Botschafter des Heils in Christo 1858

Jetzt und Dann oder Zeit und Ewigkeit

Die Grundsätze der Wahrheit, welche im 12. Kapitel des Lukasevangeliums niedergelegt sind, haben einen sehr feierlichen, alles durchdringenden Charakter, und ihre praktische Tragweite ist gerade in einer Zeit, wie die gegenwärtige, von der größten Wichtigkeit. In dem Licht dieser Wahrheit, wie es uns hier entgegen strahlt, kann kein fleischlicher und weltlicher Sinn bestehen; er wird bis auf den Grund verwelken. – Wenn man uns nach dem kurzen und hauptsächlichen Inhalt dieses köstlichen Kapitels fragte, so würden wir antworten: „Es ist eine Betrachtung, der Zeit im Licht der Ewigkeit.“ – Der Herr hatte offenbar die Absicht, seine Jünger durch diese Betrachtung in das Licht jener Welt, wo alles einen völligen Gegensatz zu der gegenwärtigen bildet, zu versetzen, damit Er ihre Herzen unter den segensreichen Einfluss der unsichtbaren Dinge, und ihr Leben unter die Macht und Autorität der himmlischen Grundsätze brächte. Dies war die liebevolle Absicht des göttlichen Lehrers; und Er legt seiner Belehrung hier diese warnenden und zugleich durchdringenden Worte zu Grunde: „Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, welcher Heuchelei ist!“ – Es darf kein unlauterer Zug in der Seele mitunter laufen; die tiefen Quellen eines jeden Gedanken müssen bloßgelegt werden, – ja, es ist nötig, dass wir die reinen Strahlen des himmlischen Lichtes in die tiefsten Tiefen unseres moralischen Wesens eindringen lassen. Vor diesem Licht kann kein Widerspruch zwischen dem verborgenen Urteil der Seele und der äußeren Ausdrucksweise, zwischen der Richtung des Lebens und dem Bekenntnis der Lippen bestehen. Mit einem Wort, wir bedürfen die Gabe eines „aufrichtigen und guten Herzens“, um aus dieser wunderbaren Zusammenstellung der praktischen Wahrheit gesegneten Nutzen zu ziehen. Wir sind zu sehr geneigt, bekannte Wahrheiten mit Gleichgültigkeit und kalter Beipflichtung anzuhören, und ziehen gewöhnlich unterhaltende Spekulationen über gewisse Schriftausdrücke oder Lehrpunkte oder Fragen über die Prophetie vor, weil wir diesen, in Verbindung mit jeder Art von Weltsinn, von habsüchtigen Begierden und Selbstbefriedigung, nachhängen können. Aber diese gewichtigen Grundsätze der Wahrheit, die wir in diesem Kapitel finden, fallen in ihrer ganzen Größe und tief einschneidenden Kraft auf das Gewissen nieder; und wer vermag es zu ertragen, wenn nicht jene, welche durch die Gnade sich „von dem Sauerteig der Pharisäer, welcher Heuchelei ist“, zu reinigen suchen? Dieser Sauerteig hat dem äußeren Ansehen nach einen schönen Charakter, zeigt sich in den mannigfachsten Formen und ist deshalb umso gefährlicher. In der Tat bildet er, wo er sich vorfindet, ein wirkliches und unüberwindliches Hindernis vor der Seele, so dass sie in einer erfahrungsmäßigen Erkenntnis und praktischen Heiligung nicht voran schreiten kann. Wenn ich nicht meine ganze Seele der Wirkung der göttlichen Wahrheit bloßstelle, wenn ich noch irgend einen Winkel vor ihrem Licht verberge, wenn ich noch irgendetwas für mich zu behalten wünsche, wenn ich auf eine unredliche Art die Wahrheit meinem eigenen Standpunkt und Verhalten anzupassen, oder ihre Schärfe von meinem Gewissen abzuwenden suche – dann bin ich ohne Zweifel mit dem Sauerteig der Heuchelei befleckt, und mein Wachstum nach dem Bild Christi ist eine moralische Unmöglichkeit. Wie notwendig ist es deshalb für jeden Jünger Christi, Acht zu haben, dass sich nichts von diesem verderblichen Sauerteig in den verborgenen Winkeln seines Herzens vorfinde. Lasst uns ihn durch die Gnade Gottes von uns fern zu halten suchen, damit wir in allen Verhältnissen fähig sind, zu sagen: „Rede Herr, denn dein Knecht hört!“

Es ist aber die Heuchelei nicht allein jedem geistigen Fortschritt geradezu entgegen, sondern sie verfehlt auch ganz und gar ihren Zweck, welchen sie sich vorgesetzt hat; „denn es ist nichts verdeckt, was nicht aufgedeckt, und nichts verborgen, was nicht gekannt werden wird“ (V 2). Vor dem Richterstuhl Christi wird ein jeglicher Mensch offenbart und jeder Gedanke an das Licht gebracht werden. Was die Wahrheit jetzt tun wollte, wird dann das Gericht tun. Jeder Grad und Schatten der Heuchelei, wird durch das Licht, welches von diesem Richterstuhl Christi ausstrahlt, entlarvt werden; und nichts wird demselben, entgehen können. Dann wird alles nach der Wirklichkeit sein, obgleich es jetzt so viele Täuschung gibt. Dann wird alles mit dem wahren Namen benannt werden, mag man es jetzt auch ausdrücken, wie man will.

Weltsinn pflegt man jetzt wohl Klugheit, Habsucht und Eigennutz – Vorsicht zu nennen; Selbstbefriedigung und wachsendes Ansehen wird als Lebensweisheit und lobenswerter Geschäftsfleiß bezeichnet. Ja, so ist es jetzt; aber dann wird es ganz das Gegenteil sein. Alle diese Dinge werden vor dem Richterstuhl Christi in ihrem wahren Licht erscheinen, und nach ihrem wahren Namen benannt werden. Deshalb ist es wahre Weisheit eines Jüngers, wenn er jetzt in dem Licht jenes Tages handelt, an welchem das Verborgene aller Herzen offenbart werden wird. Freilich ist er in dieser Beziehung auf einen vorteilhaften Grund gestellt; wenn auch der Apostel sagt: „Wir müssen alle (Heilige und Sünder, – zwar nicht zu derselben Zeit, noch auf demselben Grund) offenbart werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Sollte dieses das Gemüt des Jüngers beunruhigen? Gewiss nicht, wenn sein Herz von dem Sauerteig der Heuchelei gereinigt, und seine Seele durch die Belehrung des Heiligen Geistes in der großen Grundwahrheit, welche uns in demselben Kapitel, 2.Korither 5, vorgestellt wird, nämlich, dass Christus sein Leben und Christus seine Gerechtigkeit ist, völlig gegründet und befestigt ist, so dass er mit dem Apostel sagen kann: „Wir sind Gott offenbart; ich hoffe aber auch in euren Gewissen offenbart zu sein.“ Wenn aber bei ihm dieser Friede des Gewissens noch mangelhaft ist, und er es aufrichtig meint, so wird ohne Zweifel der Gedanke an den Richterstuhl Christi seinen Geist beunruhigen. Deshalb ist auch der Herr in seiner Belehrung in Lukas 12. bemüht, das Gewissen seiner Jünger jetzt schon ganz und gar in das Licht dieses Richterstuhls zu stellen. „Ich sage euch, meinen Freunden: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und danach nichts mehr zu tun haben. Ich will euch aber zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, der nach dem Töten Macht hat, in die Hölle hineinzuwerfen; ja, ich sage euch, den fürchtet“ (V 4–5). Menschenfurcht ist eine Schlinge, und ist genau verbunden mit dem „Sauerteig der Pharisäer;“ aber die „Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang“, und veranlasst den Menschen, sich jetzt so zu betragen – so zu denken, zu reden, zu handeln – wie in dem vollen Glanz des Lichtes des Richterstuhls Christi. Und was würde die Folge einer solchen Gesinnung sein? Es würde dem Charakter eine unermessliche Würde und Erhabenheit verleihen, während der Geist der stolzen Unabhängigkeit in seinem ersten Keim wirklich erstickt würde, und es würde die Seele unter der alles erforschenden Macht des Lichtes Gottes, welches alles offenbar macht, bewahrt bleiben. Es ist nichts so sehr geeignet, den Jünger Christi seiner wahren Würde der Jüngerschaft zu berauben, als ein Wandel vor den Augen oder nach den Gedanken der Menschen. Solange wir in dieser Weise handeln, können wir nicht freie Nachfolger unseres himmlischen Meisters sein. Ferner ist das Übel, vor den Menschen zu wandeln, moralisch verbunden mit dem Übel, unsere Weg vor Gott zu verbergen zu suchen, und beides hat Teil an dem „Sauerteig der Pharisäer“, und beides wird vor dem Richterstuhl Christi seine eigentümliche Stellung finden. Warum sollten wir die Menschen fürchten? Warum sollten wir ihre Meinungen berücksichtigen? Wenn diese Meinungen in der Gegenwart dessen, der auch Macht hat in die Hölle zu werfen, nicht bestehen können, so haben sie keinen Wert; denn Er ist es, mit dem wir zu tun haben. „Mir aber ist es das Geringste, dass ich von euch beurteilt werde, oder von einem menschlichen Gericht“ (1. Kor 4,3). Der Mensch mag jetzt einen Richterstuhl haben, aber dann wird er keinen haben; er mag in dieser Zeit zu Gericht sitzen, aber in der Ewigkeit richtet er nicht mehr. Warum sollten wir nun unsere Wege nach einem so schwachen und vergänglichen Gericht einrichten? Lasst uns ein solches Tun vielmehr gänzlich verwerfen. Gott gebe uns Gnade, jetzt allezeit in Beziehung zu der Ewigkeit zu handeln, dass in unserem Wandel hier unser Auge stets nach oben gerichtet bleibe, ja, dass wir die Zeit im Licht der Ewigkeit betrachten.

Das arme, ungläubige Herz mag da wohl, wie immer, fragen: Wenn ich mich aber also über die menschlichen Gedanken und Meinungen erhebe, wie werde ich dann fortkommen in einer Welt, wo gerade diese Gedanken und Meinungen herrschen? Das ist eine sehr natürliche Frage; aber von den Lippen des Herrn kommt uns eine völlige und befriedigende Antwort entgegen. Ja es scheint, als wollte Er in seiner Gnade diesem aufsteigenden Elemente des Unglaubens zuvor kommen, indem Er, seine Jünger über den trübenden Dunstkreis der Jetztzeit zu dem reinen, forschenden und kräftigen Licht der Ewigkeit erhebend, hinzufügt: „Werden nicht fünf Sperlinge für zwei Pfennige gekauft? – Und nicht ein Einziger von ihnen ist vor Gott vergessen. Ja, selbst die Haare eures Hauptes sind alle gezählt. So fürchtet euch nun nicht; ihr seid vorzüglicher, als viele Sperlinge“ (V 6–7). Hier wird das Herz unterrichtet, nicht allein Gott zu fürchten, sondern Ihm auch zu vertrauen; es wird nicht nur gewarnt, sondern auch beruhigt. „Fürchtet,“ und: „fürchtet nicht,“ mag dem Fleisch und Blut seltsam erscheinen, aber für den Glauben liegt nichts Seltsames darin. Der Mensch, welcher Gott am meisten fürchtet, fürchtet die Umstände am wenigsten. Der im Glauben Wandelnde ist der abhängigste und zugleich der unabhängigste Mensch in der Welt, – abhängig von Gott, unabhängig von den Umständen. Das Letztere ist die Folge des Ersteren; wahre Abhängigkeit bewirkt wahre Unabhängigkeit. Dies offenbart uns den Grund von dem Frieden des Gläubigen. Derjenige, welcher Macht hat in die Hölle zu werfen – der Einzige, welcher zu fürchten ist – hat es in der Tat der Mühe wert geachtet, die Haare seines Hauptes zu zählen; und Er hat es gewiss nicht darum der Mühe wert geachtet, um ihn jetzt oder später verloren gehen zu lassen, sondern um ihn zu bewahren und zu erhalten. Diese bis in das Kleinste gehende Sorgfalt unseres Vaters sollte jeden Zweifel, der sich in unseren Herzen erheben will, zum Schweigen bringen. Nichts ist für Ihn zu gering, und es kann auch nichts zu groß für Ihn sein. Die unzählbaren Welten, welche sich in dem unendlichen Raum bewegen und ein fallender Sperling, sind gleich vor Ihm. Sein unendlicher Geist kann mit derselben Leichtigkeit den Lauf der Jahrhunderte und die Haare unseres Hauptes überschauen. Dies ist das feste Fundament, worauf Christus sein: „Fürchtet euch nicht!“ und: „Sorgt nicht!“ gründet. Wir fehlen aber oft in der praktischen Anwendung dieses göttlichen Grundsatzes. Wir mögen es als einen Grundsatz bewundern, aber seine wahre Schönheit wird nur in der Anwendung gesehen und gefühlt. Wenn wir es aber nicht in Übung bringen, so mahlen wir gleichsam Sonnenstrahlen an die Wand, und sterben doch unter der eisigen Decke unseres eigenen Unglaubens.

Wir finden nun in diesem Schriftabschnitt vor uns, dass ein offenes und mutiges Zeugnis für Christus mit dieser heiligen Erhebung über die Gedanken der Menschen und mit diesem stillen Vertrauen auf unseres Vaters zärtliche Sorgfalt – selbst in den kleinsten Dingen – auf das innigste verbunden ist. Wenn mein Herz über den Einfluss der Menschenfurcht erhoben und durch die Versicherung, dass Gott die Haare meines Hauptes alle gezählt hat, völlig beruhigt ist, dann ist meine Seele in dem rechten Zustand, um den Christus vor den Menschen zu bekennen (V 8–10) Ich bin dann auch nicht über die Folgen dieses Bekenntnisses bekümmert; denn solange wie Gott mich hier wünscht, wird Er mich auch hier erhalten. „Wenn sie euch aber vor die Synagogen und die Obrigkeiten und Gewalten führen, sorgt nicht, wie oder was ihr antworten, oder was ihr sagen sollt; denn der Heilige Geist wird euch in derselben Stunde lehren, was ihr sagen sollt“ (V 11–12). Die allein geeignete Stellung, um für Christus ein Zeugnis abzulegen, ist die, von dem menschlichen Einfluss völlig befreit und in einem unerschütterlichen Vertrauen zu Gott befestigt zu sein. Insoweit ich unter dem Einfluss der Menschen stehe oder ein Knecht derselben bin, insoweit bin ich auch als Diener Christi untauglich; und ich kann nur durch einen lebendigen Glauben in Gott von dem menschlichen Einfluss wirklich befreit sein. Wenn Gott das Herz erfüllt, so ist kein Raum für die Kreatur da; und wir können auch völlig überzeugt sein, dass nie ein Mensch es der Mühe wert gehalten hat, die Haare unseres Hauptes zu zählen; wir haben es selbst nicht einmal der Mühe wert gehalten. Aber Gott hat es getan, und deshalb kann ich Ihm mehr als irgendjemand vertrauen. Gott ist für jedes Bedürfnis groß oder klein, völlig ausreichend, und, um zu erfahren, dass Er dieses ist, brauchen wir Ihm nur zu vertrauen. Es ist wahr, dass Er sich dazu der Menschen als Werkzeuge bedient; wenn wir uns aber auf die Menschen, anstatt auf Gott, auf die Werkzeuge, anstatt auf die Hand, welche sie gebraucht, verlassen, so bringen wir einen Fluch über uns; denn es steht geschrieben: „Verflucht ist der Mann, der auf Menschen vertraut, und Fleisch zu seinem Arm macht, und dessen Herz von Jehova weicht“ (Jer 17,5). Jehova gebrauchte die Raben, um den Elia zu speisen; aber Elia dachte wohl nie daran, auf die Raben zu vertrauen. So sollte es immer sein. Der Glaube verlässt sich auf Gott, rechnet auf Ihn, klammert sich an Ihn, traut auf Ihn, harrt auf Ihn. Er lässt Ihm immer einen freien Raum, um zu handeln; er versperrt seinen herrlichen Pfad nicht durch irgend ein Vertrauen auf die Kreatur; er lässt Ihn alles das, was Er ist, offenbaren und überlässt Ihm alles. Und sollte der Glaube auch durch tiefe und reißende Wasser gehen, er wird immer auf der Spitze der höchsten Wellen gesehen werden, und von da unverwandt und in völliger Ruhe auf Gott und sein mächtiges Walten gerichtet bleiben. Der Glaube ist es allein in dieser Welt, der Gott und dem Menschen den gebührenden Platz gibt.

