Eintracht oder Zwietracht
Eine Herausforderung für das Volk Gottes

Richter 21: Opfer sind Gott nur zusammen mit Gehorsam wohlgefällig

Eintracht oder Zwietracht

Fleischlicher Eifer unter Gläubigen (21,1)

„Die Männer von Israel hatten aber in Mizpa geschworen und gesagt: Niemand von uns soll seine Tochter den Benjaminitern zur Frau geben“ (21,1).

Dieser Vers schließt nahtlos an das Ende des vorigen Kapitels an. Wir sehen, mit welcher Unvorsichtigkeit und in welch fleischlichem Eifer das Volk gehandelt hatte. Offenbar hatte der Schock über das Unrecht die Israeliten so sehr beeindruckt, dass sie in einer rein emotionalen Trotzreaktion geschworen hatten, den Benjaminitern unter keinen Umständen eine Frau zu geben, so dass für diese keine Fortpflanzungsmöglichkeit mehr gegeben war – jedenfalls nicht im Rahmen des Volkes Israel. Gott hatte das Volk weder beauftragt, Benjamin vollständig auszurotten, noch verboten, künftig eine Verbindung mit einem Benjaminiter einzugehen.

Nicht von ungefähr macht der Herr Jesus in der sogenannten Bergpredigt in Matthäus 5 deutlich, dass man überhaupt nicht schwören soll. Die Schwüre, die in diesen Kapiteln im Buch der Richter ausgesprochen wurden (20,8; 21,1.5.18), waren nicht vom Herrn und führten einerseits das Volk ins Verderben, andererseits jedoch zu weiteren fleischlichen Taten. 1 Zudem fällt auf, dass nicht ein einziger eingehalten wurde. Das allein zeigt schon, wie falsch diese Schwüre gewesen sind.

Welchen Sinn hatte es, den ganzen Stamm Benjamins auszurotten? Wäre man nicht selbst mitschuldig geworden, wenn sich die Benjaminiter nun gezwungenermaßen Frauen unter den heidnischen, götzendienerischen Völkern hätten nehmen müssen?

Durch unbedachte, rein emotionale Aktionen kann man leicht andere Geschwister in falsche Richtungen führen. Gerade bei dem, was wir öffentlich sagen und anderen zu erkennen geben, ist größte Vorsicht geboten und Abhängigkeit von unserem Herrn erforderlich.

Die Rückkehr nach Bethel (21,2.3)

„Und das Volk kam nach Bethel, und sie blieben dort bis zum Abend vor Gott; und sie erhoben ihre Stimme und weinten sehr und sprachen: Warum, Herr, Gott Israels, ist dies in Israel geschehen, dass heute ein Stamm aus Israel vermisst wird?“ (21,2.3).

Wir sehen jetzt, dass das Volk erkannte, was die Konsequenzen aus den eigenen Handlungen waren – natürlich auch aus der Sünde der Gibeoniter. Es ist schön, dass das Volk in dieser Situation nicht vergaß, dass es einen Gott im Himmel hatte.

So dürfen auch wir gerade in solch traurigen Umständen zu Ihm kommen und vor Ihm weinen und beten. Wir dürfen sicher sein, dass Er uns anhören wird.

Das Volk weinte nicht vor dem „Herrn“, sondern vor „Gott“. Offenbar war es sich bewusst, dass etwas Trennendes zwischen ihm und Gott stand. Sonst würden wir lesen, dass es sich vor seinem Bundes-Gott, dem Herrn, Jahwe, niederbeugte. Dieses Bewusstsein des Bundes mit Gott und der Beziehung zu Gott, die durch den Titel Herr deutlich wird, kam anscheinend erst mit der Zeit wieder, als das Volk am Abend dann tatsächlich zu dem „Herrn, Gott Israels“ betete.

Auch wir werden uns in solchen Umständen bewusst werden, dass der Genuss der Gemeinschaft gestört ist. Dennoch dürfen wir zu jeder Zeit in Freimütigkeit zu unserem Retter, dem Herrn Jesus Christus, und zu unserem Heiland-Gott beten – und gerade dann, wenn es uns (geistlich) schlecht geht, ist der richtige Zeitpunkt dafür. „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden; und der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und euren Sinn bewahren in Christus Jesus“ (Phil 4,6.7).

Nun war in diesem Fall das Volk selbst daran schuld – in keiner Weise Gott –, dass ein Stamm vermisst wurde. Wir haben gesehen, dass das Gericht durch das Volk in einer übermäßigen Schärfe ausgeführt worden war. Dennoch war auch jetzt noch das Befragen Gottes gut, denn dadurch konnte sich das Volk noch einmal bewusst werden, was die wahre Ursache für diesen erlittenen Verlust war. Wir stellen auch an diesem Punkt fest, dass die Buße des Volkes, das Weinen, nicht tief genug gegangen war, damit sie im „Spiegel Gottes“ die eigenen Fehler erkannt hätten (vgl. Seite 70, „Weinen kann nur ein erster Schritt sein“).

Oft geht es leider auch uns so, aber der Herr ermutigt uns, sein Wort in der ganzen Schärfe (Heb 4,12) und Klarheit auf unsere Herzen und Gewissen anzuwenden, damit wir seine Gedanken erkennen.

Die Gegenwart des Herrn heiligt

Es ist schön zu sehen, dass sich das Volk in Bethel zusammenfand, dem Haus Gottes im übertragenen Sinn, denn Bethel heißt übersetzt Haus Gottes. Aus dem vorigen Kapitel können wir wohl entnehmen (20,26–28), dass sich dort die Bundeslade befand. Das Volk wollte sich also in der Nähe des Herrn selbst aufhalten, um von Ihm geleitet zu werden. So soll es auch bei uns sein.

Allerdings liest man, dass das Zelt der Zusammenkunft in Silo stand (vgl. z. B. Ri 18,31; 21,12.19.21), denn dorthin würde – wie man im weiteren Verlauf des Kapitels sieht – das Volk zum Laubhüttenfest gehen und dort finden wir später auch Eli, den Hohenpriester.

Dort, wo der Herr ist, sollten auch wir uns aufhalten – ganz in seiner Nähe. Nur dann werden wir als seine Knechte das Ihm Wohlgefällige tun.

Diese Trennung des Zeltes der Zusammenkunft von der Bundeslade ist für uns zu Recht unverständlich. Sie mag letztlich auch einer der wesentlichen Mängel gewesen sein, die dazu geführt haben, dass das Volk keinen klaren Weg ging.

Wenn das Zelt der Zusammenkunft, wenn die Versammlung oder auch das Zusammenkommen als Versammlung, von der Bundeslade, dem Herrn Jesus, getrennt wird, dann verliert es den vollen Segen. Ohne Ihn hat man nichts.

Ein Zusammenkommen ohne Christus ist tot

Die Lehre besteht für uns darin, darauf zu achten, das Zusammenkommen der Gläubigen nicht von der Person des Herrn zu trennen. Nach Matthäus 18 ist dies nicht einfach eine Verheißung, ein Segen, sondern unsere unmittelbare Verantwortung. Wenn wir nicht zu seinem Namen hin zusammenkommen, werden wir einen Verlust erleiden, insbesondere, wenn wir es besser wissen bzw. besser wissen könnten. Wie leicht entgleitet uns das Empfinden und das Bewusstsein der persönlichen Gegenwart des Herrn Jesus in unseren Zusammenkünften!

Aber natürlich gilt das auch für das Haus Gottes im Sinn von 1. Timotheus 3,15, in dem wir uns immer befinden. Wenn wir dieses Haus von dem Herrn Jesus trennen, indem wir nicht mehr in der Gegenwart des Herrn Jesus leben, sondern ein eigenes Leben für uns führen wollen, wird unser Zeugnis als „Haus Gottes“ nach und nach undeutlicher werden und verblassen.

Wenn sich Weltförmigkeit einschleicht, sei es in der Form von Laxheit und Gleichgültigkeit oder in fleischlichem Regeln oder Gesetzlichkeit, merkt man gar nicht, wie sich die Herrlichkeit des Herrn, wie im Propheten Hesekiel, langsam und Schritt für Schritt entfernt. Weltförmigkeit steht in direktem Gegensatz zu der wunderbaren Tatsache, die der Herr allein schon durch das Verwenden des Wortes „Versammlung“ ausgedrückt hat: Herausgerufene – nämlich aus der Welt. Hier ist die Wachsamkeit von Mizpa unbedingt gefordert – Geschwister, die eine besondere Empfindsamkeit in Bezug auf die Ehre des Herrn besitzen.

Der Altar Gottes (21,4)

„Und es geschah am nächsten Tag, da machte sich das Volk früh auf, und sie bauten dort einen Altar und opferten Brandopfer und Friedensopfer“ (21,4).

Wir finden an dieser Stelle erneut einen Altar. Man möchte fast wünschen, dass es Ziel des Richter-Buches wäre, uns zum Altar zu führen, der ja dann auch in Verbindung mit dem Laubhüttenfest in Silo (Verse 15–22) einen wichtigen Platz einnimmt.

Nur an dem Altar, nur angesichts des Kreuzes oder im Schatten des Kreuzes, wird auch ein Gläubiger die Gedanken des Herrn erkennen können. Dort, wo sowohl der Wohlgeruch Christi für Gott als auch das Gerichtsurteil Gottes über die Sünde ihren Ausdruck finden, haben alle Wege eines Christen ihren Ausgangspunkt.

Schade, dass das Volk erneut vergaß, an erster Stelle Sündopfer zu bringen. Sicher erscheint es geistlich anspruchsvoller, wenn man Friedensopfer der Gemeinschaft und Brandopfer der Anbetung bringt, aber das Sündopfer hätte zunächst gebracht werden müssen.

Aber auch wir sollten auf der Hut sein, nicht einen äußeren Schein (z.B. in den Zusammenkommen, in denen wir zu seinem Gedächtnis zusammenkommen) zu erwecken, der nicht mit der Wirklichkeit unserer persönlichen und gemeinsamen Wege übereinstimmt. Zunächst ist Ehrlichkeit gefordert, die auch in den Inhalten der Zusammenkünfte ihren wahren Ausdruck findet.

Aber immerhin – das Volk beginnt zu opfern, und dazu macht es sich früh auf.

Gerade wenn es um den Herrn Jesus geht, sollte uns nichts davon abhalten, Ihn zu suchen. Sich früh aufzumachen bedeutet, Ihm wirklich den ersten Platz im Leben zu geben. Er steht morgens an der ersten Stelle, mit Ihm lassen wir den Tag ausklingen. Der frühe Morgen ist deshalb so wichtig, weil wir zu dieser Zeit in der Regel durch nichts gestört oder abgehalten werden. Dann werden wir, von unserem Fleisch unbelastet, die Gedanken des Herrn aufnehmen können.

Warum trägt die Gegenwart des Herrn keine Früchte? (21,5–9)

„Und die Kinder Israel sprachen: Wer von allen Stämmen Israels ist nicht in die Versammlung zu dem Herrn heraufgekommen? Denn ein großer Schwur war geschehen bezüglich dessen, der nicht zu dem Herrn nach Mizpa heraufkäme, indem man sprach: Er soll gewiss getötet werden! Und den Kindern Israel tat es Leid um Benjamin, ihren Bruder, und sie sprachen: Heute ist ein Stamm von Israel abgehauen! Was sollen wir ihnen, den Übriggebliebenen, tun bezüglich der Frauen? Wir haben ja bei dem Herrn geschworen, ihnen keine von unseren Töchtern zu Frauen zu geben. Und sie sprachen: Gibt es irgendeinen von den Stämmen Israels, der nicht zu dem Herrn nach Mizpa gekommen ist? Und siehe, kein Mann von Jabes-Gilead war ins Lager, in die Versammlung, gekommen. Und das Volk wurde gemustert, und siehe, kein Mann war da von den Bewohnern von Jabes-Gilead“ (21,5–9).

Diese Opfer-Begegnung mit Gott trägt beim Volk leider keine göttlichen Früchte. Vielmehr sehen wir erneut zwei Fehler, die von dem Volk begangen werden:

  1. Menschliche und fleischliche Überlegungen zur Rettung Benjamins;
  2. Unverhältnismäßige Schärfe gegenüber Jabes-Gilead.

Darauf komme ich gleich zurück. Zunächst einmal dürfen wir jedoch erkennen, dass das Volk nach einem Ort Ausschau hielt, der zu der gemeinsamen Versammlung in Mizpa nicht erschienen war. Tatsächlich gab es einen solchen, Jabes-Gilead.

Die Bibel kennt keine Neutralität

Während wir in dem Stamm Benjamin in einer neutestamentlichen Anwendung ein Beispiel einer Versammlung gesehen haben, die nicht bereit ist, Böses zu richten, sondern sich mit diesem Bösen einsmacht, so können wir in Jabes-Gilead in einer Anwendung das Bild einer Versammlung sehen, die meint, neutral bleiben zu können. Beides müssen wir auf der Grundlage der neutestamentlichen Wahrheit verurteilen.

Jabes-Gilead 2 meinte, sich aus der ganzen Angelegenheit heraushalten zu können. Aber das kennt die Bibel nicht. Man kann nur entweder Freund oder Feind Gottes sein, eine Grauzone dazwischen gibt es nicht.

Dadurch, dass sich Jabes-Gilead nicht an dem Kampf beteiligte, drückte es aus, dass es das Verhalten Benjamins nicht verurteilen wollte. Natürlich, man wollte sich auch nicht auf die Seite Benjamins stellen. „Nein, Kämpfe unter dem Volk Gottes, Trennungen, die darf es doch nicht geben“, meint man aus Jabes-Gilead zu hören.

Es ist wahr, dass Gott keine Trennungen wünscht. Wenn sich eine Versammlung jedoch weigert, Böses zu richten, muss sich ein Gläubiger, der die heiligen Ansprüche Gottes anerkennen will, von ihr zurückziehen bzw. von dieser Versammlung trennen, denn Gott kann Gemeinschaft nicht auf Kosten seiner Heiligkeit akzeptieren. Göttliche Einheit kann in der Zeit, in der Sünde in dieser Welt existiert, nur durch Trennung (nämlich von dem Bösem) aufrechterhalten werden. Das ist für den Menschen nicht angenehm, wird aber in der Bibel gefordert und ist der einzige Weg, auch praktisch in Gemeinschaft mit Gott leben zu können. Das finden wir unter anderem in 2. Timotheus 2 dargestellt. Eine „Was geht dieses Problem uns an?“-Mentalität kann Gott niemals gutheißen.

So kann es auch heute nicht sein, dass Versammlungen einen neutralen 3 Standpunkt einnehmen, wenn sie die Gedanken des Herrn verwirklichen wollen. Sicherlich ist es nicht angebracht, dass sich jede Versammlung schriftlich zu allen aktuellen Fragen äußert, es ist jedoch unabdingbar, dass eine Versammlung den biblischen Standpunkt einnimmt und dieses auch bekannt ist, insbesondere in den umliegenden Versammlungen. 4

Das können wir aus Matthäus 18,20 deutlich erkennen, denn wer zum Namen des Herrn zusammenkommen möchte, sollte eine bewusste Überzeugung darüber haben, was dies ganz grundsätzlich, aber auch in Verbindung mit der jeweiligen aktuellen Situation bedeutet. Das dürfen wir auch aus 1. Korinther 10,15 schließen, wo an das Verständnis der Gläubigen appelliert wird, wenn von der Gemeinschaft des Blutes und des Leibes (Körpers) des Christus gesprochen wird. Wer könnte zudem die Einheit des Geistes (Eph 4,2.3) bewahren, ohne einen biblisch begründeten, eindeutigen Standpunkt zu haben? Der Herr erwartet von uns Entschiedenheit und Hingabe – diese sind mit Neutralität unvereinbar!

An dieser Stelle sei kurz ergänzt, dass es keine Neutralität darstellt, wenn man sich in einer unklaren Situation von keiner Seite vereinnahmen lässt. Das darf jedoch kein Vorwand sein, immer wieder zu behaupten, bislang sei noch nichts deutlich hervorgetreten, obwohl längst klar geworden ist, welch ein Zustand in einer örtlichen Versammlung vorliegt. Denn wenn die Dinge offenbar geworden sind, kann man sich einer Entscheidung nicht entziehen, ohne sich gegenüber der Liebe und Heiligkeit des Herrn schuldig zu machen.

Irdische Segnungen können vom Herrn wegführen

War von Jabes-Gilead eigentlich eine andere Haltung zu erwarten? Menschlich gesprochen sicherlich nicht. Jabes-Gilead lag aus Sicht des Landes Kanaan jenseits des Jordan, also auf der Seite der Wüste 5. Während das Volk Israel für die Eroberung der Städte innerhalb Kanaans – also diesseits des Jordan – diesen Fluss zu überqueren hatte, lag Jabes-Gilead in einem Gebiet, das auch ohne die Überwindung des Jordan eingenommen werden konnte.

Das alles hat eine geistliche Bedeutung. Der Jordan ist häufig als ein Fluss des Todes bezeichnet worden. Das liegt einerseits daran, dass er in das Tote Meer mündet und damit buchstäblich einen Bezug zum Tod hat, denn im Toten Meer gibt es aufgrund des hohen Salzgehaltes kein lebendiges Tier. Andererseits kann man im Jordan geistlicherweise das Bild des Todes und der Auferweckung eines Gläubigen mit dem Herrn Jesus sehen (vgl. Röm 6; Kol 2). Dies kann man mit den Erfahrungen des Volkes Israel erklären. Das Volk musste zunächst das Schilfmeer und später den Jordan durchqueren, um in das Land Kanaan zu kommen. Beide Gewässer sind Bilder des Todes und der Auferweckung Christi. Aber während das Rote Meer nur das Ende unseres alten Menschen im Tod Christi zeigt, um dann in Neuheit des Lebens in dieser Welt ein Leben zur Ehre Gottes zu führen, geht es beim Jordan weiter. Dort werden wir als mit Christus gestorben und auferweckt gesehen, um die Segnungen des Himmels genießen zu können.

Gott schenkte dazu ein Wunder, indem die Wasser stehen blieben und sich wie ein Damm aufrichteten (Jos 3,16). Dadurch konnte das ganze Volk durch das Flussbett wandern und auf der Seite Kanaans wieder aus dem Jordan hinaus in das Land gehen. „Normalerweise“ wäre das ganze Volk untergegangen – gestorben – wenn es unter „normalen“ Umständen durch den Jordan gegangen wäre – tatsächlich aber schaffte Gott durch ein Wunder Rettung.

So ist es auch mit einem Gläubigen heute. Jeder, der himmlische Segnungen genießen möchte, muss den Tod Christi auf sein Leben anwenden, neues Leben besitzen, mit Christus auferweckt worden sein und den neuen Menschen angezogen haben. Da aber Christus bereits gestorben ist, stirbt der Gläubige nicht leibhaftig, sondern der Tod Christi ist auch sein Tod. So wendet Gott den Tod Christi auf jeden Gläubigen an – und dieser kann sozusagen trockenen Fußes durch den Jordan hindurchziehen, um im Land Kanaan die himmlischen, geistlichen Segnungen genießen zu können. Was passiert hier? Gott sieht uns aufgrund unseres Glaubens an den Herrn Jesus so sehr mit Ihm vereinigt, dass Er Gläubigen den Tod und die Auferstehung des Herrn Jesus persönlich zurechnet, als ob man selbst gestorben und auferweckt wäre.

Jeder Mensch hat den Tod verdient und muss daher diese Strafe für seine Sünden auch erleiden. Wenn ein solcher Mensch aber den Herrn Jesus im Glauben annimmt, wird ihm der Tod Christi zugerechnet, als ob er mit Christus am Kreuz gestorben und in das Grab gelegt worden wäre. Der alte Mensch hat sein Ende im Tod Christi gefunden und ist begraben worden – das ist für jeden Gläubigen wahr! Daran erinnern die 12 Steine, die Josua auf dem Grund des Jordan aufrichten ließ. Der Durchzug durch den Jordan geht jedoch noch einen Schritt weiter und stellt uns unsere Auferweckung mit Christus vor – ja sogar unser „Mitsitzen in den himmlischen Örtern in Christus“ (Eph 2,6). Davon zeugen die 12 Steine, die Josua auf Geheiß Gottes am anderen Ufer des Jordan aufrichten musste (siehe Jos 4,1–3).

Es ist jedoch auch nötig, den Tod Jesu ganz praktisch auf das persönliche Leben anzuwenden, indem man das verwirklicht, was in den Augen Gottes und stellungsmäßig mit uns geschehen ist: Wir sind mit Christus begraben worden (Kol 2,11.12) und mit Ihm den Elementen der Welt gestorben (Kol 2,20). Praktisch bedeutet dies, dass man die Glieder töten muss, die auf der Erde sind (Kol 3,5). Diese werden im Anschluss beschrieben: Hierzu gehören Unzucht, Unreinigkeit, Leidenschaft, Habsucht, Zorn, Wut, Lästerung, schändliches Reden und die Lüge. Wenn man praktisch verwirklicht, mit Christus gestorben und auferweckt zu sein, wird man diese Dinge nicht tun, sondern „herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Milde und Langmut“ in seinem Leben zeigen. Was wir ablegen, sind die „Glieder“ des alten Menschen, was wir anziehen, die Wesenszüge des neuen Menschen.

Unabhängig von diesen geistlichen und himmlischen Segnungen gibt es jedoch auch irdische Segnungen, für die diese Anwendung des Todes Christi nicht notwendig ist, und die nicht nur von Gläubigen, sondern von einem großen Teil der Menschheit überhaupt genossen werden. Davon spricht Jabes-Gilead, weil dieser Ort zu dem Teil gehörte, der eingenommen werden konnte, ohne dass man durch den Jordan gegangen war.

Daher spricht dieser Teil des Erbes des Volkes von den irdischen Segnungen, die nicht nur Gläubigen heute gegeben sind: Dazu gehören z.B. das Geschenk der Ehe und Familie, die Gesundheit, ein gesundes Aufnahmevermögen, Intelligenz, eine Arbeitsstelle etc. Das alles ist uns als eine „irdische Segnung“ sozusagen geliehen worden, damit wir es zur Ehre und Freude unseres Herrn benutzen.

Leider ist bei jedem Christen auch heute – wie bei den zweieinhalb Stämmen damals, die sich ausschließlich mit diesen „irdischen Segnungen“ begnügten – der Hang vorhanden, diese irdischen Geschenke des Herrn so zu benutzen, dass sie sein ganzes Herz einnehmen und keinen Raum mehr für himmlische und geistliche Dinge übrig lassen.

Das scheint in übertragenem Sinn bei Jabes-Gilead geschehen zu sein, so dass es gar kein Unterscheidungsvermögen mehr besaß, wie man sich dem Herrn gemäß hätte verhalten sollen.

Christus sollte der Mittelpunkt sein

Wenn diese irdischen Dinge in unserem Leben zunehmend wichtiger werden, kommt auch uns das geistliche Unterscheidungsvermögen leicht abhanden. Der Herr freut sich, wenn wir diese Dinge – an ihrem Platz – zu seiner Ehre genießen, aber nur, wenn wir zugleich daran denken, dass wir nichts empfangen haben, was Er uns nicht geschenkt hat, und uns darüber hinaus auch mit den viel wichtigeren und ewigen, geistlichen Segnungen befasst sind, ja mit seiner Person selbst. Gerade dadurch finden die irdischen Dinge ihren richtigen Platz und werden in den Dienst des Herrn gestellt.

Der Herr bewahre uns davor, zu sehr mit dieser Erde und zu wenig mit Ihm und seinen Segnungen beschäftigt zu sein. Ein Missverhältnis auf diesem Gebiet ist eine der Ursachen für so viel Schwachheit und Niedergang unter den Gläubigen.

Wir dürfen die Beweggründe eines anderen nicht beurteilen

Es gibt jedoch auch noch eine andere Seite bei Jabes-Gilead zu bedenken. Es wird überhaupt nicht die Frage gestellt, warum von Jabes-Gilead niemand nach Mizpa gekommen war. Tatsächlich schweigt die Schrift über die Gründe, so dass man diese nur mit größter Vorsicht beurteilen kann. Wir wissen jedoch aus 5. Mose 20, dass es Umstände gab, die dazu berechtigten, an einem solchen Kampf nicht teilzunehmen:

  1. Jemand, der ein neues Haus gebaut und noch nicht eingeweiht hatte, wurde vom Kampf befreit (Vers 5).
  2. Jemand, der einen Weinberg gepflanzt und noch keine Frucht für sich selbst hatte davon essen können – das war erst im 5. Jahr möglich (3. Mo 19,25) – war befreit (Vers 6).
  3. Jemand, der verlobt aber noch nicht verheiratet war, war ebenso befreit (Vers 7).
  4. Jemand, der sich fürchtete und verzagten Herzens war, durfte von dem Kampf zurückstehen (Vers 8).

Es ist zwar kaum vorstellbar, dass eine ganze Stadt den einen oder anderen der vier Punkte auf sich anwenden konnte, aber zumindest hätte man die jeweiligen Leute danach befragen und diejenigen verschonen müssen, die einen dieser Gründe geltend machen konnten. Nichts dergleichen jedoch geschah. Konnten die elf Stämme daher ohne weiteres die Ausrottung dieser Stadt vornehmen? Dachten sie vielleicht, besonders geistlich zu sein, auch diese Leute vollständig auszurotten? Es ist erstaunlich, dass man an dieser Stelle wieder nichts von Pinehas hört, der doch verschiedene Male deutlich unter Beweis gestellt hatte, dass er die Rechte des Herrn vertrat.

Auch für uns haben diese Punkte Bedeutung. Dabei geht es hier nicht darum, eine Anwendung für diese vier Entschuldigungsgründe zu finden, sondern um die Frage, wie wir das Verhalten anderer beurteilen. Allein den äußeren Anschein zum Maßstab zu nehmen, führt häufig in die Irre, da, wie in diesem Fall in Richter 21, das Verhalten richtig oder falsch sein könnte. Andererseits dürfen wir aber auch nicht versuchen, die Gesinnung und die Beweggründe zu beurteilen. Das macht uns 1. Korinther 4,4.5 klar: „Der mich aber beurteilt, ist der Herr. So urteilt nicht etwas vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Überlegungen der Herzen offenbaren wird.“ Er allein ist dazu in der Lage, und wenn wir meinen, dies selbst tun zu können, dann eignen wir uns Rechte an, die allein Ihm gehören.

Wir müssen beurteilen, aber anhand klar erkennbarer Taten. Dabei müssen wir uns selbst jedoch immer von dem Licht des Wortes Gottes bis in unser Innerstes durchleuchten lassen, um selbst vor dem Fallen bewahrt zu werden. Wir Menschen stehen immer in Gefahr, neben klar beurteilbaren Sachverhalten auch andere Dinge zur Grundlage für Entscheidungen zu machen und damit nicht unparteiisch zu sein. Aber der Herr möchte uns vor diesem Fehler bewahren – gerade auch bei Zuchtfragen und schwierigen Versammlungsentscheidungen –, weil wir als Menschen einfach nicht in der Lage sind, in den anderen hineinzuschauen; das kann nur Gott.

Auch müssen wir uns davor bewahren lassen zu meinen, dass wir dann der Heiligkeit Gottes am ehesten entsprechen, wenn wir möglichst scharf alles verurteilen und strafen, was nach unseren Gedanken unheilig ist. Gottes Urteil und Gottes Gericht ist immer ausgewogen und verletzt weder seine Heiligkeit noch seine Gnade. Daher sollten auch wir uns durch ein Herz der Gnade (nicht Toleranz) leiten lassen, wenn wir es mit Sünde oder mit Versagen zu tun haben, „wobei du auf dich selbst siehst, dass nicht auch du versucht werdest“ (Gal 6,1).

Falsche Grundsätze und menschliche Lösungen führen ins Verderben

Das Tragische dieser Geschichte in Richter 21 ist nun außerdem, dass wir hier erneut von einem Schwur lesen, der unnütz und zum Verderben war. Wie kam das Volk nur dazu, solche schlimmen Schwüre auszusprechen?

Eigene, gesetzliche Grundsätze, von denen man nicht abrücken will, sind immer zum Schaden. Wie gesagt – das Verhalten der Leute von Jabes-Gilead ist unentschuldbar. Muss man dazu aber die ganze Familie, ja, alle Einwohner töten und umbringen? Gewiss, Gericht war erneut nötig, aber nach Gottes Maß.

Darüber hinaus sehen wir, dass dieses Gericht an Jabes-Gilead von der Überlegung geleitet ist, wie man den Stamm Benjamin doch noch retten könnte, obwohl nach dem ersten Schwur keiner seine eigene Tochter einem Benjaminiter zur Frau geben sollte. Nun wollte man mit List einen Ausweg finden, indem ein weiterer Volksteil, der Unrecht auf sich geladen hatte, getötet werden sollte, mit Ausnahme der Mädchen, die als Frauen für die Benjaminiter in Frage kamen.

Taktik und menschliche Überlegungen sind noch nie ein guter Ratgeber gewesen, wenn es um geistliche Entscheidungen geht. Solche Entschlüsse basieren auf menschlicher Schlauheit und haben den Mangel, dass man auf die Weisung von oben verzichtet. Sie übersehen, dass der Herr in göttlicher Gerechtigkeit alles beurteilt.

Denn man hätte – wie man meinte – den eigenen Schwur nicht gebrochen, sondern durch die Hintertür eine glänzende Lösung gefunden. Aber jede Lösung ohne Gott ist eine falsche Lösung, selbst wenn sie logisch und klug erscheint.

Es ist im Übrigen unaufrichtig und geradezu anmaßend, die Schuld einer bestimmten Gruppe von Gläubigen zum Anlass zu nehmen, Zucht zu üben, dabei in Wirklichkeit aber die eigene Rechtfertigung bzw. eigene Ziele zu verfolgen. Damit kann sich Gott niemals einsmachen.

Fehler führen zu weiteren Fehlern (21,10)

Da sandte die Gemeinde 12.000 Mann von den tapferen Männern dorthin, und sie geboten ihnen und sprachen: Geht hin und schlagt die Bewohner von Jabes-Gilead mit der Schärfe des Schwertes, auch die Frauen und die kleinen Kinder! (21,10).

12.000 Männer wurden nun nach Jabes-Gilead geschickt, um alle Einwohner bis auf die Frauen, die noch keinen Mann gehabt hatten, umzubringen. Zunächst fragt man sich hier erneut, warum eigentlich Gott nicht befragt wurde. Hatten sie nicht gerade noch Opfer gebracht? Vielleicht hätte sich das Volk dann eingestehen müssen, dass der eigene Schwur ein großer Fehler gewesen war. Wollte man das wohl vermeiden?

Wie leicht geht es auch uns so, dass wir vergessen, zunächst das Wort Gottes und den Mund Gottes zu befragen, bevor wir andere, eigene Wege suchen. Er hätte – daran wollen wir nicht zweifeln – in seiner Weisheit einen Ausweg gefunden. Aber wir können ebenso sicher sein, dass dies eine erneute Demütigung des Volkes verursachte.

Und – wie gesagt – hatte man „vergessen“, Jabes-Gilead überhaupt erst einmal zu befragen, warum von dort niemand gekommen war. Zugleich vertraute das Volk wieder auf die eigene Stärke. Sicher dachte man, dass 12.000 Kriegsleute wohl ausreichen würden, um diese Stadt zu besiegen. Im Verhältnis zur Anzahl der Bewohner von Jabes-Gilead war das Verhältnis wohl noch eindrucksvoller als im Kampf gegen Benjamin. Aber war es nicht wieder ein eigenmächtiges Handeln, indem man die eigene Kraft für ausreichend einstufte? Anders kann man nicht verstehen, dass das Volk ohne Befragen Gottes genau 12.000 Männer für angemessen hielt. Wieder erinnern wir uns an den Kampf gegen Ai (Ri 7).

Dann finden wir wieder diese unnachgiebige Härte des menschlichen Herzens. Erneut übertritt das Volk das Gebot des Herrn, kein Kind um der Eltern willen zu töten. So wird aus dieser vermeintlichen Sache des Herrn letztlich ein Morden, das seine Zustimmung nicht finden kann. Das menschliche, natürliche Herz ist zwar erfinderisch, da es aber nicht durch den Geist Gottes geleitet wird, sind seine Erfindungen unnütz und böse.

Gott sucht ausgewogene Maßstäbe (21,11.12)

„Und dies ist es, was ihr tun sollt: Alle Männlichen und alle Frauen, die den Beischlaf eines Mannes gekannt haben, sollt ihr verbannen. Und sie fanden unter den Bewohnern von Jabes-Gilead 400 Mädchen, Jungfrauen, die keinen Mann im Beischlaf erkannt hatten; und sie brachten sie ins Lager nach Silo, das im Land Kanaan ist“ (21,11.12).

Es stellt sich die Frage, mit welcher Begründung hier in Jabes-Gilead unverheiratete Frauen und Mädchen verschont werden durften, nicht aber im Kampf gegen Benjamin. Hierdurch wird erneut deutlich, dass das Volk – je nachdem, ob es den jeweiligen Zielen diente – mit eigenen und ungleichen Maßstäben arbeitete. „Du sollst nicht zweierlei Gewichtssteine in deinem Beutel haben, einen großen und einen kleinen... Vollen und gerechten Gewichtsstein sollst du haben... Denn ein Gräuel für den Herrn, deinen Gott, ist jeder, der dies tut, jeder, der unrecht tut“ (5. Mo 25,13–16). Allein die Anwendung unterschiedlicher Maßstäbe zeigt schon, wie verderbt die Überlegungen des Volkes auch in diesem Fall waren.

Natürlich muss sich auch jeder Christ heute fragen, ob er immer den gleichen, gültigen Maßstab anwendet. Es geschieht leicht, bei solchen, die auf der einen Seite abweichen, andere Maßstäbe anzuwenden als bei solchen, die auf der anderen Seite abweichen. Ausschlaggebend für das Ausmaß des Urteils und der Zucht ist dann häufig, zu welcher Seite man selbst neigt. Gott hasst dieses Übel, auch bei Gläubigen. Er wird nur dann geehrt, wenn man den ausgewogenen Maßstab seines Wortes an alles anlegt, was es zu beurteilen gilt. 6

Das Ergebnis dieser Aktion war nun, dass das Volk 400 Mädchen auftreiben konnte, die man den Benjaminitern als Frauen gab. Hatte man damit aber den eigenen Schwur („Niemand von uns soll seine Tochter den Benjaminitern zur Frau geben“) wirklich nicht gebrochen? Nur auf den ersten Blick; denn da alle bis auf die 400 Mädchen getötet worden waren, gab es in der Tat keinen Vater und keine Mutter mehr, die ihr Kind einem Benjaminiter gab. Doch gehörten diese Mädchen zum Volk Gottes. Sie waren doch nicht Menschen zweiter Klasse – und als solche wurden sie auch von Gott gezählt, gerade so, als wenn ihre Eltern oder Anverwandten sie den Benjaminitern zur Frau gegeben hätten.

Dadurch, dass diese Anzahl nicht für die Benjaminiter ausreichte, zeigte Gott auch, dass jeder menschliche Erfindungsgeist nicht ausreicht, um derartige Probleme zu lösen. Wann immer der Mensch meint, eine Sache in die eigenen Hände nehmen zu können, wird er Schiffbruch erleiden – oder zu weiteren fleischlichen Listen greifen (müssen), wie in diesem Fall. Das Vertrauen auf Gott, innere Demütigung und das Schreien zu Ihm hätte sicher eine Lösung ermöglicht, auch wenn die Ursache für diese Situation das Versagen und Sündigen des Volkes war.

Gnade ohne den Herrn geübt (21,13.14)

„Und die ganze Gemeinde sandte hin und redete zu den Kindern Benjamin, die am Felsen Rimmon waren, und bot ihnen Frieden an. Und Benjamin kehrte in jener Zeit zurück; und sie gaben ihnen die Frauen, die sie hatten leben lassen, von den Frauen von Jabes-Gilead; aber sie fanden so nicht genug für sie“ (21,13.14).

Wir sehen nun, wie das Volk die Benjaminiter aus ihrem Felsenversteck freiließ. Wieder fragten sie nicht Gott um Rat, sondern handelten einfach. Wir lesen auch kein Wort von einer Demütigung und einem Bekenntnis der Benjaminiter. Es sind dieselben geblieben, die wegen ihrer Bosheit zuvor bekämpft worden waren, und jetzt durften sie frei ausgehen. Das steht im Gegensatz zum Handeln Gottes. Denn wo finden wir hier ein Opfer oder eine Genugtuung für Gott? Wenn Er Gnade übt, dann nie auf Kosten der Gerechtigkeit oder der Wahrheit, sondern immer in Übereinstimmung mit derselben. Auch davon dürfen wir lernen.

Weil das Volk nicht in Übereinstimmung mit der Gerechtigkeit Gottes handelte, waren sie nun gezwungen zuzugeben: „Aber sie fanden so nicht genug für sie.“ Es fehlten noch Frauen. Was war also zu tun?

Gott muss immer wieder befragt werden (21,15–22)

„Und dem Volk tat es Leid um Benjamin, weil der Herr einen Riss gemacht hatte in den Stämmen Israels. Und die Ältesten der Gemeinde sprachen: Was sollen wir den Übriggebliebenen tun bezüglich der Frauen? Denn die Frauen sind aus Benjamin vertilgt. Und sie sprachen: Ein Besitztum soll sein für die Entronnenen von Benjamin, damit nicht ein Stamm aus Israel ausgetilgt werde. Wir aber, wir können ihnen keine Frauen von unseren Töchtern geben; denn die Kinder Israel haben geschworen und gesagt: Verflucht sei, wer den Benjaminitern eine Frau gibt! Und sie sprachen: Siehe, ein Fest des Herrn ist Jahr für Jahr in Silo, das nördlich von Bethel liegt, gegen Sonnenaufgang von der Landstraße, die von Bethel nach Sichem hinaufgeht, und südlich von Lebona. Und sie geboten den Kindern Benjamin und sprachen: Geht hin und lauert in den Weinbergen; und gebt Acht, und siehe, wenn die Töchter von Silo herausziehen zum Reigentanz, so kommt hervor aus den Weinbergen und raubt euch unter den Töchtern von Silo jeder seine Frau, und zieht hin in das Land Benjamin. Und es soll geschehen, wenn ihre Väter oder ihre Brüder kommen, um mit uns zu streiten, so wollen wir ihnen sagen: Gewährt sie uns! Denn wir haben nicht jeder seine Frau im Kampf empfangen; denn nicht ihr habt sie ihnen gegeben, dass ihr jetzt schuldig wäret“ (21,15–22).

Was sollte das Volk tun, um die verfahrene Situation zu lösen? Man möchte eigentlich erneut darauf hinweisen: Gott befragen! Aber wieder lesen wir nur, dass sich das Volk Gedanken macht, wie es den Schwur umgehen, zugleich jedoch das Fortbestehen des Stammes Benjamin sicherstellen könnte. Formal wollte man richtig handeln – ob man auch dem Geist nach den Schwur einhielt, war zweitrangig. So legte man fest, dass sich die Benjaminiter anlässlich des Laubhüttenfestes, wenn das ganze Volk nach Silo kommen würde, Mädchen rauben und sich zur Frau nehmen dürften. „Denn die Kinder Israel haben geschworen und gesagt: Verflucht sei, wer den Benjaminitern eine Frau gibt!“ (Vers 18).

Genau genommen verfluchten sie sich damit selbst. Denn einerseits hatten sie genau das mit den ersten 400 Mädchen getan. Andererseits war ihr eigener Plan, den Benjaminitern zwar keine Frau zu geben, diese sich aber Frauen aus Israel nehmen konnten, der untaugliche Versuch, ihrem eigenen Schwur zu entgehen. Die Verantwortung blieb eindeutig bei dem Volk, das durch die Abmachung sozusagen diese Frauen den Benjaminitern geben würde.

Was auf diesem Weg noch einmal vermieden und sogar verhindert wurde, waren Demütigung und Buße bei den Benjaminitern. Wenn das menschliche Herz und Denken im Vordergrund steht, fehlt beides.

Es gibt Hoffnung

Die Bedeutung des hier angesprochenen Laubhüttenfestes macht deutlich, dass es noch Hoffnung für das Volk Israel gab. Das Laubhüttenfest spricht prophetisch davon, dass auch für das Volk Israel einmal eine Zeit anbrechen wird, die durch und durch von Freude gekennzeichnet ist. Wenn das Volk auch durch viel Trübsal und Schrecknisse hindurchgehen muss, so steht doch schon jetzt fest, dass bald die Zeit des 1000-jährigen Königreiches anbrechen wird, in dem für alle Israeliten ungeteilte Freude in dem Genuss des Messias und der irdischen Segnungen Gottes liegen wird.

Wir als Christen warten auf das Wiederkommen unseres Retters. Das wird vor dem Friedensreich sein (vgl. 1. Thes 4,13–5,11). Wenn wir bei Christus sein werden, werden wir nur noch vollkommene Freude erleben und genießen. Auf diesen Augenblick warten wir mit Sehnsucht – es ist die christliche Hoffnung!

Als Gläubige der Gnadenzeit dürfen wir eine solche Freude jedoch schon vorweg heute genießen. Bereits während unseres Lebens hier auf der Erde dürfen wir im Sinne der Schriften des Johannes „völlige Freude“ (Joh 15,11; 16,24; 17,13; 1. Joh 1,4) erleben, nämlich den Genuss der Gemeinschaft mit dem Vater und seinem Sohn, Jesus Christus, und auch der Gemeinschaft untereinander. Der Herr wünscht, dass wir schon heute freudige Christen sind, die seinen Frieden kennen und genießen und in diesem Bewusstsein leben. Schon der Psalmist sagt: „Du hast Freude in mein Herz gegeben, mehr als zur Zeit, als es viel Korn und Most gab“ (Ps 4,8).

Gott ist immer noch langmütig (21,23.24)

„Und die Kinder Benjamin taten so und nahmen sich Frauen, nach ihrer Zahl, von den Tänzerinnen, die sie raubten. Und sie zogen fort und kehrten in ihr Erbteil zurück; und sie bauten die Städte wieder auf und wohnten darin. Und die Kinder Israel zogen in jener Zeit von dort weg, jeder zu seinem Stamm und zu seiner Familie; und sie zogen von dort weg, jeder in sein Erbteil“ (21,23.24).

Der Plan des Volkes wurde in die Tat umgesetzt. Es ist erstaunlich, dass Gott diesem Ansinnen ohne Gericht zuschaute und nicht eingriff, um seine Rechte zu verteidigen. Gott schwieg zu diesen letzten Geschehnissen und Überlegungen des Volkes. Wir können das wohl nur damit erklären, dass die Zeit von moralischer Dunkelheit geprägt war und im letzten Vers des Buches mit den Worten beurteilt wird: „Jeder tat, was recht war in seinen Augen.“ Offenbar „harrte die Langmut Gottes“ wie in den Tagen Noahs (vgl. 1. Pet 3,20). Man wird ein wenig an das Schweigen Gottes in den letzten ca. 400 Jahren vor dem Kommen des Herrn Jesus auf diese Erde erinnert, als nach dem Propheten Maleachi die Stimme des Herrn fast nicht mehr erscholl – bis auf Ausnahmen, wie die Prophetin Anna. Gott schwieg offensichtlich zu diesen menschlichen Gedanken und zum Eigenwillen des Volkes.

Hier nun lesen wir, dass das ganze Volk mit diesem „intelligenten“ Plan einverstanden und zufrieden war, so dass sich alle nach Hause begeben konnten. Hier, wo es doch darum ging, die Gedanken des Herrn aufrechtzuerhalten und gemäß seinen Vorschriften zu handeln – und das ganze Volk handelt letztlich diesen Gedanken entgegen – ging jeder nach Hause, anstatt für die Ehre des Herrn einzutreten.

Es besteht auch heute die Gefahr, dass wir geistlich so abstumpfen, dass uns nicht mehr bewusst ist, wie der Herr verunehrt wird, wenn wir nicht nach seinen Gedanken bei Problemen handeln, die in örtlichen Versammlungen vorkommen. Wenn man nicht mehr nach seiner Führung fragt und das Wort Gottes als Grundlage des Handelns verwendet, kann es auch bei uns vorkommen, dass wir uns „in Ruhe nach Hause begeben können“, ohne noch einmal darüber nachzudenken, was eigentlich im Hinblick auf die Verunehrung Gottes vorgefallen ist. In solchen Zeiten und bei derartigen Fragen ist es angebracht, sich keine Ruhe zu gönnen, bis man den Willen des Herrn erkannt hat.

Rückblickend sehen wir sehr deutlich, dass es dem Volk im Gericht über Gibea durchaus nicht in erster Linie um die Ehre des Herrn, sondern um eigene Wertmaßstäbe und Vorstellungen ging. Das jedoch ist nicht mit den Gedanken des Herrn in Übereinstimmung. Es ginge zu weit, dem Volk böse Absicht zu unterstellen! Doch war es mehr als Unkenntnis – zumindest ein geistlich schlechter Zustand, Trägheit in der Beschäftigung mit dem Wort Gottes und teilweise auch Egoismus.

Jeder tat, was recht war in seinen Augen (21,25)

„In jenen Tagen war kein König in Israel; jeder tat, was recht war in seinen Augen“ (21,25).

Das sind im übertragenen Sinn die Tage, in denen wir leben. Jeder tut, was er für richtig hält. Es gibt keinen auf der Erde lebenden und damit sichtbaren Herrn, der öffentlich über diese Erde regiert. Daher meinen die meisten Menschen – ob auch Gläubige dazu gehören? – dass sie tun und lassen könnten, was sie wollen. Wenn man keinen Herrn anerkennt, gibt es niemanden, dessen Rechte man beachten muss, dann muss man auch niemandem Rechenschaft ablegen, sondern jeder tut, was „in seinen Augen recht ist“.

Der Gläubige weiß, dass er durch den Retter, Jesus Christus, nicht nur errettet worden ist von dem kommenden Zorn, sondern dass dieser Retter zugleich auch zum Herrn geworden ist, dass Er sein Herr ist. Seinem Herrn gehorcht man, Ihm ist man Rechenschaft schuldig, Er kann gebieten.

Gemeinsame Treue setzt persönliche Treue voraus

Leider aber gibt es auch heute viele Christen, die nach ihrer Bekehrung das tun, was sie selbst für richtig halten. Wir alle stehen in dieser Gefahr! Aber der Herr Jesus erwartet Treue im Gehorsam seinem Wort gegenüber. Gerade wenn wir an das Zusammenkommen von Gläubigen denken, haben wir zu beachten, dass gemeinsame Treue immer persönliche Treue voraussetzt. Nur wenn ich persönlich in Abhängigkeit von meinem Herrn lebe, kann ich dies auch zusammen mit anderen Geschwistern tun. 2. Timotheus 2 macht sehr deutlich, dass ein Gläubiger sich zunächst in seinem persönlichen Leben von allem Bösen und Unreinen getrennt haben muss (Vers 19), bevor er zusammen mit anderen den Herrn aus reinem Herzen anrufen kann (Verse 21.22).

Genauso wie nur persönliche Treue zu gemeinsamer Treue führen kann, führt letztlich auch eine persönliche unabhängige Haltung zu einer gemeinsamer Haltung der Unabhängigkeit. Oder anders ausgedrückt: Wenn ein Gläubiger meint, er sei in seinem persönlichen Leben frei für alles Mögliche – das ist nichts anderes als Weltlichkeit oder Weltförmigkeit – dann beeinflusst seine Haltung meist auch andere Geschwister; und schließlich braucht man sich nicht zu wundern, wenn diese Haltung die ganze Versammlung kennzeichnet und dann auch ihr Verhalten anderen Versammlungen gegenüber bestimmt. Wie vorsichtig und umsichtig sollten wir deshalb handeln und reden!

Israel war nach den Gedanken Gottes ein Volk, das einheitlich, nach Gottes Gedanken handeln sollte. So wäre die Einheit des Volkes zum Ausdruck gekommen. Stattdessen aber handelten Einzelne, wie sie persönlich dachten; diese persönliche Unabhängigkeit wurde sozusagen die Voraussetzung dafür, dass auch das ganze Volk im Buch der Richter immer wieder von dem Weg des Herrn und von seiner Nähe abkam.

Unabhängig zu handeln ist eine Leugnung der Einheit, die mit dem himmlischen Haupt, dem Herrn Jesus Christus im Himmel, verbindet, jeden persönlich, aber auch alle gemeinsam, denn wir alle sind von unserem Haupt abhängig und unmittelbar mit Ihm verbunden.

Das gilt bis heute. Nur dann, wenn wir persönlich gehorsam sind, können wir es auch gemeinsam sein. Beides (!) sucht der Herr Jesus unter den Gläubigen.

Wenn sich Gläubige, die für sich in Anspruch nehmen, geistlich zu sein und auf der Grundlage der Schrift zu handeln, in der folgenden Weise zu einem Versammlungsproblem äußern: „Ich habe die und die Sache vor meinem Herrn erwogen und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass...“, so ist größte Vorsicht geboten. Denn manchmal ist es merkwürdig, dass sich dieses Ergebnis als Widerspruch zu der offenbarten Wahrheit der Schrift erweist, wenn zum Beispiel eine Reihe von Brüdern in Übereinstimmung mit den örtlichen Versammlungen, in denen sie leben, zu einem anderen Ergebnis gekommen sind. Man darf sicherlich nicht ausschließen, dass ein solches Urteil von Brüdern falsch sein kann. Wer aber dann einfach anders handelt, übersieht den biblischen Grundsatz der Einheit der Versammlung.

Darüber hinaus bleibt es natürlich wahr, dass jeder von uns seinem Herrn persönlich verantwortlich ist und bleibt. Auffällig ist, dass gerade in einer Zeit, in der sich Niedergang und Untreue zeigen, diese persönliche Verantwortung vor dem Herrn oft so besonders betont wird.

Das zeigt, dass die „persönliche Verantwortung“ als Vorwand benutzt werden kann, um persönlich selbstständig, das heißt unabhängig von anderen Versammlungen, zu handeln, und zuweilen dazu dient, dies zu verbergen. Wir sollten uns zur Ehrlichkeit uns selbst gegenüber ermahnen. Nur diese führt zu wahrer Einsicht. Wir wollen und dürfen niemandem unterstellen, unabhängig handeln zu wollen. Aber wir wollen bereit sein, uns selbst zu prüfen, ob wir nicht doch „unser eigener Herr“ sein wollen, das tun wollen, was in unseren eigenen Augen recht erscheint. Das ist das allgemeine Kennzeichen unserer Zeit des Egoismus. Auch auf Gläubige färbt es leicht ab.

Aber es ist wahr: Als Diener und Christen sind wir unserem persönlichen Herrn verantwortlich. Einzeln werden wir vor seinem Richterstuhl (2. Kor 5,10) erscheinen und offenbar werden und von Ihm Lohn erhalten. Er möchte zu jedem von uns sagen können: „Wohl, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh ein in die Freude deines Herrn“ (Mt 25,21.23). Es wird seine Freude sein, denen, die Ihm treu gedient haben, aus seiner Fülle des Segens zu geben.

Fußnoten

  • 1 Lernen wir nicht auch aus dem Schwur des Königs Herodes, der später den Kopf von Johannes dem Täufer fordern würde, dass solche unbedachten Aussprüche nicht mit den Gedanken des Herrn in Einklang zu bringen sind? Der Stolz des Menschen führt leicht dazu, „Vorsätze“ nicht aufzugeben, auch wenn es angebracht und in Übereinstimmung mit dem Wort Gottes wäre, dies zu tun: Grundsätzlich aber ist es beim Aufgeben eines solchen Vorsatzes nötig, Buße zu tun.
  • 2 Es ist interessant, die weitere Geschichte von Jabes-Gilead zu verfolgen, soweit sie uns in der Bibel mitgeteilt wird. Die nächste Erwähnung von Jabes-Gilead finden wir in 1. Samuel 11 in der Geschichte Sauls. Hier belagern die Ammoniter diesen Teil Israels. Und auch da ist Jabes-Gilead nicht ein entschiedener Feind der Feinde des Herrn. Vielmehr sind sie bereit, einen Bund mit den Ammonitern zu machen und diesen zu dienen. Wie leicht ist das Volk Gottes damals bereit gewesen, selbst Diener der Welt zu sein, anstatt, wie der Herr es befohlen hatte, sich die Völker untertan zu machen. An dieser Stelle der Geschichte findet der Herr jedoch einen Saul, dessen Zorn angesichts der traurigen Umstände entbrannte, so dass das Volk tatsächlich noch einmal „wie ein Mann“ (Vers 7) gegen den Feind auftrat, ihn besiegte und somit Jabes-Gilead vor einem Frondienst bewahrte. In 1. Samuel 31,11–13 lesen wir dann eine zu Herzen gehende Geschichte über die Bewohner von Jabes-Gilead. Nachdem Saul im Kampf zusammen mit Jonathan gestorben und von den Philistern enthauptet worden war, waren es die Bewohner von Jabes-Gilead, die dem Mann, der sie damals gerettet hatte, einen letzten Dienst erwiesen, indem sie ihn und seine Söhne begruben. Wenn wir auch in Saul kein Bild von dem Herrn Jesus sehen können, so dürfen wir doch die Dankbarkeit dieser Männer schätzen, die ihr Leben für einen „Toten“ auf das Spiel setzten. Jedenfalls sollten wir angesichts einer solch großen Rettung, die uns durch das Werk des Herrn Jesus geschaffen worden ist, unseren Dank durch ein Ihm hingegebenes Leben zum Ausdruck bringen. Tatsächlich finden wir dann auch in 2. Samuel 2,5.6, dass David diese Hingabe der Männer aus Jabes-Gilead so sehr schätzt, dass er die Bewohner in besonderer Weise segnet. „Und so erweise nun der Herr Güte und Treue an euch; und auch ich will euch dieses Gute vergelten, weil ihr diese Sache getan habt.“ So vergilt der Herr jedem, der sich Ihm hingibt. Es gibt also immer die Möglichkeit der Umkehr. Zudem schließt ja Neutralität in Versammlungsfragen persönliche Hingabe, die vom Herrn immer geschätzt wird, nicht aus. Schließlich wird Jabes-Gilead noch einmal in 2. Samuel 21,12 erwähnt, wo sich die Geschichte von Jabes-Gilead mit der von Gibea auf bemerkenswerte Weise verbindet. Auch dort bezieht sich der Schreiber auf die Handlung der Einwohner von Jabes-Gilead, die Saul beerdigt hatten. Dort in Verbindung mit dem Versagen Davids, der die Sünde Sauls – dieser hatte trotz des Bundes, den Josua mit den Gibeonitern nach Josua 9 geschlossen hatte, diese töten lassen – in einer menschlichen Art und Weise, ohne Gott zu befragen, sühnen ließ. Auch hier trifft zu, was wir schon in Richter 20 gesehen haben, dass Kinder um der Sünde der Eltern willen sterben mussten, im Widerspruch zu den Anweisungen Gottes (5. Mo 24,16).
  • 3 Im Gegensatz zu einem neutralen Standpunkt steht der ausgewogene Standpunkt – wie ich ihn bezeichnen möchte. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass man weder zur Linken noch zur Rechten abweicht, dass man weder die weltlich-gesetzliche noch die weltlich–lasche und weltlich-gesetzlose Haltung akzeptiert. Solche Geschwister lehnen eine unbiblische Haltung der Unabhängigkeit genauso ab wie die ebenfalls unbiblische des Zentralismus, bei der von einer Person, einer Stelle oder einer kleinen Anzahl von Menschen das Handeln der anderen vorgeschrieben wird. Ausgewogenheit bedeutet auch, in einer gottesfürchtigen Gesinnung der Demut, Sanftmut, Milde und Langmut zu handeln. Diese Geschwister bewahren den Gedanken der Einheit des Leibes bzw. des Geistes (Eph 4,4) in ihrem Herzen, um ihn in einer Gesinnung der Demut (Eph 4,1–3) zu verwirklichen in der Trennung vom Bösen (2. Tim 2,2), zusammen mit denen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen (2. Tim 2,22). Das erwartet der Herr von uns in der heutigen Zeit.
  • 4 Wir wollen in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen, dass die Bibel von einem „Versammlungsbeschluss“ in Verbindung mit dem Binden und Lösen, dem Aufnehmen und Ausschließen spricht (Mt 18,18.19; vgl. 1. Kor 5,13). Die Kompetenz einer Versammlung liegt in ihrem örtlichen Bereich – darüber geht sie nicht hinaus! Das heißt aber nicht, dass beispielsweise Stellungnahmen von Brüdern in Übereinstimmung mit ihren örtlichen Zusammenkommen keine Relevanz hätten. Sie bekommen ihre Autorität durch ihre deutlich biblische Fundierung und Begründung. Das treue Bewahren der Einheit des Geistes ist unmöglich, wenn man (auf Dauer) im Gegensatz zu solchen Stellungnahmen handeln würde, in denen auf biblisch fundierte Weise das (An-) Erkennen oder der Abbruch der praktischen Gemeinschaft am Tisch des Herrn bekannt gemacht wird. Einheit ist nicht Einheitlichkeit, wohl aber das gemeinsame Handeln auf biblischer Grundlage.
  • 5 Es ist nützlich, als Bibelleser immer zu berücksichtigen, wo der Standpunkt des Schreibers/Redenden ist, wenn es um diesseits und jenseits des Jordan geht. Während der Wüstenreise war „jenseits“ im Land Kanaan/Israel. Nachdem das Volk den Jordan überquert hatte, war „jenseits“ die Wüstenseite.
  • 6 Dieser gleiche Maßstab gilt im Übrigen auch für die Beurteilung von Personen, die gerne am Brotbrechen teilnehmen wollen. Es ist unbiblisch, an sie höhere Maßstäbe in Bezug auf ihr persönliches Christentum anzulegen als an solche, die bereits am Gedächtnismahl des Herrn teilhaben. Wir nehmen Gläubige auf, weil sie als Gläubige Teil des „einen Leibes“ sind – es sei denn, dass sie durch Böses in seiner unterschiedlichen Ausprägung (moralisch, lehrmäßig, Verbindungen) verunreinigt sind. Weitere Bedingungen kennt die Schrift nicht.
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