat außerhalb des Tores gelitten hat. „Darum hat auch Jesus, damit er durch sein eigenes Blut das Volk heiligte, außerhalb des Tores gelitten“ (Heb 13,12). Er nahm den Platz außerhalb des Lagers, und von dort dringt seine Stimme zu uns. Hören und verstehen wir sie? Sollten wir nicht mit mehr Ernst den Platz betrachten, wo Jesus starb? Sollten wir uns damit begnügen, die Wohltaten seines Todes anzunehmen, ohne danach zu streben, seine Verwerfung zu teilen? „Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers1, seine Schmach tragend“ (V. 13). Es liegt eine unendlich weite Bedeutung in diesen Worten. Sie sollten unser ganzes Sein aufwecken und uns anspornen, mehr als bisher die Gemeinschaft mit einem verworfenen Heiland zu suchen. Sollten wir ihn außerhalb des Lagers sterben sehen, und ruhig im Lager bleiben, während wir die Wohltaten seines Todes ernten? Sollten wir in dieser Welt, von der unser Herr und Meister verworfen worden ist, eine Heimat, einen Platz, einen Namen suchen? Sollten wir da nach Ehre, Reichtum und angesehener Stellung streben, wo unser Meister nur eine Krippe und ein Kreuz fand? Möchten wir durch die Gnade Gottes eine bereitwilligere Antwort auf den Ruf des Geistes geben: „Geht hinaus!“

Vergessen wir nie, dass der Tod Christi zwei Tatsachen einschließt: den Tod eines Opfers und den Tod eines Märtyrers – eines Opfers für die Sünde unter der Hand Gottes und eines Märtyrers für die Gerechtigkeit unter der Hand des Menschen. Er litt für die Sünde, damit wir nie mehr leiden sollten. Sein Name sei ewig dafür gelobt! An den sühnenden Leiden können wir selbstverständlich nie teilnehmen. Aber von seinen Leiden als Märtyrer, von seinen Leiden um der Gerechtigkeit willen unter der Hand des Menschen dürfen wir etwas verstehen. „Denn euch ist es im Blick auf Christum geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden“ (Phil 1,29). Es ist ein ausdrückliches Geschenk, um Christi willen leiden zu dürfen. Sehen wir es als ein Geschenk an?

Wenn wir den Tod Christi so betrachten, wie er uns in der Verordnung von der roten Kuh dargestellt ist, so sehen wir nicht nur, dass die Sünde vollkommen weggetan, sondern auch, dass die Welt gerichtet ist. „… der sich selbst für unsere Sünden gegeben hat, damit er uns herausnehme aus der gegenwärtigen bösen Welt, nach dem Willen unseres Gottes und Vaters“ (Gal 1,4). Hier werden die beiden Dinge von Gott zusammengestellt, und nie sollen wir sie trennen. Wir finden hier das Gericht über die Sünde in ihrer Wurzel und in ihren Auswirkungen und darüber hinaus das Gericht über diese Welt. Das erste gibt dem Gewissen vollkommene Ruhe; das letztere befreit uns von den bestrickenden Einflüssen der Welt in ihren vielfältigen Formen. Das eine reinigt das Gewissen von jedem Gefühl der Schuld, und das andere zerschneidet das Band, das uns an die Welt bindet.

Reinigung durch das Blut Christi

Man begegnet oft ernsten Menschen, die unter der überzeugenden und erweckenden Kraft des Heiligen Geistes stehen, die aber noch keine Ruhe für ihr geängstigtes Gewissen gefunden haben, weil sie den Wert des Versöhnungstodes Christi noch nicht erkannt haben – jenes Todes, der alle ihre Sünden für immer weggetan und sie Gott nahe gebracht hat, ohne einen Flecken in ihrer Seele oder einen Stachel in ihrem Gewissen zurückzulassen. Wenn jemand in dieser Lage sein sollte, so möge er den ersten Teil des soeben angeführten Verses betrachten: „… der sich selbst für unsere Sünden gegeben hat“. Das ist ein segensreiches Wort für eine angstvolle Seele. Es löst die ganze Frage der Sünde. Wenn es wahr ist, dass Christus sich selbst für meine Sünden gegeben hat, was bleibt dann anders für mich übrig, als mich an der herrlichen Tatsache zu erfreuen, dass alle meine Sünden vernichtet sind? Derjenige, der meinen Platz einnahm, der sich mit meinen Sünden belud, der für mich und an meiner statt litt, sitzt jetzt zur Rechten Gottes, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Das ist genug. Alle meine Sünden sind für immer beseitigt. Wenn es nicht so wäre, könnte Christus nicht da sein, wo Er jetzt ist. Seine Krönung mit Herrlichkeit und Ehre ist der Beweis, dass meine Sünden vollkommen getilgt sind, und deshalb ist ein vollkommener Friede mein Teil – ein Friede, der so vollkommen ist, wie nur das Werk Christi ihn machen konnte.

