Gekommen – um zu dienen

Kapitel 12

Gekommen – um zu dienen

Das Gleichnis von den bösen Weingärtnern

„Und er fing an, in Gleichnissen zu ihnen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und setzte einen Zaun darum und grub einen Keltertrog und baute einen Turm; und er verpachtete ihn an Weingärtner und reiste außer Landes. Und er sandte zur bestimmten Zeit einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern von den Früchten des Weinbergs in Empfang nehme. Und sie nahmen ihn, schlugen ihn und sandten ihn leer fort. Und wiederum sandte er einen anderen Knecht zu ihnen; und den schlugen sie auf den Kopf und behandelten ihn verächtlich. Und er sandte einen anderen, und den töteten sie; und viele andere: Die einen schlugen sie, die anderen töteten sie. Da er nun noch einen geliebten Sohn hatte, sandte er ihn als letzten zu ihnen und sprach: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Jene Weingärtner aber sprachen zueinander: Dieser ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, und das Erbe wird unser sein. Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn zum Weinberg hinaus. Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg anderen geben. Habt ihr nicht auch diese Schrift gelesen: ‚ Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden; von dem Herrn her ist er dies geworden, und er ist wunderbar in unseren Augen‘? Und sie suchten ihn zu greifen; doch sie fürchteten die Volksmenge; denn sie erkannten, dass er das Gleichnis im Blick auf sie geredet hatte. Und sie ließen ihn und gingen weg“ (12,1–12).

In den vorangegangenen Versen war der verderbte Zustand der Obersten des Volkes noch einmal so besonders deutlich geworden. Diese Zustandsbeschreibung stellt der Herr als der göttliche Prophet hier in Form eines Gleichnisses in einen größeren Zusammenhang. Er beschreibt die lange Geschichte des Volkes Israel als verantwortliches irdisches Volk Gottes und zeigt, wie es zu diesem schlimmen Zustand gekommen war, der in der Tötung des geliebten Sohnes seinen Höhepunkt finden würde. Zugleich wird in diesem Gleichnis aber auch die überwältigend große Güte und Fürsorge Gottes gegenüber seinem undankbaren und ablehnenden Volk deutlich.

Der Weinberg, den der Hausherr in diesem Gleichnis pflanzte, ist ein Bild des Volkes Israel. Schon im Alten Testament wird dieses Bild mehrfach für Israel benutzt, wenn wir an Stellen wie Jeremia 12,10 und Jesaja 5,1–7 denken. Die Mühe, die der Hausherr sich um seinen Weinberg machte, zeigt eindrucksvoll, welche Mühe sich Gott um sein Volk gemacht hatte und wie Er alle Rahmenbedingungen geschaffen hatte, damit es Ihm die Frucht bringen konnte, die Er suchte.

Er hatte sein Volk von den Nationen abgesondert und wollte sie durch das Gesetz vor den Sünden der Nationen bewahren (der Zaun). Zugleich hatte Er jede Vorsorge getroffen, damit das Volk Frucht bringen und auch Freude haben konnte (die Kelter), und hatte über sein Volk gewacht und es beschützt (der Turm).

Dann wird berichtet, dass der Hausherr den Weinberg an Weingärtner verpachtete und außer Landes reiste. Gott griff in seiner Regierung nicht mehr so direkt ein, wie Er es während der Wüstenreise getan hatte, und legte die Verwaltung des Volkes in die Hände der Obersten und Führer der Juden.

Aber auch wenn Er „außer Landes reiste“ und das Volk sich von Gott entfernte, ließ Er es in seiner Gnade nicht einfach laufen. Er „machte sich früh auf“, wie es in Jeremia 7,13 heißt, und sandte seine Boten, die Propheten, zu seinem Volk. Er wollte „von den Früchten des Weinbergs in Empfang zu nehmen“. Doch die religiösen Führer des Volkes lehnten die Boten Gottes ab, verachteten sie und gingen in ihrem Hass gegen sie sogar immer weiter, wie die Verse 2–5 unseres Abschnitts zeigen. Schon im Alten Testament war dies vorhergesagt worden: „Und der Herr, der Gott ihrer Väter, sandte zu ihnen durch seine Boten, früh sich aufmachend und sendend; denn er erbarmte sich seines Volkes und seiner Wohnung. Aber sie verspotteten die Boten Gottes und verachteten seine Worte und verhöhnten seine Propheten, bis der Grimm des Herrn gegen sein Volk stieg, dass keine Heilung mehr war“ (2. Chr 36,15.16). Auch Nehemia 9,26, Apostelgeschichte 7,52 und 1. Thessalonicher 2,15 weisen auf dieses böse Verhalten hin.

