Das Buch des Propheten Jeremia

Kapitel 3

„Kehrt um, ihr abtrünningen Kinder“

Der HERR hebt die Untreue Israels und die Treulosigkeit Judas deutlich hervor. Er wiederholt mehrfach den Aufruf an sie, zu ihm umzukehren. Er kündigt die zukünftige Wiederherstellung der beiden Völker in ihrer Gesamtheit (Juda und Israel) an und bringt durch den Mund des Propheten die Buße derjenigen zum Ausdruck, die einmal zu ihm umkehren werden.

Die Appelle des HERRN

„Er spricht: Wenn ein Mann seine Frau entlässt und sie von ihm weggeht und die Frau eines anderen Mannes wird, darf er wieder zu ihr zurückkehren? Würde jenes Land nicht entweiht werden? Du aber hast mit vielen Liebhabern gehurt, und doch solltest du zu mir zurückkehren!, spricht der HERR. Erhebe deine Augen zu den kahlen Höhen und sieh! Wo bist du nicht geschändet worden? An den Wegen saßest du für sie wie ein Araber in der Wüste; und du hast das Land entweiht durch deine Hurerei und durch deine Bosheit. Und die Regenschauer wurden zurückgehalten, und es ist kein Spätregen gewesen; aber du hattest die Stirn eines Hurenweibes, weigertest dich, dich zu schämen. Nicht wahr, von jetzt an rufst du mir zu: „Mein Vater, der Freund meiner Jugend bist du! Wird er in Ewigkeit nachtragen, wird er für immer Zorn bewahren?“ Siehe, so redest du und begehst böse Taten und setzt sie durch.“ (Jer 3,1–5)

„Doch solltest du zu mir zurückkehren, spricht der HERR… kehre zurück… kehrt um… kehrt um“ (V. 1.12.14.22). Was ist rührender als diese wiederholten Appelle des HERRN an sein Volk? Was ist das Hindernis, das den Rückweg versperrt? „Du weigertest dich, dich zu schämen“ (V. 3). Israel und Juda werden beide jeweils mit einer untreuen Frau verglichen. Sie sind in den unmoralischsten Götzendienst gefallen. Juda ist noch schuldiger als Israel, weil sie das Gericht gesehen hat, das der HERR ihrer Schwester Israel zugefügt hat. Diese war durch den König von Assyrien in Gefangenschaft geführt worden. Weder das Empfinden ihres Verfalls noch die bereits ausgeübten Gerichte noch das Beispiel Israels genügen, um ihren Hochmut zu brechen. Dennoch ermutigt der HERR Juda zu ihm umzukehren, indem er ihr seine Gnade beweist: „Ich will nicht finster auf euch blicken. Denn ich bin gütig“ (V. 12). Es ist die Güte Gottes, die den Sünder zur Buße leitet, weil Gott kein Gefallen am Tod des Gottlosen hat, „sondern dass der Gottlose von seinem Weg umkehre und lebe!“ (Hes 33,11; vgl. Röm 2,4).

Schein oder Realität

„Und der HERR sprach zu mir in den Tagen des Königs Josia: Hast du gesehen, was die abtrünnige Israel getan hat? Sie ging auf jeden hohen Berg und unter jeden grünen Baum und hurte dort. Und ich sprach: Nachdem sie dies alles getan hat, wird sie zu mir zurückkehren. Aber sie kehrte nicht zurück. Und ihre treulose Schwester Juda sah es; und ich sah, dass trotz all dem, dass ich die abtrünnige Israel, weil sie die Ehe gebrochen, entlassen und ihr einen Scheidebrief gegeben hatte, doch die treulose Juda, ihre Schwester, sich nicht fürchtete, sondern hinging und selbst auch hurte. Und es geschah, wegen des Lärms ihrer Hurerei entweihte sie das Land; und sie trieb Ehebruch mit Stein und mit Holz. Und selbst bei all dem ist ihre treulose Schwester Juda nicht zu mir zurückgekehrt mit ihrem ganzen Herzen, sondern nur mit Falschheit, spricht der HERR.“ (Jer 3,6–10)

Selbst als unter der Leitung des Königs Josia eine Rückkehr erfolg, muss der HERR sagen: „Ihre treulose Schwester Juda ist nicht zu mir zurückgekehrt mit ihrem ganzen Herzen, sondern nur mit Falschheit“ (V. 10). Dieses Erwachen mochte einen schönen Anschein gehabt haben, aber „der HERR sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht; denn der Mensch sieht auf das Äußere, aber der HERR sieht auf das Herz“ (1. Sam 16,7). Hochmut und Treulosigkeit sind die beiden Merkmale, die den „Starrsinn ihres bösen Herzens“ charakterisieren – das Herz eines jeden Menschen – und die Jeremia wiederholt anprangern muss (6,15; 7,12; 17,9).

Die Buße

„Und der HERR sprach zu mir: Die abtrünnige Israel hat sich gerechter erwiesen als die treulose Juda. Geh und rufe diese Worte aus nach Norden und sprich: Kehre zurück, du abtrünnige Israel, spricht der HERR; ich will nicht finster auf euch blicken. Denn ich bin gütig, spricht der HERR, ich werde nicht in Ewigkeit nachtragen. Nur erkenne deine Schuld, dass du von dem HERRN, deinem Gott, abgefallen und zu den Fremden hin und her gelaufen bist unter jeden grünen Baum; aber auf meine Stimme habt ihr nicht gehört, spricht der HERR. Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder, spricht der HERR, denn ich habe mich mit euch vermählt; und ich werde euch nehmen, einen aus einer Stadt und zwei aus einer Familie, und euch nach Zion bringen. Und ich werde euch Hirten geben nach meinem Herzen, und sie werden euch weiden mit Erkenntnis und Einsicht.“ (Jer 3,11–15)

Um zu Gott umkehren und aufgenommen werden zu können, gibt es eine Bedingung: „Nur erkenne deine Schuld“ (V. 13). Das ist Buße. Es geht nicht nur darum, das zu erkennen, was man getan hat, sondern auch darum, anzuerkennen, dass Gott dieses richtet: „Erkenne und sieh, dass es schlimm und bitter ist“ (2,19). Man kehrt nicht mit erhobenem Haupt zu Gott um, als ob man, nachdem man ihn verkannt hat, einen Neuanfang machen und gleichzeitig die Vergangenheit vergessen könne. Es ist notwendig, dass ich umkehre, indem ich in Demütigung erkenne, dass ich getan habe, was böse in seinen Augen ist. Das Bekenntnis muss deutlich sein, wir müssen unsere Sünden ganz eingesehen haben. Es genügt nicht, zu sagen, dass wir einen Fehler begangen haben. Gott drückt hier klar aus:

  • Du bist von dem HERRN abgefallen,
  • Du bist zu den Fremden hin und her gelaufen,
  • Ihr habt nicht auf meine Stimme gehört (V. 13).

Die Buße ist eine Übung des Herzens, die zuerst individuell ist, bevor sie kollektiv wird. Die Aufrufe zur Rückkehr richten sich an alle, aber weniger zahlreich sind diejenigen, die darauf antworten. Gott kennt sie und hat seine Augen auf jeden von ihnen gerichtet, um sie zurückzubringen, „einen aus einer Stadt und zwei aus einer Familie“ (V. 14).

Christus war noch nicht gekommen, um das Werk am Kreuz zu vollbringen. Der HERR offenbart weder durch Jeremia noch durch einen der anderen Propheten, warum er vergeben kann. Aber er kündigt seinen Willen, Gnade walten zu lassen, deutlich an, um jeden Sünder zu ermutigen sich zu ihm zu wenden.