Aber dann lasst uns auch nie vergessen, dass dasselbe Werk, das unsere Sünden für immer hinweggetan hat, uns auch von der gegenwärtigen bösen Welt trennt. Diese beiden Dinge gehören zusammen. Christus hat mich nicht nur von den Folgen meiner Sünde befreit, sondern auch von der gegenwärtigen Macht der Sünde und von den Ansprüchen und Einflüssen des Systems, das von der Schrift „die Welt“ genannt wird. Alles dieses wird jedoch noch klarer hervortreten, wenn wir die Betrachtung unseres Kapitels fortsetzen.

„Und Eleasar, der Priester, nehme von ihrem Blut mit seinem Finger und sprenge von ihrem Blut siebenmal gegen die Vorderseite des Zeltes der Zusammenkunft hin“ (V. 4). Hier offenbart sich die unerschütterliche Grundlage aller wahren Reinigung. Wir wissen, dass es in diesem Bild nur um eine „Heiligung zur Reinheit des Fleisches“ geht (Heb 9,13). Aber wir müssen über das Bild hinweg auf das Gegenbild sehen, über den Schatten hinweg auf das Wesen. In dem siebenmaligen Sprengen des Blutes der roten Kuh gegen das Zelt der Zusammenkunft hin erkennen wir ein Bild von der vollkommenen Darbringung des Blutes Christi vor Gott als der einzigen Grundlage, auf der Gott und das Gewissen einander begegnen können. Die Zahl sieben ist, wie oft bemerkt wurde, der Ausdruck der Vollkommenheit, und so sehen wir in dem Bild, das wir betrachten, die Vollkommenheit des Todes Christi als Sühnung für die Sünde, so wie er von Gott angenommen worden ist. Alles ruht auf dieser göttlichen Grundlage. Das Blut ist vergossen und einem heiligen Gott als eine vollkommene Sühnung für die Sünde dargebracht worden. Wer das ganz einfach durch den Glauben annimmt, dessen Gewissen ist von jedem Gefühl der Schuld und von jeder Furcht vor der Verdammnis befreit. Es besteht vor Gott nichts als die Vollkommenheit des Versöhnungswerkes Christi. Die Sünde ist gerichtet und weggetan worden. Sie ist durch das kostbare Blut Christi vollkommen getilgt. Das zu glauben heißt, vollkommene Ruhe des Gewissens zu erfahren.

Zu beachten ist, dass in diesem Kapitel von nun an kein Sprengen des Blutes mehr erwähnt wird. Das steht in völliger Übereinstimmung mit der Lehre von Hebräer 9 und 10. Da das Opfer Christi vollkommen ist, ist keine Wiederholung nötig. Seine Wirkung ist göttlich und ewig. „Christus aber – gekommen als Hoherpriester der zukünftigen Güter, in Verbindung mit der größeren und vollkommeneren Hütte, die nicht mit Händen gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist, auch nicht mit Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut – ist ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen, als er eine ewige Erlösung erfunden hatte. Denn wenn das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer jungen Kuh, auf die Verunreinigten gesprengt, zur Reinheit des Fleisches heiligt, wie viel mehr wird das Blut des Christus, der durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott geopfert hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, um dem lebendigen Gott zu dienen!“ (Heb 9,11–14). Beachten wir die Worte: „ein für alle Mal“ und „ewig“! Wie zeigen sie die göttliche Vollkommenheit und die göttliche Wirkung des Opfers Christi! Das Blut wurde ein für alle Mal und für ewig vergossen. An eine Wiederholung dieses großen Werkes zu denken, hieße seinen ewigen und allgenugsamen Wert zu leugnen und es mit dem Blut der Stiere und Böcke auf eine Stufe zu stellen.

Weiter lesen wir: „Es war nun nötig, dass die Abbilder der Dinge in den Himmeln hierdurch gereinigt wurden, die himmlischen Dinge selbst aber durch bessere Schlachtopfer als diese. Denn Christus ist nicht eingegangen in das mit Händen gemachte Heiligtum, ein Gegenbild des wahrhaftigen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen; auch nicht, damit er sich selbst oftmals opferte, wie der Hohepriester alljährlich in das Heiligtum hineingeht mit fremdem Blut; sonst hätte er oftmals leiden müssen von Grundlegung der Welt an. Jetzt aber ist er einmal in der Vollendung der Zeitalter offenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer“ (V. 23–26). Die Sünde ist also weggetan worden. Dann kann sie aber nicht zugleich auf dem Gewissen des Gläubigen sein. Entweder müssen die Sünden des Gläubigen ausgelöscht und es muss sein Gewissen vollkommen gereinigt sein, oder aber Christus muss noch einmal sterben. Darum fährt der Apostel auch fort: „Und ebenso wie es den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, so wird auch der Christus, nachdem er einmal geopfert worden ist, um vieler Sünden zu tragen, zum zweiten Male denen, die ihn erwarten, ohne Sünde erscheinen zur Errettung“ (V. 27.28).

Es ist etwas Wunderbares um die sorgfältige Geduld, mit der der Heilige Geist dieses ganze Thema erörtert. Er entwickelt, erklärt und bekräftigt die Lehre von der Vollkommenheit des Opfers in einer Weise, die die Seele überzeugt und das Gewissen von seiner schweren Last befreit. So groß ist die Gnade Gottes, dass Er nicht allein das Werk der ewigen Erlösung für uns vollbracht hat, sondern dass Er auch die ganze Sache uns so geduldig und ausführlich darlegt, dass für einen Einwand kein Raum mehr bleibt. Hören wir seine eindrucksvollen Beweisführungen!

