Das Buch des Propheten Jeremia

Kapitel 22

Das Gericht der Könige von Juda

Die Verantwortlichkeit der Könige von Juda war besonders groß und hatte Konsequenzen für Juda und Jerusalem. Auch die Warnung am Ende des vorhergehenden Kapitels (Jer 21,11.12) wird hier im Blick auf den Wandel der Könige, die auf Josia folgten, näher ausgeführt. Auf Zedekia, den letzten dieser Könige, musste diese Warnung eine nachhaltige Wirkung haben.

Recht und Gerechtigkeit ausüben

„So sprach der HERR: Geh hinab in das Haus des Königs von Juda und rede dort dieses Wort und sprich: Höre das Wort des HERRN, König von Juda, der du auf dem Thron Davids sitzt, du und deine Knechte und dein Volk, die ihr durch diese Tore einzieht. So spricht der HERR: Übt Recht und Gerechtigkeit, und befreit den Beraubten aus der Hand des Bedrückers. Und den Fremden, die Waise und die Witwe bedrückt und vergewaltigt nicht; und vergießt nicht unschuldiges Blut an diesem Ort. Denn wenn ihr dieses Wort wirklich tun werdet, so werden durch die Tore dieses Hauses Könige einziehen, die auf dem Thron Davids sitzen, auf Wagen fahren und auf Pferden reiten, er und seine Knechte und sein Volk. Wenn ihr aber nicht auf diese Worte hört, so habe ich bei mir geschworen, spricht der HERR, dass dieses Haus zur Einöde werden soll.

Denn so spricht der HERR über das Haus des Königs von Juda: Du bist mir ein Gilead, ein Haupt des Libanon; wenn ich dich nicht zur Wüste machen werde, zu unbewohnten Städten! Und ich werde Verderber gegen dich weihen, einen jeden mit seinen Waffen, und sie werden die Auswahl deiner Zedern umhauen und ins Feuer werfen. Und viele Nationen werden an dieser Stadt vorüberziehen, und einer wird zum anderen sagen: Warum hat der HERR so etwas an dieser großen Stadt getan? Und man wird sagen: Weil sie den Bund des HERRN, ihres Gottes, verlassen und sich vor anderen Göttern niedergebeugt und ihnen gedient haben“ (22,1–9).

Der HERR erinnert hier an die Charakterzüge, die die Könige auf dem Thron Davids auszeichnen sollten. Sie sollten gerecht richten und nicht unterdrücken, sondern im Gegenteil den Unterdrückten, die Witwe und die Waise befreien, indem sie den HERRN fürchten und dabei treu alle Worte seines Gesetzes beachten (5. Mo 17,19). Der HERR hatte David die Verheißung eines beständigen Hauses und eines „in Ewigkeit befestigten Thrones“ gegeben (1. Chr 17,12). Diese Verheißung hat zwei Merkmale: auf der einen Seite ist sie ohne Bedingung und wird sich sicher in Christus, dem wahren Sohn Davids, erfüllen (Lk 1,32); auf der anderen Seite wird jeder Thronfolger entsprechend seines Wandels die Zucht Gottes erfahren (2. Sam 7,14). An diese Warnung wird hier genau in dem Moment erinnert, wo die Untreue dieser Könige das Volk in seinen Ruin führt. Der Fall Jerusalems, der königlichen Stadt, wird in einer Weise geschehen, dass diejenigen, die an ihr vorüberziehen, von Verwunderung ergriffen werden. Es wird öffentlich anerkannt werden, dass sie aufgrund des Ungehorsams und des Götzendienstes ihrer Einwohner zerstört worden ist.

Joahas

„Weint nicht um den Toten, und beklagt ihn nicht; weint vielmehr um den Weggezogenen, denn er wird nicht mehr zurückkehren und das Land seiner Geburt sehen. Denn so spricht der HERR von Schallum, dem Sohn Josias, dem König von Juda, der König wurde an seines Vaters Josia statt und der aus diesem Ort weggezogen ist: Er wird nicht mehr hierher zurückkehren, sondern an dem Ort, wohin sie ihn weggeführt haben, dort wird er sterben, und er wird dieses Land nicht wieder sehen“ (22,10–12).

Erst vor kurzem war Josia gestorben. Seine Regierung war durch eine Rückkehr zu Gott und den damit verbundenen Segen gekennzeichnet, auch wenn diese Erweckung im Blick auf das Volk sehr oberflächlich blieb (Jer 3,10). Ganz Juda und Jerusalem hatten über ihn Leid getragen und Jeremia hatte Klagelieder über ihn geschrieben, die die Sänger und Sängerinnen immer wieder anstimmten (2. Chr 35,25). Aber es ging gar nicht darum über ihn zu trauern: er war ja aufgrund seiner Frömmigkeit vor dem Unglück weggenommen worden (2. Chr 34,18; Jes 57,1).

Das Los Schallums (oder Joahas‘), des Sohnes Josias, war viel trauriger. Aufgrund seines gottlosen Lebens hatte er nur drei Monate regiert, bevor er dann nach Ägypten verschleppt wurde, um nie wieder nach Jerusalem zurückzukehren. Darauf bezieht sich der Ausruf Jeremias: „Weint vielmehr um den Weggezogenen, denn er wird nicht mehr zurückkehren“ (V. 10). Wir weinen aufrichtig angesichts eines Trauerfalls. Sind wir ebenso betrübt im Blick auf eine Person, die sich von Gott in einer Weise abwendet, dass eine Rückkehr ausgeschlossen scheint.

Jojakim

„Wehe dem, der sein Haus mit Ungerechtigkeit baut und seine Obergemächer mit Unrecht, der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt und ihm seinen Lohn nicht gibt; der spricht: Ich will mir ein geräumiges Haus bauen und weite Obergemächer! Und er haut sich Fenster aus und deckt mit Zedern, und er streicht es an mit Zinnober. Bist du ein König, weil du in Zedern wetteiferst? Hat nicht dein Vater gegessen und getrunken und Recht und Gerechtigkeit geübt? Da ging es ihm gut. Er hat dem Elenden und dem Armen zum Recht verholfen; da stand es gut. Heißt das nicht, mich zu erkennen?, spricht der HERR. Denn deine Augen und dein Herz sind auf nichts gerichtet als auf deinen Gewinn und auf das Blut des Unschuldigen, um es zu vergießen, und auf Bedrückung und Gewalttat, um sie zu verüben. Darum, so spricht der HERR von Jojakim, dem Sohn Josias, dem König von Juda: Man wird nicht um ihn klagen: ‚Wehe, mein Bruder!‘, und: ‚Wehe, Schwester!‘ Man wird nicht um ihn klagen: ‚Wehe, Herr!‘, und: ‚Wehe, seine Herrlichkeit!‘ Mit dem Begräbnis eines Esels wird er begraben werden; man wird ihn fortschleifen und wegwerfen, weit weg von den Toren Jerusalems“ (22,13–19).

Gewinn, Bedrückung und Gewalttat haben die Regierung Jojakims, dem Nachfolger Joahas‘, gekennzeichnet, im Gegensatz zu seinem Vater Josia, auf den Jeremia hier eine bewegende Andeutung macht: „Hat nicht dein Vater gegessen und getrunken und Recht und Gerechtigkeit geübt? Da ging es ihm gut“ (V. 15). Auch das angekündigte Gericht ist entehrend: Du wirst „mit dem Begräbnis eines Esels begraben werden“ (V. 19). Jeremia wird später ergänzen: „Sein Leichnam wird hingeworfen sein“ (Jer 36,30). Das Wort berichtet uns nicht die Umstände seines Todes, aber der Vergleich zwischen 2. Könige 24,6 und 2. Chronika 36,6 scheint darauf hinzudeuten, dass er, von Nebukadnezar gebunden, auf dem Weg ins Exil starb.

Jekonja

„Steige auf den Libanon und schreie, und erhebe deine Stimme auf dem Gebirge Basan und schreie vom Abarim her; denn zerschmettert sind alle deine Liebhaber. Ich redete zu dir in deinem Wohlergehen; du sprachst: ‚Ich will nicht hören.‘ Das war dein Weg von deiner Jugend an, dass du auf meine Stimme nicht hörtest. Der Wind wird alle deine Hirten abweiden, und deine Liebhaber werden in die Gefangenschaft gehen. Ja, dann wirst du beschämt und zuschanden werden wegen all deiner Bosheit. Die du auf dem Libanon wohnst und auf den Zedern nistest, wie erbarmungswürdig wirst du sein, wenn Schmerzen dich überkommen, Wehen, wie eine Gebärende!

So wahr ich lebe, spricht der HERR, wenn auch Konja, der Sohn Jojakims, der König von Juda, ein Siegelring wäre an meiner rechten Hand, so würde ich dich doch von dort wegreißen. Und ich werde dich in die Hand derer geben, die nach deinem Leben trachten, und in die Hand derer, vor denen du dich fürchtest, und in die Hand Nebukadrezars, des Königs von Babel, und in die Hand der Chaldäer. Und ich werde dich und deine Mutter, die dich geboren hat, in ein anderes Land schleudern, wo ihr nicht geboren seid; und dort werdet ihr sterben. Und in das Land, wohin sie sich sehnen zurückzukehren, dahin werden sie nicht zurückkehren.

Ist denn dieser Mann Konja ein verachtetes Gefäß, das man zertrümmert, oder ein Gerät, an dem man kein Gefallen hat? Warum werden sie weggeschleudert, er und seine Nachkommen, und in ein Land geworfen, das sie nicht kennen?

O Land, Land, Land, höre das Wort des HERRN! So spricht der HERR: Schreibt diesen Mann auf als kinderlos, als einen Mann, der kein Gelingen hat in seinen Tagen; denn von seinen Nachkommen wird nicht einer gedeihen, der auf dem Thron Davids sitze und fortan über Juda herrsche“ (22,20–30).

Der HERR hatte seine Botschaften an das Volk Juda in der Zeit seines Wohlergehens mehrfach wiederholt, jedoch vergebens. Seit seiner Jugend hatte dieses Volk nicht gehört. Jekonja (oder Jojakin), Sohn des Jojakim, der den Zustand des Volkes widerspiegelt, hatte viele Warnungen missachtet. Als kleiner Junge war er Zeuge des Mordes an seinem Großvater Josia, dann der Gefangennahme seines Onkels Joahas und des Mordes an seinem Vater Jojakim gewesen. Aber diese dramatischen Ereignisse hatten sein Gewissen nicht berührt, weil er tat, was böse ist in den Augen des HERRN. Dieser König war der letzte in der Linie des Messias, der sich auf den Thron Davids setzte. Er nahm einen bevorrechtigten Platz ein; aber selbst wenn er ein kostbarer Gegenstand war – „ein Siegelring an meiner rechten Hand“ (V.24) – riss ihn der HERR von dort weg. Das Königtum sollte nicht wiederhergestellt werden bis zu seiner Aufrichtung in Christus. Jojakim sollte eine Nachkommenschaft haben, die sogar zahlreich sein würde (1. Chr 3,1724; Mt 1,12). Aber keiner seiner Nachkommen sollte auf dem Thron Davids sitzen. Einer von ihnen, Serubbabel, wird Statthalter des nach Jerusalem zurückgekehrten Überrestes sein (Esra 1,8; Hag 1,1; Mt 1,12), aber in einer Stellung der Abhängigkeit von dem König von Persien.

Die Mutter Jekonjas wird im Gericht mit ihm verbunden: „Und ich werde dich und deine Mutter, die dich geboren hat, in ein anderes Land schleudern“ (V. 26; 2. Kön 24,12). Diese Erwähnung betont sicherlich den schlechten Einfluss, den die Mutter Jekonjas auf ihn gehabt hatte, wie auch Attalja auf ihren Sohn Ahasja: „Seine Mutter war seine Ratgeberin zum gottlosen Handeln“ (2. Chr 22,3). Der Name der Mutter der Könige von Juda wird häufig in den Büchern der Könige und der Chronika erwähnt. Wir bezweifeln nicht, dass Abija, die Mutter Hiskias und Jedida, die Mutter Josias, einen guten Einfluss auf ihre Söhne gehabt haben, indem sie sie in der Furcht Gottes erzogen, während ihre Ehemänner Götzendiener waren. Die Erwähnung ihres Namens ist eine Ermunterung für christliche Mütter, ihre Kinder im Wort Gottes zu unterrichten.

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