Die zukünftige Wiederherstellung

„Und es wird geschehen, wenn ihr euch im Land mehrt und fruchtbar seid in jenen Tagen, spricht der HERR, so wird man nicht mehr sagen: „Die Lade des Bundes des HERRN“; und sie wird nicht mehr in den Sinn kommen, und man wird sich nicht mehr an sie erinnern und sie nicht suchen, und sie wird nicht wieder gemacht werden. In jener Zeit wird man Jerusalem den Thron des HERRN nennen, und alle Nationen werden sich zu ihr versammeln wegen des Namens des HERRN in Jerusalem; und sie werden nicht mehr dem Starrsinn ihres bösen Herzens nachwandeln. In jenen Tagen wird das Haus Juda mit dem Haus Israel ziehen, und sie werden miteinander aus dem Land des Nordens in das Land kommen, das ich euren Vätern zum Erbteil gegeben habe. Und ich sprach: Wie will ich dich stellen unter den Söhnen und dir ein kostbares Land geben, ein Erbteil, das die herrlichste Zierde der Nationen ist! Und ich sprach: Ihr werdet mir zurufen: „Mein Vater!“, und ihr werdet euch nicht von mir abwenden. Ja, wie eine Frau ihren Freund treulos verlässt, so habt ihr treulos gegen mich gehandelt, Haus Israel, spricht der HERR.“ (Jer 3,16–20)

Der Appell von Vers 12 ist an Israel gerichtet, das sich schon in Gefangenschaft befand, aber er richtet auch den Blick zu dem Moment, wo der HERR einige Überlebende zurückbringen wird.

Die Bundeslade, die hier in Vers 16 zum letzten Mal im AT erwähnt wird, ist verschwunden, ohne Zweifel bei der Zerstörung des Tempels von Jerusalem durch Nebukadnezar, den König von Babel. Der Tag wird kommen, an dem ganz Israel – Juda und die zehn Stämme zusammen – sich aufs Neue in ihrem Land mehren und fruchtbar sein werden und an dem „man Jerusalem den Thron des HERRN nennen“ wird (V. 17). Aber die Lade wird nicht mehr im Mittelpunkt des Königtums sein wie in den Tagen Salomos, in denen die Wolke der Herrlichkeit das Haus Gottes erfüllte (2. Chr 5,14). Gott stellt nie das, was durch den Ungehorsam der Menschen verloren gegangen ist, in seinen Ausgangszustand wieder her; er erfüllt seine Verheißungen, indem er etwas Besseres gründet, das vollständig auf Christus ruht. „Habe ich doch meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg!“ (Ps 2,6). Es ist Christus, der ein „Königtum, das nie zerstört werden wird“ empfangen wird (Dan 7,14).

Der Rückweg

„Eine Stimme wird gehört auf den kahlen Höhen, ein Weinen, ein Flehen der Kinder Israel; weil sie ihren Weg verkehrt und den HERRN, ihren Gott, vergessen haben. Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder; ich will eure Abtrünnigkeiten heilen. „Hier sind wir, wir kommen zu dir; denn du bist der HERR, unser Gott. Ja, trügerisch ist von den Hügeln, von den Bergen her das Lärmen; ja, in dem HERRN, unserem Gott, ist die Rettung Israels! Denn die Schande hat den Erwerb unserer Väter verzehrt von unserer Jugend an, ihr Kleinvieh und ihre Rinder, ihre Söhne und ihre Töchter. In unserer Schande müssen wir daliegen, und unsere Schmach bedeckt uns! Denn wir haben gegen den HERRN, unseren Gott, gesündigt, wir und unsere Väter, von unserer Jugend an bis auf diesen Tag, und wir haben nicht auf die Stimme des HERRN, unseres Gottes, gehört.“ (Jer 3,21–25)

Der letzte Abschnitt des Kapitels lässt uns eine Haltung voraussehen, die ganz verschieden von der hochmütigen Empörung zu Anfang des Kapitels ist: Weinen, Flehen, Bekenntnis. Ist das nicht ein prophetischer Vorgriff – durch die Stimme des Propheten – auf die Übung des Herzens in Israel an diesem zukünftigen Tag, wo es aus seiner Entfernung von Gott umkehren wird? Der Geist Gottes liefert den Ausdruck der Empfindungen, die denen geziemen, die zum Herrn zurückkehren. Er will sie im Herzen derer hervorrufen, die in allen Zeiten empfänglich sind für sein Wort der Gnade und der Wahrheit.

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