Betrachtungen über den Propheten Daniel
Botschafter des Heils in Christo 1880

Betrachtungen über den Propheten Daniel - Teil 10/16

Kapitel 9.

Dieses Kapitel beschäftigt sich in ganz besonderer Weise mit den Schicksalen Jerusalems und der Juden, der Stadt und des Volkes Gottes. Die Gefühle und Zuneigungen des Propheten waren mit diesem Volk auf das innigste Verbunden, nicht nur weil es sein Volk war, sondern weil Gott es zu seinem Eigentum auserwählt hatte. Der moralische Zustand desselben war freilich ein solcher, dass Gott nicht mehr zu ihm als zu seinem Volk reden und es als solches öffentlich anerkennen konnte; allein seine Gedanken und Ratschlüsse standen immer noch mit ihm in Verbindung, und Er sorgte für dasselbe, obwohl dies dem menschlichen Auge verborgen sein mochte. Und was hier besonders von Wichtigkeit ist, Daniel hörte nie auf, es als das Volk Gottes zu betrachten. Der Engel mochte von der Stadt und dem Volk Daniels reden, der Prophet selbst aber hielt unerschütterlich daran fest, dass Jerusalem die Stadt Gottes sei, über welche sein heiliger Name angerufen worden war. Er ließ sich durch nichts die kostbare Wahrheit rauben, dass Israel – mochte sein Zustand sein, welcher er wollte – allezeit das Volk Gottes blieb. „Dein Volk“, sagt er in seinem Gebet zu Jehova, und „Deine Stadt, dein heiliger Berg!“ Gerade die schweren Züchtigungen und Gerichte, die über das Volk gekommen, waren für ihn ein Beweis, dass es das Eigentum Gottes war.

Auf das tiefste an dem Wohl und Wehe desselben interessiert, forscht er in den Büchern der Heiligen Schrift, was Gott über das Schicksal dieser unglücklichen Nation offenbart hatte. Es handelt sich in dem ersten Teil unseres Kapitels nicht um eine neue Offenbarung oder Mitteilung von Oben. „Im ersten Jahre Darms, des Sohnes Ahasveros, aus dem Samen der Meder, der zum König gesetzt war über das Königreich der Chaldäer (vgl. Kap 5,30 und 6,1), im ersten Jahre seiner Regierung, verstand ich, Daniel, durch die Bücher, dass die Zahl der Jahre, von denen das Wort Jehovas geschehen zu Jeremia, dem Propheten, für die Erfüllung der Verwüstungen Jerusalems, siebzig Jahre war“ (V 1–2). Daniel war ein Prophet; allein hier wird uns mitgeteilt, dass er „durch die Bücher“, durch das Studium der Prophezeiung Jeremias (Kap 29), d. h. durch den Gebrauch der gewöhnlichen Mittel, die im Bereich des geistlichen Menschen liegen, verstanden hatte, dass Israel Wiederhergestellt und nach siebzigjähriger Gefangenschaft in sein Land zurückgeführt werden sollte. Jeremia hatte das Gericht über den gottlosen König Babylons und über sein Volk angekündigt, und dieses Gericht war inzwischen hereingebrochen. Daniel war sicher kein gleichgültiger Zuschauer der gewaltigen Umwälzungen gewesen, die sich unter seinen Augen vollzogen hatten, allein sie gaben ihm keinen Anhaltspunkt für seinen Glauben, dass das Ende der Gefangenschaft seines Volkes nahe sei. Er las das Wort Gottes, den Propheten Jeremia, und auf Grund der Offenbarungen des Höchsten verstand er, dass der gezwungene Aufenthalt der Juden in Babylon nur noch wenige Jahre dauern würde. Dies ist der einzig richtige Weg, um die göttlichen Prophezeiungen zu verstehen. Nicht die Beobachtung der Umstände und Ereignisse, sondern das Studium des Wortes Gottes kann uns, wenn wir uns anders der Leitung des Heiligen Geistes überlassen, allein Licht über dunkle und schwierige Stellen der prophetischen Schriften geben.

Welch eine Wirkung übt nun dieses Verständnis der Prophezeiungen Jeremias auf den Geist Daniels aus? Er sinkt in den Staub nieder und – bekennt. Es ist dies ein Charakterzug des wahren, einfältigen Glaubens. Sobald Daniel die wunderbaren Gedanken und Ratschlüsse Gottes kennen lernt, drängt es ihn, in die Gegenwart dieses Gottes zu treten und mit Ihm über das, was Er ihm offenbart hat, Gemeinschaft zu machen, und zwar bevor er anderen etwas davon mitteilt. Wir haben dasselbe im 2. Kapitel bei Daniel gesehen. Doch es ist in etwa auffallend, dass er hier nicht, wie dort, sein Herz in Danksagung, sondern in einem tiefgefühlten Bekenntnis und in einer brünstigen Fürbitte für das verwüstete Heiligtum und die Stadt, welche Jehova liebte, ausschüttet. Wenn er die Prophezeiung Jeremias im Anfang der Gefangenschaft verstanden und sich dann zu Gott gewandt und seine Sünden und die Übertretungen des Volkes vor Ihm bekannt hätte, so würden wir dies eher begreiflich finden. Wein jetzt steht er nahe am Ende der siebzig Jahre, und dennoch spricht er gar nicht von der bevorstehenden Erlösung, sondern nur von den Ungerechtigkeiten und der Herzenshärtigkeit seines Volkes. Ich glaube, der Grund ist dieser: Daniel erforschte die prophetischen Bücher nicht, um seine Wissbegierde in Betreff der Daten und Zeitabschnitte in der Geschichte Israels zu befriedigen, sondern um die Wege und Handlungen Gottes in Verbindung mit seinem Volk kennen zu lernen. Er erkannte, wie sehr dasselbe seinen Jehova verunehrt, wie schwer es sich gegen Ihn versündigt hatte; er sah in den Züchtigungen und Trübsalen, die über ihn und sein Volk gekommen waren, die strafende Hand Gottes, und er vernahm seine Stimme, die durch diese schweren Wege zu dem Herzen der abtrünnigen Nation redete. Und deshalb „richtete er sein Antlitz zu Gott, dem Herrn, um zu bitten mit Gebet und Flehen, mit Fasten und Sack und Asche“ (V 3). Dann lesen wir weiter: „Und ich betete zu Jehova, meinem Gott, und ich bekannte und sprach: Ach Herr, du großer und furchtbarer Gott, der Bund und Gnade hält denen, die Ihn lieben und seine Gebote halten. Wir haben gesündigt und Unrecht getan und gesetzlos gehandelt und uns empört und sind abgewichen von deinen Geboten und deinen Rechten. Und wir haben nicht gehört auf deine Knechte, die Propheten, die in deinem Namen redeten zu unseren Königen, unseren Fürsten und unseren Vätern und zu allem Volk des Landes“ (V 4–6).

Welch ein rückhaltloses Bekenntnis! Da ist kein Gedanke an eine Beschönigung oder Rechtfertigung des Geschehenen. „Wir haben gesündigt und unrecht getan und gesetzlos gehandelt.“ Und bemerken wir wohl, dass Daniel sich in seinem Bekenntnis nicht von dem Volk ausschließt. Er sagt nicht: „das Volk hat gesündigt“, nein, „wir haben gesündigt.“ Und doch gab es niemanden in der ganzen ungeheuren Stadt Babylon, der in Folge seines Wandels und seines treuen Zeugnisses so sehr berechtigt gewesen wäre, sich von der Zahl jener Übertreter der Gebote Gottes auszuschließen, wie gerade Daniel. Er war ein heiliger und unterwürfiger Mann. Der Engel nennt ihn im 23. Vers „den Vielgeliebten.“ Und außerdem war er in so zartem Alter von Jerusalem in die Gefangenschaft geführt worden, dass er schwerlich an den Sünden Teil genommen haben konnte, in deren Folge das schreckliche Gericht hereingebrochen war. Dessen ungeachtet schließt er sich völlig in das Bekenntnis mit ein. „Wir haben gesündigt.“ Er macht sich eins mit seinem unglücklichen Volk; er betrachtet ihre Sünden als die seinigen und ihre Herzenshärtigkeit als die seinige. Alle hatten gesündigt; keiner von ihnen war schuldlos. Fürsten, Väter und Priester waren abgewichen von Jehova und hatten seiner Stimme nicht gehorcht. Daniel stellt sich mit ihnen auf einen Boden. Er nahm in seinem Bekenntnis den Platz vor Gott ein, den das Volk selbst hätte einnehmen sollen. Demütigung, Bekenntnis und Selbstgericht war das einzig richtige Gefühl, das jetzt dem Volk geziemte und wodurch es Gott verherrlichen konnte. Und dieses Gefühl war in Daniel vorhanden. Von dem Bösen getrennt, wandelte er in Gemeinschaft mit Gott und in seinem Licht und erkannte deshalb umso tiefer den traurigen Zustand des Volkes. So ist es immer. Je mehr wir ins Licht kommen, desto mehr sehen wir die Finsternis, die wir verlassen haben. Je mehr wir Gott kennen lernen, sowohl in seiner unendlichen Liebe gegen die Seinen, als auch in seiner vollkommenen Heiligkeit und Gerechtigkeit, desto tiefer werden wir auch die Hässlichkeit der Sünde fühlen. Daniel sah alles, was Gott an seinem Volk getan hatte, er erkannte und fühlte die Liebe und die Zuneigung, welche Ihn mit Israel verband, und gerade deshalb ist sein Schmerz über das Verderben desselben ein so großer und sein Bekenntnis ein so aufrichtiges und unumwundenes. Zugleich aber gibt ihm das Bewusstsein der Liebe und der großen Barmherzigkeit Gottes Mut und Freudigkeit, Fürbitte für die arme, verirrte Nation zu üben. „Und nun, o Herr, unser Gott, der du dein Volk herausgeführt aus dem Land Ägypten mit starker Hand und dir einen Namen gemacht, wie er an diesem Tag ist – wir haben gesündigt, wir sind gesetzlos gewesen. Herr, nach all deinen Gerechtigkeiten, lass doch deinen Zorn und deinen Grimm abgewandt werden von deiner Stadt Jerusalem, deinem heiligen Berge; denn um unserer Sünden und um unserer Väter Ungerechtigkeiten willen sind Jerusalem und dein Volk zur Schmach bei all unseren Umgebungen. Und nun, unser Gott, höre auf das Gebet deines Knechtes und auf sein Flehen, und lass leuchten dem Angesicht über dein Heiligtum, das verwüstet ist, um des Herrn willen! Neige, mein Gott, dein Ohr und höre! Tue deine Augen auf und siehe unsere Verwüstungen, und die Stadt, über welche dein Name angerufen ist! Denn nicht um unserer Gerechtigkeiten willen legen wir unser Flehen vor dein Angesicht, sondern um deiner vielen Barmherzigkeiten willen. Herr, höre! Herr, vergib! Herr, merke auf und wirke, zögere nicht, um deiner selbst willen, mein Gott! Denn über deine Stadt und dein Volk ist dein Name angerufen“ (V 15–19).

Der Prophet erkennt die Gerechtigkeit Gottes an, der wegen ihrer Ungerechtigkeiten das Gericht über sie gebracht hatte; zugleich aber erinnert er Ihn daran, dass es sich um sein Volk handle, welches Er mit starker Hand aus Ägypten herausgeführt habe, und dass die Ehre seines Namens auf dem Spiel stehe. Er bittet um Gnade um Jehovas selbst willen. Dieses herrliche Gebet Daniels erinnert uns an die erhabene Fürbitte Moses, als das Volk, während seiner Abwesenheit auf dem Berg Sinai, das goldene Kalb gemacht hatte (vgl. 2. Mo 32).

Als Antwort auf dieses brünstige Gebet sendet Gott die Prophezeiung. Der ganze Herzenszustand Daniels war geeignet, um die jetzt folgende Offenbarung aufnehmen zu können. „Während ich noch redete und betete und meine Sünde und die Sünde meines Volkes Israel bekannte, und mein Flehen niederlegte vor Jehova, meinem Gott, für den heiligen Berg meines Gottes, als ich noch redete im Gebet, kam der Mann Gabriel, den ich im Anfang gesehen im Gesicht, mit eilendem Flug und rührte mich an um die Zeit des Abendopfers.“ Es unterliegt keinem Zweifel, dass es sich hier ausschließlich um Israel, um Jerusalem und den Berg Zion handelt. Die Prophezeiung hat mit dem Christentum durchaus nichts zu tun; die darin erwähnten Zeitabschnitte stehen nur mit dem Volk und der Stadt Daniels in Verbindung. „Und er gab Einsicht und redete mit mir und sprach: Daniel, jetzt bin ich ausgegangen, dich im Verständnis zu unterweisen. Im Anfang deines Flehens ist das Wort ausgegangen, und ich bin gekommen, es anzuzeigen, denn du bist ein Vielgeliebter. So merke auf das Wort und verstehe das Gesicht“ (V 22–23). Beachten wir die Worte: „im Anfang deines Flehens ist das Wort ausgegangen.“ Daniel hatte sein Gebet noch nicht beendet, als Gott, der die Gedanken seines Knechtes verstand, schon seinen Engel aussandte, um ihm Antwort zu bringen und sein Verständnis zu öffnen. Er war ein treuer, vielgeliebter Mann. Sollte Gott das inbrünstige Flehen eines seiner Teuren und Vielgeliebten unbeantwortet lassen? Unmöglich. Er versteht uns, noch ehe wir unsere Anliegen Ihm in Worten vorgetragen haben.

„Siebzig Wochen sind bestimmt über dein Volk und über deine heilige Stadt“ (V 24). Am Ende dieser siebzig Wochen soll die von Gott bestimmte Zeit kommen, „um die Übertretung zu vollenden und mit den Sünden ein Ende zu machen, (sie hinweg zu tun) und die Ungerechtigkeit zu vergeben und eine ewige Gerechtigkeit zu bringen, und das Gesicht und den Propheten zu versiegeln (d. h. zu vollenden) und das Allerheiligste zu salben.“ Das Volk soll in Gnade wiederhergestellt, seine Sünden und Übertretungen sollen völlig vergeben und hinweggetan, das Allerheiligste gesalbt werden und alle die Verheißungen ihre Erfüllung finden. Wann wird dies geschehen? Nach Beendigung der siebzig Wochen. Sobald die letzte Woche ihre Erfüllung gefunden haben wird, bricht jene herrliche Zeit für Israel an.

Dieser Zeitraum von siebzig Wochen wird durch den Engel in drei Teile geteilt, und Zwar in sieben Wochen, zwei und sechzig Wochen und eine Woche. „Wisse denn und verstehe: Vom Ausgang des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, bis auf den Messias, den Fürsten, sind sieben Wochen und zwei und sechzig Wochen“ (V 25). Die wichtige Frage für uns ist: Wann ist dieses Wort, „Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen“, ausgegangen? Wie wir wissen, erlaubte Kyrus im ersten Jahre seiner Regierung den bis dahin gefangen gehaltenen Juden, in ihr Land zurückzukehren, um Jehova, dem Gott des Himmels, ein Haus zu bauen. Wir lesen im 1. Kapitel des Buches Esra: „So spricht Kores, der König von Persien: Alle Königreiche der Erde hat mir Jehova, der Gott des Himmels, gegeben, und Er hat mir befohlen, Ihm ein Haus zu bauen zu Jerusalem, das in Juda ist. Wer unter euch aus allem seinem Volk ist, mit dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf nach Jerusalem, das in Juda ist, und baue das Haus Jehovas – das in Jerusalem ist – des Gottes Israels; Er ist Gott“ (V 2–3). Auf diesen Befehl hin zogen alle Juden, denen Gott es ins Herz gab, sein Haus zu bauen, nach Palästina zurück, beladen „mit silbernen Geräten, mit Gold, mit Habe und mit Vieh und mit Kostbarkeiten“, die ihnen auf Geheiß des Königs von allen, die um sie her wohnten, gegeben wurden. Viele blieben noch in Babel zurück, unter (ihnen, wie es scheint, auch Daniel) und folgten erst später ihren vorangezogenen Brüdern. Außerdem ließ Kyrus alle die Gefäße des Hauses Jehovas, die Nebukadnezar seiner Zeit aus Jerusalem weggeführt hatte, zusammenbringen und übergab sie den Fürsten Judas (Esra 1,6–7). Allein wenn gefragt wird: Ist dieses der Ausgang des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, von dem der Engel hier redet, so müssen wir entschieden mit „Nein“ antworten. Kyrus gab nur den Befehl, den Tempel wieder aufzubauen, und entließ die Juden, reich beschenkt, in ihr Land; allein von der Wiederherstellung der Stadt war gar nicht die Rede. Wir müssen daher nach einem anderen Befehl suchen, der mit den Worten des Engels in Übereinstimmung ist. Wir finden noch zwei solcher Befehle, und zwar zunächst in Esra 7 und dann in Nehemia 2. Bei dem ersteren handelt es sich jedoch wieder nur um die Rückkehr der noch in Chaldäa zurückgebliebenen Israeliten und um den Bau, die Ausschmückung und Versorgung des Tempels mit Gold und Silber und mit Stiere und Lämmern und Widdern zum Opfer. Dieser Befehl erging im siebenten Jahre der Regierung Artasasthas, des Königs von Persien (in der Geschichte unter dem Namen Artaxerxes Longimanus bekannt), und zwar an Esra, den Schreiber des Königs.

Der letzte Befehl wird uns, wie schon gesagt, im 2. Kapitel des Buches Nehemia mitgeteilt. Nehemia war Mundschenk bei dem König Artasastha. Von einigen Männern, die von Juda nach Babylon gekommen waren, hatte er gehört, dass die in ihr Land zurückgekehrten Juden in dem größten Elende lebten, und dass die Mauern Jerusalems zerstört und ihre Tore mit Feuer verbrannt seien. Trauernden Herzens begab er sich zum König. Dieser, dem die Niedergeschlagenheit seines Dieners auffiel, forschte nach der Ursache seines Kummers. Nehemia teilte ihm die traurigen Nachrichten mit, die er erhalten hatte, und bat ihn zugleich um die Erlaubnis, in sein Land zurückkehren zu dürfen, um mit Hilfe seiner Brüder die Stadt wieder aufzubauen. Bereitwilligst gab der König seine Zustimmung zu dem Plan seines treuen Dieners und schickte zugleich auf seine Bitte Briefe an „die Landpfleger jenseits des Stromes und an die Hüter des Parkes“, dass sie ihm in allem beistehen und Holz geben sollten, „zu bälken die Tore des Palastes, der am Haus ist, und zur Mauer der Stadt, und zu dem Haus, in welches er (Nehemia) ziehen wollte“ (Neh 2,8). Es unterliegt keinem Zweifel, dass wir es hier mit dem Ausgang des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, zu tun haben. Der Bau der Stadt, ihrer Mauern und ihrer Häuser ist der Gegenstand des Befehls. Er wurde von Artasastha erlassen im Zwanzigsten Jahre seiner Regierung, dreizehn Jahre später, als Esra den Befehl erhielt, mit den seinigen nach Jerusalem zurückzukehren, um den Bau des Tempels zu vollenden.

Der Gedanke, dass die siebzig Wochen mit dem Kommen des Messias ihre Erledigung oder Erfüllung finden müssten, hat viele irregeleitet, den an Esra ergangenen Befehl für denjenigen zu halten, der hier gemeint ist. Allein dieser Gedanke ist auf nichts in unserem Kapitel begründet; er ist eben menschlich. Der 24. Vers enthält weit mehr, als das Kommen des Messias. „Siebzig Wochen sind bestimmt, um die Übertretung zu vollenden und mit den Sünden ein Ende zu machen und die Ungerechtigkeit zu vergeben und eine ewige Gerechtigkeit zu bringen und den Propheten zu versiegeln und das Allerheiligste zu salben.“ Ist alles dieses geschehen bei der Ankunft des Messias? Ist mit den Sünden ein Ende gemacht, eine ewige Gerechtigkeit gebracht, sind die Prophezeiungen alle erfüllt und das Allerheiligste (das Heiligtum Jehovas, denn es handelt sich hier um Israel) gesalbt worden? Sicherlich nicht. Gerade das Gegenteil war der Fall. Allerdings ist durch den Tod des Herrn, durch das Hinwegtun seiner Person, eine vorher nie gekannte wunderbare Segnung für den Menschen ans Licht gebracht worden, allein hier ist von der Zeit die Rede, wo Israel völlig wiederhergestellt und in seinem Land gesegnet sein wird.

Die folgenden Verse machen dies noch deutlicher. Wie schon oben angedeutet, sind diese siebzig Wochen in drei Abschnitte von verschiedener Länge eingeteilt. „Von dem Ausgang des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, bis auf den Messias, den Fürsten, sind sieben Wochen und Zweiundsechzig Wochen“, im Ganzen also neunundsechzig und nicht siebzig Wochen. Die 70. und letzte Woche ist von den übrigen getrennt und dadurch die Reihenfolge unterbrochen. Doch es möchte gefragt werden: Warum bilden die ersten sieben Wochen eine besondere Periode? Der letzte Teil des 25. Verses gibt uns, wie ich glaube, Aufschluss darüber. Dort heißt es: „Die Straße und der Graben werden wiederhergestellt werden, und zwar in Drangsal der Zeiten.“ Dies bezieht sich, wie ich nicht Zweifel, auf jenen Zeitraum von sieben Wochen oder neunundvierzig Jahren (da wir es hier, wie bekannt, nicht mit gewöhnlichen Wochen, sondern mit Jahrwochen zu tun haben) innerhalb desselben sollte die Stadt wiederhergestellt und ihre niedergeworfenen, eingerissenen Mauern und Graben wiederaufgebaut werden, und Zwar in einer schweren, bedrängten Zeit. In dem Buch Nehemia wird uns der Beginn und die Vollendung dieses Baus mitgeteilt, und zugleich geschieht der vielen Schwierigkeiten und Nöten in dieser Zeit häufig Erwähnung.

Im 26. Verse beginnt dann die zweite Periode von zwei und sechzig Wochen oder von vierhundert vier und dreißig Jahren. – Nach dem Verlauf dieser Periode oder – wenn wir den ganzen Zeitraum zusammennehmen – nach der neun und sechzigsten Woche „wird der Messias weggetan werden und wird nichts haben.“ Von den Ereignissen, die sich innerhalb der zwei und sechzig Wochen zutragen sollten, wird uns nichts gesagt. Aber nach Ablauf dieser Zeit soll der Messias, dem das Königreich und die Herrlichkeit gehörten, weggetan werden und nichts haben. In diesen Worten ist die gänzliche Verwerfung des Messias eingeschlossen. Anstatt von den Juden aufgenommen zu werden und ihnen die für das Ende der siebzig Wochen prophezeiten Segnungen zu bringen, wurde Er verworfen und hatte nichts. Dieses erklärt auch die Unterbrechung der Kette von siebzig Wochen. Da Israel seinen Messias verwarf, so wurde die Erfüllung der letzten Woche hinausgeschoben; anstatt der angekündigten herrlichen Segnungen kamen schreckliche Gerichte über das Volk. Die siebzig Wochen waren ihrem Ende schon nahe, als Jesus kam; und hätten die Juden und Jerusalem an jenem ihrem Tag Buße getan, so Ware alles bereit zu ihrer Wiederherstellung in Herrlichkeit gewesen. Abraham, Isaak und Jakob hätten auferweckt werden können, wie es mit Lazarus geschehen war. Aber sie erkannten nicht die Zeit ihrer Heimsuchung, und daher mussten notwendigerweise die Erfüllung der siebzig Wochen sowohl, wie auch die Segnungen, welche folgen sollten, verschoben werden. Israel verwarf seinen Messias und tötete den Herrn der Herrlichkeit. Die Folgen dieser Verwerfung Christi waren unausbleiblich. Wir lesen: „Und ein Volk des kommenden Fürsten wird die Stadt und das Heiligtum Zerstören, und ihr Ende wird sein durch eine überströmende Flut, und bis ans Ende Krieg, Festbeschlossenes von Verwüstungen.“ Anstatt der verheißenen Segnungen fiel die Stadt und das Heiligtum der Zerstörung anheim. Das Volk des kommenden Fürsten eroberte ungefähr 40 Jahre nach dem Tod des Messias Jerusalem und machte den Tempel und beinahe die ganze Stadt dem Erdboden gleich. Die Worte der Hohepriester und Pharisäer fanden nur zu bald ihre Erfüllung. Sie hatten, als Jesus den Lazarus auferweckte und viele von den Juden in Folge dieses Wunders an Ihn glaubten, gesagt: „Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Wenn wir Ihn also lassen, werden alle an Ihn glauben, und die Römer werden kommen und sowohl unseren Ort als unsere Nation wegnehmen“ (Joh 11,47–48). Ihre Befürchtungen verwirklichten sich in der schrecklichsten Weise; aber gerade das, was sie taten, um dem drohenden Verderben vorzubeugen, diente dazu, es nur umso schneller und umso furchtbarer über sie zu bringen. Die Römer kamen und Zerstörten nicht nur ihre Stadt, sondern nahmen auch ihre Nation weg, d. h. sie zerstreuten sie über die ganze Oberfläche der Erde und bereiteten ihrem Bestehen als Nation ein jähes Ende. Seit jener Zeit befinden sich die Juden, in einem traurigen, kläglichen Zustand. Schreckliche Verfolgungen kamen über sie im Lauf der Jahrhunderte. Heute noch sind sie ein verachtetes Volk, das heimatlos auf der ganzen Erde umherirrt. Wohl ist es wahr, dass sie sich fast an allen Orten der Welt angesiedelt und viele Reichtümer angesammelt haben, so dass sie selbst an vielen Höfen der Könige und Fürsten von großem Einfluss sind, aber trotzdem bleiben sie ein unstetes Volk, auf welches von allen Seiten mit Geringschätzung herabgesehen wird. Sie sind ohne Land und ohne Heimat. Ihr Land ist verwüstet, die fruchtbaren Gefilde Kanaans, die von Milch und Honig flössen, sind zur Einöde geworden. Jerusalem, die Stadt Gottes, ist zertreten worden und hat seit seiner Zerstörung unter der Herrschaft fremder Nationen geseufzt. Der Zorn Gottes ruht auf dem unglücklichen Land und der noch unglücklicheren Nation. Und es wird so bleiben bis ans Ende, d. h. bis Gott sich wieder über sein Volk erbarmen und jene Zeit der Segnung, von der wir im 24. Verse hören, herbeiführen wird. „Ihr Ende wird sein durch eine überströmende Flut, und bis ans Ende Krieg, Festbeschlossenes von Verwüstungen.“ Es hat keinen Sinn, zu denken, dass die 70. Woche direkt nach dem Tod des Messias ihre Erfüllung gefunden habe. Denn die Zerstörung Jerusalems traf nicht sieben, sondern ungefähr vierzig Jahre später ein, und heute noch befindet sich das jüdische Volk und Land unter der ganzen Schwere des göttlichen Gerichts. Es ist noch nichts zu sehen von den Segnungen, die nach Beendigung der 70. Woche unfehlbar (denn Gott hat es gesagt) eintreffen werden. Die 70. Woche harrt daher noch ihrer Erfüllung, sie ist noch zukünftig. Nach Ablauf der 69. Woche ist eine Unterbrechung in dem Lauf der Geschichte Israels eingetreten; es hat aufgehört, eine selbstständige Nation und das Volk Gottes zu sein. Gott hat es wegen seiner Sünden dahingegeben. Und diese Zeit der Dahingabe von Seiten Gottes dauert schon mehr als 1800 Jahre und wird währen bis zu dem Augenblick, wo Gott das Volk wieder nach Palästina zurückbringen und durch die Endgerichte der letzten 70. Woche läutern und den treuen, bewährten Überrest in die Segnungen des tausendjährigen Reiches einführen wird.

Noch eins ist hier zu beachten. Wir lesen in dem eben betrachteten Vers: „Ein Volk des kommenden Fürsten wird die Stadt und das Heiligtum zerstören.“ Es heißt nicht: „der kommende Fürst.“ Der Messias, der Fürst Israels, war bereits gekommen und hinweggetan, als Jerusalem seinem traurigen Schicksal anheimfiel; von Ihm kann also hier keine Rede sein. Es ist ein Fürst des Volkes, welches das Gericht Gottes über die schuldig? Stadt und Nation ausführen sollte, d. h. der Römer, aber ein Fürst, der zurzeit der Zerstörung Jerusalems noch kommen sollte oder noch zukünftig war. Dieses ist für das Verständnis des letzten Verses unseres Kapitels sehr wichtig. Ohne Zweifel befanden sich die Römer unter der Leitung eines Fürsten, als sie die heilige Stadt belagerten und einnahmen. Die Geschichte hat uns seinen Namen überliefert; es war Titus Vespasianus. Allein er kann nicht der Fürst sein, von dem hier gesprochen wird. „Das Volk des kommenden Fürsten“ zerstörte die Stadt und das Heiligtum, und dann trat jene Periode der Verwüstungen und Kriege ein, von der wir oben schon redeten. Solange diese währt, wird dieser Fürst nicht kommen, denn wir lesen in dem folgenden Vers, dass er erst dann, wenn die 70. Woche beginnt, auf den Schauplatz treten und seine Wirksamkeit beginnen wird.

„Und er wird den vielen einen Bund befestigen eine Woche.“ Der Wortlaut dieser Stelle hat viele Leser und Erklärer des Buches Daniel zu dem Gedanken geführt, dass hier von Christus, dem Messias und Fürsten der Juden die Rede sei, und dass Er den vielen einen Bund befestigt habe. Ohne Zweifel hat Christus durch seinen Tod und durch sein Blut den Grund zu dem neuen Bunde gelegt. Sein Blut wird durch das Wort Gottes selbst das des neuen Bundes genannt. Allein ist dieser Bund hier gemeint? Unmöglich. Es heißt: „Er wird den vielen einen Bund befestigen eine Woche.“ Niemand wird bestreiten können, dass diese Woche die letzte von den über das Volk und die Stadt Daniels bestimmten siebzig Wochen ist. Neun und sechzig Wochen sind verflossen, eine Woche, d. h. ein Zeitraum von sieben Jahren, fehlt noch. Umsaht nun der neue, auf das Blut Christi gegründete Bund nur einen Zeitraum von sieben Jahren? Im Gegenteil – der Bund Christi ist ein ewiger Bund; dieser hier ist aber nur für die Dauer von sieben Jahren. Os kann also nicht Christus sein, der diesen Bund macht, sondern nur der kommende Fürst. Dies entspricht auch dem ganzen Zusammenhang. Er befestigt „den vielen“ (d. h. der Masse der jüdischen Nation; der kleine, treue Überrest wird sich nicht an diesem Bund beteiligen) einen Bund eine Woche, „und in der Hälfte der Woche wird er aufhören lassen das Schlachtopfer und das Speisopfer.“ Die Juden, zurzeit dieser letzten Woche wieder in ihr Land zurückgekehrt, werden von neuem anfangen, ihre Opfer, Feste und religiösen Gebräuche einzuführen, aber in der Hälfte der Woche wird der kommende Fürst ihrer Anbetung ein Ende machen.

Auch an anderen Stellen des Wortes Gottes wird von diesem Bund gesprochen. Wir lesen in Jesaja 28,15: „Denn ihr habt gesagt: Wir haben einen Bund gemacht mit dem Tod und mit dem Scheol einen Vertrag geschlossen; wenn hindurchziehen wird die überflutende Geißel, wird sie an uns nicht kommen; denn wir haben uns die Lüge zur Zuflucht gemacht und in der Falschheit uns verborgen.“ Und in Vers 18: „Und es wird zunichte werden euer Bund mit dem Tod, und euer Vertrag mit dem Scheol nicht bestehen; wenn hindurchziehen wird die überflutende Geißel, so werdet ihr von derselben zertreten werden.“ Ich zweifle nicht daran, dass dieser Bund derselbe ist, von dem Daniel, oder vielmehr der Engel Gabriel redet. Die Juden werden mit dem kommenden Fürsten, dem Haupt der westlichen Macht, des römischen Reiches in seiner letzten Form, einen verderblichen Bund schließen, um dadurch der überflutenden Geißel, die ihr Land durchziehen wird, zu entgehen. „Wenn hindurchziehen wird die überflutende Geißel, wird sie an uns nicht kommen“, sagen sie. Allein dieser kommende Fürst wird in der Hälfte der Woche, oder mit anderen Worten, nach Verlauf von drei und einem halben Jahre seinen Bund brechen und die Juden zwingen, ihre Opfer und ihre Anbetung des wahren Gottes fahren zu lassen und Götzendienst zu treiben. Er wird einen Götzen aufstellen und sich selbst anbeten und göttlich verehren lassen. „Er wird aufhören lassen das Schlachtopfer und das Speisopfer, und wegen des Schutzes der Gräuel 1 wird ein Verwüster sein.“ Das Wort „Gräuel“ ist ein in den Schriften des Alten Testamentes bekannter Ausdruck für Götzenbilder und heidnische Gräuel.

Die überflutende Geißel in Jesaja 28 und der hier in Daniel wegen des Schutzes der Gräuel erscheinende Verwüster sind, wie ich glaube, eine und dieselbe Person. Es ist das Haupt der östlichen Mächte jener Tage, der unter dem Namen „König des Nordens“ oder „Assyrer“ uns schon bekannte äußere Feind Israels. Wie soeben bemerkt, wird die Masse des jüdischen Volkes mit dem Haupt der westlichen Mächte einen Bund eingehen, um sich vor diesem König des Nordens sicher zu stellen. Allein in der Mitte der Woche wird jener Treulose seinen Bund mit Israel brechen und im Verein mit dem falschen Propheten oder dem Antichristen, der in der Mitte des Volkes weilt, dieses unterdrücken und zu verderben suchen. Außerdem wird Gott wegen der Abtrünnigkeit Israels und weil es einen Bund mit jenem König eingegangen ist, den König des Nordens, die überflutende Geißel, den Verwüster, über sie bringen. „Wegen des Schutzes der Gräuel wird ein Verwüster sein und bis zur festbeschlossenen Gerichtsvollendung 2 über die Verwüstete ausgegossen werden.“ Unter dem Ausdruck „die Verwüstete“ haben wir, wie ich nicht zweifle, Jerusalem zu verstehen. 3

Die gewaltsame Abschaffung des jüdischen Gottesdienstes durch den kommenden Fürsten fanden wir schon in einem der früheren Kapitel erwähnt; sie wird durch die eben betrachtete Prophezeiung nur bestätigt. Wir lasen in dem 7. Kapitel, dass das aus dem Haupt des vierten Tieres hervorkommende kleine Horn Worte wider den Höchsten reden, die Heiligen der hohen Örter zerstören und bestimmte Zeiten und Gesetze verändern wird; „und sie werden auf eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit in seine Hände gegeben werden.“ Es ist genau derselbe Zeitraum wie hier. „Eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit“ repräsentieren, wie wir aus verschiedenen anderen Stellen des Wortes Gottes entnehmen können, eine Periode von drei und einem halben Jahre. Dasselbe ist mit der halben Woche der Fall. Der Bund, den der Fürst mit dem Volk macht, ist für eine Woche bestimmt, aber er wird ihn nur eine halbe Woche halten, ihn dann brechen und den Juden nicht einmal erlauben, ihre religiösen Feste zu feiern. Bestimmte Zeiten und Gesetze wird er zu verändern gedenken, und sie werden in seine Hände gegeben werden. Da die Wiederherstellung des ganzen jüdischen Gottesdienstes im Unglauben geschieht, so wird Gott diesem Bösen erlauben, ihn völlig hinwegzutun. Trauriger Zustand des Volkes! Wieder in sein Land zurückgeführt und um die heilige Stadt versammelt, wird es eine Beute der Bosheit des Königs der westlichen Mächte und des größten Feindes in seinem Innern, des Antichristen; zugleich ist es der Wut „des Verwüsters“, des Königs des Nordens, preisgegeben. Doch Gott sei Dank! diese schreckliche Zeit wird vorübergehen. Er hat ihr eine bestimmte Grenze gesetzt, und darüber hinaus reicht keine Bosheit des Feindes. Der heilige Same, der treue, göttliche Überrest des Volkes, wird durch diese Zeit der Drangsal hindurchgeführt und errettet werden. „Der Herr Jehova wird abwischen die Tränen von allen Angesichtern, und die Schmach seines Volkes wird Er wegnehmen von der ganzen Erde, denn Jehova hat es geredet“ (Jes 25,8). (Fortsetzung folgt)

Fußnoten

  • 1 Buchstäblich „wegen des Flügels der Gräuel.“ Das Wort „Flügel“ wird auch in anderen Stellen des Alten Testaments für „Schutz“ gebraucht (J. N. D.).
  • 2 Es ist dies ein Ausdruck, der häufig für die letzten Gerichte, welche über die Juden kommen werden, gebraucht wird. Vgl. Jesaja 10,22; 28,22. Der 2. Vers dieses letzten Kapitels in Jesaja vergleicht den Verwüster mit einer überströmenden Flut. Es ist dasselbe Bild wie im 26. Vers unseres Kapitels (J. N. D.).
  • 3 Der Herr Jesus redet zu seinen Jüngern nur von der letzten Halbwoche, von der Zeit der Drangsal, welche der Aufrichtung des Götzendienstes in Jerusalem folgt. Einige haben in Folge dessen gedacht, dass nur diese Halbwoche noch kommen würde, und dass Christus in der Mitte der Woche weggetan worden sei. Andere sind der Meinung, dass die 70. Woche schon vor dem Tod des Herrn ihre völlige Erfüllung gefunden habe, dass sie aber wegen der Verwerfung Christi nicht gerechnet werden dürfe und sich daher zur Zeit der Verbindung der Juden mit dem Bösen wiederholen würde. Eins ist gewiss: Der Messias ist nach Ablauf der neun und sechzigsten Woche hinweggetan worden, und der kommende Fürst macht mit dem jüdischen Volk einen Bund für eine Woche. Die letzte Hälfte derselben ist eine Zeit der äußersten Unterdrückung wegen der Gräuel oder Götzendienereien (J. N. D.).
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