Gekommen – um zu dienen

Kapitel 8

Gekommen – um zu dienen

Die Speisung der Viertausend

„In jenen Tagen, als wieder eine große Volksmenge da war und sie nichts zu essen hatten, rief er die Jünger herzu und spricht zu ihnen: Ich bin innerlich bewegt über die Volksmenge, denn schon drei Tage weilen sie bei mir und haben nichts zu essen; und wenn ich sie hungrig nach Hause entlasse, werden sie auf dem Weg verschmachten; und einige von ihnen sind von weit her gekommen. Und seine Jünger antworteten ihm: Woher wird jemand diese hier in der Einöde mit Brot sättigen können? Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie aber sagten: Sieben. Und er gebietet der Volksmenge, sich auf der Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte und brach sie und gab sie seinen Jüngern, damit sie sie vorlegten; und sie legten sie der Volksmenge vor. Und sie hatten einige kleine Fische; und als er sie gesegnet hatte, sagte er, sie sollten auch diese vorlegen. Und sie aßen und wurden gesättigt; und sie hoben auf, was an Brocken übrig blieb, sieben Körbe voll. Es waren aber ungefähr viertausend; und er entließ sie“ (8,1–9).

In diesen Versen wird uns die Speisung der Viertausend berichtet. In Kapitel 6,34–44 haben wir die Speisung der Fünftausend gefunden. Wir könnten uns fragen, warum zwei so ähnliche Begebenheiten so nah hintereinander berichtet werden. Hinzu kommt, dass diese Begebenheit auf den ersten Blick rein äußerlich gesehen ein geringeres Wunder zu sein scheint: Es sind weniger Menschen anwesend, es stehen mehr Nahrungsmittel zur Verfügung und es bleibt zahlenmäßig an Körben weniger übrig. Doch wir dürfen die Begebenheiten in der Schrift nie nur nach ihrer äußeren Erscheinung beurteilen, sondern müssen vielmehr nach der geistlichen Bedeutung fragen.

So sehen wir bei näherer Betrachtung auch hier, dass bei beiden Speisungen unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden:

Bei der Speisung der Fünftausend stand das Handeln der Jünger im Vordergrund. Von ihnen ging die Initiative aus. Bei der Speisung der Viertausend steht mehr das Handeln des Herrn Jesus selbst im Vordergrund, obwohl Er auch hier die Jünger benutzt. Diese Begebenheit illustriert in besonderer Weise die vollkommene und überfließende Güte, Liebe und Fürsorge des Herrn für die, die Ihm nachfolgen, obwohl Er verworfen ist. Das machen die einleitenden Worte des Herrn in den Versen 2 und 3 deutlich.

Diese Unterschiede werden auch durch die verschiedenen Zahlen in den Schilderungen unterstrichen. In Kapitel 6 bleiben zwölf Handkörbe über. Die Zahl zwölf spricht von vollkommener Verwaltung in Bezug auf den Menschen und diese Erde.

Hier sind es 7 Brote und es bleiben sieben Körbe übrig. Die Zahl sieben spricht von Vollkommenheit, getrennt vom Tun des Menschen (vgl. 1. Mo 2,1–3). Die Zahl sieben wird zu Beginn und zum Ende der Speisung erwähnt. Dies betont die Vollständigkeit und göttliche Vollkommenheit dieses Geschehens und scheint auch auf die Fülle der göttlichen Fürsorge und Güte für sein Volk hinzuweisen.

Diese Güte, Liebe und Fürsorge Gottes galt den Menschen damals und wird dem bedrängten Überrest in der Zukunft zufließen. Sie gilt aber auch heute allen, die den Wunsch haben, dem verworfenen Herrn zu folgen.

Obwohl der Herr Jesus selbst hier mehr im Vordergrund steht, bedient Er sich bei seinem Handeln doch der Jünger und will sie als Segenskanäle benutzen. Darin liegen wieder praktische Unterweisungen für jeden von uns.

Es beginnt damit, dass der Herr seine Jünger in Anwesenheit der großen Volksmengen zu sich ruft und ihnen die Empfindungen seines Herzens offenbart. Sein Herz voller Liebe sah die inneren, aber auch die äußeren Bedürfnisse jedes Einzelnen, der zu Ihm gekommen war. Und angesichts der erschöpften Menschen, die schon drei Tage bei Ihm weilten, um von Ihm belehrt zu werden, wurde Er innerlich bewegt. Als der vollkommene Diener fragte Er nicht nach seinen eigenen Bedürfnissen nach drei anstrengenden Tagen, sondern dachte nur an die Not und Bedürfnisse seiner Zuhörer. Das ist unser Herr, der diese Empfindungen auch heute noch unverändert hat!

