Botschafter des Heils in Christo 1858

Das fleischliche Vertrauen und das Vertrauen des Glaubens

Wir lesen in 4. Mose 17,12: „Und die Kinder Israel sprachen zu Mose: Siehe wir kommen um, wir verderben, alle verderben wir. Wer irgend der Wohnung des Herrn naht, wird sterben. Sollen wir denn ganz und gar untergehen?“ – Das Gefühl der Kinder Israel hier war nicht gerade der Schreck des erwachten Gewissens eines bis dahin gleichgültigen Sünders in der Gegenwart des gerechten Gottes, sondern dieser Schreck hier war vielmehr eine Folge des Hochmuts des Geistes, wenn das Fleisch sich in die Gegenwart Gottes gedrängt hat. Und dies ist es, was wir beständig finden, wenn Erhebung gegen Gott da ist. Befindet sich die Seele in diesem Zustand, so wird sie in Verzweiflung dahin sinken, wenn Gott sich offenbart; und das ist eine höchst traurige Sache. Es ist aber, wie schon gesagt, ganz verschieden von der Furcht eines natürlichen Gewissens, wenn es zuerst aufwacht. Diese Furcht ist zwar auch sehr peinlich, aber sie ist heilsam.

Wenn ein Mensch ganz und gar ohne Gott dahingeht, so ist das nicht gerade Erhebung gegen Gott zu nennen, obgleich es wohl in einem gewissen Sinn wahr ist. Es ist uns allen bekannt, wie viele Menschen Tag für Tag und Jahr für Jahr sorgenlos vorangehen, ohne sich in irgend einer Weise um Gott zu kümmern; wie sie die Freuden und Vergnügungen in der Welt suchen und in Gleichgültigkeit dahin leben; wie sie mit Sorgen aller Art beschwert, und oft unter einer Last von Geschäften niedergedrückt sind. Es gibt tausend Dinge, die das Herz eines natürlichen Menschen beschäftigen und erfüllen; aber Gott ist ausgeschlossen. Ein solcher mag das Bewusstsein haben, dass es einen Gott gibt, aber er ist weit davon entfernt, Ihn als den Gegenstand seines Lebens zu haben. „Gott ist nicht in allen ihren Gedanken.“ Oft mag das natürliche Gewissen von einer geheimen Ahnung, von einem unbestimmten Gefühl durchkreuzt werden – Gott wirkt oft auf diese Weise in den Herzen derjenigen, die Er später beruft, obgleich es zu jener Zeit noch ohne Frucht bleibt – und nachher, bei der Bekehrung der Seele, trägt die Erinnerung an dieses wiederholte, aber vergebliche Anklopfen von Seiten Gottes viel dazu bei, eine tiefe Überzeugung von dem gänzlichen Verderben des menschlichen Willens zu geben. Das Gewissen eines Menschen zu erreichen, der in offenbaren und groben Sünden dahinlebte, ist eine leichte Sache, wie auch der Herr sagt: „Die Hurer und die Ehebrecher gehen eher in das Reich Gottes ein, als ihr“ d. i. die Frommen in den Augen der Welt. Oft ist die Berufung Gottes in einem vergleichsweise untadeligem Lauf des Lebens geschehen, und Gott ist in dem Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut verschmäht worden.

