Das Buch der Richter
Bleibe deinem Gott treu!

Kapitel 15,9-20

Der Sieg über die Philister

In seiner persönlichen Auseinandersetzung mit den Philistern traf Simson nun auf einen weiteren Feind, nämlich auf das Volk Israel oder zumindest auf den Stamm Juda.

Simson und die 3'000 Männer von Juda (V. 9–11)

„Und die Philister zogen herauf und lagerten in Juda und breiteten sich aus in Lechi. Und die Männer von Juda sprachen: Warum seid ihr gegen uns heraufgezogen? Und sie sprachen: Um Simson zu binden, sind wir heraufgezogen, damit wir ihm tun, wie er uns getan hat. Da zogen 3.000 Mann von Juda zur Kluft des Felsens Etam hinab und sprachen zu Simson: Weißt du nicht, dass die Philister über uns herrschen? Und warum hast du uns das getan? Und er sprach zu ihnen: Wie sie mir getan haben, so habe ich ihnen getan“ (15,9–11).

3'000 Israeliten stiegen zu Simson in die Felsspalte von Etam hinunter, um Partei für die Feinde und gegen den Retter Israels zu nehmen! Längst waren die Zeiten von Barak oder Gideon vergangen, als sich das Volk den Richtern freiwillig angeschlossen hatte, um an ihrer Seite zu kämpfen.

Es ist für einen treuen Christen schwer, wenn er von der Welt verachtet und abgelehnt wird. Paulus nahm es in Kauf, als «Kehricht der Welt» betrachtet zu werden (1. Kor 4,13). Das ist natürlich nicht das Gleiche, wie wenn wir das, was die Welt bietet, für Dreck achten (Phil 3,8). Doch viel trauriger als die Verachtung der Welt war für den Apostel die Tatsache, dass ihn die meisten Glaubenden am Ende seines Lebens während seiner beiden Gefangenschaften verliessen und im Stich liessen (Phil 2,20; 2. Tim 4,16). Das Beispiel Simsons spricht von dieser Art von Leiden eines treuen Gläubigen. Er erfährt sie in einer Christenheit, die vom Glauben abgefallen ist. Trotz seiner Fehler bewahrte Simson den Charakter eines Nasirs. Das Volk Israel hingegen hatte diese Eigenschaft vollständig verloren.

In Zeiten des Verfalls stellt sich die Masse immer auf die Seite der Welt und wendet sich gegen die Zeugen des Herrn. So werden die Leiden für Christus, die man von der Welt erfährt, gegen eine scheinbare Ruhe unter der Herrschaft der Welt eingetauscht. Es entsteht sogar eine Gemeinschaft mit der Welt. Darum sprachen die Männer von Juda: «Weisst du nicht, dass die Philister über uns herrschen? Und warum hast du uns das getan?» (V. 11). Das war der traurigste Zustand des Volkes im ganzen Buch der Richter. Israel versuchte nicht einmal mehr, sich von seinen Feinden zu befreien. Um Simson loszuwerden, verbündete es sich sogar mit den Philistern gegen den von Gott gesandten Befreier.

Simsons Sieg über die Philister (V. 12–16)

„Da sprachen sie zu ihm: Um dich zu binden, sind wir herabgekommen, damit wir dich in die Hand der Philister ausliefern. Und Simson sprach zu ihnen: Schwört mir, dass ihr nicht über mich herfallen werdet! Und sie sprachen zu ihm und sagten: Nein, sondern binden wollen wir dich und dich in ihre Hand liefern; aber töten wollen wir dich nicht. Und sie banden ihn mit zwei neuen Stricken und führten ihn aus dem Felsen herauf.

Als er nach Lechi kam, da jauchzten ihm die Philister entgegen; aber der Geist des HERRN geriet über ihn, und die Stricke, die an seinen Armen waren, wurden wie Flachsfäden, die vom Feuer versengt sind, und seine Fesseln schmolzen weg von seinen Händen. Und er fand einen frischen Esels-Kinnbacken, und er streckte seine Hand aus und nahm ihn und erschlug damit tausend Mann. Und Simson sprach: Mit dem Esels-Kinnbacken eine Schar, zwei Scharen!

Mit dem Esels-Kinnbacken habe ich tausend Mann erschlagen!“ (15,12–16).

Die Männer von Juda lieferten Simson, den sie mit zwei neuen Stricken gebunden hatten, den Philistern aus. In moralischer Hinsicht zeigt dies, was die bekennende Christenheit getan hat: Sie hat die Zeugen Gottes zum Schweigen gebracht. Sie hat die freie Wirksamkeit des Heiligen Geistes verhindert. Sie hat die Autorität der Bibel abgelehnt. Möge der Herr das Gegenteil bei uns bewirken: Wir wollen auf das hören, was der Heilige Geist uns durch sein Wort und durch seine Diener sagt!

Trotzdem behielt Simsons seine Kraft. Der Geist Gottes geriet zum vierten und letzten Mal in seiner Geschichte über ihn. Simson zerriss die Stricke, wandte sich gegen die Philister und trug einen gewaltigen Sieg davon. Die Grösse dieses Sieges stand im Gegensatz zur lächerlich kleinen Waffe, die er verwendete – einen frischen Eselskinnbacken.

Das erste Gebet Simsons und die Antwort Gottes (V. 17–19)

„Und es geschah, als er ausgeredet hatte, da warf er den Kinnbacken aus seiner Hand; und er nannte diesen Ort Ramat-Lechi.

Und er war sehr durstig, und er rief zu dem HERRN und sprach: Du hast durch die Hand deines Knechtes diese große Rettung gegeben, und nun soll ich vor Durst sterben und in die Hand der Unbeschnittenen fallen! Da spaltete Gott die Höhlung, die bei Lechi ist, und es kam Wasser aus ihr hervor; und er trank, und sein Geist kehrte zurück, und er lebte wieder auf. Daher gab man ihr den Namen: Quelle des Rufenden, die bei Lechi ist, bis auf diesen Tag“ (15,17–19).

Obwohl Ramat-Lechi (Hügel des Kinnbackens) der Ort des Sieges war, erinnert er durch seinen Namen an das verächtliche Mittel, das zu diesem Sieg führte.

Danach wurde Simson von einem brennenden Durst gequält. Er richtete eine kurze, aber von Herzen kommende Bitte an Gott (V. 18). Es war sein erstes Gebet, von dem die Bibel uns berichtet. Sein zweites Gebet kurz vor seinem Tod würde eine Bitte um Rache sein (Kap. 16,28). Gott antwortete ihm hier, indem Er den Felsen spaltete. Das Wasser, das aus ihm floss, rettete Simson das Leben. Der Fels ist immer ein schönes Bild von Christus. Der geschlagene Fels erinnert an sein Werk am Kreuz, das die Quelle des Lebens und des Segens ist (2. Mo 17,6; 1. Kor 10,4; Joh 7,37). Nach der äusseren Aktivität im Kampf machte Simson nun innerlich die Erfahrung der Treue Gottes.

So ist es auch im Leben des Christen. Die äusseren Kämpfe erfrischen die Seele nicht. Das Wort Gottes ist das Schwert des Geistes im Kampf gegen die geistlichen Feinde. Aber es stillt auch völlig den inneren Durst unserer Herzen. Wenn wir nach den Kämpfen nicht sofort zu Christus zurückkehren, der die Quelle des lebendigen Wassers ist, dann stehen wir in Gefahr, wieder in die Hände unserer Feinde zu fallen (Eph 6,13).

Das Ende der allgemeinen Geschichte Simsons (V. 20)

„Und er richtete Israel in den Tagen der Philister zwanzig Jahre“ (15,20).

An dieser Stelle endet die allgemeine Geschichte von Simson, nachdem er das Volk Israel während 20 Jahren gerichtet hatte.

In jener Zeit herrschten die Philister über Israel. Es wird uns nicht berichtet, dass Gott sein Volk für längere Zeit von dieser Fremdherrschaft befreite, wie das bei den früheren Erweckungen – besonders durch Barak und Gideon – geschah. Nichts weist auf eine Zeit von Ruhe und Wohlstand hin.

Die letzte Phase des Niedergangs des Volkes war nun erreicht. Erst unter dem Königtum Davids würde es sich davon erholen. Hat Gott sich in dieser Zeit keinen Zeugen erhalten? Doch, die Stellung Simsons als Nasir, der sich von der Welt absonderte, blieb äusserst wichtig. Das war der wahre Auftrag, zu dem er schon vor seiner Geburt abgesondert worden war. Trotz seiner Verfehlungen war Gott in seiner öffentlichen Laufbahn mit ihm. Die Krönung davon war das göttliche Wunder, als Er den Felsen spaltete, um seinen Diener nach dem Sieg über seine Feinde zu erfrischen.

Aber persönlich war Simson voller Mängel. Er vernachlässigte zunehmend die Merkmale eines Nasirs, die ihm – einem fehlbaren Menschen – anvertraut worden waren. Jeremia spricht auch von dieser negativen Entwicklung. Zuerst kann er sagen: «Ihre Fürsten (oder Nasiräer) waren reiner als Schnee, weisser als Milch.» Aber am Ende muss er klagen: «Dunkler als Schwärze ist ihr Aussehen, man erkennt sie nicht auf den Strassen» (Klgl 4,7.8). Sollte das, was den Propheten betrübte, nicht auch unsere Herzen berühren?

Nur der Herr Jesus war der wahre Nasir Gottes. Ein Bibelausleger beschrieb Ihn so: «Er war abgesondert von den Menschen durch seine vollkommene Gemeinschaft mit seinem Vater und durch den Gehorsam eines Sohnes, der keinen anderen Willen kannte, als das zu erfüllen, was dem Vater wohlgefällig war.»

Niemand hat je die Quelle der Kraft des Menschen Jesus Christus noch das Geheimnis seiner Natur ergründen können. Von allen – auch von seinen Jüngern – missverstanden, war Er völlig allein (Ps 69,9). Aber der Vater war bei Ihm (Joh 16,32). Für seine Leiden empfing Er kein Mitleid (Ps 69,21). Doch Er versagte nie seinen Trost, wenn Er Notleidenden begegnete. Nie ging jemand nach einer Begegnung mit Ihm leer von Ihm weg. So bleibt der Herr Jesus das vollkommene Beispiel.

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