So, wie die Jünger, ruft Er auch heute jeden seiner Diener zunächst zu sich, um ihm die Empfindungen seines Herzens zu zeigen. Erst dann ist der Diener in der Lage, anderen Menschen in der rechten Weise voll Liebe und Mitgefühl zu begegnen und ihnen das zu geben, was sie brauchen.

Trotz der Erfahrungen in Bezug auf die Allmacht ihres Meisters bei der Speisung der Fünftausend antworten die Jünger dem Herrn in Vers 4 voller Zweifel, auch wenn sie es vorsichtig ausdrücken. Handeln wir nicht oft genauso? Obwohl wir in vielen Lagen schon die Hilfe und Macht unseres Herrn erfahren haben, fangen wir in ähnlichen Situationen wieder an zu zweifeln und haben kein rechtes Vertrauen zu Ihm.

Der Herr begegnet den Zweifeln der Jünger ähnlich wie in Kapitel 6,38 mit der direkten Frage: „Wie viele Brote habt ihr?“ Wir haben uns dort schon daran erinnert, dass der Herr stets an das anknüpft, was bei uns vorhanden ist. Wir können nicht erwarten, für andere zum Segen zu sein, wenn wir nichts haben.

In Vers 6 und 7 wird uns berichtet, dass der Herr sowohl für die Brote als auch für die kleinen Fische dankt. Können wir daraus nicht die Anwendung machen, dass wir im Wort Gottes nichts gering achten sollen? Der Herr will alles groß machen, auch das, was wir vielleicht als gering und klein einschätzen.

Brote und Fische finden wir auch in Johannes 21,9–13, als der Herr die Jünger zum Frühstück einlädt. Die geistliche Nahrung, die der Herr uns gibt, ist abwechslungsreich. Neben dem, was wir unbedingt brauchen (Brot als Grundnahrungsmittel), gibt der Herr uns auch noch besondere Freuden als Zugabe (Fische). Und Er gibt stets im Überfluss: Sieben Körbe bleiben übrig.

Die Pharisäer bitten um ein Zeichen

„Und sogleich stieg er mit seinen Jüngern in das Schiff und kam in das Gebiet von Dalmanuta. Und die Pharisäer kamen heraus und fingen an, mit ihm zu streiten, indem sie ein Zeichen vom Himmel von ihm begehrten, um ihn zu versuchen. Und in seinem Geist tief seufzend, spricht er: Was begehrt dieses Geschlecht ein Zeichen? Wahrlich, ich sage euch: Wenn diesem Geschlecht ein Zeichen gegeben werden wird! Und er verließ sie, stieg wieder in das Schiff und fuhr an das jenseitige Ufer“ (8,10–13).

Anders als nach der Speisung der Fünftausend steigt der Herr hier mit seinen Jüngern in das Boot. Darin erkennen wir, dass der Herr nicht nur für uns im Himmel tätig ist (Kap. 6,45.46) sondern auch mit uns ist, um uns auf dem Weg über diese Erde zu unterstützen. Und auf diesem Weg in der Nachfolge des Herrn gibt es Widerstand, da die Welt Ihn immer noch verwirft. Auch hier bringen die Pharisäer dem Herrn Widerstand entgegen. Sie kommen, um mit Ihm zu streiten, und fordern ein Zeichen von Ihm, etwas, was für die Juden typisch war (1. Kor 1,22). Doch angesichts der vielen Zeichen, die bereits geschehen waren, offenbarte diese Frage der Pharisäer nur ihren Unglauben und ihre Feindschaft gegen den Herrn. Sie wollten ein Zeichen vom Himmel, um es gegen Ihn zu verwenden. Sie wollten Ihn gegen Gott, den sie äußerlich anerkannten, ausspielen. In ihrem bewussten Unglauben wollten sie nicht erkennen, dass gerade der Sohn Gottes das Zeichen vom Himmel war, wie es besonders im Johannesevangelium (z. B. Kap. 6) klargemacht wird.

