Das Buch der Richter
Bleibe deinem Gott treu!

Kapitel 6

Die Berufung Gideons (Kapitel 6,1-21)

Israel durch Midian unterdrückt (V. 1-6)

„Und die Kinder Israel taten, was böse war in den Augen des Herrn; und der Herr gab sie sieben Jahre in die Hand Midians. Und die Hand Midians wurde stark über Israel. Vor Midian richteten sich die Kinder Israel die Klüfte zu, die in den Bergen sind, und die Höhlen und die Bergfestungen. Und es geschah, wenn Israel gesät hatte, so zogen Midian und Amalek und die Söhne des Ostens herauf, sie zogen herauf gegen sie. Und sie lagerten sich gegen sie und verdarben den Ertrag des Landes bis nach Gaza hin; und sie ließen keine Lebensmittel in Israel übrig, weder Kleinvieh noch Rind, noch Esel. Denn sie zogen herauf mit ihren Herden und mit ihren Zelten, sie kamen wie die Heuschrecken an Menge; und sie und ihre Kamele waren ohne Zahl; und sie kamen in das Land, um es zu verderben. Und Israel verarmte sehr wegen Midian; und die Kinder Israel schrien zu dem Herrn“ (6,1-6).

Leider tat das Volk wieder das, was in den Augen des HERRN böse war. Darum lieferte Er sie in die Hand Midians aus. Für Israel wurde das Wort des Propheten wahr: «Deine Bosheit züchtigt dich, und deine Abtrünnigkeiten strafen dich; so erkenne und sieh, dass es schlimm und bitter ist, dass du den HERRN, deinen Gott, verlässt und dass meine Furcht nicht bei dir ist, spricht der Herr, der HERR der Heerscharen» (Jer 2,19).

Früher war Israel in solchen Situationen zunächst Feinden ausserhalb des Landes ausgeliefert worden (Aram aus Mesopotamien und Moab). Später hatten es solche bedrückt, die im Land wohnten (Philister und Kanaaniter). Jetzt war Midian, das sich mit Amalek und den Söhnen des Ostens verband, das göttliche Instrument der Züchtigung.

Midian stammte von Abraham ab, denn er war ein Sohn von Ketura (1. Mo 25,2). Seine Nachkommen hatten sich im Süden des Landes niedergelassen und sich bald gegen Israel gestellt. Sie waren mit Moab übereingekommen, den Dienst Bileams in Anspruch zu nehmen, um das Volk zu verfluchen. Diese besonders schwere Sünde, die das kirchlich Böse gegen Bezahlung darstellt, wird durch die ganze Bibel hindurch verurteilt (Jud 11; Off 2,14).

Amalek stammte von Esau, dem Bruder Jakobs ab (1. Mo 36,12). Er war ein weiterer erbitterter Feind Israels.

Die materielle Not Israels war überaus gross: Versklavung, Niederlage, Hungersnot und Unglück. Unter dem Joch der Kanaaniter hatte Israel bereits keine Waffen mehr (Kap. 5,8). Unter der Bedrückung Midians fehlte ihm nun auch die Nahrung. Dieses materielle Elend ist ein Bild der geistlichen Not, die uns treffen kann. Wenn wir das Wort Gottes aufgeben, das zugleich unsere Waffe und die Nahrung für unsere Seele ist, stehen wir dem Feind machtlos und geistlich ausgehungert gegenüber.

Das Wort eines Propheten (V. 7-10)

„Und es geschah, als die Kinder Israel wegen Midian zu dem Herrn schrien, da sandte der Herr einen Propheten zu den Kindern Israel; und er sprach zu ihnen: So spricht der Herr, der Gott Israels: Ich habe euch aus Ägypten heraufgeführt und euch herausgeführt aus dem Haus der Knechtschaft; und ich habe euch errettet aus der Hand der Ägypter und aus der Hand all eurer Bedrücker, und ich habe sie vor euch vertrieben und euch ihr Land gegeben. Und ich sprach zu euch: Ich bin der Herr, euer Gott; ihr sollt nicht die Götter der Amoriter fürchten, in deren Land ihr wohnt. Aber ihr habt meiner Stimme nicht gehorcht“ (6,7-10).