„Denn da das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat, so kann es niemals mit denselben Schlachtopfern, die sie alljährlich ununterbrochen darbringen, die Hinzunahenden vollkommen machen. Denn würde sonst nicht ihre Darbringung aufgehört haben, weil die den Gottesdienst Ausübenden, einmal gereinigt, kein Gewissen mehr von Sünden mehr gehabt hätten? Doch in jenen Opfern ist alljährlich ein Erinnern an die Sünden; denn unmöglich kann Blut von Stieren und Böcken Sünden wegnehmen“ (Heb 10,1–4). Aber was das Stierblut nie tun konnte, das hat das Blut Jesu für immer getan. All das Blut, das um die Altäre Israels geflossen war, die Millionen von Opfern, die nach den Forderungen des mosaischen Gesetzes dargebracht worden waren – alles das konnte nicht einen einzigen Flecken von dem Gewissen tilgen. Es konnte auch nicht für einen die Sünde hassenden Gott die Grundlage sein, auf der Er Sünder annehmen konnte. „Darum, als er in die Welt kommt, spricht er:,Schlachtopfer und Speisopfer hast du nicht gewollt, einen Leib aber hast du mir bereitet; an Brandopfern und Opfern für die Sünde hast du kein Wohlgefallen gefunden. Da sprach ich: Siehe, ich komme (in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben), um deinen Willen, o Gott, zu tun' … Durch diesen Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi“ (V. 5–7.10).

Beachten wir den Gegensatz: Gott hat kein Gefallen an der endlosen Reihe von Opfern, die unter dem Gesetz dargebracht wurden. Sie erfüllten nicht, was sein liebendes Herz für sein Volk tun wollte. Er wollte es von der schweren Last der Sünde befreien, es zu sich selbst bringen und ihm völligen Frieden des Gewissens und völlige Freiheit des Herzens geben. Das tat Jesus durch das eine Opfer seines Leibes. Er tat den Willen Gottes, und Er braucht sein Werk nicht zu wiederholen. Wir mögen uns weigern, die Ruhe und die heilige Freiheit des Geistes, die sein Werk gibt, zu erfahren – aber das Werk ist da in seinem unvergänglichen Wert vor Gott, und das, was der Geist im Blick auf dieses Werk sagt, steht klar und unbestreitbar vor uns.

„Und jeder Priester steht täglich da, verrichtet den Dienst und bringt oft dieselben Schlachtopfer dar, die niemals Sünden wegnehmen können. Er aber, nachdem er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht hat, hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes, fortan wartend, bis seine Feinde hingelegt sind als Schemel seiner Füße. Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar die vollkommen gemacht, die geheiligt werden“ (V. 11–14). Der Wert des Blutes Christi verleiht uns eine ewige Vollkommenheit; aber es ist diesem Blut auch ebenso angemessen, dass unsere Seele diese Vollkommenheit genießt. Es denke niemand, er ehre das Werk Christi oder das Zeugnis des Geistes über dieses Werk, wenn er die vollkommene Vergebung der Sünden nicht annehmen will, die ihm durch das Blut des Kreuzes verkündigt wird. Es ist kein Zeichen von wirklicher Frömmigkeit, wenn man das bestreitet, was die Gnade Gottes in Christus für uns getan hat und was der ewige Geist in der Heiligen Schrift uns vorstellt.

Es könnte allerdings jemand einwenden: „Ich zweifle nicht im geringsten an der Wirksamkeit des Blutes Jesu. Ich glaube, dass es von aller Sünde reinigt. Was mich quält, ist die Unsicherheit, ob dieses Blut auch für mich da ist. Gerade das weiß ich nicht.“

Das alles beweist nur, wie notwendig es ist, über den 4. Vers von 4. Mose 19 genau nachzudenken. Dort wird die Grundlage jeder Reinigung gezeigt: Es ist das Blut der Versöhnung, das vor Gott gebracht wurde und das von ihm angenommen ist. Das ist eine herrliche, aber wenig verstandene Wahrheit. Es ist uns so selbstverständlich, dass wir unsere Gedanken und Gefühle über das Blut Christi wichtig nehmen, viel wichtiger als das Blut selbst und die Gedanken Gottes darüber. Wenn Gott das Blut angenommen und sich verherrlicht hat, indem Er die Sünde wegtat, was bleibt dann noch für das Gewissen übrig, als völlig in dem Werk zu ruhen, das allen Anforderungen Gottes entsprochen und das den Grund dafür gelegt hat, dass ein die Sünde hassender Gott und ein armer, verderbter Sünder einander begegnen können? Warum soll ich die Frage nach meinem Interesse an dem Blut Christi stellen, so, als wäre dieses Werk ohne irgendetwas von mir nicht vollständig – seien es nun meine Gefühle, meine Erfahrungen, meine Wertschätzung oder irgendetwas dergleichen? Warum sollte ich nicht in Christus allein ruhen? Das wäre wirkliches Interesse an ihm! In dem Augenblick, in dem sich das Herz mit sich selbst zu beschäftigen beginnt und nicht mehr auf ihn sieht, den das Wort Gottes und der Heilige Geist uns vorstellen, muss Dunkelheit und Verwirrung entstehen, und die Seele wird durch den Blick auf ihre armseligen, unvollkommenen Gefühle gequält, anstatt sich an der Vollkommenheit des Werkes Christi zu freuen.

Die Asche der jungen roten Kuh

Nachdem ich die wertvolle Wahrheit, die uns in dem Tod der roten Kuh dargestellt ist, zu zeigen versucht habe, wollen wir jetzt ein wenig über das Verbrennen der Kuh nachdenken. Wir haben das Blut betrachtet. Sehen wir uns jetzt die Asche an! In dem Blut sahen wir den Opfertod Christi als das einzige Reinigungselement für die Sünde. In der Asche erkennen wir das Andenken an diesen Tod. Der Geist wendet es durch das Wort auf das Herz an, um jede Befleckung zu entfernen, die wir uns in unserem täglichen Wandel zuziehen. Das gibt diesem bemerkenswerten Bild Vollständigkeit und Schönheit. Gott hat nicht nur für vergangene Sünden, sondern auch für gegenwärtige Verunreinigung Vorsorge getroffen, so dass wir immer in dem ganzen Wert und Ansehen des vollkommenen Werkes Christi vor ihm sein können. Er will, dass wir „völlig rein“ die Höfe seines Heiligtums, den heiligen Bereich seiner Gegenwart betreten. Aber nicht nur Er selbst sieht uns so, sondern Er will auch, dass wir uns in unserem eigenen inneren Bewusstsein als solche betrachten. Er will uns durch seinen Geist, durch das Wort das tiefe Gefühl davon geben, dass wir vor ihm rein sind, damit unsere Gemeinschaft mit ihm ungestört und ungehindert sein kann. „Wenn wir in dem Licht wandeln, wie er in dem Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde“ (1. Joh 1,7).

Aber wenn wir darin versagen, im Licht zu wandeln – wenn wir vergessen und in unserer Vergesslichkeit das Unreine anrühren, wie kann dann unsere Gemeinschaft wiederhergestellt werden? Nur durch das Wegtun der Unreinigkeit. Und wie geschieht das? Dadurch, dass die kostbare Wahrheit vom Tod Christi auf unser Herz und Gewissen angewandt wird. Der Heilige Geist bewirkt Selbstgericht und ruft uns die Wahrheit ins Gedächtnis zurück, dass Christus für diese Verunreinigung, der wir uns so leichthin und gleichgültig schuldig gemacht haben, den Tod erlitt. Es handelt sich nicht um ein erneutes Vergießen des Blutes Christi (eine der Heiligen Schrift völlig unbekannte Sache), sondern darum, dass sein Tod durch den Dienst des Heiligen Geistes dem reuigen Herzen neu ins Gedächtnis zurückgerufen wird.

„Und man soll die junge Kuh vor seinen Augen verbrennen ... Und der Priester soll Zedernholz und Ysop und Karmesin nehmen und es mitten in den Brand der jungen Kuh werfen ... Und ein reiner Mann soll die Asche der jungen Kuh sammeln und sie außerhalb des Lagers an einen reinen Ort schütten, und sie soll für die Gemeinde der Kinder Israel aufbewahrt werden zum Wasser der Reinigung; es ist eine Entsündigung“ (V. 5–9).

Gott will, dass seine Kinder von aller Ungerechtigkeit gereinigt werden und dass sie getrennt von der gegenwärtigen bösen Welt, in der alles Tod und Unreinigkeit ist, ihren Weg gehen. Diese Absonderung erfolgt durch die Wirkung des Wortes Gottes auf das Herz durch die Kraft des Heiligen Geistes. „Gnade euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsere Sünden gegeben hat, damit er uns herausnehme aus der gegenwärtigen bösen Welt, nach dem Willen unseres Gottes und Vaters“ (Gal 1,3.4). Und ferner: „Indem wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns von aller Gesetzlosigkeit loskaufte und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken“ (Tit 2,13.14).

Es ist bemerkenswert, wie der Geist Gottes die völlige Befreiung des Gewissens von jedem Gefühl der Schuld und die Befreiung des Herzens von dem moralischen Einfluss der gegenwärtigen bösen Welt immer wieder in enger Verbindung miteinander darstellt. Es sollte unsere Sorge sein, diese Verbindung unversehrt zu erhalten. Selbstverständlich können wir es nur durch die Kraft des Heiligen Geistes. Aber wir sollten mit allem Ernst danach streben, die Verbindung, die zwischen dem Tod Christi als Sühnung für die Sünde einerseits und der moralischen Kraft der Absonderung von dieser Welt andererseits besteht, zu verstehen und praktisch zu verwirklichen. Manche Kinder Gottes kommen nie über das Erstere hinaus, wenn sie überhaupt bis dahin gelangen. Viele scheinen ganz zufrieden zu sein mit der Erkenntnis, dass durch das Versöhnungswerk Christi ihre Sünden vergeben sind, während sie nicht verwirklichen, dass sie für die Welt tot sind durch den Tod Christi und in diesem Tod mit ihm einsgemacht sind.

