Einführende Vorträge zum Lukasevangelium

Kapitel 15

Einführende Vorträge zum Lukasevangelium

Darauf folgt eine tiefgründige und liebliche Entfaltung der Gnade. Am Ende des vorigen Kapitels wurde offengelegt, wie unmöglich es für einen Menschen im Fleisch ist, ein Jünger zu sein. Das war dort die große Lektion. Hier finden wir die andere Seite der Gnade. Wenn jeder Versuch eines Menschen, ein Jünger zu werden, fehlschlägt – wie macht Gott dann Jünger? So wird die Güte Gottes gegen Sünder auf dreierlei Weise herausgestellt. Als erstes geht der gute Hirte dem irrenden Schaf nach. Das verdeutlicht ganz klar die Gnade, wie sie sich in Christus, dem Sohn des Menschen, zeigte, der gekommen war, um das Verlorene zu suchen und zu erretten.

Das nächste Gleichnis spricht nicht vom Sohn, der die ganze Last trägt: Es gibt nur einen Heiland, nämlich Christus. Auch der Geist Gottes hat sein Teil, und zwar ein sehr gesegnetes Teil, bei der Errettung einer Seele, die zu Gott gebracht wird. Wir sehen in der ersten Darstellung weder den  guten Hirten, der sein Leben lässt (Joh 10, 11), noch den  großen Hirten (Heb 13, 20), der durch das Blut des ewigen Bundes aus den Toten wiedergebracht wurde. Dafür zeigt Lukas, wie Er das verlorene Schaf findet, auf seine Schulter legt und sich freut. Nun erblicken wir das Bild einer Frau, die eine Lampe anzündet, das Haus fegt und die sorgfältigste Mühe aufwendet, bis der verlorene Gegenstand gefunden ist. Stimmt das nicht in bemerkenswerter Harmonie mit der Wirksamkeit des Heiligen Geistes in der Seele eines Sünders überein? Ich bezweifle nicht, dass wir dies in der Tätigkeit der Frau sehen dürfen, denn hier steht nicht der sozusagen öffentlich Handelnde im Vordergrund, welcher immer Christus, der Sohn, ist. Der Geist Gottes entfaltet vielmehr seine machtvolle Tätigkeit im vergleichsweise Verborgenen, obwohl die Auswirkungen sichtbar werden. Der Geist handelt nicht als eine Person von außen. Dies wird demnach äußerst passend durch eine Frau im Inneren ihres Hauses dargestellt. Sie symbolisiert den Geist Gottes, der im Inneren wirkt, und seine vertrauliche und erforschende geheime Wirksamkeit an der Seele. Allerdings darf auch die Lampe des Wortes Gottes nicht fehlen. Muss ich wirklich darauf hinweisen, dass es der Geist Gottes ist, welcher das Wort als eine leuchtende Lampe auf den Menschen scheinen lässt? Nicht der Hirte zündet die Lampe an; stattdessen trägt Er das verirrte Schaf auf seiner Schulter. Wir erinnern uns vielleicht, dass (in Joh 1,9) das Wort Gottes, der Hirte, als das wahrhaftige Licht gesehen wird. In unserer Stelle wird jedoch eine Lampe angezündet, die man folglich nicht auf die Person Christi beziehen kann. Andererseits handelt der Geist Gottes genau in der beschriebenen Weise. Das Wort Gottes mag schon hundertmal gepredigt, die Bibel oft gelesen worden sein – im entscheidenden Augenblick strahlt dem Verlorenen Licht auf. Alles geschieht mit Sorgfalt. Wir wissen, wie sehr der Geist Gottes sich dazu herablässt und wie viel Mühe Er sich gibt, um das Wort Gottes ernstlich vor die Seele zu stellen und das Licht genau im richtigen Moment dort aufleuchten zu lassen, wo vorher alles dunkel war. Wir hören in diesem Gleichnis nicht, dass jemand aktiv von Gott weggeht. Die Lage wird viel schlimmer dargestellt: Das Verlorene ist ein lebloser Gegenstand. Dieses zweite ist das einzige Gleichnis von den dreien, welches das Verlorene nicht als ein lebendiges Wesen, sondern als tot beschreibt. Aus anderen Bibelstellen erfahren wir, dass beide Darstellungen richtig sind. Der Geist Gottes beschreibt den Sünder einmal als lebendig in dieser Welt, aber fern von Gott (Röm 3, 12), ein anderes Mal als tot in Vergehungen und Sünden (Eph 2, 1). Ohne diese beiden Sichtweisen könnten wir uns den Zustand eines Sünders nicht richtig vorstellen. Ein Gleichnis war nötig, um uns den Sünder zu zeigen, wie er in der Geschäftigkeit des Lebens von Gott weggeht. Das andere stellt uns den Sünder als tot in Übertretungen und Sünden vor. Genau das sehen wir hier. Das verlorene Schaf zeigt den einen Gesichtspunkt, das verlorene Geldstück den anderen.

Als Ergänzung war noch ein drittes Gleichnis nötig. Die Bilder von dem verirrten Schaf und dem verlorenen, unbeseelten Geldstück genügten nicht. Es mussten noch die sittliche Geschichte des Menschen in der Gottesferne und seine Rückkehr zu Gott vorgestellt werden. Deshalb betrachtet das Gleichnis vom verlorenen Sohn den Weg des Menschen seit Anbeginn. Es zeigt das erste Abweichen und den Verlauf und Charakter des Elends eines Sünders auf der Erde und endet mit seiner Buße und seinem endgültigen Frieden in der Gegenwart Gottes. Wenn Gott sich jedoch freut, dann macht der Mensch Einwände. Das Gleichnis trifft auf jeden Sünder zu. Mit anderen Worten: Falls ein wenig Sünde im Leben oder das Verlangen, von Gott unabhängig zu sein, geduldet wird, folgt in der Geschichte eines Menschen eine immer weiter fortschreitende Zunahme des Bösen. Ich glaube nicht, dass dieses Kapitel sich mit einem Kind Gottes beschäftigt, welches rückfällig geworden ist, obwohl natürlich hin und wieder ähnliche Grundsätze auf die Wiederherstellung einer Seele angewandt werden können. Letztere Anwendung wird gerne von jenen vertreten, die sich besser in der Lehre als in der Bibel auskennen. Dennoch gibt es klare und schwerwiegende Einwände, die gegen eine solche Auslegung des Kapitels sprechen. Zum einen passt diese Theorie nicht im Geringsten zu dem, was wir gerade in den Gleichnissen vom verlorenen Schaf und verlorenen Geldstück gesehen haben. Tatsächlich erscheint es mir unmöglich, die genannte Hypothese mit dem einfachen und wiederholten Ausdruck „verloren“  in Einklang zu bringen. Wer will behaupten, dass ein Gläubiger, wenn er vom Herrn abweicht, verloren ist? Erstaunlicherweise sind gerade diejenigen, welche diese Ansicht am entschiedensten ablehnen, am empfänglichsten für die Fehlauslegung. Ein Mensch, der zum Glauben kommt, ist ein verlorenes Schaf, das gefunden wurde. Er mag nicht gut wandeln, doch die Schrift betrachtet ihn später nie mehr als verlorenes Schaf. Dasselbe gilt für die verlorene Drachme und letztendlich für den verlorenen Sohn. Dieser war nicht in erster Linie ein untreuer Gläubiger. Er war nicht rückfällig, sondern „verloren“  und „tot“. Kann man diese starken Bilder auf einen Menschen anwenden, der durch den Glauben ein Kind Gottes geworden ist? Sie passen nur dann auf einen Menschen, wenn wir Adam und seine Söhne in einem gewissen Sinn als Kinder Gottes betrachten. So sagt der Apostel Paulus den Athenern, dass wir „sein [Gottes] Geschlecht“  sind (Apg 17, 28). Die Menschen sind Gottes Geschlecht, weil sie Seelen und moralische Verantwortung vor Gott haben und nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen sind (1. Mo 1,26). In dieser und anderer Hinsicht unterscheidet sich der Mensch vom Tier, welches nur ein lebendiges Geschöpf ist, das im Tod vergeht. Ein Tier hat natürlich einen Geist, sonst könnte es nicht leben; doch wenn es stirbt, fährt sein Geist wie sein Körper zur Erde hinab. Dagegen kehrt der Geist des Menschen, wenn er stirbt – egal, ob er errettet ist oder nicht – genauso zu Gott zurück, wie er von Gott kam. Es gibt – sei es zum Guten oder zum Bösen – einen unsterblichen Anteil im Geist des Menschen, der direkt und unmittelbar von Gott in seine Nase gehaucht wurde. Von den Evangelisten ist es vor allem Lukas, der den Menschen in diesem ernsten Licht sieht, und zwar nicht nur in seinem Evangelium, sondern auch in der Apostelgeschichte. Seine Darstellung steht in Verbindung mit dem großen sittlichen Platz, den er dem Menschen als Gegenstand der göttlichen Gnade einräumt. „Ein gewisser Mensch hatte zwei Söhne“ (V. 11). So betrachten wir den Menschen von seinen Ursprüngen an. Dann erkennen wir, wie er sich weiter und weiter von Gott entfernt, bis es zum Schlimmsten kommt. Dort findet die Gnade ihre Gelegenheit. Gott bringt ihm zum Bewusstsein – wenn auch vielleicht nicht sehr tief, dafür aber umso nachdrücklicher – wie groß seine Entfernung von Gott und wie schlimm seine Herabwürdigung, seine Sünde und sein Ruin geworden sind. Durch den Druck des Mangels, durch tiefes persönliches Elend wird er zu sich selbst gebracht; denn Gott lässt sich herab, in seiner Gnade jedes beliebige Mittel zu benutzen. Schande, Leiden und Jammer zeigen dem Sünder, dass er umkommt. Und zu welchem Zweck? Er blickt jetzt zu dem zurück, vor dem er weggelaufen ist. Die Gnade ruft in seinem Herzen die Überzeugung von der Güte Gottes und dem Bösen in ihm selbst hervor. Dies bewirkt Buße – Buße vor Gott. Er fällt nicht nur ein gewissenhaftes Urteil über sich selbst und sein damaliges Betragen, sondern übt auch durch Gottes Güte geleitet Selbstgericht vor Gott. Diese Güte führt ihn durch Glauben zu Gott zurück. „Ich will mich aufmachen“, sagt er dann, „und zu meinem Vater gehen, und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“ (V. 18).

Wir brauchen nicht länger bei diesem Abschnitt zu verweilen, welcher zweifellos den meisten von uns bekannt ist. Lasst uns noch hinzufügen, dass er offensichtlich die sittliche Menschheitsgeschichte beschreibt. Es gibt indessen noch eine andere Seite, und das sind die Wege Christi und die Gnade des Vaters für den zurückgekehrten verlorenen Sohn, und zwar in zwei Teilen. Zunächst sehen wir die Aufnahme des Verlorenen, danach die Freude und Liebe Gottes, des Vaters, sowie die Gemeinschaft des Sohnes mit Ihm, nachdem er aufgenommen wurde. Der Vater empfängt ihn mit offenen Armen und lässt das beste Kleid und alles, was seiner würdig ist, holen, um den verlorenen Sohn zu ehren. Später sehen wir ihn in der Gegenwart des Vaters. Dies stellt die Freude Gottes dar, welche alle Anwesenden mitreißt. Wir blicken hier nicht auf das, was wir im Himmel erleben werden. Es ist vielmehr ein Bild von dem Geist des Himmels, der hier auf der Erde in der Anbetung derer, die zu Gott gebracht worden sind, verwirklicht wird. Unsere eigenen Personen haben überhaupt keine Bedeutung, außer um das zu vergrößern, was die Gnade gibt und aus uns macht. Alles dreht sich um die herrliche Wirksamkeit der Person Christi und die Freude des Vaters. Diese bilden den Gegenstand und den Charakter der Gemeinschaft, welche dem Grundsatz nach christliche Anbetung ist.

Andererseits kann ein selbstgerechter Mensch die Freude der Gnade nicht ertragen. Er hat kein Herz für die Güte Gottes gegen die Verlorenen. Die Szene der freudevollen Gemeinschaft mit dem Vater reizt ihn zu einem hässlichen Widerstand gegen Gottes Wege und Willen. Denn genauso wenig, wie der verlorene Sohn einen Gläubigen, der von einem Fehltritt überrascht wurde, darstellt, verkörpert der zweite Sohn einen selbstgerechten Christen. In einem Gläubigen werden derartige Gefühle nicht erwartet, obwohl ich nicht leugne, dass die Gesetzlichkeit zu einem ähnlichen Verhalten führen kann. Wir lesen indessen von einem Mann, der nicht hereinkommen will. Jeder Erlöste ist zu Gott gebracht. Er mag vielleicht seine Vorrechte nicht völlig genießen oder verstehen, doch er hat ein lebhaftes Empfinden von seinem Zukurzkommen, fühlt sein Bedürfnis für göttliche Barmherzigkeit und erfreut sich daran, wenn sie anderen zuteil wird. Würde der Herr einen Gläubigen als außerhalb der Gegenwart Gottes stehend schildern? Demnach stellt der ältere Bruder hier zweifellos einen Menschen dar, der Jesus dafür verurteilt, dass Er mit Sündern isst. Das kennzeichnet insbesondere die Selbstgerechtigkeit der Juden, aber in Wirklichkeit eines jeden, der die Gnade leugnet.

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