Das Buch des Propheten Jeremia

Kapitel 15

Jerusalem, wer wird dich bemitleiden?

Alle Fürbitte ist unnütz geworden

„Und der HERR sprach zu mir: Wenn auch Mose und Samuel vor mir ständen, so würde meine Seele sich nicht zu diesem Volk wenden. Treibe sie von meinem Angesicht weg, dass sie fortgehen. Und es soll geschehen, wenn sie zu dir sagen: „Wohin sollen wir fortgehen?“, so sage ihnen: So spricht der HERR: Wer zum Tod bestimmt ist, gehe zum Tod; und wer zum Schwert, zum Schwert; und wer zum Hunger, zum Hunger; und wer zur Gefangenschaft, zur Gefangenschaft. Denn ich bestelle über sie vier Arten von Unglück, spricht der HERR: das Schwert zum Morden und die Hunde zum Zerren und die Vögel des Himmels und die Tiere der Erde zum Fressen und zum Vertilgen. Und ich will sie allen Königreichen der Erde zur Misshandlung hingeben, wegen Manasses, des Sohnes Jehiskias, des Königs von Juda, dessentwegen, was er in Jerusalem getan hat.“ (Jer 15,1–4)

Jeremia muss nicht lange auf eine Antwort warten, auch wenn sie sehr schmerzhaft ausfällt. Selbst wenn Mose und Samuel, diese beiden beharrlichen Fürsprecher, jetzt zugunsten Israels einträten, würde das beschlossene Gericht unwiderruflich bleiben. Und der HERR ergänzt im Blick auf das Volk: „Treibe sie von meinem Angesicht weg, dass sie fortgehen… zum Tod… zum Schwert… zum Hunger… zur Gefangenschaft“ (V. 1.2). Es gibt kein einziges Mittel dem zu entrinnen, was der HERR beschlossen hat. Die Kinder Israel werden von hier nach dort gejagt werden, wegen der großen Sünde des Königs Manasse. Vielleicht wird man sagen, dass er sich doch bekehrt hat und schließlich ein Gegenstand der Gnade Gottes geworden ist (2. Chr 33,12.13)? Das ist wahr, aber die Mehrheit derjenigen, die er verleitet hatte (2. Kön 21,9), ist nicht umgekehrt. Man sieht welche Verwüstungen durch ein Leben der Sünde in der eigenen Umgebung angerichtet werden können (Pred 9,18).

Jerusalem, wer wird dich bemitleiden?

„Denn wer wird sich über dich erbarmen, Jerusalem, und wer dir Beileid bezeigen, und wer wird einkehren, um nach deinem Wohlergehen zu fragen? Du hast mich verstoßen, spricht der HERR, du gingst rückwärts; und so werde ich meine Hand gegen dich ausstrecken und dich verderben; ich bin des Bereuens müde. Und ich werde sie mit der Worfschaufel zu den Toren des Landes hinausworfeln; ich werde mein Volk der Kinder berauben, es zugrunde richten. Sie sind von ihren Wegen nicht umgekehrt. Ihre Witwen werden mir zahlreicher sein als der Sand der Meere; ich bringe ihnen über die Mütter der Jünglinge einen Verwüster am hellen Mittag, lasse plötzlich Angst und Schrecken auf sie fallen. Die sieben gebar, verschmachtet, sie haucht ihre Seele aus; ihre Sonne ist untergegangen, als es noch Tag war; sie ist beschämt und zuschanden geworden. Und ihren Überrest werde ich dem Schwert hingeben vor ihren Feinden, spricht der HERR.“ (Jer 15,5–9)

Jerusalem hat seinen Gott verstoßen und ist „rückwärts gegangen“ (V. 6), trotz all seiner Warnungen. Schon zur Zeit Ahas‘, hatte Jesaja sagen müssen: „Ist es euch zu wenig, Menschen zu ermüden, dass ihr auch meinen Gott ermüdet?“ (Jes 7,13). Jetzt ist der HERR müde zu bereuen und auch das angekündigte Gericht aufzuschieben, weil „sie von ihren Wegen nicht umgekehrt sind“ (V. 6.7).

Der Kinder beraubt, wird das Volk die große Menge seiner vielen Witwen sehen. In welch einem schrecklichen Zustand befindet sich ein Volk, das dem Gericht ausgesetzt ist, während Gott jedes Mitleid zum Schweigen bringen muss.

Der niedergeschlagene Prophet

„„Wehe mir, meine Mutter, dass du mich geboren hast, einen Mann des Streites und einen Mann des Zankes für das ganze Land! Ich habe nicht ausgeliehen, und man hat mir nicht geliehen; alle fluchen mir.“ Der HERR spricht: Wenn ich dich nicht zum Guten stärken, wenn ich nicht machen werde, dass zur Zeit des Unglücks und zur Zeit der Bedrängnis der Feind dich anfleht! – Kann man Eisen, Eisen aus dem Norden, und Kupfer zerbrechen? Dein Vermögen und deine Schätze will ich zur Beute geben ohne Kaufpreis, und zwar wegen all deiner Sünden, und zwar in deinem ganzen Gebiet. Und ich werde es mit deinen Feinden in ein Land hinübergehen lassen, das du nicht kennst; denn ein Feuer ist entbrannt in meinem Zorn, über euch wird es brennen.“ (Jer 15,10–14)

Als Träger einer solchen Botschaft und verfolgt durch einen wachsenden Hass, ist Jeremia niedergeschlagen. „Wehe mir“, sagt er, „ meine Mutter, dass du mich geboren hast, einen Mann des Streites und einen Mann des Zankes für das ganze Land!“ (V. 10). Er liebt sein Volk und führt seine Aufgabe treu aus, aber wie der Herr später, wird auch er wegen seiner Liebe gehasst; jeder flucht ihm. Mehr als ein treuer Zeuge ist verfolgt worden (Jes 59,15; Gal 4,16).

Dennoch ist der HERR Jeremia nahe und stärkt ihn; in der Zeit der Not wird er seine Errettung „zum Guten“ (V. 11) sein. Er handelt genauso mit uns, wenn sich der Weg verdunkelt und die Hoffnungslosigkeit auf uns lauert. Gott gibt hier dem Propheten die Zusicherung, dass für die, die ihn fürchten, alles zum Guten beiträgt (Pred 8,12). Aber bevor der Überrest Israels, den Jeremia hier darstellt, Errettung erfährt, wird er während der großen Drangsal dieselben Leiden erdulden wie das ganze Volk.

Der Beistand des Wortes Gottes

„HERR, du weißt es ja; gedenke meiner und nimm dich meiner an und räche mich an meinen Verfolgern! Raffe mich nicht hin nach deiner Langmut; erkenne, dass ich um deinetwillen Schmach trage. Deine Worte waren vorhanden, und ich habe sie gegessen, und deine Worte waren mir zur Wonne und zur Freude meines Herzens; denn ich bin nach deinem Namen genannt, HERR, Gott der Heerscharen. Ich saß nicht im Kreis der Scherzenden und frohlockte; wegen deiner Hand saß ich allein, weil du mit deinem Grimm mich erfüllt hast. Warum ist mein Schmerz beständig und mein Schlag tödlich? Er will nicht heilen. Willst du mir wirklich wie ein trügerischer Bach sein, wie Wasser, die versiegen?“ (Jer 15,15–18)

Ein weiteres Gebet steigt im Herzen Jeremias auf: „Räche mich an meinen Verfolgern!“ (V. 15). Dieses Gebet ist charakteristisch für eine Zeit, wo die Befreiung der Treuen aus ihrer Drangsal verbunden ist mit der Vernichtung all ihrer Feinde. So wird auch das Gebet des jüdischen Überrestes in der Endzeit sein. Im Gegensatz dazu wird der Christ stets ermahnt für seine Feinde zu beten, nach dem Beispiel Christi. Die Hoffnung des Christen ist nicht die einer irdischen Befreiung, sondern er erwartet das Kommen des Herrn, der seine Kirche entrücken und zu sich in den Himmel nehmen wird.

Beauftragt das Gericht anzukündigen, ist sich Jeremia bewusst, der Gegenstand des Widerstands und der Verachtung der Menschen gegen Gott zu sein: „Erkenne, dass ich um deinetwillen Schmach trage“ (V. 15; Ps 69,7–9). Später sagt er: „Das Wort des HERRN ist mir zur Verhöhnung und zum Spott geworden den ganzen Tag“ (Jer 20,8). Aber er selbst kannte den Wert der Worte des HERRN und ernährte sich von ihnen (1. Tim 4,6). In seiner Jugend hatte Jeremia zweifellos das Gesetz ausschließlich durch mündliche Überlieferung kennengelernt, da das Buch verlorengegangen war. Er war schon fünf Jahre lang Prophet 4, als dieses Buch wiedergefunden wurde (2. Chr 34,14). Vielleicht deutet er dieses Ereignis hier an: „Deine Worte waren vorhanden, und ich habe sie gegessen, und deine Worte waren mir zur Wonne und zur Freude meines Herzens“ (V. 16). Trotzdem haben sie auch Mühe und Demütigung mit sich gebracht.

Haben wir einen derartigen Hunger nach dem Wort Gottes und finden wir solch ein Vergnügen daran, es zu lesen? Es brachte dem Propheten die Gewissheit, dass er nach dem Namen des HERRN genannt war (Jer 14,9). Es gab ihm die nötige Kraft, um sich von den Scherzenden zu trennen und für sich allein zu sitzen, voll heiliger Entrüstung. Sie lehnten es ab die Botschaft Gottes zu hören und wählten vielmehr den erlogenen Worten der falschen Propheten zu glauben. Wie Mose früher, ist Jeremia erschüttert. Aber wie dieser, drückt auch er mit Aufrichtigkeit seine Empfindungen aus. Könnte Gott wie eine trügerische Quelle sein, vergleichbar mit den Bächen im Orient, die versiegen oder sich im Sand verlieren, und so durstige Karawanen enttäuschen (V. 18; Hiob 6,1520)?

Eine notwendige Trennung

„Darum, so spricht der HERR: Wenn du umkehrst, so will ich dich zurückbringen, dass du vor mir stehst; und wenn du das Kostbare vom Verachteten absonderst, so sollst du wie mein Mund sein. Jene sollen zu dir umkehren, du aber sollst nicht zu ihnen umkehren. Und ich werde dich diesem Volk zu einer festen ehernen Mauer machen, und sie werden gegen dich kämpfen, aber dich nicht überwältigen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten und dich zu befreien, spricht der HERR. Und ich werde dich befreien aus der Hand der Bösen und dich erlösen aus der Faust der Gewalttätigen.“ (Jer 15,19–21)

Gott verändert sich nicht; er ist treu. Demjenigen, der von Herzen zu ihm umkehrt, verheißt er: „Ich will dich zurückbringen, dass du vor mir stehst; und wenn du das Kostbare vom Verachteten absonderst, so sollst du wie mein Mund sein“ (V. 19). Das ist ein Prinzip, dessen Kraft jeder von uns verspüren muss, um trotz Schmerz und Verachtung, die mit der Trennung einhergehen, Ausdauer zu zeigen. Ins Licht gestellt, musste man sich von der Lebensführung der Gottlosen trennen, um Gott zu gehorchen. Nun geht es darum, in dieser Trennung zu bleiben und nicht zu ihnen zurückzukehren. Aber diese Bestimmtheit fordert Sanftmut und Demut.

Um den Treuen zu stärken, erneuert der HERR seine Verheißungen (Jer 1,18). Gott ist immer bereit diejenigen zu empfangen, die von ihrem Weg der Entfremdung zurückkehren. Was den Treuen angeht, muss er feststehen angesichts aller Angriffe. Weder Eigenwille noch Gewalt werden den Sieg davontragen.

Fußnoten

  • 4 Das Buch des Gesetzes ist durch den Priester Hilkija im achtzehnten Jahr der Regierung Josias wiedergefunden worden, als die Ereignisse, die in 2. Chr 34,8 bis 35,19 berichtet werden, stattfanden. Jeremia hat seinen Dienst im dreizehnten Jahr dieser Regierung begonnen.
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