Einführende Vorträge zum Lukasevangelium

Kapitel 21

Einführende Vorträge zum Lukasevangelium

Dann folgt, wenn auch kurz, das Urteil des Herrn über die Schriftgelehrten. Im Gegensatz zu ihrer selbstsüchtigen Heuchelei – „welche die Häuser der Witwen verschlingen und zum Schein lange Gebete halten“ – würdigt der Herr in dem Scherflein der Witwe wirkliche Hingabe. Markus stellt die Gabe als einen Dienst des Glaubens dar und erwähnt sie daher in seinem Evangelium des Dienstes (Mk 12, 41–44). Lukas beschreibt die Handlung als eine Frage des Herzenszustands und des Vertrauens auf Gott. Somit passt das Ereignis in beide Evangelien.

Sogar die Herzen der Jünger erwiesen sich immer noch als irdisch und jüdisch gesinnt. Doch der Herr stellte ihnen nicht die zukünftige Herrlichkeit und Schönheit der Stadt Jerusalem vor, sondern das Gericht, insbesondere das Gericht über den Tempel. Dabei finden wir Besonderheiten, welche die gewichtigen Unterschiede zwischen dieser Beschreibung des Gerichts über die Juden und Jerusalem und derjenigen von Matthäus (Kap. 24) bzw. Markus (Kap. 13) herausstellen. Beachten wir vor allem, dass der Herr Jesus ein sehr direktes und unmittelbares Bild von der Zerstörung Jerusalems gibt, so wie sie damals drohte! Matthäus übergeht die Vernichtung Jerusalems durch die Römer und richtet unsere Aufmerksamkeit auf das, was am Ende des Zeitalters geschehen wird. Letzteres beschreibt auch Lukas; jedenfalls schließt er mit dieser zukünftigen Krise. Doch die Hauptsache im zentralen Teil unseres Kapitels im Lukasevangelium besteht darin, die Zerstörung, die damals tatsächlich bevorstand, in Hinsicht auf Umstände und Zeit als völlig verschieden von dem Tag des Sohnes des Menschen darzustellen. Dies wird jedem ausreichend klar, der das Kapitel sorgfältig betrachtet. Jesus sagte: „Wenn ihr aber Jerusalem ... sehet“ (V. 20). Hier steht kein Wort vom „Gräuel der Verwüstung“ (Mt 24, 15), denn er gehört ausschließlich zu den letzten Tagen. „Wenn ihr aber Jerusalem von Heerscharen umzingelt sehet, alsdann erkennet, dass ihre Verwüstung nahe gekommen ist. Dass alsdann, die in Judäa sind, auf die Berge fliehen.“  Wir lesen kein Wort von der großen Drangsal, wie sie niemals vorher gewesen ist, seit es eine Zeit gibt. Es sind einfach „Tage der Rache“. „Dies sind Tage der Rache, dass alles erfüllt werde, was geschrieben steht“ (V. 22). Die Vergeltung ist zwar streng, aber keineswegs in irgendeiner Weise unvergleichbar. „Große Not wird in dem Lande sein und Zorn über dieses Volk“ (V. 23). Genauso war es seinerzeit. „Und sie werden fallen durch die Schärfe des Schwertes und gefangen weggeführt werden unter alle Nationen“ (V. 24). Das ist ein Tatsachenbericht von dem, was wirklich bis auf den Buchstaben bei der Einnahme Jerusalems durch die Römer unter Titus geschah. Die Beschreibung übertreibt demnach keineswegs. Der Vorwand von Kommentatoren, die schnell eine Übertreibung unterstellen, um ihre falsche Auslegung zu decken, wird somit abgewehrt. Auch beim Matthäusevangelium gestatte ich eine solche Falschauslegung nicht. Der einzige Grund, warum gelehrte Männer dem Matthäus Übertreibung vorwerfen, liegt darin, dass sie seine Prophetie vom Ende des Zeitalters auf das anwenden, was schon geschehen ist. Wir dürfen sicher sein: Wenn die letzten Tage da sind, werden jene zu spät lernen, dass es bei Gott und in seinem Wort keine Übertreibung gibt.

