Einführende Vorträge zum Lukasevangelium

Kapitel 22

Einführende Vorträge zum Lukasevangelium

Hier sehen wir unseren Herrn inmitten der Jünger, und zwar nicht als Prophet, sondern als die Person, welche im Begriff stand, das Opfer zu werden. Unterdessen gab Er ihnen das zarteste Unterpfand seiner Liebe. Auf der anderen Seite steht der Hass der Menschen, die Schwachheit der Jünger, die Verleugnung des Petrus, der Verrat des Judas und die Verschlagenheit und der Schrecken jenes Feindes, der die Macht des Todes hat. Der Tag der ungesäuerten Brote kam heran, und das Passah musste geschlachtet werden. Petrus und Johannes gingen hin, um es vorzubereiten. Nach den Worten des Herrn wurde ihnen ein Saal überlassen. „Und als die Stunde gekommen war, legte er sich zu Tische, und die zwölf Apostel mit ihm. Und er sprach zu ihnen: Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt, dieses Passah mit euch zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, dass ich hinfort nicht mehr davon essen werde, bis es erfüllt sein wird im Reiche Gottes“ (V. 14–16). Christus hat zum letzten Mal Gemeinschaft mit seinen Jüngern. Er aß wohl mit ihnen; aber Er wollte nicht trinken. Ein anderer Kelch stand vor Ihm. Jenen ersten Kelch sollten sie nehmen und unter sich teilen. Es war nicht der Kelch des Abendmahls, sondern der des Passahs. Er sollte aus einem ganz anderen Kelch trinken, den sein Vater Ihm geben würde – Ihm, dem Gegenbild des Passahs und der Grundlage des Abendmahls. Hinsichtlich des Kelches vor ihnen sagte Er: „Ich (werde) nicht von dem Gewächs des Weinstocks trinken ..., bis das Reich Gottes komme“ (V. 18). Letzteres stand kurz davor, in sittlicher Hinsicht eingeführt zu werden, denn Lukas hält den großen Grundsatz fest, dass das Reich Gottes in dem aufgerichtet werden sollte, was man „das christliche System“ nennen mag. Der Ausdruck im Lukasevangelium bedeutet nicht irgendeine zukünftige Haushaltung oder einen zukünftigen Zustand der Dinge im Himmel oder auf der Erde in sichtbarer Macht. Er spricht von einem nahe bevorstehenden Kommen des Reiches Gottes, das sich wirklich und wahrhaftig hier auf der Erde entfalten würde. Die anderen Evangelien verbinden jenes Reich mit der Zukunft. Lukas spricht von dem, was in Kürze erfüllt wurde, nämlich „Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geiste“ (Röm 14, 17).

Für diese Zeit gab der Herr den Jüngern etwas Neues. Er nahm Brot mit Danksagung, brach es und gab es ihnen, indem Er sprach: „Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird; dieses tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den Kelch nach dem Mahle und sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund 1 in meinem Blute, das für euch vergossen wird“ (V. 19–20). Es passt nicht zum Thema des Lukas, hier von „für viele vergossen“  zu sprechen. Anders ist das beim Matthäusevangelium (Mt 26, 28), weil diese Worte darauf hinweisen, dass die Wirksamkeit des Blutes Christi über die Juden hinausreicht. Der alte Bund, welcher Verdammnis brachte, war von begrenztem Umfang. Der neue Bund (oder vielmehr das Blut des verworfenen Christus, des Sohnes des Menschen, auf dem er beruht) weist solche einschränkenden Barrieren zurück. Im Lukasevangelium haben wir dasselbe Prinzip auch in seinem Bericht über die Bergpredigt gefunden, welcher persönlicher ist und sich infolgedessen unmittelbarer an Herz und Gewissen wendet. Wie viele Menschen anerkennen die Rechtfertigung aus Glauben als einen allgemeinen Grundsatz! Doch wenn sie die Angelegenheit persönlicher ansehen sollen, schrecken sie davor zurück, den Platz eines gerechtfertigten Menschen einzunehmen, als wäre es zuviel für Gott, ihnen diesen Platz zu geben. Wir können jedoch unmöglich mit Gott in rechter Weise vorangehen, bevor die persönliche Frage durch göttliche Gnade geklärt ist. So setzt auch der Herr für die Jünger persönlich fest: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blute, das für  euch vergossen wird.“

„Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, ... wehe aber jenem Menschen, durch welchen er überliefert wird!“ (V. 22). Ein schrecklicher sittlicher Widerspruch erhob sich vor der Seele des Heilands. Er fühlte ihn so stark, dass wir an anderer Stelle lesen: „Er (ward) im Geiste erschüttert“ (Joh 13, 21). Diesbezüglich herrscht in unseren Herzen häufig die größte Unklarheit, indem wir nur die Sühne beachten. Der Schaden ist jedoch beträchtlich, sowohl im Blick auf die Sühne selbst, als auch hinsichtlich ihrer Unterscheidung von anderen Arten des Leidens. Ich empfinde es sehr schmerzlich, wenn praktisch ein großer Teil der Leiden Christi in Abrede gestellt wird. Dies ist die Folge eines großen Mangels an Glauben betreffs der wahren Menschheit des Herrn. Ich setze die Überzeugung als selbstverständlich voraus, dass Er am Kreuz den Zorn Gottes trug. Aber selbst da, wo wenigstens im allgemeinen Sinn diese Wahrheit festgehalten wird, ist es schlimm, wenn irgendein Teil seiner sittlichen Herrlichkeit geleugnet wird. Und ist es keine Leugnung, wenn man bestimmte Leiden, welche die Ausdehnung und das Wesen seiner Erniedrigung aufzeigen, aus dem Blick verbannt? Sie erhöhen den Herrn doch nur in unseren Augen und machen Ihn uns teurer! Reichste Ströme des Trostes fließen daraus für diejenigen unter seinen Heiligen, die nichts von seinem Mitgefühl missen möchten.

Der Herr Jesus fühlte also die herzlose Handlungsweise des Verräters tief; und wir erfahren noch mehr darüber in Psalm 109. Genauso sollten auch wir sie empfinden. Wir sollen Judas' Tat nicht einfach als etwas betrachten, das nun einmal geschehen musste, auf welches die Schriften uns vorbereitet haben und das die Güte Gottes in gnadenvolle Resultate verwandelt hat. Natürlich ist es so. Aber genügen uns diese Gemeinplätze angesichts seines erschütterten Geistes? Sollte nicht vor dieser unaussprechlichen Liebe, die alles um seiner Auserwählten willen erduldete, das Bewusstsein seiner Not unser Herz erfüllen? Ja, Er litt von allen Seiten. Sogar die, welche Er am meisten liebte, bereiteten Ihm Schande. „Und sie fingen an, sich untereinander zu befragen, wer es wohl von ihnen sein möchte, der dies tun werde“ (V. 23). Sie waren aufrichtig in ihren Herzen – doch welche Unwissenheit! Wie wenig war ihr Ich zerbrochen! „Es entstand aber auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen für den Größten zu halten sei“ (V. 24). Andere Evangelisten – unter ihnen auch Lukas (Kap. 9, 46) – berichten, wie sie inmitten seiner Wunder und Lehrtätigkeit mit dieser unpassenden Rivalität erfüllt waren. Lukas zeigt sie zusätzlich hier, wo sie ohne jeden Vergleich schmerzlich und demütigend ist, nämlich in Gegenwart der Gemeinschaft seines Leibes und Blutes. Dabei hatten sie gerade gehört, dass der Verräter in ihrer Mitte war, der sich angeboten hatte, ihren Herrn für dreißig Silberlinge zu verkaufen. „Er aber sprach zu ihnen: Die Könige der Nationen herrschen über dieselben, und die Gewalt über sie üben, werden Wohltäter genannt. Ihr aber nicht also; sondern der Größte unter euch sei wie der Jüngste, und der Leiter wie der Dienende. Denn wer ist größer, der zu Tische Liegende oder der Dienende? Nicht der zu Tische Liegende? Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende“ (V. 25–27). Welche Gnade! Welch ein Vorbild! Doch vergessen wir nicht die Warnung! Seine Jünger sollten nach den Gedanken Christi nicht den Ruhm eines Wohltäters erstreben. Der Platz des Herrn war der des Dieners. Mögen wir diesen Platz ebenfalls hochschätzen!

