Das Buch der Richter
Bleibe deinem Gott treu!

Kapitel 19

Moralisches Verderben und die Sünde von Gibea

«Von innen aus dem Herzen der Menschen gehen hervor die schlechten Gedanken: Hurerei, Dieberei, Mord, Ehebruch» (Mk 7,21.22). Die Unmoral von Gibea, wie sie in diesem Kapitel beschrieben wird, widerspiegelt das Herz jedes Menschen. Wir betrachten diese Geschichte mit Abscheu vor dem Bösen und tiefer Demütigung.

Der Levit und seine Nebenfrau in Bethlehem (V. 1-10)

Und es geschah in jenen Tagen, als kein König in Israel war, dass sich ein levitischer Mann an der äußersten Seite des Gebirges Ephraim aufhielt; und er nahm sich eine Frau, eine Nebenfrau, aus Bethlehem-Juda. Und seine Nebenfrau hurte neben ihm; und sie ging von ihm weg in das Haus ihres Vaters nach Bethlehem-Juda und war dort eine Zeit lang, vier Monate. Und ihr Mann machte sich auf und ging ihr nach, um zu ihrem Herzen zu reden, um sie zurückzubringen; und sein Knabe war bei ihm und ein Paar° Esel. Und sie führte ihn in das Haus ihres Vaters; und als der Vater der jungen Frau ihn sah, kam er ihm freudig entgegen. Und sein Schwiegervater, der Vater der jungen Frau, hielt ihn zurück, und er blieb drei Tage bei ihm; und sie aßen und tranken und übernachteten dort. Und es geschah am vierten Tag, da machten sie sich frühmorgens auf, und er erhob sich, um fortzugehen. Da sprach der Vater der jungen Frau zu seinem Schwiegersohn: Stärke dein Herz mit einem Bissen Brot, und danach mögt ihr ziehen. Und sie setzten sich und aßen und tranken beide miteinander. Und der Vater der jungen Frau sprach zu dem Mann: Lass es dir doch gefallen und bleib über Nacht und lass dein Herz fröhlich sein! Und als der Mann sich erhob, um fortzugehen, da drang sein Schwiegervater in ihn, und er übernachtete wieder dort. Und am fünften Tag machte er sich frühmorgens auf, um fortzugehen; da sprach der Vater der jungen Frau: Stärke doch dein Herz und bleibt, bis der Tag sich neigt! Und so aßen sie beide miteinander. Und der Mann erhob sich, um fortzugehen, er und seine Nebenfrau und sein Knabe. Aber sein Schwiegervater, der Vater der jungen Frau, sprach zu ihm: Sieh doch, der Tag nimmt ab, es will Abend werden; übernachtet doch! Siehe, der Tag sinkt, übernachte hier und lass dein Herz fröhlich sein; und ihr macht euch morgen früh auf euren Weg, und du ziehst zu deinem Zelt. Aber der Mann wollte nicht übernachten, und er erhob sich und zog fort; und er kam bis vor Jebus, das ist Jerusalem, und mit ihm das Paar° gesattelter Esel, und seine Nebenfrau mit ihm“ (19,1-10).

Ein weiterer Levit aus dem Gebirge Ephraim trat nun in Erscheinung. Das Beispiel des ersten Leviten, den Micha als Priester angestellt hatte, hatte den schlechten geistlichen Zustand des Volkes ans Licht gebracht (Kap. 17,7). Nun offenbarte dieser zweite Levit den schlechten moralischen Zustand des Volkes.

Seine Nebenfrau war untreu, verliess ihn und kehrte in das Haus ihres Vaters nach Bethlehem zurück. Um ihr Herz - nicht ihr Gewissen - zu erreichen, ging der Levit ihr nach. Sein Schwiegervater bereitete ihm einen herzlichen Empfang, weil er darin eine Gelegenheit sah, den Ruf seiner Tochter wiederherzustellen. Bedeutete nicht schon die Anwesenheit des Leviten in diesem Haus eine Zustimmung zur moralischen Verdorbenheit? Wie viel mehr hätte der heilige Charakter seines Levitendienstes diesen Schmutz verurteilen müssen. Aber er war sich seiner falschen Stellung nicht bewusst und gab sich während vier Tagen den Freuden des Lebens hin: Er ass und trank mit seinem Schwiegervater (V. 4-7).

Am fünften Tag widerstand er dem Drängen des Gastgebers und machte sich mit seiner Nebenfrau auf den Heimweg. Es war schon gegen Abend. Dies würde wirklich ein trauriger Abend für seine Frau sein, das schreckliche Ende eines traurigen Lebens. Beide würden die bitteren Früchte ihrer Sünden ernten.

