Botschafter des Heils in Christo 1858

Die Ruhe der Müden

Die Sünde gegen Gott kann unter einem doppelten Gesichtspunkt betrachtet werden. Zuerst sehen wir den Ungehorsam Adams im Garten Eden, indem er das erste und vornehmste Gebot übertrat: „du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen.“ Dann sehen wir den Brudermord des Kain, indem er das andere Gebot übertrat: „du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Die Sünde erscheint aber noch in einem anderen Charakter, wenn wir sie gegenüber der Mühe, welche Gott sich gegeben hat, um den Sünder wieder zurückzubringen, betrachten. Kain ging vor dem Angesicht Jehovas hinweg, und fern von Gott fing er an, sein Leben so bequem wie möglich, einzurichten. – Setzen wir nun den Fall, Gott habe Boten zu ihm gesandt, um ihn zurückzubringen – würde dies, wenn er zu kommen sich weigerte, nicht seine Schuld vergrößern? – Und noch viel größer würde seine Sünde, als jene erste, Ihn verlassen zu haben, sein, wenn Gott selbst käme, und ihn vergeblich zum Zurückkommen ermahnte. Ein Mensch mag, durch Leichtfertigkeit und Nachlässigkeit geleitet, sich von Gott entfernen; aber es ist offenbarer Hass gegen Gott, wenn er zur Rückkehr aufgefordert wird, und sich dennoch weigert, zu kommen. So sieht also der Sünder nicht nur keine Schönheit in Christus, sondern er macht sich auch doppelt verantwortlich, weil er Gott auf dem Grund seiner offenbarten Liebe nicht begegnen will. Die Sünde zeigt sich jetzt in einer neuen und schwärzeren Gestalt und gibt sich durch eine bestimmte und offenbare Abneigung gegen die Liebe Gottes zu erkennen.

Die Juden empfingen das Gesetz, und sie bewiesen, dass der Mensch dasselbe nicht zu halten vermag. Die Verwerfung des Christus aber zeigt auf das klarste, was das Herz des Menschen ist, was es in der Gegenwart Gottes ist. – Es ist für uns sehr wichtig, zu verstehen, dass Gott uns die Geschichte der Juden nicht deshalb gegeben hat, um zu lernen, was sie waren, sondern um zu lernen, was wir sind. Diese einfachen klaren Zeugnisse über uns selbst, zeigen uns, dass wir auf nichts anderes, als auf die unverdiente Gnade rechnen dürfen; denn auch wir waren von Natur Kinder des Zorns, wie die Anderen. Deshalb bleibt auch uns nichts anderes übrig, als zu Gott, der reich an Barmherzigkeit ist, zurückzukehren. Dies ist es auch, was der Apostel in Epheser 2,4 zeigt, wo er das, was der Mensch, und das, was Gott ist, einander gegenüberstellt. Nachdem er im Anfang dieses Kapitels von den Sünden der Heiden und auch der Juden gesprochen hatte, sagt er in Vers 3: „ ... und waren von Natur, wie auch die Übrigen, Kinder des Zorns;“ und dann, auf Gott und seine Natur hinblickend, fügt er hinzu: „Gott aber, weil Er reich an Barmherzigkeit ist, hat wegen seiner vielen Liebe, womit Er uns geliebt hat, als auch wir in den Vergehungen tot waren, uns mit dem Christus lebendig gemacht, – durch die Gnade seid ihr errettet usw. usw.“ Gott hat es völlig aufgegeben, bei den Menschen als solchen, Früchte zu suchen. Er sucht aber Früchte bei den Heiligen – die Früchte des neuen Menschen. – Christus kam, um bei den Juden Früchte zu suchen; aber Er fand keine. Jetzt aber, „will Er seine Tenne ganz und gar reinigen.“ –

Wir lesen in dem oben angeführten Kapitel Vers 20–21: „Zu der Zeit fing Er an, die Städte zu schelten, in welchen seine meisten Wunderwerke geschehen waren, weil sie nicht Buße taten. Wehe dir Chorazin, wehe dir Betsaida! Denn, wenn zu Tyrus und Sidon die Wunderwerke geschehen wären, die unter euch geschehen sind, längst hätten sie in Sack und Asche Buße getan.“ Warum? Weil bei diesen das natürliche Gewissen noch nicht durch ein leeres Religionsbekenntnis verhärtet war. „Und du, Kapernaum, die du bis an den Himmel erhöht bist, bis zum Hades wirst du hinabgestoßen werden.“ usw. usw (V 23). Je mehr sie durch äußeren Gottesdienst Gott näher zu kommen suchten, desto mehr entfernten sich ihre Herzen von der Wahrheit, desto stumpfer wurden ihre Gewissen. Sie sagten von Christus: „Er ist unsinnig und hat einen Teufel.“ Und so ist es jetzt noch, wenn sich die Leute deshalb Christen nennen, weil sie die äußere Form mitmachen. Ihr Herz wird verhärtet und ihr Gewissen zum Schweigen gebracht; sie vermögen nicht mehr die Wahrheit von dem Irrtum zu unterscheiden.