Aus dieser Not heraus schrien die Israeliten zum HERRN. Da sandte Er ihnen einen Propheten, dessen Name nicht genannt wird. Bevor sie gerettet würden, sollte seine Mitteilung ihre Herzen und Gewissen wachrütteln (V. 8).

Um das Herz des Volkes zu Gott zurückzuführen, erinnerte es der Prophet an sieben Beweise der Fürsorge Gottes für Israel in der Vergangenheit (V. 8-10):

  1. die Rettung,
  2. die Befreiung,
  3. die Erlösung,
  4. den Schutz,
  5. den Sieg über die Feinde,
  6. die Inbesitznahme des Erbteils,
  7. das grösste Hilfsmittel: die Verheissung der göttlichen Gegenwart.

Darauf wandte sich das Wort Gottes an das Gewissen des Volkes: «Ihr habt meiner Stimme nicht gehorcht» (V. 10). Das hatte ihnen der Engel des HERRN bereits in Bochim vorgeworfen (Kap. 2,2). Muss sich dieser Tadel nicht auch an uns richten?

Die Berufung Gideons (V. 11-17)

„Und der Engel des Herrn kam und setzte sich unter die Terebinthe, die in Ophra war, das Joas, dem Abieseriter, gehörte. Und Gideon, sein Sohn, schlug gerade Weizen aus in der Kelter, um ihn vor Midian in Sicherheit zu bringen. Und der Engel des Herrn erschien ihm und sprach zu ihm: Der Herr ist mit dir, du tapferer Held! Und Gideon sprach zu ihm: Bitte, mein Herr, wenn der Herr mit uns ist, warum hat denn dies alles uns betroffen? Und wo sind alle seine Wunder, die unsere Väter uns erzählt haben, indem sie sprachen: Hat der Herr uns nicht aus Ägypten heraufgeführt? Und nun hat der Herr uns verlassen und uns in die Hand Midians gegeben. Und der Herr wandte sich zu ihm und sprach: Geh hin in dieser deiner Kraft und rette Israel aus der Hand Midians! Habe ich dich nicht gesandt? Und er sprach zu ihm: Bitte, mein Herr, womit soll ich Israel retten? Siehe, mein Tausend ist das ärmste in Manasse, und ich bin der Jüngste im Haus meines Vaters. Und der Herr sprach zu ihm: Ich werde mit dir sein, und du wirst Midian schlagen wie einen Mann. Und er sprach zu ihm: Wenn ich nun Gnade gefunden habe in deinen Augen, so gib mir ein Zeichen, dass du es bist, der mit mir redet“ (6,11-17).

In dieser Zeit des Ruins bereitete Gott im Verborgenen das Werkzeug seiner Befreiung zu. «Der Engel des HERRN kam und setzte sich unter die Terebinthe, die in Ophra war» (V. 11). So stieg Gott in Gnade zu seinem Volk hinab, um dort Gideon zu begegnen und ihm zu sagen: «Der HERR ist mit dir, du tapferer Held!» (V. 12).

Gideon, der Sohn von Joas, wohnte in Ophra. Das war ein Dorf im Gebiet des halben Stammes Manasse, das im Land lag. Sein Tausend war das ärmste in Manasse und er selbst war der Jüngste im Haus seines Vaters (V. 15). Trotzdem fand er sich mit dem Ruin in Israel nicht einfach ab. Er hatte ein Herz für sein Volk und bewahrte die Erinnerung an vergangene Befreiungen. So versteckte er sich, um seinen Weizen in der Kelter auszuschlagen.

Gideon litt in seinem Herzen unter der Bedrückung der Feinde. Das brachte ihn dazu, eher an Gott und die Beziehung des Volkes zu Ihm als an sich selbst zu denken. Es ist der Glaube, auch wenn er schwach ist, der solche Übungen hervorruft. Der Besuch des Engels des HERRN offenbarte nun seinen Herzenszustand.

Gott hatte für Israel Wunder vollbracht. Das Zeugnis davon war über Generationen hindurch weitergegeben worden. Wie war es möglich, dass das Volk Gottes nun in einen solch traurigen Zustand geraten war? Darum fragte Gideon: «Warum hat denn dies alles uns betroffen?» (V. 13). Für uns gilt es zu erkennen: Der Zustand Israels zur Zeit Gideons ist ein exaktes Abbild des Zustands der Versammlung heute.

Aber Gideon anerkannte, dass Gott das Volk Israel in die Hand Midians ausgeliefert hatte (V. 13). Mitten in der Not, die eine Folge der Untreue war, erhob er seinen Glaubensblick zu Gott. Von dort kam die echte geistliche Energie für das schwache Werkzeug, das Gott zur Befreiung des Volkes zubereitete: «Geh hin in dieser deiner Kraft und rette Israel aus der Hand Midians! Habe ich dich nicht gesandt?» (V. 14).

Der Besuch und die Berufung durch den Engel des HERRN gaben dem Diener, dessen Herz durch so viele Gedanken beschwert war, nun ein Ziel und einen Auftrag. Dem Dienst geht jedoch die Gemeinschaft der Seele mit Gott voraus, denn sie soll die Triebfeder der sichtbaren Tätigkeit sein. Der HERR antwortete auf den Glauben Gideons und ermutigte ihn: «Ich werde mit dir sein, und du wirst Midian schlagen wie einen Mann» (V. 16). Dennoch verlangte Gideon die Bestätigung durch ein Zeichen. Im Lauf seines Dienstes würde er dies noch weitere Male tun. Auch wenn seine Bitte nicht dem Unglauben entsprang, so war sie doch kein Beweis des stillen Vertrauens auf Gott. Erkennen wir nicht uns selbst in Gideon wieder? Gott beantwortete seine Bitte nicht sofort.

Die Gabe Gideons und das Opfer (V. 18-21)

Weiche doch nicht von hier, bis ich zu dir komme und meine Gabe herausbringe und dir vorsetze. Und er sprach: Ich will bleiben, bis du wiederkommst. Da ging Gideon hinein und bereitete ein Ziegenböckchen zu und ungesäuerte Kuchen aus einem Epha Mehl; das Fleisch tat er in einen Korb, und die Brühe tat er in einen Topf; und er brachte es zu ihm heraus unter die Terebinthe und setzte es ihm vor. Und der Engel Gottes sprach zu ihm: Nimm das Fleisch und die ungesäuerten Kuchen und lege es hin auf diesen Felsen da, und die Brühe gieße aus. Und er tat so. Und der Engel des Herrn streckte das Ende des Stabes aus, der in seiner Hand war, und berührte das Fleisch und die ungesäuerten Kuchen; da stieg Feuer auf aus dem Felsen und verzehrte das Fleisch und die ungesäuerten Kuchen. Und der Engel des Herrn verschwand aus seinen Augen“ (6,18-21).

Obwohl Gideon demütig und sich seiner Schwachheit bewusst war, musste er noch lernen, dass er Gott nichts von sich selbst anbieten konnte. Er wollte ihm eine Gabe darbringen (V. 18). Gott ignorierte seine Aufrichtigkeit nicht. Aber Er benutzte die Unvollkommenheit seiner Opfergabe, um Gideon zweierlei zu erklären: Erstens kommt alles von Mir und zweitens ist das Opfer Christi das einzige, dass Ich annehmen kann.

Gideon brachte also ein Ziegenböckchen, das im Wasser gekocht war, mit der Brühe in einem Topf und ungesäuerte Kuchen. Die Grundelemente waren gut. Aber die Opfergabe war nicht so zubereitet worden und dargebracht, wie es sich geziemte. Das Opfer hätte am Feuer gebraten und nicht im Wasser gekocht werden dürfen (3. Mo 3,5).

Der HERR fügte dem Opfer nun hinzu, was ihm fehlte, um es für Ihn wohlannehmlich zu machen: Feuer, ein Bild des Gerichts, stieg aus dem Felsen auf und liess die Vollkommenheiten des Opfers (Ziegenböckchen) und der Gabe (ungesäuerte Kuchen) hervortreten. Für Gideon war dies die letzte Erinnerung an den Besuch des Engels. Es war das echte Zeichen dafür, dass Gott mit ihm gesprochen hatte (V. 17).

Noch heute ist Christus und sein Tod das einzige Zeichen, das den Menschen gegeben ist: Es ist das Zeichen Jonas (Lk 11,29).

Darauf verschwand der Engel des HERRN.

Schlussfolgerung

Wie viele Lektionen werden uns durch diesen einfachen Bericht vermittelt!

Einerseits entfalten sich die Gedanken Gottes, wie Er sein untreues Volk wiederherstellen wollte, indem Er ihm einen Richter zur Befreiung sandte:

  1. Gott allein beruft zum Dienst,
  2. Er offenbart sich seinem Diener,
  3. Er macht sich mit ihm eins,
  4. Er gibt ihm innere Kraft ins Herz und
  5. sendet ihn schliesslich mit den Worten aus: «Geh hin in dieser deiner Kraft.»

Anderseits werden die Herzensübungen Gideons offenbar:

  1. Sein Widerstand gegen die Angriffe der Feinde,
  2. das Erinnern an vergangene Befreiungen, die Gott für sein Volk bewirkt hatte,
  3. das Bewusstsein des Verfalls in Israel, mit dem er sich völlig einsmachte,
  4. und die tiefe Überzeugung seiner eigenen Schwachheit. Dies war seine echte Kraft, wie der Apostel Paulus es später verwirklichte (2. Kor 12,10). Diese letzte Lektion müssen wir während des ganzen Lebens als Christen lernen.

Gideon wird für seinen Dienst zubereitet (Kapitel 6,22-40)

Gott hatte Gideon zu einer Aufgabe berufen. Nun bildete Er seinen Diener aus, bevor Er ihn in seinen Dienst sandte. Manchmal kann diese Vorbereitungszeit sehr lang dauern. Mose hütete 40 Jahre die Schafe seines Schwiegervaters in der Wüste Midian. Paulus hielt sich mehrere Jahre in Arabien auf. Diese Vorbereitungszeit ist immer dem Umfang des auszuführenden Werks angemessen.

Das Thema dieses Abschnitts lautet also: Gideon in der Schule Gottes.

Der Altar der Anbetung (V. 22-24)

“Da sah Gideon, dass es der Engel des Herrn war, und Gideon sprach: Ach, Herr, Herr, da ich ja den Engel des Herrn gesehen habe von Angesicht zu Angesicht! Und der Herr sprach zu ihm: Friede dir! Fürchte dich nicht, du wirst nicht sterben. Und Gideon baute dort dem Herrn einen Altar und nannte ihn: „Der Herr ist Frieden.“ Bis auf diesen Tag ist er noch in Ophra der Abieseriter“ (6,22-24).

Nachdem der Engel des HERRN verschwunden war, wurde sich Gideon bewusst, wie feierlich die Situation gewesen war. Das Feuer, das aus dem Felsen aufgestiegen war und das Opfer verzehrt hatte, erfüllte ihn mit Schrecken. Da wandte sich ihm Gott in Gnade zu und beruhigte ihn: «Friede dir! Fürchte dich nicht, du wirst nicht sterben» (V. 23).

Das ist die erste Lektion, die jeder Diener Gottes und auch jeder Gläubige lernen muss: Das Gericht, das Christus traf - dargestellt durch das Feuer, das das Opfer verzehrte -, sichert denen Frieden zu, die durch den Glauben Nutzniesser seines Werks geworden sind. Der Prophet erklärt: «Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm» (Jes 53,5).

Wenn dieser Frieden erkannt und genossen wird, ist Anbetung die Folge: Gideon baute einen Altar. Das war nicht ein Akt des Gehorsams gegenüber einer göttlichen Anweisung wie beim zweiten Altar (V. 26), sondern entsprang spontan seinem Herzen. Gideon gab diesem ersten Altar den Namen «Jahwe-Schalom», d.h. der HERR ist Frieden. Mit dieser Bezeichnung drückte er einfach seine Empfindungen der Anbetung aus, nachdem er von Gott die Antwort auf seine Herzensübungen empfangen hatte.

Diese Gnade von Christus, die Frieden bringt, finden wir auch anderswo im Wort Gottes. Die Sünderin in Lukas 7 besass den Glauben an Jesus Christus, kannte aber weder Vergebung noch Frieden. Der Herr gab ihr in einem Augenblick beides, indem Er sprach: «Deine Sünden sind vergeben ... Dein Glaube hat dich gerettet; geh hin in Frieden» (Lk 7,48.50).

Am Abend seines Auferstehungstages vernahmen die Jünger aus dem Mund des Herrn den gleichen Friedensgruss, den Gott einst an Gideon richtete: «Friede euch!» (Joh 20,21).

Der Altar des Zeugnisses (V. 25-27)

Und es geschah in jener Nacht, da sprach der Herr zu ihm: Nimm den Stier deines Vaters, und zwar den zweiten, siebenjährigen Stier; und reiße den Altar des Baal nieder, der deinem Vater gehört, und die Aschera, die daneben ist, haue um; und baue dem Herrn, deinem Gott, einen Altar auf dem Gipfel dieser Bergfestung mit der Zurüstung; und nimm den zweiten Stier und opfere ein Brandopfer mit dem Holz der Aschera, die du umhauen wirst. Und Gideon nahm zehn Männer von seinen Knechten und tat, wie der Herr zu ihm geredet hatte. Und es geschah, weil er sich vor dem Haus seines Vaters und vor den Leuten der Stadt fürchtete, es am Tag zu tun, so tat er es bei Nacht“ (6,25-27).

Beim ersten Altar - dem Altar des Gottesdienstes - war Gideon ein Anbeter. Nun ruft Gott ihn dazu auf, ein Zeuge zu werden. Er sollte als Zeugnis vor der Familie seines Vaters und vor der Welt einen zweiten Altar errichten. Die göttlichen Anweisungen waren ganz genau (V. 26):

  • Der Altar sollte auf dem Gipfel des Berges errichtet werden, damit er gesehen werden konnte.
  • Die Götzen, die sein Vater Joas in seinem Haus hatte, sollte Gideon nehmen und mit ihrem Holz das Feuer des Altars unterhalten. Damit würde er die Absonderung von den Götzen zum HERRN praktisch zum Ausdruck bringen.
  • Schliesslich sollte Gideon als Opfer den Stier aus der Herde seines Vaters nehmen, um mit dessen Darbringung einen Weg für die Gnade zu öffnen, die ihn zu Gott führen würde.

Zuerst musste Baal aus der Mitte Israels verbannt werden, bevor Gott Midian vertreiben konnte. Ein Nebeneinander von Gott und Götzen im Volk war unmöglich. Dasselbe gilt auch für unsere Herzen. Der Apostel Paulus beendet darum die gleiche Feststellung mit einem ernsten Aufruf zur Heiligkeit (2. Kor 6,14-7,1). Wie könnte Gott es ertragen, dass der Sieg über die Feinde Baal zugeschrieben würde? Bevor Gideon das Volk also zum Sieg führen konnte, musste er zunächst den Anweisungen Gottes Folge leisten und die Götzen niederreissen. Das begann im Haus seines Vaters. Menschlich gesprochen war dies die grösste Prüfung für ihn. So ist es auch für uns einfacher, in fernen Ländern von Jesus Christus zu reden, als in unserer Familie oder in unserer Umgebung, wo wir bekannt sind und die Menschen sehen, wie wir leben. Dennoch soll genau dort unser Zeugnis beginnen!

Ein Glaubensmann schrieb einmal: «Der äusseren Kraft geht innere Treue voraus. Das Böse musste aus Israel entfernt werden, bevor die Feinde vertrieben wurden. Zuerst Gehorsam, dann Kraft: Das ist die göttliche Reihenfolge.»

Trotz der Gefahren von Seiten des Hauses seines Vaters und der Leute der Stadt erfüllte Gideon seinen Auftrag treu, auch wenn er ihn bei Nacht ausführte (V. 27). Er riss den Altar des Baal und die Aschera (ein Bild der weiblichen Gottheit der Kanaaniter) nieder, um dem wahren Gott einen Altar zu bauen und Ihm dort ein Opfer darzubringen.

Das Haus von Joas und die Götzen (V. 28-32)

“Und als die Leute der Stadt frühmorgens aufstanden, siehe, da war der Altar des Baal umgerissen, und die Aschera, die daneben war, umgehauen, und der zweite Stier war als Brandopfer auf dem erbauten Altar geopfert. Und sie sprachen einer zum anderen: Wer hat das getan? Und sie forschten und fragten nach, und man sprach: Gideon, der Sohn des Joas, hat das getan. Da sprachen die Leute der Stadt zu Joas: Gib deinen Sohn heraus, dass er sterbe, weil er den Altar des Baal umgerissen hat und weil er die Aschera, die daneben war, umgehauen hat! Und Joas sprach zu allen, die bei ihm standen: Wollt ihr für den Baal rechten, oder wollt ihr ihn retten? Wer für ihn rechtet, soll getötet werden bis zum Morgen. Wenn er ein Gott ist, so rechte er für sich selbst, weil man seinen Altar umgerissen hat. *32 Und man nannte ihn an jenem Tag Jerub-Baal, indem man sprach: Der Baal rechte mit ihm, weil er seinen Altar umgerissen hat“ (6,28-32).

Mit seiner treuen Tat rief Gideon den Widerstand der Leute der Stadt gegen sich hervor. Sie sind für uns ein Bild der Welt. Wir lernen daraus: Ein Zeugnis für Christus wird in der Welt nie Anerkennung finden, weil es sie verurteilt.

Aber Joas, der Vater Gideons, ergriff nun für Gott und für seinen eigenen Sohn Partei und stellte sich gegen die Götzendiener, die durch ihren Aberglauben in Schrecken versetzt worden waren. «Wenn Baal ein Gott ist, so rechte er für sich selbst!» (V. 31). Auf dem Berg Karmel forderte Elia den Baal und seine 400 Propheten auf die gleiche Art heraus (1. Kön 18,27-29). Die Kraft Gottes wirkte auf den Geist von Joas und Gideon ein und rief in ihren Herzen Glauben hervor:

  • Joas nahm Gott an, indem er Baal verwarf.
  • Zuvor hatte Gideon Baal zerstört, weil er Gott angenommen und erkannt hatte.

Als Erinnerung an die Zerstörung der falschen Götter in Israel gab man Gideon den Namen «Jerub-Baal», was so viel heisst wie «Baal rechte».

Der Geist des HERRN auf Gideon (V. 33-35)

“Und ganz Midian und Amalek und die Söhne des Ostens versammelten sich allesamt, und sie setzten über den Jordan und lagerten im Tal Jisreel. Und der Geist des Herrn kam über Gideon; und er stieß in die Posaune, und die Abieseriter wurden zusammengerufen, ihm nach. Und er sandte Boten durch ganz Manasse, und auch sie wurden zusammengerufen, ihm nach“ (6,33-35).

Nach dieser notwendigen moralischen Vorbereitung begann Gideon seinen Dienst. Die Feinde, Midian und Amalek, hatten sich versammelt, um in das Gebiet von Israel einzufallen. Nun kam der Geist des HERRN über Gideon. Gott vertraute seine Kraft zur richtigen Zeit dem an, der Ihm gehorsam gewesen war.

Gideon stiess in die Trompete - die für uns ein Bild des Wortes Gottes ist -, um Israel zum Kampf zu versammeln. Sogar die Abieseriter, die ihn hatten töten wollen, folgten jetzt seinem Aufruf. Welch ein bemerkenswerter Beweis der Macht des Geistes Gottes über den Geist der Menschen, wenn sich der Diener auf dem Weg der Treue hält!

Auch Manasse, Aser, Sebulon und Naphtali kamen zum Treffen mit Gideon. Dieser hatte also trotz seiner niedrigen Stellung in Manasse einen positiven Einfluss auf seinen eigenen Stamm (V. 15). Wir finden hier die gleiche Hingabe Sebulons und Naphtalis wie zur Zeit Deboras (Kap. 5,18). Was für ein schönes Beispiel! Aser, der sich zuvor in der Welt verwickelt hatte (Kap. 5,17), besann sich nun und schloss sich den Heeren Israels an.

Das Zeichen des Woll-Vlieses (V. 36-40)

“Und er sandte Boten durch Aser und durch Sebulon und durch Naphtali. Und sie zogen herauf, ihnen entgegen. Und Gideon sprach zu Gott: Wenn du Israel durch meine Hand retten willst, so wie du geredet hast - siehe, ich lege ein Woll-Vlies auf die Tenne; wenn Tau auf dem Vlies allein sein wird und auf dem ganzen Boden Trockenheit, so werde ich erkennen, dass du Israel durch meine Hand retten wirst, so wie du geredet hast. Und es geschah so. Und er stand am anderen Morgen früh auf, und er drückte das Vlies aus und presste Tau aus dem Vlies, eine Schale voll Wasser. Und Gideon sprach zu Gott: Dein Zorn entbrenne nicht gegen mich, und ich will nur noch diesmal reden! Lass es mich doch nur noch diesmal mit dem Vlies versuchen: Möge doch Trockenheit sein auf dem Vlies allein, und auf dem ganzen Boden sei Tau. Und Gott tat so in jener Nacht; und es war Trockenheit auf dem Vlies allein, und auf dem ganzen Boden war Tau“ (6,36-40).

Der Glaube Gideons war aufrichtig, aber schwach und musste durch ein Zeichen unterstützt werden (V. 36). Gott antwortete auch dieses Mal auf seine Bitte. Obwohl Gideon wusste, dass er die Geduld Gottes auf die Probe stellte, wiederholte er seine Bitte in Vers 39.

Das Woll-Vlies auf der Tenne ist ein Bild von Israel inmitten der Nationen. Der Tau spricht von den himmlischen Segnungen (5. Mo 33,28; Ps 133,3; Hos 14,6). In der ersten Nacht befand sich der Tau nur auf dem Vlies und der ganze Boden war trocken. Das heisst: Nur Israel ist gesegnet, die Nationen bleiben sich selbst überlassen. In der folgenden Nacht war es umgekehrt: Die Nationen treten während der Zeit der Verwerfung des Volkes Gottes in den Segen ein. Dies ist das Geheimnis der teilweisen Verhärtung Israels in der jetzigen Zeit (Röm 11,25).

Das doppelte Zeichen des Woll-Vlieses spricht auch von Christus, dem Lamm Gottes:

a)  Er sprosste aus dürrem Erdreich (aus trockenem Boden) hervor und wurde das Schaf, das vor seinen Scherern stumm ist (Jes 53,2.7). In der Ewigkeit besass Er das ganze Wohlgefallen des Vaters. Und auch als Er auf die Erde kam und in einer dürren Welt lebte, ruhte die himmlische Gunst und die Freude des Vaters auf Ihm. Davon spricht das Vlies voll Tau.

b)  Aber am Kreuz erduldete Christus die ganze «Trockenheit» des göttlichen Gerichts. Da rief Er aus: «Mich dürstet» (Joh 19,28). Darum fliessen die Wasser des Segens sowohl für die Auserwählten im Himmel (Off 22,1) als auch für die Erlösten auf der Erde (Hes 47,12; Off 7,17). Sein Name sei ewig gepriesen!

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