Nachdem das Volk die ersten Boten abgelehnt hatte, brachte Gott in seiner großen Langmut und jahrhundertelangen Geduld noch kein Gericht über das Volk, sondern sandte immer wieder neue Knechte – bis Er schließlich nur noch einen geliebten Sohn hatte und auch Ihn sandte.

Der Evangelist Markus beschreibt die Sendung des Sohnes besonders eindrucksvoll: „Da er nun noch einen geliebten Sohn hatte, sandte er ihn als letzten zu ihnen und sprach: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen“ (V. 6). Das war die höchste Gabe, die Er geben konnte. Alle Boten, die zum Weinberg kamen, wurden von Gott gesandt und wurden von dem Volk abgelehnt. Aber nur einer war kein Knecht, sondern der Sohn, der geliebte Sohn Gottes. „Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn“ (Heb 1,1.2).

Doch diesen größten Beweis der Liebe Gottes beantworteten die Führer des Volkes mit schlimmstem Hass. In Matthäus 21,38 lesen wir, dass dieser Hass und der Wunsch, den Sohn Gottes zu töten, schon aufkamen, als sie den Herrn nur sahen. Dem Herrn begegnete genau das, was im Vorbild auch Joseph schon geschehen war (1. Mo 37,18).

Hass und Neid waren die besonderen Kennzeichen, mit denen die Juden dem Herrn begegneten; das wusste auch Pilatus (Mt 27,18). Die Römer behandelten den Herrn wohl grausam, aber an seiner Person lag ihnen nicht viel. Gezielter Hass und Neid kennzeichnete jedoch insbesondere die Juden. Durch dieses Verhalten gegenüber dem Sohn Gottes und seiner Liebe wurde die völlige Verderbtheit des Volkes, und auch der Menschen im Allgemeinen, endgültig offenbar.

Was muss es für den Herrn gewesen sein, in der Mitte der „Weingärtner“ zu stehen und seinen nahe bevorstehenden Tod mit den Worten vorauszusagen: „Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn zum Weinberg hinaus“ (V. 8)! Viel mehr als das, was man in den vergangenen Jahren den einzelnen Knechten angetan hatte, würde man in wenigen Tagen Ihm selbst, dem Sohn, antun. Die Berichte über die Verurteilung und Kreuzigung des Herrn in den Evangelien zeigen dies deutlich (z. B. Mt 26,67; 27,22–31).

Die Worte der Weingärtner in Vers 7: „Dieser ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, und das Erbe wird unser sein“, machen zweierlei deutlich: Zum einen zeigen sie, dass die Obersten der Juden genau wussten, wen sie in dem Sohn vor sich hatten, und sie lehnten Ihn daher ganz bewusst ab und verwarfen Ihn. Zum anderen wird offenbar, zu welch einer Verblendung der Hass gegen den Herrn Jesus und das Leben in der Sünde führen kann und was für folgenschwere Irrtümer daraus resultieren können:

Die „Weingärtner“ irrten, indem sie dachten, den Herrn durch seine Tötung an der Besitznahme seines Erbteils hindern zu können. Sie irrten auch, wenn sie meinten, durch den Tod des Erben das Erbe an sich bringen zu können. Statt des Erbes empfingen sie das Gericht Gottes, wie es in Vers 9 angekündigt wird.

Sie vergaßen, dass hinter dem „Erben“ der „Herr des Weinbergs“ stand, und rechneten nicht mit dessen Eingreifen, das hier mit drei Konsequenzen in Verbindung gebracht wird:

  1. Gericht für die Weingärtner;
  2. Übergabe des Weinbergs an „andere“ und
  3. Ehre für den geliebten Sohn.

Der Herr des Weinbergs würde kommen und die Weingärtner umbringen (V. 9), das heißt, die Weingärtner würden Gericht empfangen. Der erste Teil dieses Gerichts fand im Jahr 70 n. Chr. statt, als Jerusalem und der Tempel von den Römern zerstört wurden. Der zweite Teil des Gerichts wird bei der Ankunft des Herrn in Macht und Herrlichkeit erfüllt werden.

Dann würde der Herr des Weinbergs den Weinberg „anderen geben“. Gott wird in der Zukunft für einen Überrest sorgen, der Ihm die Frucht bringen wird, die Er so lange vergeblich gesucht hat. Das wird das wiederhergestellte Volk Israel im 1000-jährigen Reich sein. „Und dein Volk, sie alle werden Gerechte sein, werden das Land besitzen auf ewig, sie, ein Spross meiner Pflanzungen, ein Werk meiner Hände, zu meiner Verherrlichung“ (Jes 60,21).

Die dritte Konsequenz wird in Vers 10 und 11 gezeigt. In diesen Versen wechselt zwar das Bild, aber nicht das Thema. Vom Bild des Weinbergs geht der Herr zu dem eines Hauses über. Im Weinberg verwarfen die Knechte den Sohn, im Haus verwarfen die Bauleute den Stein. Der Herr selbst war dieser „Stein“ aus Psalm 118,22.23, auf den Er hier anspielt und von dem auch an vielen anderen Stellen in der Schrift gesprochen wird (z. B. 1. Mo 49,24; Jes 28,16; 1. Pet 2,6). Er, der durch die Hand der Bauleute verworfen wurde, wird durch die Hand Gottes einst hoch erhoben und verherrlicht werden. Gott ehrt seinen Sohn, den die Menschen verworfen haben!

Die Verblendung der Obersten der Juden wird auch in Vers 12 deutlich. Sie erkannten, dass der Herr das Gleichnis im Blick auf sie geredet hatte. Und doch suchten sie, Ihn zu töten. Dadurch bestätigten sie die Worte des Herrn und beschleunigten sozusagen ihre Erfüllung, gerade im Hinblick auf ihr Gericht.

„Und sie ließen Ihn und gingen weg“ – das war ihre Reaktion auf die Worte des Herrn, die sie getroffen hatten. Eine Entscheidung, die – falls sie nicht noch Buße taten – ewiges Verderben für sie bedeutete. Für uns stellt sich die Frage, wie wir uns verhalten, wenn das Wort Gottes uns trifft.

Die Frage nach der Steuer für den Kaiser

„Und sie senden einige der Pharisäer und der Herodianer zu ihm, damit sie ihn in der Rede fingen. Und sie kommen und sagen zu ihm: Lehrer, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und dich um niemand kümmerst; denn du siehst nicht auf die Person der Menschen, sondern lehrst den Weg Gottes nach der Wahrheit. Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben, oder nicht? Sollen wir sie geben, oder sollen wir sie nicht geben? Da er aber ihre Heuchelei kannte, sprach er zu ihnen: Was versucht ihr mich? Bringt mir einen Denar, damit ich ihn sehe. Sie aber brachten einen. Und er spricht zu ihnen: Wessen ist dieses Bild und die Aufschrift? Sie aber sprachen zu ihm: Des Kaisers. Jesus aber sprach zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Und sie verwunderten sich über ihn“ (12,13–17).

In den jetzt folgenden Abschnitten kommen die Führer der verschiedenen Klassen der Juden zum Herrn, um Ihn zu versuchen. Es ist beeindruckend, zu sehen, dass der Herr, obwohl Er sie völlig durchschaut, sich doch immer wieder mit ihnen beschäftigt. Er offenbart die Überlegungen ihrer Herzen und stellt sie bloß, aber das tut Er in heiligem Ernst und Entschiedenheit.

Zunächst sehen wir, dass die Pharisäer und Herodianer – zwei an sich verfeindete Parteien – sich vereinigen und zu dem Herrn kommen, um Ihn in der Rede zu fangen. Der Hass gegen den Herrn und der gemeinsame Wunsch, Ihn beiseitezusetzen, führte zu dieser Vereinigung der Pharisäer, die die höchste religiöse Partei in Israel darstellten, mit den Herodianern, die eine weltliche, politische Partei bildeten und nach Macht und Ansehen in dieser Welt strebten. Daran und auch an der freundschaftlichen Verbindung zwischen Pilatus und Herodes in Lukas 23,12 können wir erkennen, was für eine vereinigende Kraft in der Ablehnung des Herrn liegt. Aber was für eine vereinigende Kraft liegt im Gegensatz dazu in der Liebe zum Herrn, wenn wir an die ersten Christen in der Apostelgeschichte denken (z. B. Apg 4,32).

Sie treten zunächst mit schmeichelnden Worten an den Herrn Jesus heran, wohl in der Hoffnung, Ihn dadurch leichter zu Fall zu bringen. Das, was sie in Heuchelei sagten, traf für sich genommen genau auf den Herrn zu und war das Gegenteil von dem, was sie waren und taten. Sie waren im Gegensatz zum Herrn nicht wahrhaftig, sondern Heuchler. Sie sahen sehr wohl auf die Person der Menschen und legten viel Wert auf deren Meinung. Sie lehrten Menschengebote und waren sehr weit davon entfernt, den Weg Gottes nach der Wahrheit zu lehren. Dann stellen sie ihre Frage bezüglich der Steuer, mit der sie Ihn fangen wollten.

Der Hintergrund für diese Frage war, dass die Juden als Folge ihrer Untreue und ihres Ungehorsams unter die Herrschaft des römischen Kaisers gekommen waren. Das brachte u. a. mit sich, dass sie der Besatzungsmacht Steuern zahlen mussten. Zu diesem Thema hatten sie sich aus menschlicher Sicht eine sehr listige Fragestellung ersonnen, mit der sie dachten, Ihn auf jeden Fall in Schwierigkeiten bringen zu können.

Wenn der Herr es bejaht hätte, dem Kaiser Steuern zu geben, hätte Er die Juden gegen sich aufgebracht. Denn wie konnte Er ein aufrichtiger Jude oder sogar der verheißene Messias sein, wenn Er die Rechte der römischen Besatzungsmacht bestätigte? Wo war dann seine befreiende Kraft?

Wenn Er es verneint hätte, dem Kaiser Steuern zu geben, hätte Er ihnen – und besonders den Herodianern – einen Vorwand gegeben, Ihn bei Pilatus, dem Vertreter der Besatzungsmacht, anzuklagen.

Menschlich gesehen also eine schwierige Frage, doch nicht so für den Herrn. In seiner göttlichen Weisheit (Hiob 5,12.13) beantwortet Er ihre Frage so, dass sie beschämt und verwundert zurückbleiben.

Er antwortet ihnen zunächst mit der Gegenfrage: „Was versucht ihr mich?“ Damit macht Er einen Strich durch ihre Absicht, Ihn in seiner Rede zu fangen, und zeigt ihnen, was der wahre Beweggrund für ihre Frage war. Zugleich drängt Er sie mit dieser Frage in die passive Rolle und setzt sie auf die Anklagebank.

Dann lässt Er sich von ihnen einen Denar – die römische Steuermünze – geben und macht ihnen daran deutlich, in welchem Zustand sie als Nation waren und dass es ihre eigene Schuld war, die sie in diese Lage der Abhängigkeit von den Römern gebracht hatte. Die Tatsache, dass sie Steuern zahlen mussten, zeigte deutlich, dass sie nicht mehr frei waren. Da das Bild des Kaisers auf dem Denar war, war es offensichtlich, dass er dem Kaiser gehörte. Somit sollten sie dem Kaiser auch das geben, was ihm zustand.

Doch dann fügt der Herr noch einen bemerkenswerten Zusatz an und sagt: „Gebt … Gott, was Gottes ist.“ Das hatten sie völlig aus dem Auge verloren. Anstatt Gott das Ihm Zustehende zu geben, verwarfen sie Ihn in der Person seines Sohnes.

Die Frage der Sadduzäer nach der Auferstehung

„Und es kommen Sadduzäer zu ihm, die sagen, es gebe keine Auferstehung; und sie fragten ihn und sprachen: Lehrer, Mose hat uns geschrieben: Wenn jemandes Bruder stirbt und hinterlässt eine Frau und hinterlässt kein Kind, dass sein Bruder sie zur Frau nehme und seinem Bruder Nachkommen erwecke. Es waren sieben Brüder. Und der erste nahm eine Frau; und als er starb, hinterließ er keinen Nachkommen; und der zweite nahm sie und starb, ohne Nachkommen zu hinterlassen; und der dritte ebenso. Und die sieben hinterließen keinen Nachkommen. Als letzte von allen starb auch die Frau. In der Auferstehung, wenn sie auferstehen werden, welchem von ihnen wird sie zur Frau sein? Denn die sieben hatten sie zur Frau. Jesus sprach zu ihnen: Irrt ihr nicht deshalb, weil ihr die Schriften nicht kennt noch die Kraft Gottes? Denn wenn sie aus den Toten auferstehen, heiraten sie nicht, noch werden sie verheiratet, sondern sie sind wie Engel in den Himmeln. Was aber die Toten betrifft, dass sie auferstehen – habt ihr nicht in dem Buch Moses gelesen, ‚in dem Dornbusch‘, wie Gott zu ihm redete und sprach: ‚ Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs‘? Er ist nicht der Gott der Toten, sondern der Lebenden. Ihr irrt sehr“ (12,18–27).

Als Nächstes kommen die Sadduzäer zum Herrn. Sie konfrontieren Ihn mit einem Fall, der in ihren Augen die Unmöglichkeit einer Auferstehung beweisen sollte. Sie leugneten die Tatsache einer Auferstehung (Apg 23,8; 4,1.2). Darin gleichen sie vielen Menschen unserer Tage, die auch nicht an eine Auferstehung glauben wollen, weil damit ihre Verantwortung und der Gedanke an ein Gericht in Verbindung steht.

Die Sadduzäer bauen ihre Gedankenkonstruktion auf eine Anordnung Gottes aus 5. Mose 25,5. Dort hatte Gott gesagt, dass eine kinderlose Witwe von ihrem Schwager geheiratet werde sollte, um Nachkommen zu zeugen. Der Fall einer Frau mit sieben Männern, den die Sadduzäer hier konstruieren, ist jedoch ohne Praxisbezug. Sie wollen den Herrn dadurch in Verlegenheit bringen. Aber auch sie erkennen nicht, wer vor ihnen steht.

Obwohl der Herr ihre Absicht natürlich durchschaut, gibt Er sich doch die Mühe, ihnen eine klare Antwort zu geben, denn die Frage nach der Auferstehung beschäftigte sicherlich viele Herzen unter den anwesenden Juden.

In seiner Antwort weist Er die Sadduzäer zunächst auf ihre Unkenntnis bezüglich des Wortes Gottes und der Kraft Gottes hin. Er zeigt, dass die irdischen Beziehungen im Himmel nicht fortgesetzt werden. Die Auferstandenen werden wie Engel sein. Engel sind geschlechtslos und sterben nicht, daher besteht für sie auch keine Notwendigkeit, zu heiraten, um Nachkommen zu zeugen. Die Beziehungen, in die wir auf der Erde gestellt sind und die wir hier genießen, werden wir im Himmel nicht mehr haben. Dieser Gedanke wird durch 1. Korinther 15,42–49 bestätigt. Jedoch werden wir die irdischen Beziehungen in keiner Weise vermissen.

So eine Auskunft über den Zustand nach der Auferstehung konnte nur Gott selbst geben. Daher haben wir hier wieder einen der Verse, in denen im Markusevangelium die Gottheit des Herrn hervorstrahlt.

In den Versen 26 und 27 beweist Er ihnen ihre Unkenntnis der Schriften im Blick auf die Auferstehung. Hätten sie die Schriften richtig gelesen, hätten sie so manchen Hinweis auf die Auferstehung erkennen können. Denn Stellen wie 1. Samuel 2,6; Hiob 19,25.26; Psalm 16,10; Jesaja 53,10.11 oder Daniel 12,2–3.13 sprechen deutlich von einer Auferstehung. Doch der Herr benutzt keine dieser klaren Stellen, um ihre Meinung zu widerlegen. Stattdessen nimmt Er einen eher indirekten Hinweis aus den Schriften Moses, um ihnen die Tatsache einer Auferstehung zu zeigen. Dies tut Er in seiner Weisheit, da die Sadduzäer nur die Bücher Moses anerkannten. Sie hatten Ihn mit einem Gebot aus dem fünften Buch Mose zu Fall bringen wollen, Er widerlegt ihre Gedanken daher mit einem Zitat aus dem zweiten Buch Mose.

Gott offenbarte sich Mose in dem Dornbusch, indem Er sagte: „Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Zu diesem Zeitpunkt waren Abraham, Isaak und Jakob schon lange gestorben, und doch nennt Gott sich noch ihr Gott. Obwohl ihr Leib im Grab lag, lebte ihr Geist und ihre Seele für Gott und demzufolge würde auch ihr Leib nicht für immer im Tod bleiben, sondern auferstehen. Denn der Mensch ist nicht eher vollständig, als bis Geist, Seele und Leib wieder vereinigt sind (1. Thes 5,23). Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.

Aber nicht nur das, Gott hatte Abraham, Isaak und Jakob auch Verheißungen gegeben, die sich während ihres Lebens nicht erfüllt hatten. Jedem von ihnen hatte Gott persönlich verheißen, das Land zu geben (1. Mo 13,15; 26,3; 28,13). Da Gott zu seinem Wort steht und seine Verheißungen erfüllt, müssen sie also auferstehen, um dann das Land besitzen zu können. Hebräer 11,9.10 und 18.19 sagt, dass Abraham die Kraft Gottes kannte, die sich gerade in der Auferstehung zeigt (Eph 1,19.20).

Die Sadduzäer kannten diese Kraft Gottes jedoch nicht und waren in Unkenntnis über die Schriften. Sie irrten daher sehr, wie der Herr ihnen in ernsten Worten sagen musste.

Die Frage des Schriftgelehrten nach dem ersten Gebot

„Und einer der Schriftgelehrten, der gehört hatte, wie sie miteinander verhandelten, trat herzu, und als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches Gebot ist das erste von allen? Jesus antwortete: Das erste ist: ‚Höre, Israel: Der Herr, unser Gott, ist ein Herr; und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Verstand und aus deiner ganzen Kraft.‘ Das zweite ist dieses: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ Größer als diese ist kein anderes Gebot. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Recht, Lehrer, du hast nach der Wahrheit geredet; denn er ist einer, und außer ihm ist kein anderer; und ihn lieben aus ganzem Herzen und aus ganzem Verständnis und aus ganzer Kraft, und den Nächsten lieben wie sich selbst, ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Und als Jesus ihn sah, dass er verständig geantwortet hatte, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu befragen“ (12,28–34).

Der Nächste, der in diesem Kapitel zu dem Herrn Jesus kommt, ist ein Schriftgelehrter. Er hat gehört, wie der Herr den Sadduzäern geantwortet hat. Diese Antwort hatte den Schriftgelehrten gut gefallen, da es ihnen nie so gelungen war, die Lehre der Sadduzäer in Bezug auf die Auferstehung zu widerlegen.

Der Herr benutzt die Gelegenheit, um zu zeigen, welche Herzenseinstellung sich dem Gott gegenüber geziemt, den Er in den vorigen Versen als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs vorgestellt hat, der kein Gott der Toten, sondern ein Gott der Lebendigen ist.

Der Schriftgelehrte fragt den Herrn nach dem ersten, d. h. dem bedeutungsvollsten Gebot. Dabei dachte er sicher an eins der zehn Gebote aus 2. Mose 20. Zu Beginn seiner Antwort hebt der Herr den Gedanken der Einheit der Gottheit hervor. Der Herr unser Gott ist die oberste Autorität. Dieser Gedanke musste vor allen anderen in den Herzen der Israeliten sein. Gott offenbart sich selbst als der einige Gott. Erst dann fordert Er auf, Ihn zu lieben, denn das kann man nur, wenn man Ihn kennt.

Anschließend führt der Herr die Verse aus 5. Mose 6,4.5 an, die eine Zusammenfassung der ersten vier Gebote aus 2. Mose 20 darstellen. Diese ersten vier Gebote legen die Verantwortlichkeit des Menschen Gott gegenüber fest.

Danach zitiert der Herr den 18. Vers aus 3. Mose 19; Dieser fasst die restlichen sechs Gebote aus 2. Mose 20 zusammen, die von der Verantwortlichkeit des Menschen seinen Mitmenschen gegenüber handeln.

So gibt der Herr in seiner Antwort eine göttliche Zusammenfassung des ganzen Gesetzes, ohne eines der Gebote besonders hervorzuheben:

Die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen – das sind die beiden großen Hauptthemen, die in den zehn einzelnen Geboten präzisiert werden.

Wenn wir die Worte des Herrn in Vers 30 mit der Stelle in 5. Mose 6,5 vergleichen, fällt auf, dass der Herr diesen Vers etwas anders zitiert. In 5. Mose 6 wird davon gesprochen, Gott mit unserem ganzen Herzen (dem Sitz der Zuneigungen), mit unserer ganzen Seele (dem Sitz der Persönlichkeit) und mit unserer ganzen Kraft (mit aller Energie) zu lieben. Hier in Markus heißt es bei all diesen Punkten „aus“. Es scheint, als ob der Herr hier besonders betonen will, dass die Liebe zu Gott wirklich von innen heraus kommen muss.

Als Ergänzung fügt der Herr auch noch hinzu: „aus deinem ganzem Verstand“. Dabei dachte Er sicher besonders an die Schriftgelehrten und Sadduzäer, die so viel Wert auf das Verständnis legten.

Der Vers 31 wird auch in Römer 13,9.10 als eine Zusammenfassung des Gesetzes angeführt. Dort wird gesagt, dass die Liebe die Summe des Gesetzes ist. Das ist ein Gedanke, der im Alten Testament so nicht hervortrat. Die zehn Gebote entsprangen der Liebe Gottes, die sich um sein Volk mühte und von seinem Volk erwarten konnte, dass es Ihn als den einen wahren Gott achtete und liebte. Jedoch wurde erst auf Golgatha der volle Umfang der Liebe Gottes offenbart.

Das Gesetz war „heilig und gerecht und gut“ (Röm 7,12). Und doch musste jeder Israelit, der den aufrichtigen Wunsch hatte, das Gesetz zu tun, erkennen, dass er es nicht konnte. Dazu ist die neue Natur erforderlich, die wir heute als Ergebnis des vollbrachten Erlösungswerkes auf Golgatha besitzen. Aber unser Lebensinhalt geht weit darüber hinaus. Wir lieben Gott heute, „weil er uns zuerst geliebt hat“ (1. Joh 4,19). Es ist Liebe aus Dankbarkeit, die sich im Gehorsam äußert (Joh 14,21).

Der Schriftgelehrte zeigt in seiner Antwort ein Maß an Verständnis, das über das allgemeine Verständnis der übrigen Schriftgelehrten hinausging. Er erkannte, dass es auf die Wahrheit im Innern ankam und nicht auf äußere Formen. Obwohl er die Wahrheit der Worte des Herrn anerkannte und verstand, erkannte und verstand er doch nicht die Herrlichkeit der Person des Herrn.

Er war „nicht fern vom Reich Gottes“, jedoch nicht im Reich Gottes. Aber darauf kommt es an. Ein Zustand äußerer Nähe allein reicht nicht und bedeutet in letzter Konsequenz die ewige Gottesferne.

Dieser Schriftgelehrte spricht eine ernste Sprache zu solchen, die vielleicht jahrelang in die Zusammenkünfte gehen, aber keine echte Beziehung zu dem Herrn Jesus haben. Sie sind nah dran und doch nur Mitläufer. Besonders Kindern gläubiger Eltern gilt dieser Appell: Nah dran reicht nicht, du brauchst den Heiland der Welt als deinen Heiland, ganz persönlich!

Davids Sohn und Davids Herr

„Und Jesus hob an und sprach, als er im Tempel lehrte: Wie sagen die Schriftgelehrten, dass der Christus Davids Sohn sei? David selbst hat in dem Heiligen Geist gesagt: ‚ Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel deiner Füße.‘ David selbst nennt ihn Herr, und woher ist er sein Sohn? – Und die große Volksmenge hörte ihn gern“ (12,35–37).

Nachdem der Herr die Fragen der verschiedenen Gruppen beantwortet hat, stellt Er jetzt selbst den Zuhörern im Tempel eine Frage. Im Gegensatz zu ihren spitzfindigen Fangfragen stellt Er jedoch eine Frage, die auf der Schrift basiert und die Wahrheit über seine Person beinhaltet.

Die Schriftgelehrten erkannten an, dass der Messias der Sohn Davids sein würde. Aber das war nicht genug. Daher fragt Er sie, wieso David Ihn in Psalm 110,1 zugleich als seinen Herrn und als seinen Sohn bezeichnete. Wie konnte das sein? Das war nur möglich, wenn Christus, der Sohn Davids, zugleich auch der Sohn Gottes war. Gott und Mensch in einer Person – das wollten die Juden in ihrem Unglauben nicht anerkennen. Und an dieser Wahrheit scheitern auch heute noch viele Menschen. Als einen vorbildlichen Menschen lassen sie den Herrn noch gelten, jedoch nicht als Sohn Gottes.

In Römer 1,1–4 finden wir eine ähnliche Stelle, die von dem Herrn als Mensch aus dem Samen Davids spricht und zugleich zeigt, dass Er der Sohn Gottes ist. Auch in Offenbarung 22,16 wird dies deutlich, wenn der Herr von sich als der Wurzel und dem Geschlecht Davids spricht.

David hatte die Worte in Psalm 110,1 „in dem Heiligen Geist“ gesagt – ein schöner Hinweis auf die Inspiration des Wortes Gottes und ein Beispiel für die Harmonie zwischen dem Alten und Neuen Testament.

Der Inhalt dieses Verses ist für Gott von großer Wichtigkeit und wird wiederholt im Neuen Testament angeführt (Apg 2,34.35; 1. Kor 15,25; Heb 1,13): „Der Herr (Gott der Vater) sprach zu meinem Herrn (Gott der Sohn): Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel deiner Füße.“

Gott wird dafür sorgen, dass seinem Sohn einmal auf dieser Erde – auf der Er verworfen und getötet wurde und bis heute noch der Verachtete ist – alle Ehre zuteilwerden wird. Er wird herrschen, bis Ihm alle Feinde zu Füßen liegen. Für jeden gläubigen Christen ist das ein Grund zur Freude, für jeden Ungläubigen allerdings eine ernste Warnung.

Die Warnung vor den Schriftgelehrten

„Und er sprach in seiner Lehre: Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die in langen Gewändern umhergehen wollen und die Begrüßungen auf den Märkten lieben und die ersten Sitze in den Synagogen und die ersten Plätze bei den Gastmählern; die die Häuser der Witwen verschlingen und zum Schein lange Gebete halten. Diese werden ein schwereres Gericht empfangen“ (12,38–40).

In diesen Versen tadelt der Herr als der Herzenskenner in deutlichen Worten die Scheinfrömmigkeit der Schriftgelehrten. Sie liebten es aufzufallen und suchten sowohl im wirtschaftlichen (Märkte) und religiösen (Synagogen) als auch im gesellschaftlichen Leben (Gastmähler) im Vordergrund zu stehen. Darüber hinaus bereicherten sie sich sogar an armen Witwen. Dafür würden sie ein schwereres Gericht empfangen. Wenn auch die Länge des Gerichts für alle gleich sein wird, wird es doch Unterschiede in der Schwere geben. Ein jeder wird nach seinen Werken gerichtet (Off 20,12; Lk 12,47).

Auch diese Verse sind zu unserer Belehrung geschrieben. Müssen wir nicht aufrichtig bekennen, dass wir in manchen Charakterzügen mehr oder weniger den Schriftgelehrten gleichen? Dann sollten wir diese Warnung des Herrn zum Anlass nehmen, falsche Verhaltensweisen zu bekennen und abzulegen. Darüber freut sich unser Herr.

Die Witwe mit den zwei Scherflein

„Und Jesus setzte sich dem Schatzkasten gegenüber und sah zu, wie die Volksmenge Geld in den Schatzkasten legt; und viele Reiche legten viel ein. Und eine arme Witwe kam und legte zwei Scherflein ein, das ist ein Cent. Und er rief seine Jünger herzu und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr eingelegt als alle, die in den Schatzkasten eingelegt haben. Denn alle haben von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrem Mangel, alles, was sie hatte, eingelegt, ihren ganzen Lebensunterhalt“ (12,41–44).

Ganz im Gegensatz zu den äußerlich so frommen Schriftgelehrten steht diese arme, aber von Herzen fromme Witwe, die den Herrn erfreute. Er ließ sich nicht – wie wir so oft – von dem äußeren Schein beeindrucken.

Wir hätten diese arme Witwe und ihre Gabe neben den äußerlich so eindrucksvollen Schriftgelehrten und den vielen Reichen, die große Gaben einlegten, vielleicht gar nicht beachtet.

Anders der Herr: Er beurteilt die Beweggründe und nicht die Größe der Gabe. Er sah diese Witwe, die ein Herz für Gott und sein Haus hatte und ihren ganzen Lebensunterhalt gab. Sie hatte sich entschieden, beide Scherflein einzulegen, und musste für ihren weiteren Lebensunterhalt nun ganz auf die Fürsorge Gottes vertrauen (Ps 68,6; 1. Tim 5,5).

Ähnlich handelte die Witwe von Zarpath in 1. Könige 17,12–15. Auch sie gab im Vertrauen das Letzte, was sie hatte, für den Propheten Elia und wurde dann reich belohnt. Das Beispiel dieser Witwen wirft Fragen auf, die zu unseren Herzen reden:

  1. Wie ist es um unser Vertrauen auf Gott bestellt?
  2. Wie hätten wir uns entschieden?
  3. Wie viel geben wir für den Herrn und in welcher Gesinnung tun wir es?

Wenn wir ein brennendes Herz für Gott, unseren Vater, und den Herrn Jesus haben, regeln sich diese Fragen in Bezug auf das Geben eigentlich von selbst. Dann wissen wir, dass alles, was wir haben, von Ihm kommt und wir Ihm nur das zurückgeben, was Er uns anvertraut hat (1. Chr 29,14).

Und wir tun es mit einem fröhlichen Herzen, weil wir wissen, dass Gott einen solchen Geber liebt (2. Kor 9,7c).

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