Eintracht oder Zwietracht
Eine Herausforderung für das Volk Gottes

Richter 20: Zuchtausübung setzt eine gottgemäße Gesinnung voraus

Eintracht oder Zwietracht

Wie ein Mann – im Herrn oder in Parteilichkeit? (20,1)

„Und alle Kinder Israel zogen aus, und die Gemeinde, von Dan bis Beerseba, und das Land Gilead versammelte sich wie ein Mann vor dem Herrn nach Mizpa“ (Vers 1).

In den ersten beiden Versen dieses Kapitels finden wir nunmehr den schönen Zug, dass sich das ganze Volk Israel „wie ein Mann“ versammelt. Das haben später weder Debora noch Gideon oder Jephta geschafft. Hier jedoch war es offenbar möglich. Gott wünscht, dass diese Einheit auch heute in solch traurigen Umständen unter den Seinen sichtbar wird.

Wir wissen, dass wir nicht mehr in einer Zeit leben, wo im absoluten Sinn das ganze Volk versammelt werden kann – dazu gibt es nach so viel Niedergang zu viele Zersplitterungen. Aber die gläubigen Christen sollen alles, was sie tun, im Gedanken an die bestehende Einheit aller Gläubigen – die eine Versammlung – tun. Elia baute einen Altar aus 12 Steinen im Hinblick auf das ganze Volk Israel (1. Kön 18,31) – so auch wir. Wir sollen grundsätzlich das ganze Volk in unseren Herzen haben. Man denke zum Beispiel an Hiskia, der nicht damit zufrieden war, dass die beiden Stämme Juda und Benjamin, für die er verantwortlich war, das Passah feierten. Er ließ Boten nach ganz Israel laufen, um auch diese einzuladen, zusammen mit ihm das Passahfest in Jerusalem zu begehen (vgl. 2. Chr 30,1–15).

Zudem wünscht der Herr, dass diejenigen, die sich zu Ihm als dem verworfenen Christus bekennen, zusammenstehen – einerlei gesinnt wie „ein Mann“, und so viele „versammeln“, wie sich versammeln lassen (vgl. 2. Kor 13,11; Phil 2,2; 4,2).

So etwas finden wir übrigens in der Zeit von Esra wieder. So heißt es dort in Esra 3,1: „Und als der siebte Monat herankam und die Kinder Israel in den Städten waren, da versammelte sich das Volk wie ein Mann nach Jerusalem.“ Auch zu diesem Zeitpunkt gab es nicht mehr das ganze Volk in Israel, aber diejenigen, die noch da waren, versammelten sich wie ein Mann, das heißt, dass sie in einer einmütigen Gesinnung dort zusammenkamen und -standen. Sie waren sich bewusst, dass sie nicht das ganze Volk Gottes waren, aber sie standen dort für das ganze Volk, das heißt, dass sie anstelle und im Geist des Ganzen auftraten.

Nur in einer solchen Einheit kann es gottgemäßes Handeln und Zucht geben, die von dem ganzen Volk ausgeht und es zusammen zu dem Herrn zurückführt. Dazu muss man sozusagen „ausziehen“ (Vers 1). Das geschieht nicht in einem Zustand der Trägheit oder Lässigkeit. Hierfür ist Energie, Fleiß und die Bereitschaft, sich für den Herrn zu engagieren, notwendig. Eine solche Treue schenkt der Herr denen, die Ihn darum aufrichtig bitten.

Beschäftigung mit Bösem ist immer gefährlich

Sind wir uns bewusst, dass das Beschäftigen mit Sünde jeden Gläubigen immer Kraft und Energie kostet, und den Genuss der Gemeinschaft und die damit in Verbindung stehende Freude dämpft? Das könnten wir unter anderem aus der Verordnung der roten jungen Kuh in 4. Mose 19 und auch aus Haggai 2 ableiten. Nur der Herr Jesus konnte Tote berühren, ohne verunreinigt zu werden, weil Er das Leben ist und Leben in sich selbst besitzt (vgl. Joh 1,4; 11,25; 14,6), Er konnte Aussätzige anrühren, ohne angesteckt zu werden (vgl. Mt 8,3).

Für uns aber heißt es grundsätzlich, dass wir uns durch sein Wort und durch das Gebet sowohl vor einem solchen Gespräch als auch danach unbedingt heiligen und neu ausrichten (lassen). Ansonsten fallen wir selbst der Gefahr anheim, angesteckt zu werden, wie wir es in anderem Zusammenhang von Petrus in Galater 2 und in ganz schrecklicher Weise im zweiten Johannesbrief lesen 1, bzw. werden zum Hochmut verleitet, weil wir meinen, dass so etwas bei uns selbst niemals vorkommen könnte.

Nicht umsonst heißt es in Galater 6,1–3: „Brüder, wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt würde, so bringt ihr, die Geistlichen, einen solchen wieder zurecht im Geist der Sanftmut, wobei du auf dich selbst siehst, dass nicht auch du versucht werdest. Einer trage des anderen Lasten und so erfüllt das Gesetz des Christus. Denn wenn jemand meint, etwas zu sein, da er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst.“ Der Herr Jesus wünscht, dass wir alle Geistliche sind. Besonders wichtig ist es jedoch, wirklich geistlich zu sein, wenn man sich mit jemandem beschäftigen muss, der offensichtlich nicht geistlich ist. Einerseits werden wir diesen sonst nicht gewinnen können, denn Fleisch, das auf Fleisch stößt, wird niemanden überzeugen können. Zudem ist sonst die Gefahr groß, sich anstecken zu lassen und selbst zu fallen. Daher müssen wir uns in solchen Situationen in besonderer Weise bewahren lassen.

Wenn wir nun dieses Auftreten der elf Stämme für das ganze Volk positiv bewertet haben -man kann sich allerdings von Anfang an fragen, ob es wirklich eine von Gott gegebene Einheit oder nicht doch eher eine fleischliche, egoistische und parteiliche Einheit war, wie wir es später deutlich erkennen können – bleibt doch ein anderer Kritikpunkt bestehen. Nämlich: Wahrhafte Verbindung unter dem Volk Gottes, echtes Zusammenführen wird nur dann dauerhaft sein, wenn es das Gute, wenn es die Person des Herrn Jesus selbst ist, die uns zusammenbringt.

Das ist etwas, was wir aus Matthäus 18,20 lernen. Wenn es seine Person ist, die uns zusammenführt – und möge der Herr schenken, dass Er es wirklich ist und nicht Lehren oder sonstige Überlegungen – wird Einheit von Bestand sein können, weil das eigene Ich draußen bleiben muss und der Herr selbst unsere Herzen anzieht und erwärmt.

Einheit durch gemeinsame Zuchtausübung

Einheit, die nur durch gemeinsame Ausübung von Zucht begründet ist, wird nicht von Dauer sein, weil sie sich nur auf einen Feind oder einen Zweck bezieht. Man kann sich dann zusammenfinden, obwohl man in vielen anderen Punkten durchaus getrennte Wege gehen würde. Die Ablehnung einer Sache oder die Abneigung gegen eine Person(engruppe) jedoch kann manchem so wichtig werden, dass er darüber – für eine gewisse Zeit – alles andere vergisst, um sich dieser einen Problematik vollständig zu widmen.

Möge der Herr uns schenken, dass, wenn wir uns mit Zuchtfragen zu beschäftigen haben, nicht die Zucht es ist, die uns zusammenbindet, sondern seine Person. Wenn es nur um die Zucht geht, ist die Gefahr groß, dass man zu einer Sektenbildung kommt. Dann verliert man auch den wahren Mittelpunkt der Herzen und des Versammlungslebens leicht aus den Augen. Häufig zeigt sich nach einer gewissen Zeit, dass nicht die Grundsätze und Fundamente, die der Herr uns gegeben hat, verwirklicht wurden, sondern eine gemeinsame Ablehnung von (möglicherweise durchaus richtig beurteiltem) Falschem. Das allein aber ist viel zu wenig, um uns dauerhaft beim Herrn zu halten.

Zucht des Herrn (20,2)

„Und die Häupter des ganzen Volkes, aller Stämme Israels, traten in der Versammlung des Volkes Gottes zusammen: 400.000 Mann Fußvolk, die das Schwert zogen“ (Vers 2).

Eine ganz andere Versammlung dagegen fand in Richter 20 statt. Wir lesen davon, dass das Volk Israel unter Abzug des Stammes Benjamin aus 400.000 Kriegsleuten bestand. Das sieht zunächst einmal nach einem stattlichen Heer aus. Wenn man jedoch diese Zahl mit der vergleicht, die uns am Ende der Wüstenreise in 4. Mose 26 mitgeteilt wird, stellt man fest, dass dort (ohne Benjamin) über 555.000 (und in 4. Mose 1, also zu Beginn der Wüstenreise, sogar über 568.000) Kriegsleute zur Verfügung standen.

Wie kommt es, dass auf einmal so viele davon nicht mehr lebten, was im Übrigen auch für Benjamin gilt (4. Mose 1: 35.400; 4. Mose 26: 45.600; Richter 20: 26.700)? Es ist wohl – wie immer – nur mit der Untreue des Volkes zu erklären. Gott musste in seinen Regierungswegen so viele unter dem Volk hinwegraffen.

Müssen wir nicht heute ebenso beklagen, dass aufgrund unserer Untreue der Herr so viele Kämpfer und Mitkämpfer wegnehmen musste – sei es durch Heimgang, sei es aber auch dadurch, dass Spaltungen und Parteiungen entstanden, so dass manche Gläubige einen anderen Weg gehen? Hier ist ein Bewusstsein wichtig, dass es sich um die züchtigende Hand Gottes handelt (1. Pet 5,6; 1. Kor 11,30). Haben wir noch ein Bewusstsein unserer Schwachheit und unseres schwachen Zustandes, unserer Fehler und Sünden, wie es die „alten“ Männer in Esra 3 hatten? Es geht nicht um die Sünden derer, die nicht mehr dabei sind, sondern um die eigenen.

Es fällt auch auf, dass es von Anfang an in Richter 20 um ein „Kriegsvolk“ geht. Noch ist Gott nicht befragt worden; noch ist man nicht zu einem gemeinsamen Urteil gekommen. Aber eines scheint festzustehen: Es muss Krieg geben; ein Kampf ist notwendig.

So können auch wir zu einer Kampfeshaltung kommen, wenn irgendetwas im Versammlungsleben passiert, was wir nicht gutheißen können. Möge der Herr uns davor bewahren, vor dem Befragen des Herrn irgendwelche Schritte einleiten zu wollen und in einem Kampfgeist solche Dinge zu beurteilen!

Mizpa (Wachturm)

Es mag hier noch ein Wort zu dem Ort dieser Zusammenkunft gesagt werden. Mizpa bedeutet „Wachturm“, und eigentlich ist das ein durchaus geeigneter Ort, um sich zu demütigen und auf den Herrn zu warten. Das zeigt uns Samuel etliche Jahre später, als er Gott in Mizpa für das Volk bittet (1. Sam 7). Hier jedoch ist der „Wachturm“ zugleich eine Anklage gegen das ganze Volk, denn in Bezug auf den Götzendienst hat es versagt zu wachen; und einseitiges Wachen (hier über moralische Sünden) ist immer eine große Gefahr, weil uns Gott dann zeigen muss, dass wir auch in unserem Urteil und im Richten in allem ausgewogen sein müssen, allen Gefahren und jedem Bösen gegenüber. Zudem fällt auf, dass auch Dan – der Stamm also, der offenbar als erster öffentlichen Götzendienst in Israel eingeführt hatte (Ri 17.18) – ein Teil des Volkes war, das nunmehr gegen das Böse auftrat, obwohl er zumindest in der gleichen Weise wie Gibea und Benjamin hätte verurteilt werden müssen. Das allein zeigt schon, wie geteilt das Herz der elf Stämme in Bezug auf die Ehre Gottes war.

Wenn es um das Wachen geht, bleibt natürlich wahr, dass in erster Linie Gibea und Benjamin nicht gewacht, sondern die schreckliche Sünde in ihrer Mitte zugelassen hatten.

Andererseits mag man das Versammeln hier in Mizpa auch als ein Zeichen des Stolzes und Hochmutes des Volkes deuten können. Es fühlte sich, als sei es in der Lage, wie von einem Wachturm von oben herab den gefallenen Teil des Volkes zu richten. Dabei übersah es, dass es selbst in so mancher Hinsicht armselig und blind dastand, und deshalb selbst einen „Wachturm“ für sich benötigte.

Bedauerlicherweise finden wir diese Tatsache auch in unserem eigenen Leben wieder. Wenn man selbst schwach ist und in einigen Punkten gefehlt hat, meint man dennoch, anderen ihre schwachen Punkte aufzeigen zu können (vgl. Mt 7,3). Der Herr möchte jedoch, dass wir uns zunächst selbst in sein Licht stellen und dann auch über die Heiligkeit seines Hauses wachen, insoweit sie unserer Verantwortung übertragen ist.

Es ist bemerkenswert, davon zu lesen, dass sich das Volk „vor dem Herrn“ versammelte. Wir fragen uns allerdings, wo die Wirkung dieser Gegenwart des Herrn blieb. Eigentlich sollte man meinen, das Stehen vor dem Herrn führe dazu, dass es dann auch entsprechend seinen Gedanken handelt. Das jedoch finden wir hier nicht.

Auch das erinnert uns an unser eigenes Leben. Wie häufig waren wir in der Gegenwart des Herrn Jesus in den Stunden, in denen wir als Versammlung zusammenkamen! Was war das Ergebnis seiner Gegenwart? Oft ist festzustellen, dass wir unsere eigenen Wege gingen und unser Leben keineswegs an den Gedanken des Herrn ausrichteten. Statt der notwendigen Korrektur in unserem Leben haben wir einfach weiter gemacht, als ob es eine Botschaft des Herrn an unsere Gewissen nicht gegeben hätte.

Brauchbare Zeugen? (20,3–6)

„Und die Kinder Benjamin hörten, dass die Kinder Israel nach Mizpa hinaufgezogen waren. Und die Kinder Israel sprachen: Redet, wie ist dieses Böse geschehen? Da antwortete der levitische Mann, der Mann der ermordeten Frau, und sprach: Ich war nach Gibea gekommen, das Benjamin gehört, ich und meine Nebenfrau, um dort zu übernachten. Da machten sich die Bürger von Gibea gegen mich auf und umringten meinetwegen nachts das Haus. Mich beabsichtigten sie umzubringen, und meine Nebenfrau haben sie entehrt, dass sie starb. Da ergriff ich meine Nebenfrau und zerstückelte sie und sandte sie in das ganze Gebiet des Erbteils Israels; denn sie haben ein Verbrechen und eine Schandtat begangen in Israel“ (Verse 3–6).

Diese Verse werden damit eingeleitet, dass Benjamin davon hörte, dass die elf Stämme hinaufzogen, um sich wegen Gibea und dieser schändlichen Tat zu beraten. Dass der Stamm offenbar nicht auch von den anderen elf mit eingeladen wurde, ist an sich schon auffallend. Hätte man die Benjaminiter damit nicht gewinnen können? – Aber auf das Hinaufziehen der elf Stämme finden wir von Seiten der Benjaminiter überhaupt keine Reaktion. Das deutet schon die Herzenshaltung dieses Stammes an. Wie hartnäckig und hartherzig kann ein Mensch, ein Gläubiger und auch ein Teil des Volkes Gottes werden, wenn es darum geht, sich zu beugen und zu bekennen!

Dieses Beispiel zeigt auch, wie schwer es uns fällt, Sünde zuzugeben und zu bekennen, wenn sie „im eigenen Stamm“ geschieht. Wird nicht das Böse, das in der eigenen Familie vorkommt, als weniger schlimm bewertet als das, was wir in anderen Familien oder bei Gläubigen anderer kirchlicher Wege sehen?

Danach lesen wir, dass der Levit sein schreckliches Erlebnis dem ganzen Volk noch einmal erzählt. Man hat dabei fast den Eindruck, dass ihm das Erzählen Freude bereitet, weil er selbst für einen Augenblick im Mittelpunkt des Interesses steht und dazu auffordern darf, nun etwas zu unternehmen.

Ganz gewiss verschwieg er seine eigenen Fehler und Schwachheiten vor den Ohren des Volkes, dafür schilderte er jedoch das Übel der Männer von Gibea im ungünstigsten Licht. Beispielsweise verschwieg er, dass er selbst seine Frau in die Hände dieser bösen Männer gegeben hatte. Was erwartete er denn von dem Tun dieser Männer, als er dazu bereit war, seine Frau in ihre Hände zu geben? Etwa irgendetwas Gutes? Das doch wohl kaum! Durch dieses Verschweigen, das einer Lüge gleichkommt, war er eigentlich ein unbrauchbarer Zeuge geworden. Dies wird jedoch nicht erkannt. Warum sucht man nicht nach einem weiteren Zeugen? Zum Beispiel nach dem Knecht des Leviten?

Gott sucht ein gerechtes Urteil

Nun kann man die Sünde von Gibea nicht anders als eine „Schandtat“ (Vers 6) nennen. Hatte aber der Levit vergessen, dass er selbst durch sein Zögern und seine eigenen Fehler zumindest der Anlass für die ganze Sache gewesen war? Es ist zudem geradezu kühn, dass er in seiner Erzählung von seiner Nebenfrau spricht, als ob dies alles völlig normal sei. Diese Frau war aufgrund ihrer Unzucht eigentlich des Todes schuldig, wie man zum Beispiel in 5. Mose 22,22 nachlesen kann. Er selbst hatte seine Nebenfrau den Bösen ausgeliefert, obwohl er wusste, dass diese sie misshandeln würden. Hätte er sich nicht, nachdem er die ersten Anzeichen dieser Sünde in der Stadt vorgefunden hatte, schleunigst davonmachen sollen? Aber diese Fragen waren dem Volk angesichts der schockierenden Umstände offensichtlich nicht mehr wichtig.

Die Gefahr ist groß, dass man auch gerade in Versammlungsfragen den Balken im eigenen Augen vergisst, aber umso schärfer den Splitter im Auge des anderen sieht (Mt 7,1–5) – wobei der Gräuel von Gibea im absoluten Sinn sicherlich kein Splitter war. Selbstüberschätzung, Selbstgerechtigkeit und einseitiges Rechtsempfinden führen leicht zu einem zu scharfen Urteil, das ungerecht ist, und für das auch wir selbst die züchtigende Hand des Herrn spüren müssen.

Es ist leicht, bei einem Zusammenkommen oder auch bei einer christlichen Gruppierung die Fehler, das Versagen und auch das Abweichen vom Wort Gottes zu nennen. Es gehört viel Selbstverleugnung und Ehrlichkeit dazu, das eigene Versagen und auch das eigene konkrete Fehlverhalten einzugestehen, das möglicherweise bei anderen zu einem Fehlverhalten in eine entgegengesetzte Richtung geführt hat. Wir alle haben die Begabung, das Abweichen bei anderen nüchtern zu sehen. Eigenes Versagen, das – möglicherweise nicht weniger vorhanden ist – schwächt man eher ab. Es besteht vielleicht die Neigung, das eigene Versagen zu decken, indem man es vornehm als „Schwachheit in der Verwirklichung“ definiert, während man dieselbe Abweichung bei anderen einem Verletzen biblischer Grundsätze gleichstellt. Ist es wirklich wahr, dass das Versagen anderer immer prinzipieller Natur ist, das eigene dagegen nur in mangelhafter Verwirklichung gesehen wird?

Die Männer von Gibea hatten nach den Worten des Leviten „ein Verbrechen und eine Schandtat in Israel begangen“. Das stimmt auch. Wo aber sind die Männer Gottes, die einmal nach dem Unrecht fragten, das Gott damit (und mit dem Götzendienst aus den Kapiteln 17 u. 18) zugefügt wurde?

Nur wenn Gott und der Herr Jesus unsere Gewissen und Überlegungen prägen, werden wir in der Lage sein, ein Ihm wohlgefälliges Urteil zu fällen. Zunächst einmal geht es um seine Ehre und nicht um die von Menschen, selbst wenn es sich um Gläubige handelt.

Zudem ist es ebenso wahr, dass die Unzucht der Nebenfrau (3. Mo 19,29) und das anschließende Zerstückeln ebenfalls Schandtaten waren. Auch in dieser Hinsicht war ein klares Unterscheidungsvermögen sowohl bei dem Leviten wie auch bei dem restlichen Volk abhanden gekommen.

Zucht setzt intensives Gebet voraus (20,7)

„Siehe, hier seid ihr allesamt, Kinder Israel: Gebt hier eure Meinung und euren Rat! (Vers 7).

Es ist eigenartig, dass in all diesen Versen kein einziger Mann – übrigens auch nicht Pinehas, der später auftaucht – Gott befragte. Nein, die Männer von Israel sollten ihre Meinung nennen, ihren Ratschlag vorstellen, entscheiden und richten, Gott spielt anscheinend keine Rolle!

Wie leicht kann man über eine böse Tat so sehr erbost sein, dass man gar nicht daran denkt, ja nicht einmal in der Lage ist, Gott die ganze Sache vorzulegen und Ihn nach seinem Urteil zu befragen. Stattdessen handelt man im Affekt. Allein das „Stehen vor dem Herrn“ (1. Kön 17,1) hilft, ein angemessenes Urteil zu finden, und bewahrt vor fleischlichem Handeln. Es reicht dabei nicht, wie das Volk Israel äußerlich „vor dem Herrn“ zu stehen, da, wo die Bundeslade war. Es geht in erster Linie um eine innere Haltung, sich seiner Gegenwart bewusst zu sein.

Hier ist uns Mose ein Vorbild, wenn er für das Volk eintritt, um es zu Gott zurückzuführen, aber auch Elia, der als der Prophet, der vor Gottes Angesicht stand, ein schlimmes Urteil über Israel aussprechen muss, das aber gerecht war und von dem Herrn selbst kam.

Nach der kurzen Wiederholung dessen, was in Gibea vorgefallen ist, fällt praktisch kein Wort mehr über diese schreckliche Geschichte. Vielmehr scheint es dem Geist Gottes daran zu liegen, den inneren Zustand der elf Stämme – und auch den des Stammes Benjamin – zu beleuchten.

Nicht das Übel wird von Gott kommentiert – so schlimm es ist – denn es ist für jeden als Unrecht zu erkennen, sondern das, was auch wir so leicht übersehen können, nämlich unseren eigenen Zustand zu prüfen, wenn wir uns genötigt und beauftragt fühlen, Zucht auszuüben. Das ist es, was der Geist Gottes hier deutlich vor die Herzen und Gewissen stellt.

Selbsterkenntnis muss sich am Wort Gottes orientieren

Der Levit erscheint uns in dieser Geschichte erneut unaufrichtig und selbstgerecht. Das lässt den Gedanken aufkommen, dass er in Wirklichkeit auf beiden Seiten hinkte, anstatt sich konsequent und entschieden auf die Seite des Herrn zu stellen.

Durch die vielen Einflüsse dieser Welt, den propagierten Egoismus und die heutige Erziehung zu selbstbewusstem Auftreten kranken wir alle leider leicht an einer falschen Selbsteinschätzung. Außerdem vernachlässigen wir unter Zeitdruck leicht das persönliche Gebet und das Lesen der Bibel, die uns den wahren Spiegel vorhält. Sie sollte immer die Grundlage für unser Selbstgericht und ein dann möglicherweise nötiges Handeln sein.

Dieser Levit jedenfalls wird für jeden Betrachter allein dadurch unglaubwürdig, dass er mit unterschiedlichen „Gewichtssteinen“ maß und beurteilte – je nachdem ob es sich um sein eigenes Verhalten oder das von anderen handelte. Aus 5. Mose 25,13–16 und anderen Stellen wissen wir, dass das für Gott ein Gräuel ist, den Er hasst.

Entsetzen über Gräuel muss aus einem gedemütigten Herzen kommen (20,8–11)

„Und das ganze Volk stand auf wie ein Mann und sprach: Wir wollen nicht gehen, jeder zu seinem Zelt, und nicht einkehren, jeder in sein Haus; sondern dies ist die Sache, die wir jetzt an Gibea tun wollen: Ziehen wir gegen diese Stadt nach dem Los, und nehmen wir zehn Männer von hundert, von allen Stämmen Israels, und hundert von tausend und tausend von zehntausend, um Wegzehrung für das Volk zu holen, damit, wenn sie nach Gibea-Benjamin kommen, man an ihm tue nach all der Schandtat, die es in Israel begangen hat“ (Verse 8–11).

Nun lesen wir erneut von dem Entsetzen des Volkes über die geschehene Tat in Gibea – wie gesagt – zu Recht. Eine andere Frage ist, wie das Volk den Leviten als Zeugen beurteilt. Man ist erstaunt, wie gleichgültig es auf die Verbindung dieses Menschen mit einer Nebenfrau reagiert, der ja eigentlich ein Vorbild hätte sein müssen, in Wirklichkeit aber das Gegenteil davon war.

Wie leicht gelingt es dem Feind, mit den „kleinen Füchsen“ (vgl. Hhl 2,15) so viel Unheil anzurichten, dass er uns veranlasst, in Selbstgerechtigkeit gegen sogenannte „große“ Sünden scharf vorzugehen, die im Vergleich dazu jedoch eher klein anmutenden Sünden in unserem eigenen Leben und dem uns eng verbundener Mitgeschwister außer Acht zu lassen. Auch wir sind in Gefahr, solche Dinge wie z.B. ein geteiltes Herz zu unserem Bräutigam, dem Herrn Jesus, schon als normal hinzunehmen, anstatt sie im Licht des Herrn biblisch zu be- und zu verurteilen.

An dieser Stelle gilt auch für uns, was in Klagelieder 3,40.41 aufgeschrieben ist: „Prüfen und erforschen wir unsere Wege, und lasst uns zu dem Herrn umkehren! Lasst uns unser Herz samt den Händen erheben zu Gott im Himmel!“ Wenn wir wirklich bei uns selbst anfangen, sind wir in der Lage, auch das Übel bei anderen zu beurteilen.

Nun folgen entscheidende Minuten. Was wird das Volk tun? Wird es sich zunächst einmal demütigen angesichts dieser schrecklichen Sünde unter dem Volk? Wird es anerkennen, dass das in seiner Mitte geschehen ist und dass sein eigener niedriger Zustand eine solche Schandtat zugelassen hat? Wird man nunmehr Gott befragen, was zu tun ist? Wird man versuchen, zunächst einmal zu den Herzen der Betroffenen zu sprechen?

Von alledem finden wir nichts. Das Volk befand sich in einer solchen Rage, dass es eine Art Schwur ausspricht, der nicht von dem Herrn war. Man schickte sich an, Gibea auszulöschen. Nun ist es in der Tat so, dass auf das begangene Übel die Todesstrafe stand – sei es auf die Homosexualität (z.B. 3. Mo 20,13), sei es auch auf die Vergewaltigungen (z.B. 5. Mo 22,22). War sich aber das Volk im Klaren, auf welche Weise Gott dieses Urteil vollziehen wollte?

Jeder Fall erfordert eine eigene Untersuchung

Wenn eine öffentliche Sünde begangen worden ist, kann man leicht in die Gefahr kommen, einfach einem gewissen Muster oder den eigenen Emotionen folgend zu handeln. Das ist niemals die Weise Gottes. Nein, seine Wege sind vollkommen – und dabei wird Er keineswegs Böses gutheißen und Gutes verurteilen.

Wer von uns aber hätte zum Beispiel nach der Sünde Davids mit der Frau des Urija und seinem, auf die Anklage von Nathan hin recht schnell abgelegten Sündenbekenntnis dem Urteil des Propheten Nathan beigepflichtet, dass die gesetzlich vorgeschriebene Todesstrafe (5. Mo 22,22) nicht anzuwenden war? Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass sie doch auch, ja gerade für den König und nicht nur für Untertanen des Königreiches galt! Daher war unverkennbar eine Offenbarung vonseiten Gottes für Nathan nötig, um dessen Gedanken gerade für diesen Fall zu erkennen. Auch wir tun gut daran, nicht mit vorgefassten Meinungen Entscheidungen zu treffen, sondern immer auf den Herrn und seine Weisung für jeden speziellen Fall zu warten, und dann in Übereinstimmung mit seinem Wort zu handeln.

Zwei oder drei Zeugen sind notwendig

Noch einige weitere Punkte fallen in diesen Versen auf. Nach dem Gesetz mussten solche Anklagen aus dem Mund zweier Zeugen bestätigt werden (5. Mo 17,6). Ein Zeuge durfte nach 5. Mose 19,15 gar nicht alleine auftreten. Darauf legte man hier anscheinend keinen Wert. Natürlich war offenbar geworden, dass eine große Sünde geschehen war. Dennoch wäre es gesetzmäßig gewesen, noch einen zweiten Zeugen, zum Beispiel den alten Mann, der die Gastfreundschaft geübt hatte, zu befragen.

Es ist sehr wichtig, sich niemals auf einseitige Informationen und Hinweise zu stützen. So vertrauenswürdig der Erstbote auch sein mag, Gott bezeugt sich auch in diesen Dingen durch zwei oder drei Zeugen. Wer das vergisst, kann anderen Gläubigen einfach – auch durch Vorurteile – Unrecht tun, und wir können leicht falsche Urteile fällen, die wir dann im Nachhinein bereuen. Das bedeutet auch, dass immer beide Seiten gehört werden müssen, wenn es zu einer Spaltung 2 inmitten von Geschwistern gekommen ist. Natürlich muss der Betroffene ebenfalls gehört werden (vgl. Joh 7,51). Wie gefährlich und verantwortungslos ist es, wenn durch Fehlurteile, die aufgrund menschlicher Voreingenommenheit oder durch zu schnelles Handeln oder zu oberflächliches Beurteilen zustande kommen, Zwietracht unter die Geschwister gebracht wird, was manchmal langwierige und schwerwiegende Folgen haben kann.

In diesem Zusammenhang sei z.B. an die Aussage von William Kelly erinnert 3, der angesichts der Tatsache, dass der vom Herrn so begnadete Bruder Darby in der Regel das Urteil dessen glaubte, der ihm als erster von einer Sache berichtete, immer dafür betete, dass dieser „erste“ das Urteil des Herrn, die Wahrheit, vorbrachte. Wie leicht können auch wir ein einseitiges oder „erstes“ Urteil für die Wahrheit halten! Wir müssen in diesem Zusammenhang sicher auch zugeben: Häufig meint man, dass andere in einer solchen Gefahr stehen, und man selbst aus Treue zum Herrn gehandelt hat. In Wirklichkeit mag es jedoch genau umgekehrt sein.

Wie wichtig ist es auch, dass wir bereit sind, ein falsches Urteil wieder zurückzunehmen, wenn uns auf der Grundlage des Wortes Gottes deutlich (gemacht) wird, dass wir falsch gehandelt haben. Ein aufrichtiges Bekenntnis, Trauer über Unehre, die wir auf den Herrn gebracht haben und auch Trauer, dass wir jemandem oder mehreren Gläubigen Unrecht getan haben, führen zu neuem Segen.

Zucht muss in Ruhe – nicht Trägheit – geschehen

Es erscheint gut, auch ein Wort über die Schnelligkeit zu schreiben, in der solche Entscheidungen getroffen werden. Sicherlich gibt uns die Bibel keine Angabe, in wie vielen Tagen oder Wochen Versammlungsbeschlüsse zu treffen bzw. Zuchtfragen zu behandeln sind. Eines allerdings ist klar: Es wäre tragisch, wenn notwendige Untersuchungen und auch Versuche, Gläubige wieder für den biblischen Weg zu gewinnen, aufgrund von Eile unterbunden würden. Eile ist in geistlichen Fragen oft ein Zeichen dafür, dass fleischlich gedacht und gehandelt wird.

Manchmal wird Eile mit der Begründung gerechtfertigt, dass die Heiligkeit Gottes ein unmittelbares Eingreifen nötig mache. Zweifelsohne ist es richtig, dass wir viel zu wenig für die Ehre unseres Herrn einstehen. Genauso ist es wahr, dass wir nicht faul und gewollt langsam in diesen Fragen handeln dürfen, wenn es uns wirklich um die Ehre des Herrn geht. So zeigt uns Josua 7,16, dass Josua, nachdem er von Gott unterwiesen war, frühmorgens aufstand, um dessen Anweisungen Folge zu leisten. Er nahm sich nicht viel Zeit, sondern setzte sofort um, was ihm der Herr aufgetragen hatte. Wenn es zum Beispiel um die Beurteilung von bestimmten Entwicklungen in einzelnen Versammlungen geht, ist ein Hinhalten mit scheinbar geistlichen Argumenten auf Dauer nicht hinnehmbar.

Aber das Wort Gottes macht uns doch überall klar, dass Sorgfalt und nicht Hast uns prägen muss. Vergessen wir nicht, mit welcher Geduld Gott das Volk Israel immer wieder auf seine Sünden hinwies, bevor Er sich und seine Herrlichkeit aus dem Tempel zurückzog. Es ist erstaunlich, wie viele gottlose und götzendienerische Könige (wie zum Beispiel Athalja, Ahas, Manasse, Amon) der Herr „erduldete“, bis Er erst, als auch das Königreich Judas in die Gefangenschaft nach Babylon geführt wurde, ungefähr im Jahr 592 vor Christus unter der Regierung Zedekias, seine Herrlichkeit aus dem Tempel und der Stadt Jerusalem entfernte (Hes 8–11).

An dieser Stelle mag ein Hinweis helfen, wie Gott mit der Sünde Korahs und seiner Rotte umging. Es wurde nicht am gleichen Tag gerichtet, sondern erst am darauf folgenden (4. Mo 16,16). Hier waren die Positionen doch schon am Vortag vollkommen klar! Dennoch gibt Gott diesen Menschen noch einen Tag Zeit, um doch noch um- und zurückzukehren. Ist das nicht der Grund, weshalb weder die Söhne Korahs noch die Familie Ons, des Sohnes Pelets, in diesem Gericht umkamen? Es hat zumindest den Anschein, dass diese Gnadenfrist Gottes bei Einzelnen zur Umkehr geführt hat. Gott gab ihnen Zeit zur Umkehr – und es gab solche, die diese Zeit nutzten.

In Korinth (1. Kor 5) finden wir ein eindeutiges Urteil vonseiten des Apostels Paulus. Dennoch überliefert nicht er selbst den Mann, der Hurerei betrieb, dem Teufel, sondern besteht darauf, dass die Korinther den Bösen aus der Gemeinschaft ausschließen. Er geht deshalb auch nicht selbst nach Korinth, obwohl das den Vorgang sicher beschleunigt hätte, sondern wartet ab, bis sein Brief nach Korinth gelangt ist und auf das Gewissen der Korinther eingewirkt hat.

Zucht setzt Sorgfalt voraus

Einen Hinweis auf die notwendige Sorgfalt, jetzt in Bezug auf die Untersuchung einer Sache, finden wir am Ende der Wüstenreise des Volkes, in 5. Mose 17,6–13. Hier gibt Gott zunächst die Anweisungen, dass eine Person nur „auf die Aussage zweier Zeugen oder dreier Zeugen hin getötet werden soll ... Er soll nicht auf die Aussage eines einzelnen Zeugen hin getötet werden. Die Hand der Zeugen soll zuerst an ihm sein, ihn zu töten, und danach die Hand des ganzen Volkes. Und du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen“ (5. Mo 17,6.7).

Auf der Basis dieser Stelle hätte also der Levit, der die ganze Beschuldigung vorbrachte, die Pflicht gehabt, nicht nur weitere Zeugen zu benennen – bzw. das Volk hätte sie zu suchen gehabt – sondern er selbst wäre derjenige gewesen, der als erster die Hand an die Schuldigen hätte legen müssen.

Vielleicht mag jemand einwenden: „Aber hier ist doch die Sachlage vollkommen klar! Warum soll man noch Zeugen suchen?“ In diesem Fall ist es sicher so. Aber wie konnte das Volk sicher sein, dass es so war? Gott besteht auf diesem Prinzip der Zeugen, damit sein Volk nie der Gefahr erliegt, parteiisch und voreingenommen zu handeln. Oftmals sind die Fakten nicht so eindeutig; und damit das Volk grundsätzlich nach klaren Prinzipien handelt, mussten mehrere übereinstimmende Zeugen vorhanden sein – so auch heute!

Von dem Leviten liest man über die Beschuldigung hinaus überhaupt nichts mehr in diesen Kapiteln. Es hat fast den Anschein, als ob seine Person nicht noch einmal Erwähnung finden sollte. Möglicherweise hat er sich gar nicht an dem Kampf beteiligt. In der Tat hätte er sonst – menschlich gesprochen – zu denjenigen gehört, die in diesem Streit als erste gefallen sind, wenn er sich an die Anweisungen Gottes gehalten hätte. Denn der Zeuge sollte als erster handeln; und in dieser Geschichte waren es die „Ersten“, die dann dem Krieg zum Opfer fielen.

Wie leicht ist es auch heute, Beschuldigungen vorzubringen, sich dann aber aus den anschließenden „Auseinandersetzungen“ ganz herauszuhalten, um nicht mit anderen durch das Gericht „getroffen“ zu werden. Abgesehen davon, dass dies feige ist, spricht es auch nicht von einer entschiedenen und konsequenten Haltung für den Herrn – das gilt im Übrigen besonders auch für diejenigen, die der Herr als Führer im Volk Gottes (Heb 13,17; 1. Thes 5,12–13) geschenkt hat. Unabhängig davon bleibt die Aussage von 5. Mose 17,7 bestehen: Das Böse muss gerichtet und hinweggeschafft werden.

Gottes Anweisungen zur Sorgfalt

In den Versen 8–13 von 5. Mose 17 wird das Schwergewicht darauf gelegt, dass eine Untersuchung mit der notwendigen Sorgfalt durchgeführt werden muss, damit auch wirklich die wahrhaft Schuldigen getroffen und gerichtet werden. Das scheint dem Geist Gottes so wichtig zu sein, dass Er diesen Gedanken in Kapitel 19,18 noch einmal wiederholt. Bei einer solchen Untersuchung (5. Mo 17) war es notwendig,

  1. an den Ort zu ziehen, den der Herr, Gott, erwählt hatte (Vers 8),
  2. zu den Priestern, den Leviten und den Richtern zu gehen, die von Gott dafür ausersehen waren (Vers 9),
  3. den Spruch des Herrn in Treue auszuführen, der von dem auserwählten Ort aus gegeben würde (Vers 10).

Es ist traurig, dass keinem der drei Kriterien in diesem Fall Genüge getan wurde. Das Volk hatte von Anfang an versagt, den Ort zu suchen, den der Herr erwählen wollte bzw. erwählt hatte. Erst David interessierte sich dafür. Gerade Richter 17–21 macht deutlich, dass die Gruppe der Leviten und Priester völlig versagt hat. Selbst ein Pinehas war nicht in der Lage, das Volk an den richtigen Ort, in die wahre Gegenwart des Herrn zurückzuführen.

Einen Richter gab es auch nur zeitweise unter dem Volk. Sobald der amtierende Richter starb, war es mit der scheinbaren Gottesfurcht des Volkes wieder vorbei. Sowohl in Richter 17,6 als auch im letzten Vers des Buches lesen wir davon, dass es keinen König (und keinen Richter, denn die Könige hatten die Aufgabe, das Volk zu richten und Recht zu sprechen) in Israel gab, so dass jeder tat, was recht war in seinen Augen.

Handeln ohne Auftrag von Gott

Folglich war es auch unmöglich für das Volk, den Spruch des Herrn in Treue auszuführen, denn einen solchen Spruch gab es überhaupt nicht. Welche armselige Vermessenheit, dann jedoch erhobenen Hauptes in den Krieg gegen Benjamin zu ziehen!

Aber dies spricht auch zu unseren Herzen. Wie leicht „vergisst“ man, wirklich an dem Ort, wo der Herr seine Gegenwart verheißen hat, nach seinem Willen zu fragen. Gerade bei (schwierigen) Zuchtfragen sollten wir zunächst Zusammenkünfte verantwortlicher Brüder einberufen, um seinen Willen zu erkennen und zu erfragen. Nur durch Gebet und gemeinsames Lesen und Erforschen seines Wortes werden wir in der Lage sein, in der rechten Gesinnung auch das rechte Urteil zu fällen. Bevor dann von der örtlichen Versammlung gehandelt werden kann, ist es zudem nötig, zum Namen des Herrn Jesus hin zum Gebet zusammenzukommen. Denn die Versammlung schließt aus – nicht Brüder. So sollte sich auch die Versammlung der Abhängigkeit von Gott bewusst sein, wenn sie eine so ernste Handlung eines Ausschlusses vornimmt.

Angesichts des Niedergangs unter den Christen und auch unter denen, die bekennen, zum Namen Jesu zusammenzukommen, ist es so wichtig, dass „Priester“ aufstehen, die uns durch den „König“ 4, den Herrn Jesus, den Spruch des Herrn kundgeben, wiewohl wir Ihn durch sein Wort und den Heiligen Geist erkennen könnten. Sind wir aber nicht oft schwach und nachlässig, wenn wir seinen Willen in Versammlungsfragen erkannt haben, diesen Willen zu verwirklichen?

Einheit aus Parteisucht

Schließlich findet sich in diesem Abschnitt noch zweimal der Ausdruck, dass sich das Volk „wie ein Mann“ versammelte. So schön diese Einheit an und für sich ist, es gibt auch fleischliche – und nicht von Gott gewollte – Einheit. In diesen Versen stammt die Übereinstimmung nicht von Gott und auch nicht aus dem Bewusstsein, dass man ein Volk ist. Hier ist es vielmehr der Geist der Parteisucht, der die elf Stämme dazu führt, gegen den zwölften Stellung zu beziehen. Es ist ein Geist innerer Erregung, der handeln möchte, unabhängig davon, ob es der Weg des Herrn ist, in eine solche Kampfhandlung einzutreten.

Möge uns der Herr davor bewahren, eine äußere Einheit zu propagieren, die nicht vom Herrn ist, sondern aus dem Fleisch kommt. Einheit auf biblischer Basis in der heutigen Zeit bedarf der Trennung vom Bösen. Das heißt aber nicht, dass man sich gegen andere Teile des Volkes Gottes stellen darf. Wenn man den 1. Korintherbrief liest, erkennt man sehr deutlich, dass Gott Spaltungen, die leicht zu Parteiungen führen, hasst.

Damit soll jedoch nicht gesagt werden, dass Einheit um jeden Preis anzustreben ist. Das Wort Gottes kennt eine biblische Einheit unter der biblischen Einschränkung der Absonderung vom Bösen (vgl. Eph 2,15.16.21.22; 2. Tim 2,21). Das bleibt auch für uns heute bestehen.

Zucht wird nie von einem „Teil“ ausgeübt (20,12–13a)

„Und die Stämme Israels sandten Männer zu allen Geschlechtern Benjamins und sprachen: Was ist das für Böses, das unter euch geschehen ist! So gebt nun die Männer, die Söhne Belials, heraus, die in Gibea sind, dass wir sie töten und das Böse aus Israel wegschaffen!“ (Verse 12–13a).

Immerhin sind die elf Stämme noch so besonnen, zunächst einmal mit den Benjaminitern zu sprechen, denn sie wollen diejenigen töten und richten, die den Frevel begangen haben. Es drängt sich jedoch die Frage auf, ob es nicht weiser gewesen wäre, zunächst die Ältesten der Stadt Gibea anzusprechen, denn es ist wohl nicht anzunehmen, dass diese Stadt – bis auf den alten Mann vom Gebirge Ephraim – nur aus unmoralischen Menschen bestand. So hätte man sich sozusagen an das Gewissen der Stadt wenden können, die Übeltäter zu richten und zu steinigen. Dadurch hätte möglicherweise viel Blutvergießen verhindert werden können.

War es aber richtig, dass die elf Stämme töteten und richteten? Wäre es nicht vielmehr Aufgabe der Benjaminiter gewesen, dieses Urteil für Gott auszuführen, und wäre es nicht erste Pflicht der elf Stämme gewesen, Benjamin darauf aufmerksam zu machen? So ist es auch heute.

Natürlich „darf“ sich jedes Kind Gottes grundsätzlich mit einer solchen Sache der Zucht, die in oder unter Versammlungen geschehen musste, beschäftigen und informieren – wiewohl es merkwürdig wäre, wenn eine solche Beschäftigung zu einem „Hobby“ würde, denn es gibt wohl kaum Traurigeres als solche Dinge.

Aber wenn weiter entfernt von uns etwas passiert, dann sind nicht zunächst wir gefordert, sondern Geschwister einer Versammlung, die in unmittelbarer Nähe liegt, denn ganz natürlich haben Geschwister, die in der näheren Umgebung wohnen, einen besseren Einblick in die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort.

Praktizierte Einheit im Volk Gottes

Nun mag man fragen, woraus man schließen kann, dass diese „natürliche“ Beurteilung auch von der Schrift unterstützt wird. Das Neue Testament macht z.B. in 1. Korinther 14 deutlich, dass wir in geistlichen Fragen „verständig“, also mit „Verstand“ handeln sollen. Das ist sicher auch auf Zuchtfragen und die Beurteilung von Versammlungsfragen anwendbar. Zu Beginn der Kirchengeschichte, in der apostolischen Zeit, gab es allerdings noch keinen Fall, bei dem sich „umliegende Versammlungen“ mit einer bestimmten Versammlung von vornherein beschäftigen mussten. Überhaupt gibt es in der Schrift keine Aufforderung, dass sich eine örtliche Versammlung mit einer anderen beschäftigen soll – dass sie dazu die Kompetenz besitzt.

Dennoch zeigt die Tatsache, dass die Briefe in Offenbarung 2 und 3 an alle sieben Versammlungen geschickt wurden, dass die Geschwister von „umliegenden Versammlungen“ über den Zustand der jeweils anderen Versammlung Bescheid wissen sollten. 5 Damit steht in Verbindung, dass – je nachdem wie die weitere Entwicklung an den einzelnen Orten verlaufen würde und gegebenenfalls der Leuchter aus einer Versammlung weggerückt würde (Off 2,5), Geschwister einer örtlichen Versammlung eine solche „Versammlung“ auch nicht mehr als zum Namen des Herrn Jesus versammelt hätten ansehen können und dürfen. Gerade dadurch, dass ihnen der Geist Gottes die Zustände von Nachbarversammlungen offenbarte, standen sie also auch in der Pflicht, gegebenenfalls helfend tätig zu werden – und notfalls zu „handeln“. Denn wie könnte man zu einem Zusammenkommen, das Böses duldet und nicht richtet, noch hingehen, als handle es sich um ein Zusammenkommen im Namen des Herrn, wo der Herr doch das Böse verabscheut und richtet?

Dabei ist aber zunächst allein die örtliche Zuständigkeit – Kompetenz – einer Versammlung zu berücksichtigen. Der Böse in Korinth (1. Kor 5) sollte eben nicht in Jerusalem – wiewohl ausgeübte Zucht dann auch für dort gelten würde – sondern in Korinth ausgeschlossen werden. Wenn nun Korinth zunächst nicht handelte, schlossen nicht Paulus oder die Geschwister, mit denen er zu diesem Zeitpunkt zusammen war, diesen Mann aus. Vielmehr forderte Paulus die Korinther auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Erst wenn sie ihre Pflicht bewusst nicht erfüllt hätten, hätten andere tätig werden können und müssen. Aber so weit kam es – dem Herrn sei Dank – in Korinth nicht.

Unterstützt wird diese gerade aufgezeigte Gedankenlinie zudem durch eine Vorschrift, die im Alten Testament für Israel galt und die man sicher auf die heutige Zeit anwenden kann. Wenn nach 5. Mose 21 ein Erschlagener auf dem Feld gefunden wurde und der Mörder nicht ausfindig gemacht werden konnte, so musste genau ausgemessen werden, welche Stadt diesem Ort am nächsten lag. Diese Stadt musste nach den Vorschriften des Herrn tätig werden.

Es liegt also nahe, dass Brüder desjenigen Zusammenkommens helfen, das dem „Problemfall“ am nächsten liegt. Bei schwierigen Fällen scheint es zudem angemessen zu sein, dass Brüder nächstliegender Versammlungen einbezogen werden.

Wir leben nicht unter Gesetz

Zu diesen Fragen, wer genau mit wem sich um derartige Dinge kümmern soll, gibt es keine „gesetzesähnliche“ Vorschrift im Neuen Testament. Das mag daran liegen, dass der Geist Gottes – in Ehrfurcht gesagt – bereits damals wusste, dass in manchen Zusammenkommen Uneinigkeit existieren würde. Daher können wir heute nicht „nach Vorschrift“ handeln, sondern sollen in geistliche Übung kommen, wie und mit wem solche schwierigen Dinge zu behandeln sind. Beispielsweise wird man in einer Beurteilung wohl kaum Brüder von einem Zusammenkommen einbeziehen, das selbst gespalten ist oder einen unklaren Standpunkt einnimmt. Allerdings sind diese beiden Punkte Anlass, solchen zerstrittenen Versammlungen Hilfe zu leisten.

Gerade in diesem Zusammenhang ist es wichtig, alttestamentliche Begebenheiten und Vorschriften nicht einfach buchstäblich auf heutige Umstände anzuwenden. Zweifellos finden wir in allen eine moralische Belehrung – das ist auch der Grund für diese Ausführungen zu Richter 19–21. Aber diese moralische Belehrung muss mit neutestamentlichen Grundsätzen und Hinweisen übereinstimmen, wenn wir sie heute anwenden wollen. Wenn diese erkannt sind, dann bedarf es der angesprochenen geistlichen Übung, um auch auf der Grundlage des Alten Testamentes zu richtigen Schlussfolgerungen zu gelangen.

Es geht nicht nur um das was, sondern auch um das wie

Wenn man die Redeweise der elf Stämme hört, wundert man sich eigentlich nicht mehr, dass Benjamin sofort abweisend reagierte. Man hört die elf Stämme gewissermaßen sagen: „Wie konnte das nur bei Euch vorkommen – bei uns ist das unvorstellbar. In Sebulon oder in Ephraim hätte eine solche Sünde unmöglich vorkommen können. Dazu ist unser Zustand viel zu gut. Aber bei Euch konnte das passieren? Schlimm, schlimm, schlimm!“

Man kann sicher sein, dass mit einer solchen Anklage nicht das Herz und Gewissen der Benjaminiter erreicht werden konnte, denn diese solidarisierten sich fast automatisch nach einer solchen Rede mit den Übeltätern in Gibea. Es ist wohl anzunehmen, dass auch die Benjaminiter ein gewisses Grauen empfunden haben, als sie „ihren“ Teil der misshandelten Frau erhalten haben. Dadurch jedoch, dass die elf Stämme geschlossen gegen sie auftraten, verbanden sie sich sofort mit Gibea – ohne dass dies für das falsche Verhalten der Benjaminiter eine Entschuldigung wäre, die vor Gott Gültigkeit hätte.

Auch wir können daraus lernen, dass es nicht nur um das „Was“, sondern auch um das „Wie“ geht, wenn wir uns mit Brüdern und Schwestern zu beschäftigen haben. Zu Herzen gehend sind vor diesem Hintergrund die ersten Verse aus Epheser 4. Gerade durch die Art und Weise, wie man mit anderen spricht und umgeht, kann man diese gewinnen oder auch abstoßen. So leicht wird das Gegenteil von dem erreicht, was der Herr beabsichtigt, wenn man das „wie“ außen vor lässt.

Aber auch das ist natürlich keineswegs eine Entschuldigung für diejenigen, die sich abwenden. Auch sie sind in gleicher Weise ihrem Herrn verantwortlich, nach seinen Gedanken zu leben, zu handeln und zu bekennen.

Richtig wäre gewesen, wenn die elf Stämme nicht von „euch“ (Vers 12), sondern von „uns“ gesprochen hätten. Oder gehörte Gibea nicht auch zu dem ganzen Volk Israel? Hier hätte sich die richtige Gesinnung des Volkes dokumentieren können, um den einen Stamm zu gewinnen. Leider finden wir davon in der ganzen Geschichte keine Anzeichen. Auch wartet man vergeblich darauf, dass die elf Stämme den zwölften in der Furcht des Herrn anleiteten. Dadurch hätten sie Benjamin gewinnen können. Stattdessen hört man die Selbstgerechtigkeit aus den Worten des Volkes Israel heraus.

Israel glich schon damals dem Pharisäer, der meinte, Gott danken zu können, dass er besser sei als der Zöllner. Wenn man sich selbst jedoch gerecht vorkommt, zeigt man eine Einstellung, die jede andere Person abwertet. Dadurch wird man ein Herz nicht gewinnen können.

Kann man nicht auch heute manchen gewinnen, wenn man ihm nicht in Härte, sondern in der Liebe des Herrn begegnet, um ihn auf den Weg des Rechts zu führen und ihm die Gedanken des Herrn groß zu machen? Hier können wir alle von Paulus lernen, gerade wenn wir den Brief an die Kolosser lesen. Natürlich ist hiermit nicht gemeint, dass man auf Empfindungen von Menschen mehr Rücksicht nimmt, als auf die Rechte des Herrn. Beides sollte praktiziert werden: Treue und Liebe.

Das falsche Verhalten derjenigen, die Zucht ausüben, ist niemals eine Rechtfertigung für falsches Verhalten jener, die diese Zucht erfahren. Jeder ist persönlich dem Herrn verantwortlich. Doch ist der Geistliche verantwortlich, diejenigen, die durch einen Fehltritt übereilt werden, in geistlicher Weise, also im Geist der Sanftmut und Demut, zurechtzubringen (Gal 6,1). Das entscheidende Charakteristikum eines Geistlichen ist dabei, ein Vorbild an Sanftmut, Demut und Gottesfurcht zu sein. Dadurch ist man in der Lage, jemanden zurückzuführen.

Sünde macht blind (20,13b–14)

„Aber die Kinder Benjamin wollten nicht auf die Stimme ihrer Brüder, der Kinder Israel, hören; und die Kinder Benjamin versammelten sich aus den Städten nach Gibea, um auszuziehen zum Kampf mit den Kindern Israel“ (Verse 13b–14).

An dieser Stelle tritt auch der schreckliche Zustand Benjamins zu Tage. Warum hatte sich von ihnen nicht ein Mann gefunden, der sich der schlimmen Sache annahm, die ja auch bei diesem Stamm bekannt geworden sein musste?

Möge der Herr uns bewahren, in einen inneren Zustand wie Benjamin zu kommen, nämlich dem Bösen gleichgültig gegenüberzustehen. Jeder einzelne und auch jede Versammlung (jedes Zusammenkommen) steht jeden Tag neu in Gefahr, eine solche Gesinnung anzunehmen. Es geht um Böses, das gegen Gott gerichtet ist – und da darf es keine Gleichgültigkeit geben, denn diese stellt Feindschaft gegen Gott dar.

Dennoch hätte es – wenn dies alles Realität gewesen wäre – keine Trennung und keinen Bürgerkrieg in Israel geben müssen. Wir trennen uns nicht von einer Versammlung, weil offenbar Böses bei ihr auftritt – wie schlimm das auch immer ist. Wir müssen uns – und hoffentlich bleibt dieses „müssen“ für uns immer bestehen – von ihr trennen, wenn sie nicht bereit ist, dieses Böse zu richten und wegzutun, nachdem sie dazu aufgefordert und auf die wichtigen Stellen der Schrift (z.B. 1. Kor 5.10; 2. Joh; 2. Tim 2, Eph 4,1–4) hingewiesen wurde. Dann duldet sie bewusst das Böse, und erst dann haben wir das Recht – aber wie gesagt, es ist eher unsere (heilige) Pflicht – uns zu trennen. Das sollten wir nicht vergessen. Das Recht dazu haben wir nur,

  1. weil auch der Herr Jesus in einem solchen Fall den Weg „hinaus“ gewählt hätte (vgl. z.B. Heb 13,12.13; Mt 13,1) und
  2. wenn wir nicht einen eigenen „religiösen“ Weg einschlagen, sondern „zu Ihm“ hinausgehen (vgl. Heb 13,13; 2. Tim 2,21.22).

Es scheint nützlich zu sein, in Verbindung mit 2. Timotheus 2,19 kurz darauf hinzuweisen, dass es dort zunächst darum geht, dass man sich persönlich von Gläubigen (und Ungläubigen) trennen muss, die zur Unehre des Hausherrn, also des Herrn Jesus, sind. Insofern kennt die Schrift keine kollektive, gemeinsame Trennung, sondern zunächst eine persönliche. Aber natürlich findet dieser Grundsatz eine Anwendung auch auf örtliche Versammlungen. Zumindest gilt auch für Zusammenkommen, denn wir rufen zusammen den Namen des Herrn an (vgl. Apg 4,24), dass sie von jeder Art der Ungerechtigkeit abstehen sollen – und damit auch von Versammlungen, die sich mit Ungerechtigkeit einsmachen oder sich nicht von ihr trennen wollen.

„Brüderkrieg“ kennt nur Verlierer

In Verbindung mit dieser Geschichte lernen wir auch, dass Kämpfe unter Brüdern – „Bürgerkrieg“ – unter Geschwistern, immer nur Verlierer als Ergebnis hervorbringen. Selbst wenn in der Sache eine Seite im Recht ist: Gott verabscheut Brüderkrieg, und da dieser praktisch nie allein von einer Seite verursacht wird, gibt es nur Verlierer. Das war auch in biblischen Zeiten immer so – gerade wenn wir an die verschiedenen Kämpfe im Alten Testament denken – aber auch der 1. Korintherbrief belehrt uns in dieser Hinsicht.

Wer meint, den Kampf gegen Brüder aufnehmen zu müssen, der hat nicht verstanden, was es in den Augen Gottes ist, wenn Bruder gegen Bruder aufsteht – beide durch das kostbare Blut Jesu erkauft und erlöst (vgl. Ps 133,1). Wir tasten dadurch die Ehre des Herrn selbst an. Wer das eigene Herz kennt, weiß, wie leicht Neid und Streit im eigenen Herzen aufkommen, und wird die richtigen Schlüsse für sein Leben daraus ziehen.

Wer Böses duldet, schließt Gott aus

Leider stellen wir in dieser Begebenheit fest, dass Benjamin bereit war, Böses zu dulden, indem es nicht bereit war, das Übel zu richten. Wie schlimm, wenn Gläubige in dieser Weise nicht auf ihre Brüder hören (Vers 13), sondern verstockten Herzens sind. So kam es zu einem Bürgerkrieg, in welchem Benjamin gegen das restliche Volk Gottes auftrat.

Benjamin war letztlich selbst schuld an diesem Bürgerkrieg, wenn auch das übrige Volk nicht in der rechten Gesinnung gehandelt hatte. Einen solchen Bürgerkrieg hat es nicht nur hier gegeben, sondern auch – vielleicht später – bei dem Richter Jephta. Auch manche Könige in Israel handelten nicht besser.

Böses zu decken ist schlimmer als es zu begehen

Es ist schlimmer, das Böse zu decken oder zu entschuldigen – da man es besser weiß und es bewusst tut – als es zu begehen. Das war aber bei Benjamin der Fall. Damit wählte man die Seite des Bösen gegen Gott und sein Volk. So wurden auch die Geschwister in Thyatira strengstens getadelt, weil sie die Lehre und die Person der Isebel in ihrer Mitte duldeten (Off 2,20). Wenn eine Versammlung das tut, nimmt der Herr ihren Leuchter aus ihrer Mitte hinweg, nachdem Er sie mehrfach gewarnt und ermahnt hat. Wir haben dann die Verantwortung, dies zu erkennen und entsprechend zu handeln.

Schön wäre es allerdings, wenn es in einem solchen Zusammenkommen noch Geschwister gäbe, die sich unmittelbar und persönlich, natürlich nachdem auch sie die anderen mit Sanftmut, Langmut, Demut und in Liebe ermahnt haben, von dieser Gemeinschaft zurückziehen (2. Tim 2,19–22), um mit denen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen, zusammenzukommen. Wir dürfen wissen, dass der Herr Jesus eine solche Treue belohnen wird (2. Tim 4,8).

Verbindung mit Bösem verunreinigt (20,15)

„Und die Kinder Benjamin wurden an diesem Tag aus den Städten gemustert: 26.000 Mann, die das Schwert zogen; außer den Bewohnern von Gibea, die gemustert wurden: 700 auserlesene Männer“ (Vers 15).

Nun stellte sich auch der Stamm der Benjaminiter zum Kampf auf – 26.700 Mann. Es muss schrecklich sein, gegen die eigenen Brüder kämpfen zu wollen! Unter strategischen Gesichtspunkten war das aussichtslos, denn man musste – wie gesagt – gegen 400.000 Kriegsleute streiten, so dass sich ein Verhältnis von 1 zu 15 ergab. Später würde Gideon zwar mit nur 300 Männern einen gewaltigen Sieg erringen (Ri 7,7), aber er hatte Gott auf seiner Seite und die Feinde auf der anderen Seite (und nicht die Brüder!) – zwei entscheidende Unterschiede!

Es ist wirklich tragisch zu lesen, dass sich Benjamin nicht nur nicht von Gibea getrennt hatte – es auch nicht verurteilt hatte – sondern dass Benjamin sogar im Kampf gemeinsame Sache mit Gibea macht, sich also gewissermaßen vor das Böse spannen lässt und es als Anführer unterstützt.

Der Herr macht hier den inneren Zustand Benjamins für alle offenbar; Er ist es, der dies tut. So erfüllt sich an dieser Stelle in negativer Weise die Prophetie Jakobs, der von Benjamin in 1. Mose 49,27 gesagt hatte: „Benjamin ist ein Wolf, der zerreißt; am Morgen verzehrt er Raub, und am Abend verteilt er Beute.“

Gerade an diesem Fall lernt man sehr genau, dass „äußere“ Verbindung mit Bösem oder mit einer bösen Person auch im Innern verunreinigt, denn wenn ich mit Bösem in Verbindung bin, sündige ich, weil ich gegen das Wort Gottes handle. Wir kennen dieses Prinzip ja aus verschiedenen Stellen des Alten und des Neuen Testamentes. So heißt es beispielsweise in Haggai 2,13.14: „Und Haggai sprach: Wenn ein wegen einer Leiche Verunreinigter dies alles [Brot, Gekochtes, Wein, Öl oder irgendeine Speise] berührt, wird es unrein werden? Und die Priester antworteten und sprachen: Es wird unrein werden. Da antwortete Haggai und sprach: So ist dieses Volk und so diese Nation vor mir, spricht der Herr, und so ist alles Tun ihrer Hände; und was sie dort darbringen, ist unrein.“ Natürlich geht es im neutestamentlichen Sinn nicht um eine „wörtliche“ Anwendung von Haggai 2, sondern um eine geistliche Übertragung. Denn 2. Johannes Vers 10–11 macht deutlich, dass – wie es Haggai verdeutlicht – eine äußere Verbindung mit einer bösen Sache oder Person Sünde ist und von Gott verabscheut wird:

In 2. Johannes 10.11 heißt es: „Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre [des Christus] nicht bringt, so nehmt ihn nicht ins Haus auf und grüßt ihn nicht. Denn wer ihn grüßt, nimmt teil an seinen bösen Werken.

Äußere Verunreinigung

Es mag sich zunächst nur um eine äußere Verbindung handeln – aber auch sie verunreinigt mich innerlich und macht mich schuldig. Das ist die Lehre und Aussage der Schrift. Natürlich will man sich nicht mit dem Irrlehrer aus dem 2. Johannesbrief identifizieren – aber sich von ihm wegzuwenden, ihm den normalen Gruß, von dem Johannes hier spricht, auszuschlagen, nein – so meint man – das geht zu weit. Wirklich? Wenn ich ihn grüße, nehme ich sogar teil an seinen bösen Werken. Ich weiß, dass sie nicht richtig sind. Wenn ich dennoch einen solchen Irrlehrer begrüße, wenn er zu mir kommt, können damit alle, die mich dabei sehen – und wenn es nur die Engel sind – denken, dass ich mich mit ihm identifiziere.

Aber nicht nur das: Dadurch, dass ich eine solche Person in mein Haus aufnehme oder begrüße, distanziere ich mich nicht von der Irrlehre, und sie wird mir zugerechnet, obwohl ich sie (noch) nicht teile. Denn ich stelle mich nicht entschieden auf die Seite des Herrn, der durch eine solche Lehre verunehrt wird, sondern – wenn auch vielleicht ungewollt – auf die Seite des Bösen, der Sünde.

Die Bibel ist (auch) in Fragen der Gemeinschaft eindeutig

Wenn ich eine solche Haltung nicht nur einmal, sondern mehrfach und vielleicht über einen längeren Zeitraum einnehme, dann kommt es fast automatisch zu einer Abstumpfung und Schwächung meines Gewissens – es handelt sich ja um Sünde, da ich dem Wort Gottes gegenüber nicht gehorsam bin –, so dass ich dem Bösen selbst nicht mehr mit der nötigen Kraft der Heiligung entgegentrete. Dadurch ist leider schon mancher auf nachhaltig verkehrte Wege gekommen.

Äußere Verbindung – wenn auch zunächst möglicherweise unabsichtlich – färbt auch auf den inneren Menschen ab, wenn sie nicht schon von Anfang an Ausdruck des wahren inneren Zustandes ist. Wer in diesem Punkt meint, stark, ja stärker als die Bibel zu sein (vgl. 1. Kor 10,22), wird die Konsequenzen auf sich zu nehmen haben.

Benjamin hatte nicht erkannt, dass es die Pflicht hatte, sich von der Sünde Gibeas entschieden loszusagen und wegzuheiligen. Durch die Missachtung dieser Pflicht wurde dieser Stamm nicht automatisch zu homosexuellen und unmoralischen Menschen wie die Männer Gibeas, aber die Sünde färbte ab auf ihre eigene Gesinnung, wenn diese nicht von vornherein schon als lax zu bezeichnen war. Nur wahre Trennung von allem Bösen hilft, die Kraft des Herrn zu bewahren und sowohl der Welt als auch Gläubigen gegenüber ein wahres Zeugnis zu sein. Das lernen wir auch aus der Geschichte Abrahams und Lots, deren geistliche und zeugnishafte Kraft nicht unterschiedlicher hätte sein können.

Vom Herrn geschenkte Fähigkeiten sollten für Ihn eingesetzt werden (20,16–17)

„Unter all diesem Volk waren 700 auserlesene Männer, die linkshändig waren; diese alle schleuderten mit dem Stein auf das Haar und verfehlten nicht. Und die Männer von Israel wurden gemustert, außer Benjamin: 400.000 Mann, die das Schwert zogen; diese alle waren Kriegsmänner“ (Verse 16.17).

Tragisch ist auch, dass die Fähigkeiten, die der Herr den 700 „auserlesenen“ Männern von Gibea gegeben hat, nun dafür eingesetzt werden, die Brüder zu töten und zu vernichten. Wie leicht kann man dann, wenn man einen falschen Standpunkt einnimmt, von Gott gegebene Kenntnisse und Fähigkeiten einsetzen, um Gott und seinem Volk zu widerstehen.

Wie bedauerlich ist es, auch heute festzustellen, dass Brüder, die von dem Herrn mit einer besonderen Begabung gesegnet sind, so dass sie „mit dem Stein aufs Haar schleudern können und nicht fehlen“, auf einmal einen falschen Standpunkt einnehmen und nicht für den Herrn einstehen. Nur wenn wir uns in Abhängigkeit von unserem Herrn befinden, werden wir auch seine Kämpfe streiten und vor Irrwegen – sei es bewusst oder unbewusst – bewahrt bleiben. Dabei geht es heute natürlich nicht um kriegerische Begabungen, sondern um geistliche Gaben, das heißt Fähigkeiten, die der verherrlichte Herr seiner Versammlung zum Nutzen und zur Erbauung geschenkt hat (vgl. Eph 4,11 ff.).

Darüber hinaus fällt auf, dass Gott bei einem Ehud die Eigenschaft als Linkshänder zum Wohl des Volkes Gottes nutzt. Hier jedoch wird diese Fähigkeit, die zunächst eine „Schwäche“ eines Dieners ist und in der Abhängigkeit vom Herrn zur Stärke wird, gegen das Volk Gottes eingesetzt. Geradezu heimtückisch tut man so, als kämpfte man aufrichtig mit rechts, in Wirklichkeit jedoch will man zum entscheidenden Stoß der Zerstörung ausholen.

Kämpfe unter Brüdern – ohne den Herrn (20,18)

„Und die Kinder Israel machten sich auf und zogen hinauf nach Bethel und befragten Gott und sprachen: Wer von uns soll zuerst hinaufziehen zum Kampf mit den Kindern Benjamin? Und der Herr sprach: Juda zuerst“ (Vers 18).

Nun beginnt der Krieg zwischen Israel und Benjamin, und das in drei Etappen. Die ersten zwei finden wir in den Versen 18–26, den dritten und entscheidenden Kampf in den Versen 27–48. Das, was die elf Stämme als eine Lösung des Problems in ihren eigenen Köpfen und ohne Gott ersonnen hatten, entpuppte sich als eine Vervielfältigung der Probleme – wie es immer ist, wenn der Mensch meint, selbst weise genug für solche Entscheidungen zu sein.

Die Einleitung dieser Verse heißt: „Und die Kinder Israel machten sich auf und zogen hinauf nach Bethel und befragten Gott“ (Vers 18). Erneut kann man feststellen, dass das Volk etwas tut – nämlich in den Kampf zu ziehen, bevor es Gott befragt hat. Das Volk hatte sich schon entschieden zu kämpfen, Gott wurde gar nicht gefragt, ob Er den Kampf überhaupt gutheißt. Die Frage, die es aus Sicht des Volkes noch zu klären galt, war lediglich: Wer eigentlich zuerst?

Gebet muss jedem Auszug vorausgehen

Dennoch ist es ein erstes positives Zeichen, dass das Volk letztendlich dazu kommt, Gott anzurufen, leider aber erst, nachdem alle Pläne festgelegt waren. Die gesamten Pläne hier kamen nicht von Gott, sondern von den Menschen. Gott jedoch sollte am Ende auch noch seinen Segen geben. Dazu findet der Mensch viele Begründungen. „Zunächst müssen wir uns doch beraten, denn es ist ja unsere Verantwortung, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.“ Tatsächlich geht es hier um die Verantwortung des Menschen, aber diese beginnt damit, dass man zu Gott kommt und Ihn befragt, was nach seinen Gedanken zu geschehen hat. Israel handelte anders – und auch wir stehen immer in Gefahr, dem „Vorbild“ Israels zu folgen.

Gerade wenn es um so schwerwiegende Fragen wie Versammlungszucht geht, steht an erster Stelle das Befragen Gottes. Das kann bei uns auf zwei verschiedene Weisen geschehen – und sollte es auch: Es gibt zunächst das Gebet, das jeder persönlich an den Herrn richten kann, um dessen Führung zu erfahren. Dann ist auch das gemeinsame Gebet unser Vorrecht und unsere vornehmste Pflicht.

Es ist undenkbar in den Augen Gottes, dass Versammlungszucht ausgeübt wird, bevor nicht die ganze örtliche Versammlung, oder – sofern dies heute aus Gründen des Niedergangs bzw. der Zersplitterung nicht mehr möglich ist – die Geschwister als Versammlung die Knie gemeinsam vor dem Herrn gebeugt und sich mit der geschehenen Sünde einsgemacht haben. Es reicht nicht aus, wenn dies nur in der Brüderstunde geschieht, so nützlich und notwendig das ist. Sie kann wichtige administrative Aufgaben wahrnehmen – gerade in diesem Zusammenhang – ist aber keine Vertretung für die Versammlung als solche. Zucht kann immer nur von der Versammlung als solcher ausgehen, wie wir unter anderem aus 1. Korinther 5,4.13 lernen.

Zucht nach der Schrift – dem Neuen Testament

Es scheint mir zum Verständnis nützlich zu sein, zusammenfassend aufzuzeigen, inwiefern wir in dem in Richter 19–21 vorliegenden Fall grundsätzliche Hinweise auf heutige Zuchtfragen und Lehrfragen finden können.

  1. Zucht in Bezug auf moralische Verfehlung: Ausschluss         
    Das, was sich in Gibea abgespielt hat, war eine moralische Verfehlung und Sünde im neutestamentlichen Sinn von 1. Korinther 5. Darauf wurde Benjamin aufmerksam gemacht durch die Worte des Volkes Israel. Benjamin hätte also die Pflicht gehabt, die Männer von Gibea – auf heute übertragen 6 – auszuschließen, weil mit solchen keine Gemeinschaft und kein Umgang möglich ist. Daher müssten wir diese Männer als „Böse“ im Sinn von 1. Korinther 5 betrachten. Im Gegensatz zu Korinth war Benjamin aber nicht dazu bereit, diese Menschen zu richten, sondern verteidigte das Verhalten von Gibea. Was war jetzt zu tun?
    Wie bereits gesagt hätte sich das Volk nunmehr zuerst darum bemühen sollen, die Benjaminiter zu überzeugen, dass sie auf einem falschen Weg waren. Sie taten es nicht. Dann hätten sie Gott über das weitere Vorgehen befragen sollen.
  2. Trennung von örtlichen Versammlungen        
    Wenn nun die Benjaminiter auch nach einem solchen Dienst nicht bereit gewesen wären, sich von den Männern aus Gibea zu trennen, ja, sie zu richten, indem sie diese im neutestamentlichen Sinn ausgeschlossen hätten, wäre in der Tat die Zeit gekommen, dass sich das Volk von Benjamin hätte trennen müssen – es hätte richten sollen. 7 Das dürfen wir heute anwenden auf den Fall, wenn eine örtliche Versammlung – oder Geschwister, die bekennen, an einem Ort zum Namen des Herrn Jesus zusammenzukommen – nicht bereit ist, sich von einem Bösen nach 1. Korinther 5 bzw. 2. Johannes 9–11 zu trennen. Dann können wir nicht anders als die Gemeinschaft am Tisch des Herrn mit solchen Geschwistern abzubrechen. Man kann dort nicht mehr das Brot brechen und auch nicht Geschwister aus dem dortigen Zusammenkommen aufgrund von Empfehlungsbriefen aufnehmen (vgl. 2. Kor 3,1).      
    Da eine Versammlung Autorität über die Gläubigen am eigenen Ort, nicht jedoch über die an einem anderen Ort hat, kann sie dort nicht ausschließen. Sie kann sich nur von der praktischen Gemeinschaft am Tisch des Herrn mit solchen Versammlungen bzw. den dortigen Geschwistern trennen bzw. zurückziehen. Die Geschwister bleiben, sofern sie selbst nicht in diese Sünden fallen, weiter unsere Geschwister, wir können jedoch nicht mehr die praktische Gemeinschaft in Bezug auf den Tisch des Herrn und das Zusammenkommen zum Namen des Herrn Jesus hin aufrechterhalten (vgl. 1. Kor 10,16.17). Das ist das, was mit dem Stamm der Benjaminiter hätte – im übertragenen Sinn – geschehen müssen – nicht jedoch ein Ausrotten.

Zuchtausübung geht an die Substanz

Es reicht im Übrigen nicht aus, als Versammlung oder als Diener des Herrn, einfach bereit zu stehen und etwas für den Herrn Jesus tun zu wollen, um möglicherweise gerne als Instrument des Gerichtes benutzt zu werden – einen solchen traurigen Zug finden wir bei dem König Jehu, der gerne ein Instrument des Gerichtes Gottes sein wollte (2. Kön 9). Um in Wahrheit sein Instrument sein zu können, ist jedoch eine demütige, biblische Gesinnung, Treue für Ihn, Trauer über das geschehene Böse und ein herzlicher Gehorsam aus Liebe nötig. Manchmal sind wir zu schnell bereit, wie auch hier die elf Stämme, für Ihn etwas (als Instrument der Zucht) zu tun. Gerade wenn es um das Ausführen von Zucht geht, möchte der Herr aber bei uns selbst zunächst vorbereitete Herzen haben, für die Zucht eine „fremde“ Sache ist, die man nicht gerne ausführt, so wie es auch für Ihn ein außergewöhnliches Werk ist (Jes 28,21 8). Wer „gerne“ Zucht ausübt, hat die Gedanken Christi nicht verstanden.

In diesem Zusammenhang fällt im Übrigen auf, dass das Volk (in Vers 18) nicht von seinen Brüdern spricht, sondern von den „Kindern Benjamin“. Sie waren sich nicht mehr ihrer wahren Beziehungen bewusst, nämlich dass sie ihre Brüder waren. Sonst wären sie vielleicht zur Besonnenheit gekommen und hätten noch einmal nachgedacht, ob das beabsichtigte Gericht auch in den Augen Gottes in Bezug auf den „Bruder“ angemessen war bzw. hätte verhindert werden können, indem man einen Appell an Herz und Gewissen der Benjaminiter gerichtet hätte. Benjamin wurde vielmehr wie ein Feind behandelt, der vernichtet werden musste.

Die Gegenwart des Herrn bedeutet Verantwortung

Vielleicht war das Volk zu sehr davon überzeugt, die Bundeslade und das Haus Gottes in Silo bzw. Bethel zu besitzen, und damit Gottes Zustimmung zu haben. Sie vertrauten aber nur auf diesen äußerlichen Besitz.

Natürlich sollten auch wir uns heute bewusst sein, dass wir die Gegenwart Gottes, des Herrn, selbst besitzen. Aber der Herr ist für uns nicht eine selbstverständliche Garantie, dass wir in jedem Fall Sieger wären. Man kann sich nicht auf Ihn berufen, wenn das eigene Leben nicht in Übereinstimmung mit Ihm ist.

Das muss das Volk Israel später erneut (in 1. Sam 4) in der Zeit Elis erkennen.

Dieser falsche Gedanke wird auch von dem Propheten Micha gerügt: „Hört doch dieses, ihr Häupter des Hauses Jakob und ihr Fürsten des Hauses Israel, die ihr das Recht verabscheut und alles Gerade krümmt; die ihr Zion mit Blut baut und Jerusalem mit Unrecht. Seine Häupter richten für Geschenke, und seine Priester lehren für Lohn, und seine Propheten wahrsagen für Geld; und sie stützen sich auf den Herrn und sagen: Ist nicht der Herr in unserer Mitte? Kein Unglück wird über uns kommen!“ (Micha 3,9–11).

Im Propheten Jeremia finden wir Ähnliches: „Und verlasst euch nicht auf Worte der Lüge, indem man spricht: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist dies! Sondern wenn ihr eure Wege und eure Handlungen wirklich gut macht, wenn ihr wirklich Recht übt zwischen dem einen und dem anderen, den Fremden, die Waise und die Witwe nicht bedrückt, und unschuldiges Blut an diesem Ort nicht vergießt, und anderen Göttern nicht nachwandelt euch zum Unglück, so will ich euch an diesem Ort, in dem Land, das ich euren Vätern gegeben habe, wohnen lassen von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Jer 7,4–7).

In diesem Zusammenhang hat auch Matthäus 18,20 eine wichtige Bedeutung: Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.“ Zumeist wird betont, dass die Gegenwart des Herrn Jesus in Zusammenkünften zu seinem Namen hin eine Verheißung darstellt. Tatsächlich ist das eine Seite, aus der man diesen Vers anschauen kann.

Die andere Seite ist jedoch, dass er – und das scheint sogar der tiefere Sinn zu sein – die Verantwortung auf diejenigen legt, die sich versammeln bzw. versammelt sind. Sie können und sollen sich nicht auf den Herrn in ihrer Mitte berufen, wenn sie in Wirklichkeit gar nicht zu seinem Namen hin versammelt sind. Wer in dem Wort Gottes nicht mehr den alleingültigen Maßstab auch für das christliche Zusammenkommen sieht, wer die Person des Herrn nicht mehr in der Weise „festhält“, wie sie in den neutestamentlichen Schriften offenbart ist und wer die persönlichen Gegenwart des Herrn in den Zusammenkünften nicht praktisch festhält, hat kein Recht, sich auf Matthäus 18 zu berufen. Nur dann kann und soll man die Anweisungen, die Vers 20 vorausgehen, ausführen bzw. die Segnungen auf sich beziehen. Erst damit werden diese Verse wirklich zu Vorrechten.

Selbstvertrauen ist mit der Gegenwart Gottes unvereinbar

Nur wenn wir den Rechten des Herrn entsprechen, werden wir auch die segnende und positive Wirkung der Gegenwart unseres Herrn erleben. Wir sollten uns ihrer allerdings immer bewusst sein, denn sie hat eine heiligende Wirkung. Dagegen sollten wir nie auf eigene Kräfte oder vielleicht sogar auf die Zahl derjenigen, die auf unserer Seite stehen, vertrauen.

Vielleicht war das auch einer der Gründe dafür, dass die elf Stämme überhaupt nicht an eine Niederlage dachten. Sie vertrauten auf ihre zahlenmäßige Überlegenheit und dachten offenbar nicht im Entferntesten daran, dass es auch moralische Bedingungen für einen gewünschten Sieg gibt.

„Juda zuerst“: Vorrecht verpflichtet

Wir lesen nun in Vers 18 die eigenartige Reaktion Gottes, der ihnen trotz ihrer falschen Gesinnung und ihres falschen Verhaltens eine Antwort gibt: „Juda zuerst“. Es war gerade der Stamm, der besonders bevorrechtigt war (1. Chr 5,2), aus dem kurze Zeit später der wahre König erweckt werden sollte, der hier als erster in den Krieg ziehen sollte. Es ist immer so, dass diejenigen, die in der besonderen Nähe des Herrn stehen, die besonders bevorrechtigt sind oder von dem Herrn besonders begnadet worden sind, als erste in den Kampf ziehen sollen. Bei ihnen beginnt das Gericht Gottes. Diesen Gedanken finden wir an vielen Stellen der Schrift. So fängt das Gericht beim Haus Gottes an (1. Pet 4,17), nicht in der Welt. So sind es im Propheten Hesekiel (Hes 9,6) die Alten, die Greise, die zunächst die Zucht der Regierung Gottes erfahren.

Der Name „Juda“ bedeutet übersetzt „Lob“ oder „Preis“. Das, was Israel tat – und auch der Stamm Juda – und die Gesinnung Judas und seine Beweggründe, das alles war nicht zum Lob Gottes, sondern war von Rache geprägt.

So können auch wir uns durch falsche Handlungen und eine schlechte Gesinnung leicht in Widerspruch setzen zu unserem „Namen“ als Kinder Gottes und Zeugen des Herrn.

Gott antwortet also auf die Frage des Volkes – aber in der Ihm eigenen Weise. Es hat oberflächlich betrachtet den Anschein, als ob Er sich auf die Linie des Volkes begibt, um ihre Pläne in Erfüllung gehen zu lassen. Ähnliches finden wir auch bei Bileam (vgl. 4. Mo 22,20). In Wirklichkeit erteilt Er jedoch dem Volk dadurch eine wichtige, aber auch schmerzhafte Lektion.

Wenn wir Menschen meinen, Gott oder den Herrn Jesus für uns vereinnahmen zu können, haben wir zu lernen, dass seine Wege immer höher als die unsrigen sind, ja dass sie unseren Wegen sogar entgegenstehen können. Wohl dem, der sich zunächst an Gott wendet, bevor er eigene Pläne schmiedet, um von Anfang an seine Führung zu erfahren, die immer zu unserem Guten ist.

Dabei wollen wir nicht übersehen, dass das Volk an dieser Stelle nicht gemächlich vorging, um die Anweisungen Gottes zu erfüllen. Nein, sie zogen sofort am Morgen aus, denn sie wollten den (vermeintlichen) Auftrag des Herrn schnell ausführen. Dass dabei wahrscheinlich auch ihr Fleisch mitspielte, ist wahr, denn sie waren, wie wir gesehen haben, in fleischlichen Zorn geraten. Dennoch ist es schön, dass sie nicht träge sind, das Wort des Herrn auszuführen.

Wer sich gegen das Volk Gottes stellt, steht gegen Gott auf (20,19.20)

„Und die Kinder Israel machten sich am Morgen auf und lagerten sich gegen Gibea. Und die Männer von Israel zogen aus zum Kampf mit Benjamin, und die Männer von Israel stellten sich gegen sie in Schlachtordnung auf bei Gibea“ (Verse 19.20).

Anstatt sich von der Sünde Gibeas zu distanzieren, identifizierten sich die Benjaminiter auf kühne und gottlose Weise mit ihr: Sie waren so frech, gerade aus dieser Stadt, in der die Sünde geschehen war, zum Kampf heraufzuziehen, wie man Vers 21 entnehmen kann. In Gibea hätten sie erfahren können, wie schrecklich der Zustand unter den Männern dort war! Aber in ihrer Blindheit machten sie die Sache Gibeas zu ihrer eigenen, um gegen das Volk Gottes, ja, um gegen Gott selbst aufzutreten.

Das letztere ist im Übrigen besonders ernst. Wer sich mit dem Bösen oder bösen Personen einsmacht, steht gegen Gott auf. Das mag zunächst unwissentlich geschehen, und wir können sicher sein, dass eine solche Absicht bei den Benjaminitern nicht existierte. Wer sich aber auf die Seite der Bösen stellt, steht allein schon dadurch gegen Gott auf, weil Gott das Böse hasst.

Diese Gedanken haben auch für unsere heutige Zeit Bedeutung. Wer sich nicht auf die Seite des Herrn Jesus stellt, steht automatisch als sein Gegner auf – mag er es wollen oder nicht, mag er dies bewusst tun oder unbewusst. Daher ist bei uns allen größte Wachsamkeit gefordert, um immer seine und damit die richtige Seite zu wählen.

Seine Wege sind höher als die unsrigen (20,21)

„Und die Kinder Benjamin zogen aus Gibea heraus, und sie streckten unter Israel an diesem Tag 22.000 Mann zu Boden“ (Vers 21).

Jetzt geschah jedoch etwas Unerwartetes: Die wenigen Benjaminiter (26.700 Mann) schlugen unter dem restlichen Volk (400.000 Soldaten) praktisch für jeden Benjaminiter einen Mann, nämlich insgesamt 22.000 Kriegsleute. Waren sie doch im Recht? Hatte das Volk Israel zu Unrecht diese Sünde in Gibea angeprangert? Stand Gott etwa auf der Seite der Sünder? Nimmt Er Sünde doch nicht so ernst, wie man immer hört?

Das Ergebnis dieses Kampfes zeigt, wie man sich hüten muss, äußere Schwierigkeiten und Vorfälle vorschnell zu deuten. In Wahrheit hatte in diesem Kampf nicht Benjamin gesiegt, sondern das übrige Volk hatte unter Gottes Zulassung eine Niederlage erlitten. Menschlich gesprochen mag dies das Gleiche sein, bei Gott aber stellt es einen entscheidenden Unterschied dar. Es ist ausgeschlossen, dass Benjamin mit eigenen Mitteln und Kräften eine solche Niederlage unter dem übrigen Volk anrichten konnte. Hier musste Gott im Spiel sein. Das Tragische ist, dass weder die Benjaminiter noch das übrige Volk diese Lehre aufnahmen.

Zugleich zeigt Gott anhand dieser Begebenheiten, dass der Mensch nicht in sich selbst die Kraft besitzt, das Unrecht zu beseitigen und über Übeltaten zu triumphieren. Die „erste“ Niederlage mag noch überraschend gewesen sein. Aber die insgesamt hohen Verluste aufseiten der 11 Stämme zeigen, dass nur Gott selbst Böses beseitigen kann. Selbst wenn sich eine „Mehrheit“ gegen die Sünde aufmacht, wird sie nicht gewinnen können. Nur Gott kann die schreckliche Macht der Sünde „besiegen“, auch wenn sie unter dem Volk Gottes auf- und vorkommt. Nicht, dass wir Menschen uns aus der Verantwortung stehlen könnten. Wir müssen uns gegen das Böse stellen. Aber wir dürfen nicht meinen, in eigener Kraftanstrengung das Böse beseitigen zu können. Ohne Gott sind wir hilflos!

Gott ist langmütig

Gott wollte den Benjaminitern mit diesem Kampf – und auch mit dem nächsten – noch einmal Gelegenheit geben, von ihren falschen Wegen, von ihren Sünden umzukehren. Aber sie verstanden den Appell Gottes nicht – sie hatten die Augen und Ohren ihrer Gewissen verschlossen.

Auch heute gibt Gott solchen, die sich auf falschen Wegen befinden, für eine gewisse Zeit die Möglichkeit der Umkehr, der Buße. Gerade aber wenn der äußere Anschein oder die äußere Anzahl einen scheinbaren Beweis des Segens Gottes darstellt, vergisst der Gläubige so leicht, dass Gott auch dadurch warnend reden kann. Schenke uns der Herr, wenn wir das eine oder andere Mal auf einem falschen Weg sind, dass wir seine Worte verstehen, selbst wenn sie in einem sanften Ton des Säuselns (1. Kön 19,12) gesprochen werden.

Gott stand also durchaus nicht auf der Seite Benjamins, aber Er benutzte Benjamin, um zu dem ganzen Volk zu reden und um ihm deutlich zu machen, welch eine Gesinnung für das Ausüben von Zucht nötig ist.

Lernen wir aus der Zucht des Herrn? (20,22)

„Und das Volk fasste Mut, die Männer von Israel, und sie stellten sich wieder in Schlachtordnung auf an dem Ort, wo sie sich am ersten Tag aufgestellt hatten“ (Vers 22).

Was aber lernten die übrigen elf Stämme aus dieser Begebenheit? Es ist ernüchternd festzustellen: Nichts. Sie lernten nicht die Sprache Gottes und auch nicht ihr eigenes Herz kennen. Wenn man den 23. Vers liest, mag man zuerst denken, dass eine echte Demütigung unter dem Volk stattfand. Vers 22 zeigt uns jedoch, dass die innere Haltung mit der äußeren Form der Demütigung nicht Schritt hielt. Offenbar war noch immer keine wirkliche Buße und Demütigung unter dem Volk vorhanden, denn es „ermannte sich“ als erstes selbst, um sich wieder in Schlachtreihen aufzustellen.

Es ist schlimm, wenn man nach einer Niederlage unter dem Volk Gottes sogleich wieder zum nächsten Kampf rüstet. Wäre es nicht zuvor angebracht, einmal im Gebet – unter Befragen Gottes und seines Wortes – darüber nachzudenken, wie Er über die ganze Sache denkt?

Beter und Propheten sind gefragt

Es gibt unter dem Volk Gottes viele Kämpfer – und diese brauchen wir auch. Aber es gibt auch Zeiten, wo wir als erstes Beter und Propheten brauchen, solche Männer wie Abraham und Mose, welche die Stimme des Herrn verstehen.

Es ist auffallend, dass der Hohepriester Pinehas bei dieser Gelegenheit noch nicht auftritt, sondern erst nach dem zweiten Kampf. War es eine Schwäche dieses großen Mannes Gottes? Hatte das Volk ihn vorher vielleicht gar nicht hören wollen?

Die Gefahr besteht, dass sonst bewährte Brüder und Schwestern bei solch wichtigen Problemsituationen versagen, oder nicht gehört werden, entweder weil sie selbst gerne „untertauchen“, oder weil man sie nicht hören will.

Andererseits dürfen wir darin sicherlich auch die Hand Gottes sehen, der sich sozusagen verbirgt, um dem Volk seinen ganzen Zustand deutlich zu machen. Er lässt – so möchte man sagen – nicht zu, dass jetzt ein solcher Knecht auftritt, um das Volk zurückzubringen: Es soll die ganze Lektion lernen.

Wenn man die in diesem Kapitel bislang betrachteten Verse auf sich wirken lässt, kann man manche Parallelen zur heutigen Zeit nicht übersehen. Haben wir nicht in den letzten Jahren und Jahrzehnten solche „Niederlagen“ erlebt wie die 11 Stämme hier? Müssen nicht auch heute zahlenmäßige Einbußen eingestanden werden? Woran liegt es, dass in den letzten 30 Jahren so viele „hingestreckt“ wurden und nicht mehr in dem Bewusstsein der Gegenwart des Herrn Jesus zusammenkommen? Es sind immer mehr geworden, die durch den Feind, durch unsere falsche, schwache und weltförmige Gesinnung oder durch solche Versammlungen, die in mehr oder weniger großem Ausmaß der Sünde und falschen Lehren gleichgültig gegenüberstehen, vom Weg abgekommen sind, sozusagen umgekommen sind. Ist nicht in gleicher Weise die Kraft gewichen, die früher einmal da war?

Wir brauchen Gottes Sicht

Das Volk hätte an dieser Stelle mindestens zwei Punkte erwägen sollen:

  1. Man war vorher (in den Kapiteln 17 u. 18) nicht um die Ehre Gottes bemüht gewesen, sondern hatte Götzendienst zugelassen. Ist es nicht auch heute bei uns so, dass in unserem persönlichen Leben so manche Götzen Platz gefunden haben, so dass der Herr es einfach nicht anerkennen kann, wenn wir trotz dieses Versagens nun in Bezug auf das Zusammenkommen auf einmal Zucht und Ordnung durchsetzen wollen? Auch in den Kapiteln 19 und 20 ging es dem Volk nicht in erster Linie um die Ehre Gottes, sondern um ein schlimmes Vergehen im zwischenmenschlichen Bereich, das einen Schock unter ihnen ausgelöst hatte. Wie steht es da mit uns: Geht es uns in allem wirklich um die Ehre des Herrn, oder haben wir diese aus den Augen verloren?
  2. Die Gesinnung, in der das Volk urteilte, war die eines „ermannten“ Volkes, nicht eines „gedemütigten“. Vielleicht war man davon überzeugt, in der Sache im Recht zu sein; was sollte da schief gehen? Man hatte vergessen, dass die Sünde im eigenen Volk aufgekommen und man selber kein bisschen besser war, sondern auch das eigene Herz ein Abgrund war (vgl. Ps 64,7). Das Volk hatte sich nicht mit der Sünde einsgemacht und sich nicht unter den Zustand gedemütigt, um dann von Gott wieder aufgerichtet zu werden und nach seinen Gedanken zu handeln.

Wie leicht können auch wir aktiv werden und handeln, und wie schwer ist es, unter dieser züchtigenden Hand Gottes still zu stehen und Buße zu tun.

Es besteht auch heute die Gefahr, dass Versammlungsentscheidungen in solcher Eile wie in Richter 20 und in einer solchen Herzenshaltung getroffen werden. Dann gibt es die gleichen Folgen wie das Volk damals: Niederlage und zahlenmäßige Verringerung. Das allerdings heißt nicht, dass der Umstand, dass immer weniger Geschwister zum Namen des Herrn Jesus hin zusammenkommen wollen, grundsätzlich auf ein solches Versagen zurückgeführt werden könnte. Schon der Apostel Paulus musste am Ende seines Lebens darüber klagen, dass sich von ihm „alle, die in Asien sind, abgewandt haben“ (2. Tim 1,15). Das wird heute nicht anders sein.

Kraftlosigkeit unter dem Volk Gottes

Es wäre auch zu wenig, nur auf äußere Zahlen zu schauen. Diese Abnahme der Krieger spricht – bildlich auf unsere heutige Zeit angewendet – von zunehmender Kraftlosigkeit. So ist es wohl nur ehrlich, wenn man zugibt, dass sich in den letzten Jahren nicht nur so manche abgewandt haben, weil sie weltförmig leben wollten und weil wir ihnen nicht in der rechten Liebe und Weisheit begegnet sind, sondern dass in dieser Zeit genauso die Kraftlosigkeit unter den Gläubigen allgemein zugenommen hat. Wo früher noch geistliche Kraft bestand, weltförmige oder gesetzliche Gläubige zurechtzuweisen und wieder zurechtzubringen, stehen wir heute häufig geradezu hilflos vor solchen Geschwistern und sind unfähig, in der rechten Art und Weise ihre Herzen und Gewissen zu erreichen.

Der erste Schritt ist, sich dieser Schwachheit bewusst zu werden, sie sich persönlich und gemeinsam einzugestehen und die persönliche Verantwortung – im Sinne eines Daniel oder Esra – zu übernehmen. Dabei genügt es nicht, sich in „Allgemeinplätzen“ über die Ursachen zu verlieren, sondern man muss sich ganz konkret die Augen für das eigene Versagen öffnen lassen. Auch in schriftlichen Äußerungen wie Briefen niedergelegte Demütigungen sind Gott nur dann wohlgefällig, wenn sie wirklich das echte Empfinden der Beteiligten wiedergeben.

Die Schrift zeigt uns auch die richtigen Heilmittel, um aus diesen Schwierigkeiten herauszukommen: echte Demütigung, Rückkehr und Beugung unter sein Wort und seine Hand, verbunden mit einem persönlichen und gemeinsamen Bekenntnis. Dieses muss jedoch konkret sein und die Punkte ansprechen, die wirklich vorgefallen sind. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist Er treu und gerecht, dass Er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit (1. Joh 1,9).

Das Volk unterschied sich an dieser Stelle (Vers 22) von einem treuen David. Als man ihn steinigen wollte, fasste er Mut, „ermannte“ sich (vgl. 1. Sam 30,6). Er fasste jedoch Mut in dem Herrn und nicht in sich selbst, wie es hier beim Volk Israel passiert. Erstarken in dem Herrn bedeutet, sich auf seine Seite zu stellen und seinen Standpunkt einzunehmen. Man betrachtet sich selbst im Licht Gottes und stützt sich dann auf den Herrn – im Erkennen eigener Kraftlosigkeit. Dann ist es die Stärke des Herrn, der uns zur Seite steht.

Weinen kann nur ein erster Schritt sein (20,23)

„Und die Kinder Israel zogen hinauf und weinten vor dem Herrn bis zum Abend; und sie befragten den Herrn und sprachen: Soll ich wieder ausrücken zum Kampf mit den Kindern meines Bruders Benjamin? Und der Herr sprach: Zieht gegen ihn hinauf“ (Vers 23).

Wir sehen hier in Vers 23, dass das Volk immerhin weinte über das, was vorgefallen war.

„Weinen“ ist ein großes Kennzeichen des Zustandes des Volkes Gottes im Buch der Richter, im Unterschied zur Beschneidung im Buch Josua – Gilgal, wohin das Volk immer wieder zurückkehrte. Die Beschneidung spricht geistlicherweise von Selbstgericht (vgl. Röm 2,29; Phil 3,3; Kol 2,11.12). In Richter dagegen finden wir diesen Ort Bochim, wohin der Engel des Herrn von Gilgal her heraufkam (Kapitel 2). Der Ort wurde deshalb Bochim (das heißt Weinende) genannt, weil das Volk Israel dort vor Gott weinte (Verse 4.5). Aber im Gegensatz zu Gilgal, wo Israel neue Kraft zur Treue und Hingabe fand, war Bochim „nur“ ein Ort der Trauer, ohne den neuen Herzensentschluss, dem Herrn wieder treu nachzufolgen (vgl. Verse 7.10–13).

Aber Weinen allein reicht nicht. Wir lesen in Hebräer 12,17, dass auch Esau weinte, aber „keinen Raum für die Buße“ fand. So wollte der Herr auch bei seinem Volk nicht nur Tränen finden, sondern wahre Reue, Buße, Umkehr und neues Handeln in Gottesfurcht.

Es reicht nicht zu weinen; man muss das Böse im eigenen Herzen und im Lebenswandel erkennen, richten, darüber traurig sein und es wegtun, um sich neu und allein auf den Herrn Jesus zu stützen.

Aber das Volk hatte in einem ersten Schritt zu dem Angesicht des Herrn zurückgefunden, und das ist der Anfang einer Wiederherstellung. So dürfen auch wir sein Angesicht in diesen Fragen, die uns in Verbindung mit Versammlungszucht beschäftigen, aufsuchen, um von Ihm Hilfe zu erfahren.

Zucht am Bruder setzt Liebe voraus

Das Volk fragte wiederum, ob es ausziehen solle, und wieder antwortet der Herr mit „ja“. Dabei lernen wir einen zweiten Schritt zur Wiederherstellung. Inzwischen erkannte das Volk, dass es sich bei den Benjaminitern um seine Brüder handelte, nicht um ein fremdes Volk. Wenn wir Zucht ausüben wollen, müssen wir zwar das Böse hassen, so wie Gott es hasst, aber wir sollen es mit dem Herzen tun, das die Brüder liebt, sie zu gewinnen suchen, damit sie umkehren. Man hat den Eindruck, dass das Volk diese Lektion mittlerweile gelernt hatte. 9

Es sind also zwei Dinge, die dem Volk Israel bis hierhin fehlten, und die im Verlauf der Verse schon mehrfach gestreift worden sind:

  1. Das Bedenken der Ehre Gottes: Vorbildlich ist hier Moses Haltung in 2. Mose 32,11 und 4. Mose 14,17–19.
  2. Die Liebe zu den Brüdern: Neben den gerade angeführten Versen zeigt wiederum Mose eine inbrünstige Liebe nicht nur zu dem Herrn, sondern zu dem Volk, als er sogar bereit war, aus dem Buch des Lebens ausgestrichen zu werden, damit Gott sein Volk wieder annehme (2. Mo 32,32).

Beide Punkte finden wir somit im Gesetz und sie hätten von dem Volk Israel beherzigt werden können und sollen. Es fehlte in dieser ganzen Geschichte aber an beiden.

Auch wir dürfen uns diese beiden Punkte zu Herzen nehmen. Es muss in allem zuerst um die Ehre des Herrn gehen. Aber es darf auch die Liebe zu den Brüdern, die nach 1. Johannes 4,20.21 der Beweis des Besitzes des ewigen Lebens ist, nicht fehlen. Auch dann bleibt grundsätzlich bestehen, dass Gott den Schuldigen nicht für schuldlos hält. Seine Liebe geht eben nicht auf Kosten seiner Heiligkeit.

Die Langmut Gottes ist beinahe unbegrenzt (20,24.25)

„Und die Kinder Israel näherten sich den Kindern Benjamin am zweiten Tag. Und Benjamin zog am zweiten Tag aus Gibea heraus, ihnen entgegen, und sie streckten wiederum unter den Kindern Israel 18.000 Mann zu Boden; diese alle zogen das Schwert“ (Verse 24.25).

Auch beim zweiten Kampf gibt es das gleiche Ergebnis. Auf Geheiß Gottes zieht das Volk aus und erleidet wieder eine empfindliche Niederlage: 18.000 Mann sterben. Aus den späteren Zahlenangaben lernen wir, dass auch die Benjaminiter in diesen beiden Kämpfen Männer verloren haben – aber insgesamt nur um die 1.000 Mann. Wir sehen also erneut, dass der Herr mit beiden Seiten redet: Dem Volk will Er noch einmal klar machen, dass es keine lautere Gesinnung ist, mit der es in den Kampf zieht. Den Benjaminitern gibt Er noch einmal die Möglichkeit umzukehren.

Gerade aus dem zweiten können wir ersehen, wie langmütig Gott letztlich mit uns ist, wenn wir auf Abwege geraten. Er möchte niemals unser Verderben, sondern will unser Herz bewegen. Er sucht bis zuletzt, uns von falschen Wegen zurückzuführen. In diesen Fragen kennt Er keine Hast. Es kommt aber der Augenblick, wo diese Geduld und Barmherzigkeit ein Ende findet – und dann muss Er im Gericht antworten, so wie wir das auch in diesem Kapitel finden. Bis dahin wendet Er sich aber immer wieder an unser Gewissen.

Gott prüft unsere Gesinnung und führt zur Rückkehr

Wir sollten uns die Frage stellen, ob wir sein wiederholtes Reden, seine ständigen Appelle an unsere Herzen und Gewissen ernst nehmen und aufnehmen, oder ob wir wie das Volk zu jener Zeit blind für unseren eigenen Zustand und unsere Gesinnung sind.

Die nunmehr gefallenen 40.000 Männer aus den elf Stämmen erinnern uns daran, dass Gott prüfen wollte und musste, wie die Gesinnung wirklich aussah. Wir haben gesehen, dass diese Prüfung erst spät und dann auch nicht in dem eigentlich gewünschten Ausmaß Früchte trug. Wir dürfen jedoch die Gnade Gottes erkennen, dass Er uns nicht einfach gehen lässt, sondern nach wie vor durch solche Prüfungen deutlich macht, dass Ihm an uns gelegen ist.

Eine wichtige Belehrung aus der erneuten Niederlage des Volkes wollen wir nicht vergessen. Sind diese Niederlagen nicht ein Beweis dafür, dass der Herr zu allererst das Selbstgericht bei jedem von uns und bei uns gemeinsam erwartet, bevor Er uns fähig macht, (Gericht oder) Zucht an unserem Nächsten zu üben? Mag nicht ein Grund für die Schwachheit heute sein, dass zu wenig Selbstgericht geübt wird? Wenn wir uns jedoch diese Schwachheit eingestehen, wenn wir uns ihrer bewusst werden, dann haben wir den ersten Schritt auf dem Weg des Selbstgerichtes bereits beschritten. So ist sich auch die Versammlung in Philadelphia bewusst, dass sie nur eine kleine Kraft besitzt. Gerade dadurch aber ist sie in der Lage, sein Wort und seinen Namen zu bewahren.

Die Rückkehr nach Bethel (20,26)

„Da zogen alle Kinder Israel und das ganze Volk hinauf und kamen nach Bethel, und sie weinten und blieben dort vor dem Herrn und fasteten an jenem Tag bis zum Abend; und sie opferten Brandopfer und Friedensopfer vor dem Herrn“ (Vers 26).

Nunmehr finden wir kein „Ermannen“ mehr unter dem Volk, sondern eine Rückkehr nach Bethel. Hat das Volk erkannt, dass etwas nicht stimmte? Im Gegensatz zu Vers 22 ist es hier sogar das ganze Volk, nicht nur das Kriegsvolk, das sich an diesem Ort versammelt. Sie scheinen ein gutes Stück mehr davon zu erkennen, dass sie ganz auf den Herrn geworfen sind und in seiner Gegenwart, im „Haus Gottes“ in Bethel, seine Gedanken erfahren können.

Dies ist ein weiterer Schritt der Wiederherstellung. Erst in El-Bethel (Gott des Gotteshauses), in dieser sozusagen „doppelten“ Gegenwart Gottes (vgl. 1. Mo 35,1–7), fängt das Volk offenbar an, wirklich zu lernen, denn das, was in Bethel geschieht und aus Bethel hervorkommt, darf man sicher als eine Frucht des Herrn bezeichnen.

Fasten der Demütigung und Einsmachen mit dem Opfer Christi

Zugleich lesen wir, dass sie in Bethel nicht nur weinen, sondern auch fasten. Hier ist ein vierter Schritt in ihrer Rückkehr zu erkennen: Fasten spricht an dieser Stelle von Demütigung (vgl. Jona 3,5), von Beugung unter das Urteil Gottes, in Verbindung mit dem „Kasteien“ aber auch von Selbstgericht (vgl. Ps 35,13). Es bedeutet, von allem abzustehen, was mit den Bedürfnissen und Freuden dieser Erde zu tun hat, und im Sinn des Selbstgerichts bedeutet es auch, dass man sich im Licht des Wortes Gottes prüft, ob es etwas im Leben und auch in der persönlichen Gesinnung gibt, was nicht in Übereinstimmung mit den Gedanken des Herrn ist, um es wegzutun.

Das Volk wollte ganz auf den Herrn geworfen sein und eine Antwort erhalten, die ihm den weiteren Weg wies. Wir lesen zwar nicht ausdrücklich von dem Bewusstwerden von Sünden, oder dass sich das Volk wahrhaft demütigte – und „echtes“ Fasten muss mit wahrer Demütigung einhergehen. Die weiteren Taten deuten jedoch an, dass dieses Fasten von Gott angenommen werden konnte. Dennoch zeigen die folgenden Geschehnisse auch, dass ein einmaliges Fasten nicht ausreicht.

Das Richten des Fleisches – also die Bedeutung von Gilgal – muss in dem Leben jedes Gläubigen eine ständige Übung sein. Bei den elf Stämmen muss man im Gegensatz dazu feststellen, dass unmittelbar nach einer richtigen Handlung schon wieder das „Fleisch“ wirksam wurde. Wir lernen daraus, dass jeder Schritt in Abhängigkeit von Gott getan werden muss; einer allein garantiert nicht, dass es die folgenden auch sind.

Hier erkennt das Volk darüber hinaus, dass es gerade bei einer solchen Demütigung an der Zeit ist, Gott das zu geben, was sein Herz verlangt, was aber auch für einen Christen in der geistlichen Übertragung oberste Pflicht ist, Ihm zu geben: Opfer.

Das ist ein weiterer Punkt, der auf dem Weg der Wiederherstellung berücksichtigt werden sollte. Wenn wir „opfern“, machen wir uns eins mit dem Opfer des Herrn Jesus und stellen Gott sozusagen noch einmal den Wert seiner Person und seines Opfers dar, damit sein Wohlgeruch auch auf uns Anwendung findet.

Das Eingeständnis der Sünde steht am Anfang

Das Volk hatte allerdings nicht begriffen, dass es an erster Stelle Sündopfer hätte bringen sollen, denn hier lag Sünde vor. Gott in seiner Gnade sieht aber das geringste Licht, das in unseren Herzen ist, und daran knüpft Er an, um uns zu retten und zu dem Punkt zurückzubringen, der seinen Gedanken entspricht. Leider ist das Volk in diesen Kapiteln nie vollständig zu diesem Ausgangspunkt gelangt. Doch stellen wir fest, dass am Ende dieser Geschichte der Altar Gottes steht. Ist es nicht immer das Ziel unseres Herrn mit uns, dass wir uns wieder zu Ihm selbst wenden – sei es in Bitten, Danksagung oder Anbetung?

Wenn der Herr ein vielleicht nur geringes Zeichen von Buße und Demütigung in den Herzen derjenigen wahrnimmt, die in seinem Auftrag Zucht ausüben, sollten wir allerdings nicht vergessen, dass der Herr dasselbe auch in den Herzen solcher sieht, die unter Zucht stehen, sei es persönlich oder aufgrund einer Trennung. Auch wir sollten bei diesen Menschen bzw. Geschwistern nicht erwarten, dass das Werk des Herrn (sofort) eine vollständige Wirkung in den Herzen hervorruft. Dann würden wir uns selbst gegenüber blind sein; dann könnte der Herr auch uns nie solche Gnade erweisen, weil auch wir heute oftmals so oberflächlich geworden sind. Nein, wenn wir einen „Funken“ von Buße sehen, dann dürfen und sollten wir auf eine solche Seele zugehen, um sie dahin zurückzuführen, wohin der Herr sie zurückbringen möchte.

Der Herr muss wieder Mittelpunkt werden (20,27.28)

„Und die Kinder Israel befragten den Herrn – denn die Lade des Bundes Gottes war dort in jenen Tagen, und Pinehas, der Sohn Eleasars, des Sohnes Aarons, stand vor ihr in jenen Tagen – und sprachen: Soll ich wieder ausziehen zum Kampf mit den Kindern meines Bruders Benjamin, oder soll ich aufhören? Und der Herr sprach: Zieht hinauf, denn morgen werde ich ihn in deine Hand geben“ (Verse 27.28).

An dieser Stelle kommt nun (endlich) die Bundeslade in den Blick. Es ist erstaunlich, dass das Volk nicht von Anfang an diese Bundeslade gesucht hat. Aber Gott nimmt das Fasten zum Anlass, um auch diesen Punkt zu klären. Natürlich ist die Bundeslade 10 als solche keine Sache, die allein durch ihre Anwesenheit den Sieg oder „Glück“ bringt. Das musste das Volk unter dem Hohenpriester Eli leidvoll erfahren (vgl. 1. Sam 4,5–11). Wenn man jedoch die Kraft, die mit dieser Lade in Verbindung steht, auch im persönlichen und gemeinschaftlichen Leben verwirklicht, kann Gott tatsächlich den Sieg geben.

Hier scheint die Erwähnung der Lade einen Hinweis darauf zu geben, dass sich das Volk des „Bundes“ wieder bewusst wurde, den Gott mit ihm geschlossen hatte. Wir dürfen wissen, dass Gott seine Pflichten des Bundes immer erfüllt. Im Gegensatz zu uns ist auf Ihn Verlass. Er ist treu, selbst wenn wir – wie leider so häufig – untreu sind (vgl. 2. Tim 2,13). Dieses Bewusstsein ist ein weiterer Meilenstein auf einem Weg der Wiederherstellung.

Mit Sieg und Wiederherstellung steht im Übrigen nun auch Pinehas in Verbindung, der das Volk seinerzeit durch seine Entschiedenheit vor dem vollständigen Untergang errettet hatte (4. Mo 25,6–9). Seine Treue nahm der Herr zum Anlass, den Bund aufrechtzuerhalten. Er steht als Enkel Aarons an dieser Stelle darüber hinaus in einem großen Kontrast zu dem Enkel Moses, Jonathan, der in Richter 17 derjenige war, der den Götzendienst in Israel öffentlich einführte (vgl. Ri 18,30). 11

Pinehas und die Bundeslade scheinen aber mit noch einer weiteren Erkenntnis in Verbindung zu stehen, gerade, wenn wir diese Begebenheit in unsere heutige Zeit übertragen: Gott und dem Herrn Jesus Christus muss jeweils ihr wahrer und richtiger Platz gegeben werden. Dann – und nur dann – gibt es für den Gläubigen keine Niederlage mehr.

Während wir nämlich in Pinehas den wahren großen Hohenpriester vorgebildet sehen – den Herrn Jesus – spricht die Bundeslade von Christus als dem (Aufrecht-)Erhalter des Thrones Gottes, von dem, der alle Autorität besitzt. So wird man sich, wenn man die Bundeslade in die Mitte stellt, der ganzen Autorität Gottes wieder bewusst und handelt auch entsprechend. Der Herr Jesus als Hoherpriester dagegen ist auch in solchen Umständen in Fürbitte für uns tätig, damit wir seine Wege erkennen und in Abhängigkeit handeln. Beides dürfen wir auch heute noch erleben – und für beides dankbar sein, denn sonst würde es ein Zeugnis des Herrn und Gläubige hier auf der Erde nicht mehr geben!

Die Zahl 3

Dieser dritte Versuch, gegen den Stamm Benjamin das Gericht auszuüben und zu siegen, steht im übertragenen Sinn im Zeichen des Todes und der Auferstehung des Herrn Jesus Christus. Einerseits ist Pinehas davon als der dritte Hohepriester, von Aaron an gerechnet, ein Bild. Aber es handelt sich auch um den nunmehr dritten Versuch des Volkes.

Die Zahl drei erinnert uns immer wieder daran, dass der Herr Jesus drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde war (vgl. Mt 12,40; Mk 8,31; 9,31). Auch Abraham sah am dritten Tag den Berg Morija (1. Mo 22,4). Es ist gut, wenn wir den Herrn Jesus Christus als auferweckt aus den Toten im Gedächtnis halten, wie es dem guten Soldaten Jesu Christi in 2. Timotheus 2,8 gesagt wird. Im Tod Christi lernen wir, dass wir selbst zu Ende gekommen sind. Dann ist es allein seine Kraft, die wirksam ist und uns zu Überwindern macht.

Gott selbst muss über uns entscheiden „dürfen“

Schließlich finden wir hier in Vers 28, dass das Volk Gott nun nicht mehr befragte, um eine Bestätigung des eigenen Plans, nämlich wieder zu kämpfen, zu erhalten. Vielmehr ist es so, dass das Volk jetzt Gott ganz entscheiden lässt, ob der Kampf gerechtfertigt ist oder nicht.

Auch das ist ein Kennzeichen der Wiederherstellung, dass man Gott ganz die Führung überlässt. Das gehört wahrscheinlich zu den schwierigsten „Aufgaben“, die wir zu erfüllen haben, da wir so gerne selbst einschreiten und aktiv sein wollen.

Hier nun macht Gott deutlich, dass Er jetzt zu Gunsten des Volkes eingreifen wird, da die Benjaminiter immer noch nicht von ihren Sünden umgekehrt sind. „Zieht hinauf, denn morgen werde ich ihn in deine Hand geben.“ Diese konkrete Zusicherung gab es bislang noch nicht.

Wenn wir jedoch eine solche Verheißung des Herrn bekommen, können auch wir mit Zuversicht seine Streite kämpfen. Bei uns geht es nicht darum, gegen jemanden, gegen Fleisch und Blut, in den Kampf zu ziehen, sondern geistliche Mächte der Bosheit zu bekämpfen und als gute Kämpfer Gottes die Autorität seines Wortes aufrecht zu halten. Es geht auch darum, dass wir für das christliche Glaubensgut einstehen und die Wahrheit in ihren vielfältigen Aspekten „verteidigen“, indem wir zu ihr stehen und da, wo wir als Gläubige stehen, nichts von ihr preisgeben.

Aber angesichts so mancher Niederlage, die auch wir im übertragenen Sinn einstecken mussten, ist es herrlich, dieses Wort zu hören, dass Er mit uns ist, um uns, natürlich in dem Herrn Jesus, den Sieg zu geben.

Gott gibt keine Heldensiege (20,29.30)

„Und Israel legte einen Hinterhalt gegen Gibea ringsum“ (Vers 29).

Allerdings ist der Sieg, den das Volk hier errang, kein Heldensieg, sondern einer, der dem über Ai in Josua 8 gleicht. Nicht mit „erhobenem Haupt“, sondern nur über einen Hinterhalt, und das ist demütigend, darf das Volk gewinnen.

Gerade bei Zuchtfragen und auch bei Auseinandersetzungen über den gemeinsamen Weg als Kinder Gottes macht uns der Herr deutlich, dass es letztlich niemals „Sieger“ gibt, sondern dass alles, was damit zu tun hat, äußerst demütigend ist. Es handelt sich um Aktivitäten, die man am liebsten gar nicht durchführen wollte, wenn wir sie nicht dem Herrn schuldig wären, und über die man gerne den Mantel des Schweigens hüllen wollte, weil sie so traurig sind.

„Und die Kinder Israel zogen am dritten Tag hinauf gegen die Kinder Benjamin und stellten sich gegen Gibea auf, wie die anderen Male“ (Vers 30).

Dann aber ist es ermutigend, in Vers 30 zu lesen, dass sich die elf Stämme eigentlich nicht gegen den Stamm Benjamin insgesamt, sondern gegen Gibea aufstellten. Offenbar fing das Kämpfervolk an, den eigentlichen Gegner zu erkennen. Es hatte jetzt mit mehr Selbsterkenntnis besser begriffen, wo das eigentliche Übel lag. Es ging eben nicht in erster Linie um Benjamin, sondern um Gibea. Leider sehen wir immer noch nicht, dass Benjamin etwas davon verstanden hätte.

In den nächsten Versen lesen wir nun in einer ungewöhnlichen Ausführlichkeit, wie Israel den Hinterhalt legte, um die Benjaminiter zu besiegen. Zunächst wirkte alles wie bei den zwei vorherigen Kämpfen. Dann jedoch zeigt sich, dass die Hand des Herrn mit Israel und nicht wie bei den vorherigen Kämpfen gegen Israel war.

Der Kampf aus dem Hinterhalt (20,31–35)

„Und die Kinder Benjamin zogen heraus, dem Volk entgegen, wurden von der Stadt abgerissen und fingen an, einige vom Volk zu erschlagen, wie die anderen Male, etwa 30 Mann unter Israel, auf den Landstraßen, von denen eine nach Bethel hinaufsteigt und eine durchs Feld nach Gibea führt. Und die Kinder Benjamin sprachen: Sie sind vor uns geschlagen wie im Anfang. Die Kinder Israel aber sprachen: Lasst uns fliehen, damit wir sie von der Stadt abreißen auf die Landstraßen! Und alle Männer von Israel machten sich auf von ihrem Ort und stellten sich bei Baal-Tamar auf, während der Hinterhalt Israels von seinem Ort hervorbrach aus der Lichtung von Gibea. Und 10.000 auserlesene Männer aus ganz Israel kämpften gegen Gibea, und der Kampf wurde heftig; jene aber wussten nicht, dass das Unglück sie erreichte. Und der Herr schlug Benjamin vor Israel, und die Kinder Israel streckten unter Benjamin an diesem Tag 25.100 Mann nieder; diese alle zogen das Schwert“ (Verse 31–35).

Was lernen wir nun aus der Tatsache, dass dieser „Hinterhaltskampf“ in solchen Einzelheiten geschildert wird?

  1. Zunächst einmal lernen wir nicht, dass man unter Brüdern hinterhältig vorgehen sollte, wenn solche Schwierigkeiten vorkommen. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass der „Hinterhaltskampf“ vielmehr ein Zeichen und Grund zugleich der Demütigung für das Volk, für uns, ist. Immer dann, wenn Gläubige wie bei Ai oder hier zunächst eine Gott nicht wohlgefällige Gesinnung im Kampf – in Zuchtfragen – an den Tag gelegt haben, zeigt der Herr, dass selbst dann, wenn der Sieg errungen wird und man „sachlich“ auf der richtigen Seite stand, der Sieg, wenn man es so übertragen wollte, dem Herrn gehört und wir selbst keinen Grund zu irgendwelchem Hochmut haben.
  2. Gerade Siege nach Niederlagen bedürfen harter Arbeit. Diese darf nicht aus dem Fleisch hervorkommen, aber der Herr muss uns dann zeigen, dass Fleiß und Anstrengung auf unserer Seite notwendig sind, um seine Aufträge richtig zu erfüllen. Solche „Siege“, wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen kann, sind mit viel Energie verbunden. Sie fallen uns viel schwerer, als wenn wir von Anfang an auf der Seite des Herrn mit seiner Gesinnung agiert hätten.
  3. Auch wenn der Mensch für den Kampf verantwortlich ist, so ist es doch Gott, der wirkt: „Und der Herr schlug Benjamin vor Israel ...“ Keiner des Volkes Israel – und wenn der Herr uns heute verantwortlich macht, Zucht zu üben: keiner von uns – ist derjenige, der „schlägt“. Wir müssen uns immer bewusst machen, dass nur dann, wenn der Herr selbst tätig wird, das Ziel Gottes erreicht werden kann. Es geht nicht um uns und unsere Ehre, sondern um den Herrn und seine Ehre! Er muss in allem der Handelnde sein.
  4. Der Kampf aus dem Hinterhalt kann vielleicht als Bild des Gebetes gesehen werden, da der Hinterhalt – wie gesagt – von Schwachheit zeugt. Wenn man jedoch schwach ist, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als zum Herrn zu beten. So, wie beim Hinterhalt der Sieg eigentlich durch den errungen wird, den der Feind zunächst nicht sehen kann, so wird der Sieg des Gläubigen häufig durch das unsichtbare Gebet und vor allem durch denjenigen erzielt, zu dem wir beten und der für unsere Augen unsichtbar ist. Das ist auch sofort übertragbar auf Fragen der Zucht. Nur, wenn man sich seiner eigenen Schwachheit bewusst ist und eine Haltung des Gebetes einnimmt (Hinterhalt), wird man den Herrn auf seiner Seite haben.
  5. Ein solcher Kampf wird „heftig“ (Vers 34). Das gesamte Volk ist in diesen Kampf mit ganzer Kraft verwickelt. Der Herr erwartet von uns, dass wir uns hier ganz und mit voller Energie auf seine Seite stellen.
  6. Selbst in solchen Situationen sind unter dem Volk „Verluste“ zu beklagen, hier sind es 30 Mann. Der Herr möchte uns zeigen, dass jeder Sieg vollständig auf Ihn selbst zurückzuführen ist – wir selbst haben letztlich keinen Anteil daran.
  7. Man muss nicht nur das Richtige tun, nämlich Böses richten, sondern es auch in der richtigen Haltung tun (Demütigung und Abhängigkeit), wenn der Herr auf unserer Seite stehen soll.

Erste Zeichen der Wiederherstellung sollten wahrgenommen werden (20,36–42)

„Und die Kinder Benjamin sahen, dass sie geschlagen waren. Und die Männer von Israel gaben Benjamin Raum, weil sie sich auf den Hinterhalt verließen, den sie gegen Gibea gelegt hatten. Und der Hinterhalt eilte herbei und überfiel Gibea; und der Hinterhalt zog hin und schlug die ganze Stadt mit der Schärfe des Schwertes. Die Männer von Israel hatten sich aber mit dem Hinterhalt verabredet, eine große Rauchsäule aus der Stadt aufsteigen zu lassen. Und die Männer von Israel wandten sich um im Kampf, und Benjamin hatte angefangen, unter den Männern von Israel einige zu erschlagen, etwa 30 Mann; denn sie sprachen: Sie sind ja ganz und gar vor uns geschlagen, wie im früheren Kampf. Und der Brand fing an, aus der Stadt aufzusteigen wie eine Rauchsäule; und Benjamin wandte sich zurück, und siehe, die ganze Stadt ging in Feuer auf zum Himmel. Da wandten sich die Männer von Israel um, und die Männer von Benjamin wurden bestürzt, denn sie sahen, dass das Unglück sie erreicht hatte. Und sie wandten sich vor den Männern von Israel auf den Weg zur Wüste; aber der Kampf ereilte sie; und die aus den Städten kamen, streckten sie in ihrer Mitte nieder“ (Verse 36 -42).

Wir lernen aus diesem Sieg auch, dass bereits ein Funke Aufrichtigkeit reicht, um den Arm des Herrn zu bewegen. Natürlich sucht Er unser ganzes Herz. Aber Er sieht, wenn auch nur ein Funke glüht, wie hier bei den 11 Stämmen, und darauf reagiert Er schon in unendlicher Barmherzigkeit, indem Er dem Volk den Sieg gibt. Wie häufig finden wir in den Beispielen der Schrift, dass der Herr die ersten Anzeichen von Einsicht zum Anlass nimmt, um uns seine wiederherstellende Gnade in unendlicher Barmherzigkeit zukommen zu lassen. Denken wir in diesem Zusammenhang nur an Menschen wie Adam und Eva, Abraham, Isaak, Jakob, David, Petrus, Johannes-Markus etc.

Wenn Gott bei einem Ausgeschlossenen den ersten Funken an Buße bewirkt, sollten nicht auch wir uns dann leicht tun, diese Wirkung der Gnade des Herrn zu erkennen und ihm die vollständige Rückkehr zu erleichtern? Ist es nicht häufig so, dass wir vollständige Buße – und manchmal noch mehr fordern – bevor wir überhaupt bereit sind, ein erstes Gespräch anzunehmen, anstatt dass wir es von uns aus suchen (vgl. 2. Kor 2,7), nachdem es erste Anzeichen der Buße gibt? Damit soll Leichtfertigkeit durchaus nicht das Wort geredet werden. Leichtfertigkeit ist dann gegeben, wenn der Rahmen, den die Heilige Schrift vorgibt, verlassen wird. Natürlich wollen wir dem Herrn Zeit geben, ein tiefgehendes und gründliches Werk im Herzen eines „Bösen“ oder eines auf Abwege geratenen Christen zu tun. Aber wir wollen nicht vergessen, dass der Hohepriester zu dem Aussätzigen „hinausgehen“ musste (3. Mo 14,3) und untersuchen musste, wenn ihm von einer Änderung mitgeteilt wurde.

Ein erstes Anzeichen von Buße scheint sowohl im Sinne von 2. Korinther 2 wie auch in der Anwendung des Vorgehens bei einem Aussätzigen in Israel (vgl. 3. Mo 14,1–4) die Möglichkeit zu eröffnen, die „Gesundung“ bei einem Ausgeschlossenen zu erkunden. Wir sollten in diesen Fragen immer wieder den Geist Gottes durch sein Wort auf uns wirken lassen und nicht „heiliger“ als der Herr handeln wollen. Jeder Fall ist ein Einzelfall, wo wir vor dem Herrn entscheiden müssen, wie wir uns richtig zu verhalten haben – nicht in hektischer Eile, aber auch nicht mit Trägheit oder einer ungeistlichen Hinhaltetechnik.

Das Herz des Menschen – auch des Gläubigen – kann verstockt sein (20,43.44)

„Sie umzingelten Benjamin, jagten ihm nach, traten ihn nieder, wo er ausruhen wollte, bis vor Gibea gegen Sonnenaufgang. Und es fielen von Benjamin 18.000 Mann; diese alle waren tapfere Männer“ (Verse 43.44).

Bereits in Vers 35 ist zu lesen, dass mehr als 25.000 Männer unter den Benjaminitern fielen. Es handelte sich also um eine vollständige Niederlage dieses Stammes. Wir lesen bei dieser Niederlage nicht ein einziges Wort der Buße und Reue des Stammes Benjamin – übrigens auch später nicht bei den 600 Mann, die übrig blieben.

So ist der natürliche Mensch – und so ist auch das Fleisch bei einem Gläubigen: Selbst wenn wir sichtbar erleben, dass der Herr gegen uns aufstehen muss, hat es zuweilen den Anschein, dass wir bockig und verstockt nicht von unserer Haltung abstehen wollen, sondern diese bis zum bitteren Ende beibehalten.

Zucht muss maßvoll sein

Die andere Seite ist die der elf Stämme. Wir lesen in Vers 43, dass sie den Stamm Benjamin „niedertraten, bis vor Gibea, gegen Sonnenaufgang“. Natürlich ist es richtig, dass wir, wenn wir Zucht ausüben sollen, diese auch gründlich und vollständig verwirklichen. Es erscheint jedoch fraglich, ob das Gericht an Benjamin wirklich mit einer solchen Schärfe hätte ausgeführt werden müssen, und ob hier Schuld und Gericht in einem angemessenen Verhältnis stehen, ob – wie man es gerne ausdrückt – die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt wurde. 12

Einen vergleichbaren Fall finden wir in 2. Chronika 28,9–15, wo Gott sein Volk durch einen Propheten darauf aufmerksam machen muss, dass auch bei ihnen Verschuldungen vorlagen (Vers 10) und ein zu scharfes Gericht nur dazu führen würde, dass sich der Zorn Gottes gegen sie selbst richten müsste.

Gott hatte ausdrücklich im Gesetz darauf hingewiesen, dass, wenn es um persönliche Verantwortung geht, Kinder nicht um ihrer Eltern willen und Eltern nicht um ihrer Kindern willen gerichtet werden sollten (5. Mo 24,16). 13 Was konnten kleine Kinder, Jungen und Mädchen, für das Fehlverhalten ihrer Eltern in Benjamin? Das sind nicht die Wege des Herrn, sondern eine solche Vorgehensweise stellt menschlichen und fleischlichen Zorn dar.

Wir lernen daraus, dass es auch hinsichtlich des Ausmaßes von Zucht wichtig ist, das Maß Gottes zu finden. Es wäre schlimm, wenn nicht vor dem Ausschluss einer Person oder der Trennung von Brüdern anhand der Schrift erwogen würde, ob nicht andere, noch nicht so weit gehende Zuchtmaßnahmen bzw. Warnungen und Ermahnungen möglich sind, um einen Bruder oder Geschwister insgesamt noch einmal zu gewinnen. Es ist leicht – aber möglicherweise in dem einen oder anderen Fall unbiblisch und damit falsch – direkt die äußerste Zuchtmaßnahme des Ausschlusses zu wählen. 14 Es soll an dieser Stelle nicht darum gehen, die einzelnen Möglichkeiten, die wir in der Schrift finden – unter anderem öffentliches Zurechtweisen oder Bezeichnung – zu beschreiben. Dies kann und muss jeder aufrichtige Christ vor dem Herrn mit der Bibel in der Hand erwägen. Schenke uns der Herr jedoch auch auf diesem Gebiet „Augenmaß“, ein demütiges Herz und Abhängigkeit!

Man fragt sich auch, ob keiner unter dem Volk daran dachte, was denn die umliegenden heidnischen Bewohner von einem solchen Bürgerkrieg halten mussten. Natürlich dürfen wir nicht die Ehre Gottes übergehen, um nach außen hin eine falsche Einheit zu demonstrieren! Zugleich dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass der Herr uns hier als Zeugen zurückgelassen hat, damit die Welt erkenne, dass Gott, der Vater, den Herrn Jesus auf diese Erde gesandt hat. Wie mancher falsche Kampf hätte allein durch das Bewusstsein, dass wir gemeinsam Zeugen für Ihn sein sollen, vermieden werden können.

Nun darf aber, wie schon gezeigt, ein solches Verhalten nicht auf Kosten des Aufrechterhaltens der Wahrheit des Wortes Gottes gehen. Darum liegt es an uns, in unseren Wegen auch praktisch zu verwirklichen, dass Gott sowohl Licht als auch Liebe ist, etwas, was wir als Menschen nicht vollständig erfassen können.

Der Herr sucht tapfere Männer für sein Werk (20,45.46)

„Da wandten sie sich und flohen der Wüste zu, zum Felsen Rimmon; aber die Israeliten hielten unter ihnen auf den Landstraßen eine Nachlese von 5.000 Mann und setzten ihnen nach bis Gideom und erschlugen von ihnen 2.000 Mann. So waren alle von Benjamin an diesem Tag Gefallenen 25.000 Mann, die das Schwert zogen; diese alle waren tapfere Männer“ (Verse 45.46).

Wie traurig ist der letzte Satz dieser Verse: „Diese alle waren tapfere Männer“ (Ri 20,46). Gerne hätte der Herr sie in seinem Kampf verwendet! Aber sie hatten sich von Ihm losgesagt und einen eigenen, fleischlichen Kampf geführt, der zu ihrem Verderben führte.

Der Herr möchte auch heute noch jeden Gläubigen für seine Sache gewinnen. Wenn wir jedoch eigene Wege gehen wollen, haben wir auch die Folgen solcher Wege zu tragen. Wie unnütz dies in dem Fall bei Benjamin war, ist offenbar geworden. Das Tragische ist, dass es nicht nur zu einem persönlichen Gericht im Regierungshandeln Gottes führte, sondern auch zu einer Schwächung des ganzen Volkes.

So ist es auch heute. Wer sich für einen eigenen Weg entscheidet, missachtet nicht nur die Worte Gottes in Bezug auf sich persönlich, sondern widersetzt sich auch den Gedanken Gottes in Bezug auf sein Volk und schwächt damit das ganze Volk Gottes, das „wie ein Mann“ zusammenstehen sollte, „damit sie alle eins seien“ (Joh 17,21), als Dokumentation Gottes der Welt gegenüber.

Auch im Gericht in Zeiten der Heimsuchung kennt Gott Gnade (20,47)

„600 Mann aber wandten sich und flohen der Wüste zu, zum Felsen Rimmon, und sie blieben am Felsen Rimmon vier Monate“ (Vers 47).

Mit Dankbarkeit liest man diesen Vers. Der Herr hat in seiner Gnade und Barmherzigkeit in jeder Erprobungszeit einen Überrest der Gnade, so auch hier. Der Herr führt diese 600 Männer in Richtung der Wüste zu einem Felsen, der Rimmon heißt. Dort verbarg Er sie in seiner umfassenden Gnade für vier Monate.

Vielleicht darf man in diesem Felsen ein Bild von Christus sehen, da sowohl in Matthäus 16 als auch in 1. Korinther 10 eine deutliche Verbindung zwischen dem Felsen und Christus gezogen wird.

Diese Stelle zeigt also die Souveränität Gottes. Sicher waren diese 600 Männer nicht besser als die anderen, die im Kampf umgekommen waren. Aber Gott wollte sich diesen Stamm erhalten und nicht zulassen, dass er vollständig ausgerottet würde. Sonst wären die prophetischen Worte von Jakob (1. Mo 49) und Mose (5. Mo 33) nie in Erfüllung gegangen.

In dieser Weise wacht auch unser guter Herr über die Umstände heute. Selbst wenn man manchmal den Eindruck haben könnte, dass Er tatenlos zusieht, hält Er in Wirklichkeit immer die Fäden in seiner Hand. Wie manches Mal konnte man nach schwierigen Situationen erkennen, dass der Herr in seiner Gnade und Souveränität gehandelt und uns nicht aufgegeben hat. Das war letztlich der einzige Grund, dass wir nicht vollständig „umgekommen“ sind.

Dennoch ist es bedauerlich, dass wir auch an dieser Stelle keinen einzigen Hinweis auf ein inneres Werk der Buße unter den Benjaminitern finden. Wie verstockt kann unser Herz in unseren Sünden sein!

Schreckliche Ergebnisse eines Bruderkampfes (20,48)

„Und die Männer von Israel kehrten zu den Kindern Benjamin zurück und schlugen sie mit der Schärfe des Schwertes, von der männlichen Stadtbevölkerung bis zum Vieh, bis zu allem, was sich vorfand; auch alle Städte, die sich vorfanden, steckten sie in Brand“ (Vers 48).

Es ist schrecklich, diese Zusammenfassung des Kampfes zu lesen. Das Übel, das in Gibea vorgekommen war, wurde nicht vom Stamm Benjamin gerichtet und führte dazu, dass ein ganzer Stamm – nicht nur die 26.000 Männer – samt Städten und Frauen und Kindern ausgerottet wurde. War das ein Zeichen lauterer Gesinnung Israels, dass man unschuldige Kinder tötete und mordete, ja sogar das Vieh, das eigentlich für den Opferdienst Gottes geeignet war?

Wir vergessen nicht, dass in den ersten beiden Kämpfen zudem 40.000 Männer der übrigen 11 Stämme umgekommen sind – Verluste auf allen Seiten waren also die Folge der Sünde Gibeas, des verstockten Herzens der Benjaminiter und der falschen Gesinnung der 11 Stämme. Ausgelöst worden ist das Ganze durch die Sünde der Nebenfrau eines Leviten und durch dessen laschen Lebenswandel.

Wie oft ist Niedergang im Volk Gottes, Niederlage auf Niederlage, Verluste auf Verluste nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen, sondern hängt mit einer Kette von Problemen zusammen. Manchmal nimmt unser Herr eine konkrete Sünde zum Anlass, den Zustand der ganzen Masse zu offenbaren. Daher sind uns diese traurigen Folgen, von denen wir in Richter 19–21 lesen, durchaus nicht unbekannt.

Wir finden somit, wie gesagt, in dieser Geschichte unser eigenes Herz wieder, das zu allem fähig ist. Nur das Bewusstsein der Gnade des Herrn, in der wir stehen, und seiner Gerechtigkeit werden uns fähig machen, zunächst uns selbst zu demütigen und dann ein Urteil zu fällen und zu vollziehen, das seinen Gedanken entspricht. Gnade führt nämlich nie zu Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit, wohl aber zu einem empfindsamen Verständnis der Wege des Herrn.

Dieser Abschlussvers warnt uns davor, uns auf die Seite von Unrecht, Übel oder Bösem zu stellen, wie unscheinbar und versteckt es auch auftreten mag. Denn ein solches Einsmachen bringt in der Praxis nur traurige und schlimme Resultate – und führt zur Verunehrung des Herrn.

Fußnoten

  • 1 Um richtig verstanden zu werden: Es geht nicht darum, dass wir schuldig sind oder werden, wenn wir uns notwendigerweise mit Bösem zu beschäftigen haben. Dann wäre in der Tat ein Bekenntnis notwendig, denn nur dadurch kann der unterbrochene Genuss der Gemeinschaft mit unserem Herrn wieder hergestellt werden. Und doch ist das Beschäftigen mit dem Bösen etwas, was unsere Zielrichtung von unserem Herrn abbringen kann, wenn wir nicht ständig das Wasser des Wortes Gottes benutzen, um uns wieder an Ihm und seinen Gedanken auszurichten. Unser geistliches Leben ist eben im Gegensatz zum Herrn Jesus nicht autark, wir besitzen ewiges Leben nicht in uns selbst – und das sollten wir immer bedenken. Daher führt das Beschäftigen mit Bösen immer zu einem Schatten über der Freude, der leicht zur Sünde führen kann, wenn man nicht das Wort Gottes zu einer erneuten Orientierung benutzt.
  • 2 Eine Spaltung ist eine Gruppierung inmitten einer Versammlung, wie sie in Korinth nach 1. Korinther 3 existierte. Es hat aber bei einer Spaltung noch keinen vollständigen Bruch, keine vollzogene Trennung gegeben, wie wir sie bei einer Parteiung haben.
  • 3 in William Kelly: „Darby – wie ich ihn kannte“, Seite 20.
  • 4 Der Herr Jesus wird für die gläubigen Christen nie als König, sondern immer als Herr bezeichnet.
  • 5 Bei der Beschäftigung mit den Sendschreiben in Offenbarung 2 und 3 ist zu bedenken, dass sie prophetischer Natur sind und nicht als Anleitung für die Praxis zu verstehen sind, wie sich Versammlungen untereinander verhalten sollen.
  • 6 An dieser Stelle sei auf folgende Punkte hingewiesen: a) „Ein einzelner Stamm“ des Volkes Israel steht durchaus nicht grundsätzlich für „eine örtliche Versammlung“ im neutestamentlichen Sinn. In diesem speziellen Fall kann man jedoch diese Anwendung vornehmen, da hier der Stamm gemeinsam (wie heute eine Versammlung bzw. ein Zusammenkommen) hätte handeln sollen. b) Der Ausschluss bezieht sich immer auf eine einzelne Person. Auch insofern wird das Geschehen in Gibea „nur“ angewandt. Heutzutage kann weder eine Stadt noch eine Versammlung noch eine Personengruppe ausgeschlossen werden. Vielmehr gilt: „Tut den Bösen von euch selbst hinaus“ (1. Kor 5,13). c) Die Bilder im Alten Testament veranschaulichen Prinzipien, die wir im Neuen Testament finden, – nicht umgekehrt. Dieses Prinzip hat keineswegs zur Folge, dass das Alte Testament unwichtig wird. Zum einen enthält es in großen Teilen Prophetie, die auch zu unseren Herzen spricht. Zudem erkennen wir das Handeln Gottes mit dem Volk – und das in Gnaden, langsam zum Zorn und groß an Güte. Schließlich können wir viele Stellen im Neuen Testament gerade durch die Bilder des Alten Testamentes verstehen. Aber wir finden nicht die Prinzipien im Alten Testament, sondern die Bilder. Ihre Grundlage für die Gnadenzeit muss jedoch im Neuen Testament liegen, da hier eine andere Zeitepoche als die des Alten Testamentes beschrieben wird. Alles, was mit der Versammlung zu tun hat, war in der Zeit des Alten Testamentes verborgen, ein Geheimnis. Das Alte Testament zeigt uns häufig, wie neutestamentliche Wahrheiten auf den Gläubigen angewandt werden bzw. in welcher Weise er sich diese in zeitlicher Hinsicht normalerweise aneignet. Beispiel: Aus dem Neuen Testament wissen wir, dass ein Mensch mit der Bekehrung auch errettet ist, neues Leben besitzt, Kind Gottes ist, usw. Im zweiten Buch Mose lernen wir, dass viele Menschen sich zunächst bekehren und erkennen, dass der Herr stellvertretend für sie gestorben ist (2. Mo 12.13). Daraufhin lernen sie, wie böse ihre alte Natur ist, so dass sie sich praktisch noch immer unter der Macht des Teufels befinden (2. Mo 14). Erst wenn sie praktisch die Rettung von dieser Macht erlebt haben, kommen sie zum Lobgesang (2. Mo 15) und zu den Erfahrungen des Gläubigen in der Wüste (2. Mo 16–18). d) Das Alte Testament ist in vielen Teilen direkt anwendbar auf den Gläubigen, wenn es dafür eine Aussage im Neuen Testament gibt. e) Es gibt im Alten Testament moralische Prinzipien, die auch im Neuen Testament nach wie vor ihre Gültigkeit behalten. Dazu gehörten beispielsweise der Gehorsam, die Demut, die Langmut, auch das Handeln Gottes in Gnaden mit den Seinen. Aber auch hier gilt: Dieses moralische Prinzip muss eine Grundlage in der Zeit der Gnade, im Neuen Testament haben, um für uns Gültigkeit zu besitzen. Prinzipien, die in der Zeit des Gesetzes beispielsweise geboren wurden, sind nicht auf die Zeit der Gnade eins zu eins übertragbar. Dies würde ansonsten eine Leugnung unterschiedlicher Handlungsweisen Gottes mit den Seinen darstellen. f) Gott bleibt derselbe. Er mag über die Jahrhunderte den Menschen auf unterschiedliche Weise erprobt haben, aber das Wesen Gottes und die daraus resultierenden Grundsätze bleiben dieselben.
  • 7 Das bedeutete zur Zeit des Alten Testamentes, dass die konkret Schuldigen hätten gesteinigt werden müssen (vgl. Jos 7,25 und 3. Mo 24,14.23.
  • 8 Im engeren Sinn ist das „Fremde“ an dem Gericht, dass Gott sich des Assyrers in der Ausführung seines Urteils bediente. Aber im erweiterten Sinn ist doch auch das Gericht als Solches etwas, was Gott „fremd“ ist in dem Sinn, dass dieses nie sein eigentliches Ziel gewesen ist in seinen Beziehungen zu Menschen.
  • 9 Es ist natürlich wahr, dass wir nach 1. Korinther 5,13 den „Bösen“ aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausschließen müssen. Aber in Fällen, wo es nicht um Ausschluss, wohl aber um Zucht geht, können wir nicht von einem Bösen sprechen. Es sind unsere Brüder, mit denen wir zu tun haben. Wenn es nun um die Trennung von Gläubigen geht, sei sie persönlicher oder gemeinschaftlicher Natur, dann sollten wir den Grundsatz der Schrift verstehen, dass es Trennung nur von Bösem und von Bösen gibt. Verschiedentlich ist darauf hingewiesen worden, dass das in 2. Timotheus 2,21 verwendete Wort „reinigen“ nur noch in 1. Korinther 5,7 vorkommt und dort mit „ausfegen“ übersetzt worden ist. Das heißt, dass sich die Notwendigkeit des Wegwendens nach 2. Timotheus 2 auf etwas Böses bezieht, das dieselbe Kategorie umfasst wie 1. Korinther 5. Wenn nicht wirklich offenbar geworden ist, dass es sich um etwas Böses oder um einen Bösen handelt, darf es keine Trennung geben! Zumindest die Anführer einer sektiererischen Bewegung sind böse im Sinn von 1. Korinther 5 bzw. 2. Timotheus 2.
  • 10 Die Bundeslade ist eines der herrlichsten Vorbilder auf den Herrn Jesus, die wir im Alten Testament finden. Sie stand als einziger Gegenstand in dem Allerheiligsten der Stiftshütte und war aus Akazienholz hergestellt. Diese wurde mit reinem Gold überzogen (2. Mo 25,10 ff). Während das äußerst haltbare und robuste Holz als ein Bild der Menschheit unseres Retters, Jesus Christus, verstanden werden darf, denn es wuchs als Baum auf dieser Erde, und der Herr Jesus wird verschiedene Male im Alten Testament in Verbindung mit Pflanzen und Bäumen gebracht, spricht das Gold von seiner göttlichen Herrlichkeit als Gott, der Sohn (vgl. Heb 9,4.5).
  • 11 Wir lernen daraus, dass die Treue von Vätern und Vorfahren – auch in geistlicher Hinsicht – keine Garantie darstellt, dass spätere Generationen, und wenn sie noch so „nah“ sind, ebenfalls durch Treue gekennzeichnet sind. Häufig ist leider das traurige Gegenteil der Fall.
  • 12 In diesem Zusammenhang mag es nützlich sein, darauf hinzuweisen, dass das Neue Testament von mindestens zehn Formen der Zucht spricht, die wir im Licht der Schrift alle erwägen sollten. Wir sollten die ersten neun grundsätzlich zuerst in Erwägung ziehen, bevor wir die zehnte für notwendig halten. Zucht kann väterliche, brüderliche oder Versammlungszucht sowie vorbeugender und korrigierender Art sein , oder eine notwendige Handlung, den Bösen hinauszutun (10), weil alle anderen Formen der Zucht nicht ausreichend wären und allein der Herr eine Wiederherstellung bewirken kann. Jeder Art der Zucht hat das Ziel, eine Korrektur, Neuausrichtung oder eine Wiederherstellung zu bewirken. Das sollte uns immer bewusst sein. (1) Väterliche Zucht (1. Tim 5,1.2; vgl. 2. Tim 4,2 und Heb 12,10); (2) Brüderliche Zucht (Mt 18,15–17); (3) Zurechtweisende Zucht bei Unordnung (1. Thes 5,14); (4) Zucht durch Zurückziehen bei Unordnung (2. Thes 3,6); (5) Zucht durch sich abwenden (Röm 16,17); (6) Öffentliche Zucht durch Überführung (1. Tim 5,20; vgl. Gal 2,14); (7) Zucht durch Bezeichnung (2. Thes 3,14); (8) Zucht durch Abweisen eines Sektierers (Tit 3,10) (9) Zucht durch die Auflage, schweigen zu müssen (Tit 1,10.11; vgl. 1. Tim 1,3); (10) Zucht durch Ausschluss (1. Kor 5,12.13) Eine etwas andere Gliederung der Arten von Zucht ist die Folgende: (1) Persönliche Zucht a. Zurechtweisung eines Unordentlichen (1. Thes 5,14) b. Brüderliche Zucht (Mt 18,15–17; Eph 5,11; 2. Tim 4,2; Tit 1,9.13; Jud 22) c. Väterliche Zucht (Gal 6,1–3) (2) Zurechtweisung in der Versammlung a. Bezeichnung eines Unordentlichen (2. Thes 3,14.15) b. Überführung derer, die gesündigt haben (1. Tim 5,20). (3) Schweigen auferlegen (1. Tim 1,3; Tit 1,11) (4) Handeln mit Sektierern a. Wegwenden (Röm 16,17.18; 2. Tim 2,21; 3,5) b. Abweisen (Tit 3,10.11) (5) Zucht durch die Versammlung (Mt 18,17.18; 1. Kor 5,1–13)
  • 13 Etwas anderes ist es natürlich, wenn es darum ging, feindliche Nationen des Volkes Gottes zu bekämpfen. Amalek sollte mit Kindern und Vieh ausgerottet werden (vgl. 2. Mo 17,16)!
  • 14 Es gibt manche Brüder wie z.B. J. N. Darby, die darauf aufmerksam machen, dass der Ausschluss im eigentlichen Sinn keine Zuchthandlung mehr darstellt, sondern das Eingeständnis ist, dass es brüderlicher und geschwisterlicher Zucht nicht gelungen ist, eine bestimmte Person zur Wiederherstellung zu führen. Dann bleibt nur noch das Letzte und Äußerste, der Ausschluss, bei dem man eine Person ganz in die (Regierungs-)Hände Gottes übergibt (1. Kor 5,5; die Überlieferung einer Person an Satan war ein Akt des Apostels, die man wohl nicht auf die Versammlung, die hinaustut, übertragen kann) – man ist am Ende, und dieses „man“ schließt die Versammlung absolut mit ein.
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