Der Halt in Gibea im Gebiet Benjamins (V. 11-21)

Sie waren bei Jebus, und der Tag war sehr gesunken, da sprach der Knabe zu seinem Herrn: Komm doch und lass uns in diese Stadt der Jebusiter einkehren und darin übernachten. Aber sein Herr sprach zu ihm: Wir wollen nicht in eine Stadt der Fremden einkehren, die nicht von den Kindern Israel sind, sondern wollen nach Gibea hinübergehen. Und er sprach zu seinem Knaben: Komm, dass wir uns einem der Orte nähern und in Gibea oder in Rama übernachten. So zogen sie vorüber und gingen weiter, und die Sonne ging ihnen unter nahe bei Gibea, das Benjamin gehört. Und sie wandten sich dahin, damit sie hineinkämen, um in Gibea zu übernachten. Und er kam hinein und setzte sich hin auf den Platz der Stadt; und niemand war da, der sie zum Übernachten ins Haus aufgenommen hätte. Und siehe, ein alter Mann kam von seiner Arbeit, vom Feld, am Abend; und der Mann war vom Gebirge Ephraim, und er hielt sich in Gibea auf; die Leute des Ortes aber waren Benjaminiter. Und er erhob seine Augen und sah den Wanderer auf dem Platz der Stadt, und der alte Mann sprach: Wohin gehst du? Und woher kommst du? Und er sprach zu ihm: Wir reisen von Bethlehem-Juda zur äußersten Seite des Gebirges Ephraim; von dort bin ich her, und ich bin nach Bethlehem-Juda gegangen, und ich wandle mit dem Haus des Herrn; und niemand ist da, der mich in sein Haus aufnimmt. Und wir haben sowohl Stroh als auch Futter für unsere Esel, und auch Brot und Wein habe ich für mich und für deine Magd und für den Knaben, der bei deinen Knechten ist; es mangelt an nichts. Da sprach der alte Mann: Friede dir! Ich will für dich sorgen; doch auf dem Platz übernachte nicht. Und er führte ihn in sein Haus und gab den Eseln Futter. Und sie wuschen ihre Füße und aßen und tranken“ (19,11-21).

Zur Abendzeit erreichten sie Jebus, d.h. Jerusalem. Aber auf Grund der Untreue Benjamins war diese königliche Stadt in den Händen der Feinde geblieben (Kap. 1,21). Der Levit bezeichnete sie als «eine Stadt der Fremden» und hatte Bedenken, dort zu übernachten (V. 12). Sein Nationalstolz schien ihm wichtiger gewesen zu sein als der moralische Zustand seiner Familie und das Wohl des Volkes Gottes.

Also reisten sie zu ihrem Unglück nach Gibea weiter. Entgegen den Anweisungen des Gesetzes bot ihnen dort niemand Gastfreundschaft an (5. Mo 12,19). Schliesslich nahm sie ein alter Mann aus dem Stamm Ephraim auf, der von seiner Arbeit auf dem Feld zurückgekehrt war (V. 16-21). Die liebevolle Einladung dieses Fremden von Gibea: «Auf dem Platz übernachte nicht» (V. 20) erinnert an die Szene in Sodom. Da lud Lot die Engel zu sich ein, aber sie erwiderten darauf: «Nein, sondern wir wollen auf dem Platz übernachten» (1. Mo 19,2.3). Die Fortsetzung beider Begebenheiten bestätigt ihre Ähnlichkeit.

Die Ermordung der Nebenfrau (V. 22-30)

Sie ließen ihr Herz guter Dinge sein, siehe, da umringten die Männer der Stadt, Männer, die Söhne Belials waren, das Haus, schlugen an die Tür und sprachen zu dem alten Mann, dem Herrn des Hauses, und sagten: Führe den Mann, der in dein Haus gekommen ist, heraus, damit wir ihn erkennen! Und der Mann, der Herr des Hauses, ging zu ihnen hinaus und sprach zu ihnen: Nicht doch, meine Brüder, tut doch nichts Böses; nachdem dieser Mann in mein Haus gekommen ist, begeht nicht diese Schandtat! Siehe, meine Tochter, die Jungfrau, und seine Nebenfrau, lasst mich sie doch herausführen; und entehrt° sie und macht mit ihnen, was gut ist in euren Augen; aber an diesem Mann begeht nicht diese Schandtat! Aber die Männer wollten nicht auf ihn hören. Da ergriff der Mann seine Nebenfrau und führte sie zu ihnen hinaus auf die Straße; und sie erkannten sie und misshandelten sie die ganze Nacht bis zum Morgen; und sie ließen sie gehen, als die Morgenröte aufging. Und die Frau kam beim Anbruch des Morgens und fiel nieder am Eingang des Hauses des Mannes, wo ihr Herr war, und lag dort, bis es hell wurde. Und als ihr Herr am Morgen aufstand und die Türen des Hauses öffnete und hinaustrat, um seines Weges zu ziehen: Siehe, da lag die Frau, seine Nebenfrau, am Eingang des Hauses, und ihre Hände auf der Schwelle. Und er sprach zu ihr: Steh auf und lass uns gehen! Aber niemand antwortete. Da nahm er sie auf den Esel, und der Mann machte sich auf und zog an seinen Ort. Und als er in sein Haus gekommen war, nahm er das Messer und ergriff seine Nebenfrau und zerstückelte sie, nach ihren Gebeinen, in zwölf Stücke; und er sandte sie in alle Grenzen Israels. Und es geschah, jeder, der es sah, sprach: So etwas ist nicht geschehen oder gesehen worden von dem Tag an, als die Kinder Israel aus dem Land Ägypten heraufgezogen sind, bis auf diesen Tag. Denkt darüber nach, beratet und redet!“ (19,22-30).

Die schändlichen Praktiken Sodoms hatten sich im Volk Israel eingeschlichen (V. 22). Leider zeigt sich das sündhafte Verhalten der heidnischen Nationen heute auch in der christlichen Welt (Röm 1,21-32). Solche Sünden werden leichtfertig entschuldigt und praktiziert.

Wir müssen festhalten, dass Homosexualität in den Augen Gottes eine schwerwiegende Sünde bleibt (3. Mo 18,22.29.30). Diese schweren moralischen Verfehlungen sollten unter den Heiligen nicht einmal genannt werden. Es ist schändlich, darüber zu reden (Eph 5,3.12). Sie werden uns hier im inspirierten Wort Gottes als ernste Warnung vorgestellt.

Der Levit lieferte seine Frau der Schändung dieser herz- und skrupellosen Männer aus. Hätte es keinen Weg gegeben, diese Schandtat zu verhindern? Gott hatte doch den gerechten Lot gerettet, indem er die bösen Männer von Sodom mit Blindheit schlug.

Das, was früher Inbegriff der Begierde dieser bedauernswerten Frau gewesen war, führte nun zu ihrem Tod (V. 26-28). Ihr Mann machte diese Tat unter den Stämmen Israels durch eine Botschaft bekannt, die in ihrer Schrecklichkeit dem Verbrechen in nichts nachstand (V. 29). Die Weise, wie der Levit diese Schande zur Schau stellte, bewies seine eigene Torheit (Spr 12,16).

Die Sünde Gibeas und des Volkes Israel (V. 30)

Das ganze Volk Israel entsetzte sich, als es von dieser Schandtat vernahm. «So etwas ist nicht geschehen oder gesehen worden» (V. 30). Sie merkten, wie schlimm diese böse Tat war. Wie würden sie das Böse richten und sich davon reinigen? Die Fortsetzung der Erzählung zeigt es.

Diese Sünde brachte in Wirklichkeit den Zustand des ganzen Volkes ans Licht. Obwohl sie von einem oder mehreren begangen wurde, betraf sie doch alle. Die gleiche, wichtige Lektion sehen wir bei der Begebenheit mit Achan: «Israel hat gesündigt» (Jos 7,11). Achan hatte damals das ganze Volk in seine Verunreinigung hineingezogen. Aber nur er musste mit seiner Familie das Gericht für seine Schuld tragen. Jetzt waren es die Männer von Gibea, die das Volk verunreinigt hatten. Aber der moralische Zustand von Israel war so schlecht, dass das ganze Volk die Strafe mittragen musste.

Anstatt die Schuld nur den Verursachern anzulasten, hätte Israel die Demütigung darüber gemeinsam tragen müssen. So ist es auch in der Versammlung Gottes. Es gibt keine Sünde, die von einem Einzelnen begangen wird, die nicht zur Beschämung des ganzen Leibes Christi ist. So trägt auch die ganze Versammlung die Konsequenzen davon. Das Volk Israel versuchte hier, das Böse mit Gewalt zu entfernen. Doch damit wurde sichtbar, dass es sich selbst nicht wirklich davon gereinigt hatte.

600 Jahre später sagte Hosea: «Seit den Tagen von Gibea hast du gesündigt, Israel» (Hos 10,9). Die Sünde einiger Männer aus dem kleinsten Stamm Israels wurde immer noch dem gesamten Volk zugeschrieben.

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