Das besondere Kennzeichen der Heiligen ist dieses: Sie hören die Stimme des Hirten. „Meine Schafe hören meine Stimme.“ Sie haben das Zeugnis Christi empfangen (Christus ist zugleich sein eigenes Zeugnis in der Seele). – Die Samariter sprachen zu dem Weib: „Nicht mehr um deines Redens willen glauben wir, denn wir haben gehört und wissen, dass dieser ist wahrhaftig der Heiland der Welt, der Christus.“ Ein jeder, der nun von Christus zeugt, muss auch das Zeugnis Christi in seiner eigenen Seele haben.

Johannes zeugte von Christus; aber er bedurfte auch des Zeugnisses, welches Christus von sich selbst gegeben hatte. Er hatte den Glauben; er erkannte gewisse Wahrheiten, und wusste, dass ein Anderer nach ihm kommen sollte; aber dies ist nicht alles. Es handelte sich darum, dass er das Zeugnis, welches Christus von sich selbst gab, in seinem eigenen Herzen erkannte und festhielt. Manche können überzeugt sein, dass sie nichts zu reinigen vermag, als das Blut Jesu, und dass Christus der einzige Heiland der Seele ist; und dennoch können ihre Herzen, wie das des Johannes, nicht befestigt sein, weil sie sein Zeugnis von Ihm selbst, dass Er wirklich der Christus sei, noch nicht empfangen haben. Die Schafe aber, welche die Stimme des Hirten gehört haben, können nicht mehr ungewiss sein. Er ruft auch seine Schafe bei ihrem Namen. – Sobald Er Maria bei ihrem Namen nannte, antwortete sie: „Rabuni,“ und zwar ohne Zaudern, ohne Ungewissheit. Sie hatte das Zeugnis Jesu in sich selbst empfangen. Seine Stimme war zu ihrem Herzen gedrungen; sie wusste, dass Er es war, der sie liebte; und sie ward wieder froh. – Als Jesus in das Haus des Zachäus trat, sagte Er: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.“ Und dies sagte Er, weil sein Zeugnis daselbst aufgenommen worden war. Das Zeugnis des Heiligen Geistes hat dieselbe Wirkung, wie wir in Apostelgeschichte 11,13–14, lesen: „Sende Männer nach Joppe, und lass Simon holen, der den Zunamen Petrus hat, der wird zu dir Worte reden, durch welche du errettet werden wirst und dein ganzes Haus.“ – Das Zeugnis der Seele, welche Christus aufgenommen hat, ist dieses: „Ich weiß, an wen ich glaube.“ Wir haben dann das Bewusstsein, dass wir mit Christus in einer innigen Verbindung stehen – in einer Verbindung, welche Satan nicht anzutasten vermag.

Johannes sandte zu Jesus, um gewiss überzeugt zu werden, dass Er der sei, welcher kommen sollte; und danach hören wir den Herrn von seinem Diener zeugen. Er gab Zeugnis von dem Charakter des Johannes: „Was seid ihr hinausgegangen, zu sehen? einen Propheten? Ja, ich sage euch, auch viel mehr als einen Propheten.“ Das Herz Jesu strömt in dem Zeugnis des Johannes über von Freude. Und wenn Johannes einen Augenblick zweifelte, damit auch andere auf die Notwendigkeit eines persönlichen Zeugnisses aufmerksam gemacht werden möchten, so tritt jetzt das Zeugnis des Herrn über ihn umso klarer und vortrefflicher hervor.

Die Menschen wurden auf eine zweifache Weise auf die Probe gestellt. „Wir haben euch gepfiffen und ihr habt nicht getanzt; wir haben euch Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht wehgeklagt. Denn es ist Johannes gekommen, weder essend, noch trinkend, und sie sagen: Er hat einen Teufel“ (V 17–19). Warum? Weil er es nicht trieb wie andere Leute. Menschen, die in die Hände des Teufels gefallen sind, meinen, es käme von diesem, wenn sie irgendwo dem Zeugnis Gottes begegnen, und sie meinen es deshalb, weil es nicht nach der gewöhnlichen Denk– und Handlungsweise der Menschen ist. Johannes kam auf dem Weg der Gesetzes–Erfüllung, und deshalb konnte er nichts mit den Menschen gemein haben. Er konnte nicht mit ihnen essen und trinken, – er ging hinaus in die Wüste. Er musste von der Sünde zeugen und sagen: „Die Axt ist an die Wurzel der Bäume gelegt … Ich freilich taufe euch mit Wasser zur Buße; der hinter mir Kommende aber ist mächtiger als ich … Er wird euch mit dem Heiligen Geist und Feuer taufen; dessen Wurfschaufel in seiner Hand ist; und Er wird seine Tenne ganz und gar reinigen usw. usw.“ Auf diese Weise wendete sich Johannes an ihr Gewissen. – Jesus kam und aß und trank mit „Zöllnern und Sündern“. – Und wie sie von Johannes sagten: „Er hat einen Teufel,“ weil er nicht nach der gewöhnlichen Weise der Welt lebte, so sagten sie von Jesu: „Er ist ein Fresser und Weinsäufer; ein Freund der Zöllner und Sünder,“ weil er sich nicht absonderte, sondern mit ihnen aß und trank. Und sie verwarfen das Zeugnis Gottes, in welcher Weise es ihnen auch angeboten werden mochte. „Sie taten keine Buße.“

Johannes konnte die Sünden nicht vergeben; deshalb trennte er sich von den Sündern und ging in die Wüste. Jesus aber konnte die Sünden vergeben; und deshalb verkehrte Er mit ihnen, indem Er mit ihnen aß und trank. Hierin ist sein Wille im vollsten Einklang mit dem Willen seines Vaters. Er sagte: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du diese Dinge vor Weisen und Verständigen verborgen hast, und hast sie Unmündigen offenbart“ (V 25). Weil Er in allem dem Willen Gottes unterworfen war; deshalb strömte auch die ganze Herrlichkeit Gottes auf Ihn nieder. „Alle Dinge sind mir von meinem Vater übergeben“ (V 27). Als der Verworfene empfing Jesus die Herrlichkeit des Himmels und der Erde. „Niemand erkennt den Sohn, es sei denn der Vater; und niemand erkennt den Vater, es sei denn der Sohn, und wem (Ihn) der Sohn offenbaren will.“ Um den Menschen von dem ewigen Tod zu erlösen, muss der Sohn den Vater offenbaren. „Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat (Ihn) kund gemacht“ (Joh 1,18). Die Gnade in Jesu allein vermag die Liebe des Vaters zu offenbaren. „Kommt her zu mir, alle Mühselige und Beladenen, und ich werde euch erquicken (V 28). Jesus heilte die Lahmen, Er gab den Blinden das Gesicht, Er vergab die Sünden usw. usw. Und was hat Er mit allen diesen Werken erreicht? Glaubten sie an Ihn? Nein; sie verwarfen Ihn; sie erkannten Ihn nicht. Aber „zu jener Zeit frohlockte Jesus im Geist“ und sagte: „Kommt her zu mir, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.“ Er wusste, wo allein Ruhe und Frieden zu finden war. Er hatte auf seiner ganzen Pilgerfahrt die Bitterkeit der Prüfungen und der Leiden erfahren, deshalb wusste Er, wie den Mühseligen und Beladenen zu helfen war. Und Er sagte: „Kommt her zu mir, und ich will euch Ruhe geben.“ Wie so manches Herz ist müde, ohne gerade der Sünde wegen traurig zu sein. Wohlan. ist da ein Müder? „Komm zu mir,“ sagt Jesus, „und ich will dir Ruhe geben.“ – Und wo fand Er selbst Ruhe?“ In der vollkommenen Liebe des Vaters und in der Weisheit seiner Führungen. Jesus kam, um den Vater zu offenbaren, und Er offenbarte Ihn, wie Er selbst ihn kannte. „Der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat (Ihn) kund gemacht.“ Und was wusste Jesus von ihm? Etwas, das Ihn der Leiden hienieden überheben konnte? O nein; aber wenn Er uns den Vater offenbart hat, so haben wir nichts mehr zu suchen. Hier haben wir die völlige Ruhe für unsere Seele – eine Ruhe, deren Vollkommenheit nichts zu zerstören vermag. Und nur Er, der verworfene Christus, konnte allein in dieser trostreichen Weise zu uns reden; denn Er hat durch sein Blut unsere Sünden getilgt; Er hat alles vernichtet, was gegen uns war, so dass Gott nichts mehr damit zu schaffen hat. Bei Ihm finden wir Ruhe für unsere Seelen; und sind wir zu Jesu gekommen, so kann auch keine Widerwärtigkeit diese Ruhe uns stören. Es ist keine Ungewissheit mehr vorhanden; die geängstigte Seele hat aufgehört, sich zu fürchten.

„Nehmt auf euch mein Joch, und lernt von mir“ (V 29). Er hatte sich fortwährend unterworfen, und dies ist auch das Joch, welches seine Nachfolger zu tragen haben. Er gibt uns Ruhe; aber Er legt uns auch dieses Joch auf. Er sagt zu einem jeden von uns: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen;“ ja, eine vollkommene Ruhe. Dies ist der Weg Gottes und seine weise Anordnung. Und das Joch ist immer dem Zustand der Seele angemessen, und auf diese Weise wird sie praktisch mit den Segnungen bekannt, die auf diesem Pfad der Nachfolge Christi gefunden werden. – Seid ihr mühselig und beladen, so geht zu Ihm; – Er will euch Ruhe geben. Vielleicht betrübt ihr euch eurer Sünde wegen, und seid traurig, dass ihr deren Größe nicht genug fühlt. Beruhigt euch; Er kannte sie alle, als Er deren Strafe am Kreuz auf sich nahm. Und Er selbst ist es, der jetzt den Mühseligen und Geladenen zuruft: „Kommt her zu mir, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen!“

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht