Gekommen – um zu dienen

Kapitel 14

Gekommen – um zu dienen

Kapitel 14 führt uns wieder zurück zu dem Ablauf der Ereignisse in den Tagen des Herrn vor seiner Kreuzigung. Es schildert uns die letzten ergreifenden Szenen im Leben des Herrn auf der Erde und zeigt, wie in seiner Nähe die Überlegungen vieler Herzen offenbar werden. Es beginnt mit den listigen Plänen der Obersten des Volkes, zeigt die ergreifende Liebe im Herzen von Maria, den Verrat durch Judas, die Liebe des Herrn zu seinen Jüngern in der Einsetzung des Gedächtnismahls, die Verleugnung durch Petrus und schließlich den Herrn im Garten Gethsemane und vor dem Synedrium.

Die Pläne der Menschen

„Es war aber nach zwei Tagen das Passah und das Fest der ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und die Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List greifen und töten könnten; denn sie sagten: Nicht an dem Fest, damit nicht etwa ein Aufruhr des Volkes entsteht“ (14,1.2).

Zwei Tage vor dem Passah beratschlagen die Hohenpriester und Schriftgelehrten, wie sie den Herrn möglichst geschickt töten könnten (Ps 64,3.6). Da sie die Menschen fürchten, die die gesegneten Auswirkungen des Handelns des Herrn in ihrer Mitte erfahren hatten, wollen sie Ihn nicht am Passahfest töten, um einen Aufruhr zu vermeiden.

Aber damit standen sie im Gegensatz zu den Gedanken Gottes. Er hatte in seinem Ratschluss schon lange vorher bestimmt, dass sein Sohn genau am Passahfest als das göttliche Passahlamm sterben sollte, damit Er die Erfüllung des Vorbildes würde. So sehen wir in diesem Kapitel ganz besonders, wie Gott selbst dann, wenn die Feindschaft des Menschen und die Macht Satans ihren Höhepunkt erreichen, alle Dinge in seiner Hand hält. Er sorgt dafür, dass nur das geschieht, was Er beschlossen hat, und zwar genau wann und wie Er es will (Spr 19,21).

Die Salbung des Herrn im Haus Simons in Bethanien

„Und als er in Bethanien war, im Haus Simons, des Aussätzigen, kam, während er zu Tisch lag, eine Frau, die ein Alabasterfläschchen mit Salböl von echter, sehr kostbarer Narde hatte. Sie zerbrach das Alabasterfläschchen und goss es aus auf sein Haupt. Einige aber waren unwillig bei sich selbst und sprachen: Wozu ist diese Vergeudung des Salböls geschehen? Denn dieses Salböl hätte für mehr als dreihundert Denare verkauft und den Armen gegeben werden können. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie; was macht ihr ihr Schwierigkeiten? Sie hat ein gutes Werk an mir getan; denn die Armen habt ihr allezeit bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen wohltun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie vermochte; sie hat im Voraus meinen Leib zum Begräbnis gesalbt. Aber wahrlich, ich sage euch: Wo irgend das Evangelium gepredigt werden wird in der ganzen Welt, wird auch davon geredet werden, was diese getan hat, zu ihrem Gedächtnis“ (14,3–9).

Die Szene, die uns in diesen Versen vorgestellt wird, steht in großem Gegensatz zu dem zuvor berichteten. Hier, im Haus Simons des Aussätzigen, offenbart sich ein Herz voller Liebe und Anbetung dem Herrn gegenüber. Während des Abendessens kommt Maria, die Schwester von Lazarus und Martha (Joh 11,1), und salbt den Herrn mit „echter, sehr kostbarer Narde“. Diese besondere Beschreibung des Wertes der Salbe macht deutlich, wie wertvoll diese Handlung in den Augen Gottes war. Denn Gottes Wort geht mit solchen Auszeichnungen wesentlich zurückhaltender um, als wir es oft tun.

In Marias Handeln zeigte sich die ganze Wertschätzung und Zuneigung, die in ihrem Herzen für den Herrn vorhanden war, aber auch ihr Verständnis über die Situation des Herrn, das hier wohl über das der Jünger hinausging. Sie redete kein Wort, sondern handelte aus den Empfindungen der Anbetung in ihrem Herzen heraus.

Maria kam mit einem Alabasterfläschchen voller Salböl, das das Ausströmen ihrer Anbetung darstellte. Hohelied 1,3.12 machen deutlich, wovon das Salböl und die Narde sprechen: „Lieblich an Duft sind deine Salben, ein ausgegossenes Salböl ist dein Name; darum lieben dich die Jungfrauen. Während der König an seiner Tafel war, gab meine Narde ihren Duft.“ Salböl ist die Herrlichkeit und Schönheit dessen, was die Person des Herrn für den Vater ist. Narde ist das, was wir davon verstanden haben (meine Narde) und in Gemeinschaft mit dem Vater vor Ihn bringen (Tafel) zu seiner Freude (Duft). Marias Salböl hatte einen Wert von mehr als dreihundert Denaren, was ungefähr dem Jahresverdienst eines Tagelöhners entsprach. Sie musste also lange dafür gespart und dann das Salböl gekauft und aufbewahrt haben, um es zum richtigen Zeitpunkt dem Herrn zu geben.

Das ist ein Hinweis darauf, wie auch wir uns in der Woche mit dem Herrn und seinem Werk beschäftigen sollen, um etwas zu sammeln, was wir dann persönlich, aber besonders auch gemeinsam am Sonntag „ausfließen“ lassen können. Denn die gemeinsame Anbetung am Tisch des Herrn sonntags ist die Frucht der gesammelten Gedanken jedes Einzelnen während der Woche.

Doch da, wo sich Anbetung zeigt, kommt auch der Feind auf den Plan. Angestiftet durch Judas (vgl. Joh 12,4) werden einige der Jünger unwillig und fahren Maria an. Ihre Beurteilung der Tat Marias ist schlimm: „Wozu ist diese Vergeudung des Salböls geschehen?“ Das kostbare Salböl, das Maria für den Herrn gab, hätten sie lieber verkauft und den Armen gegeben. Das wäre für sie keine Vergeudung gewesen. Aber weil es für den Herrn gegeben wurde, werteten sie es als Vergeudung. Dieses Verhalten beinhaltet eine ernste Warnung für uns. Auch bei uns kann es dazu kommen, dass wir große Aktivitäten im Dienst an Gläubigen und Ungläubigen entwickeln, aber dem Herrn und der Anbetung seiner Person nicht den ersten Platz einräumen. Diese Dinge und auch gute Werke an Armen haben durchaus ihren Platz. Aber es kommt auf die Prioritäten in unserem Leben an.

Die Jünger waren besorgt um die Armen, verkannten aber Den, der arm geworden war (2. Kor 8,9), als der Arme hier über die Erde ging (Ps 40,18 und 41,2) und nicht hatte, wo Er sein Haupt hinlegen konnte (Lk 9,58). Stattdessen griffen sie Maria an, die den Herrn im Gegensatz zu ihnen als „den Armen“ erkannte.

Maria verteidigt sich nicht selbst. Auch in Lukas 10,38–42 hatte sie es nicht getan. Sie überlässt ihre Sache dem Herrn, der sie sofort in Schutz nimmt und ihre Handlung außerordentlich würdigt. Was sie getan hatte, war ein gutes Werk an Ihm. Er selbst war der Beweggrund ihres Handelns gewesen, und die Liebe zu Ihm bewog sie, diese kostbare Salbe ausschließlich Ihm zu geben. „Sie hat getan, was sie vermochte!“ Nicht mehr und nicht weniger – aber alles, was sie tun konnte (vgl. auch Mk 12,44c). „Sie hat es getan“ – das steht im Gegensatz zu der Sprache der Jünger in Vers 5, die davon redeten, was man hätte tun können. Es zeigt das Ergebnis einer Tat des Glaubens im Gegensatz zu den Überlegungen des Unglaubens.

Marias zarte Empfindungen für den Herrn trieben sie dazu, seinen Leib im Voraus zum Begräbnis zu salben. Sie zeigte Ihm ihre Zuneigung und brachte Ihm ihre Anbetung direkt vor seinen tiefsten Leiden. Das war für den Herrn so wertvoll, dass Er die Verheißung gab, dass ihre Tat überall dort erwähnt werden würde, wo das Evangelium gepredigt werden würde. Das zeigt die Verbindung zwischen dem Evangelium und der Anbetung. Das Evangelium in seinem umfassenden Charakter beinhaltet zum einen das „Wort vom Kreuz“ zum Heil für den Verlorenen, hat aber auch zum Ziel, den erretteten Sünder zu einem wahren Anbeter zu machen.

Der verräterische Plan des Judas

„Und Judas Iskariot, einer von den Zwölfen, ging hin zu den Hohenpriestern, um ihn an sie zu überliefern. Sie aber freuten sich, als sie es hörten, und versprachen, ihm Geld zu geben. Und er suchte, wie er ihn zu gelegener Zeit überliefern könnte“ (14,10.11).

Hier zeigt sich wieder ein großer Gegensatz zu dem vorangegangenen Geschehen im Haus Simons. Dort war Maria, eine Frau, die ein Herz voller Liebe für den Herrn hatte; hier begegnen wir Judas, einem Mann, der herzlosen Verrat an dem Herrn verübte. Maria gab freiwillig dem Herrn, Judas fragte die Hohenpriester: „Was wollt ihr mir geben?“ (Mt 26,15).

Es war „einer von den Zwölfen“, der zu den Hohenpriestern ging, um seinen Herrn an sie zu überliefern.

Was muss das für den Herrn gewesen sein! Wenn wir Psalm 41,10 oder Psalm 55,13.14 lesen, bekommen wir einen kleinen Einblick in die Empfindungen des Herrn in Bezug auf Judas und erkennen, wie der Herr auch durch diesen Verrat auf seinem Weg zum Kreuz gelitten hat.

Judas hatte den Herrn gut drei Jahre in nächster Nähe begleitet, hatte sein Handeln und seine Liebe – auch ihm gegenüber – gesehen und war doch gleichgültig und unberührt davon geblieben.

Diese Gleichgültigkeit gegenüber der Person des Herrn und die Geldliebe in seinem Herzen führten zu seiner schrecklichen Sünde. Seine Geldliebe machte ihn zu einem Dieb (Joh 12,6) und trieb ihn so weit, den Herrn gegen einen Lohn von dreißig Silberstücken, dem Preis für einen Knecht (2. Mo 21,32), zu verkaufen. Aber zugleich verkaufte er damit sich selbst dem Satan. Daran erkennen wir, was für ein furchtbares Werkzeug die Geldliebe in der Hand Satans ist. Sie ist eine „Wurzel alles Bösen“ (1. Tim 6,10) und wir werden nicht umsonst vor ihr gewarnt, da sie eine Gefahr für jeden darstellt, egal ob er arm oder reich ist.

Dass es „einer von den Zwölfen“ war, illustriert auch, wie nahe ein Mensch dem Herrn Jesus äußerlich sein kann, um dann doch verloren zu gehen, wenn keine echte Herzensbeziehung und Wiedergeburt vorhanden ist. Es redet aber auch zu uns, indem es uns zeigt, dass ein Gläubiger (auch wenn Judas keiner war) in die schlimmsten Sünden fallen kann, wenn er nicht wachsam ist (1. Pet 4,15).

Judas ist auch ein Bild von dem ungläubigen Teil des Volkes Israel zur Zeit des Herrn Jesus auf der Erde. Die Menge der Juden hat den Herrn in all den Jahren erlebt und die segensreichen Auswirkungen seiner Gegenwart und seines Handelns erfahren. Und doch lehnten sie Ihn ab und brachten Ihn ans Kreuz. Ähnlich wie Judas handelte Absalom im Alten Testament, der Verrat an seinem Vater David beging.

Der Ort und die Vorbereitungen für das Passah

„Und am ersten Tag der ungesäuerten Brote, da man das Passah schlachtete, sagen seine Jünger zu ihm: Wo willst du, dass wir hingehen und bereiten, damit du das Passah essen kannst? Und er sendet zwei seiner Jünger und spricht zu ihnen: Geht hin in die Stadt, und es wird euch ein Mensch begegnen, der einen Krug Wasser trägt; folgt ihm, und wo irgend er hineingeht, sprecht zu dem Hausherrn: Der Lehrer sagt: Wo ist mein Gastzimmer, wo ich mit meinen Jüngern das Passah essen kann? Und dieser wird euch ein großes Obergemach zeigen, mit Polstern belegt und fertig; und dort bereitet es für uns. Und die Jünger gingen weg und kamen in die Stadt und fanden es, wie er ihnen gesagt hatte; und sie bereiteten das Passah“ (14,12–16).

Diese Verse machen uns zunächst einmal den Herrn Jesus groß. Das letzte vorbildliche Passah naht heran. Er, der im Begriff stand, das wahre Passahlamm zu werden, sendet zwei seiner Jünger aus, um alles für dieses Fest vorzubereiten, das Er noch einmal mit seinen Jüngern feiern wollte. Obwohl der Augenblick seiner tiefsten Erniedrigung kurz bevorstand, sehen wir hier noch einmal seine göttliche Herrlichkeit, seine Macht und Allwissenheit hervorstrahlen. Er sieht alles vor Augen und gibt den Jüngern klare Anweisungen für die Vorbereitungen. Alles trifft genau so ein. Die Jünger finden es so vor, wie Er es ihnen gesagt hatte.

In der Anwendung können wir diesen Versen wichtige Hinweise in Bezug auf den Platz des Zusammenkommens nach seinen Gedanken entnehmen, insbesondere im Blick auf das Brotbrechen und die Verkündigung seines Todes.

Zunächst lernen wir etwas über den Wunsch im Herzen eines Gläubigen, diesen Platz zu finden (V. 12). Dann sehen wir, welche Führer und Hilfsmittel der Herr uns gibt, um an diesen Platz zu gelangen (V. 13), und schließlich erfahren wir, wodurch dieser Ort charakterisiert ist (V. 13–15).

Es beginnt mit der wichtigen Frage der Jünger: „Wo willst du, dass wir hingehen?“ Das ist die entscheidende Frage, die hier an die richtige Adresse gerichtet wird. Wenn es um den Platz des Zusammenkommens geht, dann ist allein der Wille des Herrn ausschlaggebend. Heute wird das oft missachtet, man fragt viel lieber: „Wo will ich hingehen?“ Wie erfreut es dann das Herz des Herrn, wenn Er solche findet, die in dieser Sache allein nach seinem Willen fragen und den Ort suchen, wo Er sich aufhält.

Ähnliche Fragen finden wir auch in Johannes 1,38 und in Hohelied 1,7. Wenn wir diese Stellen mit unseren Versen vergleichen, stellen wir fest, dass

  1. die Fragen immer an den Herrn gerichtet werden,
  2. der Herr nirgendwo eine genaue Adresse angibt und
  3. die Fragenden immer zur Ruhe kommen.

Statt ihnen den konkreten Ort zu nennen, gibt Er den Jüngern hier eine auf den ersten Blick etwas interessant anmutende Anweisung: Sie würden einem Menschen (oder Mann) begegnen, der einen Krug Wasser trägt. Das war etwas Besonderes, denn normalerweise war es Aufgabe der Frauen, Wasser zu holen. Diesem Menschen sollten sie folgen. Mehr sagt Er ihnen nicht. Dies macht deutlich, dass es bei uns eine gewisse geistliche Übung voraussetzt, um den Platz zu finden, wo der Herr in unserer Mitte sein will.

Aber auf dem Weg zu diesem Ort sind wir nicht allein gelassen. In Vers 13 finden wir die Führer, die uns den Weg weisen wollen. Zunächst ist es der Herr selbst, dem wir gehorchen müssen. Er sendet die Jünger aus, um an den Ort zu gelangen. Dann haben wir den Menschen, der den Krug Wasser trägt. Darin sehen wir ein Bild des Heiligen Geistes (vgl. Joh 16,13), der das Wort Gottes (vgl. Eph 5,26) benutzt und es uns aufschließt, um uns an den richtigen Ort zu bringen. Der Herr, der Geist und das Wort – das sind drei absolut zuverlässige Führer. Denn alle drei sind „die Wahrheit“, (Joh 14,6; 16,13; 17,17; 1. Joh 5,6). Wenn wir auf diese Führer achten und ihnen nachgehen, folgen wir also der Wahrheit und wir sind auf dem richtigen Weg. Und wir werden wie die Jünger die Erfahrung machen, dass wir alles so finden, „wie er ihnen gesagt hatte“ (V. 16). Es liegt also an uns, den Willen des Herrn zu erfragen, ihn dann aber auch zu tun. Den Jüngern würde der „Mensch mit dem Krug Wasser“ auf dem Weg „begegnen“. Auch das ist eine Erfahrung, die wir machen werden, wenn wir den Willen des Herrn tun möchten: „Du kommst dem entgegen, der Freude daran hat, Gerechtigkeit zu üben, denen, die sich auf deinen Wegen an dich erinnern“ (Jes 64,4).

In den folgenden Versen finden wir dann verschiedene Punkte, die den Ort des Zusammenkommens nach den Gedanken des Herrn kennzeichnen.

Zunächst heißt es, dass die Jünger in die Stadt gehen sollten. Eine Stadt ist ein Ort in dieser Welt, wo Menschen wohnen. So kommen auch wir in dieser Zeit zusammen, während wir hier auf der Erde wohnen und unter den Menschen leben. Wenn wir beim Brotbrechen den Tod des Herrn verkünden, tun wir dies auch vor den Menschen, die uns umgeben.

Dann sollten die Jünger nach dem Gastzimmer fragen. Es ist ein Ort mit vorübergehendem Charakter; man hat dort ein Bewusstsein von Fremdlingschaft.

Als Gläubige ist „unser Bürgertum in den Himmeln“ (Phil 3,20). Hier auf der Erde sind wir „Fremdlinge“ und „ohne Bürgerrecht“ (1. Pet 2,11). Aber wir kennen hier ein „Gastzimmer“, einen Ort, wohin der Herr uns einlädt. Da sind wir in seinem Namen versammelt, und Er verheißt in unserer Mitte zu sein (Mt 18,20). Da verkündigen wir den Tod des Herrn, „bis er kommt“ (1. Kor 11,26).

Es ist sein Gastzimmer. Dieser Ort gehört Ihm allein – nicht uns. Er ist der Gastgeber, von dem in den Zusammenkünften alles so ausgeht und gelenkt wird, dass es zum Segen und Wohlergehen der Gläubigen ist.

Weiter heißt es, dass den Jüngern ein großes Obergemach gezeigt werden würde. Das spricht davon, dass wir an diesem Ort über die irdischen Umstände „emporgehoben“ werden. Wir dürfen dort schon auf der Erde etwas „Himmelsluft“ atmen und die Gemeinschaft mit Ihm genießen. Dieses Obergemach ist dadurch gekennzeichnet, dass es groß ist. Es ist ein Ort, der grundsätzlich allen Kindern Gottes offen steht, auch wenn wir in der Praxis aufgrund der Zerrissenheit in der Christenheit leider nicht mehr mit allen Gläubigen gottesdienstlich verbunden sein können. Aber die Grundlage des Zusammenkommens an diesem Ort ist die Wahrheit von dem einen Leib, der Einheit aller Erlösten mit dem Herrn. In dem einen Brot, das vor uns steht, wenn wir den Tod des Herrn verkünden, sehen wir alle Gläubigen. Das wollen wir nie vergessen.

Das Obergemach war mit Polstern belegt. Das lässt uns daran denken, dass der Ort nach den Gedanken Gottes durch Ruhe, Frieden und Ordnung gekennzeichnet ist. Und es zeigt auch, dass die Suche nach diesem Ort einmal ein Ende haben darf und dass wir dort in Ruhe unsere himmlischen Beziehungen genießen werden.

Zuletzt sagt der Herr, dass das Gastzimmer fertig sein würde. Für uns ist dieser Ort seit Apostelgeschichte 2 fertig und durch den Herrn bereitet. An diesem Ort bleibt kein Platz für menschliche Ideen und die Wahrheit über das Zusammenkommen an diesem Ort unterliegt keiner Änderung.

Wie dankbar können wir sein, diesen Ort zu kennen, wo Er mit seinen Jüngern (V. 14) in dieser Welt zusammenkommen will!

Welche Erfahrung machten die Jünger damals? Vers 16 sagt es: „Seine Jünger gingen weg und kamen in die Stadt und fanden es, wie er ihnen gesagt hatte.“ Die gleiche Erfahrung wird heute jeder machen, der aufrichtig den Wunsch hat, diesen Platz zu finden, und der sich dabei durch den Geist Gottes im Gehorsam zur Bibel leiten lässt.

Judas wird offenbar

„Und als es Abend geworden war, kommt er mit den Zwölfen. Und während sie zu Tisch lagen und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich überliefern, der, der mit mir isst. Sie fingen an, betrübt zu werden und einer nach dem anderen zu ihm zu sagen: Doch nicht ich? Er aber sprach zu ihnen: Einer der Zwölf, der mit mir die Hand in die Schüssel eintaucht. Denn der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie über ihn geschrieben steht; wehe aber jenem Menschen, durch den der Sohn des Menschen überliefert wird! Es wäre besser für jenen Menschen, wenn er nicht geboren wäre“ (14,17–21).

Als es Abend geworden ist, kommt der Herr mit seinen zwölf Jüngern, um mit ihnen das letzte Passah während seines Lebens auf der Erde zu feiern. Während des Essens offenbart der Herr seinen Jüngern, was sein Herz bewegt. Er sagt, dass einer von ihnen Ihn überliefern würde. Wir haben schon bei der Betrachtung von Vers 10 daran gedacht, was für ein Schmerz es für den Herrn gewesen sein muss, dass gerade „einer von den Zwölfen“ (V. 10.20), „einer von euch“ (V. 18) Ihn verraten würde. Er hatte von Anfang an gewusst, dass Judas ein Verräter war (Lk 6,16), und hatte ihn doch bis zu diesem Augenblick mit vollkommener Liebe geliebt und getragen. Ja, Er hatte Judas mit seiner Liebe so umgeben, dass die übrigen Jünger ihn bis jetzt nicht erkannt hatten. Daher sind sie so erschrocken, als der Herr ihnen eröffnet, dass einer von ihnen Ihn überliefern würde.

Der Herr hätte Judas mit einem Satz überführen können. Doch Er tat es nicht, weil Er in den Herzen der Jünger zweierlei erreichen wollte:

Zum einen wollte Er sie etwas an dem teilhaben lassen, wie Er in dieser Sache zu leiden hatte; zum anderen wollte Er aber auch ihre Gewissen in Übung bringen.

Diese beiden Ziele verfolgt Er auch heute, wenn Er in der Mitte der Seinen Böses offenbaren muss.

Er möchte, dass wir erkennen, was Ihm durch Sünde angetan wird und wie Er dadurch betrübt wird. Aber Er will auch unser aller Gewissen treffen, damit wir erkennen, dass in uns nichts Gutes wohnt und dass wir zu allem Bösen fähig sind, wenn wir nicht wachsam sind und uns nicht von Ihm bewahren lassen.

Die Gewissen der Jünger wurden erreicht. Sie wussten, dass der Herr stets die Wahrheit sagte, und fragten daher einer nach dem anderen ängstlich: „Doch nicht ich?“ In den Herzen der elf Jünger war keine Selbstsicherheit mehr, sondern nur noch Misstrauen sich selbst gegenüber. Anders jedoch bei Judas, der in Matthäus 26,25 auch diese Frage stellt. Wir erschrecken, wenn wir sehen, welche Macht der Teufel über Judas hatte. Er stellte nicht nur diese heuchlerische Frage, sondern tauchte auch noch seine Hand mit dem Herrn in eine Schüssel ein. So nah war er äußerlich dem Herrn und doch innerlich so fern.

In der Schüssel befand sich vermutlich Brühe mit bitteren Kräutern, in die die Bissen beim Passah eingetaucht wurden. Diese Brühe redet von der Bitterkeit des Todes, den der Herr erleiden musste. Dieses Zeichen war hier vor Judas, doch er blieb davon und auch von den ernsten Worten des Herrn unberührt.

Die Worte des Herrn in Vers 21 zeigen den Ratschluss Gottes, aber auch die Verantwortung des Menschen.

Der Herr ging als der Sohn des Menschen, als wirklicher Mensch, „dahin, wie über ihn geschrieben steht“. Das ganze Alte Testament hatte seinen Weg vorgezeichnet. Und diesen Weg ging der Herr als vollkommener Mensch, obwohl Er genau wusste, da Er zugleich Gott war, was Ihm dieser Weg einbringen würde. So groß war seine Liebe!

Aber dieser Weg nach dem Vorsatz Gottes schmälerte in keiner Weise die Verantwortung des Judas, der „Sohn des Verderbens“ (Joh 17,12). Die überaus ernsten Worte des Herrn an Judas waren ein letzter Appell zur Rettung seiner Seele, doch Judas erkannte es nicht und ging, nachdem er den Bissen aus der Hand des Herrn genommen hatte, hinaus in die Nacht, wie Johannes berichtet. Er hatte – wie der König Pharao – die bestimmte Zeit vorübergehen lassen und war verloren (Jer 46,17).

Die Einsetzung des Mahles des Herrn

„Und während sie aßen, nahm er Brot, segnete, brach und gab es ihnen und sprach: Nehmt; dies ist mein Leib. Und er nahm einen Kelch, dankte und gab ihnen diesen; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Dies ist mein Blut, das des neuen Bundes, das für viele vergossen wird. Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr von dem Gewächs des Weinstocks trinken werde bis zu jenem Tag, wenn ich es neu trinke in dem Reich Gottes. Und als sie ein Loblied gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg“ (14,22–26).

Diese Verse schildern uns eine sehr beeindruckende Szene. Judas hat den Obersaal verlassen. Der Herr liegt mit seinen Jüngern zu Tisch und isst mit ihnen das Passahmahl. Welche Empfindungen müssen Ihn dabei bewegt haben! Wusste Er doch genau, dass Er wenig später sein Leben geben und schrecklich leiden würde. Doch dann nimmt Er plötzlich Brot, segnet (oder dankt), bricht es und gibt es seinen Jüngern mit den Worten: „Nehmt; dies ist mein Leib“, und Lukas fügt noch die Worte des Herrn hinzu: „der für euch gegeben wird.“ Ebenso tut Er mit dem Kelch.

Aus Lukas 22,19 und 1. Korinther 11,24–26 lernen wir, dass Er ihnen diese Zeichen zu seinem Gedächtnis und zur Verkündigung seines Todes gab. Was für eine Liebe spricht aus seinen Worten und aus seinem Handeln! Und wie erfreut es den Herrn, wenn wir seine Liebe erwidern und seiner Aufforderung entsprechen und von Herzen zu seinem Gedächtnis zusammenkommen, um seinen Tod zu verkündigen.

Er gibt den Jüngern diese zwei schlichten Zeichen Brot und Wein, die voll tiefer Bedeutung sind, wie die Worte des Herrn deutlich machen.

Als Er den Jüngern das Brot reicht, sagt Er: „Dies ist mein Leib.“ Als Er ihnen den Kelch reicht, sagt Er: „Dies ist mein Blut.

Das Brot ist also ein Symbol, eine bildhafte Darstellung seines Leibes, den Er für uns in den Tod gegeben hat. Ebenso ist der Wein ein Symbol seines Blutes, das Er am Kreuz von Golgatha vergossen hat. Brot und Wein voneinander getrennt reden vom Tod. Aber auch beide Symbole sprechen für sich vom Tod, wenn wir an ihren Entstehungsprozess denken. Es ist wichtig, dass wir daran denken, dass das Brot und der Wein nur Symbole sind, die sich nicht verändern, wenn sie gegessen bzw. getrunken werden.

In 1. Korinther 10 und 11 finden wir den lehrmäßigen Hintergrund zum Tisch des Herrn und Mahl des Herrn. Dort wird die Bedeutung der Symbole bestätigt. Eine weitere Bedeutung des Brotes wird uns in 1. Korinther 10,17 gezeigt. Das Brot ist auch ein Bild von der wunderbaren Einheit aller Kinder Gottes, die aus dem Werk auf Golgatha hervorgegangen ist. Es spricht von dem einen Leib, von dem der Herr Jesus jetzt das verherrlichte Haupt im Himmel ist.

Das Blut wird hier und in den Parallelstellen immer mit dem neuen Bund in Verbindung gebracht. Daraus könnte man schließen, dass dieser Bund mit den Gläubigen der Gnadenzeit in Verbindung steht. Dies ist jedoch nicht so.

Aus Jeremia 31,31–34 und Hebräer 8,8–13 lernen wir, dass der neue Bund mit Israel geschlossen wird. Mit Israel gab es bereits einen alten, einen ersten Bund (2. Mo 24,3–8). Dieser Bund war ein zweiseitiger Bund zwischen dem Volk und dem Herrn. Es war ein Bund der Werke. Er gründete sich auf die freiwillige Verpflichtung des Volkes Israel, alle Worte, die der Herr geredet hatte, zu tun. Dieser Bund wurde durch Blut besiegelt. Allerdings war das Blut dort ein Zeichen des Todes für jeden, der den Bund brechen würde.

Der neue Bund ist von ganz anderer Natur. Es ist ein einseitiger Bund, der sich allein auf Gott gründet und nichts vom Menschen fordert. Das Blut des Herrn Jesus, das durch den Kelch symbolisiert wird, ist die Grundlage des neuen Bundes. Daher wird es hier und in den anderen Berichten das „Blut des [neuen] Bundes“ genannt. Die Grundlage dieses Bundes ist also auf Golgatha gelegt worden, der Bund selbst ist jedoch noch zukünftig (Jer 31,31.33). Er beinhaltet im Wesentlichen drei Dinge:

  1. Israel wird wieder das Volk Gottes werden, es wird eine Wiedergeburt als Nation erleben („Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen … ich werde ihr Gott, und sie werden mein Volk sein“ [Jer 31,33]).
  2. Israel wird wieder zur Erkenntnis des Herrn kommen („Sie alle werden mich erkennen“ [Jer 31,34]).
  3. Israel wird in den Genuss der Sündenvergebung gelangen („Ich werde ihre Schuld vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken“ [Jer 31,34]).

In welchem Verhältnis stehen nun wir Christen zu diesem neuen Bund? Wir genießen diese Segnungen jetzt schon. Aber wir genießen sie nicht in einer Bundesbeziehung, sondern als Kinder, mit denen Gott keinen Bund schließt. Unsere Segnungen gehen weit über die des neuen Bundes hinaus, wenn wir nur an das denken, was uns in Epheser 1 vorgestellt wird.

Das Mahl, das der Herr hier einsetzte, wurde durch Danksagung gekennzeichnet. Er dankte, bevor Er das Brot verteilte, und dankte, bevor Er den Jüngern den Kelch gab.

Wir tun gut daran, wenn wir diesem Muster in unseren Zusammenkünften zum Brechen des Brotes genau folgen. Sei es, was die Reihenfolge der Handlungen betrifft, sei es, was die Schlichtheit betrifft, die über allem liegt, aber auch in Bezug auf den Charakter der Zusammenkunft. Wir kommen bei dieser Gelegenheit nicht zusammen, um unsere Bitten vor den Herrn zu bringen, sondern um Ihm zu danken, um Ihn durch Lieder, Bibelstellen und Gebete zu loben und zu preisen. Wir kommen zusammen, um seinen Tod zu verkündigen. Sein Tod am Kreuz auf Golgatha ist der Mittelpunkt dieses Zusammenkommens. Und diesen Tod verkündigen wir gemeinsam, indem wir von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken (1. Kor 11,26).

Der Herr kündigt in Vers 25 an, dass Er selbst nicht mehr von dem Gewächs des Weinstocks – in seinem natürlichen Sinn – trinken würde, bis Er es neu tun würde im Reich Gottes. Sein Tod unterbrach seine Beziehungen zu der Erde und bedeutete in dieser Hinsicht das Ende jeder Freude für Ihn. In der Zeit von seinem Tod bis zur Errichtung des Reiches findet Er auch keine Freude und Frucht mehr an seinem irdischen Volk Israel. Das alles wird erst im zukünftigen Reich wieder gefunden werden.

„Als sie ein Loblied gesungen hatten gingen sie hinaus an den Ölberg.“ Das ist ein beeindruckendes Zeugnis von der inneren Ruhe und Stärke, die den Herrn auf seinem Weg ans Kreuz kennzeichnete. Wahrscheinlich waren es die Psalm 115–118, die sie sangen, die so genannten „Hallel-Psalmen“. Was muss den Herrn dabei bewegt haben, wenn es z. B. in Psalm 118,27 heißt: „Bindet das Festopfer mit Stricken bis an die Hörner des Altars.“ Er wusste genau, was Ihm begegnen würde, und konnte doch angesichts all dessen, was vor Ihm stand, noch solch ein Loblied singen!

Warnungen an die Jünger

„Und Jesus spricht zu ihnen: Ihr werdet alle Anstoß nehmen, denn es steht geschrieben: ‚Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden zerstreut werden.‘ Aber nach meiner Auferweckung werde ich euch vorausgehen nach Galiläa. Petrus aber sprach zu ihm: Wenn auch alle Anstoß nehmen werden, ich aber nicht. Und Jesus spricht zu ihm: Wahrlich, ich sage dir, dass du heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, mich dreimal verleugnen wirst. Er aber beteuerte über die Maßen: Wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen. Ebenso aber sprachen auch alle“ (14,27–31).

Auf dem Weg zum Ölberg kündigt der Herr den Jüngern an, was die bevorstehenden Stunden und seine Kreuzigung auch für sie bedeuten würden. Sie werden an Ihm „Anstoß nehmen“, weil sie nicht verstehen können, warum ihr Meister so behandelt werden wird und warum Gott das zulassen wird.

Der Herr zitiert dann eine Stelle aus Sacharja 13,7 und kündigt an, dass der Hirte geschlagen und dass die Schafe zerstreut werden.

Es sollte etwas geschehen, was für die Jünger eine große Änderung in ihrem Dienst und praktischen Wandel bedeuten würde. Bisher waren sie in den Jahren des gemeinsamen Dienstes mit dem Herrn vor allem bewahrt geblieben. Mit der Gefangennahme und dem Tod des Herrn änderte sich dies. Der Hass, die Feindschaft und die völlige Verwerfung, die den Herrn treffen würden, werden sich auch auf sie auswirken und dazu führen, dass sie, die Schafe, zerstreut werden. So sehen wir dann auch in Vers 50: „Und es verließen ihn alle und flohen.“ Sie flohen vor der „Gewalt der Finsternis“, vor der Feindschaft der Menschen.

Aber was für ein Sturm brach erst gegen den Herrn los, als Er, der Hirte, in den drei Stunden der Finsternis am Kreuz von Gott geschlagen wurde. Was das für ein Gericht war, können wir nicht erahnen.

Wenn auch die unmittelbaren Auswirkungen des Kreuzes zur Zerstreuung der Jünger führten, können wir uns doch an das herrliche Ergebnis des vollbrachten Sühnungswerkes am Kreuz erinnern. Dieses Werk ist die gerechte Grundlage dafür, dass der Herr die Seinen jetzt sammeln kann. Er starb, um die zerstreuten Kinder Gottes in eins zu versammeln (Joh 11,52) und um die Schafe aus dem jüdischen Schafhof und aus den Nationen zu einer Herde zusammenzubringen (Joh 10,16).

Auch wenn die Jünger sich an Ihm stoßen und Ihn verlassen würden – der Herr würde sie nicht verlassen. Er blickt schon über das Kreuz hinaus und tröstet sie damit, dass Er vor ihnen nach Galiläa hergehen und dass sie Ihn dort wiedersehen würden. Darin erkennen wir einen Bezug zu dem letzten Versteil aus Sacharja 13,7: „Ich werde meine Hand den Kleinen (o. Geringen) zuwenden.“ Das ist unser Herr in seiner nie endenden Fürsorge für die Seinen!

Die Verse 29–31 führen uns Petrus und die Ankündigung seiner Verleugnung vor Augen. Dabei fallen vier Punkte in seinem Verhalten auf, in denen er – und auch die anderen Jünger (s. V. 31b) – versagte und die auch uns zur Gefahr werden können:

  1. Petrus glaubte den Worten des Herrn nicht und widersprach Ihm – der Herr hatte gesagt, dass sich alle Jünger an Ihm ärgern würden, Petrus sagt jedoch: „Ich aber nicht.“
  2. Petrus schätzte sich falsch ein – er hatte ein Herz voller Liebe für den Herrn und meinte es aufrichtig, aber seine Liebe war nicht mit Kraft und Besonnenheit gepaart (2. Tim 1,7).
  3. Petrus verglich sich selbstgerecht mit den anderen – bei seinem Vergleich stellte Petrus sich über die anderen Jünger. Er meinte zu stehen und musste die schmerzliche Erfahrung machen, dass er fiel (1. Kor 10,12).
  4. Petrus nahm die Warnung des Herrn nicht an – die sehr präzisen Worte des Herrn in Vers 30 hätten ihn vorsichtig und nachdenklich machen sollen. Aber sie führten bei ihm zum Gegenteil. Er beteuerte seine Hingabe nur noch leidenschaftlicher und überheblicher.

Wenn wir diese Punkte auf uns einwirken lassen, erkennen wir schnell, dass es uns nicht zusteht, über Petrus zu richten, weil wir uns selbst in seinem Bild erkennen. Wie oft kommen wir zu Fall und müssen dann feststellen, dass die Ursache dafür der eine oder andere oder sogar mehrere der genannten Punkte waren. Wir wollen uns daher durch diese Verse warnen lassen und festhalten, dass wir nur in Gemeinschaft mit Ihm und durch seine Gnade vor Versagen und Straucheln bewahrt bleiben können.

Aus dem weiteren Verlauf der Geschichte und den Berichten in den anderen Evangelien wissen wir, dass das Selbstvertrauen des Petrus durch seinen Fall gründlich zerstört wurde. Es freut uns, wenn wir sehen, dass Petrus durch die persönliche und öffentliche Wiederherstellung durch den Herrn auch bleibend davon befreit wurde. Denn wie hätte er sonst in Apostelgeschichte 3,14 zu den Männern von Israel sagen können: „Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet“?

Gethsemane

„Und sie kommen an einen Ort, mit Namen Gethsemane, und er spricht zu seinen Jüngern: Setzt euch hier, bis ich gebetet habe. Und er nimmt Petrus und Jakobus und Johannes mit sich und fing an, sehr bestürzt und beängstigt zu werden. Und er spricht zu ihnen: Meine Seele ist sehr betrübt, bis zum Tod; bleibt hier und wacht. Und er ging ein wenig weiter, fiel auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorübergehe. Und er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir weg! Doch nicht, was ich will, sondern was du willst! Und er kommt und findet sie schlafend; und er spricht zu Petrus: Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt; der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach. Und er ging wieder hin, betete und sprach dasselbe Wort. Und als er wiederkam, fand er sie schlafend, denn ihre Augen waren beschwert; und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten. Und er kommt zum dritten Mal und spricht zu ihnen: So schlaft denn weiter und ruht euch aus. Es ist genug; die Stunde ist gekommen: Siehe, der Sohn des Menschen wird in die Hände der Sünder überliefert. Steht auf, lasst uns gehen; siehe, der mich überliefert, ist nahe gekommen“ (14,32–42).

Über dem Geschehen in Gethsemane liegen unausgesprochen die Worte aus 2. Mose 3,5: „Zieh deine Schuhe aus von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden.“ Wir sehen den Herrn in seinen Vorempfindungen der Leiden, die unmittelbar über Ihn kommen würden und die Ihm größte Seelennot bereiten. Satan, der nach den Versuchungen in der Wüste für eine Zeit von Ihm gewichen war (Lk 4,13), kommt jetzt wieder zurück (Joh 14,30.31), um den Herrn noch einmal aufs Äußerste zu versuchen.

Trotz all des Unverständnisses der Jünger in Bezug auf seinen Weg und seine Leiden nimmt der Herr sie doch weiter mit bis nach Gethsemane in die Nähe des Ölbergs. Dort wählt Er Petrus, Jakobus und Johannes aus, um sie etwas an seinen Leiden teilhaben zu lassen. Sie waren es auch, die Ihn in Lukas 9 auf den Berg begleitet hatten, als Er mit Mose und Elia seinen Ausgang besprach, den Er in Jerusalem erfüllen sollte (Lk 9,31). Doch in beiden Begebenheiten wurde ihre menschliche Schwachheit deutlich: Sie schliefen ein.

Sie erleben mit, wie der Herr „sehr bestürzt und beängstigt“ wird, und hören von Ihm, dass seine Seele bis zum Tode betrübt ist. Es sind ergreifende Verse, die uns einen Blick in die Seele, in die innersten Empfindungen des Herrn gestatten. Neben dem Verrat durch Judas, der Verleugnung durch Petrus, der Verwerfung durch sein Volk stand in ganz besonderer Weise das Geschehen in den drei Stunden der Finsternis am Kreuz vor dem Herrn. Dort würde Er, der Sündlose, zur Sünde gemacht werden und von einem heiligen und gerechten Gott verlassen und gerichtet werden. Dort würde Er in den Tod gehen müssen. Das ganze Gewicht des vor Ihm liegenden Sühnungswerkes bedrückte hier seine Empfindungen und bereitete Ihm tiefste Not.

Doch der Herr ging vollkommen durch diese Stunde der Versuchung und wandte sich in ernstem Gebet und Flehen zu Dem, „der ihn aus dem Tod zu erretten vermochte“ (Heb 5,7). In Gemeinschaft mit seinem Gott – denn hier war der Herr im Gegensatz zu den drei Stunden am Kreuz noch in Gemeinschaft mit Ihm – durchlebte Er alles, was Ihm begegnen würde.

So lesen wir dann in Vers 35: „Er ging ein wenig weiter, fiel auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorübergehe.“ Es scheint, dass diese in indirekter Rede geschilderten Worte eine Zusammenfassung seines Gebets sind, während wir dann in Vers 36 die direkten Worte seines Gebets finden.

Drei kurze und doch so inhaltsreiche Sätze werden uns von dem Gebet des Herrn berichtet. Diese Aussagen zeigen den Herrn als Sohn sowie als Mensch und Diener:

  1. „Abba, Vater, alles ist dir möglich“ – hier redet der Herr als der Sohn, der in inniger Beziehung zu seinem Vater steht, und spricht Ihn in seiner Allmacht an.
  2. „Nimm diesen Kelch von mir weg!“ – das sagt der Herr als der vollkommene und wahre Mensch. Als solcher hatte Er während seines ganzen Lebens in ungetrübter Gemeinschaft mit seinem Gott gestanden und Er kannte Gottes Liebe und Heiligkeit in ihrem ganzen Ausmaß. Er hatte die Sünde verabscheut und wusste um den Zorn Gottes gegen die Sünde. Der Kelch, der jetzt vor Ihm stand, war gefüllt mit diesem Zorn Gottes. Wie konnte Er da wünschen, diesen Kelch zu trinken, zur Sünde gemacht und von Gott verlassen zu werden?
  3. „Doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ – diese Worte zeigen den Herrn in dem Charakter dieses Evangeliums als den vollkommenen Diener, der sich dem Willen Gottes unterwarf. Trotz all der Not, die der Kelch aus der Hand des Vaters für Ihn beinhaltete, wusste Er doch, dass es keine andere Möglichkeit gab, das Werk, das der Vater Ihm gegeben hatte, zu vollbringen. Er musste diesen Kelch des Zornes Gottes trinken. In vollkommenem Gehorsam war Er bereit, alles zu tun, was erforderlich war, um das Werk auszuführen und den Vater zu verherrlichen. Er war „gekommen, um zu dienen“ – und das bis zu seinem Tod!

Erklären und in ihrer Tiefe verstehen können wir diese Worte nicht. Gerade in diesen Versen bestätigt sich Matthäus 11,27: „Niemand erkennt den Sohn, als nur der Vater.“

Insgesamt dreimal brachte der Herr die Not seiner Seele in ringendem Flehen vor seinen Vater. Das lässt uns etwas davon erahnen, wie schwer und furchtbar das Vorempfinden der kommenden Leiden für Ihn war. Es ist beeindruckend, zu sehen, mit welch einer Ruhe der Herr nach jedem Gebet vor die Jünger tritt. Obwohl Er selbst in so großer Not war, kümmert Er sich doch noch in Liebe um sie. Er findet sie schlafend, dabei hatte Er sich als der wahre Mensch so sehr nach ihrem Mitgefühl, nach ihrem Mitleid gesehnt. Er spricht Simon, der sich vorher so gerühmt hatte, stellvertretend für die anderen an. In dieser Situation der Schwachheit nennt Er ihn – wie schon zuvor bei der Warnung in Lukas 22,31 – mit seinem alten Namen. Dadurch hätte Simon Petrus hellwach werden müssen. Doch wie alle anderen hatte auch er nicht gebetet, sondern war eingeschlafen.

Es gehörte zu den Leiden des Herrn, dass Er auch in dieser Not ganz allein war. Er hatte „auf Mitleid gewartet, und da war keins, und auf Tröster“, und Er hatte „keine gefunden“ (Ps 69,21). Und in Psalm 102,7.8 hören wir Ihn klagen: „Ich gleiche dem Pelikan der Wüste, bin wie die Eule der Einöden. Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dach.“

Aber obwohl Er bei den Jüngern vergeblich auf Mitleid wartete, tadelt Er sie nicht weiter, sondern erkennt bei aller Schwachheit doch ihre Liebe zu Ihm an, indem Er sagt: „Der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach“ – eine Erfahrung, die auch wir leider oft machen.

Darin sehen wir wieder unseren Herrn, der selbst in einer solchen Lage nicht an sich denkt, sondern an seine Jünger und sie nochmals auffordert, zu wachen und zu beten, um nicht in Versuchung zu kommen. Nur so und mit dem Bewusstsein unserer eigenen Schwachheit können wir vor Versuchungen bewahrt bleiben. Ist die Versuchung erst einmal da, haben wir oft keine Zeit mehr zu beten.

Der Teufel will uns nicht nur zur Sünde verführen, sondern auch zum Schlafen, wie die Jünger hier. Beides führt dazu, dass wir unbrauchbar und unempfindsam werden für die Bedürfnisse des Herrn und unserer Mitmenschen. Daher haben auch wir die wiederholte Warnung des Herrn „Wacht“ so nötig.

Als der Herr zum dritten Mal zurückkommt und die Jünger schlafend findet, sagt Er: „So schlaft denn weiter, und ruht euch aus. Es ist genug.“ Jetzt war die gelegene Zeit zu wachen vorbei. Jetzt war die Stunde gekommen, in der der Sohn des Menschen in die Hände der Sünder überliefert wurde.

Was war das für eine Stunde? Es war die Stunde des Volkes, das Er liebte, das Ihn jetzt aber völlig verwarf. Es war die Stunde der „Gewalt der Finsternis“, die Stunde, in der Satan mit der Gewalt des Todes in seiner Hand zu Ihm kam (Lk 22,53). Und es war auch die Stunde, in der Er durch Judas verraten wurde und in der Gott Ihn in die Hand seiner Feinde gab.

Der Sohn des Menschen sollte jetzt in die Hände der Sünder überliefert werden. Was für ein Gegensatz liegt in diesen Worten. In Daniel 7,13.14 erfahren wir etwas davon, wer der Sohn des Menschen ist und was für eine Macht und Herrlichkeit in der Zukunft mit diesem Titel verbunden sein wird. Er, dieser vollkommen Reine, Heilige und Sündlose, ließ sich in die Hände der Sünder überliefern, ließ sich von ihnen berühren und gefangen nehmen!

Und wer war der erste dieser Sünder, der kam, um den Herrn zu überliefern? Es war „Judas, einer der Zwölf“ (V. 43), der die Schar anführte, die Ihn gefangen nehmen wollte (Lk 22,47).

In Vers 42 wird noch einmal deutlich, was für ein Schmerz es für den Herrn gewesen sein muss, dass Ihn gerade Judas überlieferte. Er spricht nicht von der ganzen Menge, die kam, um Ihn gefangen zu nehmen, sondern nur von Judas, der kam, um Ihn zu überliefern. Von dieser Überlieferung berichtet der Heilige Geist auch in 1. Korinther 11,23. Auch wir sollten wissen, wie sehr der Herr durch das Handeln Judas' verletzt wurde.

Judas handelte zielgerichtet und führte seinen Plan aus. Aber ebenso zielgerichtet handelte auch der Herr, der den Heilsplan Gottes ausführen wollte. Wir hören Ihn sagen: „Steht auf, lasst uns gehen.“ Jetzt, wo der Herr den Kelch aus der Hand des Vaters genommen hatte, hatte Er nur noch das eine Ziel, den Willen Gottes ganz zu erfüllen und sein Werk zu vollbringen. Er ging, um sich in die Hände der Sünder zu übergeben.

Der Verrat und die Gefangennahme des Herrn

„Und sogleich, noch während er redet, kommt Judas, einer der Zwölf, herzu, und mit ihm eine Volksmenge mit Schwertern und Stöcken, ausgesandt von den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und den Ältesten. Der ihn aber überlieferte, hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Wen irgend ich küssen werde, der ist es; ihn greift, und führt ihn sicher fort. Und als er kam, trat er sogleich zu ihm und spricht: Rabbi!, und küsste ihn sehr. Sie aber legten die Hände an ihn und griffen ihn. Ein gewisser von den Dabeistehenden aber zog das Schwert, schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab.

Und Jesus hob an und sprach zu ihnen: Seid ihr ausgezogen wie gegen einen Räuber, mit Schwertern und Stöcken, um mich zu fangen? Täglich war ich bei euch, im Tempel lehrend, und ihr habt mich nicht gegriffen – aber damit die Schriften erfüllt würden. Und es verließen ihn alle und flohen. Und ein gewisser Jüngling folgte ihm, der feines Leinentuch um den bloßen Leib geworfen hatte; und sie greifen ihn. Er aber ließ das feine Leinentuch fahren und floh nackt von ihnen“ (14,43–52).

Während der Herr noch mit seinen Jüngern redet, naht die bewaffnete Volksmenge, die von Judas angeführt wird. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo Judas seinen boshaften Plan ausführen konnte. Er hatte überlegt, wie er den Herrn überliefern könnte, und hatte im Voraus mit der Menge ein Zeichen verabredet, mit dem er ihnen den Herrn zeigen wollte. Was für ein Hohn lag in dem Kuss und in den Worten von Judas. Der Herr, der die Liebe Gottes zu den Sündern offenbart hatte, wird jetzt von einem, der Ihn drei Jahre in engster Gemeinschaft begleitet hatte, heuchlerisch durch einen Kuss, dem Zeichen der Liebe, verraten! In dieser Tat offenbart sich die völlige Verderbtheit des menschlichen Herzens. Es hat die empfindsame Seele des Herrn getroffen, diesen Kuss von Judas zu bekommen. Aber auch dieser Schmerz gehörte zu dem Plan Gottes für seinen Sohn.

Auch der König David wurde einmal von einem seiner engsten Vertrauten verraten. In 2. Samuel 15–17 sehen wir, wie Absalom sich gegen seinen Vater empörte und das Königreich an sich riss. David floh mit einigen Getreuen und musste erleben, wie sich sein vertrauter Berater Ahitophel von ihm abwandte, ihn verriet und Absalom unterstützte. Er gab Absalom Ratschläge, wie man David schaden könnte, jedoch anders als bei Judas verhinderte Gott diesen Plan. Bei dieser Parallele ist es auch bemerkenswert, dass sich Ahitophel, wie auch Judas, erhängte, als er erkannte, dass sein Plan nicht ausgeführt wurde (2. Sam 17,23).

Doch der Verrat durch Judas ist noch nicht alles, was dem Herrn in dieser Szene widerfährt. Er muss erleben, wie Petrus (auch wenn sein Name hier nicht erwähnt wird) in fleischlichem Eifer handelt und mit dem Schwert dreinschlägt. Sicherlich handelte Petrus durch Liebe motiviert, aber sie war nicht von Einsicht und Verständnis begleitet. Er merkte nicht, dass er sich durch sein Tun dem Weg und Willen des Herrn ganz entgegenstellte, der als der vollkommene Knecht Gottes den Weg der Leiden bis zum Ende gehen wollte.

Wir können uns fragen, warum Petrus hier so entgegengesetzt zu dem Willen des Herrn handelte. Liegt eine Antwort nicht darin, dass er kämpfte, ohne vorher gebetet zu haben? Er kämpfte, wo er nicht kämpfen sollte, und schlief, wo er hätte wachen sollen.

Sein Verhalten ist voller Belehrung für uns. Auch wir können nur dann richtig und einsichtsvoll handeln, wenn wir wachsam sind und vorher in der Abhängigkeit des Gebets gewesen sind. So kann es z. B. sein, dass wir aus guten Beweggründen unseren Geschwistern mit dem Wort Gottes, dem „Schwert des Geistes“, dienen wollen, aber unser Handeln nicht in Abhängigkeit vom Herrn geschieht und nicht einsichtig ist. Wenn wir so handeln, passiert es leicht, dass wir ein „Ohr abschlagen“. Dann wundern wir uns, warum wir bei unserem Gegenüber keine Bereitschaft finden, auf das Wort Gottes zu hören. Der Herr hat nie so gehandelt. Er hat das „Schwert des Geistes“ nie benutzt, um zu töten oder ein Ohr abzuschlagen. Er hat immer auf das Herz der Menschen gezielt, um Herzen zu gewinnen und zu heilen. Auch da wollen wir von Ihm in der Anwendung des Wortes Gottes lernen.

Die Worte des Herrn in den Versen 48 und 49 offenbaren etwas von seinem Schmerz und seinen Empfindungen angesichts der Menge, die kam, um Ihn zu fangen. Seine Worte hätten sie treffen müssen. War Er es nicht gewesen, der unter ihnen wohltuend und heilend umhergezogen war? Hatten sie Ihm nicht ihre Kranken und Schwachen gebracht? Hatten sie Ihm nicht zugejubelt und täglich seinen Worten im Tempel zugehört? Und jetzt kamen sie nachts, um Ihn wie einen Schwerverbrecher mit Schwertern (den Waffen der Soldaten) und Stöcken (den Waffen der einfachen Leute) zu fangen?

Doch wie bedeutsam ist der Zusatz am Ende von Vers 49: „aber damit die Schriften erfüllt würden“ – so sah der Herr auch diese Menge nur als Werkzeug, Gottes großen Plan, der in den Schriften niedergeschrieben war, auszuführen. Die Worte aus Psalm 76,11 erfüllten sich: „Denn der Grimm des Menschen wird dich preisen.“

Zuletzt lesen wir, dass Ihn alle verlassen und fliehen. Die Schrecken der Stunde des Menschen und „die Gewalt der Finsternis“ übten eine solche Macht über die Seinen aus, dass sie alle fliehen. Jetzt ist Er ganz allein in den Händen seiner Feinde auf einem Weg, auf dem Ihn niemand begleiten konnte.

Ein junger Mann versucht noch, hinter dem Herrn herzugehen, muss aber erleben, wie sein Versuch, in eigener Kraft zu folgen, ihm nur umso größere Schmach einbringt. Er hat eine feine Leinwand umgeworfen, die er fahren lässt, als man ihn greifen will. Handeln wir nicht oft ähnlich? Wir lassen unser hohes Bekenntnis (feine Leinwand) oft fahren, wenn es gilt „Farbe zu bekennen“. Wir wollen – wie der junge Mann hier – dem Herrn folgen, aber nicht um jeden Preis. Wir haben Furcht, dass es uns so ergehen könnte wie dem Herrn.

Wir wollen daher den Herrn bitten, uns zu helfen, dass wir Ihn nicht so schnell in wesentlich einfacheren Umständen verleugnen.

Das Verhör vor dem Hohenpriester Kajaphas

„Und sie führten Jesus weg zu dem Hohenpriester; und alle Hohenpriester und Ältesten und Schriftgelehrten versammeln sich um ihn. Und Petrus folgte ihm von weitem bis hinein in den Hof des Hohenpriesters; und er saß mit bei den Dienern und wärmte sich an dem Feuer.

Die Hohenpriester aber und das ganze Synedrium suchten Zeugnis gegen Jesus, um ihn zu Tode zu bringen; und sie fanden keins. Denn viele gaben falsches Zeugnis gegen ihn, aber die Zeugnisse waren nicht übereinstimmend. Und einige standen auf und gaben falsches Zeugnis gegen ihn und sprachen: Wir hörten ihn sagen: Ich werde diesen Tempel, der mit Händen gemacht ist, abbrechen, und in drei Tagen werde ich einen anderen aufbauen, der nicht mit Händen gemacht ist. Und auch so war ihr Zeugnis nicht übereinstimmend. Und der Hohepriester stand auf, trat in die Mitte und fragte Jesus und sprach: Antwortest du nichts? Was bringen diese gegen dich vor? Er aber schwieg und antwortete nichts. Wieder fragte ihn der Hohepriester und spricht zu ihm: Bist du der Christus, der Sohn des Gesegneten? Jesus aber sprach: Ich bin es. Und ihr werdet den Sohn des Menschen zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen. Der Hohepriester aber zerriss seine Kleider und spricht: Was brauchen wir noch Zeugen? Ihr habt die Lästerung gehört. Was meint ihr? Sie alle aber verurteilten ihn, dass er des Todes schuldig sei. Und einige fingen an, ihn anzuspeien und sein Angesicht zu verhüllen und ihn mit Fäusten zu schlagen und zu ihm zu sagen: Weissage! Und die Diener schlugen ihm ins Angesicht“ (14,53–65).

Nun beginnt bei Markus die Schilderung der Verhöre des Herrn Jesus. Keiner der Evangelisten berichtet von allen Verhören, die der Herr über sich ergehen ließ. Wenn wir die Evangelien jedoch vergleichen, stellen wir fest, dass der Herr wohl insgesamt sechsmal verhört wurde: dreimal von den Juden und dreimal von Richtern aus den Nationen. Folgende zeitliche Reihenfolge kann man dabei erkennen:

Verhöre vor den Juden

  1. Das Verhör vor Annas, dem Schwiegervater des Hohenpriesters Kajaphas (Joh 18,13–24)
  2. Das Verhör vor Kajaphas (Mt 26,57–68; Mk 14,53–65)
  3. Das Verhör vor dem Synedrium (Mt 27,1; Lk 22,66–71; Mk 15,1)

Verhöre vor Richtern aus den Nationen

  1. Das erste Verhör vor Pilatus (Mt 27,2.11–14; Mk 15,1–5; Lk 23,1–5; Joh 18,28–38)
  2. Das Verhör vor Herodes (Lk 23,6–12)
  3. Das zweite Verhör vor Pilatus (Mt 27,15–26; Mk 15,6–15; Lk 23,13–25; Joh 18,39–19,16)

Markus beginnt mit der Schilderung des zweiten Verhörs, dem Verhör vor dem Hohenpriester Kajaphas. Dorthin hatten sich alle Hohenpriester und Ältesten und Schriftgelehrten versammelt. Es scheint, dass dieses Verhör – das in der Nacht stattfand – einen eher inoffiziellen Charakter hatte. Es sollte dazu dienen, die Verhandlung vor dem Synedrium (dem offiziellen obersten jüdischen Gericht in religiösen Angelegenheiten), das gewöhnlich am frühen Morgen zusammenkam (Jer 21,12), schnell erledigen zu können.

Die religiösen Führer und Parteien sind sich einig, den Herrn zu Tode zu bringen. Sein Tod ist für sie beschlossene Sache. Dazu ist jedoch ein Anklagegrund erforderlich. Da keine begründete Anklage vorliegt, sucht man nach falschen Zeugen, um eine Beschuldigung formulieren zu können. Da, wo normalerweise das Recht gesucht und gesprochen wurde, sucht man hier falsches Zeugnis gegen Ihn. Prediger 3,16 beschreibt dies so: „An der Stätte des Rechts, da war die Gottlosigkeit, und an der Stätte der Gerechtigkeit, da war die Gottlosigkeit.“ Doch der Plan der Juden geht nicht auf. Anstatt das gewünschte Zeugnis gegen den Herrn Jesus zu finden, entsteht Unordnung und Verwirrung, da sich kein übereinstimmendes Zeugnis findet.

Dann werden doch noch Zeugen gefunden. Sie verdrehen die Worte des Herrn Jesus (Joh 2,19). Mit ihren Worten machen sie deutlich, wer hinter ihnen steht – Satan selbst, der Vater der Lüge. Genau wie der Teufel bei der Versuchung des Herrn in der Wüste die Worte aus Psalm 91,11 und 12 falsch wiedergegeben hatte, fügen auch sie den Worten des Herrn etwas hinzu und geben sie falsch wieder (Ps 56,6). Der Herr hatte nicht gesagt, dass Er den Tempel abbrechen würde. Er hatte auch nicht von einem Tempel gesprochen, „der mit Händen gemacht ist“, noch von einem, „der nicht mit Händen gemacht ist“.

Nachdem Markus noch einmal in Vers 59 betont, dass alle Zeugnisse nicht übereinstimmten, sehen wir den Hohenpriester selbst das Wort ergreifen. Er versucht, dem Herrn eine Aussage, ein Geständnis zu entlocken, aber Vers 61 berichtet, dass der Herr schweigt und dem Hohenpriester nichts antwortete. Das lenkt den Blick auf Ihn, dessen Verhalten in so völligem Gegensatz zu der Bosheit der Menschen steht. Wie viel Finsternis steht dem hellen Licht gegenüber. Wie sehr hat Satan die Herzen der Menschen in Beschlag genommen und zu religiösem Hass – der schärfsten Form des Hasses – verführt. Doch in dieser Atmosphäre voller Hass und Feindschaft sehen wir den Herrn in einer Ruhe und Würde, die uns zur Bewunderung bringt.

Sie können nichts finden, um Ihn zu Tode zu bringen, da Er der vollkommene Mensch ist. Sein Leben war durch und durch rein und tadellos, wie es im Feinmehl des Speisopfers im Alten Testament vorgebildet wurde und im Neuen Testament in 2. Korinther 5,21, 1. Petrus 2,22 und 1. Johannes 3,5 gezeigt wird.

Er antwortet nichts auf diese Frage des Hohenpriesters. Er ist wie ein „Stummer, der seinen Mund nicht öffnet“ (Ps 38,14; Jes 53,7). Erst als es um die Wahrheit über seine Person geht und Kajaphas Ihn fragt, ob Er „der Christus, der Sohn des Gesegneten“, sei, und Ihn dabei unter Eid stellt, wie es Matthäus 26,63 berichtet, bricht Er sein Schweigen und bezeugt die Wahrheit. Er ist der „Ich bin“ aus 2. Mose 3,14. Dies muss ein Triumph für den Hohenpriester gewesen sein. Endlich kommt er zu dem gewünschten Ergebnis. Der verachtete Nazarener (V. 67) stellt sich auf eine Stufe mit Gott. Auf diese „Lästerung“ in ihren Augen hatten Kajaphas und die Juden doch nur gewartet.

Diesem Bekenntnis fügt der Herr die bedeutenden Worte hinzu: „Und ihr werdet den Sohn des Menschen zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen.“ Jetzt war Er als Mensch unter ihnen und ließ sich von ihnen verurteilen, misshandeln und töten, aber Er kündigt ihnen in ernsten Worten an, dass sie Ihn einst als den Sohn des Menschen zum Gericht kommen sehen werden. Worte, die seine göttliche Herrlichkeit in einer Situation äußerster Niedrigkeit erstrahlen lassen. Was muss das Herz Gottes empfunden haben, als der Herr dieses Zeugnis aussprach.

In geheuchelter Entrüstung zerreißt Kajaphas sein Obergewand und tut damit selbst etwas, für das er die Todesstrafe verdiente. Denn nach dem Gesetz war das Zerreißen der Kleider – insbesondere für die Priester – strengstens verboten (3. Mo 10,6; 21,10). Er wendet sich an die Menge und nutzt die aufgeheizte Stimmung, um sie alle dahin zu bringen, das schon vorher feststehende Todesurteil (V. 55) über den Herrn auszusprechen. Doch bezeichnenderweise bringen erst die Worte des Herrn und nicht die Anstrengungen der Menschen Bewegung in die Verhandlung und führen zu seiner Verurteilung – Gott hat alles in der Hand.

Nun bricht der ganze Hass aus den Herzen der Menschen hervor. Ohne jede Hemmschwelle misshandeln sie den gebundenen Herrn auf schrecklichste Weise, so dass sich Jesaja 52,14 erfüllt. Dies alles lässt der Herr geduldig über sich ergehen, ohne ein Wort zu sagen. Doch Psalm 69,20.21 lässt uns einen Blick in sein Herz tun und zeigt, wie Er diese Not vor seinen Gott brachte.

Die Verleugnung durch Petrus

„Und als Petrus unten im Hof war, kommt eine der Mägde des Hohenpriesters, und als sie Petrus sich wärmen sieht, blickt sie ihn an und spricht: Auch du warst mit dem Nazarener Jesus. Er aber leugnete und sprach: Ich weiß nicht, verstehe auch nicht, was du sagst. Und er ging hinaus in den Vorhof; und der Hahn krähte. Und als die Magd ihn sah, fing sie wieder an, zu den Dabeistehenden zu sagen: Dieser ist einer von ihnen. Er aber leugnete wieder. Und kurz darauf sagten wiederum die Dabeistehenden zu Petrus: Wahrhaftig, du bist einer von ihnen, denn du bist auch ein Galiläer. Er aber fing an zu fluchen und zu schwören: Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet. Und sogleich krähte der Hahn zum zweiten Mal. Und Petrus erinnerte sich an das Wort, wie Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und als er daran dachte, weinte er“ (14,66–72).

Diese Verse berichten weiter von Petrus, der dem Herrn von ferne bis in den Hof des Hohenpriesters gefolgt war. Markus schildert die Verleugnung sehr ausführlich. Das zeigt uns, dass es auch für uns sehr wichtig ist. Wir sehen, wozu ein echter Jünger fähig ist und was aus der alten Natur kommen kann, wenn wir nicht wachsam sind und uns der Sünde nicht für tot halten (vgl. Röm 6,11). Die Vorgeschichte hat gezeigt, dass Petrus sich schon einige Zeit innerlich vom Herrn entfernt hatte. Einige Ursachen dafür waren:

  1. die Missachtung des Wortes des Herrn (V. 27–31);
  2. das Vertrauen auf eigene Kraft (V. 27–31);
  3. die Vernachlässigung des Gebets (V. 37–40);
  4. mangelnde Wachsamkeit (V. 37–40).

In diesen Versen werden noch zwei weitere Ursachen hinzugefügt:

  1. der Aufenthalt am falschen Ort, die Gemeinschaft mit der Welt (V. 54.66);
  2. die Menschenfurcht (V. 68–71).

Das alles führt zu diesem Verhalten von Petrus, das in so großem Gegensatz zu dem Verhalten des Herrn steht. Und es ist zu unserer Warnung so ausführlich berichtet, da auch wir in Gefahr stehen, in dem einen oder anderen Punkt zu versagen. Die beschämenden Erfahrungen, die Petrus machen musste, werden auch wir dann machen:

  1. Petrus hat keine Kraft mehr, der Versuchung, die ihm hier in der Person einer Magd begegnet, zu widerstehen. Eine einfache Frage wirft ihn aus der Bahn und führt ihn zu diesem tiefen Fall. Etwas, was auch wir erleben, wenn wir uns innerlich vom Herrn entfernen und nur noch äußerlich versuchen, Ihm nachzufolgen.
  2. Petrus hat keine Kraft mehr, sich von der Gemeinschaft mit der Welt am Kohlenfeuer abzusondern. Obwohl er selbst an diesem Ort noch mehrere Warnungen erhält, verlässt er diese dem Herrn so feindlich gesinnte Gesellschaft nicht. Gott führt es so, dass ihm die Fragen nicht alle auf einmal gestellt werden (Lk 22,59), dass er dadurch nicht überrannt wird, sondern dass er Zeit gehabt hätte, wegzugehen. Auch kräht der Hahn schon nach der ersten Frage durch die Magd einmal; eine deutliche Warnung, hatte der Herr ihm doch gesagt: „Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“ (V. 30.72). Doch Petrus achtet nicht darauf. Stattdessen lässt er sich durch die Fragen und Anschuldigungen zu Worten und Taten hinreißen, die sonst nur die Welt kennzeichnen. So ist es auch mit uns, wenn wir uns im Eigenwillen an einem falschen Ort aufhalten. Wir werden blind für Warnungen, wir werden schnell immer tiefer in Böses hineingezogen und verlieren jede Kraft, uns davon zu trennen. Gemeinschaft mit der Welt raubt uns die Kraft zur Absonderung und zu einem Leben, das Gott gefällt.
  3. Petrus hat auch keine Kraft mehr, ein Zeugnis für den Herrn abzulegen. Die Worte, die an ihn gerichtet werden – und die erst von Mal zu Mal schärfer werden –, hätten ihm Gelegenheit geboten, sich zu dem Herrn zu bekennen und von Ihm zu zeugen. Doch da er nicht vom Herrn beauftragt war, an diesem Ort zu sein, hat er Furcht und lässt sich zu diesen schlimmen Verleugnungen hinreißen. Es ist etwas anderes, wenn wir in Abhängigkeit vom Herrn ungläubige Menschen aufsuchen, um ihnen gegenüber ein Zeugnis abzulegen, als wenn wir aus eigenen Interessen an diese Orte gehen. Ohne den Auftrag des Herrn werden wir kläglich versagen. Und was die Menschenfurcht angeht, wissen wir alle nur zu gut, wie sehr diese uns hemmt, von unserem Herrn zu zeugen und uns zu Ihm zu bekennen. Gerade bei diesem Punkt erkennen wir, dass wir uns in keiner Weise über Petrus stellen können. Denn wie oft schämen wir uns des Herrn und verleugnen Ihn in Umständen, die wesentlich ungefährlicher für uns sind als die hier für Petrus.

Nach der dritten Verleugnung kräht der Hahn zum zweiten Mal. Da erinnert sich Petrus an die Worte, die der Herr zu ihm geredet hatte. Das, was er einige Zeit vorher mit seinen Ohren gehört hatte, erreicht jetzt sein Herz. Wie vieles würde auch uns erspart bleiben, wenn wir das, was wir hören, direkt in unser Herz aufnehmen und in der Praxis verwirklichen würden. Der Gedanke an die Worte des Herrn und sein Blick (Lk 22,61) führen Petrus zu bitterer Reue und letztendlich zu aufrichtiger Buße. Diese Buße hat dann eine völlige Wiederherstellung zur Folge, wie wir den weiteren Berichten in den anderen Evangelien entnehmen können. Diese Wiederherstellung war so vollständig, dass er in Apostelgeschichte 3,13.14 die „Männer von Israel“ anklagen konnte, den Herrn verleugnet zu haben.

Petrus kam wieder ganz zurecht und konnte dadurch, dass er sich selbst kennen gelernt hatte, ein gesegnetes Werkzeug in der Hand des Herrn sein. Doch wollen wir nicht vergessen, wie der Herr darunter gelitten hat, dass Petrus diesen Weg ging, obwohl Er ihn mehrfach gewarnt hatte. Und so betrüben auch wir den Herrn, wenn wir eigene und verkehrte Wege gehen, wenn wir uns seiner schämen und Ihn verleugnen; wir, die Er so teuer erkauft hat!

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht