Das Buch des Propheten Jeremia

Kapitel 10

4. Israel soll sich nicht mit den Nationen vermischen

Lernt nicht den Weg der Nationen

„Hört das Wort, das der HERR zu euch redet, Haus Israel! So spricht der HERR: Lernt nicht den Weg der Nationen, und erschreckt nicht vor den Zeichen des Himmels, weil die Nationen vor ihnen erschrecken. Denn die Satzungen der Völker sind Nichtigkeit; denn Holz ist es, das einer aus dem Wald gehauen hat, ein Werk von Künstlerhänden, mit dem Beil gefertigt. Er schmückt es mit Silber und mit Gold; mit Nägeln und mit Hämmern befestigen sie es, dass es nicht wankt; sie sind wie eine gedrechselte Palme und reden nicht; sie werden getragen, denn sie gehen nicht. Fürchtet euch nicht vor ihnen; denn sie können nichts Böses tun, und Gutes zu tun steht auch nicht bei ihnen. Gar keiner ist dir gleich, HERR; du bist groß, und groß ist dein Name in Macht. Wer sollte dich nicht fürchten, König der Nationen? Denn dir gebührt es. Denn unter allen Weisen der Nationen und in allen ihren Königreichen ist gar keiner dir gleich, sondern sie sind allesamt dumm und töricht; die Unterweisung der Nichtigkeiten ist Holz. Dünngeschlagenes Silber wird aus Tarsis gebracht und Gold aus Uphas, ein Werk des Künstlers und der Hände des Goldschmieds; blauer und roter Purpur ist ihr Gewand, ein Werk von Kunstfertigen sind sie allesamt. Aber der HERR ist Gott in Wahrheit; er ist der lebendige Gott und ein ewiger König. Vor seinem Grimm erbebt die Erde, und seinen Zorn können die Nationen nicht ertragen.“ (Jer 10,1–10)

Mit dem Kapitel 10 endet der Abschnitt, der in Kapitel 7 damit begann, dass das Haus Israel ernstlich vor dem Aberglauben der heidnischen Nationen, die Gegenstände aus Holz und Stein sowie die Zeichen des Himmels fürchteten, gewarnt wurde. Allein der HERR, der Himmel und Erde gemacht hat, soll gefürchtet werden. „Der HERR ist Gott in Wahrheit, er ist der lebendige Gott und ein ewiger König“ (V. 10). Er ändert sich nicht, selbst wenn er sein Volk für eine bestimmte Zeit an die Nationen ausliefern muss, damit jene es mit Füßen treten. Er wird auch diese Nationen richten.

Der HERR bleibt derselbe

„So sollt ihr zu ihnen sprechen: Die Götter, die den Himmel und die Erde nicht gemacht haben, diese werden verschwinden von der Erde und unter dem Himmel hinweg. Er hat die Erde gemacht durch seine Kraft, den Erdkreis festgestellt durch seine Weisheit und die Himmel ausgespannt durch seine Einsicht. Wenn er beim Schall des Donners Wasserrauschen am Himmel bewirkt und Dünste aufsteigen lässt vom Ende der Erde, Blitze beim Regen macht und den Wind herausführt aus seinen Vorratskammern – dumm wird jeder Mensch, ohne Erkenntnis; beschämt wird jeder Goldschmied über das geschnitzte Bild, denn sein gegossenes Bild ist Lüge, und kein Geist ist in ihnen. Nichtigkeit sind sie, ein Werk des Gespötts: Zur Zeit ihrer Heimsuchung gehen sie zugrunde. Jakobs Teil ist nicht wie diese; denn er ist es, der das All gebildet hat, und Israel ist der Stamm seines Erbteils; HERR der Heerscharen ist sein Name.“ (Jer 10,11–16)

Israel soll sich nicht dahin verirren, die heidnischen Nationen nachzuahmen. Es könnte versucht werden, es ihnen gleichzutun, da sie überlegen zu sein scheinen. Diese Ermahnung ist umso wichtiger, da Israel mit den Nationen vermischt werden wird, die es in die Gefangenschaft führen werden. Und in seinem eigenen Land wird es unter der Anmaßung der Nachbarvölker leiden, die Israel gegenüber früher tributpflichtig gewesen sind, jetzt aber von dessen Erniedrigung profitieren, indem sie über sie triumphierten und dafür ihre Götter verehren.

Es ist der HERR, der die Welt durch seine Weisheit gegründet hat, der über alles verfügt. Sein Volk und die Nationen mögen erschüttert werden wie durch den Aufruhr großer Wasser, aber er wird seine Gedanken und Verheißungen ausführen. Die Nationen werden bestraft und Israel zur gelegenen Zeit als ihre Rute offenbar werden, als das Werkzeug der Strafe und der Herrschaft über alle Nationen.

Eine angemessene Züchtigung

„Raffe dein Gepäck zusammen aus dem Land, du Bewohnerin der Festung! Denn so spricht der HERR: Siehe, ich werde diesmal die Bewohner des Landes wegschleudern und sie ängstigen, damit sie sie finden. Wehe mir wegen meiner Wunde! Schmerzhaft ist mein Schlag. Doch ich spreche: Ja, das ist mein Leiden, und ich will es tragen. Mein Zelt ist zerstört, und alle meine Seile sind zerrissen; meine Kinder sind von mir weggezogen und sind nicht mehr. Da ist niemand mehr, der mein Zelt ausspannt und meine Zeltbehänge aufrichtet. Denn die Hirten sind dumm geworden und haben den HERRN nicht gesucht; darum haben sie nicht verständig gehandelt, und ihre ganze Herde hat sich zerstreut. Horch, ein Gerücht: Siehe, es kommt, und ein großes Getöse vom Land des Nordens, um die Städte Judas zur Einöde zu machen, zur Wohnung der Schakale. Ich weiß, HERR, dass nicht beim Menschen sein Weg steht, nicht bei dem Mann, der da wandelt, seinen Gang zu richten. Züchtige mich, HERR, doch nach Gebühr; nicht in deinem Zorn, dass du mich nicht aufreibst. Ergieße deinen Grimm über die Nationen, die dich nicht kennen, und über die Geschlechter, die deinen Namen nicht anrufen! Denn sie haben Jakob aufgezehrt, ja, sie haben ihn aufgezehrt und ihn vernichtet und seine Wohnung verwüstet.“ (Jer 10,17–25)

Wenn Gott auch an seinem endgültigen Plan für Israel festhält, ist die damalige Zeit von Verwüstung und Verfall geprägt, was den Propheten sehr leiden lässt. Er empfindet die Züchtigung, als ob sie ihn direkt selbst betreffen würde: „Schmerzhaft ist mein Schlag…das ist mein Leiden“ (V. 19). Aber sein Vertrauen, das sich auf die Treue Gottes stützt, lässt ihn sagen: „Ich will es tragen“ (V. 19). Er erkennt an, dass Gott in allen seinen Wegen gerecht ist und wendet sich an ihn in dem Bewusstsein, dass er nicht gerne betrübt, sondern nur um zu korrigieren, damit er am Ende Gutes tun kann. Das wahre Empfinden für die Schwachheit des Menschen, seine völlige Unfähigkeit, bringt ihn dahin, seine Barmherzigkeit anzurufen: „Ich weiß, HERR, dass nicht beim Menschen sein Weg steht, nicht bei dem Mann, der da wandelt, seinen Gang zu richten“ (V. 23; vgl. Spr 16,9). Der Zorn ist nicht sein Ziel, sondern ein Mittel, das wegen der Auflehnung des Menschen notwendig ist. Viele Seiten der Schrift erinnern uns daran: „Denn ein Augenblick wird verbracht in seinem Zorn, ein Leben in seiner Gunst“ (Ps 30,5). „Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt, damit wir nicht mit der Welt verurteilt werden“ (1. Kor 11,32). Wer sich dem unterwirft und den Tadel annimmt in dem Bewusstsein, dass die Hand, die ihn schlägt, es mit Liebe tut, kann sagen: „Züchtige mich, HERR, doch nach Gebühr, nicht in deinem Zorn“ (V. 24). Es ist ein bewegender Ausdruck von der Art und Weise, in der der Geist Gottes den Geist des Gläubigen in der Prüfung leitet und erhält.

Das Kapitel endet mit einem Aufruf des Propheten, dass Gott seinen Zorn über die Nationen ergießen möge, die Jakob verschlungen haben, denn die Vernichtung seiner Feinde muss der Befreiung Israels vorausgehen. 2

Fußnoten

  • 2 Die Verwendung des Namens Jakob anstelle von Israel deutet darauf hin, dass das Volk Israel hier als dasjenige gesehen wird, was es von Natur aus ist, nicht als das auserwählte Volk Gottes.
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