Ein weiterer ergreifender und schöner Zug in der Handlungsweise unseres Herrn ist hier erwähnenswert. Er sagte den Jüngern, dass sie es waren, die mit Ihm in seinen Versuchungen ausgeharrt hatten. Im Matthäus-, Markus- und sogar im Johannesevangelium wird deutlich gezeigt, dass sie Ihn kurze Zeit später verließen. Allein Lukas erwähnt, wie gnädig Er ihr Ausharren mit Ihm in seinen Versuchungen zur Kenntnis nahm. Beide Darstellungsweisen sind natürlich wahr. Im Lukasevangelium urteilte die Gnade. In Wirklichkeit war es der Herr, der sich herabließ, bei ihnen zu bleiben und ihre stolpernden Schritte zu stützen. Doch Er konnte sagen: „Ihr aber seid es, die mit mir ausgeharrt haben in meinen Versuchungen; und ich verordne euch, gleichwie mein Vater mir verordnet hat, ein Reich, auf dass ihr esset und trinket an meinem Tische in meinem Reiche und auf Thronen sitzet, richtend die zwölf Stämme Israels“ (V. 28–30). Die Gnade handelt immer so. Matthäus und Markus berichten uns die traurige Wahrheit, dass zu der Zeit, als der Herr die Jünger am meisten brauchte, sie Ihn alle verließen und flohen. Seine Verwerfung war vollständig. Die alttestamentlichen Schriften wurden bis ins Letzte erfüllt. Wenn es jedoch um die Berufung der Nichtjuden geht, offenbart Lukas' Evangelium die neutestamentliche Gnade und ihre gnadenvollere Aufgabe.

Wieder lesen wir von einem Ereignis, das nur im Lukasevangelium steht: Angesichts des Todes des Herrn sichtete Satan einen der Hauptjünger des Heilandes. Der Herr verwandelte jedoch das Sichten und sogar das Versagen seines Erlösten in außergewöhnlich großen Segen, und zwar nicht allein für ihn selbst, sondern auch für andere. Wie mächtig, weise und gut zeigten sich vorher die Wege der Gnade im Zurechnen von Verdiensten! Der Gläubige erkennt sie allerdings auch in seinen praktischen Erfahrungen und ihren Resultaten. Simon dient dafür als Beispiel. „Simon, Simon!“, sagte der Herr, „siehe, der Satan hat euer begehrt, euch zu sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, auf dass dein Glaube nicht aufhöre; und du, bist du einst zurückgekehrt, so stärke deine Brüder“ (V. 31–32). Simon, so traurig unwissend über sich selbst, war voll kühner Versprechungen, ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. Aber der Herr sprach zu ihm: „Petrus, der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennest“ (V. 34). Alle Evangelisten schildern dieses Versagen. Lukas berichtet zusätzlich von dem gnädigen Gebet des Herrn für seine Wiederherstellung und ihrem Ziel.

Dann folgt eine weitere Mitteilung unseres Heilandes, die von großem Interesse und voll Belehrung ist. Die äußeren Umstände der Jünger würden sich nach seinem Tod von denen während seines irdischen Dienstes auffallend unterscheiden. Dieser Wechsel lief zweifellos einer Wende von ungeheurer Bedeutung für Ihn selbst parallel und wartete nicht auf seinen Tod; er begann in vieler Hinsicht schon vorher. Das Empfinden von seiner Verwerfung und seinem herannahenden Tod lastete nicht nur auf dem Geist des Heilandes, sondern beeinflusste auch mehr oder weniger seine Jünger. Diese standen insbesondere unter dem Druck dessen, was die Menschen taten. „Als ich euch ohne Börse und Tasche und Sandalen sandte, mangelte euch wohl etwas? Sie aber sagten: Nichts. Er sprach nun zu ihnen: Aber jetzt, wer eine Börse hat, der nehme sie und gleicherweise eine Tasche, und wer keine hat, verkaufe sein Kleid und kaufe ein Schwert; denn ich sage euch, dass noch dieses, was geschrieben steht, an mir erfüllt werden muss: ‚Und er ist unter die Gesetzlosen gerechnet worden‘; denn auch das, was mich betrifft, hat eine Vollendung. Sie aber sprachen: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er aber sprach zu ihnen: Es ist genug“ (V. 35–38). Dass die Jünger den Sinn Seiner Aussage nicht verstanden, überrascht nicht. Obwohl seine übrigen Belehrungen sie verständiger hätten machen sollen, fassten sie seine Worte buchstäblich auf und dachten, dass Er vom Ergreifen eines wirklichen Schwertes redete. Offensichtlich benutzte Er das Bild eines Schwertes und einer Börse, um zu zeigen, dass sie hinfort nicht mehr auf übernatürliche Hilfsquellen rechnen konnten. In Zukunft sollten sie nach dem Maß ihres persönlichen Glaubens alles das benutzen, womit Gott sie versorgen würde. Das heißt: Sie sollten natürliche Mittel für den Herrn verwenden, anstatt wie bisher durch übernatürliche Kraft inmitten ihrer Feinde beschützt zu sein. Wir sehen zwar später, wie sie Wunder wirkten; doch es geschah für andere. Ihre frühere Aussendung unterschied sich von der jetzigen. Kein Schlag fiel damals auf sie. Kein Gefängnis schloss seine Tür hinter einem der Zwölf oder der Siebzig (Lk 9 u. 10). Sie durchzogen das Land nach allen Richtungen und trugen überallhin ihr klares und ernstes Zeugnis, wobei sie genauso wie ihr Lehrer durch Gottes Macht bewahrt wurden. Wir sahen, wie wahrhaft wunderbar diese Macht war, ohne dass sie dieselbe für sich selbst gebrauchen mussten. Doch jetzt würde sich alles ändern; und der Jünger musste wie sein Lehrer werden. Jesus war auf dem Weg zum Leiden. Auch sie sollten sich darauf einstellen. Es war ihnen natürlich nicht verboten – sie wurden sogar dazu aufgefordert –, zu Gott hinauf zu blicken und gläubig die Mittel zu benutzen, die der Herr ihnen gab.

Ich denke, das ist der Grund, warum der Herr hier seine Anordnung ändert. Der Messias sollte bald öffentlich abgeschnitten werden (Jes 53, 8). Der Arm, der die Jünger gestützt, und der Schild, der über ihnen geschwebt hatte, wurden weggenommen. So geschah es auch mit Jesus. Er musste nun dem Tod ins Auge sehen, und zwar zuerst im Geist und dann in der Wirklichkeit. Das war schon immer sein Weg gewesen. Dieses Ziel stand stets vor Ihm. Nichts konnte Ihn überraschen. Er war kein normaler Mensch, der so lange abwartete, bis Er nicht mehr anders konnte, als seinen Weg weiter zu verfolgen, und dann wie ein Stein durch die Schwierigkeiten ging. Das mag die Art der Menschen sein, die allem, soweit sie können, ausweichen und so wenig wie möglich an das denken, was schmerzlich und unangenehm ist. Das mag auch mit den Vorstellungen der Menschen von einem Helden übereinstimmen. Auf Christus trafen sie jedenfalls nicht zu. Obwohl der wahre Gott, war Er ein wirklicher Mensch und ein heiliger Dulder. Sein Herz empfand alles. Dies ist die Wahrheit über Christus als Mensch. Daher nahm Er alles von Gott an und empfand tief, wie sehr es zur Verherrlichung Gottes dienen musste.

Am Ölberg zeigte unser Heiland die Wahrheit dessen, was ich gerade behauptet habe. Zunächst sagte Er den Jüngern, dass sie beten sollten, damit sie nicht in Versuchung kämen. Versuchungen müssen kommen und die Herzen prüfen. Es ist jedoch wichtig, in welchem Zustand wir in dieselben eintreten. „Betet, dass ihr nicht in Versuchung kommet. Und er zog sich ungefähr einen Steinwurf weit von ihnen zurück und kniete nieder, betete und sprach: Vater, wenn du diesen Kelch von mir wegnehmen willst – doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ (V. 40–42). Um noch mehr den Charakter der Versuchung und seine ungestörte Beziehung zu Gott zu enthüllen, sowie auch um darzustellen, wie wahrhaftig Er als Mensch litt, „erschien ihm aber ein Engel vom Himmel, der ihn stärkte. Und als er in ringendem Kampfe war, betete er heftiger. Es wurde aber sein Schweiß wie große Blutstropfen, die auf die Erde herabfielen“ (V. 43–44). Der Pfad des Glaubens ist für die Menschen in der einen oder anderen Richtung sehr schwer verständlich. So wagten die ängstlichen rechtgläubigen Männer in früheren Zeiten, umgeben von Widersachern und voller Aberglauben, indem sie dennoch an der fleckenlosen Ehre des Sohnes Gottes festhielten, den kühnen Schritt, die Verse 44 und 45 wegzustreichen; denn was ist letzten Endes so waghalsig wie diese Ussa-ähnliche Angst um die Bundeslade (2. Sam 6; 1. Chr 13)? Sie hielten es für unmöglich, dass der Herr Jesus so leiden konnte. Sie erfassten wenig die unergründliche Tiefe des Kreuzes, als Gott sein Angesicht vor Ihm verbarg. Sie wären nicht so leicht über diese Wahrheit gestolpert, wenn sie seine unterschiedlichen Leiden auseinandergehalten, einfältiger an seine wirkliche Menschheit geglaubt sowie an dem geschriebenen Wort über seine Leiden vor und an dem Kreuz festgehalten hätten. Sie waren jedoch nicht einfältig im Glauben und verstanden die Schriften falsch. Daher wagten einige, die Echtheit dieser Verse in Zweifel zu ziehen, andere, sie wegzulassen. In modernen Zeiten handelt man vorsichtiger und darum wirkungsvoller. Man versieht sie nicht einfach mit einem Fragezeichen oder radiert sie aus, sondern man glaubt ihnen nicht. Die Menschen gehen darüber hinweg, als enthielten sie nichts für unsere Seelen. Sie unterstellen, dass der Heiland-Sohn Gottes sich herabließ, ein Schauspiel, eine Pantomime aufzuführen, und dass Er nicht den schwersten Kampf und die größte Angst erduldete, die jemals das Teil eines menschlichen Herzens auf dieser Erde war. In Jesus jedoch war alles echt. Kein Abschnitt der Bibel über die Tage seines Fleisches ist ergreifender als dieser – zeigt uns seine Leiden klarer, anschaulicher und mit mehr ernster Belehrung für uns. Es gibt nichts, was Gott mehr verherrlichte (ausgenommen natürlich das Kreuz). Diese Wahrheiten finden wir gerade in dieser Szene, wo Jesus keinem Leiden auswich und kein Leid abwehrte, sondern sich jedem Schlag unterwarf (und worin wurde Er verschont!?), indem Er Gottes Hand in allem sah.

Nun war ihre Stunde gekommen und die Gewalt der Finsternis (V. 53). Vorher konnten sie die Hände nicht an Ihn legen. Aber jetzt, nachdem das Werk im Dienst getan und Er endgültig verworfen war, nahm Jesus jede Erniedrigung, Schande und alle Leiden an. Er sah jedoch darin nicht nur die Menschen. Er blickte nicht auf den Teufel, die Juden oder die Heiden. Er fühlte alles, was die Menschen taten und sagten, und anerkannte darin seinen Vater. Er wusste sehr gut, dass sein Vater jeden Schlag, wenn es Ihm gefallen hätte, verhindern konnte. Er hätte Israels Herz verwandeln und die Nichtjuden vernichten können. Stattdessen darf der Jude Ihn jetzt ungehindert hassen, der Nichtjude verachten und kreuzigen. Sowohl Herodes als auch Pontius Pilatus mit den Nationen und dem Volk Israel waren versammelt gegen den heiligen Knecht Jesus, den Gott gesalbt hatte. Geschah es indessen nicht zu dem Zweck, alles zu tun, was Gottes Hand und Ratschluss zuvorbestimmt hatte (Apg 4, 27–28)? Er sah Gott, seinen Vater, über und hinter all jenen zweitrangigen Werkzeugen und beugte sich und danksagte, während Er mit Blutschweiß betete. Er wollte zu seinem Schutz keine Barrikade an Wundern aufrichten. Wenn wir solche Umstände, wie sie damals Jesus umgaben, vor Gott erwägen – wenn Jesus das, was kommen sollte, in Gottes Gegenwart voraussah, dann wurde die Schwere von allem nicht verringert, sondern vielmehr vergrößert. So sehen wir Ihn hier, wie Er ernstlich zu seinem Vater betete, dass, wenn es möglich wäre, der Kelch an Ihm vorübergehe. Es war jedoch nicht möglich, darum fügte Er hinzu: „Doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ (V. 42). Beides war vollkommen. Es wäre Härte und nicht Liebe gewesen, hätte Er den Kelch als etwas Leichtes genommen. Das konnte bei Jesus niemals der Fall sein. Es war gerade ein Teil seiner Vollkommenheit, dass Er den schrecklichen Kelch fühlte und verabscheute. Denn was war in dem Kelch? Der Zorn Gottes! Wie konnte Er sich den Zorn Gottes wünschen? Er musste ihn verabscheuen. Doch es entsprach dem Wesen Jesu, trotzdem zu sagen: „Dein Wille geschehe!“ Sowohl das Verabscheuen als auch die Annahme waren ganz und gar vollkommen; beide waren in gleicher Weise an ihrem Platz und zu ihrer Zeit richtig. Wer vermag, das nicht zu sehen oder daran zu zweifeln, wenn er weiß, wer Jesus ist und was die Herrlichkeit seiner Person ausmacht? Es geht hier nicht darum, dass Er Gott ist. Wir ruinieren den Wert seiner Leiden, wenn wir seiner Menschheit nicht ihren vollen Platz geben. Seine Gottheit erleichterte seine Leiden nicht. Das Ergebnis wäre nämlich ein unbeschreibbarer Zwischenzustand – weder Gottheit, noch Menschheit, sondern eine Mischung aus beiden – gewesen. Ein früher Irrtum in der Kirchengeschichte setzte einen gefühllosen Christus voraus. Keine Erdichtung gegen die Wahrheit ist schlimmer als diese, außer der Lüge, welche leugnet, dass Er Gott der Sohn ist. Ein leiden- und gefühlloser Christus ist von Satan und nicht der wahrhaftige Gott und das ewige Leben (1. Joh 5, 20). Er ist ein Hirngespinst des Feindes. Seid versichert: Wenn die Leiden so echt und für Gott so kostbar sind, dann ist es gefährlich, irgendein Teil davon wegzuschneiden, aufzulösen oder zu leugnen. Für uns ist wichtig, was Gott uns in seinem Wort über die Leiden Christi mitteilt, und nicht, ob wir alles verstehen, was Er darüber sagt. Denkt daran: Wir erkennen nur stückweise und müssen viel lernen, vor allem bezüglich dessen, was nicht unsere unmittelbaren Bedürfnisse betrifft. Doch für eines sind wir immer verantwortlich, nämlich dass wir uns Gott unterwerfen und Ihm glauben, auch wenn wir nur wenig in die Tiefen alles dessen eindringen, was Er uns über Jesus aufgeschrieben hat.

Ich möchte noch dies hinzufügen: Es geziemt sich nicht, dass jemand, der sagt, er verstehe dies oder das nicht, sich zum Richter aufwirft. Es ist einleuchtend, dass Gläubige, die Verständnis haben, urteilen sollen. Andererseits steht jenen, die einräumen, dass sie nichts wissen, ein Beurteilen nicht zu. Es ist weise – um nicht zu sagen, demütig – zu warten und zu lernen.

Danach sehen wir Judas, wie er herzunaht und Christus küsst. Der Herr der Herrlichkeit wurde von einem Apostel verraten. Die letzten Ereignisse brachen schnell herein. Im unaufhaltsamen Ablauf folgte nach der Vorhersage Christi die mörderische Bosheit der Priester und die fleischliche Kraft des Petrus, die für diesen so verhängnisvoll wurde. Er konnte der Schwierigkeit, in die sein Selbstvertrauen ihn führte, nicht die Stirn bieten. Im Garten vermochte er nicht mit seinem Lehrer zu beten, stattdessen schlief er. Hier brach er ohne seinen Lehrer vor einem Dienstmädchen zusammen. Die übrigen Jünger flohen. Johannes erzählt uns die Geschichte von seiner eigenen Schande zusammen mit der des Petrus. Das Bild ist vollständig. Es gab kein Zeugnis mehr für Jesus. Er war allein. Anscheinend hatte der Mensch alles in seiner Hand mit Spott, Schlägen und Lästerung. Und doch erfüllte er nur den Willen, die Absichten und die Gnade Gottes. Das Kapitel schließt mit Jesus vor dem Rat der Ältesten, der Hohenpriester und der Schriftgelehrten. Für die Frage „Bist du der Christus?“ (Mk 14, 61) war es jetzt zu spät. Sie hatten bewiesen, dass sie nicht glauben wollten. Von nun an sollte der Sohn des Menschen zur Rechten der Macht Gottes sitzen. Das ist der wohlbekannte Wechsel, den wir überall als Folge der Verwerfung des Messias wahrnehmen. „Du bist also der Sohn Gottes?“ (V. 70), fragten alle. Er erkannte die Wahrheit an. Mehr benötigten sie nicht, um Ihn zu verurteilen.

Fußnoten

  • 1 „Der Ausdruck „Testament“ ist hier nicht richtig, sowie auch überall im Neuen Testament, außer in der Klammer von Hebr. 9, 16–17“ (W. K.). (Anm. d. Übers.: vgl. „Lutherbibel“; „Bund“ und „Testament“ werden im Griechischen durch dasselbe Wort ausgedrückt.)
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