Wenn wir nun das Verbrennen der roten Kuh sehen und den geheimnisvollen Aschehaufen betrachten – was finden wir dann? Man könnte antworten: „Wir finden dort unsere Sünden.“ In der Tat, Gott sei Dank dafür, hier finden sich unsere Sünden, Ungerechtigkeiten und Übertretungen, unsere blutrote Schuld – in Asche verwandelt. Aber ist das alles? Nein! Wir finden hier die Natur in jeder Form ihres Seins vom höchsten bis zum niedrigsten Punkt ihrer Geschichte, und außerdem alle Herrlichkeit dieser Welt. Zeder und Ysop repräsentieren die Natur in ihren größten Extremen, und damit wird auch alles umfasst, was dazwischen liegt. Salomo redete „über die Bäume, von der Zeder, die auf dem Libanon ist, bis zum Ysop, der an der Mauer herauswächst“ (1. Kön 5,13).

„Karmesin“ wird im Allgemeinen als Bild oder Ausdruck menschlichen Glanzes, weltlicher Größe und der Herrlichkeit der Welt und des Menschen gesehen. Das Verbrennen der roten Kuh versinnbildlicht also das Ende aller Größe der Welt und aller menschlichen Herrlichkeit und das völlige Beiseitesetzen des Fleisches mit allem, was zu ihm gehört. Das gibt dem Verbrennen der Kuh eine tiefe Bedeutung. Es zeigt uns im Bild eine Wahrheit, die zu wenig erkannt oder zu leicht vergessen wird, eine Wahrheit, die der Apostel in folgenden Worten ausdrückt: „Von mir aber sei es fern, mich zu rühmen, als nur des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist, und ich der Welt“ (Gal 6,14).

Wir alle sind gern bereit, das Kreuz als die Grundlage unserer Befreiung von allen Folgen unserer Sünden und der völligen Annahme bei Gott zu betrachten, aber gleichzeitig fällt es uns schwer, es als Grund unserer vollständigen Trennung von der Welt zu sehen. Wohl ist es, Gott sei Dank, die feste Grundlage unserer Befreiung von Schuld und Verdammnis, aber es ist mehr als das. Es hat uns für immer von allem getrennt, was zu dieser Welt gehört, durch die wir gehen. Meine Sünden sind entsprechend der Vollkommenheit des Sühnopfers Christi weggetan. Und genau das ist auch das Maß für unsere Befreiung von der gegenwärtigen bösen Welt, von ihren Formen, ihren Grundsätzen, ihren Sitten und ihren Gewohnheiten. Der Gläubige hat gar nichts mehr mit dieser Welt gemein, sobald er die Bedeutung und Kraft des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus erfasst. Das Kreuz hat aus ihm einen Fremden in dieser Welt gemacht. Es hat einen dunklen Schatten auf allen Glanz und Schimmer, auf die Pracht und das Leben dieser Welt geworfen. Paulus sah das, und dieser Anblick veranlasste ihn, die Welt selbst in ihren attraktivsten Formen und in ihrer größten Herrlichkeit, für Dreck zu achten. „Die Welt ist mir gekreuzigt“, sagt er, „und ich der Welt.“ So war es für Paulus, und so sollte es für jeden Christen sein: ein Fremder auf der Erde, ein Bürger des Himmels, und zwar nicht nur, was Gefühl und Lehre angeht, sondern in Tat und Wahrheit. Denn so gewiss unsere Befreiung von der Hölle mehr ist als ein bloßes Gefühl oder eine Lehre, so gewiss ist auch unsere Befreiung, von dieser gegenwärtigen bösen Welt mehr als das. Das eine ist so sicher und wirklich wie das andere.

Christus wurde von der Welt verworfen, und Er ist heute noch ein Verworfener. Es hat sich nichts verändert. Die Welt ist immer noch die Welt. Es ist eine der besonderen Listen Satans, diejenigen, die die Rettung durch Christus angenommen haben, gleichzeitig dazu zu bringen, dass sie sich weigern, seine Verwerfung mit ihm zu teilen, dass sie sich das Versöhnungswerk des Kreuzes zunutze machen, zugleich aber sich gemächlich einrichten in eben der Welt, die Christus ans Kreuz genagelt hat. Mit anderen Worten: Satan bringt die Menschen dazu, dass sie denken und sagen, das Ärgernis des Kreuzes habe aufgehört; die Welt des zwanzigsten Jahrhunderts sei ganz anders als die des ersten Jahrhunderts, der Herr Jesus würde, wenn Er jetzt auf der Erde wäre, ganz anders behandelt werden als damals. Jetzt sei die Welt christlich, nicht heidnisch, und das sei ein fundamentaler Unterschied. Es sei darum ganz in Ordnung, wenn der Christ jetzt in dieser Welt ein Bürgerrecht annehme und einen Namen und einen Platz habe.

Wir merken alle, dass das in Wirklichkeit eine Lüge des Erzfeindes der Seele ist. Die Welt mag ihr Kleid verändert haben; aber ihre Natur, ihr Geist, ihre Grundsätze sind gleich geblieben. Sie hasst Jesus heute noch ebenso von Herzen wie damals, als sie schrie: „Hinweg, hinweg! Kreuzige ihn!“ (Joh 19,15). Wenn wir allerdings die Welt derselben Probe unterwerfen würden, würden wir finden, dass sie dieselbe böse, Gott hassende und Christus verwerfende Welt bleibt. Und was ist die Probe? Der gekreuzigte Christus. Möge diese ernste Wahrheit wirklich in unsere Herzen eingegraben sein! Möge sie uns völlig von allem trennen, was zur Welt gehört! Möchten wir die Wahrheit, die in der Asche der roten Kuh dargestellt ist, besser verstehen! Dann wäre auch unsere Trennung von der Welt und unsere Hingabe an Christus tiefer und wirklicher.

Das Wasser der Reinigung

Wir kommen jetzt zu der Verordnung über die Anwendung der Asche. „Wer einen Toten berührt, irgendeine Leiche eines Menschen, der wird sieben Tage unrein sein. Dieser soll sich am dritten Tag damit entsündigen, und am siebten Tag wird er rein sein; und wenn er sich nicht am dritten Tag entsündigt, so wird er am siebten Tag nicht rein sein. Jeder, der einen Toten berührt, die Leiche eines Menschen, der gestorben ist, und sich nicht entsündigt, hat die Wohnung des HERRN verunreinigt; und diese Seele soll ausgerottet werden aus Israel. Weil das Wasser der Reinigung nicht auf ihn gesprengt wurde, ist er unrein; seine Unreinheit ist noch an ihm“ (V. 11–13).

Es ist eine ernste Sache, mit Gott in Verbindung zu stehen, mit ihm täglich in einer verunreinigten Welt den Weg zu gehen. Er kann in denen, mit welchen Er in seiner Gnade den Weg geht und in denen Er wohnt, keine Unreinheit dulden. Er kann verzeihen und die Sünde auslöschen; Er kann heilen, reinigen und wiederherstellen. Aber Er kann das ungerichtete Böse nicht gutheißen oder es bei seinem Volk dulden. Täte Er es, dann würde Er damit seinen Namen und seine Natur verleugnen. Diese Wahrheit ist sehr ernst und zugleich sehr segensreich. Es ist unsere Freude, es mit einem Gott zu tun zu haben, dessen Gegenwart Heiligkeit verlangt und zusichert. Wir gehen durch eine Welt, in der wir von verunreinigenden Einflüssen umgeben sind. Es ist wahr, heutzutage verunreinigt man sich nicht, indem man „eine Leiche, ein Gebein oder ein Grab“ anrührt. Aber diese Dinge waren, wie wir wissen, Gegenbilder von moralischen und geistlichen Dingen, mit denen in Berührung zu kommen wir täglich und stündlich in Gefahr stehen. Deshalb brauchen wir bei allen unseren Gewohnheiten und Verbindungen eine heilige Wachsamkeit. Sonst werden wir verunreinigt und unterbrechen unsere Gemeinschaft mit Gott. Er muss uns in einem Zustand haben, der seiner würdig ist. „Seid heilig, denn ich bin heilig.“

Was aber hat zu geschehen, wenn wirklich eine Verunreinigung da ist? Wie soll sie weggetan werden? Hören wir die Antwort in der biblischen Sprache von 4. Mose 19: „Und man soll für den Unreinen vom Staub des zur Entsündigung Verbrannten nehmen und lebendiges Wasser darauf tun in ein Gefäß; und ein reiner Mann soll Ysop nehmen und ihn in das Wasser tauchen und soll auf das Zelt und auf alle Geräte und auf die Personen sprengen, die dort sind, und auf den, der das Gebein oder den Erschlagenen oder den Gestorbenen oder das Grab berührt hat. Und zwar soll der Reine auf den Unreinen sprengen am dritten Tag und am siebten Tag und ihn am siebten Tag entsündigen; und er soll seine Kleider waschen und sich im Wasser baden, und am Abend wird er rein sein“ (V. 17–19).

Es fällt auf, dass im 12. und 18. Vers eine zweifache Handlung vorgestellt wird: Es gibt eine Handlung am dritten Tag und eine Handlung am siebten Tag. Beide waren nötig, um die Unreinheit wegzutun, die durch die Berührung mit den oben bezeichneten verschiedenen Formen des Todes entstanden war. Doch was bedeutete diese doppelte Handlung, und was entspricht ihr in unserer eigenen geistlichen Geschichte? Ich meine, dies: Wenn wir aus Mangel an Wachsamkeit und geistlicher Energie Unreines anrühren und verunreinigt werden, so ist es möglich, dass wir uns dessen gar nicht bewusst sind; Gott aber weiß alles, was geschehen ist. Er sorgt für uns und sieht auf uns, nicht als ein zorniger Richter oder strenger Beurteiler, sondern als ein liebender Vater, der uns die Verunreinigung nie zurechnen wird, weil sie längst dem zugerechnet worden ist, der an unserer Stelle starb. Aber dennoch wird Er sie uns tief und eindringlich fühlen lassen. Er wird das Unreine treulich tadeln, und Er kann es umso kräftiger tun, weil Er es uns niemals zurechnen wird. Der Heilige Geist bringt uns unsere Sünde in Erinnerung, und das verursacht einen tiefen Schmerz des Herzens. Dieser Schmerz, diese Trauer, kann eine Zeit lang anhalten. Sie kann Augenblicke, Tage, Monate und selbst Jahre lang dauern. Ich habe einen jungen Christen gekannt, der drei Jahre lang unglücklich war, weil er mit einigen weltlichen Freunden einen Ausflug gemacht hatte. Dieses Überzeugen durch den Heiligen Geist ist, wie ich meine, durch die Handlung am dritten Tag angedeutet. Zuerst bringt Er uns die Sünde ins Bewusstsein. Dann wendet Er – durch das geschriebene Wort – den Wert des Todes Christi auf unsere Seelen an als das Mittel, das der Befleckung, die wir so leichthin begingen, bereits entsprochen hat. Das entspricht der Handlung am siebten Tag. Es nimmt die Befleckung weg und stellt unsere Gemeinschaft wieder her.

Die Heiligkeit und die Gnade Gottes

Bedenken wir gut, dass wir auf keine andere Weise von einer Verunreinigung gereinigt werden können! Wir mögen versuchen, die Sache zu vergessen, die Wunde oberflächlich zu heilen, uns wenig aus ihr zu machen oder es der Zeit zu überlassen, die Sache in unserem Gedächtnis zu verwischen. Aber das alles wird nicht nur nichts helfen; sondern es ist auch sehr gefährlich. Nur weniges ist unheilvoller als das Spielen mit dem Gewissen oder den Forderungen der Heiligkeit. Und es ist auch genauso töricht, wie es gefährlich ist; denn Gott hat in seiner Gnade dafür gesorgt, dass die Verunreinigung beseitigt werden kann, die seine Heiligkeit aufgedeckt und verurteilt hat: Die Verunreinigung muss unbedingt weggetan werden, sonst ist Gemeinschaft mit ihm unmöglich. „Wenn ich dich nicht wasche, hast du kein Teil mit mir“ (Joh 13,8). Die Unterbrechung der Gemeinschaft eines Gläubigen entspricht der Ausrottung eines Gliedes aus der Gemeinde Israels. Der Christ kann nie von Christus abgeschnitten werden; aber seine Gemeinschaft wird durch einen einzigen sündigen Gedanken unterbrochen. Dieser sündige Gedanke muss gerichtet und bekannt werden und die Befleckung durch ihn muss beseitigt sein, bevor die Gemeinschaft wiederhergestellt werden kann. Wir können sicher sein, dass wir unmöglich Gemeinschaft mit Gott haben und zugleich in der Sünde leben können. Das zu behaupten, wäre Lästerung des Namens und der Majestät Gottes. Nein, wir müssen ein reines Gewissen bewahren und der Heiligkeit Gottes Rechnung tragen, sonst werden wir sehr bald im Glauben Schiffbruch erleiden und völlig zusammenbrechen. Der Herr gebe uns, dass wir sorgfältig und vorsichtig und im Gebet unseren Weg gehen, bis wir den Leib der Sünde und des Todes abgelegt haben und an dem herrlichen Ort angelangt sind, wo man Sünde, Tod und Verunreinigung nicht mehr kennt!

Bei der Betrachtung der Verordnungen und Satzungen des levitischen Priestertums muss uns die eifersüchtige Sorgfalt auffallen, mit der der Gott Israels über seinem Volk wachte, damit es vor jedem verunreinigenden Einfluss bewahrt bliebe. Bei Tage und bei Nacht, mochten sie wachen oder schlafen, mochten sie daheim oder draußen, in der Familie oder in der Einsamkeit sein, überall wachte sein Auge über ihnen. Er wachte über ihrer Nahrung, ihrer Kleidung, ihren häuslichen Gewohnheiten und Einrichtungen. Er belehrte sie sorgfältig über das, was sie essen oder nicht essen, was sie tragen und nicht tragen durften. Er offenbarte ihnen sogar seine Gedanken darüber, wie sie diese oder jene Dinge anrühren und behandeln sollten. Kurz, Er umgab sie mit Schranken, die, wenn sie sie nur beachtet hätten, völlig hinreichend gewesen wären, dem ganzen Strom der Verunreinigung Widerstand zu leisten, dem sie auf allen Seiten ausgesetzt waren.

In alledem sehen wir deutlich die Heiligkeit Gottes, aber auch ebenso klar und bestimmt die Gnade Gottes. Während die göttliche Heiligkeit keine Verunreinigung an dem Volk dulden konnte, traf die göttliche Gnade reichliche Vorsorge zu ihrer Entfernung. Diese Vorsorge zeigt sich in unserem Kapitel unter zwei Formen: in dem Blut der Versöhnung und in dem Wasser der Trennung. Wunderbare Vorsorge! Würden wir nicht die reichen Vorkehrungen der göttlichen Gnade kennen, so würden uns die hohen Ansprüche der göttlichen Heiligkeit völlig überwältigen. Da wir aber der Gnade sicher sind, können wir uns von Herzen über die Heiligkeit freuen. Ein Israelit mochte schaudern, wenn er die Worte hörte: „Wer einen Toten anrührt, der wird sieben Tage unrein sein“, und: „Jeder, der einen Toten anrührt … und sich nicht entsündigt, hat die Wohnung des HERRN verunreinigt; und diese Seele soll ausgerottet werden aus Israel.“ Solche Worte konnten in der Tat sein Herz erschrecken und ihn ausrufen lassen: „Was soll ich tun? Unmöglich kann ich der Verunreinigung entgehen!“ Aber wie war es dann mit der Asche der roten Kuh? Was war es mit dem Wasser der Reinigung? Sie stellen das Gedächtnis an den Opfertod Christi vor, wie er durch die Kraft des Heiligen Geistes auf das Herz angewandt wird. „Dieser soll sich am dritten Tag damit entsündigen, und am siebten Tag wird er rein sein; und wenn er sich nicht entsündigt am dritten Tag, so wird er am siebten Tag nicht rein sein.“ Nur wenn man von den gnädigen Vorkehrungen Gottes Gebrauch machte, konnte die Verunreinigung entfernt werden.

Es handelte sich also nicht darum, ein neues Opfer darzubringen, und auch nicht um eine neue Anwendung des Blutes. Dies klar zu verstehen, ist besonders wichtig. Der Tod Christi kann nicht wiederholt werden. „Da wir wissen, dass Christus, aus den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod herrscht nicht mehr über ihn. Denn was er gestorben ist, ist er ein für alle Mal der Sünde gestorben; was er aber lebt, lebt er Gott“ (Röm 6,9.10). Durch Gottes Gnade stehen wir in dem vollen Verdienst und in dem Wert des Todes Christi. Aber wir sind auf allen Seiten von Versuchungen und Fallstricken umgeben; wir haben in uns böse Fähigkeiten und Neigungen; wir haben schließlich einen mächtigen Gegner, der immer bereitsteht, uns zu Fall zu bringen und von dem Weg der Wahrheit und Reinheit wegzubringen. Wir könnten deshalb keinen Schritt vorwärts kommen, wenn nicht Gott in seiner Gnade allem, was wir brauchen, entsprochen hätte durch den kostbaren Tod und durch die Sachwalterschaft unseres Herrn Jesus Christus. Nicht nur hat das Blut Jesu Christi alle unsere Sünden abgewaschen und uns mit einem heiligen Gott versöhnt, sondern wir haben auch „einen Sachwalter bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten“ (1. Joh 2,1). Jesus Christus lebt allezeit, um sich für uns zu verwenden, und Er vermag diejenigen völlig zu erretten, die durch ihn Gott nahen (vgl. Heb 7,25). Er ist immer in der Gegenwart Gottes für uns. Er vertritt uns dort und erhält uns auf dem göttlich vollkommenen Platz, auf den sein Versöhnungstod uns gebracht hat. Unsere Sache kann in den Händen eines solchen Sachwalters niemals verloren sein. Er müsste aufhören zu leben, bevor der schwächste seiner Heiligen umkommen könnte. Wir sind eins mit ihm, und Er ist es mit uns.

Über den, der die Reinigung vornimmt

Wir haben jetzt lediglich noch ein Wort über die Schlussverse unseres Kapitels hinzuzufügen: „Und es soll ihnen zur ewigen Satzung sein. Und wer das Wasser der Reinigung sprengt, soll seine Kleider waschen; und wer das Wasser der Reinigung berührt, wird unrein sein bis zum Abend“ (Kap. 19,21). Der 18. Vers sagt uns, dass ein reiner Mann den Unreinen besprengen musste, und im 21. Vers sehen wir, dass man durch das Besprengen eines anderen sich selbst verunreinigte.

Wenn wir diese beiden Dinge zusammenbringen, dann lernen wir daraus, dass jeder verunreinigt wird, der mit der Sünde eines anderen zu tun hat, auch wenn er dies tut, weil es seine Pflicht ist und um von der Sünde zu reinigen. Er wird allerdings nicht in der Weise verunreinigt, wie der Schuldige es ist, aber wir können die Sünde nicht anrühren, ohne verunreinigt zu werden. Weiter lernen wir, dass ich, wenn ich einen anderen in die Freude der reinigenden Kraft des Werkes Christi hineinbringen will, selber in dieser Freude sein muss. Wer das Wasser der Absonderung auf andere gesprengt hatte, musste seine Kleider waschen und sich selbst im Wasser baden. Mögen unsere Seelen das wirklich begreifen! Möchten wir immer in dem Bewusstsein der vollkommenen Reinheit bleiben, in die der Tod Christi uns bringt und in der sein priesterlicher Dienst uns erhält! Vergessen wir nie, dass jede Berührung mit dem Bösen verunreinigt! So war es in der mosaischen Haushaltung, und so ist es noch jetzt.

Fußnoten

  • 1 Das Wort „Lager“ in dieser Stelle bezieht sich zunächst auf das Judentum, aber im weiteren Sinn ist es auf jedes religiöse System anwendbar, das von Menschen aufgestellt und von dem Geist und den Grundsätzen dieser gegenwärtigen bösen Welt regiert wird.
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