Betrachtung über Apostelgeschichte (Synopsis)

Kapitel 27 + 28

Betrachtung über Apostelgeschichte (Synopsis)

Jetzt zeigt Paulus, da er durch die Gnade hergestellt und sein Mut wieder belebt ist, auf seiner Reise, dass er Herr der Lage ist. Er ist es, der, nach der Mitteilung, die er von Gott empfängt, Rat erteilt; er ist es, der ermutigt, der in allen Wegen, inmitten der ihn umgebenden Szene, auf Seiten Gottes handelt. Die Beschreibung, voll von Leben und Wirklichkeit, die Lukas, sein Reisegefährte, von dieser Reise gibt, bedarf keiner Erklärung. Sie ist als ein lebendes Bild der ganzen Szene bewundernswürdig. Was uns bezüglich der Reise nach Rom interessiert, ist das Verhalten des Paulus inmitten des falschen Vertrauens oder der Niedergeschlagenheit der ganzen Reisegesellschaft.

Zu Melite sehen wir den Apostel wiederum seine gewöhnliche Macht unter dem barbarischen Volk dieser Insel ausüben. Man nimmt wahr, dass Gott mit ihm ist. Jedoch wird uns in dem Bericht seines Aufenthaltes dort oder seiner Reise dorthin nichts von der Verkündigung des Evangeliums gemeldet. Gelandet in Italien, sehen wir ihn niedergeschlagen. Die Liebe der Brüder ermuntert und belebt ihn; und er geht weiter nach Rom, wo er zwei Jahre in einem eigenen gemieteten Hause wohnt, indem er einen Soldaten als Wächter bei sich hat. Wahrscheinlich hatte man denen, die ihn nach Rom führten, zu verstehen gegeben, dass es nur eine Sache jüdischer Eifersucht sei; denn während der ganzen Reise behandelten sie ihn mit aller möglichen Achtung.

Bald nach seiner Ankunft in Rom beruft Paulus die Vornehmsten der Juden zusammen, und hier wird zum letzten Mal ihr Zustand vor uns gestellt sowie das Gericht, das stets seit dem Ausspruch der Weissagung über ihrem Haupt geschwebt hatte – eine Weissagung, die besonders mit dem Haus Davids und mit Juda verbunden war. Dieses Gericht, das durch Jesaja angekündigt war und das nach dem Zeugnis des Herrn Jesus auf das Volk kommen sollte, weil es Ihn verwarf – dieses Gericht, dessen Ausführung nach der Langmut Gottes aufgeschoben, bis auch das Zeugnis des Heiligen Geistes verworfen worden war – dieses Gericht wird hier am Ende der Geschichte des Neuen Testaments von Paulus in Erinnerung gebracht. Das Zeugnis Pauli ist die feierliche Erklärung des wirklichen Zustandes der Juden durch den Diener der unumschränkten Gnade – eines Zustandes, der fortdauern sollte, bis Gott mit seiner Macht einschritte, um ihnen Buße zu geben, sie zu erlösen und sich an ihnen durch Gnade zu verherrlichen.

Wir haben diesen Charakterzug der Apostelgeschichte schon bemerkt, der hier auf eine klare und treffende Weise hervortritt, nämlich die Beseitigung der Juden; das heißt: sie beseitigen sich selbst, indem sie das Zeugnis Gottes und das Werk Gottes verwerfen. Sie nehmen ihren Platz außerhalb dessen, was Gott aufrichtete, ein. Sie wollen Ihm nicht folgen in dem Fortschritt der Wege seiner Gnade. Und also werden sie gänzlich zurückgelassen, ohne Gott und ohne gegenwärtige Gemeinschaft mit Ihm. Sein Wort und seine Güte währen ewiglich; aber andere nehmen den Platz wirklicher und gegenwärtiger Gemeinschaft mit Ihm ein. Einzelne Juden treten in eine andere Sphäre und auf einen anderen Grund ein, allein Israel als Volk verschwindet und wird für eine Zeit vor dem Angesicht Gottes hinweggetan.

Dies wird in dem Buch der Apostelgeschichte dargestellt. Die Langmut Gottes wird den Juden gegenüber in der Predigt des Evangeliums und der apostolischen Mission im Anfang ausgeübt. Ihre Feindschaft entfaltet sich allmählich und erreicht ihre Höhe bei Stephanus. Paulus wird erweckt als ein Zeuge der Gnade gegen sie, wenigstens in der Berufung eines auserwählten Überrestes; denn er war selbst aus Israel. Jedoch führt er, in Verbindung mit einem himmlischen Christus, etwas ganz Neues als Lehre ein – die Versammlung, den Leib Christi im Himmel, die das Aufhören alles Unterschiedes zwischen Jude und Heide klar ans Licht stellt, sei es, dass sie als Sünder oder als solche betrachtet werden, die ihren Platz in der Einheit dieses Leibes haben. Um die Einheit und den Zusammenhang der Verheißungen zu bewahren, verbindet sich die Entwicklung dieser Lehre mit dem, was zu Jerusalem aufgerichtet war; aber in sich selbst, als Lehre, war die Versammlung ein Geheimnis, das von den Zeitaltern her in Gott verborgen war, obwohl es sich vor Grundlegung der Welt in seinen Ratschlüssen der Gnade befand. Die Feindschaft der Juden gegen diese Wahrheit legte sich nie. Sie benutzten jedes Mittel, um die Nationen wider jene, die diese Lehre brachten, aufzureizen und die Bildung der Versammlung selbst zu verhindern. Nachdem Gott bis zum Ende mit vollkommener Geduld und Gnade gehandelt hat, setzt Er die Versammlung an die Stelle der Juden, als sein Haus und das Gefäß seiner Verheißungen auf der Erde, indem Er sie durch den Geist zu seiner Wohnung macht. Die Juden werden als Volk beiseite gesetzt, obgleich ihr Geist – ach! – sich bald der Versammlung selbst bemächtigte. Die Versammlung ist offenbart, und die klare und unzweideutige Lehre, dass es zwischen Jude und Heide keinen Unterschied gibt (da sie von Natur beide Kinder des Zornes waren) und dass sie, als Glieder eines einzigen Leibes, gemeinschaftliche und gleiche Vorrechte haben, ist vollkommen dargestellt und bildet die Grundlage jeder Beziehung zwischen Gott und einer jeglichen Seele, die Glauben besitzt. Dies ist die Lehre des Apostels in den Episteln an die Römer und Epheser. Zugleich ist die Gabe des ewigen Lebens, als verheißen vor Grundlegung der Welt, offenbar geworden durch die Wiedergeburt 1 – den Anfang eines neuen Daseins, das einen göttlichen Charakter hat und einer göttlichen Gerechtigkeit teilhaftig ist. Beides, das göttliche Leben und die göttliche Gerechtigkeit, ist vereinigt in unserer Auferstehung mit Christus, wodurch wir vor das Angesicht Gottes gestellt sind wie Christus selbst, der zugleich unser Leben und unsere Gerechtigkeit ist. Dieses Leben offenbart sich durch Gleichförmigkeit mit dem Leben Christi auf der Erde, der uns ein Beispiel gelassen hat, damit wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollen. Es ist das göttliche Leben, offenbart in dem Menschen – in Christus als dem Gegenstand und in uns als Zeugnis. Das Kreuz Christi ist die Grundlage und der fundamentale Mittelpunkt all dieser Wahrheiten – der Beziehungen zwischen Gott und dem Menschen, wie er war: seine Verantwortlichkeit, die Gnade, die Versöhnung, das Ende des Lebens des Menschen in Bezug auf die Sünde, auf das Gesetz und die Welt, die Abschaffung der Sünde und ihrer Folgen in uns durch den Tod Christi. Dies alles ist auf dem Kreuz dargestellt oder erfüllt und gibt durch die Kraft des Lebens, das in Christus war, der auf dem Kreuz Gott vollkommen verherrlicht hat, diesem neuen Dasein Raum – einem Dasein, in dem dieser Jesus als Mensch in die Gegenwart des Vaters ging, durch Dessen Herrlichkeit sowohl als auch durch seine eigene göttliche Macht und die Kraft des Heiligen Geistes Er aus den Toten auferweckt wurde.

Dies verhindert nicht, dass Gott seine Wege in seiner Regierung mit den Juden auf Erden wieder aufnimmt, wenn die Kirche vollendet und droben offenbart sein wird; und Er wird es auch tun nach seinen Verheißungen und den Erklärungen der Propheten. Der Apostel setzt diesen Gegenstand ebenfalls in der Epistel an die Römer auseinander; aber das gehört zur Betrachtung jener Epistel. Die Offenbarung (sowie auch die prophetischen Stellen der Episteln, die auf die Ankunft Christi Bezug haben) zeigt uns die Wege Gottes betreffs der Nationen in demselben Zeitraum, ferner seine Regierung über die Welt im allgemeinen von Anfang bis zum Ende, verbunden mit den nötigen Warnungen für die Versammlung, wenn die Tage der Verführung anbrechen und sich moralisch entfalten in dem Ruin der Versammlung, die als Zeuge Gottes in der Welt betrachtet wird.

Nach Rom gebracht, bezeugt unser Apostel (auf die Offenbarung des Unglaubens unter den Juden hin, worauf wir besonders aufmerksam gemacht haben), dass das Heil Gottes den Nationen gesandt worden sei; und er wohnt zwei Jahre hindurch in dem von ihm gemieteten Haus, empfängt alle, die zu ihm kommen – denn er hatte nicht die Freiheit, zu ihnen zu gehen – und predigt das Reich Gottes und die Dinge, die den Herrn Jesum betreffen, mit aller Freimütigkeit, weil niemand ihn hindert. Hier endet die Geschichte dieses teuren Knechtes Gottes, geliebt und geehrt von seinem Herrn, und ein Gefangener in jenem Rom, das, als Haupt des vierten Reiches unter den Nationen, wie Jerusalem dies unter den Juden war, der Sitz des Widerstandes gegen das Reich und die Herrlichkeit Christi sein sollte. Die Zeit für die völlige Offenbarung jenes Widerstandes war noch nicht gekommen; aber der Diener der Versammlung und des Evangeliums der Herrlichkeit ist dort ein Gefangener. Auf diese Weise beginnt Rom seine Geschichte in Verbindung mit dem von dem Apostel gepredigten Evangelium. Gott aber war mit seinem Knecht.

Fußnoten

  • 1 Dieses Wort wird in der Schrift nicht auf unser Wiedergeborensein angewandt, wohl aber auf die Veränderung der Stellung, die mit unserem Gestorbensein und unserer Auferstehung verbunden ist. Es wird zweimal gefunden: einmal in Matthäus 19, wo es das kommende Reich Christi ist, und in Titus, wo es die Waschung der Taufe als ein Vorbild der Befreiung aus dem Zustand des alten Adams in den christlichen bedeutet, aber unterschieden ist von der Erneuerung des Heiligen Geistes.
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