Das Buch des Propheten Jeremia

Kapitel 20

Der HERR hat die Seele des Armen errettet

Der verfolgte Prophet

„Und als Paschchur, der Sohn Immers, der Priester (er war Oberaufseher im Haus des HERRN), Jeremia diese Worte weissagen hörte, da schlug Paschchur den Propheten Jeremia und legte ihn in den Stock im oberen Tor Benjamin, das im Haus des HERRN ist. Und es geschah am nächsten Tag, als Paschchur Jeremia aus dem Stock herausbringen ließ, da sprach Jeremia zu ihm: Nicht Paschchur nennt der HERR deinen Namen, sondern Magor-Missabib. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich mache dich zum Schrecken, dir selbst und allen deinen Freunden; und sie sollen durch das Schwert ihrer Feinde fallen, während deine Augen es sehen; und ich werde ganz Juda in die Hand des Königs von Babel geben, damit er sie nach Babel wegführt und sie mit dem Schwert erschlägt. Und ich werde den ganzen Reichtum dieser Stadt hingeben und all ihren Erwerb und alle ihre Kostbarkeiten; und alle Schätze der Könige von Juda werde ich in die Hand ihrer Feinde geben; und sie werden sie plündern und wegnehmen und nach Babel bringen. Und du, Paschchur, und alle Bewohner deines Hauses, ihr werdet in die Gefangenschaft gehen; und du wirst nach Babel kommen und dort sterben und dort begraben werden, du und alle deine Freunde, denen du falsch geweissagt hast.“ (Jer 20,1–6)

Paschchur, Priester und Oberaufseher im Haus des HERRN, hatte die Botschaft Jeremias gehört, die er im Vorhof an das ganze Volk gerichtet hatte. Auf die Gleichgültigkeit und die Drohungen folgen jetzt Misshandlungen. Paschchur schlägt Jeremia mit Ruten, was die genaue Bedeutung des Wortes „schlagen“ in Vers 2 ist. Es ist das erste Mal, dass er „der Prophet Jeremia“ genannt wird, was die Schwere dieser Misshandlung deutlich macht. Dann wird er in den Stock im oberen Tor der Stadt, dem Tor Benjamin, gelegt, um so den Blicken, der Verachtung und dem beißenden Spott der Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein. Der Stock war ein Folterinstrument, welches dem Gepeinigten einen heftigen Schmerz zufügte. Das Genick gefesselt, wurde er an Händen und die Füßen in eine sehr schmerzhafte, gebeugte Haltung gezwungen (Hiob 13,24). Der Prophet bleibt die ganze Nacht in dieser Lage, vielleicht sogar noch einen Teil des Tages. Diese Szene erinnert uns an das Kreuz, wo der Herr durch seine Liebe gefesselt, alle Bosheit seiner gefallenen Schöpfung erduldet hat (Mt 27,3944).

Jeremia wird am Morgen durch Paschchur selbst befreit. Der Prophet verkündigt ihm sogleich, dass sein Name geändert wurde. Von nun an wird man ihn Magor-Missabib nennen, „Schrecken ringsum“. So hat es Gott beschlossen. Sein ganzes Leben wird dieser Mann Angst haben (5. Mo 28,66) bis zu dem Tag, an dem Juda aus der Hand des Königs von Babel errettet werden wird. Weggeführt, wird er in Gefangenschaft sterben. Paschchur bleibt stumm. Ist er schon dadurch mit Schrecken geschlagen, als er den Urteilsspruch hört? Er hat denen, die ihn liebten, Lüge geweissagt. Auch sie werden in Gefangenschaft geführt werden und dort sterben.

Der befreite Prophet

„HERR, du hast mich beredet, und ich habe mich bereden lassen; du hast mich ergriffen und überwältigt. Ich bin zum Gelächter geworden den ganzen Tag, jeder spottet über mich. Denn sooft ich rede, muss ich schreien, Gewalttat und Zerstörung rufen; denn das Wort des HERRN ist mir zur Verhöhnung und zum Spott geworden den ganzen Tag. Und spreche ich: „Ich will ihn nicht mehr erwähnen und nicht in seinem Namen reden“, so ist es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen; und ich werde müde, es auszuhalten, und vermag es nicht. Denn ich habe die Verleumdung vieler gehört, Schrecken ringsum: „Zeigt an, so wollen wir ihn anzeigen!“ Alle meine Freunde lauern auf meinen Fall: „Vielleicht lässt er sich bereden, so dass wir ihn überwältigen und uns an ihm rächen können. Aber der HERR ist mit mir wie ein gewaltiger Held, darum werden meine Verfolger straucheln und nichts vermögen; sie werden sehr beschämt werden, weil sie nicht verständig gehandelt haben: eine ewige Schande, die nicht vergessen werden wird. Und du, HERR der Heerscharen, der du den Gerechten prüfst, Nieren und Herz siehst, lass mich deine Rache an ihnen sehen; denn dir habe ich meine Rechtssache anvertraut. Singt dem HERRN, preist den HERRN! Denn er hat die Seele des Armen errettet aus der Hand der Übeltäter.“ (Jer 20,7–13)

Bis zum Ende des Kapitels hören wir abwechselnd Klagen und Ausdrücke des Lobes und der Befreiung, dann wieder Worte der Verängstigung, sogar der Mutlosigkeit. Satan hat versucht die Umstände dazu auszunutzen, den Propheten niederzudrücken. Dieser ist nicht unempfindlich. Sein Herz war durch die Verachtung, den Hohn und den Spott zerbrochen worden. Unter dieser Last kommen die verborgenen Gedanken zum Vorschein.

Er ruft aus: „HERR, du hast mich beredet, und ich habe mich bereden lassen; du hast mich ergriffen und überwältigt. Ich bin zum Gelächter geworden den ganzen Tag, jeder spottet über mich“ (V. 7). Diese Verfolgung, diese ständige Verhöhnung, all das verwundete ihn tief. Für diesen treuen Boten stand es nicht zur Debatte Schmeicheleien zu weissagen (Jes 30,10) und Worte zu wählen, die geeignet waren diesem hartnäckigen Volk in seiner Sünde zu gefallen. Sicherlich hätte man ihn dann geschätzt und geehrt, aber das Wort, das der HERR ihm anvertraute, war ein ganz anderes. Er hatte immer Gewalttat und Zerstörung ausrufen müssen.

Der Prophet war sehr empfindsam und litt beständig darunter Verachtung und Spott zu begegnen. Er sagt, dass er den HERRN nicht mehr erwähnen und nicht mehr in seinem Namen sprechen wolle. Aber es war ihm nicht möglich eine solche Haltung einzunehmen. Das Wort war wie ein brennendes Feuer in seinem Herzen. Müde es zu zurückzuhalten, war er nicht imstande zu schweigen. Der Apostel Paulus wird auch sagen: „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündige!“ (1. Kor 9,16). Diejenigen, denen Gott eine Botschaft anvertraut, sind gedrängt sie weiterzugeben.

Die Vertrauten Jeremias lauerten auf seinen Fall. Sie warteten darauf, dass er sich zu irgendeiner Tat hinreißen lassen würde, die es erlaubte, ihn zu verurteilen. Auch David hat diese Hinterhältigkeit erfahren (Ps 35,15). So sehen wir, wie wichtig es für jeden Diener ist, einen unanstößigen Wandel zu führen (Phil 2,15). Die Pharisäer versuchten so vergebens den Herrn bei einer Verfehlung zu ertappen, um ihn anklagen zu können (Mt 22.15).

Plötzlich bricht ein Schrei der Hoffnung aus dieser Verzweiflung heraus. Jeremia erinnert sich sicherlich an die Worte des HERRN: „Ich bin mit dir, um dich zu erretten“ (Jer 1,8.19), und er ruft aus: „Aber der HERR ist mit mir wie ein gewaltiger Held“ (V. 11). Er ist gewiss, dass seine Verfolger nicht den Sieg über ihn davontragen werden. Gott nimmt seinen Fall in die Hand. Wie für Paulus und Silas, die im Gefängnis gebunden waren (Apg 16,25), werden seine Worte zu einem Loblied: „Singt dem HERRN, preist den HERRN! Denn er hat die Seele des Armen errettet aus der Hand der Übeltäter“ (V. 13). Sein triumphierender Glaube sagt nicht: Er wird erretten, sondern: „Er hat errettet“. Das wird auch die Erfahrung des treuen Überrestes in der Zeit ihrer Drangsal sein. Inmitten der Ängste und der Leiden werden sie sich zu ihrem Gott wenden. Dieser wird zu ihrer Befreiung erscheinen, aber erst dann werden sie singen und die Halleluja erschallen lassen können, sowohl auf der Erde als auch im Himmel.

Der Prophet ist bestürzt

„Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren wurde; der Tag, da meine Mutter mich gebar, sei nicht gesegnet! Verflucht sei der Mann, der meinem Vater die frohe Botschaft brachte und sprach: „Ein männliches Kind ist dir geboren“, und der ihn hoch erfreute! Und jener Mann werde den Städten gleich, die der HERR umgekehrt hat, ohne es sich gereuen zu lassen; und er höre ein Geschrei am Morgen und Kriegsgeschrei zur Mittagszeit: Weil er mich nicht tötete im Mutterleib, so dass meine Mutter mir zu meinem Grab geworden und ihr Leib ewig schwanger geblieben wäre! Warum bin ich doch aus dem Mutterleib hervorgekommen, um Mühsal und Kummer zu sehen und dass meine Tage in Schande vergingen?“ (Jer 20,14–18)

Auf den Flügeln des Glaubens ist der Prophet von der Entmutigung zur Hoffnung getragen worden, aber nun wird er erneut von Traurigkeit überwältigt. Er war zum Himmel aufgestiegen und sinkt wieder in die Tiefen hinab (Ps 107,26). Sein Schmerz ist vor ihm (Ps 38,18), er ist nicht mehr mit seinem Gott beschäftigt, sondern mit sich selbst. So wird alles finster, seine Seele ist niedergedrückt und unruhig in ihm (Ps 42,6). Am Ende verflucht er, wie Hiob, den Tag seiner Geburt: „Warum bin ich doch aus dem Mutterleib hervorgekommen, um Mühsal und Kummer zu sehen?“ (V. 18). Solche Erfahrungen kommen selbst unter den Kindern Gottes häufig vor.

Die Lage Jeremias ist ein Vorbild auf die Situation, als Christus der Bosheit des Volkes ausgesetzt war. Wie er, verkündet auch Jeremia einsam die Wahrheit und ist deshalb der Gegenstand des Spotts und der Schande (Ps 69,20). Das Wort ist für ihn ein brennendes Feuer, das er nicht zurückhalten kann, und er ist gebunden durch die Liebe, die er zu dem HERRN und seinem Volk im Herzen trägt. Aber fern davon, dem vollkommenen Beispiel zu ähneln, drückt er Bitterkeit aus und zeigt sich unbeständig in dem Vertrauen und der Gemeinschaft mit Gott. Trotzdem steht der HERR ihm bis zum Ende der Erprobung bei.

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht