Betrachtungen über das vierte Buch Mose

Die Rache des HERRN an Midian

Betrachtungen über das vierte Buch Mose

Dieses Kapitel zeigt gewissermaßen die Schlussszene des öffentlichen Lebens Moses, während wir in 5. Mose 34 den Abschluss seiner persönlichen Geschichte finden. „Und der HERR redete zu Mose und sprach: Übe Rache für die Kinder Israel an den Midianitern; danach sollst du zu deinen Völkern versammelt werden. Und Mose redete zum Volk und sprach: Rüstet von euch Männer zum Heer aus, damit sie gegen Midian ziehen, um die Rache des HERRN an Midian auszuführen. Je 1000 vom Stamm, von allen Stämmen Israels, sollt ihr zum Heere aussenden. Und es wurden aus den Tausenden Israels 1000 von jedem Stamm ausgewählt: 12000 zum Heer Gerüstete. Und Mose sandte sie, 1000 von jedem Stamm, zum Heer aus, sie und Pinehas, den Sohn Eleasars, des Priesters, zum Heer; und die heiligen Geräte und die Trompeten zum Lärmblasen waren in seiner Hand. Und sie führten Krieg gegen Midian, so wie der HERR dem Mose geboten hatte, und töteten alles Männliche“ (V. 1–7).

Das ist eine bemerkenswerte Stelle. Der HERR spricht zu Mose: „Übe Rache für die Kinder Israel an den Midianitern“, und Mose sagt zu Israel: „Führt die Rache des HERRN an Midian aus.“ Das Volk war durch die Ränke der Töchter Midians verführt worden. Nun wird es aufgefordert, sich von all der Befleckung zu reinigen, die es aus Mangel an Wachsamkeit über sich gebracht hatte. Das Schwert muss gegen Midian gezogen werden, und alle Beute muss entweder durch das Feuer des Gerichts oder durch das Wasser der Reinigung gehen. Selbst nicht eine Spur des Bösen darf ungerichtet bleiben.

Wir können diesen Krieg regelwidrig nennen. Eigentlich hätte das Volk keinen Anlass haben sollen, ihn überhaupt zu führen. Er gehörte nicht zu den Kriegen Kanaans, sondern war einfach die Folge ihrer Untreue, die Frucht ihres gottlosen Umgangs mit den Unbeschnittenen. Daher wird auch Josua, der Sohn Nuns, obwohl er als Nachfolger Moses zum Führer der Gemeinde bestimmt war, in diesem Krieg gar nicht erwähnt. Pinehas, dem Sohn Eleasars, des Priesters, wird die Führung des Kriegszuges übergeben, und er unternimmt ihn „mit den heiligen Geräten und den Trompeten“.

Alles das ist sehr charakteristisch. Der Priester ist die Hauptperson, und die heiligen Geräte sind die Hauptwerkzeuge. Es handelt sich für Israel darum, sich von der Befleckung zu reinigen, der es sich durch seine unheilige Verbindung mit dem Feind schuldig gemacht hatte. Darum steht statt eines Feldherrn mit Schwert und Speer ein Priester mit heiligen Geräten im Vordergrund. Wohl ist das Schwert da. Aber nicht dies, sondern der Priester mit den heiligen Geräten ist die Hauptsache, und dieser Priester ist derselbe Mann, der über das Böse, das hier gerächt werden sollte, zuerst Gericht geübt hatte.

Die Belehrung, die in diesem allem für uns liegt, ist klar und von praktischem Wert. Die Midianiter sind ein Bild von dem besonderen Einfluss, den die Welt auf die Herzen der Kinder Gottes ausübt, von der bezaubernden und verführerischen Macht der Welt, die Satan benutzt, um uns am Genuss unseres wahren, himmlischen Teils zu hindern. Israel hätte nichts mit den Midianitern zu tun haben sollen; aber nachdem es einmal in einem unbedachten Augenblick mit ihnen in Verbindung gekommen war, blieb nichts anderes übrig als Krieg gegen sie mit dem Ziel, sie völlig auszurotten.

Genauso ist es mit uns als Christen. Es ist unsere Aufgabe, als Fremde und als Pilger durch diese Welt zu gehen, mit der wir nichts anderes zu tun haben sollen als in ihr die geduldigen Zeugen der Gnade Christi zu sein und so in der uns umgebenden Finsternis als Lichter zu scheinen. Leider halten wir nur allzu oft diese scharfe Trennung nicht aufrecht. Wir lassen uns in Verbindungen mit der Welt ein und kommen dadurch in Unruhe und in Kämpfe, die eigentlich gar nicht unsere Aufgabe wären. Der Krieg mit Midian gehörte, wie gesagt, an sich nicht zu dem Werk Israels in der Wüste. Sie hatten diesen Krieg sich selbst zuzuschreiben. Gott aber ist gnädig. Daher wurden sie durch den besonderen priesterlichen Dienst in die Lage versetzt, nicht nur die Midianiter zu besiegen, sondern auch große Beute zu machen. Gott lässt in seiner unendlichen Güte aus dem Bösen Gutes erwachsen. Doch das Böse musste völlig gerichtet werden. „Alles Männliche“ musste getötet, die dem Bösen innewohnende Kraft musste vollständig zerstört werden. Danach aber hatten das Feuer des Gerichts und das Wasser der Reinigung ihr Werk an der Beute zu tun, bevor Gott oder sein Volk auch nur ein Stäubchen davon anrühren konnten.

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