„Und Jerusalem wird zertreten werden von den Nationen, bis die Zeiten der Nationen erfüllt sein werden“ (V. 24). Nicht nur die Einnahme der Stadt und die Niedermetzelung und Gefangennahme des Volkes wird beschrieben, sondern auch ihre ständige Besetzung durch die Feinde. Diese erfolgt so lange, bis die Zeit, welche Gott den Nationen für ihre Oberherrschaft über Israel zugeteilt hat, vergangen ist. Jene Periode dauert jetzt noch an. 1 Jerusalem wurde, wie jeder weiß, Jahrhunderte lang – auch während des Mittelalters und der Zeit danach – von den Nationen zertreten. Dieser Vers scheint in besonderer Weise deshalb geschrieben worden zu sein, damit seine Vorhersage nicht auf die Zeit der Römer oder der vorherigen Weltmächte, bei Babylon anfangend, beschränkt werden kann. So sind zur jetzigen Zeit die Türken die wahren Besitzer des Landes. 2 Es ist wohlbekannt, dass Jerusalem sich in der Hand vieler Herrscher befunden hat, die hart mit den Juden umgegangen sind. Damit schließt der Herr diesen Gegenstand ab.

Als nächstes führt Er die letzten Tage ein. „Und es werden Zeichen sein an Sonne und Mond und Sternen“ (V. 25). Wir lesen nichts von diesen Dingen, wenn Er von der Belagerung und Einnahme der Stadt durch Titus spricht. Nach Abschluss der Oberherrschaft der Nichtjuden (was offensichtlich bisher noch nicht erfüllt ist) wird es Zeichen an Sonne, Mond und Sternen geben sowie Bedrängnis der Nationen. Die Herzen der Menschen verschmachten dann vor Furcht, denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Und  dann – nicht als die Römer des Altertums die Stadt einnahmen, sondern in der zukünftigen Krise, wenn diese erstaunlichen Zeichen himmlischer und irdischer Art von Gott gegeben werden – „dann werden sie den Sohn des Menschen kommen sehen in einer Wolke mit Macht und großer Herrlichkeit. Wenn aber diese Dinge anfangen zu geschehen, so blicket auf und hebet eure Häupter empor, weil eure Erlösung naht“ (V. 27–28).

Der Herr gibt den Jüngern danach ein Gleichnis. Doch dieses handelt nicht ausschließlich vom Feigenbaum; das würde der Größe des Gesichtsfeldes im Lukasevangelium nicht entsprechen. „Sehet den Feigenbaum und alle Bäume“ (V. 29). Der Unterschied zwischen jenem und den anderen Evangelien besteht darin, dass in ihm außer dem jüdischen Volk auch alle übrigen Nationen Beachtung finden. Welche Vollkommenheit! Selbst in einer gleichnishaften Beschreibung bringt der Evangelist der Nichtjuden nicht nur den Feigenbaum, wie Matthäus, sondern auch die nichtjüdischen Bäume, von denen wir anderswo nichts hören. Jener eine Baum spricht bekanntermaßen von den Juden als Nation. Das andere Bild („alle Bäume“) bezieht sich auf die übrigen Nationen; hierdurch wird das Gleichnis allgemeingültig.

Danach fügte der Herr einige sittliche Betrachtungen für das Herz hinzu. „Hütet euch aber, dass eure Herzen nicht etwa beschwert werden durch Völlerei und Trunkenheit und Lebenssorgen, und jener Tag plötzlich über euch hereinbreche; denn wie ein Fallstrick wird er kommen über alle, die auf dem ganzen Erdboden ansässig sind“ (V. 34–35). Muss ich noch sagen, dass auch dieses wieder zu unserem Evangelium wie zu keinem anderen passt? Das gilt auch von der kurzen Skizze, welche die tägliche Beschäftigung des Herrn im Tempel und seine abgesonderten Nächte am Ölberg darstellt. Nichts hinderte das Volk daran, am frühen Morgen zu kommen, um Ihn zu hören. Was für ein niemals ermüdendes Wirken der Liebe!

Fußnoten

  • 1 Der Vortrag wurde 1866 gehalten. Damals gab es den Staat Israel noch nicht. (Übs.)
  • 2 siehe vorige Fußnote. (Übs.)
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