Es ist bis heute eine Tatsache, dass viele Menschen Gott „gelten lassen“ möchten, aber seinen Sohn leugnen. Doch es bleibt bestehen, dass der Weg zu Gott nur über das Werk und die Person des Sohnes führt.

Diese bewusste Ablehnung seiner Person traf den Herrn tief. Er seufzte tief in seinem Geist. Das geht weiter als das Seufzen in Kapitel 7,34. Da Unaufrichtigkeit der Beweggrund ihrer Forderungen war, entsprach der Herr den Wünschen der Pharisäer nicht.

Weil die Pharisäer hier in ihrer Bosheit den Herrn ablehnten und ausklammerten, war ihre Situation hoffnungslos. Er verließ sie. Das ist ein starker Ausdruck, der den Sinn von „verwerfen“ und „als hoffnungslos aufgeben“ hat. Es ist so, wie es in einem Lied heißt: „Endlich geht Er traurig weiter; oh, dann wehe dir.“

Der Sauerteig

„Und sie vergaßen, Brote mitzunehmen, und hatten nichts bei sich auf dem Schiff als nur ein Brot. Und er gebot ihnen und sprach: Gebt acht, hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und dem Sauerteig des Herodes. Und sie überlegten miteinander und sprachen: Weil wir keine Brote haben. Und als Jesus es erkannte, spricht er zu ihnen: Was überlegt ihr, weil ihr keine Brote habt? Begreift ihr noch nicht und versteht auch nicht? Habt ihr euer Herz verhärtet? Augen habt ihr und seht nicht, und Ohren habt ihr und hört nicht? Und erinnert ihr euch nicht? Als ich die fünf Brote für die fünftausend brach, wie viele Handkörbe voll Brocken habt ihr aufgehoben? Sie sagen zu ihm: Zwölf. – Als aber die sieben für die viertausend, wie viele Körbe, mit Brocken gefüllt, habt ihr aufgehoben? Und sie sagen zu ihm: Sieben. Und er sprach zu ihnen: Versteht ihr noch nicht?“ (8,14–21).

In diesem Abschnitt muss der Herr den Jüngern noch eine ernste Belehrung geben. Wir lesen, dass sie vergessen hatten, Brote mitzunehmen. Diesen Umstand benutzt der Herr in seiner Weisheit, um ihnen zu zeigen, dass auch sie seine Macht und Gnade noch nicht verstanden hatten und dass auch sie, wie die Pharisäer im vorigen Abschnitt, noch durch Unglauben gekennzeichnet waren.

Er benutzt die Gelegenheit, um sie eindringlich vor dem Sauerteig der Pharisäer und dem Sauerteig des Herodes zu warnen. Das sind die beiden Personengruppen, die in diesem Evangelium bereits in ihrem Widerstand gegen den Herrn so deutlich hervorgetreten sind. In Matthäus 16,6 wird noch der Sauerteig der Sadduzäer hinzugefügt.

Matthäus 16,12 zeigt, dass der Herr mit dem Bild des Sauerteigs die Lehren dieser Gruppen meint. Wovon spricht dieser dreierlei Sauerteig?

Der Sauerteig der Pharisäer ist die „Heuchelei“ (Lk 12,1); eine äußere Religiosität und Frömmigkeit, eine „Form der Gottseligkeit“, die sich in Ritualismus, dem bloßen Festhalten an zum Teil eigenen Traditionen und Überlieferungen äußert.

Apostelgeschichte 23,8 zeigt, was die Lehre der Sadduzäer war, Sie leugneten alles, was sie nicht mit ihrem Verstand erklären konnten. Unter dem Sauerteig der Sadduzäer können wir Rationalismus und Naturalismus verstehen.

Der Sauerteig des Herodes spricht von Weltlichkeit. Es ist der Wunsch nach Anerkennung in und von dieser Welt.

Diese drei Lehren vergleicht der Herr hier mit Sauerteig, der die Eigenschaft hat, alles schnell zu durchdringen. Er wird in der Schrift zur Darstellung von ungerichtetem Bösen gebraucht, das um sich greift, indem es andere infiziert (s. a. 1. Kor 5,6.8).

Diese drei Lehren sind Gefahren, die den Jüngern des Herrn auf ihrem Weg in der Nachfolge hinter ihrem Herrn her drohen.

Wie schnell stehen auch wir in Gefahr – wie die Pharisäer –, zu „heucheln“, indem wir nach außen etwas vorgeben, was in unserem Inneren gar nicht vorhanden ist. Oder wir folgen dem Herrn nur noch aus bloßer Gewohnheit und nicht von ganzem Herzen. Gefährlich wird es auch, wenn wir – wie die Sadduzäer – eigenen Überlegungen in der Nachfolge des Herrn nachgehen und unserem Eigenwillen Raum geben.

Und eine besonders große Gefahr in unserer Zeit ist die Weltlichkeit, die Herodes kennzeichnete.

Daher ruft der Herr auch uns zu: „Gebt Acht, hütet euch.“ Wir müssen wachsam sein (Acht geben), aber auch die notwendigen Konsequenzen ziehen und uns von diesen Dingen wegwenden (hüten).

Ein Bewahrungsmittel vor diesen Gefahren ist, wenn wir nicht vergessen, „Brote mitzunehmen“. Wenn wir mit unserem Herrn, dem „Brot des Lebens“, beschäftigt sind und Ihn und sein gutes Wort in unser praktisches Leben mitnehmen, sind wir nicht so empfänglich für diese Lehren und Gefahren.

Die Jünger verstanden die warnenden Worte des Herrn nicht. Sie bezogen sie auf ihre Umstände und erkannten dadurch ihre geistliche Bedeutung nicht. Dazu kam ihre Unkenntnis über die Größe seiner Person. Der Herr stellt den Jüngern eine Reihe herzerforschender Fragen, die auch für uns von Bedeutung sind. Alle weisen sie auf verschiedene Mängel bei den Jüngern hin:

  • Was überlegt ihr, weil ihr keine Brote habt?
    • Bedeutung: Mangel an Vertrauen in den Herrn
  • Begreift ihr noch nicht?
    • Bedeutung: Mangel an Aufmerksamkeit während ihrer zurückliegenden Erlebnisse
  • Versteht ihr nicht?
    • Bedeutung: Mangel an geistlichem Verständnis
  • Habt ihr euer Herz verhärtet?
    • Bedeutung: Mangel an Empfindlichkeit gegenüber göttlichen Dingen
  • Augen habt ihr und seht nicht?
    • Bedeutung: Mangel im Gebrauch ihrer geistlichen Fähigkeiten bzgl. der Taten des Herrn
  • Ohren habt ihr und hört nicht?
    • Bedeutung: Mangel im Gebrauch ihrer geistlichen Fähigkeiten bzgl. der Worte des Herrn
  • Erinnert ihr euch nicht?
    • Bedeutung: Mangel in der rückwirkenden Betrachtung und im Bewahren der Worte und der Handlungen des Herrn

Die Heilung des Blinden in Bethsaida

„Und sie kommen nach Bethsaida; und sie bringen ihm einen Blinden und bitten ihn, dass er ihn anrühre. Und er fasste den Blinden bei der Hand und führte ihn aus dem Dorf hinaus; und er tat Speichel in seine Augen, legte ihm die Hände auf und fragte ihn, ob er etwas sehe. Und aufblickend sprach er: Ich erblicke die Menschen, denn ich sehe sie wie umhergehende Bäume. Dann legte er wieder die Hände auf seine Augen, und er sah deutlich, und er war wiederhergestellt und sah alles klar. Und er schickte ihn in sein Haus und sprach: Geh nicht in das Dorf“ (8,22–26).

Wieder sehen wir, dass der Herr als Sohn Gottes auf der Erde war, denn wer sonst konnte einen Blinden heilen? Aber wir sehen Ihn auch wieder als den vollkommenen Diener, der voller Mitgefühl ist und dem Blinden hilft. Als dieser handelte Er nie nach demselben Schema. Dies wird z. B. an den verschiedenen Blindenheilungen in den Evangelien deutlich (z. B. Lk 18,35–43; Joh 9).

Blindheit ist auch hier wieder eine Charakterisierung des natürlichen Menschen in seiner Sünde. Er ist verblendet und unfähig, klar zu sehen. Doch auch hier sind wieder solche da, die dem Blinden zu Hilfe kommen und ihn zum Herrn führen. Ebenso stellt sich uns erneut die Frage, ob wir solche sind, die andere zum Herrn führen, sei es ganz praktisch oder auch im Gebet.

Wie in Kapitel 7,33 handelt der Herr auch hier nicht öffentlich. Er sonderte den Blinden von der ungläubigen Masse des Volkes ab, um mit ihm allein zu sein, um ihm ganz individuell zu helfen. Er wollte den Menschen keine „Schau geben“ oder seinen Bekanntheitsgrad durch Wunder erhöhen.

Wie es für Markus typisch ist, wird das Handeln des Herrn sehr detailliert beschrieben. Er tat etwas von seinem Speichel in die Augen des Blinden. Damit wird angedeutet, dass alles von Ihm kommen muss, wenn es zur Heilung führen soll.

Der Herr heilt diesen Blinden in zwei Schritten, die sehr bedeutsam sind. Es geht nicht nur darum, dass man die Fähigkeit hat, zu sehen, sondern es geht auch darum, dass man diese Fähigkeit richtig anwenden kann, indem man mit Verständnis sehen kann. Etwas Ähnliches findet sich bei der Auferweckung des Lazarus in Johannes 11,44. Auf das Wort des Herrn hin hatte Lazarus Leben, aber er konnte noch nicht laufen.

Wir können diese zweistufige Heilung unter zwei Aspekten betrachten:

Zunächst liefert diese Heilung ein Bild von dem Zustand der Jünger in ihrer Erkenntnis des Herrn. Die Jünger glaubten an Ihn, hatten aber noch nicht seine wahre göttliche Macht erkannt, die für jede Situation ausreicht. Das geht aus dem vorherigen Abschnitt hervor. Sie sahen noch undeutlich. Klar sahen sie erst nach dem Kommen des Heiligen Geistes am Pfingsttag. Diese Zeit wird in dem zweiten Heilungsschritt angedeutet.

Diese Heilung ist auch ein Bild von dem Wachstumsprozess jedes Menschen, der neues Leben empfangen hat. Neubekehrte sehen oft „Menschen wie Bäume“. Sie sind geneigt, andere Gläubige übergroß zu sehen und sich an Mitgeschwister anzulehnen und sie als Vorbild zu nehmen. Doch es ist wichtig, dass dieser Zustand nicht lange andauert, sondern dass sie stattdessen zur Erkenntnis des Herrn kommen und seine Schönheiten kennen lernen. Natürlich werden wir diese Erkenntnis auf der Erde nie voll erreichen, da es ein beständiger Wachstumsprozess ist. „Wachst aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn“ (2. Pet 3,18). Und doch ist es wichtig, dass wir uns früh die Augen öffnen lassen, um den Herrn selbst zu erkennen. Dann bekommen wir die richtige Sichtweise für uns selbst und die Menschen um uns her. Und wie die Jünger können auch wir nur dann „klar sehen“, wenn wir den Heiligen Geist ungehindert in uns wirken und uns von Ihm leiten lassen (Röm 8,14).

Wir lesen in Vers 25, dass der Blinde „wiederhergestellt“ war. Wir wissen nicht, ob dieser Mann erst nach seiner Geburt blind geworden ist. Aber sicher will der Herr mit diesem Ausdruck auch zeigen, dass Er den Zustand des „Klar-und-deutlich-Sehens“ als das Normale, den üblichen und von Ihm gewünschten Zustand betrachtet. Daher sollte es immer unser aufrichtiges Anliegen sein, uns täglich die Augen von Ihm öffnen zu lassen, um die Wahrheit des Wortes Gottes richtig zu erkennen und in die Praxis umzusetzen.

Das Bekenntnis des Petrus

„Und Jesus ging hinaus mit seinen Jüngern in die Dörfer von Cäsarea Philippi. Und auf dem Weg fragte er seine Jünger und sprach zu ihnen: Wer sagen die Menschen, dass ich sei? Sie aber antworteten ihm und sagten: Johannes der Täufer; und andere: Elia; andere aber: Einer der Propheten. Und er fragte sie: Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei? Petrus antwortet und sagt zu ihm: Du bist der Christus. Und er gebot ihnen ernstlich, dass sie niemand von ihm sagen sollten“ (8,27–30).

Während der Herr sich in den vorigen Abschnitten besonders durch seine Werke offenbart hatte, geht es hier vordergründig um die Bedeutung seiner Person; zunächst für die Menschen allgemein, dann für die Jünger.

Wir sehen, wie der Herr sich mit seinen Jüngern nach Cäsarea Philippi begibt, an die nördlichste Grenze Israels. Auf dem Weg stellt Er den Jüngern die bedeutsame Frage: „Wer sagen die Menschen, dass ich sei?“ Er selbst wusste natürlich die Antwort, aber Er stellte die Frage um der Jünger willen. Sie sollten dahin kommen, mit ihren eigenen Lippen zu bekennen, dass die Welt die Rechte und Person des Herrn nicht anerkannte und dass alle Überlegungen der Menschen nicht an die Wahrheit über seine Person heranreichten.

In der absteigenden Aufzählung, die die Jünger dem Herrn nennen, tritt die ganze Unwissenheit der ungläubigen Menschen hervor. Sie sehen in Ihm nur einen Menschen, wie es auch heute die Welt tut. Man ist gerade noch bereit, den Herrn als einen edlen und großen Menschen gelten zu lassen, erkennt Ihn aber nicht als den Sohn Gottes an.

Die Frage, die der Herr hier stellt, ist auch heute die entscheidende Frage für jeden Menschen. An seiner Person entscheidet sich alles (Apg 4,12).

Was für eine Antwort können wir – die wir so viel von Ihm kennen – dem Herrn auf diese Frage geben? Petrus konnte in der Gewissheit des Glaubens antworten: „Du bist der Christus.“

Was für ein Gegensatz zu dem, was die Menschen von Ihm sagten. Er ist „der Christus“, der Gesalbte Gottes. Petrus bekennt den Herrn in seiner ganzen Würde und Autorität, die Gott Ihm gegeben hat.

Ein Vergleich dieser Verse mit der Parallelstelle in Matthäus 16,13–20 zeigt einen bedeutenden Unterschied in der Berichterstattung. In Matthäus spricht der Herr auf das Bekenntnis des Petrus hin von der Versammlung und den Schlüsseln des Reiches; hier lesen wir nichts davon. Wie kommt das?

Eine Erklärung liegt sicherlich in dem weitergehenden Teil des Bekenntnisses von Petrus, das in Matthäus berichtet wird. Dort sagt Petrus, dass der Herr „der Christus“ und „der Sohn des lebendigen Gottes“ ist. Die Versammlung gründet sich auf den Herrn als den Sohn des lebendigen Gottes. Sie gründet sich nicht auf Ihn als den Christus oder Messias. Als solcher steht Er in erster Linie mit Israel in Verbindung. Bei Matthäus geht die Offenbarung also weiter als bei Markus. Wie vollkommen und in Übereinstimmung mit dem jeweiligen Charakter der Abschnitte ist doch die göttliche Berichterstattung!

Der Herr gebietet den Jüngern, dass sie niemand von Ihm sagen sollten. Die Zeit, Ihn als den verheißenen Messias Israels öffentlich zu verkündigen, war vorbei. Israel wollte den Herrn nicht als Messias anerkennen, daher richtete Er sich nicht mehr in diesem Charakter an das Volk.

Der Herr sagt seinen Tod und seine Auferstehung voraus

„Und er begann sie zu lehren, dass der Sohn des Menschen vieles leiden und verworfen werden müsse von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und dass er getötet werden und nach drei Tagen auferstehen müsse. Und er redete das Wort mit Offenheit. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihn zu tadeln. Er aber wandte sich um, und als er seine Jünger sah, tadelte er Petrus, und er sagt: Geh hinter mich, Satan! Denn du sinnst nicht auf das, was Gottes, sondern auf das, was der Menschen ist“ (8,31–33).

Stattdessen beginnt der Herr, seine Jünger zu lehren, dass Er als der „Sohn des Menschen“ leiden, sterben und auferstehen muss. Die Tatsache, dass der Herr diese Dinge lehrte, zeigt, wie wichtig und inhaltsreich diese Themen sind. Dreimal finden wir im Markusevangelium, dass der Herr von dem sprach, was über Ihn kommen sollte, und immer werden sein Leiden, Sterben und Auferstehen zusammen erwähnt (V. 31; 9,31; 10,32–34).

Wenn Er so von sich spricht, sehen wir Ihn als Den, der von Anfang an das Ende kannte, der alles wusste, was über Ihn kommen würde; ganz besonders auch von den Führern des Volkes Israel (z. B. Jes 53,3, wo mit „Menschen“ eher die Hochgestellten gemeint sind). Wenn wir das bedenken, wie groß wird uns dann das Verhalten des Herrn gegenüber diesen hochgestellten Männern während seines Weges über die Erde. Er war wirklich Der, der „gescholten nicht wiederschalt und leidend nicht drohte“ (1. Pet 2,23).

Petrus konnte diese Worte des Herrn über sein Leiden und Sterben nicht fassen und daher tadelte er den Herrn. Petrus hatte den Herrn von Herzen lieb und seine Reaktion beruhte auf Unverständnis über die Dinge, die dem Herrn widerfahren würden. Als rechtgläubiger Jude hoffte er auf das Reich und die Herrschaft mit dem Messias. Ein leidender und sterbender Christus hatte in seinen Gedanken keinen Platz. Wie aus der Beschreibung in Vers 32 deutlich wird, waren seine Worte jedoch kein bloßer Gefühlsausbruch, sondern eine bewusste, ernste Handlung, die der Herr scharf tadeln muss.

Der Ernst lag darin, dass Petrus in diesen Augenblicken zu einem Werkzeug Satans wurde, der den Herrn von seinem Weg des Gehorsams abbringen und die Jünger durch die Schmach des Kreuzes abschrecken wollte. Gerade der Anblick seiner Jünger, die Satan zu Fall bringen wollte, veranlasste den Herrn, Petrus so ernst zurechtzuweisen und seine Beweggründe aufzudecken. Petrus sah nicht auf das, was Gottes ist; er sah nicht auf die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes am Kreuz, sondern auf das, „was der Menschen ist“. Er zog – wenn auch vielleicht unbewusst – die Herrlichkeit des Menschen der Schmach des Kreuzes vor.

Zu dem, was Petrus hier tat, sind auch wir fähig. Wenn wir nicht aufpassen, können wir zu einem Werkzeug Satans werden. Daher sollten wir unseren Herrn um Besonnenheit und Nüchternheit bitten, damit wir erkennen, wenn Satan uns verführen will.

Der Herr spricht über Nachfolge

„Und als er die Volksmenge samt seinen Jüngern herzugerufen hatte, sprach er zu ihnen: Wenn jemand mir nachfolgen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge mir nach. Denn wer irgend sein Leben erretten will, wird es verlieren; wer aber irgend sein Leben verlieren wird um meinet- und des Evangeliums willen, wird es erretten. Denn was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und seine Seele einbüßt? Denn was könnte ein Mensch als Lösegeld geben für seine Seele? Denn wer irgend sich meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Sohn des Menschen schämen, wenn er kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln“ (8,34–38).

Die Dinge der Menschen und die Dinge Gottes, die der Herr in Vers 33 angesprochen hatte, sind einander völlig entgegengesetzt. Eins schließt das andere aus. Diesen Gedanken führt der Herr in diesen Versen weiter aus, in denen Er von den Konsequenzen wahrer Nachfolge spricht. Er zeigt – veranlasst durch die Reaktion des Petrus –, dass es für den, der Ihm nachfolgen will, ein großes Hindernis gibt: das eigene Ich, das menschliche Ego.

Aber der Herr zeigt nicht nur das Hindernis, sondern gibt auch Hinweise für den Umgang damit:

  1. „sich selbst verleugnen“ – Verleugnen bedeutet ein Abstreiten von Verbindungen, ein „Neinsagen“ zu sich selbst. Es zeigt, wie wir mit unserem alten Menschen umgehen sollen.
  2. „sein Kreuz aufnehmen“ – einer, der damals sein Kreuz trug, hatte mit der Welt abgeschlossen und die Welt mit ihm. So sollen auch wir keine Verbindung mehr zu dieser Welt haben.

Der Apostel Paulus handelte nach diesen Prinzipien. Wir finden in Philipper 3, dass er nichts von der Welt erwartete (V. 8) und dass er auch nichts mehr von sich selbst hielt (V. 9).

Nur so können wir dem Herrn wirklich folgen. In seiner Nachfolge müssen wir damit rechnen, den Widerstand von den Menschen zu erfahren, der auch dem Herrn begegnete (Joh 15,20; 2. Tim 3,12).

Der Weg zur Herrlichkeit geht durch Leiden. Ein Grundsatz, den wir oft in der Schrift finden und der in diesen Versen durch den Herrn sehr deutlich vorgestellt wird.

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