Botschafter des Heils in Christo 1858

Worauf warte ich?

Dies ist eine erforschende Frage für das Herz; und es ist oft eine sehr gesegnete, indem es nicht selten der Fall ist, dass wir auf Dinge warten, von welchen wir, wenn sie da sind, sagen müssen, dass sie des Erwartens nicht wert waren.

Das menschliche Herz ist dem armen Lahmen an der Pforte des Tempels (Apg 3) sehr ähnlich. Er sah auf jeden Vorübergehenden, „in der Erwartung, etwas zu bekommen“; und ebenso sieht sich das Herz in den vorkommenden Umständen fast immer nach irgend einer Erleichterung, nach irgend einer Hilfsleistung oder nach irgend einem Genuss um. Man findet es von Zeit zu Zeit an einer irdischen Quelle sitzend, indem es vergeblich hofft, irgendwelche Erquickung aus diesem Kanal zu erhalten. Ja, es ist erstaunend, an die Kleinigkeiten zu denken, auf welche die Natur zuweilen erwartungsvoll ihre Blicke richtet – auf einen Wechsel der Umstände, der Szene – auf eine Veränderung des Wetters – auf eine Reise – auf einen Besuch – auf einen Brief – auf ein Buch, – kurz irgendetwas der Art ist hinreichend, um in einem Herzen, welches nicht seinen Ruhepunkt, seine Quelle, ja sein alles in Christus hat, Erwartungen hervorzurufen.

Deshalb möge wegen ihrer praktischen Wichtigkeit hinfort die Frage: „Auf was warte ich?“ oft und ernstlich unsere Herzen beschäftigen. Ohne Zweifel würde die wahre Antwort auf diese Frage oft eine tiefe Demütigung und ein ernstes Selbstgericht vor dem Herrn, sogar in dem gefördertsten Christen, hervorrufen.

In dem 6. Vers des 39. Psalms haben wir drei große Charakterzüge des menschlichen Herzens; er spricht vom „Schattenbild“ – von „der Unruhe“ – und vom „ungewissen Sammeln.“ Diese Züge werden oft zusammengefunden; aber sehr oft hat ein jeder seine besondere Entwicklung.

Es gibt viele, deren ganzes Leben bloß „ein Schattenbild“ ist, entweder in ihrem persönlichen Charakter, oder in ihrem Geschäftsleben, oder in ihrem politischen oder religiösen Bekenntnis. Es ist nichts Festes, nichts Gewisses, nichts Wahres in ihnen; ihr Schimmer ist die möglichst schwächste Vergoldung. Da ist nichts Tiefes, nichts Gründliches, – alles ist oberflächlich – alles nur Strohfeuer und Dampf.

Dann finden wir eine andere Klasse, deren Leben eine beständige Szene „der Unruhe“ ist; wir werden sie nie stille, nie befriedigt, nie glücklich sehen. Sie erwarten immer etwas Schlimmes; und werden fortwährend durch allerlei Schreckbilder geängstigt, so dass sie sich in einem beständigen Fieber befinden. Sie sind voll Unruhe über ihr Eigentum, über ihre Freunde, über ihr Geschäft, über ihre Kinder und über ihre Dienstboten. Obgleich in Verhältnisse gestellt, die Tausende ihrer Mitmenschen sehr angenehm finden würden, so leben sie dennoch in einer beständigen Furcht. Sie beunruhigen sich über Dinge, die vielleicht nie kommen werden, über Schwierigkeiten, die nie da sind, über Leiden, die sie nie zu erdulden haben. Anstatt über die vergangenen Segnungen dankbar, und über die Gnade der Gegenwart erfreut zu sein, beschäftigen sie sich mit den Schwierigkeiten und Sorgen, welche die Zukunft bringen könnte, – mit einem Wort: „sie machen sich vergebliche Unruhe.“

