Botschafter des Heils in Christo 1858

Das Zeugnis des Glaubens

Diese Worte wurden durch den Propheten Elisa zu einer betrübten Witwe geredet, welche zu ihm gekommen war, und ihm ihren Kummer mitgeteilt hatte. Und in der Tat die Worte des göttlichen Propheten zeugten von der Gnade des Propheten Gottes. Er wusste wohl, an wessen Statt er redete, auf wessen Gnade er rechnete, aus wessen Schatzkammer er spendete. Er sagte nicht: „Hüte dich, dass du zu viel begehrst.“ Er wusste, dass dies unmöglich war. Der Glaube stellt seine Rechnung auf die Bank Gottes nie zu hoch. Er hat einen Kredit von „unerschöpflichen Reichtümern.“ Der Glaube brachte nie ein leeres Gefäß zu Gott, welches zu füllen Er nicht „Öl“ genug hatte. In dem Fall der Witwe hört das Öl erst dann zu fließen auf, als diese kein leeres Gefäß mehr hatte, um es aufzunehmen. Die Quelle war unerschöpflich; das Gebiet des Glaubens hielt diesen Kanal offen. Es ist das Geschäft des Glaubens, den „Mund weit aufzutun.“ Gottes Sache ist es, „ihn zu füllen.“ Wir können nicht zu viel von Gott erwarten.

Geliebte Freunde! lasst die Erinnerung an diese kleine Geschichte eine gesegnete Wirkung haben, um eure Herzen in dem Leben des Glaubens zu ermutigen. Denkt an diese köstlichen Worte: „Begehre nicht wenige.“ Sie kommen voll zärtlicher Liebe direkt aus dem Herzen eures Vaters zu euch. Er wünscht, dass ihr viel aus seinen unendlichen Quellen schöpfen möget. Ihr könnt unmöglich zu viel von der Hand und dem Herzen Jesu erwarten.

Ist euer Herz durch das Gefühl, durch das peinlich und demütigende Gefühl der innewohnenden Sünde niedergedrückt? „Gehe, bitte um Gefäße, ja, um leere Gefäße,“ welche den reichen Vorrat der Gnade, welche von einem gekreuzigten und auferstandenen Jesus, eurem Bürgen, eurem Stellvertreter, eurem großen Hohepriester herniederströmt, zu empfangen vermögen. „Begehret nicht wenige.“ Jesus hat alle eure Sünden auf dem Kreuz getragen, und sie für immer hinweg getan. Das Auge Gottes kann eure Sünden nie mehr ansehen. Er hat sie alle hinter sich geworfen. Er hat jetzt schon Ruhm geerntet durch Hinwegtun derselben. Die göttliche Gnade hat inmitten einer Welt von Sündern eine reichere Ernte gehalten, als sie je in dem Heer nicht gefallener Engel hätte halten können. „Gehe deshalb, bitte um Gefäß – leere Gefäße und begehre nicht wenige.“

Oder ist euer armes Herz von dem Gewicht des Kummers niedergedrückt? Hat die kalte Hand des Todes den Liebling eures Herzens ergriffen? Ist in eurem Herzen oder in eurem Haus eine tief empfundene Leere entstanden – eine Leere, welche kein irdischer Gegenstand auszufüllen vermag? Dann denkt daran, dass das Herz Jesu von zärtlichem Mitgefühl überströmt. Er hat euren Schmerz gefühlt. „Er zählt eure Seufzer, und sammelt eure Tränen in seinen Schlauch.“ Wenn Er hier wäre, so könnte Er über euren Kummer nicht schelten. Er würde sich neben euch setzen und seine Tränen mit den eurigen vereinigen. Ihr aber sagt: „Er ist nicht hier.“ Es ist wahr; aber Er ist zu den Rechten der Majestät in den Himmeln. Ein vollkommen menschliches Herz schlägt an dem Thron Gottes; und ihr könnt mit Gewissheit auf das vollkommene Mitgefühl dieses Herzens rechnen. „Gehe“ denn, du Beraubter und Trauriger, „und bitte um Gefäße, ja, um leere Gefäße,“ welche den reichen Trost aufzunehmen vermögen, der von dem Herzen Christi herniederfließt, dessen ermutigendes Wort an dich ist: „Begehre nicht wenige.“

Es mag aber auch sein, dass der Leser weder über seine Sünden beunruhigt, noch von dem Gewicht des Kummers niedergedrückt ist. Sein Herz ist befestigt in der Gnade; und der teure Kreis, in welchem die Gefühle seiner Liebe sich zu erfreuen pflegen, blieb unverletzt; aber vielleicht drücken Familien– oder Geschäfts–Angelegenheiten seinen Geist nieder. Seine Kinder gehen nicht voran, wie er es wünscht, oder seine Geschäftsaussichten sind trübe. Wenn dies nun der Fall bei meinem Leser ist, so kann auch er eine süße und nützliche Unterweisung von Elisas Worten empfangen. Er kann hingehen und um leere Gefäße bitten, denn es ist „Öl“ genug für ihn da; ja „das Öl der Freude“ für seinen niedergebeugten Geist. Einem solchen gilt das Wort: „Wirf deine Sorge auf den Herrn;“ Er wird sicher helfen. „Wirf alle deine Sorgen auf Ihn, und wisse, dass Er für dich sorgt.“ „Sorgt um nichts; sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung euer Begehren vor Gott kund weiden“ (Phil 4,6). Trage selbst bis zur nächsten Stunde deine Bürde nicht umher. Wirf sie gleich und wirf sie ganz auf den, welcher sowohl fähig als willig, und sowohl willig, als fähig ist, sie zu tragen. Mit einem Wort: „Gehe, bitte um Gefäße, um leere Gefäße,“ in welche der überfließende Strom des göttlichen Friedens für deinen geplagten und geängstigten Geist sich ergießen kann, und erinnere dich an den gnädigen Auftrag: „Begehre nicht wenige.“

Aber diese Zeilen möchten vielleicht einem Auge begegnen, dessen Fall sie noch nicht berührt haben. Seine Unruhe entspringt weder aus einem geängstigten Gewissen, noch aus einem beraubten Herzen, noch aus einem wegen häuslicher oder geschäftlicher Verhältnisse geplagten Geist. Er hat sich vielleicht durch das, was ihn umgab, zurückstoßen oder irre machen lassen; und zwar nicht so sehr von Seiten der Welt – denn kein wahrer Christ würde oder sollte etwas von ihr erwarten – sondern inmitten seiner christlichen Freunde wurden alle seine Hoffnungen vernichtet. Er hatte diese Christen aus einer gewissen Entfernung betrachtet, und es schien ihm, als hätten sie alles Liebliche und Anziehende in sich vereinigt, als wären sie so abgesondert, so himmlisch, so voll von Liebe gewesen, aber ach! als er unter sie kam, so fand er diese so zuversichtlich genährte Hoffnung nicht verwirklicht, und sein Herz, ehemals voll von Erwartungen, ist jetzt durch traurige Täuschungen verwundet worden. Dies ist kein ungewöhnlicher Fall. Es gibt gar manches verwundete Herz dieser Art in dem Bereich der Versammlung Gottes. Aber gepriesen sei Gott! Diese tiefen Furchen des Herzens sind nur so viele „Gefäße, leere Gefäße,“ um die Ströme des Trostes und der Erquickung aufzunehmen, welche von Jesus Christus, „derselbe gestern und heute und für immer“– herniederströmen; und das Herz, welches viele tiefe Furchen hat, ist mit nicht wenigen leeren Gefäßen schon versehen. Gott wird sicherlich diese Gefäße füllen; und dann kommt man zurück, um ein Kanal von Segnungen für die zu sein, an welchen man irre wurde.

Mit einem Wort: was auch immer die Lage oder der Zustand einer Seele sein mag, ob es sich um die Sünde, oder den Kummer, oder die Schwierigkeiten, oder die Täuschung handeln mag – die Botschaft von Gott ist immer ein und dieselbe: „Gehe hin, bitte um Gefäße“, und – beachte wohl – um „leere Gefäße“, und – „begehre derselben nicht wenige.“ Welch bewundernswürdige Gnade liegt in den Worten: „leere“ und: „nicht wenige!“ Unsere Gefäße müssen leer sein. Gott will nicht ein Gefäß füllen, welches noch halb mit irdischem Vorrat versehen ist. In jedem Fall muss das Gefäß durchaus leer sein; denn nur dann ist es völlig offenbar, dass das „Öl“ direkt von Gott selbst kommt. Das Wort „leer“ schließt jede Kreatur aus. Die Worte „nicht wenige“ lassen dem Herrn Raum.

Teure Freunde! Dies sind einfache Wahrheiten; aber so einfach sie auch sind, so stehen sie doch in Verbindung mit dem wesentlichen Element des göttlichen Lebens in der Seele. O, dass sie durch die ewige Feder Gottes, des Heiligen Geistes, tiefer in unsere Herzen eingegraben werden möchten!

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