Während der Herr Jesus damit beschäftigt war, diese himmlischen Grundsätze darzustellen, mengt sich ein wahres Kind der Erde mit einer Frage über Eigentum hinein. „Ein Gewisser aber aus der Volksmenge sprach zu Ihm: Lehrer! Sage meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teile“ (V 13). Wie unbegreiflich wenig wusste dieser von dem wahren Charakter des himmlischen Menschen, welcher vor ihm stand. Er hatte keine Ahnung von dem tiefen Geheimnis seines Wesens, noch von dem Zweck seiner himmlischen Sendung. Er war gewiss nicht aus dem Schoß des Vaters hernieder gekommen, um Streitigkeiten über das Eigentum zu schlichten, oder um Schiedsrichter zwischen zwei habsüchtigen Menschen zu sein. – Der Geist der Habsucht lag offenbar in der ganzen Sache. Beide, der Kläger wie der Angeklagte, wurden durch Habsucht geleitet; der Eine wünschte zu erhaschen und der Andere zu behalten. Was war dies anders als Habsucht? „Er aber sagte zu ihm: Mensch! wer hat mich zu einem Richter oder Teiler über euch gesetzt?“ (V 14) Es handelte sich nicht darum, wer bei dieser Erbschaftsfrage recht oder unrecht hatte; nach der reinen und himmlischen Lehre Christi hatten sie Beide unrecht. In dem Licht der Ewigkeit haben einige Morgen Landes sehr wenig Wert; und was Christus selbst betraf, so lehrte Er nicht nur Grundsätze, welche jeder Frage über den irdischen Besitz direkt entgegen stehen, sondern Er gab auch in seiner eigenen Person und seinem ganzen Charakter ein Beispiel von diesem Gegensatz. Er kam nicht, um über das Erbe einen Prozess zu führen; Er war „der Erbe aller Dinge.“ Das Land Israel, der Thron Davids und die ganze Schöpfung gehörte Ihm; aber man wollte Ihn nicht anerkennen, noch Ihm sein Eigentum geben. „Als Ihn aber die Ackerbauer sahen, überlegten sie bei sich selbst und sagten: dieser ist der Erbe; kommt, lasst uns Ihn töten, damit das Erbe unser sei“ (Lk 20,14). Der Erbe unterwarf sich in vollkommener Geduld, aber – ewig gepriesen sei sein herrlicher Name! – durch seine Unterwerfung bis in den Tod vernichtete Er die Macht des Feindes und brachte „viele Söhne zur Herrlichkeit.“ So sehen wir in der Lehre und in dein praktischen Leben des himmlischen Menschen die wahre Darstellung der Grundsätze des Reiches Gottes. Er wollte nicht richten, sondern Er lehrte die Wahrheit, welche die Notwendigkeit des Gerichts hinwegtun sollte. Wenn die Grundsätze des Reiches Gottes herrschten, so würden die Gerichtshöfe nicht nötig sein; denn wenn niemandem Unrecht geschieht, so braucht auch kein Unrecht gerichtet zu werden. Dies wird jedermann zugeben. Nun ist aber der Christ, welcher sich schon in dem Reich Gottes befindet, verbunden, sich durch die Grundsätze dieses Reiches leiten zu lassen, und sie um jeden Preis in Ausübung zu bringen; denn in demselben Maße, als er vergisst, jene Grundsätze zu verwirklichen, raubt er seiner eigenen Seele den Segen, und schadet seinem Zeugnis. Wenn ein Mensch zum Gericht geht, so wird er nicht, indem er dieses tut, durch die Grundsätze des Reiches Gottes geleitet, sondern durch die Grundsätze des Reiches des Satans, welcher der Fürst dieser Welt ist. Es handelt sich hier nicht um die Frage, ob er ein Christ ist, sondern durch welche Grundsätze er in dieser Beziehung geleitet wird. Ich sage nichts von der inneren Triebkraft der göttlichen Natur, welche einen jeden sicher leiten würde, um mit aller Bestimmtheit den großen Widerspruch eines Menschen zu begreifen, welcher bekennt, dass er durch Gnade errettet ist, und dennoch mit seinem Nächsten nach der Gerechtigkeit verfahren will, – eines Menschen, der, wenn er von der Hand Gottes sein Recht empfangen würde, in der Hölle brennen müsste, und der dessen ungeachtet mit aller Bestimmtheit, auf sein Recht gegen seinen Nächsten besteht – eines Menschen, welchem zehntausend Talente geschenkt sind, und der dennoch seinen Nächsten ergreift und würgt wegen armseliger hundert Denare. Doch will ich hierbei nicht länger verweilen. Ich wollte nur diese Frage über das „zu Gericht gehen,“ im Licht des Reiches Gottes, im Licht der Ewigkeit betrachten. Und wenn es wahr ist, dass in diesem Reich kein solcher Gerichtshof nötig ist, so lege ich es in der Gegenwart Gottes feierlich auf das Gewissen meines Lesers, dass er, als Untertan dieses Reiches, völlig unrecht tut, zu Gericht zu gehen. Wohl mögen wir dadurch manchen Verlust und viele Leiden zu erdulden haben; allein es ist auch nur der des „Reiches Gottes würdig“, welcher bereit ist, „für dasselbe zu leiden.“ Lasst jene, welche durch die Dinge der Jetztzeit geleitet werden, zu Gericht gehen; der Christ aber soll und darf sich nur durch die Dinge der Ewigkeit regieren lassen. Jene gehen jetzt zu Gericht, aber sie werden es dann nicht tun können; und der Christ soll jetzt handeln, wie es dann geschehen wird. Er gehört dem Reich an, und gerade jetzt, während das Reich Gottes noch nicht offenbart, sondern der König verworfen ist, sind die Untertanen dieses Königs berufen zu leiden. Die Gerechtigkeit „leidet“ jetzt; in dem tausendjährigen Reich aber wird sie „regieren,“ und in dem neuen Himmel und auf der neuen Erde wird sie „wohnen.“ Will der Christ jetzt richten, so kommt er der Zeit des tausendjährigen Reichs und der seines Meisters zuvor. Er ist berufen, jede Art von Unrecht und Ungerechtigkeit zu leiden; sucht er diesem zu entgehen, so leugnet er die Wahrheit des Reiches, welchem er anzugehören bekennt. Diesen Grundsatz führe ich meinem Leser vor die Seele, und wünsche sehr, dass er seine volle Kraft ausüben und ihm nicht unbedeutend erscheinen möge. Es ist nichts mehr geeignet, die Frische und die Kraft, das Wachstum und das Gedeihen des Reiches Gottes in dem Herzen zu verhindern, als die Geringschätzung der Grundsätze dieses Reiches in unserem Wandel. 1

Es könnte jemand sagen, dass die Kirche oder Versammlung von ihrer hohen Stellung hernieder gebracht würde, wenn man ihr also die Grundsätze des Reiches einzuprägen suchte. Keineswegs. Wir gehören der Versammlung an, aber wir sind in dem Reich. Obgleich wir Beide nicht mit einander verwechseln dürfen, so ist es doch völlig klar, dass der Zustand der Versammlung, ihr Leben und Wandel, nie unter den Genossen des Reiches stehen darf. Steht es mit dem Geist und mit den Grundsätzen des Reiches im Widerspruch, meine Recht vor dem Gesetz geltend zu machen, so ist dieses, wenn es möglich wäre, noch viel mehr im Widerspruch mit dem Geist und den Grundsätzen der Versammlung. Das kann keinem Zweifel unterworfen sein. Je höher meine Stellung, desto höher und himmlischer sollte auch mein Charakter und mein ganzer Wandel sein. Ich glaube völlig, und wünsche es auch stets festzuhalten, dass die Versammlung in ihrem ganzen Leben und Wandel zu beweisen hat, dass sie der Leib und die Braut Christi ist, – Erbe einer himmlischen Stellung, erwartend, kraft ihrer Einheit mit Christus, die himmlische Herrlichkeit; aber ich kann nicht begreifen, dass ich, als Glied dieses so hoch bevorzugten Leibes, in meinem Wandel weniger eifrig sein sollte, als ein Glied des Reiches. Was für ein Unterschied ist im Blick auf den gegenwärtigen Wandel und Charakter zwischen dem, der dem Leib eines verworfenen Hauptes und dem, der dem Reich eines verworfenen Königs angehört? Sicherlich kann dies bei dem Ersteren doch nicht weniger Wert und Bedeutung haben, als bei dem Letzteren. Je höher und inniger meine Gemeinschaft mit Ihm, dem Verworfenen ist, desto entschiedener sollte auch meine Trennung von alle dem sein, was Ihn verworfen hat, desto völliger meine Ähnlichkeit mit seinem Charakter, und desto bestimmter und genauer mein Wandel in seinen Fußstapfen, und zwar in der Mitte derer, die Ihn verworfen haben. – Die einfache Sache aber hierbei ist diese: Wir bedürfen ein Gewissen. Ja, geliebter Leser, ein zartes, geübtes, aufrichtiges Gewissen, welches treu und genau dem Ruf Gottes in seinem reinen und heiligen Wort folgt. Dies ist es gerade, was uns in der gegenwärtigen Zeit so Not tut. Es sind nicht so sehr die Grundsätze, die wir bedürfen, als die Gnade, die Energie und eine heilige Entschiedenheit, dieselben um jeden Preis auszuüben. Wir räumen selbst solche Wahrheiten ein, die ganz einfach das verwerfen und richten, was wir uns im Geheimen oder offenbar erlauben. Wir können uns zu dem Grundsatz der Gnade bekennen, und in der strengen Aufrechterhaltung unseres Rechts vorangehen. Wie oft z. B. geschieht es nicht, dass Personen predigen, lehren, sich der Gnade zu erfreuen bekennen, und im nächsten Augenblicke auf das Bestimmteste auf ihr Recht bestehen, wenn es sich um ihren Vorteil handelt, und oft direkt oder indirekt arme Leute wegen einiger Taler Zinsen gerichtlich verfolgen, oder sie wegen rückständiger Miete aus ihrer Wohnung treiben und sie dem Mangel und dem Elend in einer kalten und herzlosen Welt preisgeben. Und gewiss, man würde oft schaudern, wenn man Zeuge der Folgen eines solchen Verfahrens wäre, wenn man die vielen Flüche und Verwünschungen hörte, und wenn man den Gram und das Elend mancher Mütter und Kinder sähe. Dies ist zwar ein sehr handgreiflicher Fall, der aber leider! nur zu oft vorkommt. Und sollte es vielleicht jemand befremden, dass gerade ein solcher Fall vorgestellt wird, so erwidere ich nur, dass es für viele wegen Mangel an Gefühl und Gewissenhaftigkeit nötig ist, die Sache mit dieser Deutlichkeit vorzutragen, wenn sie von ihnen verstanden werden soll. Es geht uns oft gleich dem David, dass sich, solange wir in dem uns vorgeführten Bild der Sünde und der Ungerechtigkeit uns selbst nicht erkennen, unsere Missbilligung und unser Unwille bis auf das Höchste steigern; und es wäre auch oft ein Nathan nötig, der uns zuriefe: „du bist der Mann!“ damit wir uns mit einem geschlagenen Gewissen und in wahrer Selbstverabscheuung demütigen lernten. Es fehlt uns heutzutage nicht an gelehrten, wortreichen Predigten, an eleganten und beredten Vorträgen und an weitläufigen Abhandlungen über die Grundsätze der Gnade; aber dabei sind die Gerichtshöfe mit Richtern, Advokaten und anderen Beamten angefüllt, die täglich alle Schlauheit und Redekunst, um nicht mehr zu sagen, anwenden, um den Leuten zu ihrem so genannten Recht zu verhelfen.

Aber möchte jemand einwenden: Ist es ungerecht, das Unsrige zu suchen, und uns dabei der rechtlichen Mittel zu bedienen, welche uns zu Gebote stehen? Gewiss nicht. Diese Behauptung, möge sie auch noch so klar und deutlich dargestellt werden, stünde in völligem Widerspruch mit dem Wort Gottes. Der Knecht in Matthäus Kapitel 18 wurde ein „böser Knecht“ genannt, und „den Peinigern überliefert,“ nicht weil er ungerecht gehandelt hatte, indem er auf das Zurückbezahlen einer Schuld bestand, sondern weil er nicht nach Gnade gehandelt und die Schuld erlassen hatte. Ein Mensch, welcher nicht nach Gnade handelt, wird das Gefühl der Gnade verlieren, und derjenige, welcher versäumt, die Grundsätze des Reiches Gottes auszuüben, wird die Freude dieser Grundsätze in seiner eigenen Seele entbehren müssen. Wie nötig war es deshalb, dass der Herr Jesus warnend zu seinen Jüngern sagte: „Seht zu, und hütet euch vor der Habsucht; denn nicht, weil jemand Überfluss hat, besteht sein Leben von seiner Habe“ (V 15).

Wie schwer ist es, diese „Habsucht“ völlig zu bezeichnen! Wie schwer, diese Wurzel alles Übels in allen ihren verschiedenen Gestalten und Schattierungen vor das Gewissen zu bringen, um sie recht zu erkennen. Man findet sie, wie jemand von dem Weltsinn sagte, „in jeder Schattierung, von weiß bis zu kohlschwarz;“ und nur dann, wenn wir von einem himmlischen Sinn durchdrungen und von den Grundsätzen der Ewigkeit geleitet werden, sind wir fähig, die Wirkung dieses Grundübels zu entdecken. Aber nicht allein das, sondern unsere Herzen müssen auch von dem „Sauerteig der Pharisäer, welcher Heuchelei ist,“ gereinigt sein. Die Pharisäer waren geldgierig, und deshalb konnten sie nichts anders, als über die reine, himmlische Lehre spotten; (Lk 16,14) und so ist es mit allen denen, welche mit diesem Sauerteig verunreinigt sind. Sie suchen immer der Anwendung der Wahrheit auf ihr eigenes Herz auszuweichen, mag es sich nun um den Geiz oder um ein anderes Laster handeln. Sie suchen diese Wahrheit immer so auszulegen, dass, ihnen selbst dadurch nicht zu nahe getreten wird; sie suchen sie zu mildern und zu schmücken, und ihren eigenen Ansichten anzupassen, damit deren Schärfe ihre Gewissen nicht treffe; und auf diese Weise kommen sie immer mehr unter die Macht und den Einfluss des Feindes. Ich werde entweder durch die reine Wahrheit des Wortes oder durch die unreinen Grundsätze der Welt, welche in der Werkstatt Satans bereitet und zur Ausübung seines Willens in die Welt gebracht sind, regiert.

In dem Gleichnis von dem reichen Mann, welches der Herr hier vorstellt, sehen wir in Betreff der Darlegung der Habsucht einen Charakterzug, welchen die Welt schätzt und gut heißt. Allein wir sehen hier, wie in allem, was in diesem ernsten Kapitel vor unsere Seele geführt wird, den Unterschied zwischen jetzt und dann, zwischen Zeit und Ewigkeit. Alles hängt von dem Licht ab, in welchem wir die Menschen und die Dinge betrachten. Wenn wir es nur im Licht der Gegenwart anschauen, dann ist es nicht von geringer Bedeutung, ob wir im Handel gewinnen, ob wir in unseren Vermögensumständen vorankommen, und also einen Vorrat für die Zukunft sammeln. Ein jeder, der also denkt und handelt, wird jetzt für weise gehalten; aber dann wird er für einen Narren gelten. Schuldscheine, Obligationen, Banknoten, Versicherungsscheine aller Art usw. sind Dinge, die jetzt einen hohen Wert haben, aber dann werden sie ohne allen Wert sein; sie sind jetzt rein, aber dann werden sie verworfen werden. So ist es, lieber Leser, und deshalb ist es nötig, Gottes Dann zu unserem Jetzt zu machen, – die Dinge der Zeit im Licht der Ewigkeit, die Dinge der Erde im Licht des Himmels zu betrachten. Dies ist die wahre Weisheit, welche das Herz in den Dingen, welche unter der Sonne sind, nicht gefangen hält, sondern es in das Licht führt, und unter die Macht der unsichtbaren Welt, wo die Grundsätze des Reiches Gottes regieren, leitet. Was werden wir nun von Gerichtshöfen, Banken, Versicherungsgesellschaften usw. denken, wenn wir sie im Licht der Ewigkeit betrachten? 2

Diese Dinge können nur von solchen geschätzt werden, welche sich durch das Jetzt regieren lassen; der Jünger Christi aber darf nur durch das Dann geleitet werden. Und hierin liegt der ganze Unterschied, und wahrlich ein sehr ernster Unterschied.

„Er sprach aber ein Gleichnis zu ihnen und sagte: Das Land eines reichen Menschen trug viel ein“ (V 16). – Ist es denn eine Sünde, wenn jemand seinen Ackerbau oder sein Geschäft mit Erfolg betreibt? Wenn Gott die Arbeit eines Menschen segnet, sollte er sich nicht darüber freuen? Gewiss; allein beachte hier den moralischen Fortschritt eines habsüchtigen Herzens. „Und er dachte bei sich selbst.“ Er dachte nicht in der Gegenwart Gottes; seine Gedanken standen auch nicht unter dem mächtigen Einfluss der Ewigkeit. Nein; „er dachte bei sich selbst“ – in dem engen Raum seines selbstsüchtigen Herzens; und deshalb dürfen wir uns über seinen praktischen Beschluss nicht wundern. „Was soll ich tun? denn ich habe nicht, wo ich meine Früchte aufspeichere.“ Wie! Konnte er seinen Überfluss nicht im Blick auf die herrliche Zukunft Gottes nützlich verwenden? Ach nein! Der Mensch hat wohl eine Zukunft, oder er denkt vielmehr, eine zu haben; und auf diese rechnet er, und für diese arbeitet und sammelt er; allein das Ich ist der einzige Gegenstand, welcher darin figuriert, – das Ich, ob in meiner eigenen Person, oder in meinem Weib oder Kind, ist im Grunde dasselbe. Der große Gegenstand der Zukunft Gottes aber ist Christus; und die wahre Weisheit wird uns leiten, unser Auge auf Ihn zu richten, und Ihn zu unserem einzigen Gegenstand für Zeit und Ewigkeit, für jetzt und dann zu machen. Aber dies ist nach dem Urteil eines Weltmenschen nur Unsinn; ja, die himmlische Weisheit ist nach dem Urteil der Weisheit, die von unten ist, nichts als Torheit. Unser Gleichnis zeigt uns, was die irdische Weisheit, die Weisheit derer, die unter dem Einfluss der irdischen Grundsätze und Gewohnheiten dahinleben, ist: „Und er sprach: Dies will ich tun; ich will meine Scheunen niederreißen und größere bauen, und darin all mein Gewächs und meine Güter zusammenbringen“ (V 18). So haben wir nun, was er „dachte“, was er „sagte“ und was er „tat“; und es ist eine traurige Verbindung zwischen seinen Gedanken, seinen Worten und seiner Tat. „Da“ in meinem selbst erbauten Vorratshaus, „will ich alles zusammenbringen.“ Elendes Vorratshaus, um den ganzen Schatz einer unsterblichen Seele aufzubewahren! Gott galt nichts in diesem Plan; Er war weder seine Schatzkammer, noch sein Schatz. Das ist klar, und so ist es immer bei den Menschen dieser Welt. – „Und ich will zu meiner Seele sagen: Seele! du hast viele Güter auf viele Jahre daliegen; ruhe aus, iss, trink, ergötze dich!“ Hier sehen wir, dass der Reichtum eines Weltmenschen nur für „viele Jahre“ ist; und im besten Fall kann er nicht über diese enge Grenze hinausgehen. Dieser Schatz kann, selbst in seinen eigenen Gedanken jene unendliche Ewigkeit nicht erreichen, die über diese kurze Spanne Zeit hinausgeht; und dennoch ist dies der Schatz, den er seiner unsterblichen Seele anbietet, damit sie „ruhig sei und sich ergötze.“ Traurige Verbindung! Törichtes Vornehmen! Wie so ganz verschieden hiervon ist die Anrede, die ein Gläubiger an seine Seele halten kann. Er darf zu ihr sagen: „Seele! ruhe aus, iss, trink, erfreue dich! Iss aus der Fülle der Vorratskammern Gottes; trink aus dem Strom seiner Wonne und von dem Wein seines Reiches und erfreue dich in dem vollendeten Werke seiner Erlösung; du hast viele Güter, ja, unerschöpfliche Reichtümer, unaussprechlich herrliche Schätze, welche nicht nur für „viele Jahre“, sondern für die Ewigkeit aufbewahrt sind. Das vollendete Werk Christi ist der Grund deines ewigen Friedens, und seine kommende Herrlichkeit der sichere und gewisse Gegenstand deiner Hoffnung.“ Das ist ein ganz verschiedener Charakter der Anrede, mein lieber Leser. Dies zeigt so deutlich die Verschiedenheit zwischen jetzt und dann. Und es ist ein sehr beklagenswerter Missgriff, wenn wir Christus, den Gekreuzigten, Christus, den Auferstandenen, Christus, den Verherrlichten, nicht allein zum Alpha und Omega, Anfang und Ende, in allen unseren Berechnungen machen. Sich eine Zukunft ausmalen, und nicht Christus in den Vordergrund stellen, ist die törichtste Verwegenheit und Verblendung; denn sobald Gott dazwischen kommt, ist das ganze Gemälde hoffnungslos zerstört. „Gott aber sprach zu ihm: du Narr! In dieser Nacht wird deine Seele von dir gefordert werden; – was du aber bereitet hast, für wen wird es sein?“ – Und nun merke die Lehre von allem diesem: „Also ist der,“ – der Heilige wie der Sünder – „der für sich Schätze sammelt, und ist nicht reich in Bezug auf Gott.“ – Wer Schätze sammelt, macht diesen Schatz auch mehr oder weniger zu seinem Gott. Sein Herz ist in Betreff der Zukunft beruhigt, wenn er an sein Vermögen denkt; aber ohne dieses würde er Unruhe haben. Es ist für den natürlichen Menschen unerträglich, in dieser Welt nichts zu haben, und von Gott allein abhängig zu sein; aber gib ihm etliche alte Papiere, die ansehnliche Forderungen enthalten, um welche er zuletzt noch durch allerlei Ränke gebracht werden kann, und er wird darauf vertrauen, ja, im Frieden sterben, wenn er diese seiner Familie zurücklassen kann. Bringe ihn in eine Lebensversicherung, bewillige ihm eine Pension oder eine Rente, und er wird sich darauf stützen; ja auf alle diese Dinge wird er sich stützen, nur nicht auf Gott. Alles ist dem natürlichen Herzen Wirklichkeit, ausgenommen die einzig wahre Wirklichkeit. Dies beweist, was der wahre Zustand der menschlichen Natur oder des Fleisches ist. Es kann Gott nicht vertrauen; wohl kann es von Ihm reden, aber nicht auf Ihn vertrauen. Der Haupt–Charakterzug der gefallenen, sündhaften Natur ist Misstrauen gegen Gott; und eine der schönsten Früchte der Erneuerung ist die Fähigkeit, in allen Dingen auf Gott zu vertrauen. „Sie, welche deinen Namen kennen, werden auf dich trauen.“ Kein anderer vermag es.

Es ist hier jedoch hauptsächlich meine Absicht, mich mit dem christlichen Gewissen zu beschäftigen. Ich frage deshalb den christlichen Leser ganz einfach und bestimmt, ob es mit der Lehre Christi, wie sie uns in den Evangelien dargestellt wird, in Übereinstimmung ist, dass seine Jünger hier auf der Erde Schätze sammeln? Würde eine solche Behauptung nicht mit diesem zwölften Kapitel des Lukas und ähnlichen Schriftstellen im grellsten Widerspruch stehen? „Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, da wo Motte und Rost ist, und wo Diebe durchgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost ist, und wo Diebe nicht durchgraben noch stehlen“ (Mt 6,19–20). Dies ist einfach und bestimmt genug, und wird auch sicherlich für ein aufrichtiges Gewissen seinen Zweck nicht verfehlen. Es steht mit den Grundsätzen des Reiches Gottes in direktem Widerspruch und ist mit der wahren Jüngerschaft ganz unvereinbar, sich, unter welcher Gestalt und Form es auch sei, „Schätze zu sammeln auf der Erde.“ In diesem, so wie auch in dem „zu Gericht gehen,“ haben wir, um zu wissen, was wir zu tun haben, uns nur daran zu erinnern, dass wir in dem Reich Gottes sind. Die Grundsätze dieses Reiches sind ewig. „Er aber sprach zu seinen Jüngern: Deshalb sage ich euch: Sorgt nicht für euer Leben, was ihr essen, noch für den Leib, was ihr anziehen sollt. Das Leben ist mehr, als die Nahrung, und der Leib mehr, als die Kleidung“ (V 22–23). Beachtet hier dies: „Sorgt nicht.“ Es bedarf keiner weiteren Auslegung oder Erklärung. Einige könnten sagen, es seien „ängstliche Sorgen“ darunter verstanden; allein das Wörtchen „ängstlich“ steht gar nicht dabei. Es ist einfach gesagt: „Sorgt nicht;“ und dies ist gesagt in Bezug auf alles, was der Mensch wirklich bedarf – auf „Nahrung und Kleidung.“ Die Raben und die Lilien werden hier als Beispiel vor uns gestellt; die Einen werden ernährt, die Anderen gekleidet, und sie sorgen doch nicht. Hätte der Herr Jesus „ängstliche Sorgen“ gemeint, so würde Er es gesagt haben. Dies gilt nun aber nicht allein für die Kinder des Reiches, sondern ebenso sehr für die Glieder der Kirche oder Versammlung. „Sorgt um nichts!“ sagt der Heilige Geist durch den Apostel. Und warum nicht? weil Gott für uns sorgt. Was könnte es auch nützen, dass zwei über dieselbe Sache denken, wenn der Eine alles, und der Andere nichts zu tun vermag. „In allem aber lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung euer Begehren vor Gott kund werden; und der Friede Gottes, der jede Vernunft übersteigt, wird eure Herzen und eure Sinne in Christus Jesus bewahren“ (Phil 4,6–7). Dies ist die feste Grundlage für den inneren Frieden des Herzens, welcher so wenige wirklich erfreut. Viele haben den Frieden des Gewissens durch den Glauben an die Zulänglichkeit des Werkes Christi, welche jedoch nicht den Frieden des Herzens durch den Glauben an die Zulänglichkeit der Sorge Gottes genießen. Oft bringen wir unsere Schwierigkeiten und Versuchungen im Gebet vor Gott, und stehen ebenso besorgt und unruhig von unseren Knien wieder auf, wie wir auch vorher waren. Wir bekennen wohl, dass wir unsere Sorgen in die Hand Gottes legen können; aber wir verstehen es nicht, sie dort zurückzulassen; und folglich genießen wir nicht den Frieden des Herzens. Ebenso war es mit Jakob, in 1. Mose 32. Er flehte zu Gott, dass Er ihn aus der Hand Esaus befreien möge; aber er war kaum von seinen Knien aufgestanden, so dachte er daran, wie er sich selbst helfen könne. „Ich will ihn durch ein Geschenk versöhnen.“ Es ist klar, dass er viel mehr Vertrauen auf sein „Geschenk“ setzte, als auf Gott. Dies ist ein gewöhnlicher Irrtum unter den Kindern Gottes. Wir bekennen, dass wir unseren Blick zu den ewigen Quellen richten; während das Auge der Seele sich seitwärts zu irgend einer Kreatur wendet. Auf diese Weise ist Gott praktisch ausgeschlossen; unsere Seelen sind nicht befreit, und deshalb genießen wir auch nicht den Frieden des Herzens. Der Apostel fährt alsdann in Philipper 4,8 fort, uns ein Verzeichnis jener Dinge zu geben, über welche wir denken sollen, wobei aber an uns selbst oder an unsere eigenen Angelegenheiten nicht einmal gedacht wird. „alles, was wahrhaftig, was würdig, was gerecht, was keusch, was liebreich, was wohllautend ist; – ist es eine Tugend, ist es ein Lob, – dieses erwägt … und der Gott des Friedens wird mit euch sein.“ Wenn ich also weiß und glaube, dass Gott an mich denkt, so habe ich „den Frieden Gottes;“ und wenn ich an Ihn und an das, was sein ist, denke, so habe ich „den Gott des Friedens.“ Dies, ist auch in völliger Übereinstimmung mit der Lehre Christi in Lukas 12. Nachdem Er das Herz seiner Jünger in Betreff der gegenwärtigen Bedürfnisse und des zukünftigen Schatzes beruhigt hat, sagt Er: „Trachtet aber nach dem Reich Gottes, und alle diese Dinge werden euch zugegeben werden.“ Dies ist aber nicht so zu verstehen, als sei das Trachten nach dem Reich Gottes ein Mittel, um die irdischen Dinge zu erlangen. Hegte ich solche Gedanken in meinem Herzen, so würde ich kein wahrer Jünger sein. Ein wahrer Jünger denkt nur an seinen Herrn und dessen Reich; und der Herr wird sicherlich an ihn und seine Bedürfnisse denken. Dies ist das Verhältnis, mein geliebter Leser, zwischen einem treuen Diener, und einem allmächtigen und allgütigen Herrn; und gewiss ist ein solcher Diener frei – vollkommen frei von allen Sorgen.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, weshalb wir ermahnt sind, nicht zu sorgen, weil nämlich unser Sorgen ganz und gar nutzlos ist. „Wer aber von euch kann mit seinen Sorgen eine Elle seiner Größe hinzusetzen? Wenn ihr nun auch das Geringste nicht vermögt, warum sorgt ihr für das Übrige?“ (V 25–26) Wir gewinnen nichts mit unseren Sorgen. Und wenn wir ihnen nachhängen, so werden wir dadurch untüchtig nach dem Reich Gottes zu trachten, und wir setzen durch unseren Unglauben sogar ein Hindernis in den Weg seines Handelns für uns. Folgender Ausspruch bleibt auch in Beziehung auf uns immer wahr: „Er konnte daselbst keine Wunderwerke wirken, wegen ihres Unglaubens.“ Der Unglaube ist das große Hindernis, welches wir dem mächtigen Wirken Gottes für uns entgegenstellen. Wenn wir unsere Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, so ist es klar, dass wir Gott nicht nötig haben. Wir bleiben unter dem niederdrückenden Einfluss unserer eigenen, unruhigen Gedanken, und nehmen endlich Zuflucht zu menschlichen Hilfsquellen. Es ist wichtig, zu verstehen, dass wir uns entweder auf Gott oder auf die Umstände verlassen; sich auf beide zugleich zu verlassen, ist unmöglich. Es muss Gott allein sein oder gar nicht. Was kann es uns nützen, dass wir vom Glauben sprechen, wenn sich unsere Herzen in Wirklichkeit – in welcher Gestalt oder Form es auch sei – auf die Kreatur verlassen. Wir sollten hierin unsere Wege genau prüfen und untersuchen; denn ein unbegrenztes Vertrauen auf Gott ist eins der besonderen Kennzeichen des göttlichen Lebens, und einer der vornehmsten Grundsätze des Reiches. Deshalb sollten wir es recht genau damit nehmen, damit wir unseren Fortschritten in diesen himmlischen Tugenden kein Hindernis entgegenstellen. Für Fleisch und Blut ist es gewiss eine große Versuchung, nichts Sichtbares zur Stütze zu haben. Das Herz wird zittern, wenn wir an der Küste der Umstände stehen und in den unbekannten Ozean hinabschauen – Allen unbekannt, nur nicht dem Glauben – nur dem nicht, der unverwandt seinen Blick nach oben richtet. Wir möchten wohl versucht sein, mit Lot auszurufen: „Ist sie doch klein; dass meine Seele lebendig bleibe.“ Das Herz sucht jeden Schatten der menschlichen Hilfe zu erhaschen, an jedem Strohhalm sich festzuhalten, um nicht mit dem Strom der Umstände fortgeschwemmt zu werden; ja, es sucht irgendetwas, nur nicht gänzliche Abhängigkeit von Gott. O möchten wir doch Gott besser kennen lernen, um Ihm völlig zu vertrauen; möchten wir Ihm doch völlig vertrauen, um Ihn besser kennen zu lernen! Das arme Herz will immer etwas Sichtbares, etwas Fühlbares. Handelt es sich um den Unterhalt, so sehnt es sich nach einem bestimmten Einkommen, nach einem gewissen Kapital in der Bank, nach einem hinreichenden Landeigentum, oder nach einem jährlichen – wenn auch mäßigen, so doch festgesetzten Gehalt; – selbst der Dienst für das Evangelium ist meist mit dieser Gesinnung begleitet. Geht jemand aus, um zu predigen oder zu lehren, so will er etwas, um sich darauf zu stützen; wenn es nicht eine geschriebene Predigt ist, so bedarf er wenigstens einiger Noten oder irgend einer Art von Vorbereitung, – irgendetwas, nur nicht unmittelbare Abhängigkeit von Gott. Daher kommt es auch, dass das weltliche Treiben unter den Christen eine so schreckliche Ausdehnung gewonnen hat. – Der Glaube allein vermag die Welt zu überwinden, und das Herz zu reinigen. Er führt die unter dem Einfluss des Vergänglichen stehende Seele in das Licht der Ewigkeit; Er beschäftigt sie nicht mit dem „Jetzt,“ sondern mit dem „Dann,“ nicht mit dem „Hier,“ sondern mit dem „Dort,“ nicht mit der „Erde,“ sondern mit dem „Himmel;“ und also überwindet er die Welt und reinigt das Herz. Er hört und glaubt dem Wort Christi: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! denn es ist eures Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben“ (V 32). Füllt die Hoffnung des Reiches Gottes meine Seele, so ist kein Raum darin für etwas Anderes, und ich kann leicht den gegenwärtigen Schatten für die zukünftige Wirklichkeit hingeben. Deshalb fügt auch der Herr sogleich hinzu: „Verkauft, was ihr besitzt, und gebt Almosen; macht euch Säckel, die nicht veralten; einen Schatz, unvergänglich, in den Himmeln, wo kein Dieb naht und keine Motte verderben. Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein“ (V 33–34). Wenn ich meinen Schatz auf der Erde habe – worin er auch bestehen mag – so wird auch mein Herz da sein, und ich bin in der Tat ein weltlich gesinnter Mensch. Wie kann ich aber mein Herz von der Welt und von dem, was darinnen ist, leeren? Durch das Erfülltwerden von Christus. Er ist der wahre Schatz, den alle Vorratshäuser und Schatzkammern der Welt nicht zu fassen vermögen. Die Welt hat ihre Speicher und Magazine, worin sie ihre Reichtümer aufbewahrt; aber die Speicher werden zerfallen und die Magazine veralten, und was wird dann aus dem Schatz werden? Wahrlich sie bauen zu niedrig; denn sie bauen unter die Wolken. Das Dichten und Trachten vieler ist dahin gerichtet, ein Eigentum oder Vermögen zu besitzen, die Gelder gut anzulegen usw.; und wenn sie es nicht für sich tun, so geschieht es für ihre Kinder, ihr zweites Ich. Sammle ich aber für meine Kinder, so tue ich es für mich selbst; und ach! in unzähligen Fällen ist dies, anstatt zum Segen, zum Verderben und zum Fluch des Kindes geworden, indem Eitelkeit und Hochmut sein Herz erfüllte, und das Gefühl der Abhängigkeit von Gott ganz und gar verloren ging. Deshalb lasst uns das Wort des Apostels beachten: „ … vielmehr aber arbeite er, eine ehrliche Handtierung treibend – nicht damit er für sich oder sein zweites Ich einen Schatz erwerbe, sondern – damit er dem Dürftigen etwas mitzuteilen habe.“ Dies ist die von Gott festgestellte Grundlage für jedermann; und deshalb, wenn ich für mein Kind Schätze sammle, so verlasse ich selbst diese Grundlage, und ziehe auch mein Kind von derselben hinweg, und das kann gewiss nur Unsegen zur Folge haben. Oder könnte ich die unaussprechliche Süßigkeit des Gehorsams und der Abhängigkeit von Gott genießen, und meinem Kind dies entziehen wollen? Könnte ich einen solchen Verlust durch Nachlass etlicher Obligationen oder Versicherungsscheine aufwiegen? Und würde ich auf diese Weise wirklich väterlich gegen mein Kind handeln? Gewiss nicht. Das wäre nichts anderes, als das Dann für das Jetzt dahingeben; es würde der Handlungsweise des welt– und fleischlich gesinnten Esau gleich sein, der sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkaufte; ja, es hieße die herrliche Zukunft Gottes mit der armseligen Gegenwart des Menschen vertauschen. Und warum ist es auch nötig, für meine Kinder Schätze zu sammeln? Wenn ich Gott in Betreff meiner vertrauen kann, warum nicht auch in Betreff ihrer? Kann der, welcher mich ernährt und gekleidet hat, nicht auch sie ernähren und kleiden? Sollte ich aus ihnen Müßiggänger machen, oder ihnen Geld geben, anstatt Gott? Ach, mein lieber Leser, lass es uns wohl bedenken, dass, wenn wir Gott nicht vertrauen können in Betreff unserer Kinder, wir Ihm auch nicht vertrauen in Betreff unserer selbst. In dem Augenblick, wo ich daran denke einen einzigen Groschen für die Zukunft zu sammeln, habe ich grundsätzlich das Leben des Glaubens verlassen. Mag mein Sammeln auch nach den herrschenden Ansichten völlig gerechtfertigt sein, mag der Weltsinn und der Unglaube es auch mit den schönsten Namen bezeichnen, – dies bleibt eine unumstößliche Wahrheit: Mein Schatz ist mein Gott. „Wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein.“ Lasst uns diese ernste Wahrheit nicht missverstehen oder falsch auslegen. Durch die mir auferlegte Verpflichtung des Wortes und durch das Stempel Gottes bin ich verbunden für die Meinen zu sorgen; denn „wenn jemand für seine Angehörigen, und besonders die Hausgenossen nicht sorgt, der hat den Glauben verleugnet und ist schlechter, als ein Ungläubiger“ (1. Tim 5,8). Das ist klar genug. Weiter bin ich verbunden, meine Kinder – so weit als die Grundsätze Gottes es zulassen und mein Wirkungskreis sich erstreckt – mit einem Beruf zu versehen, wozu Gott selbst sie in seiner Güte berufen würde. Allein nirgends bin ich im Wort Gottes unterrichtet, meinen Kindern einen Schatz zu geben, anstatt einer ehrbaren Beschäftigung, verbunden mit dem Gefühl der Abhängigkeit von dem himmlischen Vater. Es ist auch eine Tatsache, dass nur wenige Kinder ihren Vätern für das geerbte Gut danken; während andere sich stets mit Dankbarkeit und Ehrfurcht der weisen Fürsorge ihrer Eltern erinnern, wodurch sie zu einem gottwohlgefälligen Wirkungskreis geleitet worden sind.

Ich vergesse hierbei keineswegs die Schriftstelle, welche oft von etlichen benutzt oder besser missbraucht wird, um das weltliche und ungläubige Schätzesammeln zu rechtfertigen. „Siehe dieses dritte Mal bin ich in Bereitschaft zu euch zu kommen, und will euch nicht lästig sein; denn ich suche nicht das Eure, sondern euch. Denn die Kinder sollen nicht für die Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern für die Kinder“ (2. Kor 12,14). – Wie viele gibt es, die sich freuen, wenn sie für ihren weltlichen Sinn auch nur einen Schein von Rechtfertigung in der heiligen Schrift zu finden meinen; und in dieser Schriftstelle ist ein solcher Schein der Rechtfertigung. Dies aber steht fest, dass der Apostel die Christen nicht lehren wollte, sich Schätze zu sammeln; – wie könnte er einen himmlischen Menschen ermahnen wollen, sich Schätze auf der Erde zu sammeln, von welcher Art diese auch sein möchten! Die Sache ist hier einfach diese: Er bedient sich einer Gewohnheit in der Welt und eines gewöhnlichen natürlichen Gefühls, um den Korinthern, welche seine Kinder im Glauben waren, seine Handlungsweise gegen sie zu erklären. Er ist ihnen nicht lästig gewesen, und will es auch jetzt nicht sein, denn er war ihr Vater. Wenn nun die Heiligen Gottes hierin ein Privilegium zu finden meinen, zu der Welt und deren Gewohnheiten zurückzukehren, so mögen sie denn mit allem Fleiß Schätze sammeln, und sie aufhäufen bis „zu dem letzten Tag;“ allein sie mögen auch nicht vergessen, daran zu denken, dass die Motte und der Rost das Ende von allem sein werden. Ach! nur dann, wenn wir die unvergänglichen Schätze, welche der Glaube in jene himmlischen Schatzkammern einsammelt, zu würdigen verstehen, werden wir in einem reinen und heiligen Wandel durch diese Welt gehen; ja dann werden wir emporgetragen auf den Flügeln des Glaubens und werden schweben über der dunklen Atmosphäre, welche diese Welt, die Gott hasst und Christus verworfen hat, einhüllt, und welche von diesen beiden Elementen durchdrungen und beherrscht wird: Gotteshass und Geldliebe.

Ehe ich diese Zeilen schließe, will ich noch dies eine hinzufügen, dass der Herr Jesus – der angebetete, der göttliche, der himmlische Lehrer – die Gedanken und Neigungen seiner Jünger dadurch zu dem wahren Ruhepunkt zu erheben suchte, dass er ihnen diese zwei Stücke gebot, welche der Heilige Geist mit diesen Worten ausgedrückt hat: „ … zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und seinen Sohn von den Himmeln zu erwarten.“ Die Gesamtheit der Lehre in Lukas 12,35 bis zu Ende, ist in jenen zwei Wahrheiten zusammen zu fassen, und ich fordere den christlichen Leser auf, sie mit einem ernsten Gewissen zu erwägen. Wir haben niemanden zu dienen als „dem lebendigen Gott,“ und haben nichts zu erwarten, als „seinen Sohn.“ Der Heilige Geist aber möge sein eigenes Wort mit himmlischer Kraft begleiten, damit es in das Herz und das Gewissen eindringe, und das Leben eines jeden Kindes Gottes erleuchte, auf dass der Name unseres Herrn Jesus Christus verherrlicht und seine Wahrheit durch den Wandel eines jeden, der Ihm angehört, gerechtfertigt werde. Die Gabe eines treuen Herzens, und ein zartes, aufrichtiges und gutes Gewissen sei das gesegnete Teil eines jeden unter uns, damit wir unter der Hand des Meisters gleich einem gut gestimmten Instrumente einen reinen Ton geben und mit seiner himmlischen Stimme harmonieren.

Sollten nun endlich diese Zeilen in die Hand eines solchen fallen, der die Ruhe seines Gewissens in dem vollkommenen Werk des Sohnes Gottes noch nicht gefunden hat, so wird er sie gewiss bei Seite legen und sagen: „Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören?“ Ja, du magst wohl geneigt sein, zu fragen: Was sollte aus der Welt werden, wenn solche Grundsätze zur allgemeinen Geltung kämen? Ich erwidere dir: Sie würde aufhören, durch den Satan regiert zu werden und würde das Reich Gottes sein. Doch, erlaube mir eine Frage, mein Freund: Zu welchem Reich gehörst du? Heißt es bei dir jetzt oder dann? Lebst du für die Zeit oder für die Ewigkeit; für die Erde oder für den Himmel; für den Satan oder für Christus? Sei doch einmal aufrichtig gegen dich selbst in der Gegenwart Gottes und bedenke, „dass nichts verdeckt ist, was nicht aufgedeckt, und nichts verborgen, was nicht gekannt werden wird.“ Der Richterstuhl Christi wird alles ans Licht bringen. Deshalb sei einmal aufrichtig gegen dich und frage dein Herz: Wo bin ich? Wie stehe ich? Was ist der Grund meines Friedens? Was sind meine Aussichten für die Ewigkeit? Wähne nicht, dass Gott dir den Himmel schuldig ist für das Aufgeben von irgendetwas Irdischem. Nein, Er weist dich zu Christus hin, der durch seinen Tod am Kreuz für die Sünden gebüßt und dadurch dem, welcher glaubt, einen Weg geöffnet hat, um in der Kraft der Gerechtigkeit in die Gegenwart Gottes zu kommen. Nicht wird von dir verlangt, was du tun oder sein sollst, sondern das Evangelium teilt dir mit, was Jesus ist und was Er getan hat, und „wenn du dies mit deinem Mund bekennst und mit deinem Herzen glaubst, so wirst du selig werden.“ Christus, der ewige Sohn Gottes – Gott offenbart im Fleisch – eins mit dem Vater, geboren von einer Jungfrau, bekleidet mit einem durch die Kraft des Höchsten bereiteten Körper, und also ein wirklicher Mensch – wahrer Gott und wahrer Mensch; – Er, dessen Leben ein Leben des vollkommenen Gehorsams war, starb für uns am Kreuz, indem Er zur Sünde gemacht und ein Fluch geworden war

– Er leerte den Kelch des Zornes Gottes bis auf den letzten Tropfen

– Er empfand den Stachel des Todes – beraubte das Grab seiner Beute

– Er zerstörte den, der des Todes Gewalt hatte – den Teufel, und stieg dann auf in den Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes. Dies ist nun das unendliche Verdienst seines vollkommenen Opfers, dass alle, welche glauben, von allen ihren Sünden gerechtfertigt sind; ja, angenommen in Ihm, stehen sie in seiner Gerechtigkeit vor Gott und können nimmer in das Gericht kommen, sondern sie sind vom Tod zum Leben hindurch gedrungen. Dies ist das Evangelium, die frohe Botschaft der Errettung, – welches der Heilige Geist, herniederkommend von Gott, jetzt aller Kreatur verkündigt. Und schließlich rufe ich dir, mein lieber Leser zu: „Siehe, das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt wegnimmt!“ Glaube und lebe! (Übersetzt)

Fußnoten

  • 1 Es geziemt dem Christen, in allem durch diese Grundsätze geleitet zu werden. Wenn er ein Geschäft treibt, so sollte er es als ein Kind Gottes und als Knecht Christi treiben. Nicht sollte er am Sonntag einen christlichen und am Montag einen weltlichen Charakter offenbaren, oder von einem so genannten „Handelsgeist“ geleitet werden. Überall sollte die Gegenwart des Herrn mich erfüllen – in der Werkstatt, im Laden, aus dem Comptoir usw. Es ist mein Vorrecht, in all meinen Geschäften von Gott abhängig zu sein; um aber wirklich von Ihm abzuhängen, muss mein Geschäft von solcher Natur sein, und nach solchem Grundsatz geführt werden, dass Er es als das Seine anerkennen kann. Wenn ich sage: Ich muss meine Geschäfte treiben, wie auch andere es tun, sonst kann ich nicht bestehen, so verlasse ich den wahren christlichen Boden, und verliere mich in dem Strom der Gedanken der Welt. Wenn ich z. B. zu Plakaten, zu großartigen Annoncen in den Zeitungen und all dergleichen Mitteln der Empfehlung und der Anpreisung meine Zuflucht nehme, so befinde ich mich wirklich nicht in der einfachen Abhängigkeit von Gott, sondern ich bin nach dem Grundsatz der Welt tätig. – Nun werden etliche fragen: Wie muss ich denn mein Geschäft treiben? Ich werde eine Gegenfrage tun. Zu welchem Zweck treibst du es? Ist es, um Nahrung und Kleidung zu haben, oder um Schätze zu sammeln, um ein reicher, angesehener Mann zu werden? Ist es das Erstere, – Gott hat es verheißen, und du hast nur nötig nach seiner Vorschrift zu wandeln und von Ihm allein abhängig zu bleiben. Der Glaube stellt uns auch in den weltlichen Geschäften, welche diese auch sein mögen, auf einen von dem Beschäftigtsein der Kinder dieser Welt ganz verschiedenen Grund. Denken wir z. B. an David im Eichgrund, als er gegen Goliat stritt. Warum kämpfte er nicht, wie andere Männer? Weil er sich auf dem Boden des Glaubens befand. Ebenso Hiskias. Warum legte er einen Sack an, als andere Männer zu den Waffen griffen? (2.Kön 19,1) Weil er sich auf dem Boden der einfachen Abhängigkeit von Gott befand. Gerade so ist es in dem Fall eines Geschäftstreibenden; er muss es völlig als Christ treiben, anders schwächt er das Zeugnis, und beraubt seine eigene Seele des Segens. Am traurigsten aber ist es, wenn ein Christ unter einem vorgeblich guten oder gar christlichen Zwecke, seine Habsucht oder Geldgier zu verbergen sucht.
  • 2 Ehe ein Kind Gottes daran dächte, sich einer Feuer– oder Lebensversicherungsgesellschaft zu bedienen, sollte es sich zuvor diese ernste Frage vorlegen: „Zeige ich hierdurch nicht Misstrauen gegen Gott? Suche ich nicht durch menschliche Mittel den göttlichen Heimsuchungen zu entgehen?“ Und steht es nicht auch im Widerspruch mit dem Bekenntnis des Christen, wenn er kein Leben versichern will. Er bekennt, tot zu sein, und dass Christus sein Leben ist; wie kann denn von Versicherung seines Lebens die Rede sein? Mancher wird sagen: Wir können das Christentum nicht in solche Dinge bringen. Ich frage: Wo können wir es denn zurücklassen? Ist das Christentum etwa ein bequemes Kleid, welches wir am Sonntag anlegen, und am Schluss dieses Tages ausziehen, sorgfältig zusammenfalten und bis zum nächsten Sonntag in einen Schrank legen kann? Es ist leider zu oft also? viele haben einen doppelten Charakter; und was ist dies anders, als „der Sauerteig der Pharisäer, welcher Heuchelei ist?“ Der Mensch dieser Welt kann nur zu solchen Versicherungen seine Zuflucht nehmen, weil alles um ihn her unsicher ist; aber bei dem Kind Gottes ist alles sicher. Gott hat sein Leben für immer versichert; und von jetzt an kann er die verschiedenen Versicherungsgesellschaften als ebenso viele Anstalten des Unglaubens betrachten.
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