Endlich begegnen wir einer anderen Klasse, ganz verschieden von jeder der Vorhergehenden; sie sind eifrig, klug, fleißig, Geld gewinnend – ja Leute, welche leben können, wo andere verhungern müssten. Bei ihnen ist vom „Schattenbild“ keine Rede. Sie sind zu gesetzt und das Leben ist eine zu praktische Wirklichkeit für sie, als dass es für irgend einen Gedanken der Art Raum ließe. Man kann aber auch nicht sagen, dass irgendwelche „Unruhe“ in ihnen ist. Ihre Geistesrichtung ist entweder ruhig, frei und überlegend, oder tätig, unternehmend und spekulativ. „Sie sammeln und wissen nicht, wer es ernten wird.“

Doch, mein lieber Leser, denke daran, dass der Geist Gottes diese drei Charakterzüge als „Eitelkeit“ gestempelt hat. Ja alles „unter der Sonne,“ ohne irgend eine Ausnahme, ist von einem Mann, der es aus Erfahrung kannte, und es durch Eingebung niederschrieb, „Eitelkeit und Unruhe des Geistes“ genannt worden. Man mag sich hinwenden, „unter der Sonne“, wohin man will, nirgends wird ein Platz gefunden, wo das Herz ruhen kann. Wir müssen uns mit den sicheren und den mächtigen Flügeln des Glaubens zu den Regionen „über der Sonne“ erheben, um „eine bessere und bleibende Habe“ zu finden. Der eine, welcher zur rechten Hand Gottes sitzt, hat gesagt: „Ich lasse auf dem Weg der Gerechtigkeit wandeln, inmitten der Steige des Rechts, damit ich die mich Liebenden erben lasse, was beständig ist; und ich will ihre Schatzkammern erfüllen“ (Spr 8,20–21). „Nur Jesus kann geben, was beständig ist;“ nur Er kann „erfüllen;“ nur Er kann „befriedigen.“ Das vollkommene Werk Christi allein begegnet den tiefsten Bedürfnissen des Gewissens; und nur in seiner glorreichen Person kann das ernsteste Sehnen des Herzens Befriedigung finden. Der, welcher Christus am Kreuz gefunden hat, und Christus auf dem Thron, hat alles gefunden, was er irgendwie für Zeit und Ewigkeit bedarf.

Deshalb hat der Psalmist wohl Ursache sein Herz durch die Frage zu erforschen: „Worauf warte ich?“ und zu erwidern: „Meine Hoffnung ist in dir.“ Kein „Schattenbild“ – keine „Unruhe“– kein „ungewisses Sammeln“ für ihn. Er hat seinen Gegenstand in Gott gefunden, der wohl wert ist, um auf Ihn zu warten; und deshalb wendet er seine Augen von allem anderen, und sagt: „Meine Hoffnung ist in dir.“

Dies, mein geliebter Leser, ist die einzig wahre und Frieden gebende Stellung. Ja der, welcher sich auf Jesus lehnt, auf Ihn schaut und auf Ihn wartet, wird nie beschämt werden. Er besitzt einen unerschöpflichen Grund der gegenwärtigen Freude in der Gemeinschaft mit Christus, während er zu derselben Zeit Teil an „der gesegneten Hoffnung“ hat, dass Er, wenn die gegenwärtige Szene mit ihrem „Schattenbild,“ ihrer „vergeblichen Unruhe“ und ihren eitlen Quellen vorüber ist, dann bei Jesu sein wird, wo Er ist, um seine Herrlichkeit zu schauen, um sich in dem Licht seines Antlitzes zu sonnen und um für immer nach seinem Bild verwandelt zu sein.

Möge es denn stets unsere Gewohnheit sein, unsere so leicht an die irdischen Dinge gefesselten und sich noch der Kreatur umsehenden Herzen mit der Frage: „Auf was warte ich?“ zu erforschen. Warte ich auf eine Veränderung der Umstände, oder „auf den Sohn vom Himmel?“ Kann ich auf Jesus schauen, und mit einem vollen, aufrichtigen Herzen sagen: „Herr, meine Hoffnung ist in dir?“

O möchten doch unsere Herzen völliger von dieser argen Welt und von allem, was darinnen ist, durch die Kraft der Gemeinschaft der Dinge, welche unsichtbar und ewig sind, getrennt sein! (Übersetzt)

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