Wenn die Überzeugung von der Sünde kommt, so ist das eine andere Sache, als wenn der Geist Gottes einen Menschen mit seinem Gewissen in die Gegenwart Gottes stellt; in diesem Fall findet er beides, sowohl das, was er getan hat, als auch das, was er ist. Er findet, dass er „sich selbst den Zorn gehäuft hat auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes;“ und noch mehr: dass der natürliche Zustand ein Zustand der Sünde und der Empörung gegen Gott ist; und er kann sich selbst nicht helfen. Wenn nun aber auch dieser Zustand der Seele ein peinlicher ist, und oft den Menschen beinahe zur Verzweiflung bringt, so ist er doch heilsam und gesegnet. Wo immer eine klare Überzeugung dieses Zustandes ist, da ist auch das Verlangen, zu Gott zu gehen; obgleich es immer mit dem Bewusstsein begleitet ist, kein Recht zu haben, dort zu sein. Ebenso war es mit dem verlorenen Sohn, in Lukas 15. Er sagte: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und zu ihm sagen: Vater! ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen“ (V 18–19). So auch Petrus, als er sich zu den Füßen Jesu hinwarf: „Gehe von mir hinaus; denn ich bin ein sündiger Mensch!“ Hier sehen wir das Bewusstsein der Unwürdigkeit seiner Stellung vor Gott; denn er erkennt die Heiligkeit Gottes, und er fühlt auch, dass er schuldig ist, selbst heilig zu sein; allein, wenn er auch noch so weit hiervon entfernt ist, so hat er doch den Wunsch, zu Gott zu gehen. Das ist freilich ein scheinbarer Widerspruch; aber es ist also verwirklicht vom Geist Gottes. Und es ist sehr natürlich, dass in einem Herzen, worin der Geist Gottes wirkt, das Verlangen erwacht, zu Gott zu gehen; weil wir fühlen, dass dies durchaus nötig ist, wenn auch das Gewissen noch so sehr überzeugt ist, dass wir ganz unwürdig sind. Das Herz ist zu Gott gewendet; und wenn es erkennt, dass Gott heilig ist, und auch anerkennt, dass es schuldig ist, selbst heilig zu sein, so stimmt es Gott im Urteil wieder sich selbst bei. Ein solcher Mensch hat kein Begehren, dass Gott aufhören möge, heilig zu sein, damit er, so zu sagen, in den Himmel hineinschlüpfen könne. Er rechtfertigt Gott vielmehr, anstatt Ihn, um selbst gerechtfertigt dazustehen, zu verurteilen. Dies Letztere tut der Sünder zwar oft, und auch Adam tat es, als er sagte: „Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.“ Das erwachte Gewissen aber, wenn es vor Gott kommt, rechtfertigt sich selbst nicht mehr; es rechtfertigt Gott und richtet sich selbst. Ein solcher Mensch hat freilich die Erlösung – das, was Gott in Christus für ihn getan hat – noch nicht kennen gelernt; aber er ist mit seinem Zustand vor Gott, als dem Gegenwärtigen, beschäftigt, und das ist heilsam. Da ist noch nicht der Friede, welchen Gott gibt; aber das Herz ist aufrichtig gemacht.

Gott hatte in Gnaden ein Priestertum aufgerichtet, um dem Bedürfnis seines Volkes zu begegnen. Die Israeliten aber waren der Meinung, sie könnten, weil sie sein Volk seien, auf einer anderen, als auf der von Gott errichteten Grundlage, ihren Platz vor Ihm nehmen. Sie beachteten es nicht, wie sehr sie ihre überkommenen Vorrechte missbraucht hatten: – sie murrten gegen Gott – sie machten das goldene Kalb – sie sagten, es wäre besser, nach Ägypten zurückzukehren – sie verachteten die Verheißung, – ja, es gab eine lange Reihe von Übertretungen und Empörungen, und zuletzt erhob sich die so genannte „Rotte Korahs.“ In diesem traurigen Zustand befanden sie sich, und dennoch maßten sie sich an, in die Gegenwart Gottes treten zu dürfen. „Und sie versammelten sich wider Mose und Aaron, und sprachen zu ihnen: Ihr macht es zu viel. Denn die ganze Gemeinde ist überall heilig, und der Herr ist unter ihnen; warum erhebt ihr euch über die Gemeinde des Herrn?“ (Kap 16,3) Hier war Erhebung in der Gegenwart Gottes. Das ist es, was sich so leicht in unseren Herzen versteckt, geliebte Brüder; wir sind so leicht geneigt, die Vorrechte der Kinder Gottes mit dem Fleisch aufzunehmen. Es mag sich nicht in einer so großen Ausdehnung, wie hier, offenbaren; aber zeigt sich nicht oft diese Art von Gefühl, fähig zu sein, in die Gegenwart Gottes zu kommen, weil es unser Vorrecht ist, dies zu tun! Gewiss aber ist dies unser Vorrecht, ja das Vorrecht aller Heiligen; allein es ist eine traurige Sache, wenn dies Vorrecht, Ihm zu nahen, zur Folge hat, dass wir mit Überhebung und Gleichgültigkeit in seine Gegenwart kommen, ohne das geringste Gefühl zu haben, was diese Nähe ist.

Einen anderen Beweis der Überhebung in der Gegenwart Gottes finden wir in dem Verhalten des Kains (1. Mo 4). Als Gott zu Kain sagte: „Wo ist dein Bruder Abel?“ – da erwiderte er: „Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Er antwortete Gott ganz leichtfertig. Aber in diesem Augenblick zeigte sich Gott ihm als Gott und sagte: „Was hast du getan? Die Stimme von deines Bruders Blut schreit zu mir von der Erde.“ Jetzt trat Verzweiflung ein; und dies ist immer der Fall. Wenn irgendwie eine Überhebung des Herzens vor Gott da ist, und Gott sich als Gott offenbart, so entsteht Verzagtheit und Verzweiflung, und die Sprache des Herzens ist: „Siehe, wir kommen um; wir verderben, alle verderben wir!“ Wir haben hier einen großen Grundsatz. Selbst in dem Herzen des Christen, wenn kein verwirklichter Grund des Vertrauens vorhanden ist, wird dasselbe stattfinden; das Herz wird in Verzweiflung dahinsinken.

Ein Christ hat immer Ursache, vollkommen glücklich zu sein vor Gott; er ist vollkommen gerettet. Und ich bin völlig überzeugt, Geliebte, dass dies der wahre Zustand des Christen ist. Sein Haupt–Charakterzug ist das Vertrauen – nicht das Vertrauen im Fleisch, oder das fleischliche Vertrauen, sondern – das Vertrauen und die Freude in Gott. Ich sage nicht, dass der Christ nicht in einem Zustand gefunden werden kann, wo dies Vertrauen mangelt, und wo er in Betreff seiner selbst in Ungewissheit ist; allein das ist nicht der wahre Zustand eines Christen. Der Heilige Geist gibt immer Gewissheit. Wo aber Ungewissheit ist, da ist es in Folge des Wirkens unseres eigenen Herzens, obgleich es auch oft in Verbindung mit dem sein kann, – oder in einem gewissen Sinne darauf gegründet, – was wirklich das Werk des Geistes ist. Ich mag glauben, dass Gott heilig ist, und, indem ich in mir Sünde sehe, anfangen, meine eigene Würdigkeit zu prüfen, ob ich zu Gott kommen kann, oder nicht, ob ich irgendetwas vor Ihn zu bringen habe. In dieser Stellung fehlt es nicht an dem Verlangen, zu Gott zu gehen; aber ich bin ungewiss, ob Er mich annehmen wird. Das ist nicht Glauben; und doch ist es oft der beständige Seelenzustand, worin viele Christen gefunden werden; allein der wahre Zustand eines Christen ist es nicht. Es ist ein Betrachten der Dinge, welche ich durch den Glauben kenne; welche durch den Glauben gefunden werden; aber es ist nicht der Glaube selbst. Ich finde in dem Wort Gottes, dass das Blut des Herrn Jesus Christus uns reinigt von aller Sünde – dass Er durch das Blut des Kreuzes Frieden gemacht hat – dass Er meiner Sünden und Ungerechtigkeiten nicht mehr gedenken will; – und wenn der Glaube in Übung ist, so bin ich glücklich – ich habe Frieden! Der Glaube ist die einfache und völlige Annahme dessen, was Gott gesagt hat.

Der Unglaube ist nicht ein christlicher Zustand; er ist leider das, worin ein Christ fallen kann; aber er ist nicht sein eigentlicher Zustand. Deshalb gebe ich auch nicht zu, dass Ungewissheit die wahre Stellung einer gläubigen Seele ist, obgleich ich andererseits einräume, dass man durch einen solchen Zustand hindurch gehen kann und dass es in der Tat gewöhnlich geschieht. – Die christliche Gewissheit aber ist immer Gewissheit in und nicht außer der Gegenwart Gottes. Da, wo Gewissheit im Glauben an das ist, was Gott gesagt hat, ist immer Gewissheit in der Gegenwart Gottes. Der Glaube ruht dort. Und alles, was mir Freiheit gibt, in der Welt zu wirken, was mich tröstet und stärkt, ist auf das gegründet, was ich in der Gegenwart Gottes bin. Das Blut ist dort auf dein Gnadenstuhl vor dem Angesicht Gottes, und deshalb kann ich, da ich dieses weiß, mit voller Gewissheit sagen, dass ich von allem gerechtfertigt bin, und dass Gott mir unmöglich noch eine Sünde zurechnen kann. Ich sehe das Blut vor seinen Augen und nicht meine Sünden.

Es gibt aber einen ganz anderen Zustand der Seele, eine Art von Vertrauen außer der Gegenwart Gottes, wo die Seele zwar auf dem Grund des christlichen Verhältnisses und der christlichen Vorrechte denkt und urteilt, was aber dennoch nichts anderes ist, als eine fleischliche Zuversicht. So war es bei den Israeliten, nachdem sie Gott als sein Eigentum anerkannt hatte. Sie betrachteten das Verfahren Gottes in den besonderen Anordnungen unter seinem Volk als allgemeine Grundsätze, als etwas, das ein jeder für sich selbst in Anspruch nehmen konnte, und gingen in fleischlicher Anmaßung voran. Und siehe! dies brachte sie zum Murren und zur Empörung. Sie traten mit einer Zuversicht auf, als ob der Herr mit ihnen sei. Und der Herr gab Befehl in Betreff Korahs, Dathans und Abirams, und stritt wider sie im Gericht wegen ihrer Ungöttlichkeit. Dann lesen wir: „Des anderen Morgens aber murrte die ganze Gemeinde der Kinder Israel wider Mose und Aaron, und sprachen: Ihr habt des Herrn Volk getötet“ (Kap 16,41).

Welches Heilmittel wendet nun jetzt der Herr an? Er richtet ein Priestertum auf; und dies ist von jetzt an der alleinige Grund, auf welchem Er mit ihnen vorangehen kann. Er sagte gleichsam: „Ich muss einen klaren und völligen Beweis von meiner Macht geben, um das Murren der Kinder Israel vor mir zum Schweigen zu bringen;“ (Kap 17,10) „und wenn ich diesen Beweis von meiner Macht gebe, so muss es in Gnade sein. Wenn ich auf einem anderen Grund als Gnade mit ihnen handeln wollte, so würde es nur zu ihrem Verderben sein.“ – Und dies würde immer der Fall sein, wenn der Herr einzig und allein in der Kraft seiner mächtig wirkenden Gegenwart zu uns käme; es würde eine große Verwirrung in der Seele entstehen. Wir sehen dieses oft bei Christen auf dem Sterbebett, wo, wenigstens für einen Augenblick, diese Wirkung hervorgebracht wird. Es ist aber nur ein Schatten der Macht von dem, wo Christus hindurch ging, unter welche Gott die Seele stellt, um sie in seine Gegenwart zu bringen – ja nur ein Schatten davon.

Es ist die Wahrheit, dass viele Gläubige in dem Weg, worin sie im täglichen Leben beschäftigt sind, die Gegenwart Gottes wenig verwirklichen. Ich meine nicht, dass sie keinen Frieden haben, sondern das sie nie völlig verstehen, was das Fleisch vor Gott ist. In den Unterhaltungen mit Christen, oder in dein Umgang mit solchen, die noch nicht lange den Herrn kennen, hat man Gelegenheit genug, dieses wahrzunehmen. Sie verstehen sehr wenig, was es ist, sich völlig in der Gegenwart Gottes zu befinden. Sie mögen unter einer tiefen Überzeugung von der Sünde erweckt worden sein und den Frieden der Seele gefunden haben; sie mögen eine lange Zeit gut, und in gewissen Dingen tätig voran gegangen sein, ohne jedoch die Gegenwart Gottes zu verwirklichen; ja dies alles kann sein, und dennoch würden sie mit Schrecken erfüllt werden, wenn seine Gegenwart zu ihnen käme. – Es ist wahr, dass die völlige Gewissheit in Betreff der Errettung der eigentliche und richtige Zustand eines Christen ist. Ich wiederhole es hier, um zu zeigen, dass ich bei den soeben ausgesprochenen Erfahrungen nicht im entferntesten daran denke, dies zu leugnen; allein ich bin überzeugt, wenn Gott vielen unter denen, die über ihre Errettung völlig gewiss sind – vielleicht möchten auch wohl manche unter den Lesern sein – begegnete, und zwar in seiner herrlichen Macht, als Gott, es würde Furcht und Schrecken in ihrer Seele hervorbringen. Dies sollte aber nicht also sein; und es ist ganz sicher, dass, wenn es der Fall ist, sie nicht wirklich in seiner Gegenwart leben, und nicht den Platz eingenommen haben, welchen einzunehmen unser Vorrecht ist. Es ist eine beständige Neigung in unseren Herzen, sich mit gewissen Dingen zu begnügen, die auf das, was wirklich unsere Beziehung zu Gott ist, gegründet sind, und darin voran zu gehen, ohne seine Gegenwart zu verwirklichen. Wenn dies nun aber wirklich der Fall ist, und zugleich Vertrauen damit zusammen geht, so ist ein verhärteter Zustand vorhanden. Ich wiederhole es, dass das Vertrauen immer das Teil des Gläubigen sein sollte; aber nur das Vertrauen des Glaubens. Dies wird uns von Gott nicht entzogen; doch können wir es verlieren. Wenn wir im Vertrauen vorangehen, ohne in der Gegenwart Gottes zu wandeln, oder ein reines Gewissen zu haben, so geschieht es, dass wir das wahre Fundament untergraben. Wir mögen selbst in Freude vorangehen; wenn aber diese Freude nicht eine Freude in der Gegenwart Gottes ist, so wird es immer ein trauriger Zustand sein.

Dies ist es, was ich „fleischliches Vertrauen“ nenne. Ich verstehe darunter nicht das Vertrauen eines unbekehrten Menschen, obgleich dies gewiss ein fleischliches ist, sondern das Vertrauen einer Seele, deren Frieden und Hoffnung wirklich gegründet ist, die aber nicht den Wandel in der Gegenwart Gottes beobachtet. Der Frieden mit Gott und eine gegründete Hoffnung – diese beiden Kennzeichen des eigentlichen Zustandes eines Christen – sind wirklich vorhanden, und dennoch ist es gewiss, dass ein fleischlicher Charakter in dem Herzen ist, wenn er ohne Gott vorangeht d. h. wenn er mit seinem Wandel nicht in der Gegenwart Gottes bleibt. Die Folge wird sein, dass er, wenn der Herr ihm begegnet, selbst wenn es in Gnade ist, durch seine Gegenwart mit Schrecken erfüllt wird. So war es mit dem Volk Israel, wie wir in dem oben angeführten Kapitel sehen. Gott erschien diesem Volk, und zwar in Gnade, denn die Rute Aarons blühte, aber sie fielen in Verzweiflung nieder und sagten: „Siehe, wir kommen um; wir verderben, alle verderben wir!“

Ich sage nicht, dass es bis zu diesem Punkt in unseren Herzen kommen wird; aber ein ähnliches Verhalten wird jedoch Entmutigung, Mangel an Vertrauen und sogar Misstrauen gegen Gott zur Folge haben. Vorausgesetzt, ein wahrer Christ wäre in Gleichgültigkeit und in diesem fleischlichen Vertrauen vorangegangen und es erwachte endlich das Gefühl der Gegenwart Gottes in seiner Seele, so würde selbst die Erinnerung an die Vertretung und Fürbitte Christi keine Ermunterung und Stärkung für ihn sein, sondern vielmehr würde Entmutigung und Furcht seine Seele niederdrücken.

Geliebte Brüder, unsere Stellung bei dem Herrn ist, mit Freuden zu wandeln; aber es ist die Freude im Herrn. Könnt ihr sagen, dass ihr mit Gott wandelt? Enoch wandelte mit Gott; kann dies auch von einem jeden unter euch gesagt werden? Ich sage nicht, dass ihr das offenbare Böse tut; aber wenn ihr mit Gott wandeltet, würde dann seine Gegenwart Furcht und Misstrauen bei euch erwecken? Wenn dies der Fall ist, so ist unser Vertrauen, wenn es vorhanden ist, gewiss fleischlich.

Lasst uns doch, geliebte Brüder, in einer solchen Stellung nicht ruhen; denn dies ist es nicht, wozu wir berufen sind! Es ist alles Gnade, und zwar Gnade, die unseren Bedürfnissen völlig entspricht; aber nur bei Ihm und in seiner Gegenwart können wir sie finden und uns ihrer erfreuen. Mose sang: „Durch deine Barmherzigkeit hast du das Volk geleitet, das du erlöst hast; und durch deine Stärke hast du sie geführt zu deiner heiligen Wohnung“ (2. Mo 15,13). Und dies ist es, was Er uns gegeben hat. Er hat uns heim gebracht zu sich selbst. Und dann hat Er seinen Geist in unsere Herzen gegeben, damit dort unsere Heimat sein kann. Ihr wisst, was es heißt, „daheim“ zu sein; kein Ort ist gleich diesem. Wir sind „daheim,“ wenn der Geist Gottes in unseren Herzen wirkt. Er gibt die Freude, als ein uns gehöriges Teil in der Gegenwart Gottes! – Wenn wir in die Welt gehen mussten, um zu arbeiten, um uns zu üben, um in tausend verschiedenen Dingen beschäftigt zu sein, und wir kehrten in die Stille und die Freude unseres Hauses zurück, – wie groß war der Wechsel! – Wir allein, geliebte Brüder, gehen aus und kommen wieder. Dort sind wir „daheim.“ Wie tröstlich und wie sicher ist dieser Gedanke! Es ist aber schrecklich, anstatt dessen zu sagen: „Siehe, wir kommen um, wir verderben, alle verderben wir! Wer sich zu der Wohnung des Herrn naht, der stirbt;“ ja es ist höchst traurig, wenn die Gegenwart Gottes, anstatt die glückliche Heimat unserer Herzen zu sein, mit Furcht und Schrecken uns erfüllt. Und dennoch zweifele ich nicht, dass es leicht sein würde, viele Christen, ja wahre Christen zu finden, welche, anstatt sich außer der Gegenwart Gottes fern zu fühlen, sich vielmehr leicht und wohlfühlen. Aber es ist, ich wiederhole es, eine höchst traurige, ja schreckliche Sache, nicht allein deshalb, weil es unrecht ist, sondern noch vielmehr deshalb, weil Gott Gnade ist. – Wir sind berufen, bei Gott unsere Heimat, unser Vaterhaus zu haben! Als der Herr Jesus wieder zum Himmel zurückkehren wollte, sagte Er zu Maria: „Gehe hin zu meinen Brüdern, und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott!“ Wir sollten im Geist ebenso viel dort zu Haus sein, als auch Er. War es nicht mit Freude und mit Vertrauen, dass Jesus sagte, Er gehe in die Gegenwart Gottes? Er kam aus der Gegenwart Gottes, um inmitten dieser verdorbenen Welt in Liebe zu handeln, und Er kehrte dorthin zurück, als Er das Werk, welches zu tun, Ihm gegeben war, vollendet hatte. Und war es nicht im gewissen Sinne mit dem Gefühl: Ich gehe nach Haus? Er sagte aber auch: „zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Welch ein gesegneter Gedanke! Dies ist die Wohnstätte der Versammlung. Wir sind berufen „zu Haus“ zu sein bei unserem Gott und unserem Vater zu wohnen inmitten der Segnungen seines Hauses. Es bleibt sich gleich, was die Welt sein mag, – unsere Heimat, unser Vaterhaus ist dort; glückliche Heimat! gesegnetes Vaterhaus! – Dort sollen wir jetzt wirklich wohnen im Geist, und als Christ dort glücklich sein.

Wenn uns dies nun in Christus gegeben ist – und Gott gibt nichts Geringeres – verwirklichen unsere Seelen es auch? Es mag uns vielleicht ein geringes Maß genügen; Gott aber genügt es nicht; Er will uns völlig in seiner Gegenwart haben, und wenn Er uns aufnimmt, so ist es um Christi willen. Unser Recht, dort zu sein, ist nur auf das gegründet, was Christus getan hat. Wir mögen durch mancherlei Erfahrungen gehen; aber Gott ruht allein in dem Werk Christi und nicht in unseren Erfahrungen. Es ist gewiss, dass Er in dieser Beziehung mit unseren Erfahrungen ganz und gar nichts zu tun hat. Wenn Er uns aufnimmt, so ist es nur um Christi willen, und deshalb nimmt Er uns auch so auf, als Ihn selbst. Ja, weil Christus der Beweggrund und das Maß unserer Aufnahme ist, so kann nur die Gegenwart Gottes selbst der Ort unserer Ruhe und unserer Freude sein.

Lasst uns jetzt sehen, wie Gott seinem Volk antwortet. Nach all dem Murren des Volkes, nach all der Empörung und dem Widerspruch der Rotte Korah ist dies Priestertum in Gnade die Art und Weise, in welcher Jehova das Murren wegnimmt. „Ich muss sie – sagt Er – durch die Rute Aarons, und nicht durch die Rute Moses nach Kanaan führen. Dies Volk ist nicht nur in der Knechtschaft Ägyptens gefunden worden, sondern auch in Empörung und Sünde in der Wüste; deshalb ist das Priestertum der einzige Grund, auf welchem ich mit ihnen verkehren kann.“ – Es bleibt keine andere Hoffnung übrig, um das Volk in das himmlische Kanaan zu bringen, als dass sie unter das Priestertum Jesu Christi gestellt werden; und deshalb ist auch gesagt, dass „Christus der Sohn über sein eigenes Haus ist.“

Es ist „sein Haus“; das ist die erste Sache. Wie handelt Er in und mit demselben? Wenn ich ein Haus finde, was nicht mein ist, und wenn sich dasselbe in einem schlechten und schmutzigen Zustand befindet, so mag ich große Geduld damit haben; aber gewiss nicht so, als wenn es mein Haus ist. Christus ist beschäftigt in dem Haus, welches sein ist; und es ist, so zu sagen, sein eigenes Interesse, es rein zu haben. Wir sind unter das Priestertum Christi gestellt; Gott hat dasselbe angeordnet, und zwar zu dem Zweck, um sich in dem „Haus“ mit der Sünde zu beschäftigen. „Wenn jemand gesündigt hat,“ – was denn? Er wird angeklagt und verdammt. Nichts davon; – „wenn jemand gesündigt hat“ und zwar ein Christ, – was würde das Urteil des Herzens sein, wenn fleischliches Vertrauen vorhanden wäre? Es würde voll Unruhe und Misstrauen ausrufen: Wir kommen um, wir verderben! aber was ist die Wahrheit? – „so haben wir einen Sachwalter bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten.“ Die Sünde setzt Christus in Tätigkeit. Er ist aber weit davon entfernt, durch diese seine Tätigkeit Erlaubnis zur Sünde, von der wir völlig gereinigt sind, zu geben, oder Gleichgültigkeit gegen sie zu erwecken. Er verfährt gegen die Sünde nach demselben Grundsatz, nach welchem ich verfahren würde, wenn in meinem Haus sich Unreinigkeit vorfände; ich würde mein Haus nicht abbrechen, sondern es von dem Schmutz reinigen. Christus ist beim Wegschaffen der Sünde in Liebe beschäftigt. Es ist das Priestertum Christi, welches uns zu der himmlischen Stadt leitet.

Was ich jetzt zunächst bemerke, ist, dass wir Priester im Haus Gottes sind, und dass wir deshalb die Ungerechtigkeit des Hauses zu tragen haben. „Und der Herr sprach zu Aaron: du und deine Söhne, und deines Vaters Haus mit dir, ihr sollt die Missetat des Heiligtums tragen; und du und deine Söhne mit dir, ihr sollt die Missetat eures Priestertums tragen.“ Dies ist in allem wahr für die Kirche oder Versammlung. Wir sind Gottes Heiligtum – das „Haus Gottes“ (1. Tim 3,15). Dasselbe sind auch die einzelnen Heiligen, „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist, welchen ihr von Gott habt, und dass ihr nicht eurer selbst seid?“ (1. Kor 6,19) – Es wurde keine Ungerechtigkeit im Lager erlaubt, und noch viel weniger im Heiligtum. Wir sind in das Heiligtum Gottes gebracht, um dort zu weilen, und im Priestertum Gottes zu dienen; und dies ist mit Verantwortlichkeit verbunden. Wir haben über die Sünde zu richten; doch nicht so, als wären wir unter dem Gesetz. – Dies ist es also, wohin uns Gott gebracht hat; dies ist die Stellung, in welcher wir vor Gott stehen; und dies ist es, was wir zu tragen haben. Es handelt sich hier nicht um die Vollkommenheit und die Reife in Christus; wir mögen erst gestern bekehrt, oder schon Väter in Christus sein, und deshalb ein reiferes Verständnis hiervon haben; darauf kommt es hier gar nicht an. Vorausgesetzt, dass ein junger und ein alter Priester im Heiligtum waren, so hatte der erstere ebenso viel die Ungerechtigkeit des Heiligtums und des Priestertums zu tragen, als der letztere; ja ebenso viel als Aaron selbst.

Geliebte Brüder! Gott hat uns nach dem Reichtum seiner Gnade zu seinem Heiligtum gemacht; unsere Leiber sind Tempel des Heiligen Geistes. Wir sind Priester in seinem Haus, und deshalb muss die Ungerechtigkeit desselben gerichtet werden. Wenn das Gefühl hierüber nicht Freude in unseren Herzen hervorbringt, so können wir nicht auf dem richtigen Grund sein. Wenn wir nicht wissen, was es ist, im Heiligtum zu sein, so wissen wir auch nicht, was es ist, ein Christ zu sein. Und wenn wir nicht wissen, was es ist, ein Priester zu sein, so haben wir noch nie unsere wahre Stellung vor Gott erkannt.

Es ist auch noch dieses zu bemerken. Vorausgesetzt, dass wir durch die Gnade das Bewusstsein haben, Priester zu sein, so wird die notwendige Folge hiervon nicht das Gefühl sein: „Siehe, wir kommen um; wir verderben!“ – sondern heiliges Vertrauen, – Vertrauen vor Gott. – Gott sagt: „Ich will mit jenen, welche in mein Haus kommen, nicht handeln wie ein Richter, obgleich sie unter dem Gesetz waren.“ Wenn Gott das Volk in seinem Haus hat, so will Er sie dort als Priester haben. Wenn wir sagen: „Siehe, wir kommen um; wir verderben“ und dgl., so sind wir unter das Gesetz zurückgekehrt, so horchen wir auf das Urteil unseres eigenen Herzens, und das ist nicht Glaube. In dem Augenblick, wo wir also urteilen, ist der Glaube nicht in Übung, und wir befinden uns unter dem Gesetz. Dieses: „Siehe, wir kommen um, wir verderben; Alle verderben wir. Wer sich zu der Wohnung des Herrn naht, der wird sterben,“ ist nichts als Gesetz. Was ist des Herrn Wort, oder vielmehr sein Schweigen hierüber? Es wird wohl niemand zu behaupten wagen, dass es eine Prüfung für ihn sei, wenn er nicht völlig ein Priester ist. Ein solcher würde nicht wissen, was Gerechtigkeit ist, wenn er in die Gegenwart Gottes kommt, noch wissen, was Gnade ist; er würde weder in das Haus hineingehen, noch umkommen; er wäre weder für das Eine, noch für das Andere in dem geeigneten Zustand. – Wenn wir Gott misstrauen, so werden wir nimmer auf dem wahren Grund in die Gegenwart Gottes eingehen. Es gibt für uns dann anders keine Antwort, als dass wir uns völlig in einem schlechten und unwahren Zustand befinden. Gott kann uns herausbringen; aber Er kann uns nicht darin anerkennen.

Erinnern wir uns, dass es fleischliches Vertrauen war, welches, wie wir gesehen haben, ähnliche Gefühle, wie diese hervorbrachte; und es ist möglich, dass hier dieselbe Sache in den Herzen wirksam gewesen ist. Fleischliches Vertrauen aber nimmt uns unter dem Bewusstsein der Gnade hinweg, und setzt uns für eine Zeit unter die Macht des Gesetzes. Nichts Anderes kann uns da entgegen kommen und nichts Anderes uns vor dem Fall bewahren, als die Fürbitte Christi.

Durch die wunderbare Gnade Gottes sind wir in das Heiligtum gebracht, und sind Priester Gottes; und dies ist die Stellung, in welcher wir über Gutes und Böses urteilen. Wir urteilen aber darüber gemäß der Stellung, in welcher ein Mensch ist. Ich erwarte nicht von meinem Knecht, dass er ein Sohn sei, noch von meinem Sohn, dass er ein Knecht sei, und es ist sicher, dass wir dann, wenn wir das Gute und Böse nur nach dem natürlichen Gewissen beurteilen, nicht auf dem Grund eines Christen voran gehen. Die Frage, die wir uns hier vorzulegen haben, ist diese: Was geziemt sich für einen Menschen, der Gottes Tempel ist? Was geziemt sich für einen Menschen, der Gottes Priester ist?

Erschrecken wir, meine Brüder, über unsere Stellung unter dieser Verantwortlichkeit? Wenn wir nicht sagen können, dass wir gerne dort sind, dass wir ein solches Interesse an der Herrlichkeit Gottes haben, dass wir diese Stellung wünschen; oder wenn wir uns lieber mit unserer Schwachheit entschuldigen, so beweisen wir, dass wir kein Vertrauen zu der Gnade haben, und dass wir in einem gewissen Grad fähig sind zu sagen: „Siehe, wir kommen um; wir verderben usw.“ Es ist dann dieselbe Sache im Grundsatz, wenn auch nicht im Umfang. Woher kommt es aber, dass wir uns fürchten? Allein daher, dass wir nicht stark sind in dem vollen und einfachen Vertrauen auf die Gnade – auf die gegenwärtige Gnade, wie gesagt ist: „Gerechtfertigt also aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus, durch welchen wir mittelst des Glaubens auch Zugang haben zu dieser Gnade, in welcher wir stehen usw.“ Obgleich Christus gestorben ist und unsere Sünden weggenommen hat, so haben wir doch kein volles Vertrauen auf die Gnade Gottes; wir fürchten, dass es nicht alles Gnade sei; und dies gerade ist es, was ich unter der „gegenwärtigen Gnade“ verstehe. Gott liebt uns mit vollkommener Liebe; deshalb kann Er nicht anders als in Gnade mit uns handeln. Er liebt uns in diesem Augenblick gerade so völlig, als da, wo Er Christus dahin gab, um für unsere Sünden zu sterben. Er ist Liebe und nichts anders gegen uns; und Er ist nicht doppelherzig. Das, worin wir stehen, ist Gnade. Wenn meine Seele sich dessen bewusst ist, dann werde ich sagen: O lass mich diese Heiligkeit haben! Lass diese Heiligkeit des Heiligtums meine Freude sein! Wenn es alles Gnade und nichts als Gnade ist, dann werde ich nicht sagen können: „Wir kommen um; wir verderben usw.;“ denn wie können wir da umkommen, wo alles Gnade ist?

Was wir bedürfen, ist das volle, gesegnete und klare Verständnis, dass wir in der Gnade stehen. Dann werden unsere Herzen Freude und Mut haben. Das, was mich fähig macht, richtig zu handeln, ist nicht das, was ich fleischliches Vertrauen genannt habe – das Vorangehen in der allgemeinen Freude über gewisse Wahrheiten – sondern die Gewissheit und die Freude der Gegenwart Gottes. – Kennen wir denn, geliebte Brüder, die Gegenwart Gottes, als die praktische Heimat unserer Herzen? O welch eine Freude finden wir darin! Ist irgendetwas, wenn wir im Namen unseres Herrn Jesus Christus zu Ihm kommen, sicher, so ist es die gewisse, gesegnete und sichere Heimat unserer Herzen. – Gepriesen sei für immer sein herrlicher Name! Er hat gesagt: „Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinauswerfen.“ – (Words of truth)

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht